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Schlagwort: Verlust

Isabel Bogdan: Laufen

Isabel Bogdan: Laufen

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Man kennt den Ausdruck “um sein Leben laufen“. Hier ist es Wirklichkeit geworden und in eine Sprache gefasst, die unvergleichlich intensiv, sensibel und Schritt für Schritt dieses Laufen beschreibt.
Eine ungenannte Erzählerin beginnt zu Laufen, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen weiß in einem tiefen Kummer um ihren verlorenen Lebensgefährten.

Während des Laufens wird zunächst der Körper beobachtet: wie er schnauft, wie es scheint, er kann nicht mehr, jeder Schritt und jede Ecke muss erkämpft werden. Mit der Zeit wird es dann leichter.
Dabei lässt die Autorin ihre Romanfigur das Leben reflektieren; man erfährt nach und nach, wie ihre Beziehung war, die Eltern des Gefährten, und wie sie unter der Einsamkeit leidet. Die gemeinsame Wohnung musste sie schon aufgeben, weil sie diese alleine nicht mehr bezahlten konnte. Da sie mit ihrem Partner nicht verheiratet war, konnten dessen Eltern alles mitnehmen, was ihrem Sohn gehörte.

Bilder aus dem vorbeifliegenden Park werden so poetisch geschildert, dass man fast in ein Gemälde zu schauen meint. Die Läuferin sieht das Glück der anderen, will es nicht sehen, will sich am liebsten verkriechen und läuft doch tapfer weiter. Diese Form der Trauerbewältigung ist einmalig, intensiv und hoch einfühlsam beschrieben. Wie kann und wie soll man einen Verlust dessen beschreiben, der zu Hause, Geborgenheit und Liebe in einem bedeutete?
Das ganze Leben dieses Paares scheint auf in seinen glücklichen, trauten und fernen Momenten.

Und immer wieder wird das Ausatmen und Einatmen beschworen. So als könne der Körper sein Gleichgewicht nur wiederlangen, in dem er sich zum Laufen zwingt, um die Leere und das Alleinsein erträglich zu machen.
Gehalten wird die Frau von sehr wenigen guten Freunden; Rike, ihr Mann und die Kinder sind die wirklich vertrauten Menschen. Ihre eigene vertane Zeit mit einem Mann, der an schweren Depressionen litt, so dass in der Beziehung nichts mehr lief, auch der lange ersehnte Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen konnte: das alles wird in atemloser Weise während des Laufens erinnert.

Es ist ein Buch der Gefühle, der Trauer und der Bewältigungsversuche. Intensiv, drängend und laufend versucht die Protagonistin, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Entstanden ist eine Geschichte, die von der inneren Unruhe und der Suche nach dem Sinn dieses Todes und dieses gemeinsamen Lebens handelt. Anrührend, aufrichtig, unverfälscht und wahrhaftig begegnen wir einem Menschen, der wie sicher viele andere eine Trauerbewältigung auf die ihr eigene Weise versucht. Ob es gelingt, bleibt offen. Wahre Liebe ist unvergänglich, und ein letzter Ausruf offenbart das!

Isabel Bogdan besitzt umfassendes psychologisches Einfühlungsvermögen. Sie findet die richtigen Worte, um aus dem Roman eine sensible und beeindruckende Studie zu machen, die dem wahren Leben abgeschaut zu sein scheint.
Sie lebt in Hamburg und ist eine ausgewiesene Übersetzerin aus dem Englischen.

Isabel Bogdan
Laufen
208 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, September 2019
ISBN-10: 3462053493
ISBN-13: 978-3462053494
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Norman Wolf: Die Fische schlafen noch

Norman Wolf: Die Fische schlafen noch

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In einer anrührenden Erzählung beschreibt Norman Wolf, wie er seinen Vater an den Alkohol und zuletzt an die Obdachlosigkeit verlor.

Fing doch das Leben von Norman so wohlbehütet und beschützt im Kreise seiner Familie an! Die liebevolle Mutter, ein grundgütiger Opa und ein kumpelhafter Vater bereiteten ihm einen guten Start ins Leben. Warum er dennoch in der Schule angefeindet wurde, bleibt nicht ganz verstehbar. Zeigte sich hier schon eine besondere Sensibilität, die für die Mitschüler unheimlich war?

Als der Vater seine Stelle verliert und so bald auch keine neue findet, beginnt ein scheußlicher Abstieg in der ansonsten bisher so ruhig verlaufenen Familiengeschichte.
Die Streitereien zwischen den Eltern nehmen an Schärfe zu, als der Vater immer häufiger dem Alkohol zuspricht, die Mutter viel weint, und Norman sich zunehmend ängstigt. Schließlich muss der Vater seine Familie verlassen; die Mutter will es so.

Über zehn Jahre hört niemand etwas von ihm. Den Unterhalt für die Kinder bleibt er schuldig, und gelegentlich denkt man, dass der Vater eben tot ist. In die Familie zieht endlich wieder Ruhe ein.

Zehn Jahre später hat Norman sein Psychologiestudium beendet und ist auf dem Weg nach Amerika, wo er eine Arbeit annehmen wird. Als ihn eine Nachricht vom Vater erreicht, dass dieser inzwischen in Hamburg auf der Straße lebt, beginnt die eigentliche Geschichte. Mit Hilfe der neuen Medien, insbesondere über Twitter, wird von Norman eine aufwendige Suche nach dem Vater gestartet. Zahlreiche Menschen beteiligen sich, helfen, sprechen Mut zu und Norman ist immer weiter auf der Suche nach Kontakten zum Vater, der immer mal wieder unauffindbar ist.

Auffällig ist die außerordentliche Anhänglichkeit und Empathie von Norman. Dass ein Mensch so viel tut, um die verloren gegangene Welt wiederzufinden, dabei stete Liebe und Zuneigung zu Mutter, Vater und Opa zeigt, ist bemerkenswert.
Der Autor war sich unsicher, ob er sein Schicksal in einem öffentlichen Medium wie Twitter preisgeben soll. Viele gute aber auch negative Erfahrungen haben ihn nicht von seinem Vorhaben abbringen können, die Suche nach dem Vater aufzugeben.
Das Buch zeigt sein ungewöhnliches Talent, Empfindungen in Sprache zu fassen. Seine Offenheit und Wahrhaftigkeit sind beeindruckend.
Damit sind seine Aufzeichnungen hilfreich für alle, die Ähnliches mit Angehörigen oder geliebten Menschen erlebt haben oder noch erleben. Man liest das Buch mit Spannung und angehaltenem Atem.

Norman Wolf
Die Fische schlafen noch
224 Seiten, broschiert
mvg Verlag, August 2019
ISBN-10: 3747400779
ISBN-13: 978-3747400777
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Halldis Engelhardt: Sieh dich nicht um!

Halldis Engelhardt: Sieh dich nicht um!

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Halldis Engelhardt hat ein Buch über ihre Eltern geschrieben.

Es ist die anrührende Geschichte von zwei jungen Menschen, die sich beim Einmarsch der deutschen Soldaten in Norwegen sahen und sofort unsterblich verliebten. Halldis Engelhardt hat von der Vorgeschichte ihrer Eltern erst nach deren Tod erfahren und sich auf Spurensuche begeben. Sie sucht in Archiven, spricht mit Zeitzeugen und findet einem Puzzle gleich die Zusammenhänge, die ihr ein ganz neues Bild ihrer Mutter vermitteln.

Was war also passiert?

Der deutsche Soldat Heinz marschiert 1940 in den Ort Flekkefjord in Südwestschweden mit seiner Kompanie ein, und Jorna, die Norwegerin, schaut ihm in einem unbeobachteten Moment in die Augen. Sie kann diesen Blick nicht vergessen. Natürlich darf das nicht sein! Norweger haben die Besatzung durch die Deutschen nicht gebilligt. In den Augen der Bevölkerung war ein Liebesabenteuer mit Deutschen Soldaten eine Schmach. Jorna findet Mittel und Wege, um den Soldaten Heinz wieder zu sehen. Zwischen beiden entwickelt sich eine innige Liebesbeziehung. Sie muss äußerst behutsam vorgehen, um nicht mit ihm erkannt zu werden.„Deutschfreundinnen“ wurden von der Bevölkerung geschnitten und verachtet.

Halldis Engelhardt findet anrührende Worte, um über die große Liebe ihrer Eltern zu berichten.

Sie fügt in ihren Bericht über deren Schicksal liebevolle Schriften in der Art fiktiver Briefe ein. Darin zeigt sie Verständnis, Mitgefühl und Verehrung für die Eltern.

Man erfährt, woher die Mutter kam, wie begabt, hübsch und fleißig sie war, und wie sie um ihre Liebe zu dem humorvollen und galanten Heinz gekämpft hat. Sie erleben glückliche Monate bis Heinz an die Ostfront in Russland zum Einsatz verssetzts wird. Dieser Krieg ist ein Fluch, und vorübergehend verlieren sich die beiden Liebenden bei Kriegsende mit seinem Untergangsszenario ganz aus den Augen. Vergessen können sie sich nicht!

Es bedarf noch zahlreicher Umwege, um wieder zu einander zu finden.

Die Biographie liest sich leicht und angenehm. Halldis hat eine besondere Begabung, sich der Wahrheit zu nähern und sich sowohl nüchtern als auch anteilnehmend zu artikulieren.

Norwegen erscheint uns als landschaftlich wunderschönes Land mit Bewohnern, die mit dem Krieg mit dessen Auswirkungen schwer getroffen wurden. Hunger, Not und Kälte machte den Bewohnern ebenso zu schaffen, wie das in anderen Ländern der Fall war. Norwegen wurde in einen Krieg hineingezogen, ohne sich widersetzen zu können. Man hasst die Deutschen Besatzer.

Niemand sollte hier ein literarisch anspruchsvolles Werk erwarten. Es geht um ein Stück Norwegischer und Deutscher Geschichte, in die Halldis’ Eltern unfreiwillig verstrickt waren. Auch zeigt diese Geschichte einmal mehr, dass immer, auch im Krieg, der einzelne als Mensch zählt und nicht ein ganzes Volk als Täter abgetan werden kann.

Halldis Engelhardt
Sieh dich nicht um!
320 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, Mai 2018
ISBN-10: 3832198717
ISBN-13: 978-3832198718
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Dimitri Verhulst: Die Unerwünschten

Dimitri Verhulst: Die Unerwünschten

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Kinderschicksale im Schatten der Gesellschaft.

Was kann es Schlimmeres geben, als ein unerwünschtes Kind zu sein? Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Fürsorge für den Start ins Leben sind die Grundpfeiler für die Bewältigung dessen, was das Leben so bringt. Dimitri hat hier das Gegenteil beschrieben: er zeigt uns die Hölle, die ein Kind durchläuft, wenn es abgeschoben und ungeliebt und im wahrsten Sinne des Wortes „unerwünscht“ ist.

So etwas kann man in dieser hier vorliegenden Weise nur beschreiben, wenn man es selber erlebt hat.

Dimitri Verhulst schöpft aus den Erfahrungen des eigenen Lebens, wenn er uns davon erzählt, wie man sich als ein solches unerwünschtes Kind fühlt. Er lebte in einem Heim mit vielen Kindern, die alle das gleiche Schicksal teilten.

Seine Erzählweise wechselt vom Du zum Ihr, wenn er anschaulich zu machen versucht, wie karg, armselig und bedürftig an Leib und Seele dieses Leben war. Schmucklose Zimmer, karges Essen, pietistische Lebensregeln und ein Mangel an Spiel und Spaß: so sah das Leben für die Heiminsassen aus.

Am Wochenende konnte man Besuch bekommen. Doch es kamen nur wenige Mütter oder entfernte Verwandte, die sich schnell wieder davonmachten, denn wirkliches Interesse war nicht gegeben. Zahlreiche Kinder bekamen nie Besuch.

Die Tatsachen sind schnell aufgezählt: doch wie Verhulst seine Geschichte erzählt, macht ihm so schnell keiner nach. Die Leere und der graue Alltag werden mit sparsamen Worten angedeutet, so dass man sich in die Atmosphäre hineinfühlen kann. Man spürt den Frust und die Sucht der Kinder, sich auf irgendeine Weise selber zu spüren. Das geschieht in nächtlichen Sexorgien, die einzig und alleine dem Zweck dienen, sich auf welche Weise auch immer Zärtlichkeit zuzuführen. Verhulst vermittelt die ganze Trostlosigkeit des Daseins an einem Ort des Verlusts, der mit dem Freitod einer jungen Insassin zu Beginn der Erzählung seinen Anfang nahm.

Man liest seine Erzählung mit leichtem Grauen, weil man gewöhnlich Kinder aus diesen Sphären kaum kennenlernt. Sie sind zerschunden und verwahrlost im Äußeren und Inneren. Wie überlebt man das?

In der zweiten Geschichte erlebt man die Folgen!

Der Autor Dimitri Verhulst hat es ganz offensichtlich geschafft, mit seinem Schreiben die bösen Geister zu bannen und sie zu fixieren. Nur so können ihn die Zerrbilder der damaligen Wirklichkeit, die seine Kinder- und Jugendjahre überschattet haben, verlassen.

Ein trauriges, aufrüttelndes, in weiten Teilen aber auch mit der notwendigen kritischen Distanz erzähltes Stück aus den Tiefen eines frühen Kinderlebens!

Dimitri Verhulst ist in den Niederlanden ein hoch anerkannter Schriftsteller.

Dimitri Verhulst
Die Unterwünschten
144 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, Oktober 2016
ISBN-10: 3630874797
ISBN-13: 978-3630874791
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Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

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Apokalyptische Visionen.

In dieser Geschichte, teils Fiktion, teils Rückblende, ist zunächst schwer ein roter Faden auszumachen.

Er zeigt apokalyptische Formen, die fast ein wenig an den ebenfalls sehr apokalyptischen Roman „Die Strasse“ von Cormac McCarthy erinnert.

Hier geht es um einen Virus, der binnen kurzer Zeit alles menschliche Leben auf Erden vernichtet. Es gibt nur wenige Überlebende.

In der Rückblende erfährt man erst Näheres über die einzelnen Akteure, Schauspieler, Liebende oder Freunde verschiedener Profession.

Arthur Leander, ein inzwischen berühmter Schauspieler, ist einer der Hauptakteure. Er hat verschiedene Ehen hinter sich. Zuerst mit Miranda, einer sieben Jahre jüngeren Frau, die er schon nach drei Jahren über hat und sie ihn! Hinreißend ist die Beschreibung, wie sie erkennt, dass sie in dieses Hollywood jener Schauspieler von Rang und Namen nicht gehört.

Doch sie ist eine aparte Person mit einem eigenwilligen Charakter. Schon lange arbeitet sie an einem Comic mit dem Titel „Das Licht der letzten Tage“. Es handelt sich nach ihren Aussagen um eine Graphic Novel, aber sie bietet niemandem Einblick in ihr Werk. Nur wir können uns vorstellen, dass dieser Comic uns an den Anfang der Geschichte zurückkatapultieren will.

So weit so gut.

Im Grunde geht es hier um die ganzen menschlichen Eitelkeiten, Entwicklungen, Trauer, Verlust und die Liebe!

Die Erzählung ist fein gesponnen, klug durchdacht und sprüht nur so vor Ideen, die den Leser herausfordern, sich intensiv mit dem Sujet zu befassen. Denn häufige Orts- und Szenenwechsel müssen verfolgt und erkannt werden.

Dann aber bekommt man Einblicke in gesellschaftliche Tabus und Verlockungen, in das Wechselspiel zwischen Beziehungen vom Beginn bis zum Ende bieten und in die Verwicklungen, in denen sich Menschen in Verkennung von Realität und Traum verfangen können.

Umrahmt bleibt die ganze Geschichte vom apokalyptischen Untergang. Die Menschen sind alle irgendwo gestrandet, wo sie den Rest ihres Lebens verbringen unter Bedingungen, wie sie die Frühzeit kannte: jagen, essen, überleben und das alles immer mit dem Bedürfnis, diese Hölle alter Zeiten in die noch in Erinnerung gebliebene Zivilisation wieder verlassen zu können. Doch geht denn das?

Ratlos und geschockt bleibt der Leser zurück. Der Roman zeigt, wie es uns allen gehen könnte, wenn eine Pandemie unser gegenwärtiges Leben auslöschen würde.

Emily St. John Mandel
Das Licht der letzten Tage
416 Seiten, broschiert
Piper Paperback, September 2015
ISBN-10: 3492060226
ISBN-13: 978-3492060226

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Helen Mcdonald: H wie Habicht

Helen Mcdonald: H wie Habicht

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Falknerin zu werden, war schon immer das Ziel von Helen McDonald. Schon als sie noch ein Kind war, nahm dieses Vorhaben Gestalt an. Ihr Vater ermutigte und unterstützte sie. Und so ging Helen ihren Weg. 2007 starb der Vater plötzlich. Helen gerät in eine tiefe Krise. Immer weiter zieht sie sich zurück. Beschließt dann aber, sich ein Habicht-Weibchen zu kaufen. Es wird ein anderer, als der ursprünglich zum Kauf stehende Vogel, weil es Faszination auf den ersten Blick ist. Sie nennt ihren Habicht Mabel. Die Abtragung geht langsam vonstatten. Aber Helen stellt sich dieser äußerst schwierigen Aufgabe.

Orientierung gibt ihr T. H. White mit seinem Buch „The Goshawk“. Die Zeit, die zwischen der Erscheinung dieses Buches im Jahre 1951 und der Gegenwart liegt, ist lang. Die Fehler, die man heute machen kann, sind dieselben wie damals. Helen will sie nicht wiederholen und arbeitet hart, mit Geduld und Zuversicht. Aber auch mit Besorgnis und Zweifeln. Bald hat sie erste Erfolge zu verzeichnen, aber immer sind auch Rückschläge hinzunehmen.

So konzentriert Helen auch arbeitet, die Zurückgezogenheit lähmt sie in allen anderen Bereichen. Doch sie braucht diese Zeit, um zu trauern und um sich zu erinnern. Die Natur und die Wildheit des Habichts helfen ihr, die Bodenhaftung nicht gänzlich zu verlieren. Letztendlich kann ein wildes Tier aber kein Gefährte sein. Doch die Realität muss warten.

Es ist ein autobiographisches Buch, das berührt. Helens Trauer scheint so unbezähmbar wie der Habicht. Das als Leser nachvollziehen zu dürfen, heißt, über das Leben nachzudenken und über den Tod. Es heißt, sich der Mediation der Autorin anzuschließen.

Es ist nicht so, dass mir das Buch durchweg gefallen hat. Es ist eine traurige und auch sehr persönliche Geschichte. Manche Zusammenhänge haben sich mir nicht offenbart. Trauer und Schmerz mit der Zähmung eines wilden Habichts zu verarbeiten, ist einfach für mich schwer nachvollziehbar. Manchmal konnte ich mich darauf einlassen, manchmal nicht. Aber wie auch immer: Es ist der Weg von Helen McDonald gewesen und für sie war es der richtige.

Rezension von Heike Rau

Helen Mcdonald
H wie Habicht
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
416 Seiten, gebunden
Allegria Verlag
ISBN-10: 3793422984
ISBN-13: 978-3793422983
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Hilma Wolitzer: Charmanter Mann aus Erstbesitz

Hilma Wolitzer: Charmanter Mann aus Erstbesitz

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Edward Schuyler stürzt sich nach dem Tod seiner Frau in die Arbeit. Er ist Biologielehrer und denkt noch lange nicht daran, in den Ruhestand zu gehen. Seine Schüler geben ihm Halt. Er ist beschäftigt und wird abgelenkt. Und die Zeit, die er an der Schule verbringt, strukturiert seinen Tag, so dass er zurechtkommt.

Dass Edward wieder zu haben ist, spricht sich herum. Frühere Bekannte rufen den charmanten Mann an. Doch er hat kein Interesse, ist er doch noch in seiner Trauer um seine verstorbene Frau Bee versunken. Er hat sie über alles geliebt. Doch auch die erwachsenen Kinder von Bee, zu denen er ein sehr gutes Verhältnis hat, wollen ihn nicht allein sehen und geben eine Kontaktanzeige auf. Edward ist davon nicht begeistert, lässt sich aber darauf ein. Doch die Begegnungen mit anderen Frauen, die auf Männerjagd sind, haben etwas Skurriles. Und so gibt er das Unterfangen wieder auf. Ewig allein bleiben, will der 62-jährige aber dennoch nicht. Und irgendwann ist die Vorstellung, sich doch noch einmal verlieben zu können, wieder da.

Auch wenn das Buch mit sehr viel Humor geschrieben ist, so ist es doch eher ein ernsthaftes. Den geliebten Partner zu verlieren, ist tragisch und macht hoffnungslos und Edward scheinen die Erinnerungen und die Trauer nicht loszulassen. Erst mit der Zeit wagt er es, sich wieder zu öffnen, nach vorn zu sehen und Pläne zu machen. Doch mit den Frauen erlebt er eher Abenteuerliches. Eine Frau, mit der er den Rest des Lebens verbringen kann, so wie er es eigentlich mit Bee vorhatte, scheint es nicht zu geben. Die Autorin offenbart die Gedanken, die in Edwards Kopf kreisen, auf eine sehr sensible und vor allem auch respektvolle Art und Weise.
Die Geschichte könnte sich genauso ereignet haben. Sie ist realistisch geschrieben und damit genauso, wie das Leben tatsächlich ist.

Rezension von Heike Rau

Hilma Wolitzer
Charmanter Mann aus Erstbesitz
Aus dem Englischen von Anne Braun
320 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552062955
ISBN-13: 978-3552062955
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Paul Harding: Verlust

Paul Harding: Verlust

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Trauer und Verzweiflung in aussichtsloser Lage.

Im kleinen Städtchen Enon im Maine lebte über Generationen die Familie Crosby. In diesem Roman wird ein Teil ihrer Geschichte fortgeschrieben.

Die Geschichte nimmt den Plot sofort vorweg: Charlies Tochter Kate ist tot! Sie war 13 Jahre alt und wurde von einem Auto angefahren.
Vater und Tochter waren eine glückliche und harmonische Einheit.

Auffallend ist der Bruch, mit dem die Erzählung beginnt: ein vermeintlich glückliches Familienleben mit einem normalen Alltag bricht buchstäblich zusammen. Kates Mutter Susan fährt zu ihren Eltern und verlässt ihren Mann, der mit seiner Trauer ganz alleine bleibt.

So beginnt eine Geschichte, die Trauer, Verzweiflung und Lebensangst zum Inhalt haben wird. Es wird eine Geschichte der Vergangenheit.

Charlie lebt nach der Trennung von seiner Frau alleine in einem Haus, das nach und nach verwahrlost. Er vertieft sich ganz in seine Erinnerungen. Einmal denkt er an seine eigene Kindheit, seine Großeltern und Urgroßeltern; dann wieder fallen ihm Erinnerungsfetzen ein, die schöne Tage und gute Jahre mit Kate heraufbeschwören.

Die Erzählung ergeht sich in wunderschönen Naturbetrachtungen im Wald und am See. Man spürt buchstäblich als Leser die Düfte und Stimmungen des Tages. Daneben wird man Zeuge einer beispiellosen Verzweiflung, mit der Charlie den Bezug zur Gegenwart zu verlieren scheint. Er wird medikamentensüchtig und beschafft sich Drogen und Schmerzmittel auf immer unzulässigeren Wegen. Äußerlich kommt er herunter.

Die Parallelgeschichte: hier die empfindsamen Naturbeobachtungen und da der körperliche Verfall eines aus allen Bindungen gefallenen Mannes macht den Reiz einer Erzählung aus, die sich den schönen und den traurigen Seiten des Lebens widmet. Der VERLUST ist das Thema! Dieser wird in vielfältiger Weise erkennbar und trägt den armen Vater weit fort aus seinem bisherigen Leben. Die Visionen, Erinnerungen und Halluzinationen sind lebensnah beschrieben und lassen einen spüren, dass es Trauer gibt, die das bisherige Leben fast auslöschen. Man geht in Gedanken einen Lebensweg mit, von dem man nicht weiß, wie er enden wird.

Paul Harding ist Pulitzerpreisträger. Er lebt mit Frau und Kindern in Boston und gilt als Star unter den neuen amerikanischen Erzähltalenten.

Paul Harding
Verlust
272 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag Juni, 2015
ISBN-10: 3630873774
ISBN-13: 978-3630873770
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Carola Saavedra: Blaue Blumen

Carola Saavedra: Blaue Blumen

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Liebe, Verlust, Leben, Leidenschaft…

Ein Mann und ein Frau geraten sehr zufällig in einen geheimen Kontakt zueinander.

Die Frau schreibt Liebesbriefe an ihren verflossenen Liebhaber, die sie an die Adresse richtet, in der mittlerweile ein anderer Mann wohnt.

Wortgewandt im Ausdruck und tiefschürfend in den Gefühlen kann man den Liebesbriefen entnehmen, dass die unbekannte Frau ihren Freund sehr geliebt hat. Sie lässt in ihren Schilderungen keine Einzelheiten dieser für sie mit Sehnsucht nach Glück besetzten Beziehung aus. Ihr Liebhaber hat sie verlassen, und nun geht sie in ihren Gedanken den gemeinsamen Erlebnissen und gelebten Erinnerungen nach. Indem sie ihn direkt anspricht, wähnt man die Frau in einer Art Selbstgespräch mit dem verflossenen Liebhaber. Die langen Monologe bieten Erinnerungen, gute, schlechte, traurige und melancholische.

Der fremde Mann, der in den Besitz dieser an einen anderen gerichteten Briefen gelangt, wird neugierig und gerät nach und nach ganz in den Bann der für ihn so fremden Frau. Doch er ist selber ein Verlassener, der ab und zu seine dreijährige Tochter bei sich hat. Er fühlt sich fremd in seiner Haut mit dem kleinen Kind und einer Frau, die ebenfalls die Trennung herbeigeführt hat.

Mit zahlreichen Beispielen und Wendungen in der Wortwahl darf man sich in eine Welt hinein versetzen, in der Gefühle aufgespürt und aufgerührt werden, die beide Protagonisten im tiefsten Inneren anrühren und verbinden.

Während die Briefschreiberin merkwürdig fleischlos wirkt, ist der Mann auch im Alltag zu sehen: er führt Gespräche mit neuen Liebhaberinnen, mit seiner Exfrau, seinem Kind und seiner Sekretärin. Er ist ein trauriger und ganz in sich zurück gezogener Zeitgenosse. Voller Melancholie verirrt er sich in seinen Phantasien zu der geheimnisvollen Briefschreiberin, von der er sich ein illusionäres Bild macht. Sie ist ja nicht greifbar, nicht real und nur immer in ihren sehnsuchtsvollen Briefen vorhanden.

Insgesamt ist der Roman von tiefer Melancholie, Resignation aber auch Leidenschaft und Einsamkeit getragen. Fiktion bestimmt das Leben der Protagonisten, die den Weg ins reale Leben nicht zu bewältigen scheinen.

Die Geschichte bietet ein nachdenkliches und poetisches Bild einer Welt zwischen Traum und Wirklichkeit.

Das Ende bietet noch einmal eine überraschende Wende, in der so recht deutlich wird, wir leicht wir von unseren Phantasien überwältig werden können, die uns ein Leben mit Leidenschaft und Glück verheißen wie es sie in dieser reinen Form wohl niemals gibt.

Maria Hummitzsch ist eine kongeniale Übersetzerin. Man lese das Buch in einer ruhigen Stunde, um sich ganz dem Eindruck des Lebens dieser beiden Hauptfiguren zu überlassen.

Carola Saavedra
Blaue Blumen
223 Seiten, gebunden
C.H.Beck, März 2015
ISBN-10: 3406675670
ISBN-13: 978-3406675676
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Ulrike Draesner: Mein Hiddensee

Ulrike Draesner: Mein Hiddensee

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Seit fast zwanzig Jahren zieht es die Autorin immer wieder auf die Insel. Auch jetzt wieder. Sie hat ihr Kind dabei und den Hund. Und ihren Mann, der aber nicht mehr an ihrer Seite ist und eine neue Partnerin hat. Vielleicht ist das der Grund, dass die Autorin von außen auf die Szene schaut und nicht in der Ich-Perspektive schreibt. Nicht mal Namen werden genannt. Das sorgt für den nötigen Abstand, lässt vielleicht auch den Schmerz außen vor. Ich kann mich allerdings mit dieser Art zu schreiben nicht anfreunden. Alles wirkt oberflächlich. Natürlich verwendet die Autorin für ihre Beobachtungen reichlich aussagekräftige Wörter. Aber es ist, als blicke man durch einen Schleier. Als würde die Schönheit der Natur herangezogen als Ablenkung. Um andere Gedanken abzugrenzen. Aber um Selbstfindung scheint es auch nicht zu gehen. Auch nicht um den Entwurf eines neuen Lebenskonzeptes. Vielleicht um die Betäubung der Sehnsucht nach einem Leben in einer stabilen Partnerschaft. Denn Sehnsucht ist es auch, die die Autorin immer wieder auf Hiddensee zieht. Aber auch hier nagt der Zahn der Zeit. Alles verändert sich. Die Natur gibt und nimmt. Geht es um die Vergänglichkeit der Zeit? Der ablaufenden Zeit? Anderen vor ihr ging es so. Darunter berühmte Menschen, die nur noch Erinnerung sind.
Die Stimmung im Buch ist durchweg melancholisch. Die Natur ist nicht immer nur schön und anschaulich. Nicht selten bläst ein harter Wind. Kaum, dass man sich auf den Beinen halten kann. Die Landschaft ist mitunter karg und von entsprechendem Bewuchs. Ruhe zu finden, scheint kaum möglich, der Wind bläst das Gehirn einfach nicht leer. Die Bilder zeigen eine Vision der wahren Gefühle. Gefühle, die nicht länger unterdrückt oder weggeschoben werden können. Die Autorin mal diese Bilder jedoch so, dass ich sie nicht sehen kann, auch wenn das Buch schon ein bisschen nachdenklich macht. Aber wirklich Zugang habe ich nicht gefunden.

Rezension von Heike Rau

Ulrike Draesner
Mein Hiddensee
192 Seiten, gebunden
Mare Buchverlag
ISBN-10: 3866482132
ISBN-13: 978-3866482135
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