Frau Machova wartet auf den Postmann

Frau Machova wartet auf den Postmann

Frau Machova ist so allein. Sehnsüchtig wartet sie auf den Postmann. Doch während Herr Krokodil und Herr Elefant einen Brief bekommen haben und der kleine Iltis sogar ein großes Paket, geht sie leer aus. Der Postmann geht vorbei. Wie immer. Herr Sittich und die alte Gazelle bekommen auch nie Post, aber sie sind zu zweit und können sich die Langeweile gegenseitig vertreiben. Frau Machova dagegen wird immer traurigen. Kaum wagt sie sich noch unter Leute.
Doch eines Tages klingelt es. Frau Machova kann es nicht fassen. Der Postmann bringt einen Brief. Es sind sehr liebevolle Zeilen, doch der Absender fehlt. Frau Machova möchte so gern wissen, wer den Brief geschrieben hat. Sie begleitet den Postmann auf seiner Tour und fragt jeden nach dem Brief. Doch keiner weiß etwas. Und doch ist der Schreiber des Briefes ganz in ihrer Nähe.

Es ist eine Geschichte über das Alleinsein und die damit verbundene Sehnsucht nach Gesellschaft. Dabei hilft der Postmann Frau Machova aus ihrer Einsamkeit, nimmt sie mit auf seine Tour und Frau Machova lernt wieder, Kontakte zu knüpfen. Da stört es wenig, dass ihr auch mal einer die Nase vor der Tür zuknallt oder keine Zeit hat. So ist das im Leben. Dafür trinkt sie mit Frau Krokodil Mandelmilch und hört Geschichten. Mit dem Elefanten geht sie sogar ins Schwimmbad. Und der Postmann kommt mit. Die kleine gefühlvolle Geschichte tröstet und macht Mut. Sie ist zum Vorlesen und Selberlesen geeignet, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, die einsam sind.
Ganz einzigartig sind die Bilder. Die Illustratorin hat auf hellem Holz gezeichnet und eine auffallend großzügige Farbauswahl getroffen. Besonders interessant sind die verschiedenen Muster, die sie in ihre außergewöhnlichen Motive eingearbeitet hat.

Über die Autorin:
Harriet Grunewald, geboren 1969 in Berlin, wuchs in Büsum an der Nordsee auf. Studiert hat sie Lehramt und Kulturwissenschaften. Außerdem lebte sie zwei Jahre in Barcelona. Ihre Ideen für Kinder entwickelte sie als Lehrerin, als Werbetexterin und al Mitbegründerin der Agentur „Die Kernbotschafter“. Zusammen mit ihrer Partnerin gewann sie 2003 den Ideenwettbewerb der Sparda-Bank-Hamburg. Die Autorin hat schon mehrere Kinderbücher veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann in Hamburg.

Über die Illustratorin:
Selda Marlin Soganci, geboren 1973 in Hof an der Saale, studierte Grafik-Design vor allem in Münster und schloss als Diplom-Designerin ab. Seit 1994 lebt sie in Münster und arbeitet dort beispielsweise für ein Kindertheater und illustriert Bücher.

Rezension von Heike Rau

Harriet Grunewald (Text)/ Selda Marlin Soganci (Illustrationen)
Frau Machova wartet auf den Postmann
34 Seiten, gebunden
Peter Hammer Verlag, Wuppertal
ISBN: 3-7795-0024-8
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Abnehmender Mond

Abnehmender Mond

Cleveland um 1930. Als der Vater während der Weltwirtschaftskrise bei „Fred´s Radio & Repair“ seinen Job verliert muss die sechsköpfige Familie notgedrungen aufs Land ziehen und fortan in einem Zelt leben. Die drohende Erblindung der Mutter, nur durch eine Operation aufzuhalten, schreitet voran. Das es so Ernst ist, weiß nur Lethea, die Freundin der Mutter. Sie informiert schließlich die Familie und bietet ihre Hilfe an. Doch den Notgroschen hat der Vater heimlich in ein Geschäft investiert, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Die Mutter erblindet schließlich. Und dann stirbt auch noch Tochter Margie.

Das Buch ist in vier große Kapitel unterteilt. Zunächst erzählt Stephen aus der Zeit, als die Familie im Zelt leben musste. Danach folgt ein Zeitsprung und Katharine Lennox erzählt aus ihrer Sicht die Geschichte weiter. Sie, die Pianistin, verliebt sich in Stephen. Doch die Liebe verliert an Reiz und Katharine wendet sich Stephens Bruder Philipp zu. Aber der flüchtet vor den großen Gefühlen. Nicht planlos, sondern durchdacht. Als Soldat zieht er in den Zweiten Weltkrieg. Vergessen können beide Brüder Katherine nie.
Im dritten Kapitel erzählt James, der Sohn von Philipp. Er beginnt 1968. Von seinem Vater hält er nicht viel, versucht aber zu verstehen, warum er so geworden ist, warum er trinkt und sich von seiner Familie abgrenzt.
Abschließend erzählt noch einmal Stephen. Fünf Jahrzehnte sind vergangen, seit die Geschichte begann…

Der Autor erzählt diese tragische Familiengeschichte aus verschiedenen Perspektiven, so dass der Leser umfassenden Einblick erhält. Kein Schicksalsschlag, kein Familiengeheimnis, keine Streitigkeiten bleiben verborgen. Das ist vom Inhalt her nicht einfach zu lesen. Vom Schreibstil her dagegen schon. Joseph Coulson schreibt mit einer Intensität, der man sich nicht zu entziehen vermag und spart dabei nicht mit scharf gezeichneten Details. Die Geschichte nimmt gefangen und holt längst vergessene eigene Erinnerungen ans Tageslicht zurück. „Abnehmender Mond“ ist ein beeindruckendes Werk, dass sicher nicht so schnell in Vergessenheit gerät.

Über den Autor:
Joseph Coulson, geboren 1957 in Detroit, hat bisher Gedichtbände und Theaterstücke veröffentlicht. Mit seiner Arbeit über amerikanische Literatur promovierte er an der Universität des Staates New York in Buffalo. „Abnehmender Mond“ ist sein erster Roman. Joseph Coulson lebt in der Nähe von San Francisco.

Rezension von Heike Rau

Joseph Coulson
Abnehmender Mond
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
416 Seiten, gebunden
C.H.Beck, München
ISBN: 3-406-52977-1
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Edward

Edward

Als Edward es geschafft hatte, das Feuer vom Berg zu holen, stieg der Lebensstandard der kleinen steinzeitlichen Sippe ins Unvorstellbare. So konnte zum Beispiel das leidige Wohnungsproblem gelöst werden. Mit Feuer ließen sich die Bären nicht zweimal bitten, ihre Höhle zu räumen. Endlich ein festes Dach über dem Kopf! Endlich warm und trocken schlafen, ohne Angst vor wilden Tieren. Und auch die Ernährung wurde umgestellt. Was war es doch für ein Luxus für die Familie, um das Feuer herumzusitzen und gegrillte Elefantensteaks und Spießbraten genießen zu können. Nur Onkel Wanja hatte wieder was zu meckern. Er befürchtete Karies. Doch Edward ließ sich von diesem Gerede nicht aus der Fassung bringen. Für ihn war die Beherrschung des Feuers nur der Anfang einer ganz neuen Zeit.

Der Autor erzählt vom Leben unserer Vorfahren auf eine sehr witzige und unterhaltsame Art. Dabei unterscheiden sich seine Steinzeitmenschen gar nicht so sehr von den Menschen heute. Es sind ähnliche Probleme, die sie versuchen zu meistern, nur eben auf einer anderen Stufe der Evolutionsleiter. Die Verhaltensmuster sind dabei vergleichbar. Edward ist clever, sehr fortschrittlich denkend und erfinderisch. Er treibt mit seinen Ideen die Entwicklung voran und lässt sich von Rückschlägen überhaupt nicht aus dem Konzept bringen. Dabei sind besonders die Dialoge und die Gedankengänge Edwards sehr vielsagend. Der Autor hat Edward zudem mit vielen Begriffen aus unserem modernen Wortschatz versorgt, und das so passend, dass man sich beim Lesen nicht wundert, sondern einfach nur amüsiert in sich hineinlacht.

Über den Autor:
Roy Lewis, geboren 1913 in Birmingham, studierte in Oxford und besuchte danach die London School of Economics und arbeitete als Anthropologe und Journalist. Er war mehr als zwanzig Jahre als Auslandskorrespondent für die Zeitungen „The Economist“ und The Times“ tätig, beispielsweise in Afrika. Später lebte er in London und besaß einen kleinen Lyrik-Verlag. Roy Lewis starb im Jahr 1996.

Rezension von Heike Rau

Roy Lewis
Edward
Roman aus dem Pleistozän
190 Seiten, broschiert
Unionsverlag, Zürich
ISBN: 3-293-20352-6
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Klondike

Klondike

1897 – Die Nachricht von den sagenhaften Goldfunden am Klondike ist in aller Munde. Oben im Rettungsboot der „Delta Queen“ verstecken sich die blinden Passagiere Lou und ihr Sohn Zack. Auch sie hat der Goldrausch gepackt. Doch als die Mutter ihrem Sohn zum vierzehnten Geburtstag Kuchen stehlen will, wird sie geschnappt. Sie ist natürlich nicht in der Lage, Kapitän Poole ihre Fahrkarte vorzuweisen. Mr. Plow schlagt vor, Lou die vierhundert Meter bis an Land schwimmen zu lassen. Doch der Gang übers Fallreep bleibt ihr dank der Hilfe eines Passagiers namens Benjamin Redd erspart. Dieser opfert ein Whiskeyfass. Dafür bekommt er ein Ruderboot, nicht größer als eine Badewanne. Ausrüstung und Gepäck werden umgeladen. Dann geht es an Land, einem verlassenen Strand an der Küste Alaskas.

Bis Dawson City sind es noch rund 700 Meilen. Lou, Ben und Zack sitzen ganz schon in der Klemme. Der ganze Reisproviant besteht aus, als Lebensmittel getarnten, Whiskeyfässern, mit denen Ben in Dawson City in eine Partnerschaft mit Dan McGrew treten wollte. Dennoch schaffen es die drei sich bis nach Skagway durchzuschlagen. Hier treffen sie Mr. Plow wieder, der allerdings wegen seiner Geschäfte erschossen wird. Ben ist in die Schießerei verwickelt. Überstürzt müssen Lou, Zack und Ben weitereisen. Nun ist ihnen wahrscheinlich auch noch Soapy Smith, dem Mr. Plow Geld schuldete, auf den Fersen. Doch Mr. Plows Ausrüstung kommt den drei zukünftigen Goldsuchern sehr gelegen.

Der Roman beginnt mit der „Ballade von Lou und Dangerous Dan McGrew“ von Robert Service. Das ist eine gelungene Einstimmung in die folgende Geschichte, die sehr kurzweilig und spannend im Rückblick aus der Sicht des mittlerweile hundertvierzehnjährigen Zack erzählt wird, der damals gerade vierzehn Jahre alt war. Von Anfang bis Ende ist es ein harter Überlebenskampf, der, sehr zum Erstaunen des Lesers, auch mit der Zahl der noch vorhandenen Whiskeyfässer steht und fällt.
Der Autor beschreibt mit viel Ironie und auch schon mal mit als Weisheit getarnten Kaltschnäuzigkeit, die prekäre Lage von Lou, Zack und Ben, die hier stellvertretend für die vielen vom Goldfieber erfassten Menschen stehen, die alles aufgaben und auf Reichtum hofften. Von den Verlierern und den Gewinnern. So kommt in diesem Buch eine ganz besondere Stimmung zum Tragen.

Über den Autor:
Robert Kroetsch, geboren 1927 in Alberta, gehört zu den angesehensten Schriftstellern der kanadischen Gegenwartsliteratur. Er hat Gedichte, Erzählungen, mehrere Romane und zahlreiche wissenschaftliche und essayistische Schriften veröffentlicht. Für „The Studhorse Man“ erhielt er den Governor General’s Award. Zum Officer of the Order of Canada wurde er im Jahre 2004 ernannt. Der Autor lebt in Winnipeg.

Rezension von Heike Rau

Robert Kroetsch
Klondike
Die Ballade von Lou und Dangerous Dan McGrew
Aus dem Englischen von Martina Tichy
384 Seiten, gebunden, mit Karten
Unionsverlag, Zürich
ISBN: 3-293-20317-5
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Gouldamadinen

Gouldamadinen

1838 und 1840 reiste der englische Naturforscher und Tiermaler John Gold nach Australien und sammelte und zeichnete dort viele Vögel, auch einen Prachtfinken, den er nach seiner Frau Lady Gould´s Amadine benannte, die ihn begleitet hatte und bald nach der Rückkehr verstorben war.

Die Gouldamadinen begeistern durch ihre wunderschöne Färbung. Und so keimte beim Autor dieses Buches der Wunsch auf, diese schöne Vögel selbst zu züchten. Diesen Wunsch hat er sich erfüllt. Horst Bielfeld hält seit über 33 Jahren die kleinen Prachtfinken und kann auch auf Zuchterfolge verweisen.

Zunächst beschreibt der Autor die Gouldamadine genau und geht auf die verschiedenen Färbungen ein. Er erzählt von ihren Lautäußerungen, ihrem Gesang, ihrem natürlichen Lebensraum, ihrer Fortpflanzung und über Feinde und Gefahren, denen der kleine Vogel ausgesetzt ist und wie der Wildvogel zum Volierenvogel wurde, über frühe Erfahrungen bei Pflege und Zucht und vieles mehr.

Im nächsten Kapitel geht es um die Pflege und Ernährung der Gouldamadine, über Haltungsbedingungen, das Futter, Keimfutter und Grünfutter und auch das notwendige tierische Futter. Hier geht der Autor ins Detail, denn was die Fütterung betrifft, sind die Tiere sensibel. Er beschreibt genau, welche Erfahrungen er gemacht hat. So ist auch das Trink- und Badewasser Thema.

Weiter geht es mit der Zucht und der Gesundheit der Gouldamadinen. Für die Zucht müssen natürlich eine ganze Reihe von Vorraussetzungen erfüllt werden. Auch hier informiert der Autor sehr ausführlich, beispielsweise über Nistgelegenheiten und Nistmaterial oder Balz, Nestbau und Eiablage und die Brut. Er berichtet über die Entwicklung der Jungen und über Probleme, die auftreten können und hält viele praktische Hinweise parat. Hinsichtlich der Gesunderhaltung der Vögel steht er mit vielen Ratschlägen zur Seite. Hier geht es beispielsweise um Mauserschwierigkeiten oder die Luftsackmilben, von denen die Vögel befallen werden können.

Für alle Züchter beschreibt der Autor die verschiedenen Farbspielarten der Gouldamadinen, im besonderen die drei natürlichen Varianten und zeigt auf wie die verschiedenen Farben vererbt werden. Hierzu gibt es Kreuzungstabellen und Tafeln zur besseren Übersichtlichkeit.
Auch die durch Menschenhand entstandenen Farbspielarten werden betrachtet, wenn auch etwas verhaltener. In einer abschließenden Betrachtung fasst der Autor seine nachdenklich stimmenden Ansichten dazu zusammen.

Das Buch ist für Anfänger, Hobbyzüchter, Halter oder auch interessierte Liebhaber dieser Prachtfinken gleichermaßen geeignet. Der Autor informiert ausführlich zu allen Themen rund um die Gouldamadinen. Dabei sind die Texte leicht verständlich, praxisnah und übersichtlich. Den einzelnen Kapiteln lassen sich eine Menge hilfreiche Sachinformationen, Tipps und Wissenswertes entnehmen. Die vom Autor gemachten Erfahrungen und Ratschläge helfen auch bei möglicherweise auftretenden Problemen bei Haltung und Zucht weiter. So kann das Buch auch als Nachschlagewerk genutzt werden. Ganz wunderbar sind die teilweise seitengroßen Fotos, die fast ausschließlich vom Autor selbst stammen. Die Schönheit der Vögel mit ihren verschiedenen Farbspielarten wurde perfekt eingefangen.

Über den Autor:
Horst Bielfeld ist Naturfotograf und Autor mehrerer Fachbücher.

Rezension von Heike Rau

Horst Bielfeld
Gouldamadinen
3.aktualisierte und erweiterte Auflage
126 Seiten, 83 Farbfotos, 22 Zeichnungen
Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart
ISBN: 3-8001-4687-8
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Der kleine Moses

Der kleine Moses

„Der kleine Moses“ ist ein Sammelsurium von unterhaltsamen Informationen, spannenden Fakten, hilfreichen Anleitungen und kurzweiligem Wissenswerten aus verschiedenen Bereichen, wie Naturwissenschaft, Mathematik und Geschichte. Der Leser erfährt, wie eine Kuh gemolken wird, wie man sich gegen ein Krokodil erfolgreich zur Wehr setzt, sich vor Vampiren schützt, ein Papierflugzeug baut oder ein Flugzeug steuert. Vorgestellt werden Rätsel, interessante Ausreden, tierische Rekorde und verblüffendes Zahlenmaterial. Die Strafen im Mittelalter werden aufzeigt und auch die wenigen Unterschiede zwischen Mensch und Affe.

Das Besondere an diesem unterhaltsamen und mit Augenzwinkern geschriebenen Buch ist die Themenvielfalt. Es geht wirklich quer durchs Gemüsebeet. Erstaunliches wechselt sich mit Lustigem ab. Vieles weiß man, vieles hat man schon einmal gehört. Aber wer kann schon die Namen aller sieben Zwerge auf Anhieb nennen oder alle sieben Weltwunder ohne nachzudenken aufzählen? Die Lektüre bringt viel Spaß und auch die vielen kleinen Zeichnungen gefallen. Man kann sein Wissen auffrischen und ganz nebenbei noch ein wenig schlauer werden. Geeignet ist das Buch nicht nur für Kinder, auch Erwachsene werden ihre Freude daran haben. Vielleicht ist es ja sogar ein Anreiz für ein spannendes Quiz beim Familienabend.

Rezension von Heike Rau

Matthew Morgan und Samantha Barnes
Der kleine Moses
Alles, was du niemals brauchen wirst, aber unbedingt wissen solltest
Aus dem Englischen von Andrea Fischer
Mit Illustrationen von Niki Catlow
128 Seiten, gebunden
ab 8 Jahre
moses. Verlag
ISBN: 3-89777-279-5
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Lichte Augenblicke. Die besten Erzählungen von Theodore Sturgeon 1

Lichte Augenblicke. Die besten Erzählungen von Theodore Sturgeon 1

Ein Autor, der als unbekannt und dennoch als der große Meister der Kurzgeschichte gilt, erweckt zunächst Erstaunen.
So berühmte SF-Gurus wie Samuel R. Delany, Asimov oder Clarke verehren ihn als den Unerreichbaren, ja als den größten SF-Autoren aller Zeiten.

Dennoch ist er in Deutschland quasi unbekannt, warum?

Sicher sind Kurzgeschichten, Kurzromane und ähnliches in Deutschland eher wenig nachgefragt und darum auch nur selten in den Verlagsprogrammen zu finden.
Gerade die klassische SF hat das große Problem eine kleinen Fan-Kreis zu besitzen, die meist über eine stattliche Auswahl von Klassikern verfügt und daher nur selten zu Neuausgaben greift.
Interessierte Neuleser haben genug damit zu tun, die etablierten Klassiker zu entdecken, etwa Dick, Asimov oder Lem.
Dabei ist die Vielfalt außergewöhnlicher Werke in der SF so groß, dass es nicht verwundert, wenn dabei etliche Ihrer bedeutendsten Vertreter in den Schatten der Aufmerksamkeit geraten.
Aber Theodore Sturgeon gehört eindeutig ins Licht!

Der Shayol-Verlag hat das ambitionierte Vorhaben gewagt, eine Werkausgabe von Theodore Sturgeon in Deutschland zu veröffentlichen, die verlegerisch der hohen Qualität des Materials gerecht zu werden versucht und der Herausgeber Hannes Riffel stellt sich dieser Herausforderung mit Können und Mut.
Das bedeutet nicht nur das hohe Risiko auf den Lizenzgebühren sitzen zu bleiben, nein, der Verein, von dem der Verlag betrieben wird und dessen Mitglied der Herausgeber ist, setzt bei der Umsetzung einen Maßstab an, der an Perfektion grenzt.
So wurden allen Texte neu übersetzt, teils über ein Uni-Projekt, teils über einen Stab erfahrener Übersetzer. Jedem Text ist ein mustergültiger Quellnachweis angehängt, der die Sorgfalt und Liebe kennzeichnet, mit der das Buch herausgebracht wurde. Titelbild und Gestaltung setzen auf moderne Eleganz, was nicht nur dem gesamten Buch gerecht wird, es betont auch, wie zeitlos Sturgeon ist.

Der Shayol Verlag legt großen Wert auf sekundärwissenschaftliche Arbeit. Darum enthält der Band auch eine Einleitung von Samuel R. Delaney über Theodore Sturgeon, die nicht nur den Geist für Sturgeons Kunst öffnet, sondern auch Einblicke in eine Zeit und eine Literaturlandschaft bietet, die so unendlich weit entfernt ist, wie es die Vierziger und Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts nun einmal sind. Dieses Essay voran zu stellen, erweist sich als wichtig und gut gewählt.

Die Texte aber sprechen für sich selbst.

In „Donner und Rosen“ ist die USA durch Atombomben verstrahlt. In einer fernen Armeeeinheit kommt der Zerfall langsam zum Ausbruch, manifestiert sich am Schicksal der Sängerin Starr Anthim. Doch ihr Lied ist weit mehr als Unterhaltung.
Durch Delaneys Einleitung sensibilisiert, liest man die Kurzgeschichte bereits wachsam, spürt den Feinheiten des Erzählstils nach. So skeptisch man dabei auch vorgeht, Sturgeons Intensität ist so gewaltig, dass sie den Leser in hellstes Tageslicht zu stellen scheint, das Details und Stimmungen so präzise ausleuchtet, dass man meint das Leben selbst in den Seiten gefunden zu haben. Bereits nach wenigen Absätzen beherrscht die Faszination das Lesen. Luftholend betrachtet man das Buch mit neuerlichem Unglauben. Diese Begegnung mit Sturgeon ist unvergleichlich, ein unverhoffter Schatz, dessen Größe und Umfang sich nach der ersten Geschichte nur vage erahnen lässt. Aber man spürt, dieser Autor kann mehr, als nur erzählen.

So beginnt man „Killdozer“ bereits mit leichter Euphorie zu lesen. Ein Bauarbeitertrupp wird auf eine einsame Insel verfrachtet, um mit hochmodernen Baufahrzeugen eine Landebahn zu bauen. Dabei stoßen sie auf eine uralte Waffe, die sich im neuesten der Bulldozer manifestiert und schon bald wieder ihrer ursprünglichen Aufgabe nachgeht: Töten.
Wem der Plot bekannt vorkommt, vielleicht sogar an Steven King denkt, mag es vielleicht nicht glauben, aber das hier ist das Original.
Und damit schrumpft bereits alles andere in die Bedeutungslosigkeit zurück.
Der Kampf der Maschine gegen eine Schar Männer bringt in wenigen Szenen eine Menge an sozialen Konflikten zu tage, die Sturgeons genaue Beobachtungsgabe zeigt und zudem noch eine Wahrhaftigkeit ausstrahlt, die in keinem Augenblick Zweifel an der Echtheit der Figuren aufkommen lassen. Selten kommen Nuancen in der Persönlichkeit deutlicher zum Vorschein, als hier in der Darstellung der Bauarbeiter. Jeder von ihnen bewegt sich innerhalb eines dichten Figurenhintergrundes ohne dabei seine Bedeutung in der Geschichte zu verlieren, oder etwa als Typ eines hart arbeitenden Mannes unglaubwürdig zu werden.
Genauso präzise erfolgen Sturgeons Blick auf die Maschinen. Bauteile und Funktionen gewinnen vor dem Auge des Lesers eine Schärfe, die es mühelos schafft, den trennenden Abgrund der Jahre zu überbrücken. Jenseits von Computern und jeglicher Hochtechnologie, aber auch weit ab vom antiquierten Relaisklicken, ist Sturgeon direkt in das Wesen der Maschine eingetaucht. Dabei bleibt er erstaunlicherweise als Autor stets außen vor, einzig durch seine brillante Wortwahl und einer unglaublich mühelos erscheinenden Feinabstimmung zwischen Beschreibung und Handlung, gelingt es ihm, diese Nähe zu erzeugen. „Killdozer“ überrascht durch das Fehlen von Pathos oder psychologischer Tricks. Sturgeon erzeugt nicht Horror, lenkt somit auch nicht ab von dem, was er zu erzählen hat.

Insofern verwundert auch seine Handhabung eines Themas, dass selbst heute noch polarisiert. In „Langsames Wachstum“ geht es primär um die Frage nach Verschluss unprofitabler wissenschaftlicher Entdeckungen. Also um die Ethik des Wissenschaftlers, der Millionen Leidenden helfen könnte, aber nicht darf. Mit der Konsequenz, dass er sich die Frage stellen muss, ob er nicht eher zu schwach ist, es zu können. Wie weit bringt die Verweigerung des Systems durch Isolation tatsächlich eine Gewissensbefriedigung, oder ist eine gelegentliche Heilung und die damit verbundene unaufdringliche Enttarnung der Heilmethode, nicht eine wirksamere Revolte, als es die Verweigerung sein kann?
Denn Sturgeon verbindet diese Fragen, die ja eher rhetorisch für den Wissenschaftler sind, mit einer persönlichen Geschichte. Eine Frau geht zu einem bekannten Wunderheiler. Zwischen der Angst vor der Krankheit und der emotionalen Bindung zwischen Mann und Frau balanciert Sturgeon mit leichter Hand und einer Art vorsichtiger Zärtlichkeit. Die Erzählung ist trotz der großen Themen, ruhig, zeitnehmend. Sturgeon widmet sich dem Thema ohne Wertungen abzugeben, ohne eine Tendenz vorzuschlagen. Seine Kraft liegt wie in den anderen Texten, in einer wunderschönen Farbigkeit der Beschreibungen. Düfte, Farben, Töne – mit Sturgeon wird das Buch zu einer Tür ins Leben.

„Das [Fringding], das [Frangding] und Boff“ ist ein Kurzroman. Den Herausgebern ist zu danken, dass sie mit der Wahl einer kleineren Schrift eine Veröffentlichung ermöglichten.
Im eigentlichen Sinne eine klassische SF-Geschichte, in der Aliens zu Forschungszwecken auf der Erde weilen und die Menschen einer Pension einer intensiven Prüfung auf der Suche nach der „Synapse Beta sub Sechzehn“ unterziehen. Doch Sturgeon gibt sich nicht nur in der Form unklassisch, indem er den Leser vor die Herausforderung stellt, die Forschungsberichte der Aliens in einer lückenhaften Übersetzung lesen zu müssen, nein Sturgeon verschiebt das Gewicht wieder einmal auf eine präzise Belebung der Figuren. Nach einer bereits sehr anschaulichen Charakterisierung der Pensionsbewohner zu Beginn, und hier zaubert Sturgeon in wenigen Absätzen lebendigere Personen, als es die meisten Autoren in einem kompletten Roman vermögen, baut er die Menschen sorgfältig zu den Größen auf, die er in die Gleichung seiner Handlung dann spielerisch einsetzt. Die Figuren leben ein einfaches Leben, das immer komplexer wird, oder eher durch die nähere Betrachtung an Komplexität gewinnt. Erst durch den Sturgeon-Blick wird das Alltägliche außergewöhnlich und bedeutsam. Damit geht der Leser denselben Erkenntnisweg wie die Aliens, macht uns Sturgeon zu den eigentlichen Aliens. Wir blicken auf das Alltagsleben, das auch unser sein könnte, und lernen darin Wunder zu erblicken und Möglichkeiten zu entdecken. So sind wir Prüfer und Prüflinge zugleich.
Vor allem aber dringt man in das Leben anderer Menschen ein, voller Freude und Erwartung, nimmt Anteil und entwickelt sich mit. Sturgeon schafft es mühelos, die Distanz zwischen seiner Geschichte und dem Leser wegzuwischen. Spätestens an dieser Stelle der Lektüre wird klar, dass man eines der besten Bücher in den Fingern hat. Vielleicht sogar das Beste.

Nicht ohne Absicht steht wohl „Ein lichter Augenblick“, die titelprägende Erzählung am Schluss der Auswahl, die wahrlich voller lichter Augenblicke ist.
Ein Mann schleppt eine blutende Frau in seine Wohnung. Recht schnell wird klar, dass der Mann einen sehr geringen Intellekt hat, dennoch vermag er die Frau zu heilen. Über mehrere Wochen hinweg sorgt er sich um die Frau, stellt sie doch etwas völlig Neues in seinem Leben dar: Ein Mensch, für den er da sein kann, dem er etwas zu geben hat, das dieser auch braucht.
Sturgeon geht mit seiner Figur feinfühlig und doch wieder rein betrachtend um. So wirklich und dinglich lässt er uns die Versorgung der Wunden beobachten, so nah sind wir am Blut, seinem Tropfen und Fließen und Trocknen und Nässen, dass einem fast schlecht wird davon.
Die Probleme des eingeengten Geistes, die Qualen im Empfinden des Mannes, der seine Umwelt in anderen Wertigkeiten begreift, der so völlig andersartig denkt, fließen mit einer stillen Deutlichkeit in die Handlung ein. Dabei ergibt sich gerade aus dem völligen Fehlen von Vorurteilen oder Wertungen ein Verständnis für beide Personen, die mehr zum Nachdenken anregen, als dass sie Mitleid erheischen. Dieser lichte Augenblick, in dem ein Mensch etwas in sich erkennt, dass bisher nutzlos in ihm ruhte, das berühmte Übersichhinauswachsen, ist das Thema, das durch alle Texte des Bandes hindurch und auf sehr unterschiedliche, aber stets meisterliche Weise bearbeitet wird.

Sturgeon hat über 150 Werke verfasst. und nur fünf von ihnen liegen hier vor. Zwar ist Band 2 der Werkausgabe bereits erschienen, doch leider hat dieses wunderbare erste Buch, in einer sehr kleinen Auflage von nur 500 Exemplaren 2003 erschienen, kaum Käufer gefunden. Nur 500 Bücher wurden gedruckt und fast zwei Jahre später ist die Auflage immer noch nicht verkauft. All die Mühen der gründlichen Neuübersetzungen, die liebevolle Gestaltung von Text und Buch, das penible Korrektorat, die Arbeit der Lektoren wird nicht gewürdigt. Und das ist schade, denn irgendwann ist auch für den altruistischsten Verein solch eine kostspielige Pflege ausgezeichneter Literatur unhaltbar.
Wer aber erst einmal in die Kunst des Theodore Sturgeon eingetaucht ist, und sei es auch nur in eine einzige Kurzgeschichte, der will sich dieses durchdringende Empfinden der Lebendigkeit nicht mehr nehmen lassen, die daraus sprüht und strahlt.

Theodore Sturgeon
Lichte Augenblicke. Die besten Erzählungen von Theodore Sturgeon 1
Wer erst einmal in die Kunst des Theodore Sturgeon eingetaucht ist, und sei es auch nur in eine einzige Kurzgeschichte, der will sich dieses durchdringende Empfinden der Lebendigkeit nicht mehr nehmen lassen, die daraus sprüht und strahlt.t.
ISBN:3926126299
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Der Klang der Zeit

Der Klang der Zeit

Der Klang der Zeit ist ein überdimensioniertes Werk, daß die amerikanische Geschichte der Rassendiskriminierung von den frühen vierziger Jahren bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Worte fasst.
Am Beispiel einer schwarzen Familie, deren Tochter sich mit einem aus Deutschland geflohenen Juden verbindet, entsteht ein gewaltiges Familienepos, das Rassenhaß, Ausgeschlossensein, Verzweiflung und Identitätssuche in sich vereint. Verbindendes Glied zwischen den Beteiligten ist die Musik, insbesondere die alte Musik vom Barock bis hin zur Klassik und später noch zum Jazz.

Delia, die farbige Mutter, und David, der jüdische Vater, bestimmen ihren Kindern Jonah, Joseph und Ruth ein Leben in Freiheit, die die Musik ihnen gewährleisten soll. Joseph, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, bleibt der Bruder, der allen anderen hilft, nie aber zu einem eigenen Stil und Leben für sich findet.
Von Verfolgung, Wut, Auflehnung und Hass handelt die Geschichte, von Familienzerwürfnissen um der Ideale willen, von Hoffnung und Vergeblichkeit.
Daß die Musik eine so große Rolle spielt, gibt dem Ganzen einen hintergründig -tiefsinnigen Gehalt: Bachs Motetten, Kantaten und Passionen spiegeln sinnbildlich die Leiden der Schwarzen in einer sie diskriminierenden Welt.
Der Gesang von Jonah, der sich zu immer höheren Sphären versteigt, läßt die Hoffnung auf ein besseres Leben erahnen.
Für die kenntnisreichen Liebhaber der Musik gibt es Finessen zu erfahren, die den gewöhnlichen Musikliebhaber ein wenig irritieren könnten. Nie aber habe ich in vergleichbarer Weise Ausdruck dafür gefunden, wie Musik wahrgenommen werden kann , wie sie uns Menschen zu Höhenflügen und zu einem Glück verleiten kann , das uns in schwerster Zeit in einer Gemeinschaft von Gleichen Trost zu spenden vermag. Daß am Ende die Utopie einer ersehnten Freiheit scheitert, weil sie an die Grenzen der menschlichen Realität stößt, die diese Freiheit nicht jedem gewähren will, das ist die Tragik in dieser Geschichte.

Es ist ein wunderbar geschriebens Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann geschlagen hat.

Cl.B.

Richard Powers
Der Klang der Zeit
Großartige Famliensaga aus Amerika
ISBN:310059021X
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Als hätte die Stille Türen

Als hätte die Stille Türen

Dieses ist mein erstes Buch von Urs Faes, das ich gelesen habe, und es hat mich sehr berührt.

Es ist die leise, besinnlich und nachdenklich Geschichte eines Mannes, Journalist, der sich nach schwerer Krankheit auf den Weg macht, an einem Sterbeseminar teilzunehmen.
Er ist ganz in Gedanken an den Tod, seine überwundene Krankheit und seine Frau, die mit ihm nicht länger leben wollte.
David lernt bei diesem Seminar eine Frau kennen, Simone, für die er sich zu interessieren beginnt.
Die Annäherung erfolgt ganz langsam. Mal sind es kurze Begegnungen, ein andermal ein Brief, eine Karte oder ein kurzes, scheues Zusammentreffen. Eröffnungen über ihr vergangenes Leben vermittelt sie zögerlich und voller Skrupel über ein in ihren Augen unmoralisches Leben. Sie ist einer tiefen und sinnlichen Liebe zu einem nicht so bemerkenswerten Mann erlegen. Diese Leidenschaft führte zur Trennung von ihrem Mann und ihren Kindern.
David lernt durch Simone, der Sängerin, die Welt der Musik und insbesondere die Musik Alban Bergs kennen.
Er geht den Spuren dieses Komponisten nach und stößt auf seine Liebesbriefe an Hanna Fuchs, der Schwester Franz Werfels, die in Prag lebte. A. Berg war dieser Frau in leidenschaftlicher Liebe zugetan. Es war eine geheime Liebe, denn beide waren anderweitig verheiratet. David sucht die Geschichte der Liebe, wie sie in der Musik Alban Bergs seinen Niederschlag fand. So vermischt sich die eigene Suche von David nach Liebe und Zugehörigkeit mit der Geschichte Alban Bergs, die ungleich dramatischer und leidenschaftlicher war. Beider Lebens -und Liebesgeschichten und nicht zuletzt der Leidenschaft von Simones vergangener Liebe ist die Unerfüllbarkeit vollkommenen Glücks gemeinsam.

Es ist eine wunderbare, tief empfundene kleine Geschichte, voller Poesie und stiller Beobachtung.
Ich möchte sie wärmstens empfehlen.
Cl.B.

Urs Faes
Als hätte die Stille Türen
Eine wunderschöne Lebensgeschichte
ISBN:3518416669
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Safrantod

Safrantod

Hamburg im Jahre 1353. Der Domvikar Diederich Ryben wird mit durchschnittener Kehle in der Cloaka des Domkapitels aufgefunden. Es ist nicht zu übersehen, dass im übel mitgespielt wurde. Am ganzen Körper finden sich Folterspuren.
Seine Schwester Reymburg ereilt die schreckliche Nachricht im Kloster Harvestehude. Das stürzt Reymburg in noch tiefere Verzweiflung, ist doch erst kürzlich ihre kleine stumme Schwester Marie verstorben.
Beichtvater Willekin scheint es nicht so sehr daran gelegen zu sein, Reymburg wieder aufzurichten. Vielmehr interessiert ihn das nicht unbeträchtliche Erbe, das nicht aufzufinden ist. Damit ist er nicht allein. Dennoch übergibt er Reymburg ein Reliquienkreuz, das einst ihrem Vater gehört hat.
Zu ihrem Erstaunen findet Reymburg in diesem eine Botschaft und erfährt, dass Marie gar nicht tot ist. Sie soll ins Kloster Lilienthal bei Bremen gebracht worden sein.
Der Gewürzhändler und Nachbar der Rybens, Hannes Michaelis, bietet seine Hilfe an und macht sich auf den Weg, um Marie zurückzuholen. Doch das Mädchen ist nie im Kloster angekommen. Sie wurde unterwegs geraubt.
Schwester Reymburg hält es nicht länger im Kloster. Auch sie macht sich auf die Suche nach Marie und dem Mörder ihres Bruders.

Der Streit um das verschwundene Erbe des ermordeten Diederich Ryben gerät zur Posse. Einzig Marie könnte wissen, wo das Geld versteckt ist. Aber das stumme Kind ist verschwunden. Doch schon bald sind ihr die Geldgierigen auf der Spur und wahre Abgründe tun sich auf. Nur Reymburg und Hannes geht es um das Wohlergehen des Kindes. Dennoch geraten auch sie in große Gefahr und gerade Reymburg wird mit Dingen konfrontiert, denen sie im Kloster zu entgehen hoffte.
Zeitweise ist das Buch ein wenig schwer zu lesen, zu verwickelt ist die Geschichte. Ein hohes Maß an Aufmerksamkeit ist gefragt. Für diese Durchhaltevermögen wird man aber sehr oft mit unglaublich turbulenten Szenen belohnt. Nicht selten überstürzen sich die Ereignisse geradezu und interessante Wendungen ergeben sich. Zudem überzeugt die Autorin mit vielen historischen Details und Alltagsbeobachtungen. So kann man dem Buch beispielsweise entnehmen, wie wertvoll Gewürze waren, wie damals gekocht wurde und was die Menschen gerne aßen.

Über die Autorin:
Silke Urbanski wurde 1964 in Hamburg geboren. Sie ist promovierte Historikerin. Sie nimmt über ihre Tätigkeit als Lehrerin hinaus, Lehraufträge am Historischen Seminar der Universität Hamburg wahr.

Rezension von Heike Rau

Silke Urbanski
Safrantod
Ein Hansekrimi
263 Seiten, gebunden
Die Hanse / EVA Europäische Verlagsanstalt, Hamburg
ISBN: 3-434-52818-0
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