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JuCo

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Er schloss müde die Tür und drehte an dem schweren Eisenrad, welches die Tür verriegelte. Es war das dritte Mal in dieser Nachtschicht: Es würde mehr gehen, aber die Arbeiter an den Öfen kamen kaum hinterher.
„Ja“, dachte der Mann, „die Kollegen dort haben mehr zu tun als ich“

Er nickte seinem Kollegen zu, der lustlos einen Schlüssel in einem Schloss drehte und an einem Hebel zog. Etwas fiel, der Schalter schnellte zurück und nur das rote Licht schien daran erinnern zu wollen, dass etwas passiert war.
In einem kurzen Moment der Stille, schauten die beiden Männer einander an: Tief und dunkel waren die Augenringe, blass und leer ihr Blick.

„Hast du gehört, was im Radio kam?“, fragte der Kollege am Hebel und setzte sich auf einen der Klappstühle.

„Ja …“, antwortete der Mann und setzte sich auf den anderen Klappstuhl.

„Es klingt alles nach einem Sieg …“

Schweigend blickte der Mann zu Boden und spielte mit der Kneifzange an seinem Gürtel.

„Nur warum dann die Jungen?“, fragte der Kollege.

Stille.

„Ich verstehe es nicht …“

„Kannst du bitte ruhig sein?“, rief der Mann und beide blickten betreten zu Boden. Von drinnen kamen Laute, doch sie waren nur leise und gedämpft. Fast wie das Branden eines Meeres aus weiter Ferne. Fast beruhigend, ehe es verebbte.

Sie warteten eine halbe Stunde, der Vorschrift gemäß. Doch selten dauerte es länger als zehn Minuten und nie länger als zwanzig. Der Mann, der vorher den Hebel umgelegt hatte, zog an einem weiteren, und ein leises Zischen erfüllte den Raum, dem das Summen eines Ventilators folgte. Sie warteten weitere zehn Minuten, auch dies war Vorschrift.

Dann öffneten sie die Tür. Es waren um die dreißig gewesen, recht jung, größtenteils Frauen; und wie immer hatten sie sich in den Ecken gesammelt. Das Haar war ihnen schon vorher abgenommen worden, das war gut.

Für einen Moment standen die beiden Männer noch da, ehe sie an die Arbeit gingen. Vier Ecken, zwei für jeden, und nie sprachen sie dabei.

Als der Mann den ersten Haufen durchsucht hatte, richtete er sich stöhnend auf und blickte zu seinem Kollegen. Dieser stand dort, wie eingefroren, und schaute auf eine der Frauen. Sie war mittleren Alters, hatte breite Hüften und breite Brüste, und zwischen ihnen lag ein Säugling, fest umschlungen, als hätte sie ihn ersticken wollen.

„Hey …“, sagte der Mann mit weicher Stimme.
Der andere erschrak, schaute sich um, verwirrt, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht oder als finde er sich plötzlich in einem wieder. Dann aber besann er sich und suchte weiter.

Auch der Mann ging wieder an die Arbeit. Bald hatte er eine gefunden: Sie hatte graues, schütteres Haar und hätte seine Mutter sein können. Ihre Lippen waren zusammengepresst, doch als er sie öffnete, sah er etwas golden glänzen. Er seufzte, presste seine Lippen fest aufeinander und nahm die Kneifzange von seinem Gürtel.

„Hey.“ hörte er die Stimme seines Kollege.

„Die hier lebt noch.“

Sonderbar und fremd klangen diese Worte hier an diesem Ort, fast wie eine vergessene Sprache aus einem vergessenden Lande.

„Sie lebt.“ Wiederholte die Stimme.

Es stimmte.

Sie war noch jung, achtzehn vielleicht oder zwanzig. Die blasse, nackte Haut legte sich in weichen Formen um ihren schlanken Körper. Sie hatte ein schönes Gesicht, zu dem die geschorenen Haare passten. Und in ihren azurblauen, kindlichen Augen, da loderte die Angst.

Die zwei standen unbeholfen vor ihr.

„Hol den Kommandanten“, sagte der Mann schließlich.

Er zog seinen Ledermantel aus und legte ihn um ihre zitternden, schmalen Schultern.

Der Kommandant kam, und nun standen sie zu dritt unbeholfen vor ihr.

„Es hat noch nie eine überlebt“, flüsterte der Kommandant mit brüchiger Stimme.

Stille.

„Noch nie …“, wiederholte er, ehe er abbrach.

Schließlich halfen sie dem Mädchen auf; und fast schon dankbar nahm sie den Arm des Mannes an, den er ihr hinhielt.

Er führte sie hinaus auf den Platz. Der Kommandant blieb an der Tür stehen und sie nickten einander zu. Draußen war es dunkel, sternenklar und neumond; und doch rieb das Mädchen sich die Augen, als würde sie geblendet werden. Dann aber atmete sie tief ein und schaute zu den Sternen.

Und in der Stille, die folgte, waren sie vereint, einem Mahnmal gleich: Das Mädchen und die Nacht, der Mann und die Sterne und das Leuchten ihrer azurblauen Augen, welche nun umso heller noch brannten, in der Dunkelheit, die sie umgab. Für einen Moment war all dies eins und ewig und würde für immer so sein! Für einen Moment, ehe der Schuss der Pistole die Stille zerriss.
 
Zuletzt bearbeitet:

petrasmiles

Mitglied
Schwer, zu lesen. Wie schwer muss es gewesen sein, es zu schreiben.
Aber manchmal wollen diese Texte raus.

Eigentlich so gut geschrieben, sodass es fünf Sterne wert wäre, aber das kommt mir so unangemessen vor ... Du verstehst?

Liebe Grüße
Petra
 

JuCo

Mitglied
Vielen Dank für Deine Rückmeldung, Petra. Das weiß ich sehr zu schätzen!

Ja, leicht ist der Text sicher nicht, aber wie du sagst, manches muss einfach raus. Und dann ist es eben sinnvoll, ihn zu schreiben, auch wenn es nicht gerade Spaß macht.

Das Schwierige bei einer so düsteren Kurzgeschichte scheint mir, dass sie zynisch wirken kann: Nichts, was heilig ist, alles geht zugrunde, alles ist bedeutungslos … und ja, das kann ein Stil sein, aber eben nicht meiner.

Und die menschlichen, warmen Regungen der beiden Protagonisten und auch der kurze Moment der Stille und der Einheit am Ende: Dies erschien mir nicht zynisch, nicht nur ein Mittel, um das Ende umso grausamer wirken zu lassen, sondern vielmehr der Ausdruck von Seelen, die auch in dieser Hölle noch nach Licht streben – selbst dann, wenn sie selbst doch die Täter sind, ...

Wie hat das auf dich gewirkt?

Liebe Grüße
Lukas
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Lukas,

wir sind so sehr daran gewöhnt, dass wir selbst über jeden Zweifel erhaben sind und niemals in die Verlegenheit geraten wären, so eine Arbeit zu machen, dass es sich - nach dieser Lesart - verbieten würde, den Tätern einen Rest von Menschlichkeit zuzugestehen. Ich denke nicht so - im Gegenteil halte ich diese Haltung für eitlen Wahn. Wenn man nicht versucht wurde, weiß man nicht, was man täte und die eigene Unschuldsvermutung ist vermessen.
Im Gegenteil ist das für mich der Einstieg zu der heutzutage gepflegten Geschichtsvergessenheirt und dem cancelfuror. Es macht uns Menschen klein.

Von daher: Es ist wichtig, dass man das ganze Tableau zeigt - und Du hast das meiner Meinung nach großartig gemacht: Gezeigt, ohne die brutale Situation zu verwässern.

Jetzt gebe ich doch die Sterne :)

Liebe Grüße
Petra
 

trivial

Mitglied
Lieber Lukas,

ein schwieriges Thema, bei dem mir es fast noch schwerer fällt zu Antworten. Ich versuche in Worte zu fassen, was mich beim lesen störte. Ich hoffe ich kann es vernünftig in Worte fassen.

Der Text ist wirklich beeindruckend bedrückend. Auch der Moment der kognitiven Dissonanz ist erschütternd dargestellt. Nur persönlich finde ich die Homogenität, mit der die Banalität des Bösen in der Exekutive beschrieben wird, zu eindimensional. Ich denke, ein Eichmann wird diese Distanz gehabt haben, aber bei den „Fußsoldaten“ würde ich meinen, dass die Kompensationsmechanismen neben dieser Banalität sich zusätzlich in Entmenschlichung, pervertierter Gewalt, Gehorsam und Trunkenheit Ausdruck verleihen. So entwickelt der Text eine kalte Logik, an der ich kritisieren möchte – dass ich das Gefühl habe, er lässt die Mehrschichtigkeit der Tätermechanismen zugunsten der Dramaturgie weg. Das fühlt sich für mich verkehrt an.

Eventuell reicht die Banalität des Bösen so weit hinunter, dass selbst das kleinste Rädchen im Getriebe sie internalisieren konnte. Unabstreitbar war dieser institutionalisierte Massenmord, als Singularität des Holocaust, das schrecklichste Verbrechen, das Menschen verüben konnten. Aber – ich hoffe, nicht falsch verstanden zu werden – ich fände es noch unbegreiflicher, wenn diese Banalität die entmenschlichende, rohe Gewalt, die Perversion und den dummen blinden Gehorsam bis auf diese Ebene ersetzt hätte.

Trotzdem hast du dieses sensibele Thema ..., wie Petra schon sagt, fällt es schwer hier lobende Worte auszudrücken, umgesetzt.

Liebe Grüße
Rufus
 

petrasmiles

Mitglied
Ich denke, ein Eichmann wird diese Distanz gehabt haben, aber bei den „Fußsoldaten“ würde ich meinen, dass die Kompensationsmechanismen neben dieser Banalität sich zusätzlich in Entmenschlichung, pervertierter Gewalt, Gehorsam und Trunkenheit Ausdruck verleihen.
Lieber Rufus,

ich halte das für eine Annahme. Wir sind es gewohnt, so zu denken - weil wir uns so das Schreckliche auch weit vom Leibe halten können, weil es darum so ausgeschlossen scheint, dass jemand wie 'wir' so etwas tun könnte.
Das ist für mich der eitle Wahn - nicht auf Dich persönlich gemünzt, sondern als 'Narrativ'. Wir hätten es gerne so.

Was wissen wir denn noch von den Menschen, die ein Kaiserreich zugrunde gehen sahen, eine Inflation erlebten, Massenarbeitslosigkeit, Hunger und politische Unruhen.

Wir müssen diese moralische Herangehensweise aufgeben, sonst erfahren wir nichts. Und wenn wir nichts erfahren, dann sehen wir es auch nicht kommen.

Was passiert denn gerade? Da wird ganz offen angesprochen, dass wir uns für die Ukraine europaweit verschuldet haben und ein Ende der Umverteilung ist nicht in Sicht. Es droht die Schuldenfalle, es müssen die Ausgaben gekürzt werden. Man kann sich diesen Sozialstaat nicht mehr leisten.
Als alimentierte Person (die also auf die eine oder andere Weise vom Staat sein Gehalt bekommt - womit ich nicht die Bürgergeldempfänger meine) kann einen das nicht so sehr schrecken, und man kann entspannt seine Zustimmung oder Ablehnung moralisch legitimieren. Aber wenn man von Arbeitslosigkeit bedroht ist, Mieten, Energie- und Lebensmittelpreise explodieren, dann haben wir doch wieder ausreichend Menschenmaterial gezüchtet, von denen man sagen wird: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Die Entmenschlichung setzt viel früher ein, nicht erst mit dem braunen Bazillus, und ich kann mich nur wundern, dass die meisten Intellektuellen so blind sind für diese Zusammenhänge.
Verstehst Du meinen Punkt?

Liebe Grüße
Petra
 

Anders Tell

Mitglied
Es gibt in der Geschichte zum Ende diesen Moment der Menschlichkeit, wenn der eine Mann der Frau den Uniformmantel um die Schultern legt und der Kommandant erschüttert ist, dass sie überlebt hat. Dann stehen unter einem Mond vereint und teilen ihr Schicksal in dieser seelenlosen Tötungsmaschinerie. So steht es im Text.
 

trivial

Mitglied
Liebe Petra,

ich glaube, wir reden etwas aneinander vorbei.
Mir ging es nicht darum, wie schnell der dünne Mantel der Zivilisation zerreißen kann, das sehe ich, glaube ich, genauso wie du. Ich wollte auch nicht sagen, dass die Menschen damals besser oder schlechter waren als wir heute.

Mein Punkt war – oder sollte sein.
Für mich wäre eine pervertierte, entmenschlichte Gewalt, die aus den von dir genannten sozialen und historischen Ursachen hervorgeht, psychologisch verständlicher als das, was Arendt im Zusammenhang mit Eichmann als „Banalität des Bösen“ beschrieben hat. Diese Art von Banalität funktioniert für mich vor allem dort, wo ein bürokratischer Abstand existiert – also bei Leuten wie Eichmann, die abstrakte Entscheidungen trafen.

Bei Menschen jedoch, die unmittelbar, leiblich und täglich mit der Gewalt konfrontiert waren, kann oder will ich mir schwer vorstellen, dass allein diese Banalität ausgereicht hat. Dort vermute ich eine Mischung aus Abstumpfung, Entmenschlichung, Gruppendruck, Alkohol, Perversion, verschiedene Mechanismen, die nebeneinander wirken. Nur Banalität bei dieser unmittelbaren Gewalt wäre für mich nicht begreiflich und unendlich viel schrecklicher.

Es ging mir um die Psychologie der unmittelbaren Täter und nicht um die Ursachen oder eine moralische Abgrenzung.

In diesem Punkt bin ich hoffentlich bei dir. Es sind die Strukturen und gesellschaftlichen Bedingungen, die solche Entwicklungen jederzeit möglich machen, unabhängig davon, für wie zivilisiert wir uns gestern noch hielten.

Liebe Grüße
Rufus
 

JuCo

Mitglied
Mhm, Rufus, ich glaube da hast du was getroffen: Die Banalität des Bösen ist hier Taktgebend. Aber selbst bei größtmöglicher Trunkenheit und perfider Grausamkeit: Auch dann noch würde die Banalität eines Alltags audf das nie-zuvor-dargewesene des Holocaust treffen. Und diese Schnittstelle muss doch irgendwie absurd werden?

Die Frage ist nur welche Verdrängungsmechanismen Anwendung finden. Und da geb ich dir recht: Jene bürokratische Entmenschlichung ist nur eine von Vielen und vermutlich nicht der Regelfall. Wahrscheinlich war Sardismus und Drogenkonsum eher an der Tagesordnung. Aber, jetzt wo ich das schreibe, mein ich mich zu erinnern das Viktor Frankl an einer Stelle auch von den menschlichen Regungen des SS schreibt,...

Aber schau: Ich glaube diese Dissonanz und diese Zerissenheit war der Funke dieser Geschichte! Ich stellte mir einen Mannn vor, der schwach ist, ängstlich und klein ist, zu feige, sich seinem Schatten zu stellen. Ein Eichmann, so wie Ahrendt ihn porträtiert hat. Und er nimmt Teil an dem Fest des Hasses, geht mit und wird so zum Mörder von Tausenden! Aber er ist eben kein Heydrich, kein Mengele,....

Und dann geht das Fest des Hasses zu Ende, wie auch der Krieg, die rote Armee kommt näher und näher und die Bosheit, die ihn hat durchhalten lassen, erschafft. Blutleetr folgt und jene Trunkenheit, die ihn hat toben lassen weicht einer qualvollen Ernüchterung. Doch es gibt keinen Weg mehr zurück. Und in dieser Zwischenwelt, in der der Morgen dämmert und das Fest des Hasses sich dem Ende neigt aber er dazu noch nicht bereit ist, da setzt die Geschichte an.

Ich denke der Text würde profitieren, wenn ich jene sardistische Petvertion und Trunkenheit, die Dir in den Protagonisten fehlt, dem Kommandanten einhauche. Vielleicht auch dem Kollegen? Wobei mir die Kameradschaftlichkeit zwischen den Beiden gefällt,....



Wir müssen diese moralische Herangehensweise aufgeben, sonst erfahren wir nichts. Und wenn wir nichts erfahren, dann sehen wir es auch nicht kommen.
Richtig gut..ist es nicht seltsam, dass gerade im Kontext solcher Gräueltaten das Moralisieren als Verdrängungsmechanismus fungieren kann? Aber ja du hast absolut recht.

Hesse hat folgendes geschrieben im Steppenwolf, zwischen den zwei Weltkriegen. 1927! Ist das nicht verrückt?

Niemand hat sich das geringste vorzuwerfen, niemand hat irgendeine Schuld! Man könnte meinen es stehe alles herrlich in der Welt nur liegen ein Duzend Millionem totgeschlagender Menschen in der Erde.(...) Zwei Drittel meiner Landsleute lesen diese Art von Zeitungen, lesen jeden Morgen und jeden Abend diese Töne, werden jeden Tag bearbeitet, ermahnt, verhetzt, unzufrieden und böse gemacht, und das Ziel und Ende von dem allem ist wieder der Krieg, ist der nächste, kommende Krieg, der wohl noch scheußlicher sein wird, als dieser es war. Alles das ist klar und einfach, jeder Mensch könnte es begreifen, könnte in einer einzigen Stunde Nachdenkens dasselbe Ergebnis finde. Aber keiner will das, keiner will den nächsten Krieg vermeiden, keiner will sich und seinen Kindern die nächste Millionenschlächterei erspare, wenn er es nicht billiger haben kann. Eine Stunde Nachdenken, eine Weile in sich gehen und sich fragen, wie man selbst an der Unordnung und Bosheit in der Welt Teil hat und mitschuldig ist - sieh, das will niemand!
Vielen Dank euch für die Rückmeldung!

Liebe Grüße,

Lukas
 

petrasmiles

Mitglied
Ich denke der Text würde profitieren, wenn ich jene sardistische Petvertion und Trunkenheit, die Dir in den Protagonisten fehlt, dem Kommandanten einhauche. Vielleicht auch dem Kollegen? Wobei mir die Kameradschaftlichkeit zwischen den Beiden gefällt,....
Ich bin nicht dieser Ansicht.
Ich glaube auch, dass der Versuch, was da geschehen ist, gesellschaftlich verstehen zu wollen und in Modelle und Systematiken zu überführen, das ganze ableitet in den Bereich der Intellektualität. Versteht mich nicht falsch - das ist gut und wichtig - aber sollte man eine Erzählung wirklich an den Ergebnissen aus diesen Bemühungen messen?
Sollten wir über 80 Jahre später immer noch das Grauen bebildern? Ich fand gerade die Zurückhaltung in dieser Hinsicht an dieser Erzählung bemerkenswert - die Leser werden schon ihre Bilder im Kopf haben. Ich finde es auch immer wichtig, die Opfer nicht wieder und wieder zu Opfern zu machen. Wann ist die Grenze überschritten?

Liebe Grüße
Petra
 

petrasmiles

Mitglied
Ich möchte noch nachtragen: Mir scheint es, dass die 'Ausschmückung' einer solchen Geschichte möglicherweise uns dabei hilft, das Grauen von uns fort zu schieben. Es sind dann nämlich nicht 'Menschen wie Du und ich', die solche Taten begehen können, sondern erkennbar Monster, psychisch krank, seelisch zerrüttet, moralisch verrottet.
Das hilft uns nicht weiter, ein 'Nie wieder' ernst zu nehmen, weil wir nur nach 'Monstern' suchen und die Umstände einer Entmenschlichung ausblenden. So kann man auch nicht aus der Geschichte lernen.
Was geschieht denn beim Lesen zuerst? Abgesehen von intellektuellen Prozessen erst einmal, sich mit einer der handelnden Personen zu identifizieren. Dazu ist der erste Protagonist geeignet, man blickt auf das Geschehen durch seine Augen. Man steht in seinen Schuhen - und das ist ein so wichtiger Vorgang im menschlichen Miteinander, ich möchte fast sagen, der einzige Weg, um nicht mit Steinen zu werfen. Wenn wir aber diese Regung abspalten und jeweils die 'Qualität' des Verbrechens zum Maßstab nehmen, dann können wir schon Steine sammeln.
Gerade in dieser Hinsicht sehe ich bei unserer deutschen Gesellschaft den Reflex, alles mögliche Fehlverhalten als rechts, nazistisch, antisemitisch zu deuten; das straft nicht die Übeltäter, sondern uns selbst, weil wir erst mit cancel culture und Gesinnungsschnüffelei den Prozess der Entmenschlichung in Gang setzen und unsere Mitmenschlichkeit aushöhlen. Politisch korrektes Mitgefühl gibt es nicht.

So wie die Erzählung ist, umgeht sie diese Mechanismen.
 

Heinrich VII

Mitglied
Hallo Lukas,

eine beeindruckende Geschichte, echt. Du zeichnest die Figuren als ganz normale Menschen, die ihren Job ausführen. Die sich wundern, dass diese junge Frau überleben konnte - was eigentlich gar nicht sein kann. Gerade durch diesen Kniff wird das Grauen viel sichtbarer, als wenn du sie als Monster stilisiert hättest.
Der Schluss gefällt mir auch: Einen Moment denkt man, sie ist gerettet - dann fällt der Schuss. Wirklich gut in Szene gesetzt.
Diese Geschichte könnte auch unter Stalin, Pol Pot oder Mao geschehen sein. Man kann den Mächtigen grundsätzlich nicht trauen, egal aus welcher politischen Richtung sie auch immer kommen. Macht muss ständig kontrolliert und ggf. sanktioniert werden. Nur so können wir uns vor der nächsten Diktatur schützen.

Gruß, Heinrich
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich habe den Text noch einmal anders gelesen.

Es gab ja auch jüdische Häftlinge, die gezwungen wurden, beim Morden zu helfen - Menschen aufzufordern, ihre Kleider abzulegen, sie zu den "Duschen" zu bringen, anschließend den Leichen Goldzähne zu ziehen und dann die Körper in die Verbrennungsöfen zu schieben.

Vor meinem inneren Auge habe ich mir diese unfassbare seelische Tortur vorgestellt, als ich den Text las. So wurde er für mich noch unheimlicher. Und doch so gut geschrieben.

Volle Sternenzahl und empfohlen!

Gruß DS
 

Frodomir

Mitglied
Hallo JuCo,

zunächst einmal Glückwunsch zur Empfehlung. Das ist wirklich eine Geschichte, die fassungslos macht. Man liest sie mit sprachlosem Abscheu, was aber auch zeigt, welche literarische Leistung dir hier gelungen ist.

Besonders interessant finde ich, wie du die Charaktere gezeichnet hast. Indem du auf jedwede ideologische Aussagen verzichtet hast, wirken die Figuren gewissermaßen nahbar, irgendwie menschlich, normal - der Leser kann sich nicht auf ideologische Distanz begeben, sondern die Protagonisten im Text stellen sich direkt und definiert durch ihre Handlungen vor. Das macht das Schreckliche nur noch unfassbarer und auch unerträglicher. Wie am Ende die Überlebende auch noch umgebracht wird, ist, wenn man alles andere ausblendet und nur auf den Spannungsverlauf der Geschichte schaut, unerwartet und damit auch spannend erzählt, wenn man das so sagen kann. Aber abgesehen von dieser literarischen Qualität stellt diese Szene auch dar, dass die Entmenschlichung und die Mechanisierung des Tötens bis ins Endstadium fortgeschritten und komplett in den Köpfen der Protagonisten verankert war. Das ist maximal schockierend zu lesen und nur schwer auszuhalten.

Insgesamt ist dein Text für mich ein Mahnmal gegen Entmenschlichung, der zwischen jeder Zeile dem geneigten Leser in Erinnerung ruft: So etwas lassen wir nie wieder zu! Und dass der Text dies nicht als moralische Botschaft herausruft, sondern diese Einsicht dem Leser überlässt, ist seine große Qualität.

Noch ein paar Korrekturen:

Und in der Stille, die folgte, waren sie vereint (Komma)

Für einen Moment, war all dies eins und ewig und würde für immer so sein! (kein Komma)

Für einen Moment, ehe der Schuss der Pistole, die Stille zerriss (kein Komma)

Noch ein paar Anmerkungen:

Draußen war es dunkel, sternenklar und neumond (Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, "Neumond" ist ein Substantiv und man kann es deshalb nicht in dieser Adjektivaufzählung als Adjektiv verwenden?)

und doch rieb das Mädchen sich die Augen, als würde sie geblendet werden. (Irgendwie beißt sich meiner Meinung nach dieses Bild mit dem Adjektiv "sternenklar" kurz zuvor. Denn das zeigt ja eine gewisse Helligkeit an, sodass ich diese Diskrepanz als nicht logisch empfinde)

Und in der Stille, die folgte waren sie vereint, einem Mahnmal gleich (hier bin ich mir nicht sicher, ob es nicht klüger wäre, das "Mahnmal" nur zu zeichnen, aber nicht extra zu erwähnen. Im ganzen Text hat sich der Autor mit Wertungen zurückgehalten, hier aber kommt noch eine. Andererseits ist das auch eine Art Resümee, was durchaus auch seine Berechtigung hat - zumindest eine Stelle, über die man nachdenken könnte)

Insgesamt war die Auseinandersetzung mit deinem Text wegen seines Inhalts emotional sehr schwierig für mich, aber ob der literarischen Qualität und seiner zwischen den Zeilen hervorscheinenden menschlichen Botschaft des Nie wieder! gebührt diesem Text großes Lob!

Viele Grüße
Frodomir
 

trivial

Mitglied
Liebe Petra,

gefühlt würde ich sagen, ich sehe es (fast) genauso wie du, und auch die Umstände sind natürlich nicht zu vernachlässigen. Was ich ausdrücken wollte, ist, dass wir es vielleicht sehr ähnlich aus unterschiedlichen Perspektiven sehen.

Moralische Überheblichkeit entsteht durch die pauschale Zweiteilung: wir/jetzt = gut; sie/damals = böse. Diese Distanzierung war aber nicht meine Intention.

Ich denke, es gibt zwei Wege der Annäherung, um diese Distanzierung zu überwinden und nicht aus einem „eitelen Wahn“ zu urteilen:

Entweder, wir suchen uns in den Tätern, oder das Täter-Potential in uns.

Ich bin der Meinung, der moralische Bruch als Zäsur muss erhalten bleiben, und wir müssen die Rest-Monströsität in uns suchen – nicht die Rest-Menschlichkeit in den Tätern. Wir sollten nicht zurückschauen, um die Täter zu verstehen, sondern in uns hinein, um die Taten zu verstehen.

Liebe Grüße
Rufus
 

petrasmiles

Mitglied
Ich bin der Meinung, der moralische Bruch als Zäsur muss erhalten bleiben, und wir müssen die Rest-Monströsität in uns suchen – nicht die Rest-Menschlichkeit in den Tätern. Wir sollten nicht zurückschauen, um die Täter zu verstehen, sondern in uns hinein, um die Taten zu verstehen.
Das habe ich jetzt sehr gut verstanden! Ich kann Deinen Ansatz auch nachvollziehen - bzw. Deine Perspektive.
Ich frage mich nur, ob man die Rest-Monströsität in sich entdecken kann, wenn man die Rest-Menschlichkeit in den Tätern nicht sieht. Für mich geht das nur zusammen - stelle ich gerade fest.
Ich folge Deinen Gedanken immer mit Gewinn!

Liebe Grüße
Petra
 

Anders Tell

Mitglied
Ja Rufus,
ich sehe es ganz genauso. Wie müssen bei uns anfangen und uns fragen, nicht nur wie gehandelt hätten, sondern auch wie wir im Falle eines Falles handeln würden. Es sind die Mitläufer, die ein solches System stabilisieren, nicht eine handvoll böswilliger Monster. Natürlich würden wir das Böse gerne externalisieren, aber es wohnt in uns. Es waren nur sehr wenige, die wie Bonhöfer für ihre Überzeugung ihren Tod in Kauf genommen haben. Ich habe mich das schon oft gefragt und ich weiß nicht, ob ich den Mut oder diese Festigkeit im Glauben hätte.
War ist over, If You want it. (John Lennon)

Ich sehe auch die Bilder von peinlich geführten Lagerhallen, in denen Brillen, Schuhe, Kleidung ordentlich eingeordnet und katalogisiert wurden. Diese preußische Gründlichkeit erhöht für mich das Grauen zusätzlich.
 

JuCo

Mitglied
Vielen Dank, Petra und Rufus, für euren Austausch hier!

Petra: Ich empfand es als überraschend, mit welcher Vehemenz du dagegen argumentiert hast, den Protagonisten (und sei es nur den Kommandanten) etwas von dieser perfiden Boshaftigkeit einzuhauchen. Für mich schien es schlüssig, so dem Ganzen noch etwas mehr Komplexität zu verleihen — zumal es ja offenbar auch historische Wirklichkeit war. Aber ich verstehe deinen Punkt! Das wäre der Moment, in dem der Leser sich distanzieren könnte, ein Aufatmen von der Grausamkeit: „Denn so bin ich ja nicht!“

Und wenn ich an die Entstehung der Kurzgeschichte denke, scheint es mir so, dass genau diese sehr unbequeme Identifikation mit den wurmhaft-schwachen Anteilen der Täter es war, die sie mich hat schreiben lassen. Insofern triffst du auch etwas, wenn du sagst, dass diese Anteile nun neben einen grausamen Sadismus zu stellen, eventuell zu intellektuell gedacht sein mag.

Aber, und da bin ich neugierig, wie du das siehst, Petra: Es ist ja auch jener Sadismus, die Lust an der Grausamkeit, Teil des Mensch-Seins, Teil des Holocausts, Teil von mir und Teil von dir. Und auch dies will und braucht einen Ausdruck, nicht wahr?

Danke auch an Heinrich, Wirena und Andres Tell für euer Feedback und die Auseinandersetzung mit dem Text! Das bedeutet mir total viel — ganz besonders deshalb, weil der Text beileibe kein leichter ist.

Auch für die Vorschläge danke ich dir, Frodomir. Ob das Mahnmal am Ende passt, ist ein interessanter Hinweis. Mir gefällt der Stilbruch am Ende: weg von der trockenen, kalten Sprache des Vorherigen. Ist es zu wertend?

Schau, ich stellte sie mir wirklich so vor: die Silhouette der zwei, unbewegt unter sternenklarem Himmel und das Brennen ihrer Augen.
Aber dein Hinweis hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken angeregt — gerade weil ich oft werte in den Texten, die ich schreibe.

Und danke auch für die Empfehlung, DocSchneider! Spannend, dass du die Protagonisten als Häftlingsarbeiter gelesen hast. Ich denke, historisch wäre dies tatsächlich akkurater. Die SS hätte die Arbeit beaufsichtigt, doch das tatsächliche Ziehen der Zähne wäre wohl von Gefangenen erledigt worden.

Da fällt mir ein — weil hier immer wieder Eichmann erwähnt wurde:
Das Arendt-Buch habe ich vor vier Jahren oder so gelesen, und nur wenige Szenen sind mir in Erinnerung geblieben. Eine davon ist die folgende (so wie ich mich erinnere, habe gerade kein Zugang zu dem Buch): Eichmann war damit beauftragt ein Konzentrationslager im Osten zu inspizieren. Dort sah er, wie im Massengrab jemand (ich weiß nicht mehr, ob er von der SS war oder auch ein Häftling) mit einer Kneifzange die Goldzähnw zog. Eichmann konnte den Anblick nicht ertragen, übergab sich und ließ die Inspektion des Lagers von jemand anderem abschließen.

Jaaa: das wurmhaft-Schwache …
 
Zuletzt bearbeitet:

Rachel

Mitglied
Ich weiß zum Glück nicht und noch einmal nicht, ob die Welt der Menschen mit Poesie besser wird, falls sich die lesende Mehrheit irgendeinmal unter einem so erleichterten Himmel einig ist - oder ist das bereits meine literarische Banalität des Bösen? Um die meine geht es doch und nun, wenn ich am Ende "trivial" verstanden haben will.

Das Ende obiger Geschichte: Frau wacht noch einmal auf und darf Sterne gucken. Lieber Himmel, das ist so unoriginell, entschuldigungentschuldigung, abgedroschen, dass es mich aber immerhin reizt, was Alternatives schreiben zu wollen. Immerhin war gestern der 25. November.

So stell ich mir vor: Sie steht da.

Sie steht einfach da und wartet auf ihren Nackenschuss. Und als der bildschöne, azurblaue Mann ansetzt, um sie lediglich, also ohne Vergewaltigung, abzuknallen, sieht sie eine gestreifte Katze, die das Beinchen hebt wie ein verdammter Hund, der an einen uralten Baum schifft. Und dann erst fällt ... der neumondgelb leuchtende Urinstrahl, denn Kollege Knarre muss jetzt wirklich pissen.

LG Rachel
 



 
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