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Schlagwort: Moral

Marlies Ferber: Wohin die Reise geht

Marlies Ferber: Wohin die Reise geht

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Jakob, einst Kaffeefabrikant, kann die Bitte seines Sohnes nicht abschlagen. Er sagt zu, die eine Million Schwarzgeld bei einer Schweizer Bank einzuzahlen, um die finanzielle Sicherheit der Familie und vor allem seiner Enkelkinder zu gewährleisten. Die Unternehmung soll als Kurzurlaub getarnt werden. Als sein Chorfreund Matthias mit auf Reisen gehen möchte und dafür seinen Wohnwagen anbietet, kann er wieder nicht Nein sagen. Das Geld erwähnt er allerdings nicht. Matthias ist schließlich Polizist und hätte sicher kein Verständnis. Sein Hund Eddie, der früher Polizeihund war, aber nun an einem Knalltrauma leidet, kommt ebenfalls mit.

Bei einer Pause auf einer Raststätte lernt Jakob Tilda kennen. Sie wirkt verwirrt und weiß nicht, wie sie hier her gekommen ist. Sie erinnert ihn an seine verstorbene Frau, die ebenfalls dement gewesen ist. Zum Glück kennt Tilda ihre Adresse. Doch auch die junge Alex weckt sein Mitgefühl. Sie schildert ihre ausweglose Situation sehr glaubhaft. Er könnte ihr Großvater sein und deshalb möchte er ihr helfen, den Reisebus, der ohne sie abgefahren ist, noch zu erwischen. Matthias ist skeptisch. Also Polizist lässt er sich nicht so einfach von Geschichten beeindrucken. Doch nun sitzen die beiden Frauen mit im Auto. Und kurze Zeit später ist das Geld weg.

Marlies Ferber bringt in diesem Buch vier Menschen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Jakob hat sich von seinem Sohn zu einer Straftat überreden lassen und Matthias verschweigt gesundheitliche Probleme. Tilda, die einst Opernsängerin war, ist zu gutgläubig, und Alex ist, was sie nie zugeben würde, auf die schiefe Bahn geraten und auf der Flucht.

Anfangs ist die Reise einfach nur witzig und unterhaltsam. Doch die Probleme lassen sich nicht ewig überspielen. Und so gibt es irgendwann einen Wendepunkt in der Geschichte und es wird ein richtig spannender Krimi draus. Es geht um Mord, um Betrug, um Lügen und um falsch verstandenes Pflichtgefühl. Es gibt vieles, das aufgearbeitet werden muss. Aber so einfach ist das eben nicht. Menschen machen Fehler, handeln kopflos. Die Lage spitzt sich zu und wird richtig beängstigend.

Die Autorin versucht mit ihrem Buch zu zeigen, dass Mitgefühl und Verständnis Probleme lösen kann, so ausweglos die Situation auch scheinen mag. Es ist eine schöne Vorstellung.

Rezension von Heike Rau

Marlies Ferber
Wohin die Reise geht
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2021
288 Seiten, Klappenbroschur
ISBN-10 : 3423262672
ISBN-13 : 978-3423262675
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Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

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Annie Ernaux bedient sich wie in ihrem ersten biographischen Roman „Die Jahre“ einer Verfremdung ihrer Person, die sie als „Das Mädchen“ betitelt. Von ihr und ihrem Erwachsenwerden handelt auch diese biographische Abhandlung.

Es ist der Sommer 1958. Das Mädchen ist 18 Jahre alt. Sie lebt mit ihren Eltern in der französischen Provinz. Die Eltern sind nach Herkunft und Gemüt einfach und haben alles für ihre begabte Tochter getan. Wie so viele junge Leute verbringt diese den Sommer mit einem Job als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Bisher in einem streng katholischen Mädchenpensionat untergebracht naht für sie ungeahnte Freiheit und Ungebundenheit.

Die Freude sollte nicht lange dauern. Unbeholfen und unerfahren fällt sie dem Chefbetreuer schon nach wenigen Tagen als Sexobjekt zum Opfer. Er verbringt eine brutale Sexnacht mit ihr und lässt sie gleich darauf fallen. Erschüttert fängt sie wahllos immer neue Männerbeziehungen an.

Zerquält und entwürdigend sind die Tage und Wochen nach dem Ereignis. Die anderen Betreuer und Betreuerinnen machen sich über sie lustig, und sie wird verfemt. Ihr ganzes Sinnen und Trachten ist auf diesen ersten Liebhaber gerichtet. Sie sehnt sich nach ihm, der sie gedemütigt und in eine ihr unerklärliche Abhängigkeit getrieben hat.

Das Trauma dieser Nacht durchzieht ihr weiteres Leben und lässt sie nicht mehr los. Jahrelang steht das Jahr 1958 in ihrem Tagebuch. Sie kann nicht und will doch darüber berichten. Jetzt erst, 55 Jahre später, gelingt es ihr.

Die Erzählung durchzieht ein Schmerz, der nie vergeht. Das Mädchen war vollkommen unschuldig und ist in etwas hineingeraten, das ihren Willen gelähmt und ihre Selbstachtung zerstört hat. Mit unübertroffener Genauigkeit und zähem Durchhaltewillen scheint die Erzählerin den Spuren ihrer frühen Jahre nachzuforschen. Es war die Zeit, in der die allgemeine bürgerliche Moral spröde Abstinenz und Enthaltsamkeit forderte und freie Liebe verpönt und doch heimlich ersehnt war. Wer gegen die gesellschaftlichen Regeln verstieß, verlor seine Selbstachtung und fühlte sich schuldig. Mit feinem und sensiblen Gespür für die Scham, die den Zeitgeist spiegelt, geht Annie Ernaux ihren Erinnerungen nach so vielen Jahren nach.

Es folgen Irrwege und die Suche nach dem richtigen Beruf. Die Autorin begegnet schließlich den Schriften von Simone de Beauvoir, die sie nachdenklich und aufmerksam machen. Der Stil der Erzählung wandelt sich mit fortlaufender Entwicklung. Die Protagonistin in der Erzählung wechselt immer häufiger zum „Ich“. Entsprechend nimmt die Identitätsfindung Form an und dem Philosophiestudium steht nichts mehr im Wege.

Die schonungslose Offenheit dieser eigenen Entwicklungsstudie ist bemerkenswert.

Hier zeigt eine Schriftstellerin ihren Werdegang mit rückhaltloser Selbstentblößung.

Letztendlich geht es um den Wandel moralischer Verhaltensweisen über die letzten fünfzig Jahre und den Schaden, den starre Tabus anrichten können. Die hohe Reflexionsgabe beeindruckt den Leser und lässt an Erkenntnissen über den Wandel der Zeiten keine Fragen offen.

Annie Ernaux
Erinnerung eines Mädchens
163 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, Oktober 2018
ISBN-10: 351842792X
ISBN-13: 978-3518427927
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Claudia Piñeiro: Betibú

Claudia Piñeiro: Betibú

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Die Hausangestellte des Unternehmers Pedro Chazarreta macht eine grausige Entdeckung, als sie den Mann tot im Haus vorfindet. Mit aufgeschlitzter Kehle sitzt er im Sessel. Schon vor drei Jahren gab es einen Todesfall im Haus. Da verunglückte seine Frau Gloria Echagüe und zog sich beim Sturz durch die Terrassentür eine Schnittverletzung am Hals zu, an der sie starb. Chazaretta geriet allerdings unter Mordverdacht, nur konnte ihm dieses Verbrechen nicht mit allerletzter Sicherheit nachgewiesen werden.

Jaime Brena ist Reborter beim „Tribuno“. Früher wäre der Mord an Chazarreta in sein Ressort gefallen. Doch er ist für weniger Wichtiges abgestellt und ein junger Kollege schreibt nun darüber. Lorenzo Rinaldi hält beim „Tribuno“ die Fäden in der Hand. Er beauftragt zudem die Schriftstellerin Nurit Iscar ebenfalls Artikel zu verfassen. Dafür bezieht sie ein Haus im Country Club „La Maravillosa“. Die Wohnsiedlung ist abgeschottet. Wer hinein will, muss durch eine Kontrolle. Auch der Mörder muss also auf diesem Weg in das Haus hereingekommen sein oder eben schon dagewesen sein.

Nurit Iscar und der junge Polizeireporter arbeiten Hand in Hand. Jaime Brena, auch wenn es nicht mehr sein Aufgabengebiet ist, lässt es sich nicht nehmen, die beiden zu unterstützten. Er ist es auch, der einen Freund bei der Polizei hat, und so an Insiderinformationen kommt. Was die drei schließlich herausfinden, ist allerdings kaum zu glauben und schon gar nicht zu beweisen.

Der Krimi ist ungewöhnlich, die Ermittler sind es ebenfalls. Spannendende und dennoch alltägliche Figuren haben hier ihren Auftritt. Es geht um Gerechtigkeit und nichts anderes haben Nurit Iscar, der junge Polizeireporter und Jaime Brena im Sinn. Doch sie kommen einer Sache auf die Spur, der sie nicht gewachsen sind. Die Autorin beschreibt die Verstrickungen sehr genau. Hinter dem Mord steckt eine Geschichte, die weite Kreise zieht. Es geht um eine nicht wieder gut zu machende Schuld. Außer durch Mord, wie der Täter meint.

Es ist ein eigenwilliger Krimi, der durch Figuren lebt, die die Wahrheit wissen wollen. So wird die Handlung immer dramatischer. Bis hin zu einem Ende, das den Leser zufrieden machen müsste, es aber wahrscheinlich nicht tut. Es geht um Moral und die Frage, wie weit Regeln aus Rache gebrochen werden dürfen, um noch akzeptiert zu werden.

Rezension von Heike Rau

Claudia Piñeiro
Betibú
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
352 Seiten, gebunden
Unionsverlag, Zürich
ISBN-10: 3293004539
ISBN-13: 978-3293004535
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Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

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Liebe und Tod als unversöhnliche Gegenpole.

Der Icherzähler und Held der vorliegenden Geschichte lebt als russischer Emigrant Ende der zwanziger Jahre in Paris. Er ist Journalist. Mit unverhohlener Gewalt plagen ihn Erinnerungen an einen Mord, den er als Weißgardist im Russland der Revolutionsjahre begangen hat. In der Gestalt einer Erzählung meint er, den von ihm Ermordeten wieder zu erkennen.

Mit feinem Strich und äußerst delikat beginnt eine Geschichte, in der es um Mord und Totschlag, um Liebe, Schuld, um Tod und Auferstehung geht.
Man wird nicht müde, der Erzählung zu folgen, die sich mit zarten Details über die moralischen Skrupel des Icherzählers auslässt.

Er war jung, vielleicht 14 oder 15, als er dem Gegner in einem Waldstück in Südrussland auf Erkundungstour begegnete. Um selbst dem Tod zu entgehen, hat er aus Notwehr zuerst geschossen. Dass der Getroffene den Angriff überlebt haben könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen.
Doch er findet 15 Jahre später im Exil in Paris die Erzählung „I’ll Come Tomorrow“ von Alexander Wolf. In ihr werden die Ereignisse von damals so detailgenau beschrieben, dass unser Held nicht umhin kann, den von ihm vermeintlich Ermordeten in ihnen wieder zu erkennen.
Nun beginnt eine intensive Suche nach Alexander Wolf. Doch ist er ein Phantom oder ein lebender Schriftsteller?
Man wird sehen.

Fein ziseliert und konstruiert erlebt man die Geschichte die ganze Zeit als verwirrend, mysteriös und schemenhaft. Eine unergründliche Düsternis überschattet das Werk. Die dramatische Liebe zu Jelena verwirrt den LeserIn ebenso, wie vielfältige andere Begegnungen mit Exilrussen. Paris war zur damaligen Zeit das Auffangbecken für zahlreiche russische Emigranten, die nach der Revolution in ihrer Heimat nicht mehr bleiben konnten. Doch geht es hier um die innere Erkundung der jeweiligen seelischen Befindlichkeiten und nicht etwa um die politischen Verhältnisse. Erstere sind faszinierend und stimmen zuweilen sprachlos. Eine Erzählstrang greift unerklärlich in den nächsten, so dass man eifrig am Ball bleiben muss, um den Faden nicht zu verlieren.

Gaito Gasdanow ist ein spät wieder entdeckter russischer Schriftsteller, dessen kleine Novelle bereits 1947 zum ersten Mal aufgelegt worden ist. Jetzt ist sie in der Übersetzung von Rosemarie Tietze auf Deutsch erschienen. Die Kritiken zu seinem Werk ergehen sich in höchstem Lob. Zu Recht, wie ich finde!

Gaito Gasdanow
Das Phantom des Alexander Wolf
Kindle Edition
Seitenzahl des Buches: 133 Seiten
Carl Hanser Verlag, August 2012
ISBN-10: 3446238530
ISBN-13: 978-3446238534
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Philip Roth: Nemesis

Philip Roth: Nemesis

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Schicksal, Fügung oder Gottes Wille?

Wieder einmal geht es bei Philip Roth in seinem neuen Roman um Glück und Unglück, um Schuld, Sühne, Moral und Verzweiflung.

Der Autor fabuliert aber nicht wie in seinen zuletzt erschienenen Romanen über das Alter und seine Gebrechen; dieses Mal geht es um eine Polioepidemie im Jahr 1944, von der viele Kinder dahingerafft werden, und die in ihren Auswirkungen tiefe Spuren bei dem Helden der Geschichte hinterlässt.

Bucky Cantor ist Sportlehrer im jüdischen Viertel von Newark/ New Yersey und einer der wenigen jungen Männer, die nicht im mörderischen Zweiten Weltkrieg kämpfen mussten. Er war nicht diensttauglich und sieht seine Aufgabe in seiner Rolle als Bezugsperson für seine Jungs, die er in der Schule, an Wochenenden und in den Ferien auf dem Sportplatz trainiert. Die Krankheit „Kinderlähmung“ platzt wie eine Bombe in das friedliche Leben der Stadt. Niemand kennt den genauen Verlauf der Krankheit. Es gibt keine Heilungsverfahren, keine Impfung, und in vielen Fällen endet sie mit dem Tod und häufig mit schwerster Behinderung. Wie soll man sich verhalten, wie vorbeugen, um sich zu schützen?

Heute kann sich kaum jemand mehr vorstellen, wie ernsthaft und bedrohlich diese Krankheit einmal war. Sie verkörperte die Apokalypse des vergangenen Jahrhunderts, bis man zu Beginn der sechziger Jahre einen Schutz gegen sie erfand.

Bucky Cantor gerät in das Räderwerk der Folgen dieser Krankheit, erkrankt selber und lebt mit dem Gefühl der Verbitterung und der Schuld, seinen Schülern die Krankheit womöglich weitergegeben zu haben, sein restliches Leben lang.

Der Kontrast zwischen dem jungen, sportlichen, gut erzogenen  und in seine erste Liebe vernarrten Helden und dem, was aus ihm wird, kann nicht gravierender ausfallen.

Philip Roth behandelt die tiefen moralischen Konflikte, in die sich der Held verstrickt. Subjektive Wahrnehmung von Schuld und Anklage gegen Gott behandeln die eine Seite der Geschichte; Selbstanklage und falsch verstandenes Ehrgefühl zeigen die andere Seite. Nach dreißig Jahren trifft Bucky eher zufällig einen seiner ehemaligen Schüler. Ein langer Dialog mit diesem, der sich als einer der Jungen vom Sportplatz zu erkennen gibt, und den das gleiche Schicksal wie Bucky ereilt hat, zeigt die unterschiedlichen Folgerungen, die jeder aus seinem persönlichen Geschick gezogen hat. Bucky verkörpert den Märtyrer und Selbstankläger; sein ehemaliger Schüler hat sein Schicksal angenommen und ist zufrieden und glücklich geworden. Letzterer spricht vom „Zufall“ und vom „Glück“, die man haben kann. Bucky aber schmäht einen Gott, der eigentlich diesen Zufall und das Glück verkörpert.

Philip Roth ist der hervorragende Erzähler, den wir aus vielen seiner Werke kennen. Das Thema hat ihn gepackt wie immer. Die Reflexionen des Helden Cantor sind mit der üblichen Tiefenschärfe gezeichnet. Weise, ein wenig sarkastisch und gelegentlich bissig zeichnet Philip Roth den Helden als den Irrgläubigen, der am Leben scheitert,weil er zu verbissen an die eigene Allmacht glaubt.

Philip Roth ist und bleibt der bemerkenswerte Erzähler, dessen neueste Bücher man immer wieder mit Freude liest.

Philip Roth
Nemesis
224 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2011
ISBN-10: 3446236422
ISBN-13: 978-3446236424
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Jürgen Todenhöfer: Teile Dein Glück

Jürgen Todenhöfer: Teile Dein Glück

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Gedanken zum Leben und über dies und das…

J. Todenhöfer berichtet in dieser ausführlichen Schrift über seine Gedanken zum Thema Glück und Zufriedenheit. Frei lässt er seine Gedanken schweifen und betont, wie leichtsinnig und unbedacht er in seiner Jugend gelebt hat. Doch scheint der Autor noch heute einem erstaunten Jungen zu gleichen, der die Welt betrachtet und das Unrecht sieht, mit der wir handeln, ohne zu bedenken, wie es unserem Nächsten geht.

Reich an Anekdoten und Beobachtungen im Freundeskreis und im politischen Milieu, zu dem er einst gehörte, zeigt er die Ungerechtigkeiten, die es überall auf der Welt gibt, schaut auf die Eigenheiten von Bürgern bei der Verwirklichung ihrer Ziele und betrachtet den Unsinn, mit denen Kriege angezettelt werden und verloren gehen. Seine Sinnsuche treibt ihn zu weiten Reisen, auf denen er zu neuen Einsichten und Erkenntnissen findet. Er lebt in angenehmem Wohlstand, den er sich redlich erarbeitet hat, und den er durch die Gründung verschiedener Stiftungen mit anderen teilt. Zugleich scheut er sich nicht, über eigene Fehler zu sinnieren, die er nachträglich bereut. Zwischen dem Streben nach dem „guten Menschen“ in sich und dem Eingeständnis der Fehlbarkeit schwanken seine Beobachtungen, mit denen er vielleicht anderen Mut machen will, sich diesen ebenso zu stellen.

Er geht ganz sicher einen sehr eigenen Weg, in dem er seine Überzeugungen in Taten umwandelt. Im politischen Bonn galt Todenhöfer einst als Paradiesvogel. Er selbst bezeichnet sich mehrfach als Träumer, sicher ein liebenswerter, was man nach den hier vorliegenden Anekdoten und Lebensweisheiten wohl glauben mag.

Man gewinnt den Eindruck, dass hier einer gegen die ungerechte Welt aufbegehrt, wohl wissend, dass alleine Kontemplation und Reflexion mit innerer Einkehr keine Wende zum Besseren bringen wird.

Ein wenig gleicht dieses Buch einer Plauderei über dies und das, in der frei assoziierend Vergangenes und Gegenwärtiges zu einem Ganzen verschmolzen wird. Frei flottierend wird über das Universum, das Dasein als Mensch und über Religion ebenso berichtet wie über die bedrohlichen Kriegszustände in aller Welt. J. Todenhöfer ist ein guter Mensch, der guten Willens und von anerkennenswerten Impulsen erfüllt ist, wie man die Welt verbessern könnte. Er predigt Demut und lebt sie z.T. auch, zugleich aber erscheint er mit seinen vermeintlich weisen Einsichten als Moralapostel.

Die Demut hebt sich auf, wenn man bewusst ein Understatement lebt, mit dem man als gutes Beispiel für andere gelten will. Es lässt sich gut Wasser predigen, wenn man Wein trinken kann! Das soll die Anerkennung für gelebtes soziales Miteinander und seine vielen Stiftungen, denen sich Jürgen Todenhöfer verschrieben hat, nicht schmälern.

Jürgen Todenhöfer
Teile Dein Glück
C. Bertelsmann Verlag, November 2010
ISBN-10: 3570100693
ISBN-13: 978-3570100691
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Das große Fabelbuch

Das große Fabelbuch

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Mehr als 100 Fabeln sind in diesem Band versammelt. Über Jahrhunderte hinweg haben sie Bestand, werden immerzu weitergegeben und erneut erzählt. Immer haben diese Geschichten einen tieferen Sinn, eine Moral. Manche Wahrheit wäre unangenehm, würden nicht Tiere, die wie Menschen handeln, die Akteure der Fabeln sein. Diese Tiere sind in ihren Charakterzügen den Menschen gleich, haben wie sie Fehler. Doch so mit den Schwächen konfrontiert zu werden, tut nicht weh.
Man kann vorbehaltlos über das nachdenken, was geschrieben steht und Kritik annehmen, eigene Schwächen erkennen, die Lehren annehmen und einen weiteren Schritt tun, auf den Weg zur Weisheit.

Breitgefächert ist die Auswahl. So findet man im Buch „Der Löwe und die Stiere“ von Johann Gottfried von Herder, „Wer sich mit fremden Federn schmückt“ von Gotthold Ephraim Lessing, „Der Zaunkönig“ von den Brüdern Grimm, „Die Maus und die Schnecke“ von August Gottlieb Meissner, „Die Mücke und der Löwe“ von Christian Fürchtegott Gellert, „Der junge und der alte Fuchs“ von Johann Ulrich Megerle, „Frischgebäck und frische Fische“ von Ludwig Bechstein und auch „Der Falke und der Hahn“ von Leo Tolstoj.

Manche Fabel geht über mehrere Seiten, andere kommen mit ein paar Zeilen aus. Lehrreich und unterhaltsam sind sie alle. Die Auswahl überzeugt.
Das Buch kommt in sehr schöner Aufmachung daher. Es wurde von Gerhard Glück illustriert. Diese Bilder gehen manchmal sogar über eine Doppelseite. Diese sehr detailreichen, lebendigen Zeichnungen gefallen ausgesprochen gut.

Die Fabeln eigen sich gut zum Vorlesen für Kinder. Denn immer liefern sie reichlich Gesprächstoff. Die Pointe erschließt sich meist sofort. Trotzdem ist es gerade für Kinder wichtig, sich darüber auszutauschen, damit auch ein Lerneffekt entsteht.
Die Fabelsammlung ist ein Familienbuch. Jung und Alt dürften ihre Freunde daran haben. Mann kann immer wieder im Buch lesen und so auch die Geschichten bewahren.

Rezension von Heike Rau

Das große Fabelbuch
Illustriert von Gerhard Glück
173 Seiten, gebunden
Lappan Verlag
ISBN-10: 3830311583
ISBN-13: 978-3830311584
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Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo: Wofür stehst Du?

Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo: Wofür stehst Du?

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Freundesgespräche; eine Zwischenbilanz!

Zwei gute Freunde fragen sich eines Tages, für welche Werte sie eigentlich stehen. Der eine von beiden ist Journalist, der andere arbeitet als freier Schriftsteller. Aus einer Art Zwiegespräch ist ein sehr bemerkenswerter Dialog entstanden, der Schulzeit, Familie und Herkommen, Rebellion, politische Entwicklung seit Beginn der siebziger Jahre und die eigene Gesinnung bis heute thematisiert.

Dass die gedanklichen und politischen Überzeugungen und Lebensgewohnheiten der 68ger Generation bis weit in die  Jugendzeit jener hineinreichte, die erst Ende der fünfziger Jahre geboren wurden, ist gut nachvollziehbar. Unsicherheiten über die politischen Unruhen jener Jahre kennzeichnen das Leben beider Freunde.

Hier sprechen zwei  Männer mittleren Lebensalters, die aus der Rückschau ihrer Entwicklung zu eigenen Standpunkten gelangt sind. Sie geben deutlich zu verstehen, dass sie heute an Politiküberdruss leiden, dass ihnen eindrucksvolle Politikerpersönlichkeiten fehlen, und dass sie die tägliche Berieselung mit Talkshows aller Couleur verdrießlich stimmt. Sie üben harsche Kritik an der ständig öffentlich ausgetragenen Nörgelei über unser gut ausgestattetes Gemeinwesen, in der die Fürsorge für den einzelnen und das Recht in jeder Lebenslage funktioniert; eines der besten in der Welt übrigens, wie sie anmerken.

Aus wechselnden Perspektiven beleuchten Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in jeder Hinsicht anders verlief als die erste Hälfte, in der zwei Kriege menschliche Existenzen vernichteten oder als seelisch Beschädigte zurück ließen.

Beide spiegeln in ihren Beiträgen, wie zerstrittene Herkunftsfamilien das Leben der nachfolgenden Generation beeinträchtigten. Die eigene Familiengründung muss da lange zurückstehen. Wie Erziehung heute gegenüber früher verläuft ist ein Thema, das neben vielen anderen die Gegensätze früherer und heutiger Generationen zeigt. Und doch: die Elterngeneration der heutigen Eltern liest die Passagen zur Erziehung auch deshalb mit Gewinn, weil sie eine gewisse Gelassenheit erfasst: Erziehung hat viel mehr mit dem „Sein“ als mit dem Wissen zu tun. Und jede Generation erlebt mit der Ablösung aus der vorherigen ihr eigenes Werden.

Allerdings lässt sich mit Fug und Recht feststellen, dass hier eine Generation herangewachsen ist, die es sich zur Gewohnheit gemacht hat, Ursachen für gesellschaftliche Vorgänge zu hinterfragen. Zwei nachdenkliche und reflektierte Männer versuchen, ihre Herkunft, Vergangenheit und Gegenwart kritisch zu durchleuchten. Wegschauen und Schweigen ist nicht mehr angesagt.

Insgesamt bietet diese Reflexion über ein ganzes Generationengeschehen einen sehr gründlichen Einblick in eine Gesellschaft, in der seit 70 Jahren kein Krieg herrschte, und in der weitgehende Freiheit und Liberalität ein friedliches Leben gewährleisten. Nutzt sie das auch?

Eine umfassende Bilanz ist den beiden Autoren gelungen; persönlich, ohne indiskret zu sein, nüchtern, selbstkritisch und ehrlich. Man liest das Buch mit Anteilnahme und Interesse!

Axel Hacke
Giovanni Di Lorenzo
Wofür stehst Du?
230 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, September 2010
ISBN-10: 3462042416
ISBN-13: 978-3462042412
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Christopher Isherwood: Löwen und Schatten

Christopher Isherwood: Löwen und Schatten

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Erste Erfahrungen in einem Leben abseits der Norm.

Ein wenig mühselig beginnen die Aufzeichnungen von Christopher Isherwood, 1904 – 1986, in denen er von seinem Schulbesuch in London und der Hochschule in Cambridge berichtet. Mit seinen Mitschülern und Mitstudenten machte er sich an die Eroberung der Welt. Der erste Weltkrieg hat die Jahre der Schulzeit berührt, und jetzt beginnen die aufregenden zwanziger Jahre, von denen man in den Schilderungen dieser Jugendjahre jedoch noch wenig merkt. Schulstreiche und erste Liebesgefühle münden in lange Dispute mit Freunden und insbesondere mit dem Freund Chalmers. Die Freunde ergötzen sich an der Literatur und Isherwood entnimmt einem Buch von Montague den Titel zu einem eigenen Buch „Löwen und Schatten“. In romantisierender Verklärung geht es um Eros und Homoerotik, der sich der Autor jedoch erst schamhaft bewusst wird.

In Cambridge und London versuchte er sich in den Studiengängen Geschichte und Medizin, beides erfolglos. Mutwillig gibt er seinen Stipendienplatz in Cambridge auf, lebt einmal als Privatsekretär bei einem Musiker und dessen Familie, dann wieder als Hauslehrer. Er führt ein exzentrisches Leben und scheint immer auf der Suche nach dem wahren Platz im Leben zu sein.

Seine Erinnerungen in diesem Buch enden mit dem Aufbruch nach Berlin, wo er den berühmten Roman mit der Vorlage für das Theaterstück „Cabaret“  mit seinem Roman „Good-Bye to Berlin“ schrieb.

Wie es im Einband heißt, lesen sich diese Jugenderinnerungen wie eine „Education sentimentale“, was dem eigenen Eindruck durchaus entspricht.

Vom Glück träumen, der Realität ein Schnippchen schlagen, außergewöhnliche Erlebnisse forcieren, sich treiben lassen und schauen, was kommt, das ist die Devise des damaligen Lebens von Christopher Isherwood. Als Schriftsteller hat er gewonnen, denn sein Name ist berühmt geworden und stand für eine bestimmte literarische Gattung, der Vedanta, einer Richtung indischer Philosophie. Man muss sich für die Zeitströmung in England interessieren, die mit dem berühmt-berüchtigten Namen „Bloomsbury“ in Verbindung stand. Dort findet man einen anderen Höhepunkt in der existenziellen  Entwicklung von Schriftstellern, die sich mit den Namen von Virginia und Leonard Woolf zusammenfügt. Sie hatten freizügige  Vorstellungen und suchten nach dem Ende des viktorianischen Lebensgefühls nach persönlicher und moralischer Freiheit. Beide haben das vorliegende Buch von Christopher Isherwood 1938 erstmals in England herausgebracht.

In einem Vorwort des hervorragenden Übersetzers Joachim Kalka kann man sich mit den Intentionen des Buches vertraut machen.

Dieses Buch wird einen ausgewählten Leserkreis ansprechen. Die Aufmachung des schönen Bandes aus dem Berenberg Verlag ist einladend mit dem feinem Druck und den Fotos von Christopher Isherwood und seinem Freund W.H. Auden auf dem Einband.

Christopher Isherwood
Löwen und Schatten
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Berenberg Verlag
ISBN-10: 3937834362
ISBN-13: 978-3937834368