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Julian Barnes: Die einzige Geschichte

Julian Barnes: Die einzige Geschichte

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Julian Barnes führt uns in seiner einzigartigen Erzählweise die Geschichte seines Icherzählers und dessen erster großer Liebe vor.

Auf dem Tennisplatz, wohin Paul im Alter von 19 Jahren auf Drängeln seiner Mutter zur Ausschau nach einer geeigneten Partnerin fürs Leben geschickt wurde, lernt er die zwanzig Jahre ältere Susan kennen.

Paul lebt mit seinen Eltern in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einer bürgerlichen Siedlung südlich von London in Gemeinschaft mit saturierten Bürgern der Mittelschicht.

Paul ist reichlich angeödet von dem englischen, prüden und langweiligen Milieu, in dem er aufwuchs, und das ihn nach dem ersten Studiensemester noch mehr auf die Nerven geht. Seine pauschale Bezeichnung für die Kinder dieser Schicht sind Hugos und Carolines, die nur darauf warten, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Dort gibt es dann die obligatorische Eheschließung, Kinder, Hund und Haus.

Paul aber sucht anderes und rebelliert gegen die Vorgaben seiner Eltern.

In Susan findet er den Gegenpart zum Spießerleben seiner Umgebung. Sie hat Mann und Töchter, die sogar älter als Paul sind, ist lustig, lebt dem Augenblick, und freut sich an ihrer gemeinsamen Liebe. Ihr sexuelles Eheleben ist schon lange erloschen. Umso euphorischer ist die Erkenntnis, dass sie von ihrem jungen Liebhaber als anziehend und liebenswert empfunden wird. Leider bleibt die Zeit nicht stehen, nie, und so verliert sich die Geschichte nach und nach in einer tragischen Lebensform. Susan trennt sich von Mann und Kindern und lebt mit Paul zusammen. Er vollendet sein Jurastudium. Die Leidenschaft der Anfangszeit weicht bald einem langweiligen Alltag.

Beide wollen das lange nicht wahrhaben und klammern sich an die Erinnerung ihrer frühen ersten Begegnung.

Daneben ereignet sich eine innere Wandlung, die in erschütternder Weise Susan als innerlich leer und dem Alkohol verfallende Frau zeigt. Der Alltag spielt nun bald keine Rolle mehr. Barnes geht in die Tiefe und versucht vergeblich zu ergründen, was zu der entgleisenden Entwicklung beigetragen haben könnte. Paul ist gewissenhaft und hilft noch lange, wo und wie er kann, gibt aber schließlich auf.

Die Mischung aus Alltagsgeschichten und Beleuchtung des spießigen Bürgertums mit Ausflügen in philosophische Gedankenwelten sind es, die uns die Geschichte nahebringt, zu eigenem Nachdenken reizt und von tiefer Weisheit zeugt. Die nach und nach enthüllende Leere zwischen dem Paar lässt keine Hoffnung keimen.

In einem dritten Teil des Romans zieht Paul seiner Wege und lebt in Zukunft ein einsames Leben. Eine neue Liebesgeschichte ist nach kurzen Versuchen nicht in Sicht.

Julian Barnes wäre nicht der Schriftsteller von Weltruf, wenn er seine Geschichte nicht mit Erkenntnissen, Weisheiten, Reflexionen und der Darstellung momentaner Gefühlslagen gespickt hätte. Poetisch und brillant sind seine Stimmungsbilder, mit denen er äußere und innere Befindlichkeiten ans Licht bringt. Man ist tief bewegt und angerührt darüber, wie Lebenswege verlaufen können. Was ist determiniert, und was selbst verschuldet? Die Frage nach der Schuld stellt sich nicht. Es wird seziert und wiedergegeben, was passiert. Fazit: Lebensläufe werden von unerwarteten äußeren und inneren Entwicklungen mitbestimmt.

Am Ende erfahren wir eine resignierte Weltsicht, nüchtern und ohne Zukunftsvision oder Hoffnung.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass hier ein Autor wirklich viel vom Leben und von seinen Höhen und Tiefen versteht und dieses Wissen in geeigneter Form dem Leser zu vermitteln versteht. Dr Bogen von erster Liebe bis zum Aus ist weit gespannt und fasziniert von der ersten bis zur letzten Zeile!

Julian Barnes
Die einzige Geschichte
304 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Februar 2019
ISBN-10: 3462051547
ISBN-13: 978-3462051544
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Navid Kermani: Sozusagen Paris

Navid Kermani: Sozusagen Paris

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Die große Liebe: ist sie ein Wunder oder alltägliche Erwartung mit ungewissem Ausgang?

In dem neuen Roman von Navid Kermani arrangiert er die Wiederbegegnung eines Paares dreißig Jahre nach deren großer Schülerliebe.

Anläßlich der Lesung seines neuen Liebesromans wird der Icherzähler von einer Dame angesprochen. Irritiert und erstaunt registriert er, dass es sich um Jutta, seine große Liebe aus Schülerzeiten, handelt. Diesen Namen hat er ihr als Pseudonym in seinem neuen Roman gegeben, denn den richtigen zu nennen wagte er nicht. Er hat hier die Geschichte seiner Jugendliebe aufgeschrieben.

Erst zaghaft, dann vertrauter nähert er sich ihrem Schicksal und ihrer inzwischen dreißigjährigen Ehe.

Es handelt sich um eine lange Geschichte über die Liebe, in der auch auf Eindrücke bei Proust, Guy de Maupassent oder Madam Bovary und weitere zurückgegriffen wird.

Zunächst schüchtern, immer aber beobachtend, erlebt der Icherzähler seine frühere Geliebte: sie ist älter geworden, gewiss, aber sie hat den Reiz der Reife und eines eigenen Lebens, das nach abenteuerlichem Beginn in den Fängen guter Bürgerlichkeit endete. Sie ist Ärztin, hat sich aber der Politik zugewandt und ist gar Bürgermeisterin in einem kleinen Kaff geworden. Ihr anfangs ebenso abenteuerlicher Ehemann hat sich im Alltag einer hausärztlichen Allgemeinpraxis eingerichtet. Vergangen sind die Träume von Hilfen für die dritte Welt und einer allgemeinen Weltverbesserungsvorstellung.

Was macht diesen Roman so eindrucksvoll?

Es ist sind die vielfältigen Gedanken und die Abwägung eines Für oder Wider, mit denen Navid Kermani die Welt und die Liebe zu verstehen trachtet. Das ist die große Stärke des Autors: er beleuchtet Menschen, Ereignisse, gesellschaftliche Phänomene und religiöse Widersprüche immer aus einer Innen-und Außensicht.

So kann er wertfreier zu Eindrücken kommen als es herkömmlich der Fall ist. Auch die Liebe lebt von ihren inneren Widersprüchen, und sie dauert niemals ewig, so wenig wie das Leben, das Werden und Vergehen.

Das Buch beinhaltet gedankenschere Eindrücke davon, wie die Liebe sich im Laufe eines langen Lebens zu zweit verändert, und wie man die eheliche Beziehung über so lange Zeit lebendig erhalten könnte.

Insofern handelt es sich bei Navid Kermanis Roman neben dem alltäglichen Liebesgeplänkel um gewissermaßen philosophische Abhandlungen. Seine Sprache ist differenziert und prägnant. Man möchte bei jedem Satz verharren, um den tieferen Gehalt seiner Aussagen zu behalten. Anhand eines Songs von Neil Young geht ihm auf, in wie wenigen Worten man das Drama einer Ehe beschreiben kann. Und wieder weiß der Leser nicht so genau, ob es das Fazit von Juttas Ehe ist, das er hier heraufbeschwören will, oder ob er mit dem Lied eher zu allgemeingültigen Einschätzungen kommen will.

Ein endlos fortbestehendes Glück scheint es für Kermani und seine Romanfiguren nicht zu geben. Die nachdenklich stimmende Abhandlung mit philosophischen Einsichten macht das Buch zur anspruchsvoller Lektüre.

Navid Kermani

Sozusagen Paris
288 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, September 2016
ISBN-10: 3446252762
ISBN-13: 978-3446252769
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Richard Ford: Frank

Richard Ford: Frank

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Frank Bascombe ist alt geworden! Dieser Held der amerikanischen Mittelschicht, der uns aus einer Reihe von Romanen Richard Fords bekannt wurde, ist 68 Jahre alt, war Makler und ist inzwischen Rentner. Mit dem Alter änderte sich sein Weltbild. Gleich geblieben aber sind seine Betrachtungen zur Umwelt, mit denen er seine Mitbürger, ehemaligen Freunde und Kollegen und das politische Geschehen um sich herum beobachtet. Franks Einlassungen zur Zeitgeschichte haben nichts von ihrem Sarkasmus und ihrer Selbstironie verloren. In vier Episoden werden seine neuesten Eindrücke über sein Leben und das der anderen wieder gegeben.

Wir befinden uns im Jahr 2012,in dem der Hurrikan Sandy die Ostküste der USA verwüstete. Häuser, die Bascombe einst verkauft hat, liegen zerstört am Boden. Er selbst hatte sich von der Küste New Jerseys schon vor längerer Zeit zurückgezogen.

In lockerem Jargon, der nicht immer ganz nachvollziehbar ist, ergeht sich Frank in seinen Erinnerungen. Seine Reden und sein Denken sind durchdrungen vom gesellschaftlichem Wandel und seinen Folgen. Das Datum 9/11 mit dem anwachsenden Terror, der die politische Geschichte Amerikas eingreifend veränderte, und Obamas Visionen sind einer ungewissen Gegenwart gewichen.

Richard Ford wählt über weite Strecken das Stilmittel des Selbstgesprächs, mit dem er seinen Erzähler über den Sinn und Unsinn des Lebens nachgrübeln lässt.

Sein Held Frank Bascombe erfasst die Lage des Landes wie in seinem gleichnamigen Roman davor immer noch realistisch und treffsicher. Er ist ein Durchschnittsmann mit klaren Einsichten. Gezeichnet wird er als Mann, der zu den Menschen und Dingen, auch zu den eigenen Kindern, einen gewissen Abstand hält. Seine dritte Frau Sally bleibt im Hintergrund und widmet sich den zahlreichen Hurrikanopfern. Freunde oder Weggefährten, die er zufällig oder verabredet trifft, kommen nicht immer gut weg in seinen differenzierten Beobachtungen.

Er bleibt über die ganze Geschichte hinweg ein spöttischer und leicht resignierter Mann. So betrachtet er sein eigenes und das Leben seiner Mitmenschen aus einer melancholischen und abwartenden Haltung.

Die Kontakte zu seiner  Ex-Frau und gelegentliche zu seinen Kindern lassen ahnen, dass er ein zurückgezogener und letztlich einsamer Mann ist.

Im letzten Kapitel wird vermehrt über den Tod reflektiert. Man spürt seine Neugierde aber auch die Furcht in seinen Überlegungen.

Ein nachdenklich stimmendes und die Endlichkeit einbeziehendes Werk hat uns Richard Ford in der Übersetzung von Frank Heibert vorgelegt. Er gilt zu recht als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Amerikas.

Richard Ford

Frank
224 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, September 2015
ISBN-10: 3446249230
ISBN-13: 978-3446249233
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Matthew Thomas: Wir sind nicht wir

Matthew Thomas: Wir sind nicht wir

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Familiengeschichte in Amerika.

In einem breit angelegten Epos wird hier über die Geschichte einer irischen Einwandererfamilie in Amerika berichtet. Die Zeit umfasst beinahe ein halbes Jahrhundert: von 1941 bis 2000.

Beginnend mit dem Jahr 1952 erzählt Matthew Thomas die Geschichte der Familie Tumulty und hier insbesondere der Tochter Eileen. Sie wurde 1941 in die ärmlichen Verhältnisse, in denen ihre Eltern lebten, geboren und verbrachte intensive Jahre mit ihrem Vater, den sie sehr verehrte. Doch steht es nicht zum Besten mit der Ehe der Eltern. Der ewige Geldmangel und der Alkohol nehmen allmählich alle Kräfte gefangen. Eileen hat nur den einen Wunsch: diesem Elend zu entkommen! Sie ist intelligent und fleißig und schafft es bis zur Pflegedienstleiterin als Krankenschwester.

Erst als ihr der sensible und feinfühlige Ed Leary begegnet, hofft sie auf bessere Zeiten. Zunächst sieht es auch danach aus. Doch Eileen muss feststellen: Leary lebt nur für seine Wissenschaft. Selbst Aufstiegaussichten und Beförderungen lassen ihn kalt. Für die Bedürfnisse seiner Frau und später seines Sohnes zeigt er nur wenig Einfühlungsvermögen und Sinn.

Das Auf und Ab der Zeiten, Hochzeiten, Geburten und Sterbefälle bestimmen das Geschehen. Matthew Thomas weiß seine Geschichte nachhaltig mit Leben zu füllen. Motiviert durch seine detaillierte Erzählweise vertieft man sich ganz in das beschriebene Mittelschichtmilieu. Die Lebensweisen sind geprägt vom Arbeitsalltag und von losen und unverbindlichen Freundschaften. Mit den Augen von Thomas durchdringt man die Welt der einfachen Leute, die sich durch die Zeiten quälen, immer in der Sorge um das Fortkommen und das Geld. Der gemeinsame Sohn von Ed und Eileen durchlebt seine Kindheit und Jugend, ohne dass die Eltern etwas von seinen kleinen oder großen Nöten ahnen. Hier wird über die Geschichte eines Alltags berichtet, den jeder aus einer anderen Perspektive und unter unterschiedlichen Zielsetzungen und Hoffnungen erlebt. Wunderbar eingängig ist dieses Amerika mit seinen Möglichkeiten aber auch Einschränkungen.

Die Stärke des Romans beruht auf den Details amerikanischer Kleinbürgerlichkeit. Immer fehlt etwas zum vollkommenen Glück. Auf irgendeine Weise scheitern die Personen an ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Eileen, Ed und ihr gemeinsamer Sohn Connell wachsen dem Leser ans Herz und man verfolgt ihre Schicksale mit angehaltenem Atem. Ob sie alle ihr Glück finden werden? Die Hoffnungen sind groß, doch die Realität zeigt sich von einer unerwartet grausamen Seite. So ist das Leben! Und wie immer sind amerikanische Erzähler Meister in ihrem Fach: Leben mit allen seinen Brüchen und Glücksmomenten festzuhalten!

Matthew Thomas
Wir sind nicht wir
896 Seiten, gebunden<
Berlin Verlag, Februar 2015
ISBN-10: 3827012066
ISBN-13: 978-3827012067
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Ulla-Lena Lundberg: Eis

Ulla-Lena Lundberg: Eis

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Mitte der 1940er Jahre kommt der Pfarrer Petter Kummel mit seiner Frau Mona und der kleinen Tochter Sanna auf die Örar-Inseln zwischen Finnland und Schweden. Das Ehepaar ist begeistert von der kargen Landschaft, ihrem neuen Zuhause auf der Kirchinsel und den Bewohnern, die ihnen durchweg freundlich gegenübertreten. Die Fischer und die Bauern auf ihren Höfen sind sofort fasziniert von dem junger charismatischen Pfarrer, der noch nichts weiß von den Konflikten zwischen den östlich und den westlich gelegenen Dörfern. Er begegnet allen Bewohnern unvoreingenommen und versucht so, die Gemeinschaft wieder zu stärken.

Petter und Mona wachsen in ihrem neuen Umfeld weiter zusammen. Dennoch wird ihre Ehe einer harten Prüfung unterzogen, denn der Pfarrer ist viel unterwegs und hat kaum Zeit für Gemeinsamkeiten. Die gesamte Haushaltsführung obliegt Mona. Jede Minute, die frei ist, genießt die kleine Familie deshalb doppelt. Ein weiteres Kind wird geboren. Traditionen und Kirchliches sorgen für Gemeinschaft zwischen den Höfen und bilden ein Rhythmus, nach dem gelebt wird. Die Pfarrersfamilie ist trotz der harten Arbeit glücklich. Aber mit dem Glück ist das so eine Sache. Man soll sich nie zu sicher fühlen. In der Abgeschiedenheit der wenig besiedelten Inseln mit ihren unwägbaren Wetterphänomenen, mit Stürmen, Eis und Schnee ist stets Vorsicht geboten. Doch lässt das der Pfarrer außer Acht.

Erzählt wird eine alltägliche Geschichte von Liebe, Glück und Leid. Das Leben der Familie Kummel wird beschrieben, mit allen Höhen und Tiefen, die der schwierige Alltag so mit sich bringt. Die Autorin stellt das auf eine sehr sensible Art und Weise dar, aber ohne zu beschönigen.
Es ist ein schwieriges entbehrungsreiches Leben und es ist ein Kampf ums Vorwärtskommen. Aber es ist auch voller glücklicher Momente, Hoffnungen und Pläne, die sich erfüllen, und deshalb hält die kleine Familie daran fest.
Als Leser wir man in die Lage versetzt, sich in das Geschehen hineinzuversetzen, mitzufühlen, ganz nah dran zu sein. Was ist wichtig im Leben? Was macht überhaupt ein Leben aus? Auch mit diesen Fragen setzt sich der Roman auseinander und auch damit wie zerbrechlich das Glück und wie verletzlich ein Mensch ist.

Rezension von Heike Rau

Ulla-Lena Lundberg
Eis
Übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig
528 Seiten, gebunden
Mareverlag
ISBN-10: 386648206X
ISBN-13: 978-3866482067
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Elizabeth Strout: Das Leben, natürlich

Elizabeth Strout: Das Leben, natürlich

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Familienleben mit krassen Auswüchsen.

Nach ihrem wunderbaren Roman „Mit Blick aufs Meer“, in dem sie ein Kleinstadtmilieu beschrieben hat, liegt endlich der neue Roman von Elizabeth Strout vor.

Sie berichtet dieses Mal über eine Familie in Maine. Im Prolog kündigt die Autorin an über die Burgess-Kinder schreiben zu wollen. Diese sind wie sie selbst aus Maine, und die Geschwister umgibt ein Schleier aus Unglück und Versagen. Shirley Falls ist die kleine Stadt, in der sie leben, in der jeder jeden kennt und in der nichts unbeobachtet bleibt. Bob, Jim und Susan Burgess haben in Maine die Schulbank gedrückt. Die Brüder sind später nach New York gegangen und Anwälte geworden. Jim ist erfolgreich und lebt mit seiner Frau Helen ein äußerlich zufriedenes Leben. Er hat drei wohl geratene Kinder, die alle aus dem Haus sind. Jims Frau versucht ihr gutes Leben vor den Unbilden der beiden anderen Geschwister zu schützen, denn Bob hat es nicht so weit gebracht. Susan, seine Zwillingsschwester, ist wie Bob geschieden und lebt weiterhin in Maine. Ihr einziger Sohn bereitet ihr Kummer und Sorgen.

Elizabeth Strout zeigt ihre gerühmte Kunst, Milieuschilderungen und Einzelschicksale zu verknüpfen. Sie lässt die Geschichte allmählich erst zu einem Ganzen zusammenwachsen, so dass man über weite Strecken nicht sicher weiß, worauf die Geschichte hinausläuft. Rassismus spielt eine hervorstechende Rolle, und Neid und Missgunst säumen den Weg der drei Geschwister unter einander.

Doch schließlich überschlagen sich die Ereignisse, und die Spannung steigt. Familiengeheimnisse werden erkennbar, bei deren Eröffnung der kluge und erfolgreiche Jim an Glanz verliert und der schüchterne und eher gutmütige Bob an Ansehen gewinnt. Als es Jim unerwartet ganz schlecht geht, und er am Leben, an seiner Familie und an seinen eigenen Fehlern zu verzweifeln droht, sagt ihm sein Bruder Bob: „Doch, Du hast eine Familie. Deine Kinder sind wütend auf Dich, Deine Frau hasst Dich, Deine Geschwister machen Dich wahnsinnig und Dein Neffe ist ein Trottel. Das nennt man Familie.“ Zitat WDR: „Treffender und ironischer kann man die vierhundert Seiten dieses großartigen Buches nicht zusammenfassen.“

Bei allen verzweigten Geschichten und Nebengeschichten sind es doch die Burgess-Kinder, die den Fokus der Geschichte ausmachen. Da ist der deutsche Titel zum Roman nicht ganz verständlich, und die direkte Übernahme aus dem Englischen Titel wäre passender gewesen.

Sprachgewandt und vielseitig mit ihren Sujets, in diesem Fall jedoch fast überfrachtet, gehört Elizabeth Strout nach meinem Dafürhalten dennoch zur Elite amerikanischer Erzähltalente.

Elizabeth Strout
Das Leben, natürlich
400 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, September 2013
ISBN-10: 3630873448
ISBN-13: 978-3630873442
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John Williams: Stoner

John Williams: Stoner

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Die Geschichte von einem einsamen Mann.

Stoner ist der eigenwillige Sohn eines armen Farmerehepaars aus Missouri.
Arm geboren und aufgewachsen und gewöhnt an harte Arbeit verschlägt es den aufgeweckten Jungen an die Columbia Universität Missouri.
Er kam mit dem Anliegen, Agrarwissenschaften zu studieren, doch erlebt er in der Literatur seine eigentliche Offenbarung. Geschätzt und gefördert von einem seiner Professoren bringt er es nach vier Jahren zum Literaturdozenten und folgt seiner eigentlichen Berufung. Im Klappentext heißt es: der Roman handelt „von der Liebe und von der Liebe zur Poesie und zur Literatur“.

In der Tat ist Stoner ein begeisterter Literaturprofessor, dessen ganze Leidenschaft seiner Wissenschaft gehört. Doch sein Leben wird auch von zahlreichen Missgeschicken mit bestimmt.
Da ist zum einen seine Ehe mit Edith, die sich als kalt, oberflächlich und lieblos entpuppt. Später sind es die Missgunst und Intrigen an der Universität, die ihm das Leben versauern. Gute Freunde aber hat er auch.

Die Handlung schreitet flott voran. Zielstrebig und knapp erzählt John Williams die Geschichte vom Leben seines Helden, das sich über fast fünfzig Jahre erstreckt.

1914 melden sich Freunde von ihm zum Militär und zur Teilnahme am ersten Weltkrieg, wo er einen seiner guten Freunde verliert.

Die Erzählung wirkt in ihrer Diktion klar und entschlossen, so wie der Held der Geschichte entschlossen ist, sein Glück zu machen  Er fällt gar nicht besonders auf oder besitzt etwa ein besonderes Charisma. Allzu schnell hält er um die Hand der hübschen Edith an.
Dass sie nicht die Richtige für ihn ist, wird mit kurzen und unumstößlichen Sätzen deutlich. Edith wünscht sich ein Kind, für das sie sich dann aber wenig zu interessieren scheint. Der Tochter Grace gilt die ganze Liebe ihres Vaters, bis Edith neben zahlreichen anderen Gemeinheiten auch diese Beziehung zu unterlaufen versteht.

Das Leben von Stoner, der so zuversichtlich Karriere als Literaturprofessor macht, bleibt auf lange Strecken ein Fiasko. Er ist ein Mensch, mit dem man intensiv mit fühlt. Es sind die Konkurrenten an der Universität, denen er ebenso hilflos ausgesetzt ist wie den Widrigkeiten mit seiner eigenen Frau. Dass man so intensiv an seinem Geschick und seinen Niederlagen teilnimmt, lässt darauf schließen, dass in jedem Leben zuweilen Mißerfolge und Kränkungen zu verkraften sind. Hierzu nochmals ein Zitat aus dem Klappentext: “Es ist ein Roman darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein“.

Man kann sich dem Sog dieser Geschichte kaum entziehen und folgt atemlos ihrem Fortgang.

John Williams ist erst heute wieder entdeckt worden, nachdem sein 1967 erstmals veröffentlichter Roman lange Jahre in Vergessenheit geraten war. Ein wahres Glück für den Leser!

John Williams
Stoner
352 Seiten, gebunden
Deutscher Taschenbuch Verlag, September 2013
ISBN-10: 3423280158
ISBN-13: 978-3423280150
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Miriam Toews: Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt

Miriam Toews: Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt

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Zweifel und Tod: eine Bilanz.

Miriams Vater gab zeitlebens Rätsel auf: er war ein mitreißender Lehrer, witzig, erfindungsreich und beliebt. Zu Hause aber war er ein Schweiger. Fragte man ihn nach seinem Befinden, so ging es ihm nach seinen Aussagen gut. Doch tief im Inneren wütete eine Krankheit in ihm, die weit verbreitet ist und zu oft verleugnet wird: er leidet an einer Depression. Mit 17 wurde eine manisch depressive Krankheit bei ihm diagnostiziert. Man riet ihm von einer Familiengründung ab. Doch er heiratete Elvira, die er schon aus der Schulzeit kennt, und bekommt zwei Töchter mit ihr. Die Tochter Miriam ist es, die sich auf Spurensuche begibt, als sie nach dem Suizid des Vaters, den er kurz nach der Pensionierung beging, seine Vergangenheit durchforscht.

Sie hat ein liebevolles und ehrliches Bild ihres Vaters ersonnen und beschrieben. Dazu gehören Rückblicke auf die Familiengeschichte, das Leben in Kanada in einem Ort namens „Steinbach“, die Berufszeit des Vaters als Lehrer und das Familienleben im Allgemeinen. Die Familie gehörte über Generationen zur religiösen Gemeinschaft der Mennoniten. Das ist eine streng gläubige und moralisch rigide Freikirche.

Melwin Toews war ein Grübler und Zweifler. Er hat sich über die Umwelt gelegentlich lustig gemacht; über Krankenschwestern, Ärzte  und ihre Medikationen. Niemand konnte ihm helfen, zumal er zu Hause schwieg. Woher sollte man wissen, wie es in seinem Inneren zuging? Sein ganzes Leben erscheint als eine Flucht vor der Krankheit. In der Arbeit, die er weit über das übliche Maß hinaus betreibt, findet er Zufriedenheit. Fällt sie weg, so fällt er in sich zusammen, und zurück bleibt die innere Leere, das Gefühl des Versagens und der Unfähigkeit. Weit in die Kindheit reichen die Wurzeln für diese Störung zurück.

Zart angedeutet darf man sich ein Bild machen von der Lieblosigkeit, mit der Melvin in frühester Kindheit konfrontiert wurde. Hier ruht bereits der schicksalhafte Konflikt zwischen Schuld und Versagen. Frustrationen in frühester Kindheit verursachen Entwicklungen, die gravierende Folgen zeitigen können.

In einem langen Rückblick geht die Autorin der Familiengeschichte nach. Sie lässt den Vater selber zu Wort kommen und skizziert seine Gedanken über die Welt, die Brüder, die Schwestern und den ganzen Familienclan. Herausgekommen ist eine wirklich witzige und amüsante Familiengeschichte, die mit Leichtigkeit berichtet, wo Tragik womöglich belasten könnte. Ernst wird mit Ironie und Komik vermischt, so dass mit Distanz die Traurigkeit vertrieben wird. Zahlreiche Szenen aus dem gelebten Familienleben bieten Einblicke in das Dasein auf dem Lande, in Familienkonstellationen mit ihren Erfolgen, Niederlagen und religiösen Bindungen.

Die Krankheit „manische Depression“ bekommt ein Gesicht, das anrührt und erschüttert.

Der Text ist locker aufbereitet und bietet Unterhaltung mit tiefgründiger Lebenserfahrung auf hohem Niveau.

Miriam Toews

Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt
258 Seiten, gebunden
Berlin Verlag, April 2013
ISBN-10: 3827011310
ISBN-13: 978-3827011312
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Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte

Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte

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Fremd in der eigenen Haut.

Geheimnisvoll und beunruhigend beginnt der vorliegende Roman von Milena M. Flasar, der uns in die Weisheit, das Leben und die Mentalität japanischen Lebens einführt.

Jeder kennt die Bilder der schweigenden Duldsamkeit, mit denen Japaner Naturkatastrophen und das bekannte Atomunglück in Fukushima hingenommen haben.

Hier begegnen wir zwei Männern, der eine jung, der andere alt, die sich täglich auf einer Parkbank begegnen. Sie schweigen. Erst nach und nach beginnen sie in wenigen Worten, später auch Sätzen, ein Gespräch mit einander.

Wie sind sie in ihre jetzige Lage gekommen?

Zwei Gescheiterte scheinen sich hier einander anzunähern. Stumm und in ihren eigenen Gedanken gefangen erfährt man erst allmählich von ihrem Schicksal. Mit assoziativen Einfällen und langsam sich öffnenden Herzen erfahren die beiden Männer, wie sie an den Rand der Gesellschaft geraten sind. Bei dem einen war der Tod eines Mitschülers die schockierende Ursache, beim anderen der Verlust der Arbeitsstelle.

Ohara Tetsu unterbricht als erster das lange Schweigen. Sein Gegenüber ist Taguchi Hiro. Letzterer ist ein verstörter Schüler, der die Schule abgebrochen hat und sein Leben in der Höhle seines Zimmers fristet. Hikikomori heißen diese Schüler, die der Welt den Rücken kehren und sich im Elternhaus verstecken. Sie bilden eine schwere Prüfung für Väter und Mütter, die nach außen den Schein wahren möchten und von einer langen „Auslandreise“ sprechen, wenn Angehörige oder Nachbarn nach dem Verschwundenen fragen.

Der „Salaryman“, ein ehemaliger Firmenangestellter, zeichnet sich durch korrekte Arbeitskleidung und eine Krawatte aus. Seine Frau soll nicht wissen, dass er arbeitslos geworden ist. Er ist ein liebevoller Ehemann, der jedoch dem Leistungsdruck der nachrückenden jüngeren Generation in der Firma nicht mehr gewachsen war.

Man weiß, dass Japaner in der Tat schweigsam sind, höflich und korrekt. Diese Männer, der alte und der junge, klagen und zetern nicht: sie nehmen stillschweigend ihr Unglück hin, dass jeden von ihnen zum einsamen Außenseiter gemacht hat. Erst allmählich lösen sich die Zungen, und die trostlosen Erfahrungen, von denen man hört, wollen schier kein Ende nehmen.

Der Leser bekommt ein Bild von dem Arbeitsdruck in den Firmen und erfährt von der öffentlichen Schande, die das Herausfallen aus allen Lebensmustern mit sich bringt. Geheimnisvoll und vielsagend beschreibt die Autorin, wie die beiden Außenseiter Konfliktsituationen und Schicksalsschläge vergeblich in den Griff zu bekommen trachten. Vor uns breitet sich ein fremde Mentalität und innere Verschlossenheit aus.

Besinnlich, nachdenklich und zart gesponnen entwickelt die Autorin ihren Romanstoff, der doch einen Teil japanischer Realität widerspiegelt.

Die Geschichten der beiden Hauptprotagonisten verdichten sich zu einer empfindsamen und traurigen Erzählung, in der sehr viel inneres Leid steckt. Mit poetischen Bildern untermauert M. M. Flasar noch die äußere Schönheit der Welt mit dem inneren Zerfall der Unglücksraben.

Eine stille, ruhige  und nachdenklich gestaltete Erzählung erwartet den Leser, der auf diese Weise ein Bild vom japanischen Leben bekommt.

Milena Michiko Flasar
Ich nannte ihn Krawatte
144 Seiten, gebunden
Verlag Klaus Wagenbach, Januar 2012
ISBN-10: 380313241X
ISBN-13: 978-3803132413
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Tim Krohn: Ans Meer

Tim Krohn: Ans Meer

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Sommerroman…

Ein unergründliches und belastendes Geheimnis trennt zwei Freundinnen, die sich in frühester Kindheit liebten. Die Familien der beiden besaßen ein Haus am Meer. An der Ostsee haben sie zusammen glückliche Kindertage verbracht. Doch eines Tages zerbrach die Gemeinschaft, und die Familien trennten sich.

Jetzt lebt Anna in Kiel und Josefa in Zürich. Beide haben sich zwölf lange Jahre nicht gesehen. Anna sucht schließlich erneut den Kontakt zu Josefa.

Bis es dazu kommt, wird das jeweilige Schicksal aller Beteiligten skizziert.
Josefa hat den zwölfjährigen Sohn Jens, den sie sehr liebt. Er drängt sie ungeduldig, zum Haus ans Meer zu reisen. Er möchte so gerne auf der Ostsee segeln! Doch Josefa ist taub auf dem Ohr. Sie will nicht zurück an den Ort ihrer Kindheit, wo es ein dunkles Geheimnis gab, das die Gemeinschaft aus glücklichen Tagen zerbrechen ließ.

Anna ist berufstätig und wünscht sich sehnsüchtig ein Kind von ihrem Partner Kalle. Leider wartet sie vergeblich, bis auch sie hinter ein Geheimnis kommt, das ihre Beziehung zu sprengen droht.
Man merk schon: das Buch steckt voller versteckter und verworrener Geschichten, und der Durchblick ist schwer!

Zahlreiche Spuren führen zu den einzelnen Figuren, die sich wie in einem Netz verfangen haben. Niemand weiß alles, jeder kennt nur Teile der Geheimnisse des anderen. Ungewöhnlich frühreif steht Jens, der zwölfjährige Sohn von Josefa, im Mittelpunkt der Erzählung. Aus seinen Augen schaut man zurück und sucht neugierig nach Spuren, die für ihn Unerklärliches verstehbar machen. Doch er und auch wir müssen lange warten, bis wir begreifen, wie es denn nun zu den Zerwürfnissen in den Familien gekommen ist!

Tim Krohn hat seinen Roman verschachtelt angelegt, so dass man sich getrieben fühlt, den einzelnen Spuren zu folgen, um endlich zu verstehen. Immer wenn man auf dem richtigen Erkenntnisweg zu sein scheint, muss man sich doch noch gedulden, bis man der Auflösung aller Rätsel näher kommt.

Der Autor hat einen leichten Roman verfasst. Auch alle unerklärlichen Todesfälle können die sommerliche Unbeschwertheit der Glücksmomente nicht überdecken. Lieben und geliebt werden, Treue und Untreue, Leidenschaft und Vergänglichkeit: alles kommt vor und man hat trefflich zu tun, der Aufklärung zu folgen. Wer der leichten Muse zugetan ist, der wird die kurzweilige Lektüre zwischen Krimi und Gesellschaftsroman genießen.

Tim Krohn
Ans Meer
328 Seiten, broschiert
Diogenes, Juni 2011
ISBN-10: 3257240767
ISBN-13: 978-3257240764
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