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Kategorie: Historischer Roman

Philippa Gregory: Gezeitenland

Philippa Gregory: Gezeitenland

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1648. Die junge Kräuterfrau Alinor Reekie, die mit ihren zwei Kindern Rob und Alys in ärmsten Verhältnissen am Wattenmeer in der Grafschaft Sussex lebt, hat sich am Mittsommerabend auf dem kleinen Friedhof eingefunden. Sie hofft, auf den Geist ihres verschollenen Mannes zu treffen. Hätte sie Gewissheit, dass er tot ist, wäre sie eine Witwe und frei.

Stattdessen trifft sie im unheimlichen Mondlicht auf einen lebenden Menschen. Der junge Mann stellt sich als Pater James vor. Er gibt vor, auf einer geheimen Mission zu sein. Sie gewährt ihm schließlich Unterschlupf im Netzschuppen und hilft ihm am nächsten Tag, einen Kontakt zu knüpfen. Für ihr Schweigen wird sie bezahlt. Als sich die beiden verabschieden, ist eine unerklärliche Wehmut zu spüren.

Als Alinor ihm in der Kapelle erneut begegnet, ist er in die Gemeinde integriert. Niemand im Dorf kennt seine wahre Identität. Alinor und James sollten sich fern voneinander halten und können es doch nicht. Alinor weiß, wie schnell Gerüchte entstehen und wie gefährlich das ist. Als Kräuterkundige und Hebamme hat sie einen Ruf zu verlieren. So mancher glaubt, in ihr eine Hexe zu sehen.

Erzählt wird eine spannende Liebesgeschichte vor einem historischen Hintergrund. Pater James spielt ein falsches Spiel. Niemand darf wissen, in wessen Auftrag er unterwegs ist und dass er dazu berufen ist, den König zu befreien, dem eine Anklage wegen Hochverrats droht. Und so konzentriert sich die Handlung zunächst zum größten Teil auf Alinor, die trotz ihrer Armut eine sehr beeindruckende Persönlichkeit ist. Dass sie Unterstützung haben muss, bleibt jedoch nicht verborgen. Missgunst und Neid schlagen ihr entgegen. Diese Stimmen werden lauter.

Das harte Alltagsleben von Alinor wird sehr ausführlich beschrieben. Es ist ein beschwerlicher Kampf um das tägliche Brot. Doch trotz der widrigen Umstände verliert sie nie die Hoffnung. Sie lebt mit den Gezeiten. Beeindruckend bildgewaltig ist die Natur mit in die Handlung eingebunden.

Der flüssige Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm zu lesen. Sie bedient sich einer ausgefeilten Sprache. Die Geschichte von Alinor und James ist faszinierend und das Ende an Dramatik kaum zu übertreffen.

Rezension von Heike Rau

Philippa Gregory
Gezeitenland
544 Seiten, Klappenbroschur
Knaur, April 2021
ISBN-10: 342622724X
ISBN-13: 978-3426227244
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Micaela Jary: Das Kino am Jungfernstieg – Der Filmpalast

Micaela Jary: Das Kino am Jungfernstieg – Der Filmpalast

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Lili hat noch immer mit den Folgen ihres Unfalls zu kämpfen. Auch ihr Erinnerungsvermögen ist noch nicht vollständig zurückgekehrt. Sie lebt mit ihrem Mann Albert, der aus dem Krieg heimgekehrt ist, notgedrungen bei der Familie ihrer Halbschwester Hilde. Diese lässt Lili jeden Tag spüren, wie unwillkommen sie ist. Das lässt sich aber, da Wohnungsnot herrscht, momentan nicht ändern. Die Ehe bietet Lili keinen Trost, denn sie und Albert haben nie wirklich zusammengefunden. Es mag auch daran liegen, dass Lili den britischen Filmjournalisten John Fontaine nicht vergessen kann, mit dem sie vor dem Unfall eine Liebesbeziehung hatte.

Lilis Träume sind zerplatzt. Aus ihrem geliebten Kino am Jungfernstieg ist ein Musikclub geworden. Sie weiß, dass Hilde und deren Mann Peter dafür verantwortlich sind. Dass sie weiter ausgenutzt wird, entgeht Lili aber. Sie hat keine Energie, sich um das Erbe der Eltern zu kümmern. Als Frau hätte sie ohnehin kein Mitspracherecht, und so vertraut sie darauf, dass Albert die richtigen Entscheidungen trifft. Auch beruflich schöpft sie ihr Potenzial nicht aus. Sie schneidet keine Filme mehr, sondern die Nachrichten für die Wochenschau.

Das Blatt wendet sich, als Lili John wiedersieht, von dem sie annimmt, dass er mittlerweile mit seiner damaligen Verlobten Catherine Lancaster verheiratet ist. Er ist ebenfalls vom Unfall gezeichnet, hat aber von seiner charismatischen Wirkung nichts verloren. Lili gerät in ein Gefühlschaos und plötzlich ist die Vergangenheit wieder da.
Nach und nach erinnert sie sich wieder an den schweren Unfall und auch an das von ihrer verstorbenen Mutter gehütete Familiengeheimnis.

Micaela Jary unterhält mit ihrem historischen Roman sehr gut. Sie führt den Leser in das im Wiederaufbau befindliche Hamburg der 1950er Jahre, beleuchtet den Alltag und webt die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe dieser Zeit anschaulich mit in die Geschichte ein. Dabei setzt sie auf viele Details. Es ergibt sich gut vorstellbares Bild des Alltagslebens und der Filmszene. Alles wirkt so lebendig, das man meinen könnte, man würde im Kino sitzen. Das Cover des Buches spiegelt diesen Eindruck gut wider.

Lili wird zunächst als recht naiv beschrieben. Sie hat etwas von ihrer Entschlossenheit und Stärke verloren und keine Zukunftspläne. Doch sie gewinnt ihre Tatkraft zurück, als sie wieder beginnt, der Spur des Familiengeheimnisses zu folgen, dessen Aufklärung weitreichende Folgen haben dürfte. Endlich setzt sie sich auch mit ihren widerstrebenden Gefühlen auseinander. Es spielen sich dramatische Szenen ab. Die Spannung steigt. Unerwartete Wendungen spielen hier mit hinein. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Es ist eine wirklich gute Fortsetzung des 1. Bandes der Kino-Saga.

Rezension von Heike Rau

Micaela Jary
Das Kino am Jungfernstieg – Der Filmpalast
400 Seiten, Klappenbroschur
Goldmann Verlag, Februar 2021
ISBN-10: 3442488478
ISBN-13: 978-3442488476
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Franzobel: Die Eroberung Amerikas

Franzobel: Die Eroberung Amerikas

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Als Ferdinand Desoto im April 1538 nach Florida aufbricht, hat der Seefahrer schon eine gewisse Berühmtheit erlangt. Von der Expedition verspricht er sich weiteren Ruhm und Reichtum. Er investiert viel und träumt davon, noch reicher zu werden und Schätze zu finden, vor allem Gold.

Mit vollgepackten Schiffen sticht man in See und alle Beteiligten stellen sich vor, wie man eines Tages überaus erfolgreich zurückkehren wird. Die Stimmung ist gut. Nach Zwischenstopps kommt man im Mai 1539 mit 800 Mann schwer und entsprechender Ausrüstung und Verpflegung an der Westküste Floridas an, um das Land zu kolonisieren und Schätze zu beschlagnahmen.

Es beginnt ein chaotischer und an Gewalt kaum zu übertreffender Eroberungszug. Die monatelangen Märsche der Spanier hinterlassen nichts als Verwüstung in den Dörfern. Rücksichtslos wird gemordet und geplündert. Abgründe tun sich auf. Die Einheimischen haben kaum eine Chance gegen die Übermacht und setzen sich dennoch verzweifelt zur Wehr. Auch unter den Spaniern sind immer häufiger Verluste zu beklagen. Desoto gibt jedoch nicht auf. Gier und Machtstreben treiben ihn voran. Seine Expedition soll um jeden Preis zum Erfolge geführt werden.

Franzobel hat eine interessante Vorgehensweise gewählt, sich der Expedition von Ferdinand Desoto zu nähern und den historischen Spuren noch einmal nachzugehen. Er erzählt, als wäre er als Beobachter dabei gewesen. Mit großem Interesse blickt er auf Haupt- und Nebenschauplätze. Diese Perspektive ist sehr interessant und bietet ihm die Möglichkeit, persönlich wirkende Ansichten einzubinden. Der Autor konzentriert sich auf Desoto und auf verhältnismäßig wenige weitere spannende Figuren, die das Schicksal zusammengeführt hat, und durchleuchtet auch ihre Vorgeschichte und ihre Motivation.

Der Autor nutzt gut recherchierte Quellen und das Wissen von Historikern, um den Expeditionszug zu beschreiben und historische Personen darzustellen, und lässt zudem seine Fantasie spielen. Dabei spannt er den Bogen zur Gegenwart mit vergleichenden Beschreibungen und wahrhaft bitterem Humor.

Das Buch ist spannend und lehrreich zugleich.

Rezension von Heike Rau

Franzobel
Die Eroberung Amerikas
544 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag Januar 2021
ISBN-10: 3552072276
ISBN-13: 978-3552072275
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Helga Glaesener: Das Erbe der Päpstin

Helga Glaesener: Das Erbe der Päpstin

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Freya kann nicht verhindern, dass ihre Mutter Gisla nach schweren Jahren als Sklavin von ihrem Entführer, dem dänischen Wikinger Björn, ermordet wird. Doch ist es ihr im verzweifelten Kampf gelungen, ihn lebensgefährlich zu verletzen. Ihr bleibt nur die Flucht aus dem Dorf. Ihre Schwester Asta nimmt sie. Die Angst vor den Verfolgern, vor allem vor Björns älterem Bruder Hasteinn, begleitet die beiden. Die Mutter hatte nicht viel von ihrer Vergangenheit erzählt. Doch Freya weiß von ihrem Großvater Gerold von Villaris, den sie nun unbedingt finden will, und der, wie sie später herausfindet, in Rom als Schutzherr des Papstes fungiert. Tatsächlich erreicht sie mit ihr Ziel. Doch viel gemeinsame Zeit haben die beiden nicht. Während einer Prozession geschieht Unglaubliches: Der Papst oder vielmehr die Päpstin und Gero werden ermordet.

Hier schließt sich der Kreis, denn Helga Glaesener hat sich von „Die Päpstin“ von Donna W. Cross zu dieser Geschichte inspirieren lassen. Papst Johannes bzw. Johanna war eine Freundin von Freyas Mutter Gisla gewesen.
Hier in Rom lernt die junge Frau auch den Gardisten Aristid kennen. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch steht ihre Liebe angesichts der Ereignisse unter keinem guten Stern. Der gefürchtete Wikingerfürst Hasteinn ist ihnen auf der Spur und ihre Wege kreuzen sich unweigerlich.

Helga Glaesener führt mit einem sehr gut lesbaren und fesselnden Schreibstil durch das Buch. Sie erzählt von den verschiedenen Stationen der Reise und von einer Liebe in schwierigen Zeiten. Als Leser ist man ganz nah dran am Geschehen. Der historische Roman ist breit angelegt und sehr spannend geschrieben. Die Charaktere wirken auf mich überzeugend. Freyas Leben ist von vielen dramatischen Wendungen geprägt, die auch den historischen Hintergründen geschuldet sind, die detailreich vermittelt werden. Sie als wissbegierige Heilerin, die sogar lesen kann, darzustellen, ist ausgesprochen passend.

Rezension von Heike Rau

Helga Glaesener
Das Erbe der Päpstin
464 Seiten, gebunden
Rütten & Loening, September 2020
ISBN-10 : 3352009287
ISBN-13 : 978-3352009280
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Jane Healey: Die stummen Wächter von Lockwood Manor

Jane Healey: Die stummen Wächter von Lockwood Manor

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1939 muss das Londoner Natural History Museums eine Sammlung von Tierpräparaten vor dem nahenden Krieg in Sicherheit bringen. Lockwood Manor scheint ein idealer Ort zu sein, auch wenn das Herrenhaus in keinem guten Zustand ist. Hetty Cartwright überwacht die Evakuierung und bleibt vor Ort, um sich um die Sammlung zu kümmern. Doch nach kurzer Zeit verschwindet das erste Exponat. Der ausgestopfte Panther ist nicht aufzufinden. Mit dem tyrannischen Hausherrn ist nicht zu reden. Es kommt zu weiteren nächtlichen Vorfällen, die Hetty glauben lassen, dass es in dem Anwesen spukt. Halt findet sie bei Lucy, Lord Lockwoods Tochter. Lucy zieht Hetty mit ihrem Charme in den Bann. Doch leidet die junge Frau an schweren Albträumen. Hetty glaubt bald, dass Lucys Verfolgungswahn nicht aus der Luft gegriffen ist. Das düstere Herrenhaus birgt Geheimnisse.

Der historische Roman startet geheimnisvoll. Lockwood Manor ist kein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann. Die düstere Beschreibung des Anwesens, mit seinen dunklen langen Fluren und den vielen unbewohnten Zimmern, schafft eine Atmosphäre, die unheilvoll erscheint. Zu den Bewohnern, das sind vor allem Lord Lockwood, seine Tochter und unzählige Dienstboten, bekommt man kaum Zugang. Es lässt sich nicht nachvollziehen, was hier läuft. So fällt die Konzentration auf Hetty Cartwright, die ihre geliebten Tiere hegt und pflegt, aber kaum vor Schädlingen und anderen Unbilden bewahren kann. Die Nachtwächter können nicht verhindern, dass Präparate verschwinden.

Anfangs wird die Geschichte von einer guten Spannung getragen. Infolge muss man sich allerdings durch einige Längen hindurch kämpfen. Es gibt zwei Erzählstränge, hier laufen Gegenwart und Vergangenheit zusammen. Es wird schnell klar, dass Lucy eine traumatische Kindheit hatte. Was die Autorin zur Auflösung der Geschehnisse anbietet, ist aber doch etwas enttäuschend und teils auch nicht schlüssig, weil die Aufarbeitung fehlt. Ab einem bestimmten Punkt erfährt das Buch also eine Wendung, die den Lesefluss stocken lässt und aus der eigentlich erwarteten Gespenstergeschichte wird eine undurchsichtige Familientragödie.

Rezension von Heike Rau

Jane Healey
Die stummen Wächter von Lockwood Manor
Aus dem Englischen von Susanne Keller
448 Seiten, Klappenbroschur
hanserblau, März 2020
ISBN-10: 3446266003
ISBN-13: 978-3446266001
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Wolf Serno: Große Elbstraße 7

Wolf Serno: Große Elbstraße 7

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Vicki zur Haiden hält die Langeweile im Lehrerinnenseminar in Lübeck, das sie auf Wunsch ihrer Eltern besucht, nicht mehr aus. Sie würde lieber Medizin studieren, aber das ist ihr natürlich nicht möglich. Sie reißt dennoch aus und kehrt heimlich nach Hamburg zurück. Es ist kein guter Zeitpunkt, denn gerade bricht die Cholera aus.

Als Vicki dem Arzt Johannes Dreyer begegnet, findet sie eine neue Aufgabe. Da man ihn im Krankenhaus nicht mehr sehen will, kümmert er sich nun auf eigene Faust um die Kranken. Irgendwie muss es für ihn ja weitergehen. Vicki steht ihm fortan zur Seite. Bis ihr Vater dahinterkommt und den Kontakt verbietet. Doch Vicki will nicht mehr auf ihren Vater hören. Sie findet einen Weg, sich weiter mit Hannes zu treffen.

Von Vickis Bruder Benno hingegen wird erwartet, dass er in die Fußstapfen seines Vaters tritt und Medizin studiert. Professor zur Haiden ist ein renommierter Chirurg und Chefarzt am Neuen Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf. Nur hat Benno absolut kein Interesse an der Medizin. Er ist eigenwillig und beschäftigt sich lieber mit gewagter Aktmalerei.

Man darf gespannt sein, wie die unterschiedlichen Geschwister sich aus der Enge des Elternhauses befreien. Denn darum geht es in der Familiensaga. Sie nimmt ihren Beginn im Jahre 1892 und ist perfekt eingebunden in die geschichtlichen Hintergründe der Zeit. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch der Stand der Medizin und der damit verbundenen Untersuchungs- und Heilmethoden am Universitätsklinikums Eppendorf. Der Fortschritt ist unaufhaltsam.

Der Roman ist unterhaltsam und der Schreibstil des Autors angenehm zu lesen. Es ist spannend, mitzuverfolgen wie Vicki alles daran setzt, auf eigenen Beinen zu stehen und ihre Berufung zu finden. Die Probleme, die die Zeit und ein konservatives Elternhaus mit sich bringen, sind gut dargestellt. Es ist interessant zu sehen, wie sie darum kämpft, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen und zu erweitern.

Das Buch konzentriert sich aber nicht nur auf Vicki. Es lässt einen breit gefächerten Blick auch auf die politischen Geschehnisse in der Stadt zu. Viele spannende Charaktere betreten die Bühne. So entsteht ein Gesamtbild, das die Geschichte sehr spannend und lesenswert macht.

Rezension von Heike Rau

Wolf Serno
Große Elbstraße 7
473 Seiten, Klappenbroschur
Rütten & Loening, 2. Auflage, September 19
ISBN-10: 3352009252
ISBN-13: 978-3352009259
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Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn

Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn

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Johann Karl von Sothen ist ein bekannter Großhändler und Bankier. Zu seinem Reichtum ist er durch Betrug gekommen. Er hatte dem Brieftaubenzüchter Wenzel Hüttler am Sterbebett den Lottoschein gestohlen. Seine Tochter, die neunjährige Berta, hatte davon nichts mitbekommen. Ihr ein Jahr älterer Bruder Eduard dagegen schon. Johann Karl nahm sich den beiden Waisenkindern an und brachte sie zu einer Tante, die Wirtin eines Gasthauses in Brünn war. Siebzehn Jahre alt war er damals gewesen und ließ sich noch Hans nennen. Gut gegangen war es ihm damals nicht mit seinem trunksüchtigen Vater. Der Tabaktrafikant und Lottokollektant konnte sich und seinen Sohn kaum über Wasser halten.

Berta war ihrem Vater bei der Taubenzucht immer eine große Hilfe gewesen. Auch bei ihrer Tante ist sie für die Tauben verantwortlich. Als Berta erwachsen ist, holt Johann Karl sie schließlich zurück nach Wien. Tabaktrafik und Lottokollektur bestehen nun nicht mehr nur aus einem schäbigen Gewölbe, sondern einem ganzen Gebäudekomplex. Johann Karl ist ein reicher Mann. Die Mansardenwohnung, in der einst Berta mit ihren Eltern und dem Bruder wohnte, ist nun auch in seinem Besitz. Johann Karl ist kaum wiederzuerkennen. Sein Reichtum spiegelt sich in seiner Leibesfülle wider. Doch genug hat er nicht. Er beginnt Berta für sich einzunehmen und abhängig von sich zu machen, denn sie kann ihn noch viel reicher machen.

Was für eine Geschichte! Johann Freiherr von Sothen ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Er präsentierte sich als Wohltäter, war aber ein äußerst geschickter Betrüger und Ausbeuter und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Die Autorin hat das, was über Johann Karl bekannt ist, in diesem Roman fantasievoll aufgearbeitet. Sie lässt den Leser über Berta Hüttler ganz nah an ihn herankommen. Während ihr Vater, die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert, noch auf Aberglaube setzte bei der Ermittlung der Gewinnzahlen, hält der Freiherr von Sothen sich doch lieber an Tatsachen. Mithilfe der Brieftauben, sie sind schneller als der Bote, versucht er vorab an die Gewinnzahlen heranzukommen und glaubt, dass niemand seinem genialen Plan auf die Schliche kommen wird. Er hat Berta schließlich in der Hand. Aber nicht nur sie muss sich mit ihrem ärmlichen Leben abfinden, während Johann Karl immer reicher und reicher wird.

Die Autorin hat ein tragisch-komisches Schauspiel entwickelt, das sehr gut unterhält. Ihre Erzählweise ist besonders, ihre Wortwahl raffiniert! Spöttische und ironische Untertöne beleben den Text. Es ist unglaublich, wie Johann Karl von Sothen vorwärts strebt und seine Position weiter ausbaut. Und doch sind seiner Macht Grenzen gesetzt. Die Geschichte hat ein Ende, mit dem der Freiherr wohl nicht gerechnet hat!

Rezension von Heike Rau

Bettina Balàka
Die Tauben von Brünn
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063994
ISBN-13: 978-3552063990
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Joan Weng: Amalientöchter

Joan Weng: Amalientöchter

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Der Krieg ist vorbei, die Kaiserzeit beendet und die Republik wurde ausgerufen. Doch Klara hat das Gefühl stecken zu bleiben. Sie will nicht bei ihren Eltern in Weimar bleiben, zumal ihr Freund Fritz, der Arzt ist, wieder zurück nach Berlin gehen will. Die Welt ist im Umbruch und er will daran teilhaben. Gegen seinen Rat folgt sie ihm schließlich. Hier lernt Klara Kiki kennen. Mit ihr zusammen fühlt sie sich frei. Doch bewaffnete Unruhen lassen die Stimmung kippen. Im Zeitungsviertel kommt es zu einem Vorfall, der Fritz veranlasst, umdenken. Gerade als Klara das Angebot bekommt, für eine Frauenzeitschrift zu schreiben, die dem neuen Zeitgeist folgt, beschließt Fritz die Rückkehr nach Weimar. Klara kann auch von dort aus für „Die Hauspostille“ schreiben. Ausgerechnet einer ihrer gewagten Artikel sorgt im Rahmen der Versammlungssitzungen zur Gründung der neuen Verfassung für Aufsehen.

Joan Weng hat für ihren Roman eine spannende Kulisse ausgewählt. Sie hat für diesen im Dezember 1918 in Weimar beginnenden Roman viele historische Fakten eingearbeitet. Die Literatur der Weimarer Republik war Thema ihrer Doktorarbeit. Was im Buch historisch belegt ist und was Fiktion wird im Nachwort erläutert.

Die wichtigste Figur in diesem Buch ist Klara Heinemann. Sie ist eine mutige junge Frau, aber in ihrem Charakter wirkt sie wenig gefestigt. Die politischen Ereignisse werden oft in den Vordergrund gestellt, während die Beziehung zwischen Klara und Fritz nur angedeutet wird. Gefühle bleiben auf der Strecke. Als Leser erfährt man nicht wirklich, was die beiden verbindet. Klara orientiert sich dennoch an Fritz. Aber es kommt der Zeitpunkt, an dem sie eigene Entscheidungen treffen möchte. Es fällt ihr jedoch schwer, sich festzulegen. Ein Satz reicht aus und sie ändert ihre Meinung. So bleibt lange offen, wie die Zukunft für das Paar aussehen wird.

Rezension von Heike Rau

Joan Weng
Amalientöchter
400 Seiten, broschiert
Aufbau Taschenbuch
ISBN-10: 374663508X
ISBN-13: 978-3746635088
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Susanne Goga: Nachts am Askanischen Platz

Susanne Goga: Nachts am Askanischen Platz

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In einem Berliner Hinterhof zwischen dem Askanischem Gymnasium und dem „Cabaret des Bösen“ wird ein Toter gefunden. Schon einige Tage hat er unbemerkt im Schuppen gelegen. Dass es Mord war, steht bald außer Frage. Leo Wechsler und sein Team beschäftigen sich mit dem Fall. Die Suche beginnt im Gymnasium. Irgendeiner von den Schülern muss etwas gesehen haben. Auch der Besitzer des schaurigen Theaters gerät ins Visier der Ermittler. Louis Lamasque ist durch den Krieg von Gesichtsverletzungen gezeichnet, versteckt sich aber nicht damit. Das Augenmerk richtig sich bald auf eine junge Russin, die vor dem Theater nach einem Fjodor gefragt hat. Vielleicht kann sie ja zumindest Auskunft über die Identität des Toten geben.

Der Krimi spielt im Jahr 1928. Leo Wechsler wird wie gewohnt nicht nur als Kommissar, sondern auch in der Familie mit seiner Frau Klara und seinen beiden Kindern dargestellt.

Der Fall selbst erscheint zunächst wenig spektakulär. Aber umso mehr die Befragungen voranschreiten, umso deutlicher wird, dass etwas Außergewöhnliches dahinter steckt. Leo Wechsler kann sich im Allgemeinen auf sein Bauchgefühl verlassen, auch wenn seine Kollegen lieber auf das setzen, was bewiesen werden kann. Diese unterschiedlichen Meinungen lassen den Fall sehr lebendig wirken.

Für zusätzlichen Stoff zum Nachdenken sorgt das geheimnisvolle „Cabaret des Bösen“. Hier werden Szenen für das Publikum nachgestellt, die mehr als nur ein bisschen schaurig und täuschend echt sind. Genauso undurchsichtig gibt sich Louis Lamasque.

Immer mehr wird Leo Wechsler in diesen Fall eingespannt. Dabei sollte er sich auch um private Dinge kümmern. Immer wieder verschiebt er ein dringend nötiges Gespräch mit seinem Sohn.

Der Krimi hat mir sehr gut gefallen. Der Fall ist spannend konstruiert und perfekt in die späten Zwanzigerjahre eingearbeitet. Ein Nachwort, auch mit historischen Hintergrundinformationen rundet das Bild ab.

Rezension von Heike Rau

Susanne Goga
Nachts am Askanischen Platz
Kriminalroman (Leo Wechsler)
320 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423217138
ISBN-13: 978-3423217132
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Stefan Maiwald: Der Knochenraub von San Marco

Stefan Maiwald: Der Knochenraub von San Marco

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Davide Venier bekommt im Jahre 1570 einen interessanten Auftrag. Er soll herausfinden, wer die Knochen des Heiligen Markus aus dem Dom gestohlen hat. Es ist Venedigs kostbarste Reliquie. Die Osmanen stehen sofort unter Verdacht. Doch ist dieser Diebstahl mitten im Karneval von Venedig erst der Anfang. Mit seinem Diener Hasan begibt Davide Venier sich auf Spurensuche. Padua, Venedig, Köln und Paris sind die Ziele. Nach Beginn der Reise schließt sich ihnen ein junger Mann an, der noch für Überraschungen sorgen wird.
Es ist eine beschwerliche Reise, die vor allem von Gefahren beherrscht wird. Doch kommen Venier, Hasan und Erasmus zunächst keinen Schritt weiter. Die Diebe sind äußerst geschickt vorgegangen. Sie haben sich auf nicht nachvollziehbare Weise Zutritt verschafft und keine brauchbaren Spuren hinterlassen. Die Reliquien tauchen nicht wieder auf. Nirgends werden sie zum Verkauf angeboten. Die Diebe haben eine interessante Strategie entwickelt, ihre wahren Ziele geheim zu halten. Das versetzt Davide Venier, der dann doch eine Ahnung hat, in große Sorge.

Stefan Maiwald hat die Geschichte sehr gut ausgearbeitet. Neben den Abenteuern von Davide Venier und seinem Diener Hasan kommen auch historische Hintergründe zum Tragen. Das ergibt eine sehr bunte Kulisse, da die Reise detailreich beschrieben wird. Für an historischen Details interessierte Leser ist das sicher sehr spannend.
Auch wenn die Diebstähle sich zunächst nicht aufklären lassen, wird das Buch durch die Reisebeschreibungen sehr interessant und abenteuerlich. Nicht selten müssen die Gefährten um ihr Leben bangen. Doch stehen sie stets füreinander ein.
Zum Ende hin wird die Spannung dann unaufhaltsam gesteigert. Details werden wie ein Puzzle zusammengesetzt, bis sich ein wirklich sehr überraschender Schluss ergibt.

Der Autor beschreibt im Nachwort, was fiktiv und was an Fakten historisch belegt ist.

Rezension von Heike Rau

Stefan Maiwald
Der Knochenraub von San Marco
Davide Veniers zweites Abenteuer
416 Seiten, Klappenbroschur
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423261714
ISBN-13: 978-3423261715
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