Roula Rouge

Roula Rouge

Weil Frau und Job weg sind und es mit der Gesundheit auch nicht zum Besten steht, geht Jonathan Schotter nach Berlin. Hier bezieht er nach einiger Zeit in einer Pension eine schicke Wohnung. Seine Zeit verbringt er wie ein Stadtstreicher, nur mit dem Unterschied, dass er Geld wie Heu hat. Während einer Zugfahrt in den Osten der Stadt nimmt er einen Rucksack an sich, den eine junge Frau liegen gelassen hat. Zunächst beabsichtigt er, den Rucksack im Fundbüro abzugeben, entscheidet sich dann aber dagegen.

Der Inhalt des Rucksacks lässt keine Rückschlüsse auf die Identität seiner Besitzerin zu. Aber es befindet sich ein Laptop darin, der wohl Auskunft geben wird, so Jonathans Hoffnung. Die Eigentümerin nennt sich Roula Rouge. Das ist wohl ein Pseudonym. Das iBook selbst ist passwortgeschützt. Doch Jonathan findet im Rücksack einen Hinweis und so kommt er an die gespeicherten Daten. Alles will er über Roula Rouge wissen, er beginnt sie systematisch auszuspionieren. Als er ins Internet geht, erhält er eine Nachricht von Roula Rouge. Sie beschimpft den Dieb ihres Laptops und droht ihm. Das bremst Jonathan keineswegs. Er macht weiter, liest Briefe, Emails, Tagebucheinträge und sieht Fotos und Filme an. Er findet kein Ende und arrangiert sogar ein zufällig aussehendes Treffen mit der jungen Frau, in die er sich verliebt hat.

Das Buch ist eine echte Überraschung. Der Ich-Erzähler ist zwar von Anfang an eine interessante Persönlichkeit, doch was er im Verlauf der Geschichte erzählt, hätte man ihm einfach nicht zugetraut. Der Rücksack mit dem Laptop ist der Anlass, dass Jonathan sein eben in Berlin neu begonnenes Leben wieder völlig umkrempelt. Der eben noch durch und durch seriöse Mann raucht plötzlich wieder, achtet nicht mehr so sehr auf seine Ernährung, trägt Jeans statt Anzug und lässt sich als Krönung des Ganzen tätowieren. Er, der eigentlich Arbeit suchen sollte, verwandelt sich in einen Privatdetektiv und schnüffelt ungeniert einer anderen Person hinterher. Schuld daran ist die Liebe zu einer zunächst fremden Person.
Der Autor schildert diese sagenhafte Wandlung glaubwürdig. Mit Staunen folgt man dem Fortgang der Geschichte. Was immer Jonathan auch über Roula Rouge herausfindet, die einseitige Liebe hält.

Eine interessante Wendung nimmt das Buch, als Jonathan beschließt, Kontakt zu Roula Rouge aufzunehmen, die sich ja rächen will an dem Dieb ihres Laptops. Blauäugig vertraut Jonathan darauf, dass er sie nicht erkennt. Selbst als er Fehler macht, hofft er auf einen guten Ausgang der Geschichte.
Das Hinterherschnüffeln lässt Jonathan nicht sein. Die Geschichte nimmt noch einmal an Dramatik zu, als er etwas in Roula Rouges Vergangenheit ausgräbt. Seine Einmischung kennt keine Grenzen. Kein Wunder, dass die Lage sich ungemein zuspitzt. Man hört den Knall schon förmlich. Der Autor spielt mit den Erwartungen des Lesers und überrascht ihn am Ende dann doch noch einmal.
Nicht nur inhaltlich begeistert das Buch. Auch der Schreibstil des Autors gefällt ausgesprochen gut.

Über den Autor:
Mathias Nolte wurde 1952 in Reinbek bei Hamburg geboren. Er absolvierte eine Lehre als Buchhändler, arbeitete dann als Journalist. Heute lebt er als freier Autor in Berlin und München.

Rezension von Heike Rau

Mathias Nolte
Roula Rouge
365 Seiten, gebunden
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien
ISBN: 978-3552060531
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Teich kompakt. Bauen – Pflanzen – Pflegen

Teich kompakt. Bauen – Pflanzen – Pflegen

Einen Teich im Garten zu haben, ist für viele ein Traum. In Gartencentern und Baumärkten wird alles dafür Nötige angeboten. Dennoch gibt es einiges zu bedenken und genau hier setzten die Autoren mit ihrem Buch an.
Eine gute Planung ist wichtig. Schon der Standort für den Teich muss gut ausgesucht sein, ob er an der Terrasse liegen soll, mitten im Garten oder eher an der Gartenmauer. Nicht nur Lichtfaktoren und Bewuchs in der Nähe des zukünftigen Teiches spielen eine Rolle. Welche Punkte man bedenken sollte, wird genau erklärt.

Teiche kann man auf verschiedene Arten bauen, zum Beispiel mit Folie, einem Fertigbecken oder auch mit Naturbaustoffen. Im Buch werden die verschiedenen Teichbauarten vorgestellt und das Für und Wider abgewogen. Um abzusehen, welche Kosten auf den Gartenbesitzer zukommen, gibt es auch eine Beispielrechnung.
Sind die Vorbereitungsarbeiten abgeschlossen, kann es ans Bauen des Teiches gehen. Die Autoren zeigen wie die Teichsohle vorbereitet werden muss, wie man die Folie verlegt und abdichtet und wie ein Überlauf anzubringen ist. Beachtung finden bei den Bauanleitungen alle Bauarten.

Seine entgültige Gestalt nimmt der Teich aber erst nach dem Bepflanzen ein. Auch hierfür gibt es zahlreiche Vorschläge, auch zur Dekoration mit Steinen. Auch schöne Randeinfassungen werden vorgestellt oder auch andere gestalterische Elemente, wie Brücken oder Sitzplätze. Manche Gartenbesitzer wünschen sich aber auch einen kleinen Bachlauf oder einen Sprudelstein. Auch darauf gehen die Autoren ein.

Ein Teich braucht viel Pflege. Um zu verstehen, wie das Biotop funktioniert, werden von den Autoren die chemischen und physikalischen Vorgänge im Teich ausführlich erklärt und wichtige Wasserwerte zum Vergleich aufgelistet. Auch leidigen Problemen wie dem ausufernden Algenbewuchs wird auf den Grund gegangen. Nicht selten ist es nötig, das Teichwasser zu reinigen. Hier kommen beispielsweise Filter oder auch verschiedene chemische oder biologische Mittel zur Regulierung des Teichwassers zum Einsatz.

Guten Rat gibt es auch bei anderen Problemen mit dem Teich, zum Beispiel wenn dieser undicht geworden ist. Sehr hilfreich ist auch der Arbeitskalender, dem man alle anfallenden Arbeiten am Teich Monat für Monat entnehmen kann. Im letzten Kapitel findet der Leser ein kleines Lexikon der Sumpf- und Wasserpflanzen.

Sieht man sich das Buch näher an, wird sehr schnell klar, dass man leider sehr viele Fehler beim Bau eines Gartenteiches machen kann. Es ist nicht so einfach, dafür zu sorgen, dass der Teich immer im biologischen Gleichgewicht bleibt. Mit Hilfe des Buches kann es aber gelingen, einen Teich zu bauen, der Freude macht. Besonders gut gefallen hat, dass die Autoren sehr ausführlich auf alle möglicherweise auftretenden Probleme eingehen und genau zeigen, was zu beachten ist. So kann man einen Gartenteich sehr gut planen, vom den Vorbereitungsarbeiten, über den Bau und die Bepflanzung bis hin zur Pflege.
Zu allen Kapiteln findet man hilfreiche Zeichnungen und anschauliche Fotos, so dass man sich ein umfassendes Bild von allen Arbeiten rund um den Gartenteich machen kann. Die Autoren bringen auf den Punkt, was wichtig ist und bleiben dabei immer verständlich. Wer dennoch weiteren Informationsbedarf hat, kann auf die Verlagsseite im Internet gehen und über im Buch angegebene Webcodes entsprechende Seiten aufrufen. Hier findet man die Texte aus dem Buch, einige weitere Informationen und Buchtipps.

Rezension von Heike Rau

Peter Hagen / Martin Haberer
Teich kompakt. Bauen – Pflanzen – Pflegen
381 Seiten, 364 Farbfotos, 46 Zeichnungen
Verlag Eugen Ulmer Stuttgart
ISBN: 978-3-8001-5189-9
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Irgendwo

Irgendwo

Es sind ganz normale Menschen in ganz verrückten Geschichten, die uns in den Erzählungen von Agota Kristof über den Weg laufen.
Man meint, das Leben sei auf den Kopf gestellt.

Da findet eine Frau ihren Mann am Morgen mit einem Beil im Kopf. Er liegt blutüberströmt auf dem Boden neben dem Bett. Sie macht ganz naiv Mitteilung davon. Sie erzählt so, als sei es ganz normal und überhaupt nicht verwunderlich. Die Geschichte ist kurz und zuletzt verflüchtigt sie sich wie ein offen gelassener Satz…

Da will ein Kind ein Gewehr und bekommt es nicht, weil es kein schönes Spielzeug sei, woraufhin es beschließt, die verlogenen Erwachsenen, die selber mit richtigen Gewehren spielen, später einmal umzubringen.

Ein Mann flüchtet aus der lauten Stadt in die Stille eines Bauernhofs. Doch bald ist sein Grundstück von einer neu gebauten Autobahn eingeschnürt, eine Müllverbrennungsanlage entsteht und in seiner Nähe werden zwei Gastanks aufgestellt. Als er die Stadt besucht, findet er Blumenbeete, verkehrsberuhigte Strassen und eine idyllische Ruhe vor.
Eine andere Geschichte, der Kanal, erscheint wie ein Traum. Ein Mann sieht sein Auto verbrennen, dann sucht er seinen Sohn und das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Am Ende begegnet ihm ein Puma. Er unterhält sich mit ihm. Es endet vollkommen ungereimt und verrückt.

So reiht sich eine Geschichte an die andere.

In kurzen Sätzen und einem ruhigen und lakonischen Ton werden die absurdesten Ereignisse vorgetragen.
Die Naivität und die Selbstverständlichkeit, mit der diese ungewöhnlichen Geschichten erzählt werden, sind teilweise urkomisch und gleichzeitig faszinierend. Neben der Verrücktheit lauert die ganz gewöhnliche Wahrheit: dass man vielleicht froh ist, wenn der Mann mit seinem nächtlichen Schnarchen endlich Ruhe gibt; dass ein Kind wütend ist auf Erwachsene, die mit ihren Widersprüchen für ein Kind nicht zu verstehen sind. Und die ganze Wahrheit ist, dass die Natur auf dem Bauernhof durch zivilisatorische Einflüsse verloren geht, und dass man in die Stadt Dank bürokratisch eingreifender Maßnahmen, bereinigter Luft und in ruhige Straßen wieder zurückkehren kann.

Agota Kristof bedient sich eines schwarzen und trockenen Humors, um die Welt mit ihren traurigen, schönen, grausamen und wahren Gesichtern zu zeigen. Was makaber anmutet, das wird so erzählt, als sei es ganz normal.

Diese kleinen Nouvelles lesen sich leicht und wie zwischendurch. Sie wirken unbeschwert und sind dabei kein bisschen oberflächlich.
Es geht um kleine Lebensskizzen, die, herausgeschnitten aus einem Ganzen, wichtige Details wiedergeben, um ganze Gesellschaftszustände zu beschreiben.
Hervorragend und sehr zu empfehlen!

Agota Kristof
Irgendwo
Verrückte Welt mit Wahrheitsgehalt
ISBN:3492048714
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Über Nacht

Über Nacht

Wenn es möglich wäre, würde ich diesem Roman sechs Sterne zubilligen!
Es geht um zwei Frauen, zwei Menschenleben, zwei Schicksale: ihre Wege kreuzen sich in Rom.
Was aber haben sie gemeinsam, was führt sie zusammen?
Es sind zuerst die Männer und dann das Leben, das sie mit Alter, Krankheit und Tod konfrontiert.

Beide Frauen sind jung und im besten Alter.

Mira in Rom geht unverdrossen ihrer Arbeit in der Altenpflege nach, die sie eher nüchtern und sehr menschlich verrichtet. Im Altenpflegeheim erlebt sie die Bewohner mit ihren misanthropischen Einstellungen und sieht Abhängigkeiten und Autonomieverluste, die nachdenklich stimmen. Wunderbar werden einzelne Alte mit ihren skurrilen Sonderlichkeiten beschrieben.

Privat steigert sich Mira in eine schleichende und von Ahnungen beflügelte Eifersucht hinein, weil sie ihren Mann einer Affäre verdächtigt.

Irma ist in Wien ansässig, hat einen Sohn von einem davon gelaufenen Liebhaber und bekommt gerade eine neue Niere transplantiert. Sie geht nach der Transplantation ihrem Alltag nach, versorgt ihren kleinen Sohn und verdient sich mit Interviews von Menschen mit aussterbenden Berufen ihren Unterhalt. Auf diese Weise entstehen sehr phantasiereiche und poetische Erzählungen.

Neben der Frage über die Zulässigkeit von Transplantationen quälen Irma Schuldgefühle, weil der Tod eines anderen Menschen ihr erst das Fortleben ermöglicht hat.

Sehnsucht nach der wahren Liebe treibt beide Protagonistinnen in gleicher Weise um. Abgründe aber tun sich ihren Liebesbeziehungen auf! In Rom befindet sich der Mann, dessen Existenz für beide Frauen schicksalhaft ist..
Die Konfrontation mit dem Tod, mit Alter und Siechtum und die Unvereinbarkeiten, die zwischen Männern und Frauen bestehen, bilden eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Frauen.

Die eine kann mit ihrem Mann nicht weiterleben, die andere wagt nicht, sich auf neue Beziehungen einzulassen.
So schwanken beide zwischen Hoffen und Zweifeln.

Der Leser fiebert mit, wie die beiden ihr Leben in den Griff bekommen werden.

Liebe, Krankheit und nie versiegende Hoffnung sind die großen Themen in diesem Roman. Das Thema ist weit umspannend, dessen sich die Autorin angenommen hat.

Gruber befleißigt sich einer Sprachfertigkeit, die keinen Moment Überdruss oder Langeweile aufkommen lässt.
Die Straßen, Plätze, Märkte und Cafes in Wien und Rom werden vielfarbig und bunt beschrieben. Alle handelnden Personen und die Alten im Heim sind lebendig und charakterlich so unterschiedlich gezeichnet, dass man sich eine lebhafte Vorstellung von ihnen machen kann. Verzweiflung und Zuversicht, je wen sie betreffen, entsprechen dem wahren Leben.
Jeder Satz ist ein Genuss und es werden Allegorien ins Spiel gebracht, die manche Zusammenhänge gut versinnbildlichen.

Die Geschichte bewegt sich auf hohem Niveau und regt zu Reflexionen an. Profane Abgründe werden dabei nicht ausgespart.
Dieser talentierten und sprachgewandten Erzählerin ist weiterhin viel Erfolg zu wünschen!

Sabine Gruber
Über Nacht
Von Liebe und Freude, von Hoffnung und Vergangenheit
ISBN:3406556124
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Die Träumer

Die Träumer

Auch diesmal kommt Robert nicht zu Iris’ Veranstaltung. Er hat sich aus diesem Teil ihres Lebens zurückgezogen. Dabei ist Iris mit ihrem Catering-Service sehr erfolgreich. Für andere Männer, wie den Bürgermeister oder den Bauunternehmen wirkt der Erfolg anziehend. Dass Iris’ Mann sich unsichtbar macht, bedeutet für sie, dass Iris zu haben ist.
Nach einer dieser gelungenen Partys, am nächsten Morgen, erfährt Ines, dass ihr Mann tot aufgefunden worden ist. Sie muss glauben, was sie nicht glauben will, denn sie identifiziert ihn. Sie bricht nicht zusammen und dennoch ist das Leben um sie herum plötzlich ein anderes. Es findet nicht mehr mit ihr statt, sondern eher um sie herum.
Nach der Beerdigung trifft Iris einen Bekannten ihres Mannes. Er macht glaubhaft, zu wissen, warum Robert sich umgebracht hat.

Die Geschichte erzählt von einem Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat, dass sich nicht mehr beachtet und das trotzdem an der Verbindung festhält. Iris bleibt in der Geschichte im Hintergrund. Sie erfährt nicht, was ihr Mann getan hat, wenn er nicht bei ihr war und warum er sich letztendlich umgebracht hat. Der Leser dagegen schon. Ihm wird schonungslos offenbart, was die Ehefrau nie erfahren wird. Und das macht den Reiz dieses Buches aus. In Wahrheit ist Robert in eine Geschichte hineingeraten, aus der es kein entrinnen gab, weil es Dinge gibt, die er aus gutem Grund nicht gewillt war, hinzunehmen.
Seiner Frau konnte er sich nicht anvertrauen, sie ahnte nicht mal, dass er seinen Job verloren hat. Ohne hier zu viel zu verraten, die Geschichte ist brisant, ihre Entwicklung dramatisch.
Interessant ist, wie der Autor das gegensätzliche Ehepaar in seiner Zerrissenheit darstellt. Er geht dabei, psychologisch gesehen, sehr tief und beeindruckt mit den charakterlichen Beschreibung seiner Protagonisten und erzählt sehr gekonnt aus den zwei Perspektiven von Iris und Robert ohne diese Erzählstränge zusammenzuführen.

Über den Autor:
Peter Truschner, geboren 1967 in Klagenfurt, studierte Kommunikationswissenschaften und Philosophie in Salzburg. Er lebt heute in Berlin.

Rezension von Heike Rau

Peter Truschner
Die Träumer
255 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN: 978-3-552-05326-7
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München Blues

München Blues

Die abendliche Ruhe wird von einem seltsamen Geräusch gestört. Auf der Schwelle zu seinem Laden entdeckt Gossec einen stark alkoholisierten Mann. Er ist scheinbar ausgeraubt worden, denn er hat nichts von Wert bei sich. Visitenkarten sagen Gossec, dass er hier einen Landtagsabgeordneten vor sich hat. Hilfsbereit wie er nun mal ist, schleppt er die Bierleiche vom Oktoberfest in seine Wohnung, führt die üblichen Wiederbelebungsmaßnahmen durch und ruft ein Taxi.
Zwei Stunden später verschaffen sich ungefragt zwei Herren Zutritt zu Gossecs Wohnung hinter dem Laden. Dem Abgeordneten ist nämlich ein Schriftstück abhanden gekommen. Das hat Gossec aber nicht. Ein paar Tage später schickt das Büro des Abgeordneten einen Boten mit den rückzuerstattenden Auslagen. Damit ist die Sache vom Tisch.

Gossec hat die Nase voll vom schlechten Wetter und beschließt erst einmal Urlaub zu machen. Seinen Freund Julius, der gerade eine schwierige depressive Phase durchmacht, überredet er mitzukommen. Als die beiden wieder in München sind, finden die beiden Julius’ Wohnbüro komplett ausgeräumt vor. Einem Brief ist zu entnehmen, dass Rechtsanwalt Zwicklhuber im Auftrag seines Klienten das „vertragswidrige Sperrmülllager“ über die Firma Bärnbichl und Partner räumen lassen hat. Gossec will das nicht hinnehmen. Er holt den Totschläger aus dem Schrank, um sich Bärnbichl vorzuknöpfen.

Bärnbichl ist ein Schlägertyp, besser bekannt als Mongolen-Adi. Weil Gossec es wagt, auf dessen Schreibtisch herumzuwühlen, nimmt Mongolen-Adi ihn sich zur Brust und schmeißt ihn dann in hohen Bogen vor die Tür. Das kann Gossec nicht auf sich sitzen lassen. Er geht zurück. Er fackelt nicht lange und schon sitzt Mongolen-Adi gefesselt und mit heruntergelassener Hose auf einem Bürostuhl. Gossec findet das verlorengeglaubte Schriftstück und erfährt, als er es später liest, dass das Schlachthofviertel in ein attraktives Wohnviertel umgebaut werden soll. Gossecs Zukunft ist in Gefahr. Mongolen-Adi muss noch einmal eingehender befragt werden. Doch der kann nicht mehr auf Fragen antworten. So gerät Gossec unter Mordverdacht.

Gossec ist schon ein außergewöhnlicher Typ. Der Autor zeichnet ihn als Draufgänger mit Herz. Mit der Selbstbeherrschung hat er es nicht so, er wird mehr von seinen Adrenalinschüben gesteuert. So kommt es immer wieder zu extrem aus dem Ruder laufenden Situationen, bei denen Gossecs Gegenspieler, aber auch er selbst, einiges einstecken müssen. Es kann schon passieren, dass man die eigentliche Geschichte mal aus den Augen verliert und nur darauf wartet, was Gossec als Nächstes von sich gibt oder sich leistet oder mit welcher ungeahnten Charakterstärke er sich unvermutet präsentiert.
Auch wenn der Krimi wirklich gut ist, wird er doch hauptsächlich von der Figur Gossecs getragen. Er ist eine vielseitige Persönlichkeit und lässt kaum Raum für andere Charaktere. Die bleiben notgedrungen im Hintergrund.
Die Geschichte zu lesen, ist ein Vergnügen. Sie ist erfrischend witzig, lebendig und voller überraschender Szenen. Der Schreibstil des Autors tut ein Übriges. Durchweg wird man gut unterhalten.

Über den Autor:
Max Bronski wurde 1964 in München geboren. Hier lebt er auch heute noch. Er hat sich nach einem abgebrochenen Theologiestudium mit verschiedenen Jobs durchgebracht, gemalt und geschrieben.

Rezension von Heike Rau

Max Bronksi
München Blues
175 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3888974632
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Schöne Verhältnisse

Schöne Verhältnisse

Wenn man eine Geschichte in Lacoste in der Provence ansiedelt, so lässt das schon Schlüsse auf die Handlung zu.
Hier befindet sich nämlich das Schloß des Marquis de Sade!

Die Villa der Familie Melrose liegt bei Lacoste.
Der Hausherr David Melrose, Engländer wie seine Frau, beschießt gerade mit dem Wasser aus einem Gartenschlauch Ameisen, die sich auf ihrem Weg trollen oder erledigt sie mit einer glühenden Zigarette Er ist an die sechzig Jahre alt. Seine Frau Eleanor trinkt, raucht und nimmt jede Menge Medikamente. Ein kleiner Sohn von fünf Jahren spielt zwischen alten Gemäuern im Garten. Er ist sich selbst überlassen und offensichtlich nicht sehr erwünscht.

Was leicht sadistisch mit dem Jagen und Töten von Ameisen beginnt, wird weitergeführt mit dem Bericht über eine Reihe von Menschen, die uns in dieser ländlichen Villa begegnen.
Die englische Adelsschicht gibt sich ein Stelldichein und zu jeder Person gehört eine Geschichte.

Ein älterer Philosophieprofessor jüdischer Herkunft gehört zu den Freunden des Hauses ebenso wie seine amerikanische Freundin Anne, Nicholas und seine vulgäre Freundin Bridget.

Die Gesellschaft pflegt Kontakte und hält die Etikette ein. Gespräche sind geistreich und beweisen Bildung, wechseln jedoch häufig zu zynischer Überheblichkeit, bei der jeweils der eine erniedrigt, der andere mit dem Mythos der Überlegenheit ausstattet wird. Man weiß, woher jeder kommt. Eton als Ort der Bildungsherkunft ist die mindeste Voraussetzung, um hier dazu zu gehören.

Insgesamt handelt es sich um eine dekadente und überdrüssige Gesellschaft. Jeder beäugt jeden und jeder weiß über jeden Nachteiliges zu berichten.
Keiner kann sicher sein, dass er nicht Zielscheibe von bösartigen Gerüchten und morbiden Unterstellungen wird.
Im Zentrum aller Figuren steht David, ein bösartiges Ungeheuer, der mit seinen Sarkasmen alle übertrifft.
Ein unerhörter Zwischenfall lässt ahnen, dass sich an diesem Ort Tragödien sadistischen Ausmaßes abspielen.

Die Geschichte ist packend und randvoll mit scharfen Monologen und Dialogen. Dazwischen gibt es malerische Landschaftsbeschreibungen, mit denen die Provence ins Blickfeld gerückt wird.
Mit schwarzem Humor und kritischem Blick karikiert der Autor Abgründe in der Gesellschaft. Eine scheinheilige Adelswelt, ihre verlogenen Ansichten und die gegenseitigen Abhängigkeiten werden entlarvt.
Da die Geschichte in Frankreich spielt, wird Distanz zu DER englischen Oberschicht geschaffen. Es sind einzelne, die dieses Leben führen. Sie haben keine Aufgaben, frönen dem Müßiggang und sind vor allem reich.

Die Figuren werden einfallsreich und tiefgründig beschrieben. Einige der Schilderungen sind mir fast ein wenig zu weitschweifig. Z.B.: ein Glas Pastis stand wie eine eingefangene Wolke auf dem Klavier.
Man kann darüber hinwegsehen.
St Aubyn ist ein renommierter englischer Autor. Das beweist er mit diesem Buch erneut.
Die Geschichte ist anspruchsvoll und spannend erzählt. Sehr lesenswert!

Edward St Aubyn
Schöne Verhältnisse
Eine morbide Gesellschaft
ISBN:3832180125
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Zwei Leben und ein Tag

Zwei Leben und ein Tag

Anna Mitgutsch Zwei Leben und ein Tag

Luchterhand Verlag ISBN 3630872565
Psychogramm einer Ehe

Die Prallelen zweier Lebensgeschichten: H. Melville gibt den Stoff zu der einen, das Leben von Edith und Leonard beinhaltet die zweite.

Letztere sind sich in jungen Jahren begegnet. Leonard schrieb an einer Dissertation über Melville und hatte damit Ediths Interesse geweckt. Sie willigte nur zögerlich in eine Beziehung zu ihm ein, die in eine Ehe mündete.

Nach vielen Jahren ist sie geschieden von Leonard und erinnert sich in der Form des Briefromans noch einmal an die Stationen ihrer Ehe.

Eingebettet in Beschreibungen der Natur um den Hudson River, wo alles begann, wird zugleich Hermann Melvilles Leben, seine Ehe und seine Dichtung in die Erzählung einbezogen.
Es gibt Parallelen zwischen beider Ehen: das anfängliche Glück z.B., das schon bald von einem unsteten Nomadenleben und mangelnder Behaustheit bei beiden Paaren gekennzeichnet ist.
Edith und Leonard sind beruflich viel in Ländern Südostasiens und Osteuropas unterwegs gewesen, weil Leonhard in Amerika keine Stelle finden konnte.
Aus der Ehe von Edith und Leonard ging ein Sohn hervor, der psychisch krank ist. Schreckliche Panikzustände und auffällige Verhaltensweisen haben die Eltern auf eine harte Probe gestellt und ließen sie verzweifeln an seiner Fortentwicklung. Er bleibt ein Außenseiter, der sich in keine Gesellschaft einfügen kann. Durch seine Entwicklung bekommt die Geschichte eine nachhaltige Dramatik.

Auch in H. Melvilles Leben gab es Unvereinbarkeiten zwischen Eltern und Söhnen und das Außenseitertum.

Ediths Betrachtungen zwischen kontemplativer Rückschau, empathischer Einfühlung in die Familiengeschichte Melvilles und realistischer, traurig-melancholischer Einsicht in die nicht gelungene eigene Ehe, ist anrührend.
Anna Mitgutsch kann mit ihrem Sprachtalent psychische Empfindungen zwischen Menschen beschreiben, die außerordentlich nahe an der Realität sind.
Sprachlosigkeit, Angst, Beklemmung, Nähe – und Distanz finden präzisen Ausdruck.
Sie beschreibt wechselnde Gefühlswelten, die für die Beziehung zwischen zwei Menschen beängstigend und befremdlich sind.
Mitgutsch beweist mit dieser Geschichte eine klare Denkungsart. Sie spiegelt uns ein Bild zwischenmenschlicher Beziehungen, das im täglichen Leben vorkommt, das aber selten in dieser reflektierten Weise vorgetragen wird.

Zugleich entsteht ein Panorama der Welt Melvilles, das fast einer Biographie dieser unsteten, düsteren, von Zweifeln, Wut, Hass und Getriebensein bedrückten Persönlichkeit gleichkommt.

Die Spannung der Erzählung wird durch die zügig vorangetriebene Geschichte bewirkt. Der Roman ist anspruchsvoll, psychologisch -analytisch klug aufgebaut und sehr genau konstruiert und schlüssig durchgearbeitet.
Man liest ihn mit anhaltender Spannung.

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Perlen

Perlen

Schmuck selbst zu gestalten, ist ein ganz besonderes Hobby. Mit Hilfe des Buches gelingt es ganz verschiedenen Halsketten, Armbänder und Ohrringe zu fertigen. Die zum Einsatz kommenden Perlen können aus Keramik, Perlmutt, Holz, Glas, Kunststoff oder Metall sein. Der eigenen Fantasie sind bei der Verwendung der Werkstoffe keine Grenzen gesetzt.

Die Autorin erklärt, worauf es ankommt und berichtet über alles Wissenswerte rund um die Perlen. Sie beschreibt die Perlenvielfalt sehr genau und geht dabei auf die verschiedenen Materialien, Formen und Farbgebungen ein. Anhand der vielen Fotos kann man sich ein Bild davon machen, welche Perlen man käuflich erwerben kann. Schon an dieser Stelle wird klar, dass bei diesem schönen Hobby der eigenen Kreativität keine Grenzen gesetzt werden. Wichtig ist, dass man sich mit den verschiedenen Techniken der Schmuckherstellung gut auskennt. Das kann man mit Hilfe des Buches lernen. Die Autorin zeigt sämtliche Zubehörteile wie Haken, Ringe, Endstücke und Verschlüsse und erklärt den Umgang mit den verschiedenen Werkzeugen wie Zangen, Fadenschneider und Pinzetten. Auch wie der Arbeitsplatz idealer Weise auszusehen hat, wird gezeigt.

Vorgestellt werden dann ganz verschiedene Projekte, die man nachgestalten oder als Anregung nehmen kann. Hergestellt werden Ohrringe, Armbänder, Halsketten von verspielt bis klassisch, kitschig bis edel. Je nach Anlass kann man hier das geeignete Schmuckstück heraussuchen, für festliche Anlässe genauso wie für die Faschingsfeier. Viele der vorgestellten Schmückstücke dürften auch jungen Mädchen gut gefallen.

Die Autorin gibt zahlreiche Tipps und verrät interessante Tricks, die das Arbeiten erleichtern. Die Anleitungen selbst sind sehr gut nachvollziehbar. Jeder Arbeitsschritt wird in Wort und Bild erklärt. Auch die Pflege der Schmuckstücke findet Beachtung. Es gibt viele Hinweise, wie man Schmuck reinigen, reparieren oder auch älteren Schmuck wieder aufpeppen kann.

Rezension von Heike Rau

Maya Brenner
Perlen
Schmuck selbst gestalten
Aus dem Englischen von Wiebke Krabbe
224 Seiten, gebunden, mit über 165 Farbfotografien
Dorling Kindersley Verlag
ISBN: 978-3-8310-1016-5
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Pawel Sanajew: Begrabt mich hinter der Fußleiste

Pawel Sanajew: Begrabt mich hinter der Fußleiste

Es vergeht keine Stunde, ohne dass die Großmutter auf das Gröbste flucht und schimpft. Der Großvater ist für sie ein stinkender alter Esel und ihr Enkelkind Sascha ein dreimal verfluchtes, verkommenes Miststück. Während der Großvater seinem Zuhause Tage oder auch für Stunden den Rücken kehren kann, ist Sascha daran gefesselt. In die Schule geht er nur selten. Er ist krank. Ein Staphylococcus frisst sein Gehirn auf. Die Großmutter hält den Jungen am Leben. Sie kennt sich besser aus als die Ärzte und weiß genau wie die chronischen Stirn- und Kieferhöhlen- und Mandelentzündungen, der Leberschaden, die Niereninsuffizienz und die Pankreatitis zu behandeln sind. Sie weiß auch, woher die Krankheiten kommen. Sascha muss für die Sünden seiner Eltern büßen.

Die Großmutter redet dem Jungen ein, so gut wie tot zu sein. Sie macht ihm glauben, er verfaule ganz langsam. Sascha macht sie damit eine ungeheure Angst. Es ist für ihn ein Schreckenszenario, sich vorzustellen auf einem Friedhof in der Erde unter einem Kreuz zu liegen. Viel lieber möchte er hinter der Fußleiste begraben werden, wo durch die Ritzen etwas Licht fällt.

Der Autor lässt Sascha die Geschichte selbst erzählen. Sie gewinnt dadurch an Dramatik und an Glaubwürdigkeit. Einen Menschen wie die Großmutter kann man sich dennoch nur schwer vorstellen. Das Buch ist vollgestopft mit ihren Flüchen und Beschimpfungen, die sehr betroffen machen. Der Autor offenbart erst spät im Verlauf der Geschichte, warum die Großmutter so geworden ist, dass sie eine Wand um sich herum zum Selbstschutz gebaut hat. Eine Entschuldigung für ihre Art ein Kind und auch ihren Ehemann zu quälen, ist das aber nicht. Der Autor lässt den Leser auch manchmal durchblicken durch diese dicke Wand, zeigt, dass die Großmutter sehr wohl Liebe empfinden kann. Wenn Sascha sehr schwer krank ist, umgibt sie ein Hauch von Wohlwollen.

Das Buch löst daher sehr widersprüchliche Gefühle aus. Es ist nicht einfach zu lesen, so eindringlich ist seine Dramatik. Die Charaktere werden in ihrer Zerrissenheit sehr tiefgehend beschrieben. Viele Szenen wirken auf makabere Weise geradezu komisch. Aber diese Komik löst kein Lachen aus, sondern Traurigkeit. Das Buch liegt dann auch bleischwer im Magen. Entgehen lassen, sollte man es sich trotzdem nicht. Die Art des Autors zu schreiben, ist außergewöhnlich.

Über den Autor:
Pawel Sanajew, der einer berühmten russischen Schauspielerfamilie entstammt, wurde 1969 in Moskau geboren. Er studierte an der Filmhochschule und arbeitete dann als Drehbuchautor und Synchronisator. Sein erster Film, der Thriller „Letztes Wochenende“ kam 2005 in die Kinos und wurde auf Filmfestivals ausgezeichnet. „Begrabt mich hinter der Fußleiste“, das für den russischen Bookerpreis nominiert wurde, ist sein erstes Buch.

Rezension von Heike Rau

Pawel Sanajew
Begrabt mich hinter der Fußleiste
Aus dem Russischen von Natascha Wodin
240 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-88897-464-9
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