Tatort Schule. Lösegeld

Tatort Schule. Lösegeld

Es sollte ein Krimi werden – ein Musical von Annalena und ihrer Klasse. Doch plötzlich platzen Jeffrey und seine Kumpel in die Generalprobe. Sie sind gerade aus dem Jugendgefängnis getürmt und brauchen nun Geld. Und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit und der Polizei, denn Jeffrey zerrt die ganze Klasse in seine Gewalt. Und dann begeht die Polizei einen großen Fehler: Sie unterschätzt die 16jährigen Geiselnehmer.
„Lösegeld!“ von Andreas Schlüter ist ein spannender Thriller. Die Handlung spielt in nur sieben Stunden und geschieht immer aus der Sicht von Jeffrey, den Opfern und der Polizei. Dadurch wird die Geschichte vielseitiger und noch spannender. „Lösegeld!“ verurteilt nicht, sondern zeigt, in welcher Situation Jugendkriminalität entstehen kann. Nichts für zarte Nerven, aber für Krimifans ab 12!

Andreas Schlüter
Tatort Schule. Lösegeld
Hochaktuell! Geiselnahme in einer Schule – nichts für zarte Nerven!
ISBN:3357009374
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Winterbucht

Winterbucht

„Oh Brüder & Schwestern, habt ihr schon mal was von der Winterbucht gehört?“ So beginnt die Geschichte von John-John und seinem Freund Fighter, die in Stockholm leben. Die Winterbucht trennt die beiden Jungen von den Villen der Reichen. Sie träumen beide von Luxus und schönen Mädchen, bis John-John sich in Elisabeth verliebt, die auf der anderen Seite der Winterbucht zu Hause ist.
Es ist ein Großstadtroman über einen Jungen, der seinen Weg finden will. Doch das ist nicht leicht: Sein Stiefvater, den John-John nur „Scheißhaufen“ nennt, ist brutal und meistens besoffen. Fighter schließt sich einer Gruppe Rechtsradikaler an und die Freundschaft zu John-John scheint zu zerbrechen. Und dann ist da noch dieses geklaute Kanu und der verdammte Einbruch in die Villa von Elisabeths Eltern. Ein wenig Halt gibt ihm die Schauspielschule, die John-John seit kurzem besucht, während Fighter eine Lehre als Schlachter beginnt.
„Winterbucht“ von Mats Wahl zeigt uns ein ganz anderes Schweden als wir es kennen. Es ist ein ehrliches Buch voller Sehnsucht, Freundschaft, Liebe und Hass, das kein Blatt vor den Mund nimmt und die Dinge beim Namen nennt, auch wenn sie weh tun. Kein Wunder, dass dieser Roman 1996 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Mats Wahl
Winterbucht
Mitreißender Großstadtroman
ISBN:3407787901
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Die Geisha

Die Geisha

Japan um 1920: Chiyo ist neun Jahre und lebt mit ihrer älteren Schwester, ihrer Mutter und ihrem Vater, einem armen Fischer, in ihrem „beschwipsten Haus“ in einem verlassenen Nest irgendwo an Japans Küste. Die Welt scheint für die kleine Chiyo-chan in Ordnung – bis ihre Mutter im Sterben liegt. Der nette Herr Tanaka entpuppt sich als Kinderhändler und überredet Chiyos Vater, seine beiden Töchter an ein Geisha-Haus, eine Okiya, in der alten Kaiserstadt Kyoto zu verkaufen. Doch nur Chiyo, die überhaupt nicht weiß, wie ihr geschieht, kommt in die Nitta-Okiya, wo die schöne, aber skrupellose und machtbesessene Geisha Hatsumomo regiert. Ihre Schwester dagegen landet in einem billigen Bordell.
Chiyo leidet unter der Einsamkeit, unter der Trennung von Schwester und Eltern und unter den rigorosen und zum Teil grausamen Ritualen und Erziehungsmethoden in der Okiya. Ein Fluchtversuch scheitert und Chiyo wird zur Dienerin degradiert. Eine Zukunft als Geisha scheint damit aussichtslos. Doch dann, eines Tages, erscheint die ebenso schöne wie erfolgreiche und beliebte Geisha Mameha, die in einem ewigen Zweikampf mit Hatsumomo steckt, als rettender Engel und nimmt sich Chiyos an, die als Geisha schließlich den Namen Sayuri erhält. Nach harter Ausbildung und einem gnadenlosen Konkurrenzkampf zwischen Mameha und Hatsumomo auf der einen und Kürbisköpfchen, Hatsumomos Schützling, und Sayuri auf der anderen Seite steigt Sayuri schließlich zur begehrtesten Geisha Kyotos auf. Doch das private Glück bleibt ihr bis ins hohe Alter verwehrt.

Arthur Golden beschreibt eindringlich und anschaulich, wie hart das Leben als Geisha ist. Im wahrsten Sinne des Wortes unschuldig und naiv sind die entwurzelten Mädchen, die in Kyoto zur Geisha ausgebildet werden. Sie leiden unter der Einsamkeit, den harten Ausbildungsmethoden, dem ewigen Konkurrenzkampf und der gnadenlosen Abhängigkeit von den Männern, speziell ihren dannas, denjenigen Männern, die es sich leisten können, eine Geisha quasi als Zweitfrau zu halten und zu finanzieren. Die ganze Qual kulminiert in der Darstellung der mizuage, der Defloration, um die zunächst im Wettkampf geboten wird und die Sayuri mit dem Gleichnis vom Aal, der seine Höhle sucht und markieren will, erklärt wird.

Sayuri ist zu diesem Zeitpunkt erst 15 und erträgt so manche Erniedrigung von Seiten der Männer und die Intrigen ihrer Intimfeindin Hatsumomo nur, indem sie sich in einen Tagtraum flüchtet, der stets nur von dem einen handelt: Von dem Direktor, ihrer großen Liebe, dem sie erstmalig noch als Dienerin zufällig auf den Straßen Kyotos begegnete. Ihr Leben lang hält sie an der Hoffnung fest, dass er eines Tages ihr danna, ihr Quasi-Ehemann, wird. Diese Romanze lässt sie schließlich auch den Zweiten Weltkrieg und die von Armut geprägten Nachkriegsjahre überleben.

Zwar begegnen sich die beiden nach Ende des Krieges wieder, doch als der Kompagnon des Direktors, Nobu, ihr nächster danna zu werden droht, lässt sich Sayuri zu einer Verzweiflungstat hinreißen, bei der sie ihre Existenz aufs Spiel setzt. Doch es gibt für Sayuri und den Direktor ein Happy End.

Dass das so ist, ist wohl vor allem der Tatsache zu verdanken, dass der Autor zwar zunächst vorgibt, mit Sayuri tatsächlich gesprochen zu haben und von ihr gebeten worden zu sein, ihre Memoiren aufzuschreiben. Doch das entpuppt sich am Ende als listige Finte des Autors, der schließlich doch bekennen muss, dass Sayuri nur Fiktion ist. Das erklärt auch so manche Passage, der man stark anmerkt, dass sie vor allem geschrieben wurde, um der eigenen, d.h. Sayuris, Legendenbildung willen. Und es ist auch dieses – typisch amerikanische, ins Kitschige abdriftende – Happy End möchte man sagen, dass einem die Geschichte ein wenig verleidet. Muss das sein, fragt man sich leicht angewidert.

Golden ist kein Faulkner und kein Hemingway. Dennoch liest man das Buch gerne und mit wachsender Begeisterung, weil es uns in eine für uns völlig fremde und zum Teil auch unverständliche Welt und Kultur entführt. Alle Figuren des Romans mit ihren unterdrückten, kompensierten, verdrängten, verstörten und gelebten Träumen, Wünschen, Gedanken und Gefühlen stehen plastisch vor Augen. Der Autor offenbart hier intime Kenntnisse der Rituale der Geisha-Tradition. Die Atmosphäre Kyotos vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist so authentisch und lebendig geschildert, dass man sich augenblicklich dorthin zurückversetzt fühlt.

Golden ist Professor für japanische Geschichte und er weiß, wovon er schreibt. Umso mehr drängt sich die Frage auf, warum er erst unter Camouflage schreibt, um am Ende doch wieder alles zu demaskieren, jedoch nicht, ohne in der Danksagung so vielen Japan-Kennern und gar einer echten Geisha zu danken, dass man unweigerlich das Gefühl hat, hier will, hier muss sich jemand noch im nachhinein rechtfertigen und uns versichern, dass auch alles seine Richtigkeit hat, auch wenn er uns zunächst mit den Memoiren einer Geisha auf eine falsche Fährte gelockt hat.

Das hätte das Buch nicht nötig gehabt. Auch ohne erzähltechnische Brillanz steht es dennoch aufgrund der Exotik des Themas und der kenntnisreichen Beschreibung von Orten, Unterrichtsmethoden, Zeremonien und Traditionen gut dar. So aber bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack.

Auch das schon weiter oben angeführte Happy End ist einfach zu dick aufgetragen. Immerhin: Schon hier melden sich dem gutgläubigen Leser erste Zweifel, ob denn da tatsächlich alles mit rechten Dingen zugegangen ist oder ob Sayuri der eigenen Legendenbildung willen etwa gelogen habe. Nun, sie hat nicht gelogen, sie konnte ja gar nicht lügen. Ein realistischeres Ende hätte dem Roman gut getan.

Im selben Maße diskreditiert Golden damit auch die Figur der Mameha, Sayuris Lehrerin und seinerzeit Meister-Geisha in Kyoto. Wirkte ihr Erscheinen und Sayuris Errettung durch Mameha bereits vorher aufgesetzt, so verkommt sie am Ende gänzlich zur Deus ex machina, denn es stellt sich zu allem Überfluss auch noch heraus, dass sie stets im Auftrag des Direktors gehandelt hat, der Sayuri ebenfalls seit der ersten zufälligen Begegnung nicht vergessen konnte. Das ist schade um die Figur der Mameha, denn als Sayuris Lehrerin verkörpert sie die Demut und Eleganz in Person, die in einem einzigen Satz die Existenz einer Geisha auf den Punkt bringt: „Wir werden nicht Geishas, weil wir es uns aussuchen können, sondern weil wir keine andere Wahl haben.“ (sinngemäß zitiert)

Fazit: Wer von Anfang weiß, dass es sich nicht wirklich um die Memoiren einer Geisha handelt, sondern sich bewusst auf eine fiktive Geschichte einlässt, die gut recherchiert und mit fundiertem Wissen untermauert ist, ist am Ende gewiss weniger enttäuscht als der zunächst arglose, gutgläubige und unvoreingenommene Leser. Der fremden Welt und Denkmuster willen ist der Roman lesenswert, schwächelt aber in Konstruktion (aufgesetztes Ende) und Stil, wenngleich dieser ausreicht, die Figuren ausreichend lebendig erscheinen zu lassen.

Arthur Golden
Die Geisha
Kenntnisreiche Darstellung einer vergangenen und fremden Welt, jedoch mit erzähltechnischen Schwächen.
ISBN:3442726328
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Mount Dragon-Labor des Todes

Mount Dragon-Labor des Todes

In einem geheimnisvollen Forschungslabor in der Wüste von New Mexiko arbeiten Wissenschaftler an einem geheimen Projekt.
Guy Carson, Molekularbiologe und sympathischer Held des Buches, wird hierher abgeworben. Er tritt diesen Job mit Begeisterung an, obwohl er nicht weiß, was auf ihn zukommt. Die Idee ist nobelpreisverdächtig, soll doch durch Genmanipulation die Grippe ausgerottet werden. Doch bald stellt sich heraus, dass im Labor etwas gewaltig schief läuft. Alle Tierversuche verlaufen tödlich. Obwohl die Sicherheitsvorkehrungen ausgeklügelt sind, gelingt einem Affen die Flucht. Er verletzt eine Wissenschaftlerin, die einen grausamen Tod stirbt.
Es wird versucht, den Vorfall zu vertuschen, aber so leicht lässt Carson sich nicht unterkriegen. Er erkennt die Gefahr und macht sich auf, um die Menschheit zu retten.

Ein spannender Wissenschaftsthriller, aktuell und brisant. Lovestory, Wüstendrama und Cyberspace-Geschichte zugleich. Trotz des schwierigen Themas ist das Buch verständlich geschrieben. Etwas fehl am Platze wirkt die Cyberspace-Geschichte am Schluss, durch die das Buch unnötig in die Länge gezogen wird.

Douglas Preston / Lincoln Child
Mount Dragon-Labor des Todes
Die ungeahnten Gefahren der Gentechnologie verpackt in einem spannenden Thriller
ISBN:3426193884
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Warén

Warén

Die Besatzung eines irdischen Forschungsschiffes landet auf „Warén“ und gerät dort in einen Konflikt zwischen (in relativem Luxus lebenden) Städtern und (um ihre Existenz kämpfende) Landbewohner. Es stellt sich heraus, daß metaphysische Wesen die Parteien zu ihren Zwecken lenken und an einer friedlichen Lösung kaum interessiert sind – die überlegenen Waffen des Raumschiffs drohen jedoch nun, den Streit in eine Katastrophe münden zu lassen. Und dann geraten auch die Mitglieder der Schiffs-Crew unter die Kontrolle der fremdartigen Intelligenzen. Als schließlich ein Mord an einem der Städter verübt wird und alle Indizien auf eine Wissenschaftlerin von der Erde deuten, scheinen alle Bemühungen um einen diplomatischen Ausweg gescheitert.

Die Autorin legt mit ihrem Erstling einen spannend erzählten „klassischen“ Science-Fiction Roman vor, in dem der Leser in den „Ausserirdischen“ trotz ihrer seltsamen Gewohnheiten nur allzu menschliche Figuren erkennt. Das Dilemma, daß ein Konflikt manchmal nicht „friedlich“ zu lösen ist, weil Beteiligte grundsätzlich nicht diskussionswillig sind, wird durch ein unvorhersehbares Finale „beseitigt“ – manchmal sind „Lösungen“ nicht möglich.

Mit deutlich tieferer Charakter-Zeichnung als in der gängigen SF, einem Spritzer „Kriminalistik“ und einem glaubwürdigen Plot macht es Spaß, „Warén“ auch mehrmals zu lesen.

jon
Warén
Spannende Science Fiction mit „menschlichen“ Figuren
ISBN:3935982216
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Vater,Vater lichterloh

Vater,Vater lichterloh

In zwei skurrilen, witzigen Erzählungen wird der Tod in unserer heutige Welt mit ihren Eigenheiten aufgespießt und zu Thema gemaht.
Worum geht es ?
Die erste Erzählung behandelt die Trauerfeier für einen im frühen Alter von 34 Jahren verstorbenen Masseur.
Alle möglichen und unmöglichen Leutchen versammeln sich in der Kirche, um des Toten zu gedenken. Pater Jolliffe hält die Gedenkrede.
Auch er hat den Toten sehr persönlich gekannt, wie so viele der Anwesenden.
In der Menge herrscht Unruhe und Angst, denn die Todesursache ist unklar.
Da Clive, so heißt der Verstorbene, ganz offensichtlich als Masseur neben den eigentlichen Gesundheitsaufgaben darüber hinaus noch andere Gelüste der Klienten befriedigt hat, steht die Vermutung im Raum , daß er an Aids gestorben sein könnte. Man spürt wachsende Spannung, da jeder sich fragt, was der Verblichene einem jeden womöglich hinterlassen haben könnte.
Alleine die Idee, anläßlich der Trauerfeier eines Verstorbenen etwas über die Ängste, den Zustand einer bestimmten Gesellschaftsschicht, die Erleichterung bei Bekanntwerden der Todesursache zu schreiben , hat mich erheitert.
Pater Jolliffe kann am Ende glücklich einen Dankgottesdienst zelebrieren!
Das Ganze wird mit einer gewissen Leichtigkeit und einem skurrilen Witz dahererzählt,–wirklich, es ist unterhaltsam und aufschlußreich, intelligent und humorvoll , so daß trotz der möglichen Tragik der Geschichte ein Lachen bleibt.

In der zweiten , der Titelgeschichte : Vater,Vater lichterloh, wird noch drastischer die Hand auf die Wunde der Gesellschaft gelegt.
Der Vater von Midgley liegt im Sterben. Außer dem Sohn erscheint so nach und nach die ganze Familie: Bruder, Schwester, Nichte,Neffe ,Kinder und die Enkelkinder.
Die Anmerkungen und Handlungen der Besucher offenbaren, mit wieviel Heuchelei, Verlogenheit und Scheinheiligkeit dem Tod begegnet wird.
Einzig die jüngeren Kinder sind ganz unbefangen im Erledigen des Sterbens, indem sie zu ihrer Tagesordnung übergehen.
Midgley, der Sohn des Sterbenden, scheint gequält von dem Gedanken, wie er sich nun von seinem Vater verabschieden und trennen soll.Er ist die längste Zeit bei ihm, nur nicht im entscheidenen Augenblick!
Mit so viel Witz, mit dem die Hilflosigkeit und Angst vor dem Tod demaskiert wird, habe ich noch nicht über das Sterben reden hören . Es ist ein gutes, treffend beschriebenes Bild, in dem uns der Tod als das erscheint, was er ist:fremd und unerklärlich, fern den Lebenden, die sich mit Liebe, Hass und Lust beschäftigen. Der Humor, mit dem uns das alles dargeboten wird, macht den Tod verträglich , so daß der Leser schmunzelnd an eigene Erfahrungen denken mag. Das Buch sollte unbedingt jeder lesen, der dem Tod in einer leichten Aufmachung begegnen möchte.
Claudine Borries

Alan Bennett
Vater,Vater lichterloh
Zwei Geschichten um den Tod einmal mit Humor erzählt….
ISBN:3803131685
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Der Menschliche Makel

Der Menschliche Makel

Philip Roth ist mit dem Roman „Der Menschliche Makel“ wieder einmal ein großartiger Roman gelungen.
Die Geschichte spielt in einer kleinen Stadt mit Namen Athena an der Ostküste der USA. Wir schreiben das Jahr 1998.
Professor Silk Coleman sucht Kontakt zu seinem Nachbarn, einem Schriftsteller, der unschwer als das alter ego von Philip Roth auszumachen ist.
Coleman ist 71 Jahre alt. Er erzählt von seinem Leben und seiner neuen Liebsbeziehung zu einer vierundreissigjährigen Putzfrau.
Er ist aufgeregt und bittet den Schriftsteller, ein Buch über seine Geschichte zu schreiben.
Wie ein Puzzle breitet sich das Leben von Silk Coleman daraufhin vor uns aus.
Er hat eine brillante Karriere als Altphilologe und zeitweise Dekan der Universität hinter sich.
Als man ihn rassistischer Äußerungen bezichtigt,die er mißverständlich in einer Vorlesung geäußert haben soll, geht er im Alter von 69 Jahren in den Ruhestand. Er ist erbost über die ungerechtfertigten Anschuldigungen. Seine Frau ist tot und er glaubt, daß sie die mit den Verleumdungen verbundene Kränkung nicht ertragen habe. Seine vier erwachsenen Kinder sind wohlbestallt und leben nicht mehr bei ihm.
Im Verlauf der Geschichte ergeben sich drei Themen: Coleman ist von Geburt ein Farbiger. Er hat seine Identität in seiner Jugend aufgegeben und sich als Weißer in der Gesellschaft etabliert. Da er hellhäutig ist, konnte ihm das gut gelingen. Faunia, seine Geliebte, hatte einen Kriegsveteranen des Vietnamkriegs geheiratet. Sie hat diesen verlassen, da er sie grausam und brutal behandelt hat und schlägt sich schlecht und recht durchs Leben. Sie gibt vor , Analphabetin zu sein. Ihre Kinder sind bei einem Unglück ums Leben gekommen. Les, der ehemalige Ehemann von Faunia, kommt über sein Kriegstrauma nicht hinweg.
Um diese drei Hauptakteure und ihre jeweilige Lebensgeschichte dreht sich die Erzählung.
Mit feiner, subtiler Beobachtungsgabe schildert der Autor das Altwerden von Coleman und die Lebenslüge, die sein Leben bestimmt hat. Er beschreibt Faunia mit ihrem gebrochenen Leben, das schon in der Kindheit begann und Les, den normalen Jungen, der durch den Krieg in Vietnam seinen Halt und seine Lebensperspektive verloren hat. Wie jeder mit seinem Schicksal zurecht zu kommen versucht, was dem einen besser, dem anderen schlechter gelingt, darin besteht die Spannung und der Reiz dieses Buches.
Jeder Satz in dem Roman ist tiefsinnig und erkenntnisreich. Der Lebenslauf eines jeden der drei Hauptprotagonisten fügt sich allmählich zu einer gemeinsamen Geschichte zusammen, so daß verständlich wird, warum der Stoff zu dem Roman so umfangreich geraten ist.
Amerikanisches Kleinbürgeridyll, fehlverstandene feministische Aktionen, Intrigen, Lügen und Selbstbetrug, Veteranenschicksal und Familienkatastrophen: nichts bleibt unerwähnt, sofern es zur Geschichte gehört.
Meisterlich in Sprache und Stil gelingt es Philip Roth, die Spannung der Erzählung bis zur letzten Seite aufrecht zu erhalten. Ein überaus poetischer und zugleich weiser Schluß läßt keinen Zweifel an der möglichen Realität des Erzählten.
Ein so gelungenes und anschaulich-spannend geschriebenes Buch habe ich lange nicht gelesen.
Claudine Borries

Philip Roth
Der Menschliche Makel
Amerikanische Gesellschaftskolumne
ISBN:3446200584
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Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

Noch eines von den vielen Büchern, die uns erklären wollen, „wie man einen verdammt guten Roman“ schreibt. Allerdings ist Frey einer der wenigen Autoren, die gleich zu Beginn deutlich machen, wie sie denn selbst einen „verdammt guten Roman“ definieren: er soll unterhalten – mehr nicht.

Daß das manchmal nicht reicht, wird dann beim Lesen des Buches klar. Viele der Beispiele, die Frey bringt (er zeigt zunächst eine „Rohfassung“ eines Textes und überlegt dann anhand vorher erklärter Praktiken, wie der Text zu verbessern ist), zeigen, daß man Text auch verschlimmbessern kann und daß „gut“ immer im Auge des Betrachters liegt.

Auf der guten Seite ist zu verbuchen, daß Frey die grundlegenden Handwerkstechniken aufzählt und einige davon erklärt (Spannungsaufbau, Charakter-Arbeit, Sprachwahl etc). Immer wieder weist er aber darauf hin, daß „im Rahmen dieses Kurses nur ein Teil beleuchtet werden kann“ – und das ist all zu oft zu wenig. Gerade, wenn er im Genre „Krimi“ Beispiele bringt, fehlen z.B. deutliche, klare Hinweise auf die Notwendigkeit von Recherche und die sinnvolle Integration von Fakten (Frey vermeidet sichtbar, Textstellen zu zitieren, die Inhalte vermitteln würden). Der Leser hat nach dem Schließen dieses Buches einen Eindruck davon, wie ein verdammt schlechter Roman zu erkennen ist.

Wie ein verdammt guter Roman zu schreiben ist, weiss er aber noch nicht.

Dieses Buch empfiehlt sich daher für diejenigen, die noch gar keinen Kontakt mit der Theorie des „Creative Writing“ hatten, die sich noch überhaupt keine Gedanken über marktgerechtes Aufbauen eines Romans gemacht haben – und die eben nur „unterhalten“ wollen, eine eigene Sprache, eine eigene Identität als Autor aber nicht als „wichtigstes Gut“ betrachten.

James N. Frey
Wie man einen verdammt guten Roman schreibt
Wie man … steht hier drin leider nicht.
ISBN:3924491321
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Der Sterne Tennisbälle

Der Sterne Tennisbälle

Der neue Graf von Monte Christo

Freys neuster Roman ist eine Variation seines Lieblingsthemas: „Nicht wir bestimmen über unser Schicksal, sondern andere Mächte“. Wieder erzählt Frey eine Geschichte (wie in „Geschichte machen“), die absurd und beklemmend, gleichzeitig aber auch rasant und humorvoll erzählt ist.

Ned Maddstone hat alles, wovon andere nur träumen können: Einen Vater im Unterhaus (und damit eine aussichtsreiche Karriere vor sich), eine echte Freundin und echten Sex, er ist sportlich und offensichtlich allseits beliebt. Drei zweifelhafte Geselle („Freunde“) schließen sich deshalb in einer unheimlichen Allianz zusammen, um Ned mal eine Lektion zu erteilen. So schieben sie ihm ein Tütchen Marihuana unter und geben der Polizei einen kleinen Tipp. Doch die Aktion misslingt und Ned gerät in die Fänge des britischen MI5 – und landet damit für 18 Jahre in einem Irrenhaus.

Hier ist es die Figur des skurrilen Babe, die Ned aus dem Tranquilizer-Nebel holt und ihn die Zusammenhänge der Verschwörung erkennen lässt. In Babes Sarg gelingt Ned nach 18 Jahren schließlich die Flucht aus dem Irrenhaus des Dr. Mallo. Er kehrt als unheiliger Racheengel, der nicht länger ein Spielball der Sterne, sondern ein Mann, der seine Geschicke selbst in die Hand nimmt, zurück und startet seinen grandios-grausamen Rachefeldzug – Es lebe der neue Graf von Monte Christo!

Frey versteht es meisterhaft Neds Naivität und sein Ur-Vertrauen in die demokratischen Institutionen offenzulegen, während der Leser schon längst weiß, dass sich die Schlinge um Ned immer enger zieht. Die Beklemmung beim Leser wächst, weil ihn das Gefühl beschleicht, an Neds Stelle genauso gehandelt, gedacht und gefühlt zu haben! Umso größer die Gefühlskonfusion, wenn „Everybody’s Darling“ und Protagonist Ned seinen Rachefeldzug startet: Perfide und mit eiskaltem Kalkül. Aus diesen ständigen Differenzen – Vertrauen und Vertrauensmissbrauch, Schuld und Unschuld, Naivität, Unwissenheit und Wissen – bezieht der Roman zusätzlich zu der Verschwörungsgeschichte auf der Oberflächenstruktur Spannung.

Die englische Schultradition, Upperclass-Themen, Verschwörungstheorien und die Animositäten zwischen Tory und Labour – Freys Lieblingssujets bilden auch hier wieder die üblichen Ingredienzien für einen Roman, der vor frecher Dialoge und britischem Humor strotzt. Fulminant erzählt!

Stephen Frey
Der Sterne Tennisbälle
Es lebe der neue Graf von Monte Christo!
ISBN:3351029292
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Günter Grass: Im Krebsgang

Günter Grass: Im Krebsgang

Rückwärts krebsen, um Voranzukommen

Günter Grass‘ „Im Krebsgang“

In seinem neuen Roman beschreibt Nobelpreisträger Günter Grass die größte zivile Schifffahrtskatastrophe – größer noch als die der Titanic. 9.000 Menschen, schätzt man, starben am 30. Januar 1945 in der eiskalten See vor Stolpermünde. Kritiker werfen Grass jetzt vor, mittels seiner Novelle das Leid der Holocaust-Opfer und -Überlebenden zu relativieren und die „Transformation einer Täter- in eine Opfergesellschaft“ zu betreiben. Denn: Bei den Toten handelt es sich um Deutsche auf der Flucht vor den Russen gegen Ende des 2. Weltkrieges.

Der Ich-Erzähler, Journalist, der sich hier in fremden Auftrag an die Arbeit macht, das Schicksal des ehemaligen Passagier- und Ferienschiffes „Wilhelm Gustloff“ zu beschreiben, hat wenig Lust, die alte, eigentlich vergessene Geschichte von der Schiffskatastrophe aufzugreifen. Viel zu sehr ist die Katastrophe Teil seines eigenen Lebens, denn sie ist auch die Geschichte seines Lebens: Geboren, in dem Moment, wo die Torpedos des sowjetischen U-Bootes die „Wilhelm Gustloff“ zerfetzen. Immer wieder hat er seine Lebensgeschichte aus dem Mund seiner Mutter Tulla Pokriefke – Lesern der Danziger Trilogie bestens bekannt – hören müssen.

Wenngleich widerwillig begibt sich der Ich-Erzähler doch auf Recherche und stößt im Internet auf die Homepage www.blutzeuge.de der Schweriner Kameradschaft. Er verfolgt fasziniert, aber mit der Distanz des Alters den Chat zwischen dem (angeblichen) Juden David und dem jungen Neonazi und nähert sich „im Krebsgang“ den Ereignissen vom 30. Januar 1945 und ihren Protagonisten.

So wird nicht nur die Geschichte des Flüchtlings Tulla Pokriefke erzählt, auch die Biographien des sowjetischen U-Boot Kapitäns Alexander Marinesko, der drei Stalin gewidmete Torpedos auf die „Wilhelm Gustloff“ abfeuert, von Namensgeber Wilhelm Gustloff selbst und natürlich von dessen Mörder, dem Juden David Frankfurter, der am 4. Februar 1936 vier gezielte und tödliche Schüsse auf Gustloff abgibt, werden aufgerollt.

Frankfurter wollte mit dem Mord an Gustloff allen Juden ein Zeichen setzen: Gegenwehr ist möglich. Tatsächlich aber hat er Gustloff, seinerzeit in der Schweiz für die NSDAP tätig, dadurch zum Blutzeugen gemacht, dessen Namen nun ein „Kraft-durch-Freude“ Ferienschiff zieren darf, das später zunächst zum Lazarett- und schließlich zum Kasernenschiff umgerüstet wird. So sterben am 30. Januar 1945 nicht nur Tausende von Flüchtlingen – darunter viele Kinder – , sondern auch Kriegsverwundete und Marinehelferinnen.

Ständig „im Krebsgang“ zwischen Gegenwart und Vergangenheit will der Erzähler sich ganz „an Bord der ‚Gustloff‘ denken“, um die Katastrophe vor den Augen seiner Leser lebendig werden zu lassen. Dabei zeigt sich, dass die Katastrophe – mit fatalen Folgen – bis in die Gegenwart hineinwirkt. Der Betreiber der Homepage www.blutzeuge.de ist kein geringerer als des Ich-Erzählers eigener Sohn Konny, Enkel der Tulla Pokriefke und von ihr ebenso willig wie detailliert, subjektiv und „bis zum Geht-Nicht-Mehr“ mit der Geschichte der „Gustloff“ abgefüttert. Dabei ist Konny kein tumber Schläger. Dennoch kommt es vor dem verwitterten, quasi nicht mehr existenten, Gedenkstein für Wilhelm Gustloff in dessen Heimatstadt Schwerin, wo auch Tulla sich nach Ende des Krieges niedergelassen hat, zum Showdown.
Konny trifft sich dort mit seinem Chatpartner, dem Juden David, und erschießt ihn kurzerhand. Es kommt zum Prozess – zu dem vor Gericht und zu dem Prozess der inneren Auseinandersetzung des Ich-Erzählers mit seiner Rolle als Vater.

Gerade dass die Problematik der jugendlichen Rechtsradikalität bei Grass so sehr ins Private geholt wird und in einem Mord kulminiert, lässt „Im Krebsgang“ recht konstruiert erscheinen. Es wirkt aufgesetzt und als wolle Grass mit aller Macht den Bezug zur Gegenwart herstellen. Die Figur Konny bleibt blutarm – noch viel mehr aber die seines virtuellen Gegenspielers David, der natürlich kein Jude ist, sich aber in starkem Maße mit dieser Opferrolle identifiziert hat. Hier wird angedeutet, dass das permanente Darstellen der Deutschen in Schule und Elternhaus als Volk von Tätern nicht zwangsläufig zum Nazisein führen muss, sondern auch die umgekehrte Wirkung haben kann. Die Identifizierung mit den Opfern als Negation der eigenen nationalen Herkunft?

Der Stil in „Im Krebsgang“ ist sehr betulich, belehrend und antiquiert. Unendliche Kommasätze prägten zwar auch schon „Katz und Maus“ oder die „Blechtrommel“, aber im Gegensatz zu diesen Werken gelingt es Grass dieses Mal nicht trotz verschachtelter Sätze eine Atmosphäre und Figuren zu gestalten, die überzeugen und in den Bann ziehen. Originelle Metaphern, Bilder und Vergleiche – all das fehlt „Im Krebsgang“.

Pathetisch wird der Erzählgestus, wenn Grass sich als Auftraggeber des Ich-Erzählers ins Spiel bringt und sich selbst als „der Alte“ charakterisiert, der über seine Rolle als – in Danzig geborener – Schriftsteller selbst sagt: „Eigentlich (…) müsse jeder Handlungsstrang, der mit der Stadt Danzig und deren Umgebung verknüpft oder locker verbunden sei, seine Sache sein.“ Fast bekennerhaft geht es weiter: „Niemals hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen.“

Genau das aber, dass nämlich Grass nun dieses Thema zu seinem gemacht hat, wird ihm, wie etwa im Stern und Spiegel nachzulesen war, zum Vorwurf gemacht. Grass größte Kritiker werfen ihm (und anderen Autoren) vor, die „Transformation der Täter- in eine Opfergesellschaft“ zu betreiben und das Leid der Holocaust-Opfer und -Überlebenden mit derlei Schriften zu relativieren.

Damit aber macht man es sich zu einfach. Grass berichtet nicht nur von den mehreren tausend Toten unter den Flüchtlingen und Kindern, sondern weist immer wieder auch darauf hin, dass auch militärisches Personal – Marinehelferinnen, Kriegsverwundete und ein Militärkapitän – an Bord waren und dass die „Wilhelm Gustloff“ nicht eindeutig als ziviles Schiff zu erkennen gewesen sei, da sie ja im Kriegsverlauf zu einem Kasernenschiff umgerüstet worden war. Auch hat Walter Kempowski mittlerweile darauf aufmerksam gemacht, dass er bereits 1993 mit „Das Echolot“ ein „kollektives Tagebuch“ verfasst habe, dass auf etwa 100 Seiten das Schicksal der „Wilhelm Gustloff“ behandelt. Dennoch hat es eben erst die Person des Nobelpreisträgers Grass geschafft, diese Problematik so vehement ins öffentliche Bewußtsein zu bringen.

Was bleibt, ist das Gefühl, dass hier ein Autor versucht, seine – echt empfundene oder nur künstlerisch-intellektuell konstruierte – Mitschuld am Aufkommen neonazistischen Gedankenguts zu verarbeiten, wie es durchaus legitim ist. Das hat Literatur schon immer getan. Lösungen bietet „Im Krebsgang“ aber nicht. Trotz aller sprachlichen, erzähltechnischen und die Konstruktion betreffende Kritik, die Grass und „Im Krebsgang“ immer wieder vorgehalten wird, hat es die Novelle doch geschafft, eine Diskussion loszutreten, die „die Deutschen“ ein Mal mehr auffordert, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das ist vielleicht nicht das Geringste, was ein literarisches Werk schaffen kann.

Günter Grass
Im Krebsgang
Günter Grass krebst im Rückwärtsgang, um Voranzukommen – Die Deutschen und ihre Vergangenheitsbewältigung
ISBN:3882438002
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