Ursula Fricker: Fliehende Wasser

Ursula Fricker: Fliehende Wasser

Es stimmt, sie hat es sich gewünscht. Nun ist es wahr geworden, der Vater ist tot. Er liegt im Graben neben der Landstraße unter einer Lage frischen Schnees.
Nun blickt Ida zurück, erzählt von ihrer Kindheit und ihrem Vater Simon.

Der Vater weiß selbst, dass etwas mit ihm nicht stimmt. 18jährig beginnt er für den Verlobten einer Freundin zu schwärmen, stiehlt sogar ein Foto von ihm. Doch er will nicht werden wie der Friedli, dieser Perverse, dieser verkommene Mensch. Dem gefallen die Männer auch. Beide Eier hat man ihm abgeschnitten in der Anstalt.
Simon heiratet also, bekommt mit seiner Frau zwei Kinder. Disziplin ist alles in seinem Leben, damit bekommt er seine ruhelosen Gedanken in den Griff, das verlangt er auch von seinen Kindern. Es kommt nicht in Frage, dass sie Dreck essen. Dreck steht für Fleisch, aber auch für Zucker, Schokolade und Eis.

Bald kann er nicht mehr, hält den selbstauferlegten Verzicht nicht mehr aus. Der Magen knurrt auch noch nach zwei Kilo Weintrauben. Es rumort in seinem Bauch, dass er es selbst kaum mit anhören kann. Doch das Abweichen von seinen Regeln käme einem Selbstverrat gleich.

Die Familie muss mitziehen. Ida leidet besonders unter der Quälerei. Sie ist dem Spott ihrer Mitschüler ausgesetzt, fängt an, ihren Vater zu hassen. Sie beginnt sich zu widersetzten, startet einen Ausbruchsversuch aus ihrer Lage und wünscht sich, dass ihr Vater endlich stirbt.

Dieser biedere Familienvater bringt einen zur Raserei und hinterlässt nichts als Empörung. Man möchte ihn durchschütteln und zur Vernunft bringen. Und die Mutter gleich mit, auch wenn ihre Gründe, die „gesunde Ernährung“ durchzuziehen etwas anders liegen. Ihr scheint es tatsächlich um die Gesundheit zu gehen. Nach ihrer Meinung kann jedem Leiden von Krebs bis Verdauungsstörung durch entsprechende Nahrung begegnet werden.
Dass der Vater stirbt, wird gleich am Anfang erzählt. Und je mehr man gelesen hat von diesem Buch, um so klarer wird, dass dies der einzige Ausweg für den verbohrten Vater und die Familie ist.

Es wird abwechselnd aus der Sicht der Tochter und des Vaters vom alltäglichen Familienleben erzählt. Die Autorin lässt sich Zeit dabei, steigert die Beklemmung Schritt für Schritt, die den Leser unweigerlich überfällt. Wirklich ein ungewöhnliches Buch!

Über die Autorin:
Ursula Fricker ist Jahrgang 1965. Sie publizierte verschiedene Anthologiebeiträge und Reportagen u.a. für die SZ am Wochenende und die Aargauer Zeitung. 1997 erhielt sie das Alfred Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin. „Fliehende Wasser“ ist ihr erster Roman. Er wurde mit einem Förderbeitrag von Stadt und Kanton Schaffhausen ausgezeichnet.
Ursula Fricker lebt heute als freie Autorin in der Nähe von Berlin.

Rezension von Heike Rau

Ursula Fricker
Fliehende Wasser
167 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Pendo Verlag
ISBN: 3-85842-575-3
Bestellen

Irgendwo in Hamburg

Irgendwo in Hamburg

Nach zehn Jahren sehen sie sich zufällig wieder. Jakob Vogelwart der Schriftsteller und Thorsten Riebach, der scheinbar kein Unternehmensberater mehr ist. Sie wollen in Kontakt bleiben, mal telefonieren, weil das besser ist als ein direkter Besuch. Und dann klingelt tatsächlich das Telefon bei Jakob. Der Anruf von Thorsten klingt wie ein Hilferuf. Klar, dass Jakob sich sofort in Bewegung setzt. Na ja, nicht sofort, sondern erst, nachdem er seinen in der Wand feststeckenden Finger befreit hat.
Aus dem Haus kommt ein seltsames Mädchen, das ihn fesselt. Jakob verschiebt seinen Besuch ein wenig und folgt erst mal dem Mädchen, hilft ihr Zahncreme zu kaufen. Dann wird er niedergeschlagen oder auch nicht, vielleicht ist es ein epileptischer Anfall. Die kommen immer ganz plötzlich. Oder Jakob ist einfach ausgerutscht. Auch das kann ganz plötzlich kommen. Eigentlich ist gar nichts passiert.
Den Besuch bei Thorsten lässt Jakob erst mal sein. Er ruft lieber an. Doch das seltsame Gespräch ist für ihn ein erneuter Hilferuf. Und schon steht Jakob wieder vorm Haus. Doch Thorsten ist nicht da. Angeblich ist er ausgezogen. Jakob wird die Wohnung angeboten. Sie wird möbliert vermietet, komplett mit Wintermantel und Gurke im Kühlschrank. Die Miete darf der neue Mieter selbst bestimmen.
Jakob zieht ein. Er will wissen, was in diesem seltsamen Haus nicht stimmt. Er will auch mehr über das seltsame Mädchen erfahren und natürlich muss er herauskriegen wohin Thorsten verschwunden ist.

Was hier abläuft ist ein riesiges Verwirrspiel, das die Hausbewohner ausgeheckt haben. Man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Die Ideen die der Autor verarbeitet hat, sind oft völlig aus der Luft gegriffen und überhaupt nicht nachvollziehbar. Es ist auch kein Krimi im herkömmlichen Sinne. Zwar sind wohl Morde im Haus passiert und die Hausbewohner haben so einiges zu verbergen. Aber Jakob und somit auch der Leser kommen einfach nicht dahinter, was hier gespielt wird. Die Hausbewohner reden immer um den heißen Brei herum, sind talentierte Schauspieler. Man weiß nicht was man glauben soll, was Wahrheit ist, was Spiel. Damit kein Missverständnis aufkommt. Es hat Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Es ist komisch, satirisch, ironisch und makaber. Immer wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, setzt der Autor noch eins drauf. Seine Phantasie schäumt über.
Eigentlich erwartet man, dass das Buch mit einem großen Knall endet, aber so ist es nicht. Hier hat sich wohl die Phantasie des Autors endlich erschöpft. Der Leser kann aufatmen.

Rezension von Heike Rau

Gunter Gerlach
Irgendwo in Hamburg
Krimi
265 Seiten, Taschenbuch
Rotbuch / Sabine Groenewold Verlage, Hamburg
ISBN: 3-434-54049-0
Bestellen

Indras Traum

Indras Traum

Es tut Indra gut, sich nach all der Aufregung an Simons Brust
auszuheulen. So spürt sie die Hilflosigkeit nicht mehr ganz so sehr. Dass Indra Simon eigentlich gar nicht mag, ist in diesem Moment nebensächlich. Der beinahe geglückte Überfall auf Indra im Park, ist für das Mädchen eben nicht so leicht zu verkraften. Ihre Nerven liegen so schon blank, wegen der schrecklichen Albträume, die sie hat. Nur weil sie sportlich ist und gut durchtrainiert, entkommt sie dem Mann mit der Strumpfmaske.
Wenig später, beim Konzert der Devil’s Slaves, welches Indra mit ihrer Freundin Jasmine und deren Cousin Simon besucht, begegnet sie dem Mann aus ihren Albträumen. Es ist der charismatische Leadsänger Than. Und ausgerechnet in den verliebt sich ihre Freundin Jasmine Hals über Kopf. Die Freundinnen trennen sich, und so erfahren Indra und Simon erst am nächsten Tag, dass Jasmin nicht nach Hause gekommen ist. Nun bricht Hektik aus. Doch was Indra auch tut, die Geschichte scheint längst geschrieben, das Schicksal vorbestimmt.

Keine Frage, das Buch ist spannend geschrieben. Die Geschichte ist unheimlich. Mit wachsender Unruhe stellt man fest, dass die bedrohlichen Albträume von Indra sich erfüllen. Die 16jährige wird aus ihrem ganz normalen Teenagerleben herausgerissen und muss zeigen, was sie drauf hat. Dabei stehen ihr die Sorgen und die Fürsorglichkeiten der Eltern nur im Weg. Und dennoch braucht sie die und auch ihre Freunde. Wobei sie Jasmines Cousin Simon gar nicht erst zu ihren Freunden zählen mag. Doch Indra tut ihm Unrecht und muss erkennen, dass sie ihn unterschätzt hat.
Sehr beeindruckend sind die in die Geschichte eingewobenen Fantasy- und Mysteryelemente. Sie ziehen den Leser mit ihrer Bedrohlichkeit zusätzlich in den Bann, sorgen dafür, dass die Spannung sich das ganze Buch über hält.

Über die Autorin:
Rebecca Hohlbein ist die Tochter von Deutschlands bekanntestem Fantasy-Autor. Sie hat bereits mehrere Kurzgeschichten und Kinderbücher unter Pseudonym veröffentlicht.

Rezension von Heike Rau

Rebecca Hohlbein
Indras Traum
Für Jugendliche
144 Seiten, gebunden
Egmont vgs verlagsgesellschaft
ISBN: 3-8025-3328-3
Bestellen

Erhöhter Blauanteil

Erhöhter Blauanteil

Andreas Steindorf ist von Beruf Schriftsteller. Er wohnt als Untermieter bei Frau Ambach. So ist er recht gut versorgt, könnte sich also voll auf seinen Beruf konzentrieren. Doch er nutzt die Zeit lieber zum Lesen. Fasziniert ist er von den Büchern Peter Handkes. So möchte er auch schreiben können. Eifrig studiert er Handkes Humor, den außer ihm niemand zu bemerken scheint. Überhaupt versteht seine übermäßige Faszination niemand so recht. Steindorf liest, liest und liest, um Handkes Schreibstil zu verinnerlichen. Dabei bringt er selbst kaum noch eine Zeile zustande. Aber das liegt für ihn eher an Frau Ambachs Violinenspiel. Mit dieser Musik im Hintergrund lässt es sich nicht schreiben, aber gut lesen. Und dann kommt ihm eine geniale Idee. Steindorf will sich ganz Handkes Werken widmen, und eins davon abschreiben. Seite für Seite, Satz für Satz, Wort für Wort. Was für ein Gefühl muss das sein, genauso schreiben zu können wie Handke?

Es ist schwer, in die Geschichte hineinzufinden. Manche der ellenlangen Schachtelsätze muss man mehrmals lesen, um halbwegs eine Gliederung hineinzubekommen. Und doch muss man unwillkürlich staunen über diesen mehr als seltsamen Schriftsteller Steindorf, der der Faszination eines anderen Autors zu erliegen scheint. Der aufgeht in den Werken eines anderen, sich gefangen halten lässt. Steindorf verstrickt sich im Alltag und droht darin unterzugehen. Als Leser wird man verunsichert und irritiert. Es entsteht der Eindruck Bruno Steiger macht sich über Steindorf lustig, über seine Hirngespinste, über sein durch und durch biederes Leben. Dabei gibt es nichts zu lachen, wenn man so Seite für Seite liest. Das Geschriebene wirkt eher melancholisch. Hier bleibt nur Verwunderung zurück.

Über den Autor:
Bruno Steiger ist Jahrgang 1946. Er lebt in Zürich. Die Romane und Erzählungen des Schriftstellers, Kritikers und Essayisten wurden vielfach ausgezeichnet.

Rezension von Heike Rau

Bruno Steiger
Erhöhter Blauanteil
127 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN: 3-312-00337-7
Bestellen

Weiberwirtschaft

Weiberwirtschaft

1482. Um die Handelsbeziehungen zwischen Hamburg und Magdeburg zu festigen, wird die Ehe zwischen Richard Alemann, Sohn einer Magdeburger Patrizierfamilie und Regina Jessen, Tochter eines Hamburger Kaufmanns, arrangiert. Gebildet soll sie sein, diese Regina. Singen, tanzen und musizieren könne sie. Wahrscheinlich ist sie hässlich. Doch Richards Befürchtungen bestätigen sich nicht. Seine anverlobte Braut ist eine Schönheit. Er freut sich schon aufs Brautbett. Doch es kommt etwas dazwischen. Als er sich nach einer Feier mit zuviel Zerbster Bitterbier am Ufer der Elbe erleichtern will, findet er zu seinem Schrecken die Leiche des Kaiserlichen Rats Wulffenstein. In seinem Rachen steckt ein blutverschmiertes Dokument, welches an die Hansestadt Hamburg gerichtet ist. Und in der Hand hält der Ermordete einen gut gefüllten Geldbeutel. Das ist ein ungewöhnliches Zeichen – nur für was? In diesen abscheulichen Mordfall will der junge Stadtschreiber Richard sich nicht verwickeln lassen. So geht er nicht zum Stadthaus und alarmiert die Wache, sondern nach Haus in sein Bett.
Doch so leicht kommt er nicht davon. Schon am nächsten Morgen stehen zwei grimmig dreinschauende Angehörige der Stadtwache vor seinem Bett. Als Mörder scheint Richard überführt, denn er hat am Elbufer etwas zurückgelassen. Und seine blutverschmierten Hände sind ebenfalls sehr aussagekräftig.

Das Buch beginnt überaus turbulent und geht auch so weiter bis zum Schluss. Es ist das reinste Vergnügen, den Zeilen zu folgen und vor mittelalterlicher Kulisse zu beobachten wie Intrigen gesponnen, Pläne geschmiedet und wenn alles schief läuft, eben improvisiert wird. Die Akteure sind herrlich lebendig, schlagfertig und einfallsreich, auch wenn so machen Schuss nach hinten losgeht. Es geht hoch her, hauptsächlich dann, wenn die Frauen, die ja eigentlich in dieser Zeit nicht viel zu sagen haben, sich einmischen. Besonders aufregend gezeichnet ist die Figur der Regina Jessen, die ihren Bräutigam auch lieb gewonnen hat und ihn nicht im Kerker verrotten lassen will. Sie ist die treibende Kraft, nutzt ihre Bildung und ihren wachen Verstand und unternimmt etwas, um den Mord aufzuklären und ihren Verlobten reinzuwaschen.
Das Lachen kann man sich beim Lesen des Krimis kaum verbeißen, so herrlich ironisch und witzig ist das Buch geschrieben. Eine Katastrophe jagt die nächste und so mancher Akteur stellt sich sagenhaft blöd an. Immer wieder kommt völlig Unerwartetes dazwischen.
Kurz – dieser Krimi hat ordentlich Feuer. Den muss man einfach lesen!

Rezension von Heike Rau

Waltraud Lewin / Miriam Margraf
Weiberwirtschaft
Ein Hansekrimi
205 Seiten, Taschenbuch
Die Hanse / Sabine Groenewold Verlage, Hamburg
ISBN: 3-434-52810-5
Bestellen

Schwarzes Wasser

Schwarzes Wasser

Eine große Party soll es geben. Elisabeth wird Zwanzig. Und nun muss es auch endlich passieren. Elisabeth ist nämlich immer noch Jungfrau. Gefeiert wird bei Wolodja. Er ist nach seinem russischen Großvater benannt, der mit hier im Haus wohnt, jedoch wegen seiner hohen Alters und seiner damit verbundenen Gebrechlichkeit ans Bett gefesselt ist. Auf Wolodja hat es Elisabeth nicht abgesehen. Aber sein Freund Albert kommt in Frage. Der ist bekannt dafür, dass er nichts anbrennen lässt.
Doch Albert verschwindet bei Wolodjas Großvater. Er hört die Geschichte seiner Liebe. Die will der Großvater nun, wo es bald zu Ende geht, unbedingt seinem Enkel erzählen. Das hier Albert anstelle von Wolodja sitzt, bemerkt er nicht. Aber das spielt auch keine Rolle.

Die Erinnerungen des Großvaters liegen eingebettet in der Geschichte Elisabeths. So ganz will das nicht zusammenpassen. Da ist Wolodjas Großvater, der sich damals in die blutjunge Katja verliebte, sie zu sich und seiner Ehefrau ins Haus holte und die doch tatsächlich schwanger von ihm wird.
Ausgerechnet Albert hört sich die Geschichte an, wo doch Elisabeth draußen sehnsüchtig auf ihn wartet. Sie will unbeschwert die Liebe genießen. Doch wer weiß schon, ob alles so unbeschwert wird. Es kann auch anders kommen, wie bei Wolodjas Großvater. Ob es das ist, was der Autor dem Leser vermitteln will? Dass man auch versinken kann in der Liebe, wie in einem „Schwarzen Wasser“ oder in einem Morast?

Der Roman ist einfühlsam geschrieben und lebendig. Gefühle werden intensiv geschildert. Der Autor beobachtet aufmerksam, schildert Gedankengänge seiner Protagonisten oft akribisch genau. Es ist ein Roman, über den man sich lange Gedanken machen wird.

Über den Autor:
Maximilian Steinbeis ist Jahrgang 1970. Er studierte Jura und ist seit 1999 Politredakteur. Der Autor lebt in Köln.

Rezension von Heike Rau

Maximilian Steinbeis
Schwarzes Wasser
141 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Verlag C.H. Beck
ISBN: 3-406-50969-X
Bestellen

Fremde Gedanken – Fantastische Erzählungen

Fremde Gedanken – Fantastische Erzählungen

Eine Kriegerin und ein Zauberer, ein verliebter Außerirdischer, ein Wissenschaftler mit fremden Gedanken im Kopf oder eine mutige Drachenführerin, sie alle füllen die neun Geschichten mit Leben. Geschichten die in verschiedenen Zeiten spielen oder in fernen Welten oder scheinbar hier in unserer Nähe. Es geht um das Leben, das Überleben, unsere Träume und Sehnsüchte und natürlich die Liebe.

Den Einstand macht die Story „Geistesmacht“, die sich auf so faszinierende Art und Weise mit unserer Willenskraft und den dadurch erfüllbaren Träumen befasst. Sie zieht den Leser magisch hinein in das Buch. Sehr spannend ist „Fremde Gedanken“. Die Möglichkeit menschliches Wissen von einem Gehirn in ein anderes kopieren zu können, ist utopisch. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. „Die Nacht im Park“ liest man wohl mit einen Schmunzeln. Was wäre, wenn der eigene Partner, den man eigentlich für durch und durch menschlich hält, sich in einen Außerirdischen verwandeln würde? Eine abwegige Vorstellung? Und trotzdem wird dieses Szenario einmal durchgespielt. „Hallen aus Stahl“ dagegen stimmt nachdenklich. Die Menschen leben hier unterirdisch in Kuppelstädten auf dem Meeresboden, werden beherrscht von einer diktatorischen Regierung. Vor dieser Kulisse sucht ein Bruder seine ohne Wissen der Regierung geborene Zwillingsschwester, die nach dem Gesetz eigentlich kein Recht hat zu leben. Den gelungenen Abschluss bildet die eher heitere Geschichte „Verflixter Montag“, die unsere Einstellung zu eben diesem Wochentag durch einen vielsagenden Blick in die Zukunft ändern könnte.

Beeindruckend ist die Vielfalt der Geschichten, der gelungene Mix aus Science-Fiction und Fantasy. Die Autorin schreibt sehr flüssig und behält einen einheitlichen Stil bei. Sie setzt der Phantasie des Lesers keine Grenzen. Kurzweilige und abwechslungsreiche Unterhaltung wird so garantiert.

Heike Wolff ist Jahrgang 1973. Die Mitherausgeberin des LEseSTOFFs lebt in Leipzig. Nach zahlreichen Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften liegt nun mit „Fremde Gedanken“ ihr erstes Buch vor. www.wolffheike.de

Rezension von Heike Rau

Heike Wolff
Fremde Gedanken – Fantastische Erzählungen
148 Seiten, broschiert
Engelsdorfer Verlagsgesellschaft
ISBN: 3-937290-58-3

Bestellen

Mutter & Sohn

Mutter & Sohn

Endlich darf er wieder im Stehen pinkeln. Lisa ist weg. Nach vier Jahren. Johannes Seidel fühlt sich eigentlich gut. Doch dann kommt der Brief, überrascht ihn in seinem wohlverdienten Urlaub. Die Firma will ihn abschieben nach Brasilien, will Platz machen für einen jüngeren Kollegen. Eine tolle Chance für ihn, er sei ja schließlich jetzt ohne familiäre Bande, ohne Lebensabschnittsgefährtin. Dabei riecht das Bett noch nach ihr. Es war ein Fehler, sich der Sekretärin Frau Zumgibel anzuvertrauen.
Brasilien. Er weiß von einem Kollegen, wie es dort ist. Nur im zugedröhnten Zustand kann man es dort aushalten. So ein Abenteuer auf die alten Tage will er sich sparen.
Dann kommt der Anruf. Von seiner Mutter, zu der er lieber Abstand hält. Sie ruft immer an, wenn er ein Tief hat. Sie hat ein Gespür dafür. Er erzählt ihr von dem Angebot, nach Brasilien zu gehen. Sie hält es für Abschiebung. Und wenn er dennoch zusagt? Den Gedanken ihren Sohn so weit weg wissen zu müssen, erträgt sie nicht. Sie will ihn sofort sehen. Und er kommt. Es ist für ihn völlig überraschend, seine Mutter im Rollstuhl sitzend vorzufinden. Und da sind sie wieder da, die familiären Bande. Sie wollen seinen Karrieresprung nach Brasilien verhindern. Er ist nicht mehr frei in seiner Entscheidung, auch wenn die Mutter ihm etwas anderes zu verstehen gibt – scheinbar zu verstehen gibt.

Auf der einen Seite steht Martin Seidel. 57 Jahre alt. Nun, wo Lisa ihn verlassen hat oder besser, seit er sie vertrieben hat, ein alleinstehender Mann. Er ist erfolglos, bald glatzköpfig und von so manchen Wehwehchen geplagt. Wie soll er wieder eine Frau finden? Doch so ganz allein ist er ja nicht. Er hat seine rechthaberische Mutter, mit der er es nie länger aushält. Krankhaft klammert sie sich an die vor 30 Jahren verstorbene Tochter, hält sie lebendig, lebt mit ihr zusammen. Das erträgt er nicht. Als die Mutter von Martins Brasilien-Plänen hört, klammert sie sich auch noch an einen Rollstuhl. Muss Martin sie nun pflegen? Er, der bildlich gesprochen ja eigentlich auch schon an Krücken geht? Das rückt die Abschiebung nach Brasilien in ein ganz anderes, in ein verlockendes Licht. Nur weg, alle Verpflichtungen hinter sich lassen! Doch da ist noch sein Gewissen, das ihm keine Ruhe lassen will.

Der Autor stellt eine Mutter-Sohn-Beziehung auf den Prüfstand und analysiert sie akribisch. Jeder von den beiden versucht mit allen Mitteln seine Interessen durchzusetzen. Keiner ist bereit von alten Gewohnheiten abzurücken oder Fehler der Vergangenheit einzuräumen. Auch wenn der Sohn den natürlichen Vorteil hat jünger zu sein als seine Mutter, er ist genauso unbeweglich und eingefahren in seinen Gedanken wie sie. Doch die Mutter will es nicht darauf ankommen lassen, dass der Sohn doch nach Brasilien gehen könnte. Vorsorglich übertreibt sie das Spiel und verhält sich ganz mies und unfair. Als Leser erwartet man das Ende mit Spannung und fragt sich, ob sie damit durchkommt.

Der Autor hat eine präzise Beobachtungsgabe und psychologisches Gespür für Stimmungen. Mit seinem Buch löst er widersprüchliche Gefühle aus. Mal bringt man Verständnis für die Situation auf, dann wieder nicht. Mal ist es urkomisch mal bitterernst und Verzweiflung kommt durch. Die Geschichte wirkt ernüchternd, aber sie ist nicht ohne Hoffnung.

Über den Autor:
Bernd Schroeder ist Jahrgang 1944. Der Autor und Regisseur zahlreicher Hör- und Fernsehspiele lebt in Köln. 1992 wurde er mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Bernd Schroeder ist Mitglied des PEN.

Rezension von Heike Rau

Bernd Schroeder
Mutter & Sohn
Erzählung
164 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag
ISBN: 3-446-20466-0
Bestellen

Mord(s)fälle

Mord(s)fälle

Schaut ihr abends erst unterm Bett nach, ob da der böse Mann liegt? – Lasst ihr immer irgendwo nachts ein kleines Licht brennen, um den Einbrecher abzuschrecken oder um ihn gleich erkennen zu können, wenn er auftaucht? Kurzum, ängstigen euch die eigenen Fantasien?

Wenn ja, gehört ihr sicher nicht zur Gruppe derer, die sich vorm Einschlafen mit einem spannenden Kurzkrimi zu entspannen pflegen. Zum Glück gibt’s für jene auch Anthologien freundlicheren Inhalts!

Wer sich hingegen nach des Alltags Last und Frust und Einerlei in die Welt handfester Schlechtigkeiten entführen lassen will – sei es zur Unterhaltung oder zur inneren Würdigung der eigenen Werte -, der findet im Kurzkrimi eventuell die seelische Ausgeglichenheit für einen erholsamen Schlaf. Meist siegt im Krimi ja auch das Gute, und das ist ungemein beruhigend, – aber Verlass ist darauf heute auch nicht mehr… Und eben das sorgt für ein weiteres Spannungselement.

Selbstverständlich kann man Kurzkrimis nicht nur als Einschlafstimulanz lesen sondern auch zu anderen Tageszeiten…

Werden mehrere Kurzgeschichten verschiedener Autorinnen und Autoren zu einem Buch zusammengefasst, nennt man dies eine Anthologie. Und um eine solche handelt es sich bei der jüngst im Kontrast-Verlag, Pfalzfeld, erschienen Krimi-Sammlung „Mord(s)fälle“. Das in Klammern gesetzte „s“ generiert die Doppeldeutigkeit: Es geht um Mord (was nicht verwundert) und um mordsmäßig interessante Geschichten (was in diesem Buch meistens auch zutrifft) Auf dem Cover finden wir eine dicke „1“, was darauf hindeutet, dass irgendwann ein Band 2 geplant ist.

Das Buch entstand aus einer Ausschreibung des Verlages im Internet. Wer einen interessanten Krimi geschrieben hatte, konnte ihn einreichen. Nach einer Vorauswahl wurden die einzelnen Texte bewertet durch einen Schriftsteller, einen Kriminalbeamten und ein Verlagsmitglied. Die besten 20 Beiträge von weit über 200 Einsendungen wurden dann in „Mord(s)fälle“ veröffentlicht.

Ein Kompliment verdient die Vielseitigkeit, die wohl bei der Auswahl auch eine Rolle spielte. Hier ähnelt kein Krimi dem anderen, weder inhaltlich noch in der Schreibweise. Da werden mit bloßen Händen, Giften, Messern, Pistolen und Revolvern wenig geschätzte Mitmenschen ins Jenseits befördert. Mal geschieht dies sachlich kühl, mal zynisch, manchmal mischen sich schwarzer Humor und Erotik darunter. Doch alle Geschichten sind lesenswert und unterhaltsam.

Schmunzeln lässt schon die erste Geschichte von Heinz-Peter Baecker mit dem Titel „Die Gebrauchsanleitung.“ Da setzt ein Verleger doch tatsächlich die Mordidee seines Autors in die Tat um… Also, auch ein Hauch Selbstironie des Verlages ist in diesem Buch zu finden.

Irgendwo begegnen wir übrigens auch der Kommissarin Marion Zelenka, an deren virtueller Existenz ich nicht ganz unschuldig bin.

Ein wenig Kritik muss ich anbringen zum Lektorat. Egal, ob man nun ein Anhänger der alten oder der neuen Rechtschreibung ist, hier wäre mehr Aufmerksamkeit wünschenswert gewesen. Man glaubt da manchmal den Termindruck zu spüren, das fertige Buch auf der letzten Frankfurter Buchmesse präsentieren zu können. Da passieren dann auch „Verschlimmbesserungen“, wenn beispielsweise aus dem Autoren-Original „Not-Aus“ ein „Non-Stop“ gemacht werden soll, jedoch im gedruckten Text durch einen Dreher ein „Not-Spot“ daraus wird.

Abgesehen von diesen Äußerlichkeiten unterhält das Buch recht gut, auch für den kleinen „literarischen Hunger zwischendurch“. Neulich las ich eine Betrachtung, dass so richtige eingefleischte Krimifans in der realen Verbrechensstatistik weit unter Durchschnitt in Erscheinung treten. Seht ihr, – die wissen halt, was sie tun oder besser nicht tun! Mögen diese „Mord(s)fälle“ also – ganz im Gegensatz zur ersten Geschichte in dem Buch – auch erzieherisch wirken!

Die Titel und ihre Autoren:

Heinz-Peter Baecker: Die Gebrauchsanleitung
Jo Beer: Eine perfekte Geisel
Mareike Brombacher: Vier Dosen
Carmen Caputo: Makaber
Norbert Döring: Watt für ein Mordsurlaub
Susanne Frense-Schneider: Der verdiente Mord
Christiane Geldmacher: Bei Lektüre Mord
Ulrich K. Hefner: Das dreizehnte Bild
Fran Henz: Konzepte
Gabriele Keiser: Mutterseelenallein
Ursula Lange: Schlodderkappes und Bettelmann
Gerhard Merz: Verwehte Träume
Kurt Mühle: Am Haken
Karina v. Odenthal: Mitten ins Herz
Kristin von Palubitzki: Schwarzer Schlaf
Rosemarie Pfister: Endstation Sin City
Wolfgang Polifka: Kraut
Melanie Reißfelder: Letzte Worte
Reinhold Vollbom: Grüße aus dem Jenseits
Rainer Wedler: Vollmond

„Mord(s)fälle“
Anthologie mit 20 Beiträgen
Paperback, 152 Seiten, erschienen Herbst 2003
Kontrast-Verlag, D-56291 Pfalzfeld
www.kontrast-verlag.de
ISBN 3-935286-34-1
Preis: 9,90 EURO
Bestellen

Vögel richtig füttern

Vögel richtig füttern

Damit Vögel wie Papageien, Finken oder Exoten gesund bleiben, muss besonderes Augenmerk auf die Fütterung gelegt werden. Das Grundwissen dazu bietet das hier vorgestellte Buch.

Am Äußeren des Vogels kann man erkennen, was er frisst. Es ist also notwendig, Schnabel, Hintergliedmaßen, Flügel und die Gefiederfarbe genau zu betrachten. Und auch die fünf Hauptsinne Sehen, Hören, Geschmack, Geruch und Tastsinn wirken bei der Suche, der Erkennung und so dem Verzehr von Nahrung zusammen. Das muss beachtet werden.

Anhand der Erläuterungen im Buch kann man leicht feststellen, was welcher Vogel frisst, was also in sein angeborenes Nahrungsschema passen würde.
Vermittelt wird aber auch, wie der Verdauungsapparat und der Stoffwechsel von Vögeln funktionieren.

Die Bestandteile des Futters werden genau unter die Lupe genommen, damit man weiß, was der Vogel in welcher Menge braucht. Das Füttern mit im Handel angebotenen Saatenmischungen reicht nicht aus, um den Vogel mit allen wichtigen Nährstoffen zu versorgen. Verfügbare pflanzliche Futtermittel wie Getreide werden vorgestellt, aber auch geeignetes Grünfutter, Keimfutter, Futtermittel tierischer Herkunft, Lebendfutter und industriell hergestellte Futtermittel.

Auch ernährungsbedingte Krankheiten und Probleme finden in einem Kapitel Beachtung. Dazu gehören beispielsweise Überversorgung, Mangelerscheinungen, Ungleichgewicht in der Darmflora oder Vergiftungen.

„Vögel richtig füttern“ bietet kompakte Informationen zu allen wichtigen Themen rund um das Füttern. Tipps und Ratschläge sind verständlich formuliert und können in der Praxis leicht umgesetzt werden. Für alle, die schnell eine bestimmte Information suchen, gibt es ein Register. Gefallen haben auch die zahlreichen Fotos und die informativen Zeichnungen.

Über die Autoren:
Dr. Wolfgang Aeckerlein ist Fachtierarzt für Geflügel. Er ist anerkannter Spezialist für Geflügelkrankheiten und Vogelernährung.
Dr. Dietmar Steinmetz ist praktizierender Tierarzt und Fachtierarzt für Vögel.

Rezension von Heike Rau

Wolfgan Aeckerlein / Dietmar Steinmetz
Vögel richtig füttern
96 Seiten, gebunden
mit 49 Farbfotos und 21 Zeichnungen
Verlag Eugen Ulmer
ISBN: 3-8001-3545-0
Bestellen