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Schlagwort: Alter

Atul Gawande: Sterblich sein

Atul Gawande: Sterblich sein

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Wie werden wir am Lebensende leben?

Dieser Frage ist Atul Gawande nachgegangen. Er ist Arzt und Amerikaner von indischer Herkunft und berichtet über seine Erfahrungen in den USA. Sie sind mit den Entwicklungen anderer zivilisierter Länder vergleichbar.

In verschiedenen Kapiteln handelt er den Status des Lebensendes ab und zieht u.a. den Vergleich zwischen früher und heute.

Gawande zeigt auf, dass mit dem demographischen Wandel neu einzurichtende Versicherungssysteme erforderlich wurden. Verlängerte Lebenszeit, die Möglichkeiten moderner Medizin und Mobilität in der heutigen Arbeitswelt sind Bedingungen, die den Zusammenhalt unter den Familien verändert haben. Damit einher ging die Verlagerung der Fürsorge aus dem früher mehr dem Familienverband überlassenen Aufgaben der Altenfürsorge an die so genannte öffentliche Hand. Die ersten Betreuungs – und Pflegeeinrichtungen wurden in Amerika durch engagierte Ärzte und betroffene Familienmitglieder gegründet. Sie endeten häufig im Desaster zwischen sicherer Versorgung, straff organisiertem Tagesablauf und Vereinsamung.

Gawande stellt fest, dass es einen Perspektivwechsel zwischen jungen und sehr alten Menschen gibt: hier wird vermehrt nach einer nach außen gerichteten Aktivität und Lebensgestaltung gesucht; im Alter hingegen wird der Rückzug in die Familie und zu den Kindern und alten Freunden angepeilt, und es herrscht eine allgemeine Abneigung gegen alles Neue.

Aus der Geriatrie (Altersheilkunde) führt der Autor Beispiele an, die uns zeigen, wie anders die Gesundheitsfürsorge für alte Menschen gegenüber jungen Menschen aussehen müsse. Altersmalaisen können vielerlei Ursachen haben, die nichts mit den Symptomen kranker Menschen in der Mitte des Lebens zu tun haben.

Atul Gawande zitiert Philip Roth mit seinem Satz aus dem Buch „Jedermann“, dass das Alter ein Massaker sei. Wie wahr! Er führt aus, dass im letzten Ende das Alter von einer ununterbrochenen Folge von Verlusten gekennzeichnet ist. Verlust von Angehörigen, Freunden, körperlichen Fähigkeiten und nicht zuletzt der eigenen Unabhängigkeit. Mit der häufig am Lebensende zu beobachtenden Versorgung im Heim geht die selbständige Gestaltung des Lebens und Handelns endgültig verloren. Fremdbestimmung und Verlust der Autonomie sind die bitteren Begleiterscheinungen um das Wissen darum, dass wir alle sterblich sind.

Neben den allgemeinen Fakten und Berichten erlebt man in Atul Gawande eine sehr Anteil nehmende Persönlichkeit. Er hat sich mit Patienten aber auch mit dem Sterben und Ende seines Vaters intensiv und liebevoll auseinandergesetzt.

Sein Buch ist ein Appell an die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft für ein Miteinander, dass dem alten Menschen die Würde lässt und den Tod respektiert. Doch auch jeder einzelne von uns ist aufgerufen, sich der eigenen Sterblichkeit zu stellen und die Verleugnung des Todes zu beenden.

Im Anhang findet man eine Reihe von Anmerkungen zu diesem außergewöhnlichen Buch.

Atul Gawande

Sterblich sein
336 Seiten, gebunden
FISCHER, September 2015
ISBN-10: 3100024419
ISBN-13: 978-3100024411
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Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

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Verstrahltes Dorf – und was nun?

Tschernobyl ist der Ort des Schreckens, an dem diese Erzählung ihren Platz hat. Das Atomkraftwerk in Tschernobyl war 1986 außer Kontrolle geraten, und die ganze Gegend, Fauna und Flora mit allen Lebenden war von der Verstrahlung durch Radioaktivität betroffen.

Jeder weiß, wie dramatisch die Gefahr für die Menschen dort und auch in weiter Ferne noch war, durch radioaktive Strahlen vergiftet zu werden. Baba Dunja ist nach einiger Zeit in das Dorf, das ihr Heimat bedeutet, zurückgekehrt. Ihre Kinder sind erwachsen und weit fort. Sie ist niemandem Rechenschaft schuldig, wenn ihre Tochter auch nicht einverstanden ist, dass sie sich in diese Gefahrenzone begibt.

In knappen Worten und mit einem naiven Blick erzählt Alina Bronsky vom Leben in dem fast toten Dorf. Man bekommt einen lebhaften Eindruck davon, wie es sich ohne eine geordnete Verwaltung und damit einem gesicherten Leben dort wohnen lässt. Elektrizität, Wasser und Nahrungsmittel gibt es nur begrenzt. Die Heizung im Winter bleibt kalt.

Für größere Einkäufe, die Post und Rentenbescheide muss man sich in die nächste größere Stadt begeben. Es gibt aber durchaus noch Mitbewohner, die nach Tschernobyl zurückgekehrt sind. Dunja ist nicht alleine. Fast alle sind schon sehr alt! Die ungewöhnliche Alterspopulation macht das kleine Werk so einnehmend. Wo erfährt man schon, wie alte Menschen lieben, leben und hassen?

Die zarten Bande, die wenige Einwohner gelegentlich für einander empfinden, sind von einer besonderen Herzlichkeit. Ohne Humor und Witz läuft fast gar nichts!

In der Geschichte passiert nicht viel. Doch nimmt man die Stille wahr, die über allem liegt.

Alina Bronsky erzählt ruhig und mit trockenem Humor, wie es sich so weit entfernt von jeder uns vorstellbaren Zivilisation leben lässt. Allerdings ereignen sich auch sonderbare Dinge, die auf die russische Seele und die barbarischen Verhältnisse in Russlands Rechtssystem schließen lassen.

Man hält an Traditionen fest, ist sich zugetan oder mag sich nicht. Erzählt wird über russische Lebensart, über die Menschen in dem großen Land und den stoischen Gleichmut, mit der jeder/jede ihr Schicksal hinnimmt, so wie es gerade kommt.

Alina Bronsky
Baba Dunjas letzte Liebe
160 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2015
ISBN-10: 3462048023
ISBN-13: 978-3462048025
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Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

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Vom Glück des einfachen Lebens…

Drei alte Männer haben sich hoch oben in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen. Sie leben dort unter denkbar einfachsten Bedingungen mit wenig Komfort, doch sie scheinen glücklich zu sein.

Eine ungenannte Fotografin sucht den Weg zu ihnen, weil sie sich für die großen Brände interessiert, die im Jahr 1916 in dieser Gegend weite Teile der Wälder und mit ihnen Dörfer, Städte und Menschen vernichtet haben.

Eigentlich sucht sie Boychuck, Ted, Ed oder Edward mit Vornamen.

Doch der ist kürzlich verstorben.

Hier in der Wildnis fühlt man sich wie am Ende der Welt. Die Fotografin ist zunehmend fasziniert von dieser endlosen Stille, dem Einsiedlerleben und den Erzählungen der sehr alten Männer.

Steve und Bruno versorgen die Alten mit dem, was man im Wald nicht finden kann. Als die Tante von Bruno, Marie-Desneiges, 81 jährig, zu ihnen stößt, wird die Geschichte zunehmend spannend. Was haben diese Menschen alles erlebt, wovon sie zu erzählen wissen! Dabei bleibt die Erzählung unaufdringlich und diskret.

Mit einnehmende Worten, poetischen Bildern und nachfühlbarem Erleben nimmt uns die Autorin mit auf eine Reise, von der wir nicht wissen, wohin sie uns führen wird. Es ist ein stiller und ruhiger Erzählstrom, der keine Hektik oder unerträgliche Erwartungshaltung auslöst. Man überlässt sich der Führung der Erzählung und den Geschichten, um die sich das Geschehen rankt.

Spannend ist ein jedes Schicksal, von dem hier die Rede sein wird. Man lernt zuhören und genau hinzuschauen. Die wunderbare, klare und kräftigende Natur bietet den Rahmen, in dem man die alten Männer trifft. Marie-Desneiges mit ihrem seltenen Schicksal macht die Gruppe komplett. Sie hatte es besonders schwer im Leben und schließt sich nur schwer an. Dass ihr hier nochmals ein spätes Glück beschieden sein würde, hat sie nicht geahnt. Es ist eine delikate und von hinreißender Zartheit gezeichnete Liebesgeschichte.

Die Erzählung handelt von Alter und Einsiedelei, von spätem Glück und Vergänglichkeit, von Freundschaft, Treue und Verlässlichkeit. Einfach herrlich!

Jocelyne Saucier lebt in Kanada. Dieser Roman ist ihr erster, der auf Deutsch erschienen ist. Man sollte sich ihren Namen merken.

Jocelyne Saucier
Ein Leben mehr
192 Seiten, gebunden
Insel Verlag, August 2015
ISBN-10: 3458176527
ISBN-13: 978-3458176527
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Brooke Davis: Noch so eine Tatsache über die Welt

Brooke Davis: Noch so eine Tatsache über die Welt

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Millie Bird ist gerade mal sieben Jahre alt, als ihr Vater stirbt. Ihre Mutter wird damit nicht fertig und lässt Millie eines Tages einfach im Kaufhaus allein. Das Mädchen wartet. Irgendwann muss die Mutter ja wiederkommen. Sie begegnet Karl, einen alten Mann, der auch einen Verlust erlitten hat. Seine Frau ist verstorben. Im Altersheim, in das sein Sohn ihn gebracht hat, will er nicht bleiben. So streift er umher. Das Kaufhaus ist sein neues Zuhause geworden. Er wird zu einer Bezugsperson für Millie.
Auch Agatha interessiert sich bald für das Mädchen. Sie beobachtet das Haus, in dem Millie mit ihren Eltern gelebt hat und das jetzt unverständlicherweise leer ist, obwohl niemand ausgezogen ist. Sie bemerkt bei ihren Beobachtungen, dass Millie allein ist. Erfährt von ihr, dass ihre Mutter weggefahren ist, denn im Haus hat das Mädchen einen Reiseplan gefunden. Auch Agatha ist allein, seit ihr Mann gestorben ist.
Karl und Agatha brechen aus ihrer Einsamkeit aus, um Millie zu helfen und ihre Mutter zu suchen.

Keiner der drei Protagonisten hat einen Platz im Leben. Das macht die Autorin deutlich. Verlust und Trauer lähmen. Das Alter setzt Agatha und Karl gehörig zu. Beide warten einfach ab. Aber so einfach stielt man sich nicht aus dem Leben. Als sie Millie begegnen, beginnen sie wieder Verantwortungsbewusstsein zu empfinden. Wer sonst soll sich um das kleine Mädchen kümmern? Taten folgen. Und so ist das Leben plötzlich wieder spannend. Es wird viel von den beiden Erwachsenen gefordert, die sich zurück ins Leben wagen. Die Autorin beschreibt dies sehr einfühlsam und nicht ohne Humor. Es ist immer die Frage, wie man scheinbar ausweglosen Situationen begegnet. Und ist man nicht mehr allein, wird es leichter. Doch Karl und Agatha tun sich schwer, Nähe zuzulassen. Es ist ein Prozess, den die Autorin immer weiter entwickelt. Das Buch geht zu Herzen, auch wenn es Situationen gibt, die der Leser sicher erst nachvollziehen kann, wenn er selbst ein gewisses Alter hat.

Rezension von Heike Rau

Brooke Davis
Noch so eine Tatsache über die Welt
280 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3956140532
ISBN-13: 978-3956140532
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Stewart O’Nan: Die Chance

Stewart O’Nan: Die Chance

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Ehe auf Abwegen…

Unheilschwanger beginnt die Geschichte von Marion und Art Fowler.

Sie sind auf dem Weg zu den Niagarafällen in Wiederholung ihrer Hochzeitsreise vor dreißig Jahren. Bald schon merkt man, dass es um ihre Ehe nicht gut steht. Sie sind pleite und wollen sich einen letzten glücklichen Ausflug zusammen gönnen.

Unbeholfen versucht Art, um seine Frau zu werben, denn er war ihr nicht immer treu – sie auch ihm nicht, wie wir bald hören werden. Das hat Blessuren hinterlassen.

Dieser Abend in einem angesehenen Hotel verspricht wie die Ehe zur Pleite zu werden. Ihr letztes Geld wollen sie auf der Suche nach dem Glück verspielen. Wie wird das Abenteuer ausgehen?

Die Spannung zwischen den Eheleuten ist zum Greifen nahe. Beide haben ihre Verfassung nach dreißig Jahren Ehe satt. Wie ein unsichtbares Band zieht es sie von einander weg und wieder zusammen. Sie feiern, trinken, ergötzen sich am Schauspiel der Niagarafälle und erleben ihre Nähe und Distanz mit wehmütigen und kritischen Blicken. Kann Ehe so enden?

O’Nan ist einer dieser wunderbaren amerikanischen Erzähler, der seinen Figuren auf unnachahmlich Weise Leben einhaucht, so dass man sich mitten in ihrer Wirklichkeit als Teilnehmer fühlt.

Ohne Pause sieht man sich dem Sog der Geschichte verfallen, in der es um verlorenes und neu zu entdeckendes Glück, um Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft geht. Unauffällig führt uns Stewart O’Nan hinein in das Seelenleben seiner Figuren. Sie sehen sich ihren schwankenden Gefühlen ausgesetzt. Ihr Verhältnis wirkt zerbrechlich und nur noch von dünnen Stricken gehalten. Ob sie einen Neubeginn schaffen werden?

Der Leser kann sich ganz dem Paar widmen, da andere Figuren nur sehr am Rande mitwirken. Es ist ein Zwiegespräch mit unterschiedlichem Tenor. Tiefenscharf und einnehmend zeigt uns der Autor die innere Blöße und die Skrupel der beiden, die außerdem den eigenen Fantasien ausgeliefert sind.

O’Nan ist ein angesehener Autor. Seine Themen umkreisen das Innere seiner Figuren und liefern lebensnahe Eindrücke. Das gibt seinen Geschichten Glaubwürdigkeit und lässt einen tief eintauchen in das Geschehen. Sehr lesenswert!

Stewart O’Nan
Die Chance
224 Seiten, gebunden
Rowohlt, Juli 2014
ISBN-10: 3498050427
ISBN-13: 978-3498050429
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Peter May: Beim Leben meines Bruders

Peter May: Beim Leben meines Bruders

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Dass der Leichenfund im Torfmoor von Lewis nichts für die Archäologen ist, findet Professor Colin Mulgrew schnell heraus, trägt dieser doch ein Elvis-Tatoo. Auch wie der junge Mann gestorben ist, hat der Pathologe bald rekonstruiert. Es war Mord. Detective Sergeant George Gunn ist vom Ergebnis der DNA-Analyse überrascht. Es beweist, dass ein Ortsansässiger verwandt ist mit dem Toten.

Fin Macleod ist nach seiner Scheidung zurückgekehrt auf die Insel. Aus dem Polizeidienst ist er ausgeschieden. Es kommt zu einem Wiedersehen mit Marsaili, seiner Jugendliebe, die statt ihn damals einen anderen geheiratet hat. Ihr Sohn Fionnlagh, der wie sich herausgestellt hat, auch sein Sohn ist, ist gerade Papa geworden. Viel zu jung und ohne abgeschlossene Schulausbildung ist er dem Vater Donnas allerdings ein Dorn im Auge. In diesen Konflikt mischt sich Fin ein.

Tormod Macdonalds Verwandschaftsverhältnis zu dem Toten aus dem Moor wird sich nur schwer aufklären lassen. Marsailis Vater leidet an Demenz. Doch weil er als Mordverdächtiger gilt, wollen George Gunn und Fin Macleod versuchen herauszufinden, was Ende der 50er Jahre geschah. Der alte Mann kann sich an lange zurückliegende Ereignisse noch gut erinnern. Doch was er ab und an sagt, was ihm in den Sinn kommt, klingt diffus. Denn niemand weiß, dass er einen Bruder hatte, mit dem er nach dem Tod der Mutter in ein Waisenhaus kam.

Es ist eine überaus tragische Geschichte, die hier erzählt wird. Der alte Mann, der für Aufklärung sorgen könnte, kann es nicht mehr, auch wenn er aufgrund seiner Demenz in der Vergangenheit lebt. Niemand ahnt, dass seine Identität gestohlen ist, weil es sein musste, weil es keinen anderen Ausweg gab.

Dennoch wird nach und nach der alte Mordfall aufgerollt. Das ist insbesondere Fin Macleod, der die Krankheit kennt und es versteht, besser hinzuhören als andere. So kommt er der Wahrheit immer näher. Einer gefährlichen Wahrheit, das ahnt er bald. Und auch für den Leser wird diese unterschwellige Gefahr spürbar gemacht. Fin Macleod ist ein sensibler Ermittler, er vorverurteilt nicht und das beeindruckt sehr. Der Fall um Familienbande, um Rache und wieder Rache scheint kein Ende nehmen zu wollen. Die Spannung steigt ins Unermessliche und wird von Emotionen und Schicksalhaftem getragen in eine ungewisse Zukunft.

Rezension von Heike Rau

Peter May
Beim Leben meines Bruders
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
336 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552056718
ISBN-13: 978-3552056718
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Alan Bennett: Leben wie andere Leute

Alan Bennett: Leben wie andere Leute

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Liebevolle Hommage an die eigenen Eltern!

Alan Bennett ist aus seinen zahlreichen kleinen Erzählungen, die im Verlag Wagenbach erschienen sind, einer breiteren Leserschaft bekannt.

In dieser hübschen Geschichte geht es ganz offensichtlich um die eigenen Eltern, denen er seine nüchternen und doch sehr herzlichen Erinnerungen widmet.

Leben wie andere Leute!

Das ist der Wunsch der um bürgerliche Lebensart bemühten Eltern, mit denen uns Alan Bennett konfrontiert!

„Smalltak, Buddhismus und Würstchenspieße….“ so stellt sich dieses liebe Paar das Leben auf den Cocktailparties vor, die sie nie erlebten und wohl kaum gemocht hätten. Auch Alkohol gehörte ja nicht zu ihren bevorzugten Gelüsten.

Vater und Mutter von Alan Bennett waren rechtschaffene Leute, fleißig, ein wenig spießig und sehr angepasst an das sie umgebende bürgerliche Leben. Leider litt die Mutter schon lange an sporadisch auftretenden Depressionen. Rührend und anhänglich besucht der Vater die kranke Mutter bei ihren diversen Krankenhausaufenthalten.

Alan Bennett beobachtet das Leben der Eheleute mit leicht belustigten und doch sehr liebevollen Blicken. Im Leben der beiden  ging es um die „Nachbarn“ und das, was sie denken mögen, um familiäre Rituale und vielerlei Alltagskleinigkeiten, die den Blick schärfen auf ein Leben ohne großen Ruhm oder Abgehobenseins.

Der Autor zeigt klaren Abstand zum eigenen Leben. Es geht ihm nicht um die eigene Person, wie in so vielen Lebenserinnerungen anderer Schriftsteller. Es geht einzig und allein um die Beobachtung von Menschen, die dem eigenen Anspruch genügen wollen und sich immer fleißig um Ordnung und

Aufrichtigkeit bemühen. Auch die Traurigkeit eines beschränkten und in den letzten Jahren mit Krankheit und Demenz geschlagenen Paares bleibt nicht ausgespart. Bennett bedauert deren mühseligen Alltag im hohen Alter. Er bleibt der Sohn, der hilft, wo er kann, der jedoch sein eigenes Leben dabei nicht aus den Augen verliert. Am Ende ist eine ganze Familienchronik entstanden mit allen ihren skurrilen, selbstsüchtigen, neugierigen und seltsamen Familienmitgliedern.

Als Schriftsteller und Dramaturg bekannt zeigt der Autor mit seinen geübten Blicken, wie humorvoll er die Dinge betrachtet. Ironisch und heiter, mit Vergnügen und Witz erzählt er vom Leben seiner Eltern. Er  behält die nötige Distanz, die ihm die neutrale Sicht der Dinge gestattet.

Auf dem Deckblatt sieht man den Autor mit seinem Schwein am Halsband herumspazieren. Er führt uns vor Augen, wie er selbst durchs Leben geht: mit Selbstironie und Heiterkeit! Sein Büchlein ist Herz erwärmend, denn alle Ironie täuscht nicht darüber hinweg, dass es Lebensläufe gibt, die bescheiden, liebenswert und schlicht sind, und über die man sprechen kann, ohne die menschliche Würde zu verletzen.

Alan Bennett
Leben wie andere Leute
168 Seiten, broschiert
Verlag Klaus Wagenbach, März 2014
ISBN-10: 3803113008
ISBN-13: 978-3803113009
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André Aleman: Wenn das Gehirn älter wird

André Aleman: Wenn das Gehirn älter wird

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Der holländische Neuropsychologe André Aleman hat in einem sachlichen und informativen Buch die Vorgänge beschrieben, die Einflüsse auf die Entwicklung unseres Gehirns im Laufe eines langen Lebens nehmen.

Das alltägliche Wissen vom „jungen“ Gehirn das sich zum alten Gehirn verändert, liegt auf der Hand. In seinen Abhandlungen bespricht Aleman die Stadien des Langzeit-, Kurzzeit- und Arbeitgedächtnisses und, sehr wichtig, die Veränderungen in den kognitiven Fähigkeiten. Testverfahren und Bilder veranschaulichen die verschiedenen Stadien der Gehirnentwicklung. Neu für den Leser mag sein, dass sich das alte Gehirn vom jungen dahingehend unterscheidet, dass es auch Vorteile gibt, die das alte Gehirn auszeichnen.

Wenn sich nicht gerade die Alzheimerkrankheit ins Gehirn einschleicht, kann das Alter mit dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses durchaus gleichwertige andere Möglichkeiten entwickeln. Gereifte Emotionen, lebenslange Erfahrungen, soziale Kompetenz und Training vermögen den alten Menschen mit dem Zugewinn an Freiheit beglücken.

Alemans Empfehlungen für den Erhalt zahlreicher Kompetenzen sind ernst zu nehmen; sie zeigen, dass das berühmte Schlagwort „wer rastet der rostet“ immerwährend gültig ist.

Zum Abschluss seiner Ausführungen, die z.T. recht fachwissenschaftlich sind, werden noch einmal die Verhaltensweisen aufgezeigt, die dem Verfall der Hirnzellen entgegen wirken könnten: dazu gehören Bewegung, gesunde Ernährung, geistige Aktivität, soziale Kontakte, Spiritualität, Religion und die Liebe.

Für mich haben die letzteren Aussagen einen leicht moralisierenden Charakter. Als könnten wir dem Altern und Tod entgegen wirken, und als wäre derjenige, der diesen Ratschlägen nicht folgt, selber schuld an einem frühzeitigen Verfall und Ende. So aber ist es nicht. Eine Vielzahl von negativen Krankheits- und Altersmerkmalen sind unabänderlich, und es gilt, mit diesen Einschränkungen zu leben und zu sterben.

Dennoch ist dieses Buch ein weiteres Mosaiksteinchen unter den zum Thema veröffentlichten Abhandlungen, das zu Erklärungen über das physische und mentale Altwerden beiträgt.

André Aleman
Wenn das Gehirn älter wird
240 Seiten, gebunden
C.H.Beck, 2. Auflage, Dezember 2013
ISBN-10: 3406653251
ISBN-13: 978-3406653254
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John Cheever: Ach, dieses Paradies

John Cheever: Ach, dieses Paradies

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Landschaftsidylle und Zivilisationsschäden.

Beginnend mit der poetischen Landschaftsbeschreibung eines kleinen Städtchens im Osten der USA erscheint uns dieses wie ein idyllisches Plätzchen Erde, wo es sich gut leben lässt. Die Stadt heißt „Janice“ nach der ersten Frau des Fabrikbesitzers im Ort und liegt im US amerikanischen Staat Connecticut.
Der Held in unserer Geschichte ist Lemuel Sears. Er ist ein alter Mann, ehemaliger Geschäftsreisender und passionierter Schlittschuhläufer. In diesem Winter ist der Teich Beasley’s Pond in Connecticut einmal zugefroren, und er kann geruhsam darauf seine Runden drehen.
Die äußerliche Idylle findet ausführlich Erwähnung und regt die Fantasie an, sich die Künstler des 19. Jahrhunderts hier malend vorzustellen. Ein Ausflug in die Welt holländischer Malerei wie Brueghel u.a. mit ihren Schlittschuhszenen komplettiert die Außenansicht dieser landschaftlich so schönen Gegend.
Als Sears nach einer Woche erneut zu einem Schlittschuhausflug startet, macht er die erschreckende Erfahrung, dass der Teich als Müllkippe benutzt wird.
Hier deutet sich zum ersten Mal an, dass Sears ein ausgewiesener Naturschutzfan ist.

John Cheever veranschaulicht auf eindrückliche Weise in seinem Roman eine Gegenüberstellung der einladenden Natur mit ihrer Schönheit im Kontrast zur schmutzigen Zivilisation mit ihren Auswüchsen aller Art. Dazu gehören auch die technischen Neuerungen auf dem IT Markt, die manches einfacher und leichter machen, den Menschen aber innerlich verarmen und vereinsamen lassen.
Auch Lemuel Sears leidet an Einsamkeit und macht sich Gedanken über die Liebe und ihre Annehmlichkeiten, die er nun wohl bald vermissen würde.
Doch kleine Affären und erheiternde Begegnungen machen ihn nicht schwankend bei seinen Bemühungen, der Umweltverschmutzung den Kampf anzusagen. In hinreißenden Bildern erlebt man seine letzten Liebeserfahrungen, die bei aller Leidenschaft von Melancholie und Vergänglichkeit gezeichnet sind.
Schwermut, Ironie und Sarkasmus färben die Erzählung, die einem Abriss von Erinnerungen gleicht. Der Held Lemuel Sears verdeutlicht mit seinen Erlebnissen einmal mehr, wie die Vorzeit mit ihren Naturschönheiten unsere Gegenwart überstrahlt, und dass es einiges zu bewahren gilt. Schön und luftig geschrieben bietet uns die Geschichte einen Abriss über das, was man leicht übersehen könnte: dass aller Fortschritt auch Verlust von den Paradiesen der Vergangenheit mit sich bringen kann!

Der 1912 geborene und 1982 verstorbene Autor John Cheever ist lange unentdeckt bei uns geblieben. Der Dumont Buchverlag hat ihn in unser Bewusstsein gerückt und in der Übersetzung von Thomas Gunkel diesen letzten Roman von John Cheever neu herausgebracht. Man kann ihn getrost als eine Perle im Reich der amerikanischen Erzähler betrachten.

John Cheever
Ach, dieses Paradies
127 Seiten, gebunden
Dumont Buchverlag, Oktober 2013
ISBN-10: 3832196919
ISBN-13: 978-3832196912
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J.-K. Huysmans: Monsieur Bougran in Pension

J.-K. Huysmans: Monsieur Bougran in Pension

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Literarisches Kleinod aus dem Haus der Friedenauer Presse.

Die vorliegende delikate kurze Novelle von J.-K. Huysmans ist von bezaubernder Einfachheit in ihrer Darstellung der Welt eines kleinen untergeordneten Büroangestellten. Er lebt und arbeitet in Paris zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Im Fokus steht der unbedeutende Angestellte  Monsieur Bougran. Ihm wird die Frühverrentung angetragen, und sein geordnetes Leben gerät aus dem Gleis. Die Arbeit hat dem allein lebenden skurrilen Kleinbürger Sinn und Lebensfreude beschert. Soll das alles nun vorbei sein? Monsieur Bougran kann es nicht fassen, dass er seinen Arbeitplatz räumen muss. Ist er doch erst 50 Jahre alt und hat sein Leben ganz der Arbeit gewidmet. Wie soll er die Tage verbringen? Wie dem Tag noch etwas Gutes abgewinnen? Er fügt sich, und man erlebt einen geknechteten Charakter, den diese schmerzliche Erfahrung umtreibt.

Mit fein ziselierten Beobachtungen beschreibt der Autor die Atmosphäre und das Interieur des Büros, in dem Bougran die Entlassung von seinem Büroleiter verkündet wird. Die Teppiche, der Schreibtisch und der Bücherschrank mit den Gesetzestexten werden detailgenaue gewürdigt.

Huysmans zeigt in dieser kurzen Schrift sein ganzes Können eines Schriftstellers von Rang. Die Gedanken, das Ambiente und die Wege, die Bougran am Tage geht, sind äußerst penible beschrieben, so wie der ganze Mann von einer Aura aus Gewissenhaftigkeit und Fleiß umgeben ist, die plötzlich zerbricht.

Monsieur Bougran gestaltet den Alltag neu und verfällt darauf, zu Hause sein Büro nachzubauen und einen Laufburschen einzustellen. Er versucht beharrlich, sein altes Leben beizubehalten.

Es geht hier also auch um eine ungewöhnliche Sozialstudie, die von makaberen Zügen begleitet ist.

„In der Auflehnung von Monsieur Bougran gegen die Regeln des Öffentlichen Dienstes, die Heimsuchungen des Alters und die unwiederbringlich vergehende Zeit manifestiert sich ein wahrhaft heroischer Widerstand.“

In dieser Form birgt der Text eine Menge kostbarer Details, die das Lesen zu einem Genuss werden lässt.

Huysmans war selbst Beamter. Er hat den vorliegenden Text als Auftragsarbeit geschrieben. In dieser Form wurde die Arbeit vom Auftraggeber abgelehnt. Erst 1964 gewann der 1888 verfasste Text die Aufmerksamkeit eines Verlegers.

Heute nun haben uns die Mitarbeiter der Friedenauer Presse wieder einmal eines ihrer Kleinodien präsentiert, mit denen sie immer wieder Aufmerksamkeit erregen.

In der Aufmachung und dem Inhalt nach eignet sich das fast an eine Broschüre gemahnende kleine Büchlein als edles Geschenk zu passenden Gelegenheiten.

J.-K. Huysmans
Monsieur Bougran in Pension
32 Seiten, broschiert
Friedenauer Presse, Oktober 2012
ISBN-10: 3932109724
ISBN-13: 978-3932109720
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