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Kategorie: Belletristik

Dana Suffrin: Otto

Dana Suffrin: Otto

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Dana von Suffrin hat uns die Geschichte einer skurrilen Familie aufgezeichnet.

Die Familie stammte ursprünglich aus Siebenbürgen, ist aber zuletzt in München ansässig.

In einer witzigen und hoch motivierten Form erzählt die Autorin von einem Vater, eben jenem Otto, der inzwischen pensioniert und alt ist, auch pflegebedürftig, und seine Töchter schön zu tyrannisieren versteht.

Er kommandiert sie gerne herum und verlangt von seiner Tochter Timna, dass sie die Familiengeschichte aufschreibt. Er kann ganz schön bohrend und hartnäckig sein!

Dana von Suffrin besitzt die Begabung und versteht den Witz der einzelnen Personen so gekonnt einzufangen, dass man ihr gerne folgt.

Vater erzählt von Omama und Otata, seinen Eltern, die nach strengen Regeln lebten. Nach ihnen hatte man sich zu richten. Ob Otto daher so rigide und herrisch zu seinen Töchtern ist?

Otto, der pensionierte Ingenieur, hat genau Vorstellungen für seine Erwartungen und Forderungen.
In rührender Weise erinnert sich die ältere Tochter Timna an die Geschichten ihrer Kindheit, in der ihr Vater eine bedeutsame Rolle spielte. Er konnte seine Töchter trösten und erheitern. Und jetzt? Auch jetzt überstrahlt seine Persönlichkeit den Alltag der Töchter, die sich seinen dringenden Wünschen nicht widersetzen können.

Neben dem täglichen Einerlei gibt es immer wieder die Einsprengsel mit Geschichten aus der familiären Vergangenheit. Übersprühend, komisch und bekannt aus zahlreichen jüdischen Familiengeschichten, wenn auch zeitweise etwas ausschweifend, erzählt die Autorin ihre Geschichte. Der Mutterwitz und die Selbstironie aus dem jüdischen Milieu sind bekannt. Man nahm nicht immer alles so ganz ernst. Herz und Verstand sind dabei, und man spürt die Wärme und das Vertrauen, das man ineinander setzte.

Ob der Roman autobiographische Züge trägt? Man möchte es bei der Intimität und Genauigkeit der Erlebnisse fast glauben.

Dana von Suffrin hat mit ihrem Debütroman eine schöne und anrührende Familiengeschichte erzählt! Lesenswert und unterhaltsam!

Dana von Suffrin
Otto
240 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, August 2019
ISBN-10: 3462052578
ISBN-13: 978-3462052572
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Micaela Jary: Das Kino am Jungfernstieg – Die Kino-Saga 1

Micaela Jary: Das Kino am Jungfernstieg – Die Kino-Saga 1

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Lili Paal arbeitet im Jahre 1946 in Berlin als Cutterin für die neugegründete DEFA. Als sie von ihrer Halbschwester Hilde erfährt, dass es ihrer Mutter Sophie gesundheitlich immer schlechter geht, sucht sie nach einer Möglichkeit, um zu ihr nach Hamburg reisen zu können. Der britische Filmoffizier John Fontaine ist bereit, ihr bei der Beschaffung der nötigen Reiseunterlagen zu helfen. Als Gegenleistung will sie ihm verraten, wo das Material des letzten Films mit Thea von Middendorff versteckt sein könnte. Der damalige Regisseur Leon Caspari ist ebenfalls in Hamburg. Er dreht den ersten Nachkriegsfilm.

Im ersten Buch der neuen Reihe geht es insbesondere um familiäre Belange. Lilis Vater hatte in den 30er Jahren das Lichtspielhaus am Jungfernstieg gegründet, das die Mutter dann leitete und das nun in einem sehr schlechten Zustand ist. Der Vater wurde kurz vor Kriegsende erschossen. Das Wohnhaus war nach einem Bombenangriff nicht mehr bewohnbar, sodass Sophie zu Hilde ziehen musste. Um ihre Gesundheit steht es sehr schlecht. Zuwendung bekommt sie nur von ihrer 16-jährigen Enkeltochter Gesa. Für Hilde ist sie nur eine Last.

Fontaine ist ein charismatischer Mann. Aber Lili ist verheiratet, auch wenn sie ihren Mann, der in Kriegsgefangenschaft ist, kaum kennt. So versucht sie, ihrer Mutter zu helfen und sich auf die Suche nach den Filmrollen zu konzentrieren. Was sie in Erfahrung bringt, gibt Rätsel auf. Ihre Mutter könnte einige Fragen beantworten. Aber sie kann sich nicht äußern.

Schon mit diesem ersten Teil wird man sehr gut unterhalten! Die Autorin hat einen Roman entwickelt, der sich leicht liest und der authentisch und lebendig wirkt. Man wird hineinversetzt in die schwierige Nachkriegszeit. Das zerbombte Hamburg in einem sehr kalten Winter bildet eine bedrückende Kulisse. Aber es gibt Hoffnung. So wird auch daran gearbeitet, die Filmindustrie wieder aufzubauen. Lili setzt alles daran, das Kino, das ihrer Mutter immer noch viel bedeuten muss, zu retten, auch wenn ihr Schwager andere Pläne hat. Sie stellt sich den Schwierigkeiten trotz widriger Umstände. Und nach und nach wird ihre Mutter Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Das ist sehr spannend gemacht! Hinweise und Gerüchte lassen Ahnungen zu. Diese Geheimnisse werden jedoch noch nicht aufgelöst. Überhaupt endet das Buch anders als gedacht. Ich bin gespannt, auf den zweiten Teil!

Micaela Jary hat ihre Kindheit in der Filmstadt Hamburg verbracht. Ihr Vater war der bekannte Filmkomponist Michael Jary. Weitere spannende Hintergrundinformationen können im Nachwort nachgelesen werden.

Rezension von Heike Rau

Micaela Jary
Das Kino am Jungfernstieg – Die Kino-Saga 1
368 Seiten, gebunden
Goldmann Verlag
ISBN-10: 3442488486
ISBN-13: 978-3442488483
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Anna Enquist: Denn es will Abend werden

Anna Enquist: Denn es will Abend werden

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In geheimnisvoller Weise führt uns Anna Enquist auf die Spuren eines Streichquartetts, dessen Mitglieder durch einen dramatischen Überfall und Unfall auseinandergerissen wurden. Holland ist der Ort des Geschehens.
Carolien ist die Hauptprotagonistin, aus deren Blickwinkel die Geschichte aufgerollt wird.

Sie hat durch den besagten Überfall einen kleinen Finger verloren und will keinesfalls mehr ihr Instrument, das Cello, anrühren. Auch ihrem Beruf als Ärztin glaubt sie nicht mehr nachgehen zu können. Ihr Mann Jochem, ein Instrumentenbauer, hat sich in ein Atelier verkrochen, in dem er sich mit vielerlei Sicherheitsvorkehrungen eingeigelt hat. Diese beiden scheint der Unfall ganz aus dem Gleise geworfen zu haben. Am wenigsten hört man von Heleen. Hugo, der Bootsbesitzer, dessen Boot bei dem Überfall in die Luft gesprengt wurde, hat sich als Konzertmanager nach China abgesetzt.
Dorthin führt dann auch eine Reise von Carolien, die damit ihrer Trauer zu entfliehen hofft. Die Chinaeindrücke beherrschen denn auch lange die ganze Geschichte.

Die Autorin umkreist ihr Sujet, und nur aus Andeutungen lässt sich die Geschichte nach und nach rekonstruieren. Alle sind sich fremd geworden und können keinen Gedankenaustausch finden. Gab es da nicht sogar Kinder von Carolien und Jochem? Darüber wissen wir gar nichts.

Wir tappen lange im Dunkeln, bis wir allmählich verstehen, dass besonders Carolien und Jochem doppelte Traumata zu verarbeiten haben.

Die Unfälle sind m.E. ein wenig zu zahlreich und drastisch aufgetragen. Wie die Fische im Wasser ziehen alle ihre eigenen Bahnen, um dem Unheil der Erinnerung zu entkommen. Man folgt gebannt den einzelnen Begegnungen, Handlungen und Gesprächen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Charaktere sind unterschiedlich, und genauso unterschiedlich sind ihre Verarbeitungsstrategien. Missverständnisse, Naivität, mangelndes Selbstwertgefühl nach dem vorübergehenden Verlust der Selbstbestimmung und tiefe Ohnmachstgefühle bei einigen zeigen, was Schicksalsschläge aus Menschen machen können.

Die Atmosphäre, die in dem Roman beschrieben wird, ist melancholisch bis ängstlich-depressiv.
Wie werden die Beteiligten nur aus diesem Drama herauskommen?
Die Autorin zeigt uns mit ihrem Erzählstil, wie es um die Seelen ihrer Protagonisten bestellt ist.

Die Sprache ist subtil und differenziert, so dass man lange gefesselt bleibt.
Das Ende ist überraschend und sehr unerwartet aber gekonnt aus dem Wissen einer Therapeutin entwickelt.
Ein solches Ende erwartete man nicht. Es könnte leicht kitschig wirken, entgeht diesem Klischee aber knapp.

Anna Enquist ist neben ihrer Schriftstellerarbeit Psychoanalytikerin. Man merkt ihrem Roman an, dass sie sich aus langen Jahren der Erfahrungen mit den Ängsten, Sorgen und Nöten von traumatisierten Patienten gut auskennt.
Sie lebt in Amsterdam.

Anna Enquist
Denn es will Abend werden
288 Seiten, gebunden
Verlag: Luchterhand Literaturverlag, Juni 2019
ISBN-10: 3630876048
ISBN-13: 978-3630876047
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Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch

Jan Christophersen: Ein anständiger Mensch

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Der studierte Philosoph Steen Friis zieht sich gerne immer wieder eine Zeit lang auf die Insel zurück. Hier, in seinem abgelegenen dänischen Ferienhaus, kann er die Natur genießen, ungestört nachdenken und Bücher schreiben. Es ist eher eine Ausnahme, dass er nun ein Wochenende mit seiner Frau Frauke und einem befreundeten Paar, Ute und Gero, dort verbringt. Es könnte mit belanglosen Gesprächen, Pilze sammeln und gemeinsamem Essen einfach so vergehen. Aber Frauke erinnert ihn daran, dass sie sich einst versprochen haben, sich bestimmte Freiheiten zuzugestehen. Wie es scheint, hat sie es auf Utes Freund Gero abgesehen. Für Steen ist dieses Versprechen längst nicht mehr relevant, er will Frauke für sich haben. Und überhaupt, da predigt er in seinen Büchern und Interviews von Anstand und Moral und jetzt das! Gero gerät in einen Gewissenskonflikt und versucht, das nach außen hin zu verbergen. Seine Fantasie schlägt unterdessen Purzelbäumen und er muss entdecken, welche kriminelle Energie da in ihm steckt. Und obwohl er nicht wirklich etwas tut, kommt es zu einem tragischen Ereignis. Die Schuld liegt trotzdem bei ihm. Ganz allein bei ihm! Oder nicht?

Steen Friis hält sich für einen anständigen Menschen. Seine Haltung zum Weltgeschehen scheint die richtige zu sein. Seine Meinung ist gefragt. Man orientiert sich daran. Doch in Stein gemeißelt ist hier nichts, auch wenn Steen Friis glaubt, standhaft zu sein. Dass er mörderische Fantasien entwickeln kann, zeigt einer seiner Romane. Doch niemand soll von seiner anderen Seite wissen. Deshalb hat er diesen Krimi unter Pseudonym verfasst. Aber es ist, wie es ist. Eine unerschütterliche Selbstsicherheit zu zeigen, wird immer schwieriger für Steen. Er kann sich kaum beherrschen. Der Autor lässt immer mehr Szenen einfließen, die das sehr anschaulich zeigen. Da der Roman aus der Sicht Steens geschrieben ist, wissen davon nur Steen selbst und der Leser. Es wird zunehmend spannender! Doch dann kommt ein krasser Schnitt. Und jetzt geht es nicht mehr nur um innere Verwicklungen. Die eigentliche Geschichte driftet ab und geht einen anderen Weg. Mit den Gedanken, die der Autor gesät hat, muss man sich nun alleine auseinandersetzen. Viele Fragen bleiben offen. Ich habe mich dennoch gut unterhalten gefühlt.

Rezension von Heike Rau

Jan Christophersen
Ein anständiger Mensch
352 Seiten, gebunden
mare Verlag
ISBN-10: 3866486073
ISBN-13: 978-3866486072
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Maria Duenas: Eine eigene Zukunft

Maria Duenas: Eine eigene Zukunft

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Drei heranwachsende junge Mädchen folgen Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts mit ihrer schüchternen Mutter aus Spanien/Andalusien dem herumvagabundierenden Vater nach Manhatten/ New York in
Amerika. Es war die Zeit, in der zahlreiche Einwanderer aus Europa ihr Glück in dem freien Land erhofften. Besonders New York war ein Tiegel der Vielvölkerei. Die Entwicklung in dem fremden Land, mittellos und
einsam, ist der alles beherrschende Tenor des ersten Teils dieses lebendigen Romans von Maria Duenas.

Als der Vater schon kurz nach der Ankunft seiner Familie am Hafen, wo er Arbeit fand, tödlich verunglückt, steht die Familie vor einem Scherbenhaufen. Nun stellt sich die Frage: zurück ins Heimatland oder hier
ihr Schicksal selber in die Hand nehmen?

Fesselnd und beredt schildert die Autorin den Lebensweg dieser vier Frauen. Sie bleiben in NY und versuchen auf allerlei Wegen, zu Geld zu kommen. Mal ist es ein Restaurant, dann wieder eine Schauspieltruppe, auch Haushaltshilfe und Wäscherei kommen als Verdienstquelle infrage.

Vorsichtig und suchend tasten sich die drei Schwestern vor. Mit ihrer Mutter können sie gar nicht rechnen, den diese ist sehr unselbständig, hilflos und nörgelig.

Die drei Schwestern werden im Laufe der Erzählung in immer neue, schwierige und gefährliche Abenteuer verstrickt. Über allem schwebt der Wiedergutmachungsanspruch gegenüber den Hafenbehörden für den tödlichen verunglückten Vater. Ein ruchloser Anwalt versucht sich als Mittler, und wie nicht anders zu erwarten, geraten die drei Mädchen in schreckliche Verstrickungen, da sich ihnen auch immer wieder Verehrer mit mehr oder weniger unlauteren Absichten nähern.

Insgesamt kann man sagen, dass die Geschichte wild, vielseitig und an Abenteuern reich ist. Zuletzt wähnt man sich in einem Krimi, denn Mord und Totschlag spielen keine unwesentliche Rolle.

Maria Duenas schreibt einen flotten Stil. Sie berichtet zügig und lebensnah vom Milieu in den verschiedenen Vierteln, die sich in NY je nach Sprache und Herkunft gebildet haben. Nicht jeder versteht das Sprachengemisch, so dass man sich schon deshalb zusammenschließt und unter sich zu bleiben versucht. In den untersten Schichten herrscht vielfach Betrug und Kriminalität, oft ungeahndet, weil es keinen funktionierenden Überwachungsapparat gibt.

Man bekommt ein eindrucksvolles Bild vom Leben und Treiben der Bewohner. Zuweilen sind der Personen, die auftauchen und z.T. verwandt oder verschwägert sind, zu viele. Da heißt es immer schön dabeibleiben, damit einem auch nichts entgeht.

Insgesamt ein lesenswerter, turbulenter, spannender und zuletzt auch einem Krimi nachempfundener Roman.

Die Autorin lebt und lehrt in Spanien.

Maria Duenas
Eine eigene Zukunft
587 Seiten, gebunden
Insel Verlag, März 2019
ISBN-10: 3458177833
ISBN-13: 978-3458177838
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Dieter Forte: Als der Himmel noch nicht benannt wurde

Dieter Forte: Als der Himmel noch nicht benannt wurde

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In einem fast traumähnlichen Zustand geht ein Schriftsteller durch eine alte Bibliothek.
Hier verstecken sich Folianten und erste Schriftaufzeichnungen längst vergangener Zeiten.

Im Wechsel zur Bibliothek sieht man sich immer wieder ins Endlose geworfen, wo wir auf die alten Fragen der Menschheit treffen: woher kommen wir, wohin gehen wir und wer sind wir?

Mit kurzen Worten werden Andeutungen gemacht, wie die Welt entstand, wie Himmel, Mond und Sterne, die Nacht und der Tag.

Es ist ein Gemisch aus mythischen Begebenheiten, biblischen Aussagen, Anklängen an erste Aufzeichnungen überhaupt und die Menschheit in ihren allerersten Anfängen. „Aus Erzählungen entsteht Erinnerung, aus Erinnerung Vergangenheit“. Die Sprache aber machte den Menschen erst zum Menschen. Feststellungen dieser Art findet man fast auf jeder Seite dieser kleinen Geschichte.
So auch diese: bei Ovid steht “Bevor es Meer gab und Land und Himmel war nur das Chaos“.

Man könnte die Erkenntnis über das Menschsein auch so definieren, dass aus Chaos die Schöpfung entstand.

Wie Dieter Forte seine Aufzeichnungen angeht, das ist assoziativ und doch aufklärend.
Menschliche Weisheit durchzieht sein Büchlein in Form aneinander gereihter Hinweise auf die Entstehungsgeschichte der Menschheit. Da sieht man hinter Schleiern Galileo Galilei vorbeiziehen, alte Götter und Gelehrte und die zahlreichen Philosophen und Mystiker vieler Jahrhunderte. Das Alles in einer hinreißenden Sprache, zart, wissend und zuweilen verwischend, weil es keine endgültigen Antworten gibt.

Wie ein Schriftsteller auf 91 Seiten die ganze Geschichte der Menschheit in kurzen Momenten durchläuft, das ist meisterhaft! Mehr lässt sich dazu nicht sagen!

Dieter Forte
Als der Himmel noch nicht benannt war
96 Seiten, gebunden
FISCHER, Februar 2019
ISBN-10: 3103972202
ISBN-13: 978-3103972207
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Herman Koch: Einfach leben

Herman Koch: Einfach leben

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In einer sehr munteren und ansprechenden Weise lehrt uns Herman Koch, dass das Leben doch nicht immer so einfach ist, wie der Titel zu versprechen scheint.

In diesem kleinen Roman spielt der Schriftsteller Tom Sanders die Hauptrolle. Er ist ein erfolgreicher Autor von zahlreichen Ratgeberbüchern. Mit Julia ist er glücklich verheiratet. Sein Beruf hat ihn erfolgreich, zufrieden und wohlhabend gemacht. Die beiden erwachsenen Söhne sind längst verheiratet und haben selber Kinder.
Dennis, der ältere Sohn, lebt weit weg in Kanada! Sollte dessen weit entfernter Wohnsitz etwa etwas mit dem Schreiben und Leben seines Vaters zu tun haben? Man wird sehen!

Tom und Julia schauen argwöhnisch auf die Schwiegertochter Hanna, die ihren Sohn Stefan zu dominieren scheint. Die Enkelkinder werden nach den strengen Prinzipien ihrer Mutter gesund und ordentlich erzogen.

Die Überraschung passiert, als Hanna eines Tages mit verschwollenem Gesicht bei Tom erscheint. Alles deutet darauf hin, dass Stefan sie misshandelt hat! Da fährt Tom seine Antennen aus und denkt sich als Ratgeber einen Plan zum Handeln aus.

In leicht ironischem Ton und mit witzigen Zwischenbemerkungen versteht Herman Koch, uns teilhaben zu lassen an der guten Ehe von Tom und Julia. Er lässt Julia als die Überlegene daherkommen, die Tom gelegentlich ein wenig auf den Arm nimmt. Sie hat den genauen Blick auf die Menschen und macht sich so schnell nichts vor. Kleine Geselligkeiten und nette Diskussionen beleben die Geschichte. Alle Gedanken scheinen von Lebensweisheiten durchströmt. Tom hat aber auch für alles eine Lösung parat!
Ist Tom nicht ein wenig zu sehr ein „Besserwisser“?

Man staunt und wundert sich, dass alles wirklich so glattgehen soll. Wäre da nur nicht die unzufrieden wirkende Schwiegertochter!

Hier passiert nun wirklich das große Malheur, das alle bisher ausgesprochenen Weisheiten auf den Kopf stellt.

Herman Koch hat eine herrliche Satire auf die Gesellschaft, ihre Zwänge und Lügen geschrieben. Er stellt all’ die klugen Lebensweisheiten am Ende auf den Prüfstand. Man amüsiert sich köstlich und ist gerührt, wie kleinlaut Tom am Ende dasteht.

Die Lebensregeln, die am Ende noch einmal aufgelistet werden, hören sich sehr praktikabel an. Im wahren Leben gelingt die Umsetzung aber nicht immer so ohne weiteres.

Dieser kleine Roman ist heiter, amüsant und leichtlebig und enthält dennoch einige wirklich gute Einsichten. Man kann die Lektüre guten Mutes und uneingeschränkt empfehlen.

Herman Koch
Einfach leben
Taschenbuch, 112 Seiten
KiWi-Taschenbuch, Juni 2019)
ISBN-10: 3462052101
ISBN-13: 978-3462052107
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Katharine Dion: Die Angehörigen

Katharine Dion: Die Angehörigen

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Es handelt sich in diesem Roman um eine Familiengeschichte der besonderen Art.
Genes Frau ist kürzlich verstorben. Nicht ihr plötzlicher Tod wird von Katharine Dion analysiert, sondern durch die Augen und Worte seiner Freunde und seiner Tochter lernt Gene, der Icherzähler, eine Frau kennen, von der er in dieser Form nichts wusste.

Sie hatten ein gutes, bescheidenes und auskömmliches Leben. Noch aus gemeinsamen Studienzeiten stammt die Freundschaft zu Ed und Gayle. Sie haben zusammen Urlaube verbracht, haben nach und nach ihre Kinder bekommen, zu denen sich inzwischen noch Enkel und Enkelinnen gesellten, und fühlten sich in dieser Gemeinschaft geborgen. Das waren „die Angehörigen“ als Ersatz für die nicht vorhandenen wirklichen Angehörigen.

In der Vorbereitung auf eine Gedenkfeier für die verstorbene Maida, Genes Frau, treffen alle zusammen. Gene ist verwirrt, fühlt ich einsam und ist verunsichert, wie unterschiedlich die Berichte über Maida klingen. Zwischen seiner Tochter Dary und ihm herrscht ein angespanntes Verhältnis.

Inzwischen lässt Gene seine Gedanken zurückschweifen, und man erfährt einiges über sein gemeinsames Leben mit Maida. Sie waren 49 Jahre verheiratet. Die Fragen, die sich für Gene aufwerfen, sind existenziell, weil er sie sich so noch nie gestellt hat. Standen sich Ed und Maida näher, als er dachte? Ist Dary womöglich nicht seine Tochter?
Insgesamt ist er verunsichert, scheu und ratlos. Eine kurze von ihm allzu ernst genommene Beziehung zu seiner Putzfrau zeigt einen einsamen alten Mann, der sich ratlos durchs Leben bewegt.

Katharine Dion hat mit diesem Debütroman ein reifes und ansehnliches Werk geschaffen. Die nachhaltigen Fragen und Gefühle, die sie aufzeigt, bringen auch den Leser zum Nachsinnen. Unwillkürlich fragt man sich: wie war das denn bei Dir? Man fühlt mit Gene mit, der in Trauer erlebt, dass er seine Tochter gar nicht richtig kennt und versteht. Die vielen Szenen und Bilder, seien sie aus der frühen Zeit seiner Ehe oder in den späteren Jahren, werfen ein farbiges Bild auf eine Gesellschaft, in der nach außen hin alles in Ordnung erscheint. Aber gibt es nicht auch die Schattenseiten des Lebens? Die schmerzlichen Erfahrungen, Entbehrungen und das Ungesagte? K. Dion findet die richtigen Worte, mit denen sie den Fragen nachgeht. Sie bringt uns das Geschehen nahe und lässt uns teilnehmen an einem Leben, das durch den Tod einen schmerzlichen Bruch erlebt.

Das Buch ist nicht spannend aber in seinen Ausführungen z.T. sehr tiefsinnig. Wer sich für die Psyche des Menschen, seine Abgründe und die nach außen gezeigte Eintracht fasziniert fühlt, der wird mit diesem Roman belohnt für ein wenig Ausdauer, die durchaus erforderlich ist.

Katharine Dion
Die Angehörigen
288 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, April 2019
ISBN-10: 3832198946
ISBN-13: 978-3832198947
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Leila Slimani: All das zu verlieren

Leila Slimani: All das zu verlieren

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Ein sehr unglückliches Wesen bildet die Hauptfigur dieses kleinen Romans.

Adèle ist Mitte dreißig. Sie hat alles was sie will: einen netten Mann, den Arzt Richard, ihren kleinen Sohn Lucien und ein auskömmliches Leben. Aber all das genügt ihr nicht!
Sie selbst ist eine lustlos ihrer Arbeit nachgehende Journalistin.

Immer auf der Suche nach dem großen Glück stürzt sie sich von einer Liebschaft in die nächste. Von der Sexualität erwartet sie sich die letzte große Erfüllung. Das lässt sie von einem Mann zu anderen taumeln, denn sie bekommt nicht, was sie sucht.
Sie scheut keine Mühen, sich heimlich auf die Suche nach dem besten Liebhaber zu machen.
Dazu gehören die Heimlichkeiten, die Lügen, die Langeweile einer Ehe, die im täglichen Einerlei versinkt und die brutalen Fantasien, mit denen sie Befriedigung zu erreichen trachtet.

Leila Slimani hat ein Gespür für die abartigen Charaktere und die innerlich kaputten Menschen, die in krankhafter Weise dem Glück hinterherlaufen. Das hat sie schon mit ihrem Roman „Dann schlaf auch Du“ bewiesen. Diese innerlich zerbrochenen Frauen bieten reichlich Anlass, einmal psychologisch den Ursprüngen ihrer verkorksten Vergangenheit nachzugehen.

Doch leider ist hier die Ursachenforschung nur wenig ergiebig.

Die Sexsucht ist eine Krankheit. Sie wird nur selten erkannt und als solche benannt.

Die ausschweifenden Fantasien und immer neuen Versuche, sexuelle Erfüllung zu erlangen, misslingen gründlich. Hier wird eine Frau beschrieben, die sich selbst nicht lieben kann und damit auch niemanden sonst. Ihr Mann und der Sohn bleiben auf der Strecke. Richard ist als Chirurg nicht geschult genug, um die Defizite im Charakter seiner Frau wahrzunehmen und entsprechende Schritte zu unternehmen, sie in eine Heilbehandlung zu vermitteln. Auch er hat Defizite, denn er stellt sich nicht wirklich der Realität. Er ergeht sich in Träumen, die ihn seine Frau zurückgewinnen lassen könnten und richtet den Blick auf eine Zukunft, in der sie als altes Paar noch ein wenig Glück bei einander finden würden. So dümpeln alle Figuren und besonders Adèle in ihrer Sehnsucht nach Erfüllung und vor allem nach Liebe vor sich hin.

Berücksichtigt man die Herkunft von Leila Slimani aus Marokko, so ist dieses Werk eine Provokation gegen die traditionsreichen und hierarchisch geordneten Verhältnisse ihres Ursprungslandes. Dazu aber ist die Geschichte zu westlich orientiert angelegt, so dass man keinen Ansatz für einen Zusammenhang erkennt.

Der LeserIn wird den endlosen sexuellen Gelüsten der Hauptprotagonistin ausgesetzt, und es bietet sich keine Gelegenheit nach Entlastung und Leichtigkeit. All das zu verlieren bleibt die einzige Alternative. Eine traurige, düstere und lüsterne Atmosphäre macht die Lektüre schwer verdaulich. Es gibt nur den Untergang, keine Hoffnung.

Leila Slimani hat schon eindrucksvollere Einblicke in ihr Können geboten!

Leila Slimani
All das zu verlieren
224 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, 13. Mai 2019
ISBN-10: 363087553X
ISBN-13: 978-3630875538
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Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

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Der Held der Geschichte heißt Victor und berichtet in der Ichform. Er stammt aus der Provinz und studiert an einem berühmten Lycée in Paris, wo er die Zulassung zum Studium erlangen will. Die Bedingungen des Studiums sind schwer. Man schuftet und schaut nicht rechts noch links, doch der Preis ist die Einsamkeit. Victor ist scheu, zurückhaltend und kommt nur einem Mitschüler näher: Mathieu, der eine Klasse unter ihm ist.

Eines Tages in einer Kurzschlusshandlung bringt Mathieu sich um! Er stürzt sich die Treppe im Lycée hinunter.
Die Schüler und Lehrer und der Rektor der Schule sind aufgewühlt und ratlos! Wie konnte das passieren?

Blondel erzählt einfühlsam und eindrücklich, wie das Klima in diesen Lernbetrieben ist.
Die Lehrer erscheinen entrückt und unnahbar.

Wenn man nicht in Paris zu Hause ist und nicht aus begütertem Elternhaus stammt, tut man sich schwer, Anschluss zu finden. Diese Einsamkeit durchströmt die ganze Erzählung. Atmosphärisch dicht und nachvollziehbar sieht man die Studenten in ihrem Treiben, ihren zaghaften Annäherungsversuchen und in ihrem Scheitern.

Victor erfährt nach dem Suizid von Mathieu eine ungewohnte Aufwertung als Mitglied der Schulgemeinschaft. Man erhofft sich von ihm Aufschluss über die Gründe für den Suizid.

Er erfährt ein ungewohnt hohes Interesse, denn man möchte mehr über ihn und über Mathieu erfahren. Ein schwuler Mitschüler ist besonders an allen Vorgängen interessiert.

Die Geschichte handelt vom Aufbruch aus der Kindheit und Jugend zur Erwachsenenwelt, zur Befreiung von elterlicher Gängelei und ungewohnter Freiheit und von den Erfahrungen mit ersten sexuellen Begegnungen.
Blondel erzählt aber auch von Eltern und Kindern, von den Gefühlswallungen in der Jugend, von Trennungen, Abschieden und von den stillen Stunden des Alleinseins, in denen man die Gedanken ordnet und von den Versuchen, im Leben Fuß zu fassen.

Victor wird zum Dreh- und Angelpunkt einer menschlichen Tragödie. Nachdem er sich gefangen hat, beginnt sein eigenes Leben. Er wird Schriftsteller. Diese vorliegende Erzählung, geschrieben wie eine fiktive Biographie, führt ihn nochmal zurück in seine Jugendjahre und in die Aufbruchszeiten seines eigenen Lebens.

Der Roman ist leicht melancholisch und tief einprägsam: zeigt er doch die Bewegungen, die das Wachsen und Gedeihen mit sich bringt. Sie können sich zum Guten wenden oder durch die Klippen des Lebens traurig enden.

Sehr lesenswert!

Philippe Blondel
Ein Winter in Paris
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag, September 2018
ISBN-10: 3552063773
ISBN-13: 978-3552063778
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