Akiiiii
Mitglied
"Autsch!" schreit es hinter mir. Fuck. Dieser scheiß Koffer. Ich drehe mich um und entschuldige mich bei der Frau, der ich gerade mit meinem Rollkoffer über die Füße gefahren bin. Sie erwidert nichts und wirft mir einen finsteren Blick zu. Man könnte halt auch mal schauen, wo man seine verdammten Füße hinstellt. Ich unterdrücke einen Seufzer und schiebe mich weiter durch den Gang. Verspäteter Zug, geänderte Wagenreihung, reservierter Platz am anderen Ende des Zuges. Das Rezept für einen gelungenen Reisestart. Draußen scheint die Sonne auf den matschigen Schnee, drinnen mischt sich das Schmelzwasser auf dem Boden zu einer Soße aus Kies, Dreckwasser und Streusalz. Der Zug ruckt kurz und fährt endlich los. Mir ist so heiß, dass mir die dicke Jacke vom Leib reißen möchte. Aber das wäre noch eine Sache mehr zu tragen. Jetzt nicht. Gleich da. Nach vorn schauen, nach hinten schauen, vorbeischieben, gequält lächeln. Alles gut. Gleich da.
Endlich bei meinem Platz angekommen. Shit. Ich checke meine Reservierung, ich checke den Platz. Ich mache mein schönstes Lächeln bereit.
"Entschuldigen Sie, aber ich glaube sie sitzen auf meinem Platz." Er sitzt am Fenster, am Gang ist frei. Nein. Heute nicht. Ich will diesen Fensterplatz. 6 Stunden am Gang? Heute nicht. Ich lächle und warte. Er schaut nicht hoch. Ich merke, wie sich ein Schweißtropfen aus meinem Haaransatz löst und mir in den Nacken und den Rücken runter läuft. Ich atme langsam ein und aus.
Er schiebt langsam die Papiere, die er auf dem kleinen Tischchen vor sich ausgebreitet hat, zusammen, nimmt seine Lesebrille ab und schaut mich von unten aus kleinen Maulwurfsaugen an. "Aber natürlich." Gottseidank. Er schiebt seinen kleinen Körper aus der Sitzreihe und an mir vorbei. Ich kann ihm fast direkt auf seine Glatze schauen. Er macht eine kleine Geste, ich nicke und lächle, schäle mich aus meiner Jacke und verstaue mein Gepäck. Handy, Kopfhörer, Wasserflasche, Buch. Hab' ich alles? Kurzer Check. Alles da. Ich schiebe mich auf meinen Fensterplatz. Er schiebt sich hinter mir in die Reihe und lässt sich bedächtig schnaubend auf dem Sitz am Gang nieder. Ich überlege, nochmal die Reservierungsanzeige zu checken. Ist der Platz wirklich nicht reserviert? Ich hatte eigentlich auf etwas Ruhe gehofft. Na - was soll's. Kein Problem. Ich setze mich und ramme mir meine Kopfhörer in die Ohren. Das hilft meistens. Ich seufze und schaue aus dem Fenster. Draußen zieht bayerische Landschaft vorbei, oder was auch immer. Drinnen ist es heiß. Ich rolle mit Schultern und Nacken und versuche durch den dicken Pullover hindurch unauffällig mein schweißgetränktes T-Shirt aus den Achselhöhlen zu ziehen.
Igitt.
Der kleine Mann neben mir klappt sein Tischchen runter und widmet sich wieder seinen Papieren. Er ist fast einen Kopf kleiner als ich, trägt einen grauen Anzug mit weißem Hemd und gelbem Pullunder. Er hat einen grau-melierten Haarkranz mit Glatze. Und er riecht nach etwas. Ich kann nicht sagen wonach. Ich fummele mein Handy heraus und starte den Podcast, den ich vorhin begonnen habe. Langweilig. Ich suche nach etwas besserem. Crime oder Wissen oder vielleicht doch lieber ein Hörbuch? Ich kann mich nicht entscheiden. Dieser Geruch. Meine Augen wandern herüber zu dem kleinen Tischchen neben mir. Mein Kopf verharrt. Was liest der da? Ich versuche zu erspähen, worum es sich handelt. Sieht aus als würde er Arbeiten korrigieren. Dieser Geruch! Woher kenne ich den? Dann fällt mein Blick auf die Finger. Kleine, dicke, behaarte Affenfinger mit zu kurz geschnittenen Nägeln.
Oh, nein! Jetzt fällt es mir ein. Mein Brustkorb wird enger. Meine Atmung beschleunigt sich. Ich rutsche näher ans Fenster und versuche, mich unter Kontrolle zu bekommen. Hier? Wie?
Mir schießt durch den Kopf, dass das einer seiner perversen Scherze ist. Aber das ist wie lange her? 20 Jahre? Nein. 30. Er sieht anders aus. Und ich natürlich auch. Er hat mich nicht erkannt. Ich bin mir sicher. Oder doch? Er blättert seelenruhig durch den Stapel Papier und zückt jetzt den Rotstift. Er kritzelt. Oh ja - das ist sie. Diese Schrift, diese Kritzeleien am Rand.
Ich atme tief ein und aus und unterdrücke ein Wimmern. Das ist er! Mir wird schlecht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir übergeben muss. Ich kann hier nicht raus. Dann müsste ich etwas sagen zu diesem Mann. Ich kann nichts sagen zu diesem Mann. Deshalb versuche ich tief zu atmen. Mist, Mist, Mist. Quadratatmung. Wie ging das nochmal? 4 Sekunden ein, 8 Sekunden Luft anhalten oder 4 und 4? Keine Ahnung. Ist vielleicht auch egal. Langsam ein und aus, ein und aus. Ich schaue zum Fenster. Draußen zieht die Landschaft vorbei. Der Geruch. Jetzt weiß ich was das für ein Geruch ist. Seine Salbei-Bonbons. Salbei. Lila Papier. Kleine fette Finger, die Bonbons von lila Papier befreien. Jetzt muss ich mich wirklich gleich übergeben. Ich reibe meine schwitzigen Hände an meiner Jeans. Einatmen, ausatmen.
Neben mir knistert eine Bonbontüte. Ich brauche gar nicht zu schauen. Ich weiß genau, wie sie aussieht. Die Tüte knistert, das Papier knistert. Jetzt hebt er die fette Hand zum Mund und schiebt sich das Bonbon zwischen die dicken, feuchten Lippen. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen.
Plötzlich schwingt der Zug von einer Seite zur anderen. Eine Mutter mit Tochter auf dem Arm kommt ins Schlingern und touchiert ihn an der Schulter. Ein kurzes Rucken und er greift sich an den Hals, versucht pfeifend zu atmen. Nichts geht rein. Nichts geht raus. Er steht auf, er zeigt auf seinen Hals. Andere Leute drehen sich zögernd um. Die Frau vor mir dreht sich um, als er in den Gang hinaus stolpert. Sie hält sich die Hand vor den Mund. Ihre Augen sind groß, aber sie sagt nichts. Weiter den Gang hinunter sind Rufe zu hören. Jetzt hält er sich an der Rücklehne fest, nun an der äußeren Armlehne. Dann sinkt er auf den Boden. Menschen scharen sich um ihn. Jemand beschwert sich, dass der Weg zur Toilette blockiert ist. Der Schaffner versucht ängstlich, sich einen Weg zu bahnen. Ich sehe nur zu. Ich sehe zu, wie der kleine Mann (War der immer schon so klein?) auf dem jetzt gar nicht mehr so matschigen Mittelgang im Zug verreckt.
Er hat im Todeskampf mit seinem Anzug den Boden gewischt. In seinem Gesicht klebt ein winziges Stück Rollsplit, das mit Schnee und Streusalz in den Zug getragen wurde.
Er hat die Augen aufgerissen. Der Schaffner steht rum, ein zweiter kommt dazu. Irgendwer macht eine Ansage. Niemand traut sich ihm die Augen zu schließen. Jemand möchte durch zum Speisewagen und wird von der wütenden Menge vertrieben.
Ich hätte sagen können, dass ich Ärztin bin.
Hätte, hätte, Fahrradkette echot mein Kopf.
Ich muss mir ein Lachen verkneifen. Mein Atem geht wieder ruhig. Mir ist nicht mehr übel. Ich spüre Hunger in mir aufsteigen. Ich hole mir gleich ein warmes Schinken-Käse-Baguette.
Vielleicht sollte ich noch warten. 30 Minuten, oder 45.
Endlich bei meinem Platz angekommen. Shit. Ich checke meine Reservierung, ich checke den Platz. Ich mache mein schönstes Lächeln bereit.
"Entschuldigen Sie, aber ich glaube sie sitzen auf meinem Platz." Er sitzt am Fenster, am Gang ist frei. Nein. Heute nicht. Ich will diesen Fensterplatz. 6 Stunden am Gang? Heute nicht. Ich lächle und warte. Er schaut nicht hoch. Ich merke, wie sich ein Schweißtropfen aus meinem Haaransatz löst und mir in den Nacken und den Rücken runter läuft. Ich atme langsam ein und aus.
Er schiebt langsam die Papiere, die er auf dem kleinen Tischchen vor sich ausgebreitet hat, zusammen, nimmt seine Lesebrille ab und schaut mich von unten aus kleinen Maulwurfsaugen an. "Aber natürlich." Gottseidank. Er schiebt seinen kleinen Körper aus der Sitzreihe und an mir vorbei. Ich kann ihm fast direkt auf seine Glatze schauen. Er macht eine kleine Geste, ich nicke und lächle, schäle mich aus meiner Jacke und verstaue mein Gepäck. Handy, Kopfhörer, Wasserflasche, Buch. Hab' ich alles? Kurzer Check. Alles da. Ich schiebe mich auf meinen Fensterplatz. Er schiebt sich hinter mir in die Reihe und lässt sich bedächtig schnaubend auf dem Sitz am Gang nieder. Ich überlege, nochmal die Reservierungsanzeige zu checken. Ist der Platz wirklich nicht reserviert? Ich hatte eigentlich auf etwas Ruhe gehofft. Na - was soll's. Kein Problem. Ich setze mich und ramme mir meine Kopfhörer in die Ohren. Das hilft meistens. Ich seufze und schaue aus dem Fenster. Draußen zieht bayerische Landschaft vorbei, oder was auch immer. Drinnen ist es heiß. Ich rolle mit Schultern und Nacken und versuche durch den dicken Pullover hindurch unauffällig mein schweißgetränktes T-Shirt aus den Achselhöhlen zu ziehen.
Igitt.
Der kleine Mann neben mir klappt sein Tischchen runter und widmet sich wieder seinen Papieren. Er ist fast einen Kopf kleiner als ich, trägt einen grauen Anzug mit weißem Hemd und gelbem Pullunder. Er hat einen grau-melierten Haarkranz mit Glatze. Und er riecht nach etwas. Ich kann nicht sagen wonach. Ich fummele mein Handy heraus und starte den Podcast, den ich vorhin begonnen habe. Langweilig. Ich suche nach etwas besserem. Crime oder Wissen oder vielleicht doch lieber ein Hörbuch? Ich kann mich nicht entscheiden. Dieser Geruch. Meine Augen wandern herüber zu dem kleinen Tischchen neben mir. Mein Kopf verharrt. Was liest der da? Ich versuche zu erspähen, worum es sich handelt. Sieht aus als würde er Arbeiten korrigieren. Dieser Geruch! Woher kenne ich den? Dann fällt mein Blick auf die Finger. Kleine, dicke, behaarte Affenfinger mit zu kurz geschnittenen Nägeln.
Oh, nein! Jetzt fällt es mir ein. Mein Brustkorb wird enger. Meine Atmung beschleunigt sich. Ich rutsche näher ans Fenster und versuche, mich unter Kontrolle zu bekommen. Hier? Wie?
Mir schießt durch den Kopf, dass das einer seiner perversen Scherze ist. Aber das ist wie lange her? 20 Jahre? Nein. 30. Er sieht anders aus. Und ich natürlich auch. Er hat mich nicht erkannt. Ich bin mir sicher. Oder doch? Er blättert seelenruhig durch den Stapel Papier und zückt jetzt den Rotstift. Er kritzelt. Oh ja - das ist sie. Diese Schrift, diese Kritzeleien am Rand.
Ich atme tief ein und aus und unterdrücke ein Wimmern. Das ist er! Mir wird schlecht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir übergeben muss. Ich kann hier nicht raus. Dann müsste ich etwas sagen zu diesem Mann. Ich kann nichts sagen zu diesem Mann. Deshalb versuche ich tief zu atmen. Mist, Mist, Mist. Quadratatmung. Wie ging das nochmal? 4 Sekunden ein, 8 Sekunden Luft anhalten oder 4 und 4? Keine Ahnung. Ist vielleicht auch egal. Langsam ein und aus, ein und aus. Ich schaue zum Fenster. Draußen zieht die Landschaft vorbei. Der Geruch. Jetzt weiß ich was das für ein Geruch ist. Seine Salbei-Bonbons. Salbei. Lila Papier. Kleine fette Finger, die Bonbons von lila Papier befreien. Jetzt muss ich mich wirklich gleich übergeben. Ich reibe meine schwitzigen Hände an meiner Jeans. Einatmen, ausatmen.
Neben mir knistert eine Bonbontüte. Ich brauche gar nicht zu schauen. Ich weiß genau, wie sie aussieht. Die Tüte knistert, das Papier knistert. Jetzt hebt er die fette Hand zum Mund und schiebt sich das Bonbon zwischen die dicken, feuchten Lippen. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen.
Plötzlich schwingt der Zug von einer Seite zur anderen. Eine Mutter mit Tochter auf dem Arm kommt ins Schlingern und touchiert ihn an der Schulter. Ein kurzes Rucken und er greift sich an den Hals, versucht pfeifend zu atmen. Nichts geht rein. Nichts geht raus. Er steht auf, er zeigt auf seinen Hals. Andere Leute drehen sich zögernd um. Die Frau vor mir dreht sich um, als er in den Gang hinaus stolpert. Sie hält sich die Hand vor den Mund. Ihre Augen sind groß, aber sie sagt nichts. Weiter den Gang hinunter sind Rufe zu hören. Jetzt hält er sich an der Rücklehne fest, nun an der äußeren Armlehne. Dann sinkt er auf den Boden. Menschen scharen sich um ihn. Jemand beschwert sich, dass der Weg zur Toilette blockiert ist. Der Schaffner versucht ängstlich, sich einen Weg zu bahnen. Ich sehe nur zu. Ich sehe zu, wie der kleine Mann (War der immer schon so klein?) auf dem jetzt gar nicht mehr so matschigen Mittelgang im Zug verreckt.
Er hat im Todeskampf mit seinem Anzug den Boden gewischt. In seinem Gesicht klebt ein winziges Stück Rollsplit, das mit Schnee und Streusalz in den Zug getragen wurde.
Er hat die Augen aufgerissen. Der Schaffner steht rum, ein zweiter kommt dazu. Irgendwer macht eine Ansage. Niemand traut sich ihm die Augen zu schließen. Jemand möchte durch zum Speisewagen und wird von der wütenden Menge vertrieben.
Ich hätte sagen können, dass ich Ärztin bin.
Hätte, hätte, Fahrradkette echot mein Kopf.
Ich muss mir ein Lachen verkneifen. Mein Atem geht wieder ruhig. Mir ist nicht mehr übel. Ich spüre Hunger in mir aufsteigen. Ich hole mir gleich ein warmes Schinken-Käse-Baguette.
Vielleicht sollte ich noch warten. 30 Minuten, oder 45.