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Autor: Claudine Borries

Die Frau meines Lebens

Die Frau meines Lebens

Nicolas Barreau Die Frau meines Lebens
Thiele Verlag ISBN 3851790014

Da glaubt einer, endlich die Frau seines Lebens gefunden zu haben, und dann entgeht sie ihm doch!
Grund für 24 Stunden Aufregung und vielfache Bemühungen, ihr auf die Spur zu kommen.

Der Buchhändler Antoine, 32 Jahre alt, Besitzer einer halben Buchhandlung in Paris, ist für einen Kaffee in das Café de Flore gegangen. Auf einem Platz weit hinten an der Wand entdeckt er eine attraktive, honigblonde Frau mit braunen Augen. Elektrisiert und aufgeweckt möchte er sie unbedingt kennen lernen. Sie flirten mit einander, doch leider ist sie nicht alleine!
Seine Hoffnung auf eine Begegnung wächst, als sie ihm einen Zettel mit ihrem Vornamen und ihrer Telefonnummer im Vorbeigehen auf den Tisch flattern lässt.
Die Botschaft lautet, dass er sich in einer Stunde telefonisch bei ihr melden soll und < ich würde Sie gerne wiedersehen >. Sie trägt einen roten Regenschirm, als sie das Café mit einem gut aussehenden Mann verlässt. Welchen Part spielt der Fremde in ihrem Leben?

Antoine ist aufgeregt und kann die Zeit bis zur abgelaufenen Stunde kaum erwarten.
In einem Park vertreibt er sich die Zeit. Nachdem ein Vogel den Zettel, der neben ihm auf einer Bank lag, voll geschissen hat, kann er die letzte der Telefonziffern nicht mehr erkennen. Fluchend und verzweifelt versucht er, die Nummern nach und nach durchzutelefonieren und dabei die letzte Zahl immer wieder zu verändern. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, den er zu verlieren droht.
Die Telefonate mit den unbekannten Teilnehmern bringen ihn nicht weiter. Sie verzögern nur die Zeit. Allerdings ergeben sich aus den Anrufen Anhaltspunkte für die weitere Suche, die einem Puzzle gleicht. Gespräche mit seinem guten Freund Nathan, einem Psychotherapeuten, und mit Julie, Mitinhaberin der Buchhandlung, bieten keinen Trost und zeigen Antoine zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Obwohl man ihn für verrückt halten könnte in seiner Beharrlichkeit, hält er unbeirrt an seinem Ziel fest. Die Spannung wächst und die Suche nimmt leicht groteske Züge an.
Nach einer verwirrenden, viel versprechenden und immer wieder auf Irrwegen landenden Hetzjagd, bleibt Antoine auf Kurs!

Das in dem kleinen Thiele Verlag erschienene Büchlein verspricht schon nach den ersten Sätzen einen vergnüglichen Lesespaß.
Die Geschichte beginnt in einem munteren, frischen Tonfall.
Der Charme der französischen Metropole und der in ihr herrschenden Lebensart macht sich sofort bemerkbar.
Antoine plaudert drauf los und hat den Leser fest im Blick. Dabei unterlaufen ihm lustige und nonchalante Redewendungen, die uns sofort in den Bann der Geschichte ziehen. Die Wortwahl ist differenziert, direkt und unverblümt. Das Alltägliche wird mit Witz und Selbstironie vorgetragen. Mit Phantasie und Einfallsreichtum werden die Abenteuer auf der Jagd nach der Liebsten vorangetrieben. Langeweile kann bei den kurzweiligen Erlebnissen nicht aufkommen.

Selten hat man von einer außerhalb der gängigen Normen liegenden Liebeswerbung in dieser Form gelesen. Kein falscher Ton schleicht sich ein. Die Begegnungen, Erlebnisse und Anstrengungen bei der Suche sind phantasievoll konzipiert und entbehren nicht der Komik. Atemlos folgt man Antoine auf seinen Wegen und bangt mit ihm um den Erfolg der Unternehmung. Man hofft mit ihm auf ein Happy End und wünscht, das Buch möge niemals enden.

Locker und charmant wird das Thema abgehandelt, leicht und unbeschwert.

Sophie Scherrer hat den Text hervorragend übersetzt.

Der Autor ist 1980 geboren, hat Romanistik und Geschichte studiert, lebt als Buchhändler in Paris, und man darf vermuten, dass ihm das Genre des Romans nicht unbekannt ist

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Neue Freunde

Neue Freunde

Tomi Ungerer Neue Freunde Diogenes
ISBN 3257011237

Tomi Ungerer ist ein Menschenfreund, und als Menschenfreund ist er zugleich ein Kinderfreund.
Er ist zutiefst durchdrungen von der Idee der Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit.
Sein neues Buch bestätigt einmal mehr seine ausufernde Phantasie, mit der er seiner inneren Haltung Ausdruck verleiht.

Der farbige kleine Junge Rafi Bamoko zieht mit seinen Eltern in ein neues Stadtviertel. Als er Geburtstag hat, ist er alleine, denn er ist ja fremd in der Gegend. Weit davon entfernt, darüber in Trübsinn zu verfallen, fängt er an zu basteln, denn darin ist er gut!
Aus Metall bastelt er sich einen Hund und zwei Katzen.
Bald schaut Ki Sing, ein kleines chinesisches Mädchen aus der Nachbarschaft, über den Zaun, neugierig, was er denn da macht. Als sie sieht, dass er sich lauter Freunde bastelt, ist sie Feuer und Flamme, ihm zu helfen. Aus alten Stofffetzen, Strümpfen, Pullovern und Blechbüchsen machen sie die schönsten Figuren. Die beiden werden unzertrennlich, und auch ihre Eltern freunden sich an.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf: als der Hof voll ist, und die Obrigkeit in Gestalt der Polizei erscheint, weil sie das Gerümpel entfernen will, bekommt die Presse Wind davon. Durch den Rummel aufmerksam geworden kommt der Museumsdirektor vorbei und ist so begeistert, dass er die ganze Sammlung der wunderschönen, bunten und phantasievollen Gebilde für sein Museum aufgekauft. Nun können alle Menschen die Figuren und kunstvoll gestalteten Plastiken betrachten. Da gibt es viel zu sehen: das Gedränge der Menschen im Museum ist beachtlich. Tomi Ungerer mit seinem Humor lässt uns Dinge sehen, die uns lachen machen. Wir sehen Menschen mit allen ihren Schrulligkeiten und Eitelkeiten. Ein alter Herr trägt seinen Spazierstock durch die Ohren gesteckt. Auf einem Ende des Stockes sitzt ein bunter Papagei. Augenklappen, verrückte Ohrgehänge, lachende und schiebende Menschen komplettieren das Bild. Die Hersteller der Installationen, das Künstlerduo Rafiki, werden als berühmtes Künstlerpaar gefeiert!

Die Bilder zeigen zwei Kinder, die aus verschiedenen Ethnien kommen, so wie wir heute die kulturelle Vielfalt in unserem Land häufig sehen. Über die Kinder finden die Erwachsenen zusammen. Die Phantasie und das gemeinsame Basteln verbindet Rafi und Ki.
In schönerer Manier lässt sich Völkerverständigung kaum denken.

Ungerer malt mit klaren Strichen kraftvolle Figuren, die auf den ersten Blick an Plakate denken lassen.
Sie wirken leicht hölzern und deutlich abgezirkelt.
Das Handwerk, dem Ungerer gerne frönt, findet in diesem Buch plastischen Ausdruck. Der Reichtum an Ideen, mit denen aus Blech und Stoff und allen nur erdenklichen Schrottüberbleibseln die schönsten Gestalten entstehen, ist überwältigend. Gießkannen, Filter, Schläuche, Nägel,—es gibt nichts, wofür man keine Verwendung fände. Er gibt den Figuren Formen, Farben und Charakteristiken und zeigt sich als unermüdlicher Schöpfer. Die erzählte Geschichte bildet mit ihren Illustrationen eine Einheit, fröhlich, unbeschwert und lustig.
Das letzte Bild zeigt nach den unruhigen Vorgängen um die Kunst ein zufriedenes Paar auf einem Boot im Mondenschein, unschwer als Rafi und Ki zu erkennen.
Wer genau hinschaut, meint Künstler des Mittelalters, der Romantik und des Jugendstils in den Bildern wieder zu erkennen.

Mit seinen Büchern ist Ungerer ein überzeugender Pädagoge der Gleichberechtigung und des freundlichen Umgangs der Menschen miteinander, zugleich aufmüpfig und frech, wenn es angebracht erscheint.
Ein ausgezeichnetes, aufklärendes und heiteres Werk ist ihm mit dem Buch gelungen.
Wie man in den Medien verfolgen kann, wird dieses Buch nicht sein letztes sein!

Zu empfehlen ist es für Kinder ab etwa 8 -10 Jahren,–und wie immer auch für Erwachsene!

Rezesnion von Claudine Borries

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Das Erlkönig-Manöver

Das Erlkönig-Manöver

Robert Löhr nennt seinen Roman einen historischen Roman.
Das ist nun sicher übertrieben und soll es wohl auch sein, denn ehemals berühmte Dichter geben die Protagonisten, während eine fabelhaft erfundene abenteuerliche und obskure Geschichte den Plot bildet.
Wie geht das zusammen?

Goethe soll im geheimen Auftrag des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach den vermeintlichen Dauphin von Frankreich, der sich in den Händen Napoleons befindet und z. Zt. in Mainz versteckt wird, befreien.
August von Weimar fürchtet Napoleon und er fürchtet vor allem, dass man den Dauphin umbringen werde, um zu verhindern, dass er als Ludwig der XVII. den französischen Thron besteigt. August von Weimar aber will genau das: Ludwig aus den Händen seiner Häscher befreien, Napoleon die Herrschaft entreißen und mit Ludwig dem XVII. die Monarchie wiedererrichten.

Goethe ist zwar entsetzt über das Ansinnen seines Freundes, nimmt die Aufgabe aber an. Er sucht in Schiller und Alexander von Humboldt Mitstreiter. Sie machen sich flugs auf die Reise, um in Frankfurt noch Bettine von Arnim dazu zu gewinnen. Auch sie willigt freudig in das Abenteuer ein, denn sie verehrte Goethe bekanntlich sehr!
Die Entführung wird tatkräftig angegangen und auf ihren abenteuerlichen Wegen hört man den Gesprächen und Erlebnissen der einflussreichen und berühmten Dichter zu.

Was zunächst wie Klamauk erscheint, entwickelt sich zu einem amüsanten und höchst geistreichen Zusammenspiel der bekanten Größen aus Literatur, Geschichte und Forschung.

Die Zeit der Romantik lebe hoch! Die Jahre um 1800 sind politisch und im gesellschaftlichen Diskurs glänzend beschrieben, detailgenau und faszinierend.
Auch die handelnden Personen werden glaubwürdig in ihrem Denken verkörpert.
Goethes Weisheit ist ersichtlich, Schiller wirkt mutig, Achim von Arnim pedantisch und Bettine von Brentano, Arnims spätere Frau, kapriziös, verspielt und neckisch. Humboldt ist weit gereist und daher mit Weltblick ausgestattet. Zuletzt stößt mutig Heinrich von Kleist noch zur Gruppe dazu.

Die Handlung ist erfunden, die Figuren aber lehnen sich nahe an das an, was von ihnen überliefert ist.
Die Städte Weimar, Frankfurt und Mainz finden mit ihren Strassen und Gassen Erwähnung; Reisen in der Kutsche, Überfälle und abenteuerliche Wege zeigen die Zeit um 1805, wie man sie sich vorstellen möchte.
Abwechselnd ist die Sprache der Zeit um 1800 entlehnt, um dann einer recht burschikosen und saloppen Diktion zu weichen, die dem heutigen Zeitgeist entspricht.
Die Gespräche drehen sich um die französische Revolution, um die Vorteile der Monarchie, um die Jakobiner, Sansculotten und Napoleon und mit seinem zerstörerischen Eroberungswahn.
Auch ohne Kenntnis der Klassiker kann man den Themen folgen, denn humorig und spritzig sind die Unerhaltungen, amüsant und zum Lachen die Kalauer.
So manchen weisen Spruch wird man aus den Werken der großen Dichter und Denker wieder erkennen.
Von , einem Ausspruch von Goethe bis zu < dem Mann kann geholfen werden > aus Schillers Drama Die Räuber reichen die Originaltöne.

Ein reiches Quellenstudium muß der Romanschreiber betrieben haben.

In schelmischer und humorvoller Weise verbindet Löhr seine Recherchen über die Historie mit Erfundenem, so dass ein amüsanter Mix aus wahren Begebenheiten und dazu erdichteter Geschichte entstanden ist. Abenteuerlich, teilweise grotesk, immer aber unterhaltsam, geistreich und witzig ist die Geschichte konstruiert.
Zwischen Schelmenroman und Gaunerkomödie möchte man den Plot ansiedeln.
Einige Längen sind zu ertragen, wenn man denn die Muße hat, sich auf das ausführliche Phantasiegebilde der Geschichte einzulassen.

Gelungen präsentiert sich hier ein Roman zwischen Dichtung und Wahrheit!

Robert Löhr
Das Erlkönig-Manöver
Schein und Wirklichkeit im historischen Kleid
ISBN:349204929X
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Der letzte Weynfeldt

Der letzte Weynfeldt

Der letzte Weynfeldt: das ist Adrian, Sohn einer wohlbetuchten Familie, einziger und spät geborener Sohn seiner Eltern.

Er ist Kunstmäzen, Experte und Auktionator.
Schon Mitte fünfzig, bewegt er sich in zwei Freundeskreisen. Der eine setzt sich aus den älteren Freunden seiner Eltern zusammen, der andere aus jüngeren Künstlern, Architekten, Dichtern und solchen, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen.
Er führt ein Leben im Wohlstand und hilft gerne und diskret seinen Freunden mit finanziellen Mitteln aus, wenn diese sich einmal in einem Engpass befinden.
Klaus Baier befindet sich in einer Notlage, als er Weynfeldt ein Bild anbietet. Schon auf dem Cover des Buches findet man die Abbildung von: „La femme nue devant une salamandre“ des Schweizer Malers Felix Vallotton. Das Bild wird hoch gehandelt, und Baier verspricht sich viel von dem Verkauf.

Mit diesem Bild hat es eine besondere Bewandtnis, die im Verlauf der Geschichte zu aufregenden Verwicklungen führt.

In einer seiner nicht üblichen Handlungen hat Weynfeldt Lorena, die er in einer Bar traf, mit zu sich nach Hause genommen. Zu seiner Überraschung will sie sich am Morgen danach das Leben nehmen. Mit einigem Glück gelingt es ihm, sie davon abzubringen.

Neben dem geheimnisvollen Verkauf des Bildes ist es Lorena, die das Geschehen mit ihren ungewöhnlichen Auftritten bestimmt. Sie treibt ein Versteckspiel mit ihm, lässt ihn zappeln und fängt ihn mit ihren Spielchen ein, ihn, der nach einer betrauerten ersten Liebe sich mit dem Alleinsein schon eingerichtet hatte!

Suter baut seine Geschichte gemächlich auf. Mit der Beschreibung der Atmosphäre im Umfeld von Weynfeldt, seiner herrschaftlichen Wohnung, in der er residiert, seinem Tagesablauf, den Begegnungen mit Freunden und Mitarbeitern entsteht das freundliche Bild einer Stadt in er Schweiz mit ihren Bewohnern. Hinter der Fassade der guten Bürgerlichkeit und Weynfeldts argloser Wohlanständigkeit umgeben ihn subtile Machenschaften, von denen er nichts ahnt.

Sehr lange wissen wir nicht: handelt es sich hier um einen Liebesroman oder erwartet uns ein spannender Krimi?
Unermüdlich spinnt Suter die Geschichte fort. Mit der Ruhe des geübten Erzählers, der durch ausgefeilte Sätze und wortreiche Charakteristiken ein Bild der Menschen mit ihren Gewohnheiten zeichnet, steckt er den Rahmen für die Handlung ab. Das Thema Kunst, Kunstauktion und Handel bietet Gewähr für kultivierte und anspruchsvolle Unterhaltung.

Suter ist der Meister der subtilen Geschichten, die er langsam aufbaut, um sie zuletzt zu unerwarteten Höhen der Spannung und zu ebenso unerwarteten Lösungen hin zu treiben.

Mit diesem Roman ist ihm wieder ein Glanzstück gelungen!

Rezension von Claudine Borries

Martin Suter
Der letzte Weynfeldt
Spannende und kultivierte Unterhaltung
ISBN:3257066309
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Lerche

Lerche

Deszö Kosztolányi Lerche Manesse Bibliothek
ISBN 3717521446

In diesem kleinen Büchlein des 1936 bereits verstorbenen Autors Kosztolányi erwacht eine längst versunkene Welt in Ungarn z.Zt. der k.u.k – Monarchie für uns zu neuem Leben.

Fernab von den großen Städten mit ihrer Pracht erleben wir eine kleine Provinzstadt, in dem das Ehepaar Vajkay ihrem Alltag nachgeht.
In einer unspektakulären Handlung wird ihr Haus, die Inneneinrichtung, ihre Wohnung und ihr Leben mit ihrer ältlichen Tochter Lerche beschrieben.
Schon lange waren sie auf das Gut eines Vetters nur unweit ihres Städtchens eingeladen. Sie wollten die Einladung nie annehmen. Nun fährt statt ihrer die Tochter Lerche für eine Woche aufs Land.

Der Aufbruch der Tochter ist in allen Details aufgezeichnet.
Der Tisch im Wohnzimmer, auf dem sich die Sonnenstrahlen abzeichnen, die Couch, auf der noch Bänder zum Verschnüren liegen, der prall gefüllte Koffer und ein Korb mit allerhand Habseligkeiten stehen zur Abfahrt bereit.
Mit großem Aufwand begleiten die beiden alten Leutchen ihre Tochter zum Zug, der schon dampfend auf dem Gleis wartet.
Sie haben Tränen in den Augen beim Abschied und sind zum ersten Male seit langer Zeit alleine.
Zunächst etwas ratlos nehmen sie ihr Leben mit alten Bekannten in dem kleinen Städtchen wieder auf.

In feiner Manier und detailgenau werden die Gefühle der Alten zu Protokoll genommen. Man liest mit Entzücken über die Ruhe, die über der Stadt liegt. Das eintönige Leben läuft immer nach dem gleichen Maß ab. Zwischen den Zeilen spürt man die Ambivalenz gegenüber einer Tochter, die recht hässlich ist, und deren ältliche Gewohnheiten zum täglichen Allerlei gehören, und die man sogleich nach ihrer Abreise vermisst. Ein wenig aber darf man auch spüren, dass der Vater zwischen Zuneigung und stark verleugneter Abneigung schwankt. In einem Augenblick der Schwäche, er hatte ein wenig zu viel getrunken, rutscht ihm seine Abneigung, ja fast Hass, auch verbal heraus,–zum Entsetzen von Mutter!

In einer höchst einduckvollen und den damaligen Geflogenheiten gemäßen Sprache wird die Geschichte fort gesponnen.
Da steht ein Gasthausbesuch an, wo sich die Honoratioren treffen, und eine Theateraufführung steht ins Haus.

Die altmodische und differenzierte Sprachweise löst unweigerlich Bewunderung aus. Die k.u.k Monarchie ersteht mit ihrem Glanz und ihren konventionellen und höflichen Formen, ja so liebenswürdig und zuvorkommend charmanten Tönen des Umgangs miteinander. Man ist hingerissen von der filigranen Ausstattung der Beschreibungen. An jedem Wort und jedem Satz hat man seine Freude. Wie fast toten Gegenständen Leben eingehaucht wird, und ein langweiliges Provinzleben vor unseren Augen belebt wird; wie das Leben so ganz abseits vom Glanz der großen Welt auch im Kleinen seine Lebhaftigkeit und Reize enthüllt, das zeigt Meisterschaft.

Viele berühmte Dichter und Denker wurden Mitte des 19. Jahrhunderts geboren. Zu ihnen gehörten Musil, Broch, Th. Mann, Kafka, Einstein u.a. Aus Ungarn stammten Dichter, die uns heute fremd sind. So manches Kleinod mag darunter noch zu finden sein. Kosztolányi wird in einem Nachwort von Péter Esterházy als einer der besten Dichter jener ungarischen Zeit um die Jahrhundertwende benannt.

Das kleine, wunderschön aufgemachte Büchlein ist eine Kostbarkeit für Menschen mit bibliophilen Neigungen! Ich möchte es sehr empfehlen!

Rezension von Claudine BorriesBestellen

Die kommende Welt

Die kommende Welt

Im Jahr 2001 kam auf einer Singleparty zu Ehren von Marc Chagalls Bildern im Jüdischen Museum in New York ein kleines Bild < Über Witebsk > abhanden.

Marc Chagall hatte 1919 in der jüdischen Kinderkolonie Malachowka gearbeitet. Die Kinder waren während der russischen Revolution bei Pogromen an Juden zu Waisen geworden. Viele seiner Bilder sind dort entstanden, so auch das entwendete Gemälde in New York. Chagall lebte in seinen späteren Jahren in New York und überlebte viele seiner Künstlerkollegen, mit denen er in Malachowka zusammen gearbeitet hatte.

Angeregt durch den Diebstahl hat Dara Horn eine Familiensaga erfunden, die uns zurück nach Russland und in die Jetztzeit nach New York führt.

Die Familie Ziskind bildet den Plot.
Sie wird ähnlich wie die Bilder von Chagall, die Träumen gleichen, in verschiedenen Schattierungen und an unterschiedlichen Orten beschrieben.

Boris Kulback war 1920 mit 11 Jahren in dem Kinderheim Malachowka für jüdische Waisenkinder gelandet und bekam von seinem Zeichenlehrer Chagall ein Bild geschenkt. Seine Tochter Raisa wird es behalten und in ihre Familie mitnehmen.
Als Ben das Bild 2001 in New York in der Ausstellung wieder entdeckte, nahm er es ohne Skrupel an sich. Es gehörte seiner Familie. Was er nicht wusste: seine Mutter hatte es nach dem Tod des Vaters aus Geldnot verkauft.
Unschwer lässt sich erraten, dass seine Mutter die Tochter von Boris Kulback ist.

Die Kuratorin des Museums, Erica Frank, kommt bald dahinter, dass Ben hinter den Diebstahl steckt.

Ben lebt in New York, ist geschieden, war ursprünglich ein Wunderkind und schlägt sich nun tapfer als Erfinder von Quizfragen durch. Seine Zwillingsschwester Sara wird ein Kind bekommen von Leonid, ihrem geschäftstüchtigen Ehemann. Die Mutter von Sara und Ben war Illustratorin und hat bekannte Geschichten jüdischer Autoren für ihre Kinderbücher nacherzählt. Sie ist kürzlich verstorben.
Eines ihrer Bücher heißt < Die kommende Welt >. Ben versteht eines Tages, dass die Geschichten nicht auf das Jenseits gerichtet sind, sondern dass die kommende Welt die Zukunft ist, die man mit den eigenen Entscheidungen in diesem Leben schafft.

Die Autorin wechselt die Zeitebenen, so dass ein wechselvolles Familiengemälde entsteht.
Durch das jüdische Leben in Russland und das jüdische Leben in New York entstehen Parallelwelten. Verbunden bleiben sie durch die Familiengeschichte der Ziskinds.

Atmosphärisch eindringlich und mit Humor werden die Eigenheiten der Einwanderer russisch-jüdischer Abstammung vorgestellt. Archaische Familiengebote bestimmen auch in der neuen Welt das Leben jüdischer Familien. Bens Vater musste im Vietnamkrieg kämpfen, um unabhängig vom Vater sein Studium zu beenden, denn die Ehe mit Raisa war dem Vater nicht genehm.

Die phantasievolle Ausschmückung der Familiengeschichte ist bestrickend. Einmal befindet man sich im Russland der Verfolgungen, unter denen schon früh die Bürger jüdischer Herkunft zu leiden hatten. Dann wieder ist man in der apokalyptischen Gegenwart der Welt des Terrorismus in New York.
In einer skurrilen, traumähnlichen Weise wird der zukünftige Erdenbürger Daniel, das Kind, das Sara erwartet, über die kommende Welt aufgeklärt. Die Sprache erinnert in ihrer Ausschmückung an die schwebenden, erdenfernen Bilder von Chagall. Man wird sehr lebhaft in diese Traumwelt hineinversetzt.

Die Geschichten der einzelnen Protagonisten sind in vielfältiger Weise miteinander verwoben.

Ein Gesamteindruck bildet sich erst nach und nach heraus. Lebensgeschichten und Familiengeschichten folgen eigenen Gesetzen, im Leben wie im Roman.
Die Autorin kennt sich gut aus mit dem jüdischen Glauben. Für Juden ist die kommende Welt die Verheißung auf das gelobte Land.

Das jüdische Viertel in New York gewinnt Leben durch die Tradition und die rituellen Feste. Das Yiddische wird vermischt mit dem Russisch der Herkunftsländer gesprochen.
Der Plot wird immer verwickelter und spannender. Ein weit gespannter Bogen führt vom Gestern bis in die Gegenwart.

Träumerisch, teilweise beängstigend, unwirklich und real: die Mischung lässt das Werk zu einem opulent ausgeschmückten und reich verzierten Bild werden, das den Gemälden von Chagall im Wort nacheifert.

Die Vermischung des realistischen Ausgangspunkts der Geschichte hin zu einem spannenden und ausschweifenden Familienbild, witzig, komisch und von jüdischem Humor getragen, bietet ein ungewöhnliches Szenario.

In einem Nachwort berichtet die Autorin von den jüdischen Schriftstellern, die ermordet wurden. Sie hatten sich in der Kolonie Malachowka mit Chagall zusammengefunden. In Anlehnung an ihre Erzählungen hat Dara Horn einige ihrer Geschichten im Roman ausgestaltet.
Dara Horn hat in Harvard hebräische und jiddische Literatur studiert und lebt heute in New York.

Dara Horn
Die kommende Welt
Jüdische Familiensaga zwischen Traum und Wirklichkeit
ISBN:3833305290
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Karlmann

Karlmann

Ein Tennismatch als Parabel auf das Leben: Sieg oder Niederlage!
So beginnt M. Kleeberg seinen Roman über Karlmann Charly Renn, einen Normalbürger.
Es ist Charlys Hochzeitstag, an dem Boris Becker Wimbledonsieger wurde, und er sieht sich ebenfalls als Sieger: seine Frau schöne Christina, die er am Morgen geheiratet hat, wartet mit dem Fest auf ihn. Er sitzt ein letztes Mal mit seinen Freunden zusammen, bevor sein neues Leben beginnt.

Detailliert wird die Szene um den Hochzeitsabend und das Mahl zu Protokoll gegeben. Die Kleider und die Menschen erfahren ausgiebige Würdigungen. Assoziativ beleben die Gedanken von Karlmann das Bild.
Die Familie von Christina, seiner Braut, wurde von seiner Familie als nicht ganz standesgemäß angesehen. Ihr Vater ist Tischler, während Charly aus einer angesehenen Juweliersfamilie kommt. Die Begegnung der beiden Familien verläuft entsprechend aneinander vorbei.
Die alten Freunde und Freundinnen sind natürlich mit von der Party.
Dem Leser ist nicht ganz geheuer, wie es denn nun um Charlys Zukunftsplanungen bestellt ist. Entgegen aller festlichen Feiern wirkt sein Blick unterkühlt analysierend und gar nicht so froh.

Interessant ist die Sichtweise des Helden dieser Geschichte: alles Pompöse ist ihm peinlich, von der < Beiläufigkeit >, die er bevorzugt, ist die Rede.
Er ist der Prototyp des Bürgers der Wende zum 21. Jahrhundert. Da ist Understatement gefragt. Protzen, Angeben, alles Künstliche und Aufgesetzte wird ironisiert.

Reflektierend durchschreitet er sein Leben.

Geschäftsführer eines Autohauses, das seinem Vater gehört, in der Ehe nicht wirklich zu Hause, bleibt er ein Skeptiker und Zweifler, der alles durchschaut und doch in den Fängen des Alltags hängen bleibt.
In langen Gedankenfetzen, Selbstgesprächen und immer wieder eingeblendeten kritischen Anmerkungen bei entsprechenden Anlässen ziehen die ersten drei Jahre von Charlys Zusammenleben mit Christina vorüber.
Am Ende sieht es trübe aus: in seinem Leben und in seiner Ehe.

Das Buch spiegelt eine Zeit, in der viele Fragen an das Leben unbeantwortet bleiben werden. In der Gesellschaft ist Erfolgsstreben angesagt. Abhängigkeiten in der Familie schränken Charlys eigene Entwicklung bedrohlich ein.
Eine ohnmächtige innere Leere macht sich breit.
Christina aber schwingt sich zu eigenem beruflichem Fortkommen auf.
Kleeberg bietet eine Analyse des Gegenwartsmenschen. Die Bedrückungen des Alltäglichen und der Mangel an Eigeninitiative lassen Charly in die Welt vor seiner Eheschließung zurückfallen.
Sein Weitblick und sein Einsehen sind zu beschränkt, um zu bemerken, dass Perspektiven fehlen, und Christina dieses Leben nicht weiter mittragen will.

Charakteristisch für die Reflexionen bleibt das Nachdenken über den Tag und das, was kommen mag. Kleeberg hat mit seinem Roman den Nerv der Zeit getroffen!
Der ist Übersetzer von Prousts Werken. Seine Prosa ist nicht ganz unbeeinflusst von der reflektierenden Bewusstseinsliteratur des großen französischen Schriftstellers!

Michael Kleeberg
Karlmann
Normalbürger unserer Zeit
ISBN:3421054592
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Remember Celia Jones

Remember Celia Jones

Tamara Hayle, eine farbige Detektivin und ehemalige Kommissarin, gibt die Hauptprotagonistin in diesem wohltuend ruhigen und menschlichen Kriminalroman.

Eines Tages ist Celia Jones ermordet aufgefunden worden. Tamara und Celia waren einst beste Freundinnen, hatten aber schon lange den Kontakt zu einander verloren.
Mit ihr fühlte sich Tamara in der Schule eng verbunden, weil diese sich alleine durchs Leben schlagen musste. Dann aber geriet Celia in herunter gekommene Kreise und die Wege der beiden Frauen trennten sich.
Tamara lebt und arbeitet in Newark. Ihr Sohn Jamal, ca 14 Jahre alt, ist ihr ganzes Glück.
Als sie von dem Sohn von Celia aufgesucht wird, um bei der Suche nach dem Mörder seiner Mutter behilflich zu sein, kann sie sich seinem Ansinnen nicht entziehen. Kurz darauf wird auch Cecil, Celias Sohn, ermordet aufgefunden.

Nun fängt Tamaras Suche erst richtig an!

Ihr begegnen Männer, die sie von früher kennt. Sympathische und weniger sympathische sind darunter. Entfernt oder nah haben sie alle mit Celia zu tun gehabt.

Tamara ist im besten Alter, geschieden und der eine oder andere Freund aus ihrer Schulzeit bedeutet für sie reizvolle Versuchung. Entsagungsvoll denkt sie an ihren Sohn, der ihr alles bedeutet, und lässt die Finger von allen Flirts. Die Angst um das Leben des eigenen Sohnes spielt im Leben Tamaras eine wichtige Rolle. Auf ihn setzt sie alle Zukunftshoffnungen, nachdem ihre Ehe schon gescheitert ist.

Wunderbar einfühlsam und mit viel Herz berichtet V. Wesley über ihre Protagonisten.

Wir haben es mit einer farbigen Mittelschicht zu tun: Richter, Autohändler, Kaufleute und weitere angesehene farbige Bürger sind unter den handelnden Figuren zu finden.
Die Unterwelt und die Drogendealer bilden die dunkle Seite dieser bunten amerikanischen Bürgerwelt in Newark.

Wesley ist eine geschickte und menschlich teilnehmend taktierende Erzählerin, so dass der Reiz der Geschichte bei den Charakterisierungen der Menschen liegt. Der Kriminalfall bietet den Rahmen, um über die Gesellschaft zu berichten.
Man fühlt sich in das Milieu der Leute hineingezogen und möchte die Städte und Menschen gerne kennen lernen, von denen wir hier hören.
Rassenhass und Sexismus stecken hinter so mancher Intrige, die Tamara erleben musste.

Die Güte dieses Kriminalromans liegt im Geschick, Spuren zu legen, den Leser in die Irre zu führen und ihn in das Leben der Protagonisten einzuweihen. Dass die Lösung eine ganz und gar unerwartete ist, macht diesen Roman zu einem spannenden Leseerlebnis!

Valerie Wilson Wesley
Remember Celia Jones
Krimi mit menschlichem Gesicht
ISBN:3257236689
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Der Tag ist mein Freund

Der Tag ist mein Freund

Elisabeth Ruth Der Tag ist mein Freund btb
ISBN 3442736749

Wer als Junge sein Gesicht buchstäblich durch einen selbst verschuldeten Brand verliert, dem wird ein schweres Los zuteil.
Buster McFiddie hat nach einem versoffenen Abend mit seinen Freunden eine Zigarette im Bett angezündet und ist darüber eingeschlafen.
Seine Eltern haben ihn aus dem brennenden Bett gerettet. Er sieht sich im Spiegel an und kann nicht fassen, was er da sieht. Sein hübsches Jungengesicht, er ist erst 15 Jahre alt, ist zu einer Fratze geworden: vernarbt, verquollen und durch verbrannte Haut verunstaltet.
Doc John betreut ihn rührend und verständnisvoll. Er ist ein gütiger Arzt, der ihn während seiner Leidenszeit im Krankenhaus und zu Hause mit Gangstergeschichten ablenkt, während er seine Wunden behandelt.

Buster ist der Sohn von Tom McFiddie und seiner Frau Isabel.
Der ältere Bruder Hank ist nun derjenige, der das Rennen bei der Tabakanbaufirma seines Vaters mit bestimmt. Buster ist out, ein Außenseiter ohne Zukunft und von Gedanken an ein Leben außerhalb der Norm gequält. Wer wird ihn noch mögen? Welches Mädchen wird sich noch zu ihm hingezogen fühlen?
Wie Ironie des Schicksal klingt der Name des Ortes, in dem sie leben: Smoke! Es ist ein Ort in Kanada.

Tom McFiddie ist ein hart arbeitender, zielbewusster Mann. Für ihn gibt es kein Pardon bei der Erziehung seiner Söhne. Auch Buster wird gezwungen, sein altes Leben wieder aufzunehmen: Schule oder Arbeit.

Doc John wird Busters guter Geist, der selber ein Unglück in seinem Leben zu verbergen hat. Es betrifft seine Ehe. Selten findet man so einfühlsam und tiefenscharf die Beziehung zwischen Mann und Frau analysiert, wie in der Entwicklungsgeschichte der Ehe von John und Alice.
So muß wahre Liebe aussehen! Doch der Schein trügt.
Die ehrliche Geschichte birgt ein Geheimnis, das erst ganz zuletzt gelüftet wird!

E. Ruth hat eine kleine Stadt und ihre Bürger zum Thema genommen. Im Mikrokosmos dieser Welt gibt es Freunde und Feinde, Argwohn, Misstrauen, Hass und erste Liebschaften zwischen den Jugendlichen, Konkurrenz, Neid und Abenteuer. Die anrührende Freundschaft zwischen dem alten Doc und dem Jungen, der innerlich und äußerlich tiefe Verletzungen erlitten hat, zeugt von Herz und Verstand.

Die Welt der Tabakanbauer und ihrer Ernten mit dem Erfolg oder Mißerfolg ihrer Arbeit wird dem Leser sehr nahe gebracht. Dazu erleben wir die enge Welt der kleinen Leute, in deren Leben schon die kleinste Aufregung zu Abwechslung, Tratsch und Klatsch führt.
Das Buch ist kein Krimi und trägt doch ähnlich Züge. Spannend, menschlich anrührend und von vielen unterschiedlichen Charakteren bevölkert ist die Lektüre anregend und reizvoll zu lesen.

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Kleine Abschiede

Kleine Abschiede

Anne Tyler Kleine Abschiede List TB
ISBN 3548607586

Delia lernt eines Tages durch Zufall Adrian in einem Supermarkt kennen.
Die Verkettung der Umstände ist kurios. Sie ist verlegen und amüsiert über die Bekanntschaft, denn Adrian ist höchstens 32 Jahre alt. Dagegen kommt Delia sich mit ihren vierzig Jahren alt vor.
Sie ist mit einem Arzt verheiratet und hat drei heranwachsende Kinder. Die Jugendlichen sind in der unlustigen und mürrischen Pubertätsphase. Der Älteste, Ramsey, ist zum Studium schon aus dem Haus. Die Ehe der Grinsteads dümpelt vor sich hin, und das Familienleben ist nicht besonders erheiternd.
Als sie eines Tages im Mai mit der erweiterten Familie Urlaub am Meer macht, überkommt sie der Drang, sich einfach einmal von der Familie zu entfernen.
Die beiden Schwestern, ihre Nichten, ihr Mann und die Kinder sind ihr so gleichgültig…
Sie geht den Strand entlang und fährt am Ende per Anhalter mit einem Typen mit, den sie zufällig getroffen hatte. In Bay Borough steigt sie aus. Sie findet ein Zimmer, eine Stelle und liest in der Zeitung, dass man sie als vermisst gemeldet hat.

Zufällig begegnet ihr ihre Schwester Eliza. Ratlos lässt diese Delia in der Annahme zurück, dass sie sicher bald wieder nach Hause kommen wird.
Delia bleibt in einer starren Ruhe für sich alleine und nimmt ihr Leben stoisch und ohne große Abwechslung in die Hand.
Im Stillen hatte sie gehofft, dass ihr Mann Samuel sie bald aufsuchen und mit nach Hause nehmen würde. Leider aber scheint niemand sie wirklich zu vermissen!

Die Autorin beschreibt prägnant, wie Delia ihr Leben in die Hand nimmt.
Sie lernt Menschen kennen und kommt zu der Einsicht, dass sie das wahre Leben nie richtig begriffen hat. Zu jung hat sie direkt vom Vater zum Ehemann gewechselt, um selbstständig leben zu lernen.
Wie Anne Tyler das Thema anpackt, das ist eindrucksvoll und rührt an eigene Erfahrungen. Der Protagonistin begegnen auf ihrer Lebensreise Menschen, die ihr zu neuen Erkenntnissen verhelfen: dass das Leben nicht immer reibungslos und glücklich verläuft. Dass jedes Leben den Wechselfällen von Zufall, eigenem Dazutun und Schicksal ausgesetzt ist. Einfühlsam und klug beschreibt Anne Tyler, wie sich Delia mit ihren Einsichten zu einer anderen Person wandelt. Sie erfährt etwas, das ihr sehr wichtig wird: dass man sie mag, und dass sie eine beliebte Freundin und Zuhörerin sein kann. Das ist neu für sie, denn zu Hause fühlte sie sich nur mehr als Zubehör zum Haushalt, der reibungslos funktionieren musste. Die Erfahrung der Selbstständigkeit befähigt sie, sich als Individuum wahrzunehmen und zu behaupten.
Zuletzt kann sie ihre gewonnenen Einsichten im Umgang mit der verlassenen Familie einsetzen. Damit setzt die Autorin einen versöhnlichen Schlusspunkt: Man kann aus Erfahrungen lernen und zu neuen Impulsen finden.

Anne Tyler ist eine großartige Erzählerin, die das amerikanische Familienleben mit feinem Gespür für die Realitäten unter die Lupe nimmt. Schon in ihrem Buch < Im Krieg und in der Liebe > hat sie sich des Themas angenommen und hier in einem weiteren Roman das Bild über die amerikanische Mittelschichtfamilie erweitert. Man liest das Buch mit Spannung, Aufmerksamkeit und mit Verständnis für die beschriebenen kleinen Abschiede!

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