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Kategorie: Belletristik

Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

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Da schreiben sich zwei, die sich nicht kennen, nur weil der eine etwas vom anderen gefunden hat. Johan hat Jana einen Kalender zurückgeschickt, den sie vor langer Zeit in einer Telefonzelle vergessen hat. Hier in der Wendeschleife hat der Busfahrer wochenlang vergeblich versucht, einen Anruf zu tätigen.
Jana hat den Planer sehr vermisst. Eine äußerst wichtige Telefonnummer war ihr mit dem Verlust abhandengekommen. Doch auch sie erreicht nun niemanden mehr.

Jana schreibt zurück, und es entwickelt sich eine Korrespondenz, die bald an Tiefe gewinnt, obwohl die beiden sich fremd sind. Beide hat das Schicksal aus der Bahn geworfen. Und so ist der Austausch willkommen, denn vielleicht ergibt sich eine Möglichkeit, Klarheit in die Gedanken zu bringen. Das Schreiben hat sozusagen eine therapeutische Wirkung, wobei keiner wissen kann, in welche Richtung es geht. Es scheint einfacher zu sein, einem Fremden gegenüber offen zu sein, sich frustriert zu geben oder Entscheidungen zu hinterfragen und mögliche Fehler einzuräumen.

Der Busfahrer und die Zukunftsforscherin, die ihren Lebensunterhalt als Kurierfahrerin bestreitet, müssen ihr Leben neu ordnen und einen Weg finden, mit den Gegebenheiten zurechtzukommen. Es könnte so einfach sein und ist doch so schwierig. Schließlich finden die beiden eine Parallele in ihrem Leben, die in der jetzigen Situation weiterhelfen könnte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer entwickelt sich. Es ist eine Anregung, die darüber entscheiden könnte, ob die persönlichen Dinge sich klären lassen oder ob man sie nehmen kann, wie sie sind, sodass ein Leben ohne ständige Ängste und Zweifel möglich wäre.

Der Gedankenaustausch ist fiktiv. Anne von Canal und Heikko Deutschmann sind in die Rollen von Jana und Johan geschlüpft. Sie haben sich geschrieben, ohne etwas abzusprechen. Die beiden Autoren zeigen mit dem Schriftwechsel, wie erdrückend Lebensumstände sein können und wie schwer, die Vergangenheit aufzuarbeiten, die Last abzuwerfen und sich selbst verzeihen zu können.

Schon seltsam, welche Ideen sich bei diesem Schriftwechsel der beiden Autoren ergeben haben. Wie der Ball zugeworfen und aufgefangen wird oder eben nicht. Um das Buch spannend zu halten, müssen ja immer wieder neue Aspekte eingearbeitet werden. Und die Figuren müssen sich weiterentwickeln, womit sich diese allerdings schwertun. Und das Ende des Buches ist eher ein neuer Anfang, wenn es der Leser möchte …

Rezension von Heike Rau

Anne von Canal und Heikko Deutschmann
I get a bird
272 Seiten, gebunden
mareverlag, August 2021
ISBN-10:‎ 3866486820
ISBN-13: 978-3866486829
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J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

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Elisabeth und Andrew, die viele Jahre in New York verbracht haben, leben nun in einer Kleinstadt, um hier ihren Sohn Gil aufzuziehen. Elisabeth vermisst ihre engste Freundin Nomi, die in Brooklyn geblieben ist. Eine von anderen Müttern gegründete Facebook-Gruppe und auch die anderen Frauen in der Laurel Street, die sie in ihren Buchclub aufgenommen haben, füllen die Leere nicht. Andrew erweist sich als liebevoller Vater, doch muss er sich um seine neueste Erfindung widmen. Elisabeth ist vertraglich gebunden und hat ein drittes Buch zu schreiben. Sie wird sich um eine Kinderfrau kümmern müssen, um Zeit zum Schreiben zu haben. Und so kommt Sam in die Familie, eine Kunststudentin, und kümmert sich um Gil. Die beiden Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein. Aber sie haben sofort einen guten Draht zueinander.

J. Courtney Sullivan zeigt auf, wie sich zwischen Elisabeth und Sam eine Freundschaft entwickelt, die von der älteren Frau angestoßen wird. Sie sieht sich selbst ein bisschen in Sam und möchte vermeiden, dass diese die gleichen Fehler macht wie sie selbst. Das mag gut gemeint sein, aber ihre Art und Weise Sam zu beeinflussen, ist ein bisschen übergriffig. Elisabeth sieht nicht, dass es nicht unbedingt gut für Sam sein muss, zu handeln, wie sie selbst es tun würde.

Die beiden Frauen stammen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Während Elisabeth reiche Eltern im Hintergrund hat, muss Sam sich mit einem Studienkredit verschulden und nebenbei in der Küche der Mensa und als Babysitterin etwas dazu verdienen. Und doch ist es auch ein Privileg, dass ihr überhaupt eine Bildungschance offensteht. Der Roman ist also durchaus gesellschaftskritisch. Das wird untermalt mit der Theorie vom Hohlen Baum, mit der sich Elisabeths Schwiegervater George sich auseinandersetzt. Elisabeth belächelt seine Ansichten. Aber Sam kann er dafür gewinnen.

Es ist interessant zu sehen, wie die beiden Frauen sich anfreunden und miteinander umgehen, besonders dann, wenn es Differenzen gibt. Sie sind nicht gleichberechtigt in dieser Beziehung, denn Sam ist auf das Geld, das sie beim Babysitten verdient, angewiesen. Dennoch findet eine Entwicklung statt, vor der sich auch Elisabeth nicht verschließen kann. Beide gewinnen durch diese Freundschaft, verlieren aber auch viel.

Rezension von Heike Rau

J. Courtney Sullivan
Fremde Freundin
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien und Jan Schönherr
528 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, Juli 2021
ISBN-10: 3552072519
ISBN-13: 978-3552072510
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Doris Knecht: Die Nachricht

Doris Knecht: Die Nachricht

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In einem ruhigen und beschaulichen Garten sitzt Ruth mit ihrem Laptop, als sie eine sonderbare Nachricht erhält: man verkündet ihr hämisch auf Facebook, dass ihr Mann, der vor drei Jahren verstorben ist, eine Affäre hatte. Ja natürlich wusste sie davon! Aber wer erdreistet sich, in dieser Weise in ihr Leben einzudringen?

Doris Knecht beginnt ihren Roman über eine gestandene Frau in einem schönen, verwunschenen und herrlich einsam gelegenen Haus mit Garten. So lieblich mutet das Ganze an, dass man sich auf einen erbaulichen Roman einstellen möchte. Doch ganz so wunderbar bleibt es nicht!

Im Verlauf der Geschichte lässt Doris Knecht das Leben von Ruth, ihren Kindern und Ehemann vor unserem inneren Auge erstehen. Man merkt bald, dass in der Familie so einiges nicht zum Besten steht. Man kann sich aber nur schwer vorstellen, dass sie Anlass für Stalking bot.

Die Nachricht bildete erst den Anfang einer unendlichen Folge von Netzeinträgen mit diffamierendem Charakter und hässlichen Anschuldigungen, die auch an den Grundfesten der Beziehung zu ihren Freunden und Freundinnen rüttelt.

Doris Knecht versteht es hervorragend, einen Spannungsbogen aufzubauen, der den Leser*in immer mehr in seinen Sog zieht.

Die nächstliegende Frage bewegt allmählich schon sehr: wer könnte der Absender der boshaften Nachrichten sein?

Je mehr wir in die näheren Lebensumstände und Gewohnheiten von Ruth eingeweiht werden, desto enger wird das Netz der Beschmutzungen, die sie ereilen.

Doris Knecht steigert die Geschichte zu einem ausnehmend fesselnden Psychothriller. Das Netz der Beschuldigungen engt Ruth immer mehr ein. Man fasst es nicht und denkt darüber nach, dass es Psychotiker gibt, die keine Möglichkeit der Verfolgung auslassen. Dass es sogar in den besten Kreisen Menschen dieser Psychostruktur gibt, überrascht am Ende nicht.

Dem Leser*in bleibt fast der Atem stehen. Unweigerlich nimmt man innerlich Partei für die Hauptprotagonistin und bangt mit ihr um eine Lösung dieses Wahnsinns.

Ein so fesselnder und gut durchstrukturierter Roman dieser Dimension ist mir lange nicht begegnet!

Ich kann ihn nur sehr empfehlen, zumal diese Geschichte in unserer Zeit durchaus Wahrheitscharakter hat.

Doris Knecht
Die Nachricht
256 Seiten, gebunden
‎Hanser Berlin, Juli 2021
ISBN-10: 3446271031
ISBN-13: 978-3446271036
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Daniela Krien: Der Brand

Daniela Krien: Der Brand

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Daniela Krien erzählt in ihrem Roman die Geschichte einer Ehe, die in der Krise steckt.

Rahel und Peter sind an die fünfzig Jahre alt und seit dreißig Jahren verheiratet. Sie haben zwei Kinder, die inzwischen aus dem Haus sind. Das Ehepaar hat sich eingerichtet mit der Zweisamkeit.

In langsamem Fortgang berichtet die Autorin überlegt und reflektiert, wie es zur inneren und äußeren Entfremdung zwischen den Eheleuten kam.
Beide haben angesehene Berufe als Professor und Psychotherapeutin.
Ein bevorstehender Urlaub scheitert, weil das Haus in den Bergen, wohin sie reisen wollten, einem Brand zum Opfer fiel.

Unvorhergesehen bittet eine alte Freundin der Familie das Paar um Hilfe. Ihr Hof in der Uckermark mit einigen Tieren muss versorgt werden, da der Mann erkrankt ist. Rahel sagt zu. Peter ist verärgert, weil sie ihn nicht einmal gefragt hat, ob er mit dieser Lösung einverstanden sei.

Unmerklich gelangt Daniela Krien mit dieser Szene zum eigentlichen Kern ihres Romans: die Krise der Ehe wird langsam sichtbar.
Die Autorin hat ein feines Gespür für die innerpsychischen Spannungen, die nicht direkt ins Auge fallen.

In gut platzierten Stimmungen und Aussprüchen wird der Leser*in Zeuge einer Entfremdung, die zu traurigen Einsichten bei Rahel führen. Da spielen Erinnerungen an ihre Mutter eine Rolle, da geht es um schwierige Mutter-Töchterbeziehungen, um Enttäuschungen auf Seiten des Mannes und um Wünsche und Sehnsüchte seiner Frau. Eine tiefe Sprachlosigkeit fällt ins Auge. Versuche der Annäherung scheitern am Unwillen von Peter. Als er schließlich sagt, was er nicht will, ist das für Rahel in ihrer eigenen Lebenskrise hart.

Man ist als Leser*in gefangen von den Vorgängen. Der Besuch der Tochter mit zwei wilden, kleinen Enkelsöhnen beschwört neue Schwierigkeiten herauf.
Daniela Krien entwickelt ihre Geschichte psychologisch überzeugend mit einem abgewogenen Spannungsbogen. Man glaubt ihr jedes Wort und ist fasziniert vom Fortgang der Familiendramatik mit allen gegenseitigen Abhängigkeiten, Vorwürfen und Versagensgefühlen.

Herausragend sind die Naturbeschreibungen. Seen, Wälder, Sonne und Wind lassen das Land in prächtigen Farben vor unserem inneren Auge erstehen.

Eine subtile Familiengeschichte öffnet den Blick auf Entwicklungen, die es in jedem Leben mit allen Höhen und Tiefen geben mag. Ehen folgen häufig dem gleichen Schema: lebendige Anfänge, Überwindung von Hürden, Erfolge und schließlich Ermüdung. Wie aber hält man ein weiteres Auseinanderdriften auf? Man darf gespannt sein, wie die Autorin ihr Geschichte ausführt!

Ein aufregendes und gelungenes Werk ist Daniela Krien gelungen. Es scheint der Wirklichkeit abgeschaut. Man kann das Buch uneingeschränkt empfehlen!

Die Autorin ist mit weiteren Romanen auf dem Buchmarkt vertreten und gilt als anerkannte Schriftstellerin. Sie lebt in Leipzig.

Daniela Krien
Der Brand
Diogenes, 28. Juli 2021
272 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257070489
ISBN-13: 978-3257070484
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Stefan Hornbach: Den Hund überleben

Stefan Hornbach: Den Hund überleben

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Das Buch des jungen Autors Stefan Hornbach, Jahrgang 1986, „Den Hund überleben“ besticht durch eine unmittelbare Direktheit, mit der man sich sogleich in die erste Szene der Geschichte hineinversetzt findet.

Ein junger Student, der Icherzähler, bummelt mit seiner Freundin durch Paris. Sie haben ein paar Tage zusammen verbracht und haben Spaß zusammen.
Die beiden landen in einem Secondhand Shop, wo sie verschiedene Kleidungsstücke anprobieren. Sie amüsieren sich, trödeln von diesem zu jenem Ort und fotografieren sich. Ihnen fallen immer neue kleine Albernheiten ein. Schließlich erfährt Su von einer Party, die in irgendeinem Park stattfinden soll. Dort trinkt man, isst, tanzt und sitzt herum. Zeit spielt keine Rolle, aber fröhlich wirkt die ganze Geschichte nicht. Sebastian geht es nicht besonders gut. Er wirkt leicht angeschlagen, etwas überrumpelt von dem Geschehen und ein wenig verkatert.

Kurz gesagt: es ist eine vorübergehende kleine Episode mit Sex und Fun, bis Sebastian wieder als Mitfahrer Richtung Heimat nach Frankfurt und Gießen in seine Studenten WG startet.

Er fährt zu seinen Eltern, wo er sich in ärztliche Behandlung begibt, weil er sich nicht gut fühlt.
Beim Arzt erfährt er von einer bedrohlichen Diagnose. Man spricht von Geschwulst bis Tumor, von „raumfordernd“, von klein bis groß, verharmlosend bis Ernst.
Anschließend wird er sich einer langen Chemotherapie unterziehen müssen. Er leidet am non-Hodgkin-lymphom.

Stefan Hornbach hat die Krankheit als Rahmenhandlung genutzt, um uns Einblicke in das Leben des noch jungen Mannes von 24 Jahren zu gewähren.
Zwei gute Freundinnen, Su und Jasna, begleiten Sebastian auf allen seinen Wegen und nehmen Anteil an seinen kleinen Liebesaffären. Er ist schwul.

Auffälliges Merkmal dieser Erzählung ist die Offenheit und unaufdringliche Teilnahme, die dem Jungen von Eltern und Freunden*innen entgegengebracht wird. Da kommt kein falscher Ton auf, keine Sentimentalität oder Gefühlsduselei. Lakonisch, direkt und unmittelbar sind seine Begegnungen und Erfahrungen. Gelegentlich wird durch Überziehen der Sätze ins Humoreske eine ernste Situation entschärft. Fast protokollarisch muten die Sätze zuweilen an. Selbstverständlich bestimmen die Krankheit und Chemotherapie das Leben des Helden innerlich und äußerlich.
Sebastian­­­­­­ versucht sein Leben als Student mit Spaß und Erlebnissen zu wahren.

Obwohl sich alle um Nüchternheit im Umgang mit ihm bemühen, spürt man den Schmerz der Beteiligten, die sich um ihn scharen. Wie der Autor die Eltern, nicht zu vergessen die Oma, agieren lässt, das zeigt das Können des jungen Stefan Hornbach. Unter der Oberfläche der Sachlichkeit schwelt bei allen eine tiefe Sorge um ihren Sohn und Freund. Es gibt Szenen von selten poetischer Schönheit. Die Liebe zur Natur, die Suche nach Einsamkeit, die Sehnsucht von Sebastian nach einem normalen Leben oder einer verlorenen Liebe ist unübersehbar. Sensibel und feinfühlig wird er uns präsentiert.
Er ist eine Figur, die so realitätsnah auftritt, dass man meint, es gäbe ihn wirklich.

Die Frage bleibt: was kann einen Autor zu diesem Sujet verleitet haben?

Stefan Hornbach ist ein ernsthafter Autor, dem man eine starke innere Nähe zu seinem Helden glaubt.

Ihm ist mit diesem Debütroman ein großer Wurf gelungen.

Stefan Hornbach
Den Hund überleben
Carl Hanser Verlag, 26. Juli 2021
288 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446270787
ISBN-13: 978-3446270787
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Zeruya Shalev: Schicksal

Zeruya Shalev: Schicksal

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Zeruya Shalev hat die ganz große Begabung, die man ähnlich bei anderen israelischen Schriftstellern wie Amos Oz oder David Großmann findet: aus einer Vielzahl Assoziationen, träumerischen Erinnerungen und Gegenwartserlebnissen ein Geflecht von Beziehungsmustern sichtbar werden zu lassen.

In ihrem neuen Roman „Schicksal“ geht es um zwei Paare: Rachel und Menos und Atara mit Alex.

Rachel und Menos hatten sich 1948 in der Terrororganisation Lechi engagiert, die die Befreiung Israels aus der englischen Mandatsregierung zum Ziel hatte. Menos verschwindet schnell spurlos aus der Geschichte und aus Rachels Leben.

Die Icherzählerin Rachel ist inzwischen an die neunzig Jahre alt, als eine nicht mehr ganz jungen Frau zu ihr kommt. Wie sich herausstellt ist Atara die Tochter von Menos. Sie spürt der Geschichte ihres Vaters und seiner ersten Ehe nach.

Atara ist mit Alex verheiratet und hat mit ihm den gemeinsamen Sohn Eden. Beide hatten schon Kinder aus vorherigen Ehen. Die Beziehungen in dieser Familie sind kompliziert und konfliktträchtig.

So beginnt eine Erzählung, in der es um Krieg, Liebe, Verlust und psychisches Leid geht.

In der Erzählung laufen die Lebensgeschichten von Rachel und Atara parallel. Besonders Letztere ist in einem Netz aus Zweifeln und Selbstzweifeln gefangen. Als ihr Mann Alex sehr plötzlich und unerwartet stirbt, ist die Handlung weitgehend mit ihrem Schicksal und ihrer problematischen Ehe befasst.

Mühsam sind in der Folge die Zeitsprünge zwischen der Staatsgründung und dem späteren Israel. Man spürt die allgegenwärtige Gewalt kriegerischer Handlungen.

Nahe kommt einem in der Beschreibung von Zeruya Shalev die Landschaft, die Städte und das allgemeine politische Klima seit der Staatsgründung 1948, als es noch eine britische Mandatsbesatzung gab. Die Verfolgung, der Holocaust und die Jahrhunderte währende Ghettoisierung haben die Bewohner Israels zu Überlebenskünstlern und Kämpfern gemacht, die sich nie wieder einem Untergang ergeben werden.

Wenn der Roman auch zu Anfang interessante Einblicke in das Leben, die Geschichte und das Schicksals Israels verspricht, so kommt im Laufe der Erzählung Langweile auf. Zu wenig stringent und zu ausschweifend verliert sich die Autorin in langatmigen Schilderungen über die innerlichen Befindlichkeiten ihrer Protagonisten. Bei einer Autofahrt zu Rachel erlebt Atara lange Verzweiflungsausbrüche und unendliche Gefühlsberichte über ihre innere Zerrissenheit. Irgendwann fühlt man Überdruss, weil rein gar nichts vorangeht. Die Sprache ist schön, ästhetisch und ausdrucksvoll, gelegentlich fast biblisch; sie reicht aber nicht, den Roman zu einem anhaltend interessanten Leseerlebnis werden zu lassen.

Vom Ansatz her geht es um ein interessantes Familiengeflecht mit vielen Irrungen und Wirrungen, Enttäuschungen und Verlusten. Die Schilderung der Beziehungsdramen und Ataras Anklagen gegen sich und andere machen den Roman zu einem Stück tragischer Familiengeschichte.

Wer an dieser Art Psychodrama interessiert ist und ganz allgemein am Leben in Israel gerne teilnimmt, wird auf seine Kosten kommen.

Die Übersetzung von Anne Birkenheuer wird allenthalben als große Leistung gewürdigt.

Zeruya Shalev
Schicksal
Berlin Verlag: 2. Edition, Mai 2021
416 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3827011868
ISBN-13: 978-3827011862
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Melissa Harrison: Vom Ende eines Sommers

Melissa Harrison: Vom Ende eines Sommers

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Auf einer Farm in Suffolk/ England lebt in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts Edith Mather im Kreise ihrer Familie.
Sie ist eine intelligente Schülerin muss aber fleißig auf der elterlichen Farm helfen, da alle Hände gebraucht werden. Es ist die Zeit wirtschaftlicher Not nach dem ersten Weltkrieg. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise machen allen schwer zu schaffen.
Ediths ältere Schwester ist verheiratet und hat schon ein Baby. Frank, der Bruder arbeitet ebenfalls mit auf der Farm und hilft beim Ernten und beim Bestellen der Felder.

Eines Tages erscheint Constance FitzAllen aus der fernen Stadt London. Sie gibt sich als Journalistin aus und will eine Kolumne über das Landleben schreiben.
Edie ist eher introvertiert. Sie liest viel und durchstreift die Wälder. Sie empfindet das Glück der Natur, die Farben, den Duft des Heus, die wechselnden Jahreszeiten.
Constance aber löst Bewunderung in ihr aus. Dass diese ihre Nase überall hat, stört sie nicht.

Melissa Harrison, die Autorin des vorliegenden Romans, hat eine besondere Gabe, den wechselnden Farben und Stimmungen der Natur Ausdruck zu geben. Man fühlt sich beinahe mit hineinversetzt in die Wunder des Landlebens mit allen seinen Gerüchen und Geräuschen. Hingerissen vermeint man den Gesang der Vögel zu hören und staunt über die in prächtigen Farben beschriebenen Getreidefelder mit dem weiten Blick. Die Beobachtungen von Mensch und Tier in dem gleichmäßigen Trott der Jahre sind beruhigend, und die Feinheit der Beschreibungen von Melissa Harrison ist mitreißend.

Gelegentlich sieht es so aus, als solle die Geschichte ewig mit den Alltäglichkeiten der Menschen, ihren kleinen oder großen Sorgen, Klatschgeschichten und den seltenen Festen so weitergehen.

Unterschwellige Spannungen zwischen Edies Eltern, strikt befolgte Regeln im Zusammenleben von Mann und Frau, in denen Gedanken emanzipatorischen Charakters unterdrückt und ausgeschlossen werden, zeigen die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit ihren gesellschaftlichen Ausprägungen.

Der erste Weltkrieg, bei dem so viele Männer ihr Leben lassen mussten, macht sich in der Landwirtschaft durch Arbeitskräftemangel ständig bemerkbar. Alle Hände müssen mit anpacken, auch Edie und ihre Mutter sind gefordert. Es ist ein hartes und entbehrungsreiches Leben.

Edie ist mit ihrer Jugend noch voller Enthusiasmus, und man spürt in ihr eine sensible Seele.

Die Geschichte soll aber nicht so beruhigend bleiben. Über lange Strecken darf man sich zunächst weiter über diese herrlichen Landschaftsbeschreibungen freuen. Dann beginnt vorsichtig und kaum wahrnehmbar der Geist der Journalistin Raum einzunehmen.
Ohne hier zu viel vorweg zu nehmen, kann man sagen, dass die Geschichte an Fahrt aufnimmt und immer rasantere Veränderungen im Verhältnis der Menschen untereinander spürbar werden.
Ein ungewöhnliches Ende bricht fast wie eine Bombe ein und lässt den Leser*in atemlos zurück.

Das Verhältnis der langen Geschichte zum erschreckenden Ende ist nicht ganz stimmig.
Der ansonsten gut erzählten Geschichte fehlte hier die Ausgewogenheit.

Melissa Harrison
Vom Ende eines Sommers
320 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, Juni 2021
ISBN-10: 3832181520
ISBN-13: 978-3832181529
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Leila Slimani: Das Land der Anderen

Leila Slimani: Das Land der Anderen

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Mathilde lebt mit ihrer Familie Ende des Zweiten Weltkriegs im Elsass. Hier begegnet sie 1947 einem Marokkaner, der als Offizier in der französischen Armee gekämpft hat.

Das triste Nachkriegsleben macht anfällig für Neuaufbrüche. Mathilde ist jung und heftig verliebt in den nur wenige Jahre älteren Amine Belhaj. Sie folgt ihm voller Enthusiasmus in seine Heimat Marokko.

Ihre Erwartungen entpuppen sich sehr bald schon als große Illusion.
Am Fuße des Atlasgebirges in Meknès hat Amine ein wenig Land von seinem Vater geerbt.
Es ist ein karges Stück Erde mit einem primitiven Haus, in dem sich in der Folge das Leben der beiden Liebenden abspielt.

Mathilde war nach ihrem ersten Eindruck entsetzt und bleibt unzufrieden. Kann sie doch ihrer Familie in Frankreich keinesfalls erzählen, wie primitiv und entbehrungsreich ihr Leben hier ist.
Ihre zwei Kinder zieht sie unter den einfachen Bedingungen ihres neuen Lebens groß. Sie arbeitet viel und kräftezehrend.

Die Einsamkeit ohne Freunde und Familie macht Mathilde sehr zu schaffen. Amine schuftet bis zum Umfallen, um aus dem kargen Boden fruchtbares Land zu machen. Immerhin gibt es noch ärmere Menschen, die sich in Diensten der kleinen Familie befinden. Zuweilen ist sogar vom „Gutsbesitzer“ die Rede. So ganz kann man es sich nicht vorstellen.

Leila Slimani beschreibt schnörkellos und ehrlich, wie es den Menschen in ihrem Roman geht.
Die Hitze, der Schmutz und Staub und das zuweilen von gegenseitigen Unvereinbarkeiten geprägte Paar ist gut zu erkennen.
Gefühle sind stark besetzt von der körperlichen Leidenschaft zwischen den beiden.

Man kann der Atmosphäre in der Medina, des Geschäftsviertels mit seinen typischen Verkaufsständen und Gerüchen, nachspüren. Hier gibt es Szenen voller Poesie und Andacht beim Betrachten der Blumen, die Mathilde in ruhigen Minuten erlebt.

Wie beschreibt Slimani das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Kulturen und Religionen?
Es herrscht ein stark patriarchalisch orientiertes Gesellschaftssystem.

Familiäre Bindungen zwischen Mathilde und Amines Angehörigen sind schwierig. Amine wird als unabhängiger Geist mit Verantwortungsgefühl für alle seine Angehörigen beschrieben.

Mitte der fünfziger Jahre kommt es vermehrt zu Unruhen zwischen den immer noch unter französischem Protektorat lebenden Marokkanern und Franzosen, die hier leben. Die Lage wirkt zunehmend bedrohlich und die Sorgen vor Übergriffen wächst. Das kann die Autorin geschickt und spannend in ihre Erzählung einbringen.
Erst 1956 erlangte Marokko seine Unabhängigkeit

Leila Slimani schreibt nüchtern, sezierend und gut beobachtend. Das zeigte sie auch in ihrem Roman „Dann schlaf auch du“.
Der jetzt vorliegende Roman ist in Anlehnung an das Leben ihrer Großeltern entstanden.
Sie ist eine großartige Erzählerin, die mit der Klarheit ihrer Beobachtungen beeindruckt.
Ihre Bücher sind internationale Bestseller, wie es auf dem Einband heißt.

Leila Slimani
Das Land der Anderen
Luchterhand Literaturverlag, Mai 2021
384 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630876463
ISBN-13: 978-3630876467
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René Freund: Das Vierzehn-Tage-Date

René Freund: Das Vierzehn-Tage-Date

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Corinna kommt zu spät zu ihrem Tinder-Date. So ist sie nun mal. David nimmt es mit Gelassenheit. Er kann ohnehin keinen klaren Gedanken fassen, denn kaum ist Corinna zur Tür rein, bestürmt sie ihn mit unpassenden Fragen. Dass sie ihm schließlich Begrüßungsküsschen auf die Wangen drückt, verwundert ihn. Corinna hat einfach vergessen, dass das „in Zeiten wie diesen“ unangebracht ist.

Man setzt sich zusammen. Sie trinkt Wodka und er Wasser und sondiert die Lage. Schnell ist den beiden klar, dass das zwischen ihnen nichts werden kann. Und trotzdem hält David Corinna auf, als sie gehen möchte. Also wird Pizza und Wein bestellt.

Am nächsten Tag erwacht Corinna mit einem höllischen Kater in Davids Bett und weiß nicht, was geschehen ist. Es ist der Morgen, an dem beide in Quarantäne müssen, denn der Pizzabote ist mit dem Corona-Virus infiziert. Die gemeinsame Zeit wird also höchst unfreiwillig verlängert. David muss einen völlig fremden Menschen in seiner Wohnung beherbergen.

Der Autor sperrt hier zwei im Charakter sehr unterschiedliche Menschen zusammen.
Corinna ist Künstlerin oder vielmehr Kellnerin (Kleiner Schreibfehler in ihrem Tinder-Profil!) und ausgesprochen chaotisch. Sie raucht und liebt Junkfood. Er ist Musiker oder vielmehr Musiklehrer und Veganer und von eher ruhiger und sortierter Art.

Der Blick fällt auf kurz gehalten Szenen. Es werden also eher kleine Einblicke in das sich entwickelnde Alltagsleben der beiden gegeben. Corinna und David liefern sich aber so manchen Schlagabtausch, der so einiges offenlegt.

Das Buch ist mit viel Witz und teils auch bissigem Humor geschrieben. Es geht hier um Persönliches und um das, was Corinna und David voreinander eigentlich verbergen wollen.

Die Handlung spielt zu Beginn des ersten Lockdowns März/April 2020. Dieser Rückblick ist schon sehr interessant, wenn man bedenkt, welche Entwicklung die Pandemie dann genommen hat und noch nimmt.
Corinna und David verfolgen ebenfalls die News, nicht ahnend, in welcher Weise sich die Corona-Pandemie weiter ausbreiten wird. Und auch hier sind die beiden, wie soll es auch anders sein, unterschiedlicher Meinung. Während David den Ernst der Lage erkennt, nimmt Corinna die Situation auf die leichte Schulter.

Es ist spannend zu erkunden, ob die beiden trotzt ihrer Gegensätzlichkeit doch noch zusammenfinden, oder ob sich ihre Wege nach der Quarantäne endgültig trennen werden.

Rezension von Heike Rau

René Freund
Das Vierzehn-Tage-Date
160 Seiten, gebunden
Zsolnay, Mai 2021
ISBN-10: 3552072349
ISBN-13: 978-3552072343
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Laura Imai Messina: Die Telefonzelle am Ende der Welt

Laura Imai Messina: Die Telefonzelle am Ende der Welt

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Was für eine wunderbare Einrichtung das ist! Eine Telefonzelle steht in einem Garten scheinbar am Ende der Welt am Hang des Kujirayama, etwa eine Fahrstunde von Tokio entfernt. Der Wind rauscht und umtost die Telefonzelle, die zahlreiche Menschen tägliche besuchen, um mit ihren verstorbenen Angehörigen nach alter buddhistischer Sitte zu sprechen. Der Garten Bell Gardia muss ebenfalls wunderschön sein.

Bei einem Taifun 2011 sind unglaublich viele Menschen umgekommen. Auch Yui, die Moderatorin des Radios, macht sich eines Tages auf zu diesem bezaubernden Ort, denn sie hat Mutter und kleine Tochter bei dem Tsunami verloren. Sie lernt den Arzt Takeshi kennen, der nach seiner verstorbenen Frau forscht. Beide beginnen einen vorsichtigen Kontakt miteinander.

Eingeflochten in die Erzählung erlebt man weitere handelnde Personen, die mit Mutter oder verstorbenen Kindern sprechen wollen. Das alles wirkt wie ein Traum!

In einer langen, gut erdachten Geschichte erhält man einen Blick auf Japan, wie man sich das Land herkömmlich vorstellt: zarte menschliche Umgangsformen, sehr höflich und zurückhaltend. Doch die Leiden und Freuden der Welt bleiben sich am Ende immer gleich. Yui ist eine äußerst empfindsame Person und Takeshi ein rücksichtsvoller und liebevoller Mann. Beide fahren drei Jahre lang zu dieser Telefonzelle, um sich mit Menschen zu treffen, die fast alle einen Verlust zu beklagen haben. Insofern ist es der Tod, der die Erzählung mitbestimmt. Aber nicht nur! Die Hoffnung auf einen Neubeginn ist immer mit dabei.

Laura Imai Messina, die Autorin des Buches, ist schon in jungen Jahren zum Studium nach Japan gegangen und lebt heute dort mit Mann und zwei Kindern. Wenn man ihre Erzählung liest, kann man schon verstehen, wie sehr sie vom Leben und der Schönheit des Landes entzückt war und ist. Die Zartheit im Umgang der Menschen miteinander, die ausgeprägte Selbstdisziplin, die ästhetischen Farben der Landschaft und so vieles mehr zeigen uns ein Land, in dem die Menschen nicht laut und dröhnend sind. Messina gibt dem vornehmen und eher zurückhaltenden zwischenmenschlichen Ton Raum. Alle Personen haben in ihren Erinnerungen an die Verlorenen eigene Vorstellungen. Es gibt den Verlust des Glücks, die Schuldgefühle über begangenes Unrecht und eine äußerst liebevolle Sehnsucht nach all dem Vergangenen. Keiner mag wirklich glauben, dass die Liebsten für immer verloren sind.

Laura Messina besitzt eine ausdrucksvolle Sprache, mit der sie die Poesie der japanischen Seele einfängt.
Ihre Liebesszenen sind diskret und zeugen von einer sensiblen Sprachkultur. Gebannt schaut der Leser auf das Geschehen, das diese ruhigen, beschaulichen Landschaftsbilder zu Zeiten in böse, alles zerstörende Orkane verwandeln kann.
Die ganz und gar ungewöhnliche Liebesgeschichte gibt der Erzählung das Gerüst und bietet den roten Faden, mit dem man das Erlebte nachempfinden kann.
Es ist eine von tiefer Empathie getragene Geschichte.

Schon das Deckblatt bietet einen Blick auf eine Telefonzelle, die wie verlassen im leeren Raum steht. Ein zarter Zweig mit rosa Blüten weist in ihre Richtung.

Im Anhang findet man Erklärungen zu japanischen Wörtern und Symbolen.

Laura Imai Messinas Roman war lange auf den Bestzellerlisten in aller Welt.

Laura Imai Messina
Die Telefonzelle am Ende der Welt.
btb Verlag, März 2021
352 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3442758963
ISBN-13: 978-3442758968
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