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Kategorie: Belletristik

James Wood: Upstate

James Wood: Upstate

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Worum geht es in diesem Roman?
Alan Qirry ist ein alternder Unternehmer, der in England lebt.
Er hat zwei Töchter, Helen und Vanessa, die längst in Amt und Würden ihr eigenes Leben führen.
Helen ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Vanessa ist eine leicht unglückliche Person, die als Philosophieprofessorin in Amerika lebt und arbeitet.

In langen Passagen erfahren wir Alans Gedanken zu seinem Leben, seiner Vergangenheit und seine Gedanken zur Gegenwart. Er ist immer noch erfolgreich in Beruf als Immobilienmakler. Cathy hat ihn vor langen Jahren verlassen, sehr zum Unglück seiner Kinder. Inzwischen ist sie verstorben. Seine zweite Frau Candace spielt in seinen Gedanken kaum eine Rolle.
Es sind Reflexionen zu gelebtem Leben, zur Gegenwart und Zukunft.
Alan beschreibt in seinen Gefühlen die Strassen und Orte seines Lebens und gibt sich seinen Erinnerungen an die Vergangenheit hin. Dabei überkommt ihn so mancher elegische Augenblick.
Er ist besorgt, als Helen ihn bittet, mit ihm nach Amerika zu fahren, weil sie den Eindruck hat, dass Vanessa in einer Krise steckt. Es wäre nicht ihre erste!
Upstate liegt nördlich von New York. Es ist Winter und die Strassen sind verschneit, so dass die Stimmung auch von der Düsternis des Winters mitbestimmt wird.

Die genaue und sensible Beobachtung aller Geschehnisse; die Stimmungen zu Ort und Wetter bestimmen das Leben in Saratoga Springs. Es passiert nichts Aufregendes. Die nachdenklichen Betrachtungen teilen sich dem Leser mit und faszinieren, weil man sich in diesen Gefühlen dem Erzähler verbunden fühlt.
In den Dialogen zwischen Helen, dem Vater und Vanessa spürt man sehr unterschiedlichen Charakteren nach. Warum ist Helen zu lebendig und lebensfroh und Vanessa zu schwermütig? Alan versucht, all’ dem auf die Spur zu kommen. Er ist voller Sorgen um Vanessa, die sich sehr in einen jüngeren Mann verliebt hat.
Josh ist ein lieber Kerl, der sich den ängstlichen Forderungen von Vanessa nach Nähe und Geborgenheit nicht gewachsen fühlt. Zaghaft bittet er Alan um Hilfe, weil er sich insgeheim von Vanessa erdrückt fühlt und eher eine Trennung ins Auge fasst. Alan aber traut sich nicht, Vanessa auf diese Trennung vorzubereiten.
Die Verstrickungen aller Personen in die ungeklärten Verhältnisse sind vielfältig und bedrückend: Helen, die sich entzieht und Alan, der standhält. Gleichzeitig ist man fasziniert und irritiert von den Gefühlen aller Personen, die so nachvollziehbar sind.
James Wood hat ein feines Gespür für die innersten Gefühle seiner Protagonisten. Er versteht es ausgezeichnet, diesen inneren Monologen und Gedanken in beredten Worten Ausdruck zu geben.

Es ist eine tiefgründige und anrührende Geschichte, die einen ganz eigenen Sog ausübt, so dass man von der Geschichte nicht lassen kann.

James Wood
Upstate
304 Seiten, gebunden
Rowohlt Buchverlag, Dezember 2019
ISBN-10: 3498074067
ISBN-13: 978-3498074067
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Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort

Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort

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Furth am See ist ein idyllisches Städtchen. Das schützt den Ort jedoch nicht vor merkwürdigen Vorkommnissen. Ein alter Mann, der in Krankenhaus eingeliefert wird, hat seltsame Verletzungen, deren wahre Ursache er nicht preisgeben möchte. Eine Nonne, ebenfalls in die Jahre gekommen, kann gerade so vor dem Erstickungstod gerettet werden. Obwohl es offensichtlich ist, dass ihr jemand Gewalt angetan hat, wiegelt sie ab. Das Haus eines Politikers wird mit einem Graffito beschmiert. Die Botschaft ist noch zu ergründen. Und dann verschwindet die kleine Elvira spurlos, aber es gibt keinen Erpresserbrief.

Der langsam ins Alter kommende Kommissar Ludwig Kovacs ist mit den Fällen betraut. Doch die Ermittlungsarbeit ist kompliziert. Es gibt keine Hinweise oder Spuren im Entführungsfall. Und es ist äußerst mühsam aus den Befragungen der Opfer, die keine sein wollen, Relevantes herauszufiltern. Ohnehin macht ihm seine Gesundheit zu schaffen, auch wenn er das nicht wahrhaben will und vor den anderen zu verbergen versucht. Nur dem Leser wird offenbart, wie es um ihn steht.

Psychiater Raffael Horn ist geschickt darin, Nuancen in Patientengesprächen zu erkennen. Er erlebt die Patienten, auch wenn das nicht im häuslichen Umfeld geschieht, in einer gewissen Alltagssituation in einem größeren zeitlichen Rahmen. Er ist ein guter Beobachter, der auf die Hilfe seines Teams zählen kann. Seine Gedanken kann Horn allerdings nicht immer für sich behalten. So sprudelt unbemerkt aus ihm heraus, was er eigentlich nicht sagen will. Manchmal ist das witzig und manchmal nicht. Es sind diese kleinen Details, die das Buch, obwohl die Fälle anfangs unzusammenhängend erscheinen, unterhaltsam macht.

Es ist nicht ganz leicht, den Überblick über die Geschehnisse zu behalten. Der Autor springt zwischen den Handlungsepisoden hin und her. Es ist also ein hohes Maß an Konzentration beim Lesen erforderlich. Ich habe mich an den beiden Ermittlern Kovacs und Horn orientiert. Und so nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die sich aus Geschehnissen, die in der Vergangenheit liegen, entwickelt. Was damals passiert ist, hätte verhindert oder zumindest aufgehalten werden müssen. So viel wird schnell klar!

Werden jetzt offene Rechnungen beglichen? Geht es um späte Rache? Oder geht es um Gerechtigkeit und darum, etwas im Bewusstsein der Menschen wieder aufleben zu lassen? Ein Wort gibt den entscheidenden Hinweis. Man beginnt das Unglaubliche zu begreifen. Das Puzzle fügt sich zusammen. Und den Rest muss man sich denken!

Rezension von Heike Rau

Paulus Hochgatterer
Fliege fort, fliege fort
304 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10:3552064036
ISBN-13:978-3552064034
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René Freund: Swinging Bells

René Freund: Swinging Bells

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Sandra und Thomas hatten noch kein Weihnachtsfest, das sie nach ihren Wünschen gestalten konnten. Stets waren familiäre Verpflichtungen einzuhalten. Aber dieses Jahr klappt es endlich! Dass ihr zum Verkauf anstehendes Doppelbett ausgerechnet am Weihnachtsabend abgeholt werden soll, trübt die Stimmung nicht. Die Käufer sind sicher schnell wieder weg!

Doch Elisabeth und Leo haben es nicht eilig. Sie bewundern den Christbaum und machen es sich im Wohnzimmer gemütlich. Thomas, der eben noch kurz einkaufen war, staunt nicht schlecht! Aber man muss ja höflich bleiben! Wird das Gespräch auf das Bett gelenkt, weichen Elisabeth und Leo aus, als wollten sie Zeit schinden. Während sie ganz in Ruhe den mitgebrachten Prosecco mit ihren Gastgebern trinken, lassen sie nicht nach, zweideutige Anspielungen zu machen, die jedoch zu ihrer Überraschung keine Wirkung zeigen. Sandra und Thomas, aber auch Elisabeth und Leo merken mit der Zeit, dass etwas nicht stimmt. Und so braucht man bald etwas Stärkeres im Glas.

Es hätte ein spannender erotischer Roman werden können. Aber darauf läuft diese Beziehungskomödie, auch wenn es lange den Anschein hat, nicht hinaus. Dem Autor geht es vielmehr darum, die Gegensätzlichkeit zweier Paare zu zeigen: Das eine Paar lebt in trauter Zweisamkeit, während das andere Paar sich gewisse Freiheiten gönnt. Doch was sagt das aus über die jeweilige Beziehung?

Die Sprachlosigkeit von Sandra und Thomas wird mit einem Spiel, das Elisabeth und Leo mitgebracht haben, übergangen. Es kommt zu Diskussionen, die in die Tiefe gehen. Aus Sandra und Thomas als Paar werden zwei Personen. Jeder spricht für sich selbst und so werden Träume und Wünsche offenbart, die vom anderen nicht zu vermuten waren. Träume und Wünsche, die sich Elisabeth und Leo erfüllen! Wie also, muss eine glückliche Beziehung gestaltet sein? Es gibt darauf keine Antwort, es kann sie nicht geben! Das Buch regt dazu an, in diesem Sinne darüber nachzudenken. Aber das muss natürlich nicht sein! Man kann diese amüsante Geschichte auch einfach so lesen und sich von dem kontroversen Schlagabtausch, den sich die beiden Paare liefern, unterhalten lassen.

Rezension von Heike Rau

René Freund
Swinging Bells
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552064001
ISBN-13:978-3552064003
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Artur Dziuk: Das Ting

Artur Dziuk: Das Ting

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Im Laufe eines Lebens sind viele Entscheidungen zu treffen. Ob eine Entscheidung richtig oder falsch war, lässt sich erst im Nachhinein sagen und manchmal selbst dann nicht. Was wäre, wenn es eine App gäbe, die Entscheidungsempfehlungen ausgibt, die direkt auf die eigene Person zugeschnitten sind. Linus, er ist Entwickler, hat ein Programm entwickelt, das in diese Richtung geht. So hat er seine Promotion abgebrochen, weil das Ting es so wollte. Seine Bewerbung bei Strindholm Consulting wird zum Desaster, obwohl das Ting wollte, dass er sich dort bewirbt. Aber er trifft Adam Strzela hier wieder, der durch einen Vorfall im Bewerbungsverfahren zum ehemaligen Mitarbeiter wird. Am Ting hat er seinen Anteil. Das Navigationssystem war seine Idee gewesen. Dass er diese Idee, zu seinem Vorteil und ohne Rücksicht auf Linus zu nehmen, nutzte, hat zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden geführt. Aber nun ist aus der Idee durch Linus eine App geworden, die man benutzen kann und die Linus ihn ausprobieren lässt.

Adam ist begeistert und schlägt vor ein Start-Up zu gründen mit ihm selbst als Geschäftsführer. Beide holen Nui mit ins Boot. Die introvertierte Programmiererin vervollständigt das Team. Die Anschubfinanzierung leistet ausgerechnet Kasper Strindholm, der sich von Strindholm Consulting verabschiedet hat, nachdem sein Vater ihm eröffnet hat, dass er nach seiner Pensionierung nicht ihn, sondern seine Schwester in die Geschäftsführung beruft. Der erste ernsthafte Testdurchlauf startet und Linus, Adam, Nui und Kaper verpflichten sich, jeder Aufforderung des Tings Folge zu leisten.

Es ist schon einigermaßen befremdlich, sich vorzustellen, dass eine künstliche Intelligenz Entscheidungen trifft, die man einzuhalten hat. Wo würde das hinführen, wenn man tatsächlich daran gebunden wäre? Artur Dziuk geht dieser Vorstellung nach und zeigt am Lebensweg der vier Testpersonen, was das mit den Menschen macht. Man kommt nicht umhin, zu überlegen, wie eigentlich der heutige Datensammelwahnsinn genutzt wird und wie wir beeinflusst werden, ohne es zu merken. Dahin soll ja auch das Ting gebracht werden. Der Mensch soll nicht mehr unterscheiden können, ob er selbst eine Entscheidung trifft oder das Ting.

Das Buch ist extrem spannend! Auch, weil die vier Gründer des Start-Ups so unterschiedlich sind. Nicht jeder von Ihnen wird nur vom Profitdenken gelenkt. Ich hatte aber bald den unheimlichen Eindruck, dass das Ting auch seine eigenen Interessen mit ins Spiel bringt. Mögliches und Unvorstellbares kommt zusammen. Die Persönlichkeit wird auf groteske Weise vom Ting beeinflusst. Und man beginnt zu hoffen, dass die vier Unternehmer das erkennen und noch die Kurve kriegen!

Rezension von Heike Rau

Artur Dziuk
Das Ting
464 Seiten, gebunden
Deutsche Verlagsgesellschaft, bold
ISBN-10: 3423230061
ISBN-13: 978-3423230063
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Simone Lappert: Der Sprung

Simone Lappert: Der Sprung

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Eine Frau Steht auf dem Dach eines Hauses in einer mittelgroßen Kleinstadt. Sie wird entdeckt von Menschen, die sie kennen und von anderen, die sich fürchten vor dem, was da kommen mag. 

In einer Reihe von literarischen Porträts der Zuschauer des aufregenden und beängstigenden Vorgangs erfährt man, wie ein jeder sein Leben lebt. Durch die Dramatik des Spektakels verlieren einige das innere Gleichgewicht. Andere sind eher sensationslüstern, erleben das Ganze als Nervenkitzel, das sie aus dem öden Alltag reißt.

Ja, diese Frau will offensichtlich Suizid begehen.

Klug aufgebaut macht uns die Autorin bekannt mit dem, was ein Kleinstadtleben ausmacht. Jeder hat sein eigenes Schicksal. Glück und Unglück, Eintönigkeit und Langeweile liegen nahe beieinander. Aber ein Einsatz wie den, den die Frau auf dem Dach bei Polizei und Feuerwehr auslöst, findet man nicht alle Tage. Schlagartig beleuchtet das Schicksal von Manu, so heißt die Frau auf dem Dach, auch die Schicksale der anderen. In einzelnen Kapiteln wird jeder/ jede in seinem Umfeld beobachtet.

Der Polizist wird früh morgens zum Einsatz gerufen, gerade als er sich überlegt, wie er sich seiner Frau verständlich machen könnte, die sich über sein ständiges Schweigen beschwert hat.

Finn bewundert seine Freundin, die Frau auf dem Dach, für ihre gärtnerischen Fähigkeiten und ihre Naturliebe.
Seine Äußerung „Ich kenne wirklich niemanden, der so ist wie du“ und ihre Antwort „Trifft das nicht auf jeden zu, dem man begegnet“ (S. 43) stehen in ihrer Einfachheit fast als Beispiel für alle Begegnungen in dem Roman.
Es sind zahlreiche Figuren, auf die man trifft. Fast möchte man meinen, eine jede Romanfigur gleicht in ihrer Darstellung einer eigenen kleinen abgeschlossenen Erzählung.
Doch eines treibt alle, auch den Leser, an: wie wird die Geschichte weitergehen, wie wird sie ausgehen?

Mit ihrer lebensklugen und feinen Beobachtungsgabe wird der Leser von Simone Lappert mitgenommen auf eine Reise ins Ungewisse. Der Alltag ringsum, und die Entwicklungen, die sich beim Lesen auftun, nehmen einen ganz gefangen. Bei einigen gibt es nur die Öde und Langeweile, die sie zu Zuschauern der Schauergeschichte machen. Denn Manu schmeißt auch noch mit Ziegeln um sich. Neugierde und Sensationslust füllt rundum die Straßen und Gaststätten mit Gaffern und Zuschauern. Simone Lappert gewährt einen Blick hinter die Kulissen des schönen Scheins. Aufgewühlt durch die Nähe des möglichen Suizids brechen Familienkonflikte auf und schwelende Wut, Eifersucht und gelegentlich auch Einsicht bringen die Menschen aus dem Gleichgewicht. Die Autorin wählt mir ihrer Darstellung das Soziogramm eines kleinen Bezirks der Stadt, in der die festgefügte Ordnung zwischen Freunden, Verwandten und losen Beziehungen innerhalb weniger Tage aufbricht.

Der Roman bietet Spannung pur ohne mit einer gewissen Ruhe im Detailreichtum der Geschichten einzelner für den Ausgleich zu sorgen, mit dem man sich geduldig dem Ende nähert. 

Sehr lesenswert!

Simone Lappert
Der Sprung
336 Seiten, gebunden
Diogenes, August 2019
ISBN-10: 3257070748
ISBN-13: 978-3257070743
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Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume

Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume

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In diesem Buch des Abschieds und der Erinnerungen kann sich sicher jeder in irgendeiner Weise wiederfinden, der seine alten Eltern ins betreute Wohnen oder in ein Altersheim verabschieden muss.

Die Eltern der Autorin gehörten zur Nachkriegsgeneration, in der noch sehr andere gesellschaftliche Vorstellungen über die Regeln des Zusammenlebens herrschten als in der Welt ihrer Kinder, die zu Beginn der sechziger Jahre geboren wurden. 

Als die Mutter der Autorin nach dem frühen Tod des Vaters zusehends älter wird und zu vereinsamen droht, fassen ihre Töchter und sie selber den Entschluss, in ein betreutes Wohnen umzuziehen. Da die Töchter beruflich und familiär in weit entfernte Städte gezogen sind, ist der Besuch und die Betreuung der Mutter schwierig geworden.

Sie wird vom Bodensee nach Stuttgart ziehen. Der Entschluss ist gefasst, doch bis der Umzug erfolgen kann, müssen alle das Haus ausräumen. Mit diesem Vorgang befasst sich die Autorin in ihrem vorliegenden Büchlein.
Jedes Blatt, jedes Bild und jedes Möbelstück, wird auf seine Verwertbarkeit begutachtet. Was will man behalten, was soll entsorgt werden, was kann man verschenken oder verkaufen?

Und natürlich sind alle Gegenstände mit Erinnerungen verbunden.
Ursula Ott versteht es vorzüglich, das Design der Dinge, seien es Wohn- oder Küchenmöbel, Teppiche oder praktische Geräte, mit dem Geschmack der sechziger und siebziger Jahre in Verbindung zu bringen, so dass fast eine kleine Geschichte familiären Lebens entstanden ist.
Melancholie und gelegentlich sogar Tränen lassen den Abschiedsgedanken aufkommen, der das Haus und sein Inneres mit der Aufgabe des Schutzes früherer Jahre in Verbindung bringt. 

Hoch reflektiert und talentiert zeigt die Autorin, dass es sich so leicht anhört: „ins Heim gehen“, doch in Wahrheit ist das ein langer Prozess. Die Familie löst diesen Konflikt blendend, in dem sie der Mutter ein Jahr für den endgültigen Abschied gewährt. So lange dauert die Auflösung des elterlichen Haushalts, und so lange bleibt Mutter noch die Besitzerin des Hauses.

Ursula Ott hat ein anrührendes und zu Herzen gehendes Stück eigener und allgemeiner Zeitgeschichte verfasst.
Es ist ein sehr lesenswertes Erinnerungsbuch für Menschen, die Abschied von den Wurzeln des Zuhauses in irgendeiner Weise ja alle erleben werden. Zu Kriegszeiten gab es keine Muße des Abschieds, alles geschah schnell und überrannte die Menschen. Heute in unserer langen Friedenzeit darf man sich diesem Geschehen mit der notwenigen Zeit und Besinnung überlassen. Ursula Ott hat alles gekonnt in ihren Gedanken und mit ihren Worten zusammengefasst. 

Sehr lesenswert!

Ursula Ott
Das Haus meiner Eltern hat viele Räume
192 Seiten, gebunden
btb Verlag, März 2019
ISBN-10: 3442758246
ISBN-13: 978-3442758241
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Isabel Bogdan: Laufen

Isabel Bogdan: Laufen

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Man kennt den Ausdruck “um sein Leben laufen“. Hier ist es Wirklichkeit geworden und in eine Sprache gefasst, die unvergleichlich intensiv, sensibel und Schritt für Schritt dieses Laufen beschreibt.
Eine ungenannte Erzählerin beginnt zu Laufen, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen weiß in einem tiefen Kummer um ihren verlorenen Lebensgefährten.

Während des Laufens wird zunächst der Körper beobachtet: wie er schnauft, wie es scheint, er kann nicht mehr, jeder Schritt und jede Ecke muss erkämpft werden. Mit der Zeit wird es dann leichter.
Dabei lässt die Autorin ihre Romanfigur das Leben reflektieren; man erfährt nach und nach, wie ihre Beziehung war, die Eltern des Gefährten, und wie sie unter der Einsamkeit leidet. Die gemeinsame Wohnung musste sie schon aufgeben, weil sie diese alleine nicht mehr bezahlten konnte. Da sie mit ihrem Partner nicht verheiratet war, konnten dessen Eltern alles mitnehmen, was ihrem Sohn gehörte.

Bilder aus dem vorbeifliegenden Park werden so poetisch geschildert, dass man fast in ein Gemälde zu schauen meint. Die Läuferin sieht das Glück der anderen, will es nicht sehen, will sich am liebsten verkriechen und läuft doch tapfer weiter. Diese Form der Trauerbewältigung ist einmalig, intensiv und hoch einfühlsam beschrieben. Wie kann und wie soll man einen Verlust dessen beschreiben, der zu Hause, Geborgenheit und Liebe in einem bedeutete?
Das ganze Leben dieses Paares scheint auf in seinen glücklichen, trauten und fernen Momenten.

Und immer wieder wird das Ausatmen und Einatmen beschworen. So als könne der Körper sein Gleichgewicht nur wiederlangen, in dem er sich zum Laufen zwingt, um die Leere und das Alleinsein erträglich zu machen.
Gehalten wird die Frau von sehr wenigen guten Freunden; Rike, ihr Mann und die Kinder sind die wirklich vertrauten Menschen. Ihre eigene vertane Zeit mit einem Mann, der an schweren Depressionen litt, so dass in der Beziehung nichts mehr lief, auch der lange ersehnte Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen konnte: das alles wird in atemloser Weise während des Laufens erinnert.

Es ist ein Buch der Gefühle, der Trauer und der Bewältigungsversuche. Intensiv, drängend und laufend versucht die Protagonistin, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Entstanden ist eine Geschichte, die von der inneren Unruhe und der Suche nach dem Sinn dieses Todes und dieses gemeinsamen Lebens handelt. Anrührend, aufrichtig, unverfälscht und wahrhaftig begegnen wir einem Menschen, der wie sicher viele andere eine Trauerbewältigung auf die ihr eigene Weise versucht. Ob es gelingt, bleibt offen. Wahre Liebe ist unvergänglich, und ein letzter Ausruf offenbart das!

Isabel Bogdan besitzt umfassendes psychologisches Einfühlungsvermögen. Sie findet die richtigen Worte, um aus dem Roman eine sensible und beeindruckende Studie zu machen, die dem wahren Leben abgeschaut zu sein scheint.
Sie lebt in Hamburg und ist eine ausgewiesene Übersetzerin aus dem Englischen.

Isabel Bogdan
Laufen
208 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, September 2019
ISBN-10: 3462053493
ISBN-13: 978-3462053494
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Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn

Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn

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Johann Karl von Sothen ist ein bekannter Großhändler und Bankier. Zu seinem Reichtum ist er durch Betrug gekommen. Er hatte dem Brieftaubenzüchter Wenzel Hüttler am Sterbebett den Lottoschein gestohlen. Seine Tochter, die neunjährige Berta, hatte davon nichts mitbekommen. Ihr ein Jahr älterer Bruder Eduard dagegen schon. Johann Karl nahm sich den beiden Waisenkindern an und brachte sie zu einer Tante, die Wirtin eines Gasthauses in Brünn war. Siebzehn Jahre alt war er damals gewesen und ließ sich noch Hans nennen. Gut gegangen war es ihm damals nicht mit seinem trunksüchtigen Vater. Der Tabaktrafikant und Lottokollektant konnte sich und seinen Sohn kaum über Wasser halten.

Berta war ihrem Vater bei der Taubenzucht immer eine große Hilfe gewesen. Auch bei ihrer Tante ist sie für die Tauben verantwortlich. Als Berta erwachsen ist, holt Johann Karl sie schließlich zurück nach Wien. Tabaktrafik und Lottokollektur bestehen nun nicht mehr nur aus einem schäbigen Gewölbe, sondern einem ganzen Gebäudekomplex. Johann Karl ist ein reicher Mann. Die Mansardenwohnung, in der einst Berta mit ihren Eltern und dem Bruder wohnte, ist nun auch in seinem Besitz. Johann Karl ist kaum wiederzuerkennen. Sein Reichtum spiegelt sich in seiner Leibesfülle wider. Doch genug hat er nicht. Er beginnt Berta für sich einzunehmen und abhängig von sich zu machen, denn sie kann ihn noch viel reicher machen.

Was für eine Geschichte! Johann Freiherr von Sothen ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Er präsentierte sich als Wohltäter, war aber ein äußerst geschickter Betrüger und Ausbeuter und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Die Autorin hat das, was über Johann Karl bekannt ist, in diesem Roman fantasievoll aufgearbeitet. Sie lässt den Leser über Berta Hüttler ganz nah an ihn herankommen. Während ihr Vater, die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert, noch auf Aberglaube setzte bei der Ermittlung der Gewinnzahlen, hält der Freiherr von Sothen sich doch lieber an Tatsachen. Mithilfe der Brieftauben, sie sind schneller als der Bote, versucht er vorab an die Gewinnzahlen heranzukommen und glaubt, dass niemand seinem genialen Plan auf die Schliche kommen wird. Er hat Berta schließlich in der Hand. Aber nicht nur sie muss sich mit ihrem ärmlichen Leben abfinden, während Johann Karl immer reicher und reicher wird.

Die Autorin hat ein tragisch-komisches Schauspiel entwickelt, das sehr gut unterhält. Ihre Erzählweise ist besonders, ihre Wortwahl raffiniert! Spöttische und ironische Untertöne beleben den Text. Es ist unglaublich, wie Johann Karl von Sothen vorwärts strebt und seine Position weiter ausbaut. Und doch sind seiner Macht Grenzen gesetzt. Die Geschichte hat ein Ende, mit dem der Freiherr wohl nicht gerechnet hat!

Rezension von Heike Rau

Bettina Balàka
Die Tauben von Brünn
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063994
ISBN-13: 978-3552063990
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Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

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Eine Geschichte aus Norwegen:

Hoch oben in den norwegischen Bergen gibt es ein Hotel, das einst florierte. Um es kurz zu machen: zu Beginn der Geschichte floriert das Hotel noch. Doch dann weitet sich der Tourismus in wärmere und südlichere Gefilde aus, so dass dem angestammten Holte finanzielle Ausfälle drohen.
Vor diesem Hintergrund spielt die Geschichte von Sedd, dem Enkel des Hotelbesitzerpaars Zacchariassen.

Über lange Seiten hinweg wird uns das Leben dieses 13jährigen Jungen erzählt. Er ist ein lieber und wohlerzogener Junge. Es bleibt lange unklar, wer seine Eltern sind.

Jim, der Küchengehilfe und Hausfaktotum in einem ist, zeigt sich als treuer Freund des kleinen Jungen, da er ihm Bruder, Vater und Mutter ersetzt, wenn die Großeltern häufig mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt sind.
Man bekommt lebhaft vor Augen geführt, wie das Leben im Hotel zwischen diesen vier Personen seinen Lauf nimmt.

Sedd ist ein kleiner Rettungssanitäter, der vergeblich bei einem Abendessen im Hotel den zusammengebrochenen Bankdirektor Berge wiederzubeleben versucht. Dieser verstirbt, und als Folge wird ein neuer Bankdirektor in das kleine Städtchen berufen. Damit zieht auch das Unglück ins Hotel ein, weil der Ruf von Herrn Zacchariassen dem Neuen nicht bekannt, und Kreditvergabe daher schwieriger geworden ist.

Allerlei Erlebnisse und zahlreiche Gespräche und Alltagsgeschichten nehmen breiten Raum ein. Da geht es um den freundlichen Umgang miteinander, um Zuwendung, und erste Lebenserfahrungen des kleinen Jungen. Meeresfrüchte zu den Mahlzeiten geben Hinweise auf den seltsamen Titel des Romans. Zuweilen ist man als LeserIn irritiert, weil man nicht so recht weiß, worauf es mit diesen Erlebnissen und mit alle den Alltagssorgen und Nöten, auch freundlichen Begebenheiten, hinauslaufen soll. Dass es eine herzliche Gemeinschaft zwischen den vier Hauptprotagonisten gibt, kann sehr fein aus den Schilderungen herausgehört werden. Hier kommt die sprachliche Eleganz des Autors Hansen zum Ausdruck. Man liest den sprachlich schönen ersten Teil mit Neugierde, denn er ist kurzweilig.

Erst im allerletzten Teil aber wird die Geschichte richtig aufregend und spannend.Steuern alle Beteiligten doch auf ein Ende zu, das skurril und aberwitzig ist. Nun versteht man, dass die lange Vorbereitungszeit mit den Landschafts-und Stimmungsbildern wichtig war, um den Eklat zum Ende hin zu verstehen.

Ein schönes, ruhiges Leseerlebnis für Mußestunden liegt mit diesem Roman vor.

Norwegen wird dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Erik Fosnes Hansen wird als Vertreter dieses Landes mit seinen Romanen breite Aufmerksamkeit finden.

Erik Fosnes Hansen
Ein Hummerleben
384 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, August 2019
ISBN-10: 3462050079
ISBN-13: 978-3462050073
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Matthias Brandt: Blackbird

Matthias Brandt: Blackbird

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Matthias Brandt zeigt uns in seinem neuen Roman, wie es aussieht, wenn Jugend langsam ins Erwachsenenalter wechselt.

Morton ist 15 Jahr alt. Man hat in diesem Alter in der Schule häufig Spitznamen. Er heißt Motte und bekommt eines Tages einen Anruf vom Vater seines guten Freundes Bogi, eigentlich Manfred Schnellstieg. Er hört, dass Bogi krank ist, sehr krank sogar. Bogi liegt im Krankenhaus und hat eine Angst erregende Therapie vor sich. Motte ist noch gar nicht bereit, sich auf dieses Neue in seinem Leben einzulassen. Er will weiterleben wie bisher, aber so geht das nicht, denn auch seine Eltern planen Veränderungen; Trennung, Wohnungssuche und so vieles mehr.

Matthias Brandt erzählt so, als wäre er dieser Junge. Er wählt die Ichform beim Erzählen. Die Gedanken und Sätze seines Denkens, seine Beobachtungen und die Sprache sind echt dem nachempfunden, was einen Fünfzehnjährigen so umtreibt. Da gibt es Mitschüler und Mitschülerinnen, über die er sich auslässt. Und er sieht Jaqueline an sich vorbeirauschen. Die erste Liebe scheint sich anzubahnen!
Seine Aussagen sind ganz dem Sprachgebrauch und etwas schnodderigen Aussprüchen eines Jungen von 15 Jahren abgeschaut.

Gelungen folgt man den verschlungenen Wegen eines Jungen, der auf der Suche ist nach dem, was für ihn in seinem Leben wichtig ist. Nicht der Welt der Eltern und Lehrer gilt sein Augenmerk. Sie sollen ihr eigenes Ding drehen und ihn damit in Ruhe lassen.
Erste Berührung mit Alkohol und den entsprechenden Folgen als Ausdruck der Initiation zur Erwachsenenwelt findet statt.
Die Sprache bleibt die ganze Zeit rau, “cool“ würde die heutige Jugend sagen. Man zeigt keine Gefühle und will auch keine entgegennehmen. Doch sie schauen in bestimmten Situationen um die Ecke und sind gerade in ihrer unterdrückten Form sehr ausdrucksstark.

Motte wechselt mit wachen Augen seine Standorte, feiert Erfolge und erlebt die Unsicherheit der ersten Liebe. Im Hintergrund lauert immer der nahende Tod in Gestalt seines Freundes Bogi. Wie er sich windet, dessen Leben auszuweichen und doch ergriffen wird von der Unausweichlichkeit der fortschreitenden Krankheit des Freundes, das wird sehr real in den Fokus genommen.

Ein wenig gemahnt die Diktion dieses Romans an den ersten Geschichtsband von Matthias Brandt,„Raumpatrouille“, mit dem er Furore machte. Waren es doch die Erinnerungen eines Jungen, der sich neben den Aufregungen und öffentlichen Auftritten seiner Eltern, dem ehemaligen Kanzler Willy Brandt und seiner Frau Ruth, einen eigenen Weg im Abseits suchte, wo er aufwachsen und gedeihen konnte.

Auch dieser Roman ist ansprechend, wenn sich auch gewisse Längen zeigen. Man kann ihn dennoch guten Herzens empfehlen.

Matthias Brandt
Blackbird
288 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, August 2019
ISBN-10: 3462053132
ISBN-13: 978-3462053135
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