Alles nur wegen ein paar Kröten

Heike Bauer

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Alles nur wegen ein paar Kröten


Alles nur wegen ein paar Kröten

Hauptkommissarin Carmen Neubauer erwartet einige ruhige Tage zwischen den Jahren. Weihnachten war vorbei und die Vorbereitungen für die Silvesterparty waren in vollem Gange. Als das Telefon klingelte, stand sie gerade in einer unnatürlichen, verdrehten Körperhaltung auf einem Stuhl. Carmen war genervt. Nicht jetzt! “Rainer?“ Fehlanzeige. Sie musste sich wohl selbst bemühen.

„Frau Neubauer, es gibt einen neuen Fall. Sie stehen leider auf der Bereitschaftsliste ganz oben. Ihr Kollege befindet sich schon auf dem Weg zum Tatort in der Schubertstraße 5. Frau Ilse Stamm.“

Eine aufgelöste Nachbarin aus einem der Mietshäuser in der Vorstadt hatte die Polizei gerufen, weil sie den Gestank aus der Wohnung ihrer Nachbarin störte. Da die Bewohnerin nicht öffnete, wurde die Tür aufgebrochen. In der Küche fand man den reglosen Körper der Mieterin.

Dem aufnehmenden Beamten bot sich ein Anblick des Schreckens. Am Schädel der älteren Dame klaffte eine riesige Wunde, der Boden unter ihr war blutverschmiert. Der Gerichtsmediziner konnte rasch einen Unfall ausschließen, er ging von einem Schlag mit einem keilförmig zulaufenden Gegenstand, vermutlich einem Hammer, aus. Die Spurensicherung machte sich wie gewohnt ans Werk, um aus dem Tatort die richtigen Stichproben herauszupicken. In diesem Fall lag das Hauptaugenmerk auf der Suche nach Fingerabdrücken. Einbruchsspuren fanden sich keine, auch war die Wohnung in einem sehr ordentlichen Zustand. Hier hatte sicher niemand nach Wertsachen oder anderen Dingen gesucht.

Nachdem Carmen und Gregor Petri, ihr Kollege, den Tatort einschließlich der Leiche inspiziert hatten und von der Spurensicherung und den die Nachbarn befragenden Polizisten auf den neuesten Stand der Beweissicherung gebracht wurden, saßen sich die Kommissare wortlos in ihrem Büro gegenüber.

Plötzlich brach es aus der sichtlich erregten Carmen heraus: „Zunächst sollten wir die Nachbarn befragen lassen. Frau Stamm hat eine Tochter. Gibt es zurzeit vermehrt Wohnungseinbrüche in dieser Gegend? Vielleicht ist ja einer davon schiefgegangen? Dem Jungen, der ihr im Haushalt half, traue ich eine solche Tat nicht zu, der ist erst vierzehn Jahre alt. "Den schließe ich aus.“ Carmen verstummte wieder.

„Wer war das Opfer?“
„Eine Rentnerin, nur wenig Kontakte“
„Wo wurde das Opfer gefunden?“
„In ihrer Wohnung, in der sie allein lebte.“
„Wurden die Nachbarn befragt?“
„Habe ich veranlasst“
„Hat die Spurensicherung ihren Bericht bereits vorgelegt?”
„Kann nichts finden.“
„Wann wird die Pathologie so weit sein?“
„Das dauert wie immer etwas länger.“
„Wurde die Tatwaffe gefunden?“
„Aber darum kannst du dich kümmern.“
„Wurden Wertsachen in der Wohnung gefunden, werden Wertsachen in der Wohnung vermisst? Ist das Opfer wohlhabend?“
„Keine Ahnung.“

Kaum war das Frage- und Antwortspiel beendet, hatten die beiden Kommissare ihre Handys am Ohr. Carmen entging nicht, dass sie auch dieses Mal schneller war als Gregor. Sie zeigte Gregor den erhobenen Daumen und zog einen Stift über einen roten Zettel. Sie führte bereits mit acht zu zwei. Gregor war einfach einen lahme Ente.

„Hallo Toni, hier ist Carmen. Seid ihr mit der Befragung der Hausbewohner fertig? Das ist ja klasse. Habt ihr euch auch nach fremden Besuchern erkundigt? Macht nichts. Ich komme noch einmal am Tatort vorbei. Warte bitte dort auf mich, dann kannst du mir auch die Notizen der Befragung geben. Nein, ich brauche kein offizielles Protokoll. Es ist Silvester, da kann das Getippe ruhig bis ins neue Jahr aufgeschoben werden. Danke. Bis gleich.”

Als Carmen das Büro verließ, war Gregor immer noch dabei, einige Beamte für die Suche nach der Tatwaffe zu mobilisieren. Eine nahezu unmögliche Aufgabe so kurz vor Silvester.
Erneut am Tatort angekommen, traf Carmen auf einen aufgewühlte Menschentraube, die Toni umringte. Das Haus stand Kopf, die Gefühle der Anwohner schwankten zwischen Entsetzen und Angst. Unverzüglich wurde auch die Kommissarin belagert. Es wird die sofortige Auflösung des Falles verlangt, am besten heute oder gestern.

„Deshalb bin ich hier“, sagte Carmen mit lauter Stimme. “Wir werden alle vorhandenen Kräfte zusammenziehen, um dieses schreckliche Verbrechen aufzuklären. Ich habe direkt einen Frage an Sie. Betraten in letzter Zeit Fremde das Haus, damit meine ich natürlich nicht ihre Weihnachtsgäste, vielmehr beispielsweise Monteure, Bettler oder Hausierer?” Leider erntete sie nur Kopfschütteln.

Unter dem Strich brachte diese Aktion keine entscheidenden Ergebnisse. Die Auswertung der Aussagen ergab: Niemand hatte die Frau an den Weihnachtsfeiertagen besucht und ihr junger Helfer, ein Vierzehnjähriger, wurde seit dem 21. Dezember nicht mehr gesehen.

Die Tatwaffe blieb auch am nächsten Tag verschwunden, obwohl mittlerweile in einem Radius von einem Kilometer gesucht wurde. Carmen verzichtete auf die Befragung des Jungen, der, wie sie nun wusste, Stefan Kurz hieß. Er erschien auf ihre Bitte hin ohne Umschweife im Kommissariat und ließ sich bereitwillig seine Fingerabdrücke abnehmen. Sie passen, wie zu vermuten war, zu den in der Wohnung gefundenen Spuren.

Parallel dazu fing Gregor damit an, die Kontaktpersonen der älteren Dame ausfindig zu machen. Sie hatte wirklich nur wenige Weggefährten, Carmen wurde von Mitleid ergriffen, so einsam sollte ihr eigener Ruhestand nicht sein. In einem kurzen Tagtraum sah sie Rainer, Kinder, in einem Reihenhaus spielend und blubb - die Blase platzte. Es ärgerte Carmen sehr, dass sie keinen Hund erkennen konnte.

Nachdem diese Bemühungen erfolglos geblieben waren, wandten sich die beiden Kommissare der Tochter der Getöteten zu. Gott sei Dank wohnte die Tochter der Ermordeten in Köln. So mussten die Kölner Beamten sie vom Tod ihrer Mutter informieren. Dagmar, die einzige noch lebende Angehörige, erklärte sich bereit, nach Wuppertal ins Kommissariat zu kommen und einige Fragen zu beantworten.

„In einer Stunde kommt Frau Krumm. Wir müssen uns auf Ihre Befragung vorbereiten. Sie ist bislang unsere einzige Verdächtige. Sie ist die Alleinerbin. Lies mir bitte die Liste der Wertsachen aus der Wohnung vor.“ Vom Schreibtisch gegenüber klangen hektisch wirkende Geräusche zu Carmen. „Hatten wir schon eine Einsicht in ihre Bankverbindungen?“ Pause, Hektik, Ruhe. Carmen schüttelte verzweifelt den Kopf. „Gregor, was ist los?“ Gregor setzte seine unschuldigste Unschuldsmiene auf und las laut vor: „Gefunden wurden zwei Sparbücher mit je ca. 20.000 Euro, ein Tagesgeldkonto mit 100.000 Euro und Schmuck mit einem geschätzten Wert von 40.000 Euro.”

"So ein Geldsegen würde mir auch sehr gut tun“, gestand Carmen nachdenklich. “Hat die Tochter in letzter Zeit große Ausgaben betätigt?“ „Was soll ich denn noch alles wissen?“, brummte der Kommissar zurück.

Zwischenzeitlich wurde der Bericht der Spurensicherung auf den Schreibtisch der Kommissarin gelegt. „Ich werfe einen kurzen Blick drauf, telefoniere nur weiter und stelle den Lautsprecher auf laut“, teilte sie Gregor mit. Das übliche Blah Blah Blah des Schreibens konnte man ruhig überspringen und den Inhalt in wenigen Zeilen zusammenfassen: Die in der Wohnung gefundenen Fingerspuren stammen von der Dame selbst und zwei weiteren Personen, bei einem der beiden handelte es sich um den jungen Helfer. Die unbekannte Fingerabdrücke befanden sich ausschließlich an den Heizkörpern.

Der Mitarbeiter, der die Heizkörper untersuchte, wollte eigentlich die Fenstergriffe abpinseln, hat sich dann aber nach reiflicher Überlegung für die großflächigen Heizkörper entschieden. Dadurch hatte er vielleicht die entscheidende Spur zum Täter geliefert. Carmen musste schmunzeln. Die zweite wichtige Erkenntnis: Es ließen sich tatsächlich keine Einbruchsspuren finden. Das Türschloss war unversehrt, man fand darauf nur die Fingerspuren der alten Dame.

„Kripo Wuppertal? Ich brauchte eine Auskunft zu Dagmar Krumm. Danke. Wann ist sie nach Köln zugezogen? Ja, ich verstehe. Sie wohnt schon seit 20 Jahren in Köln. Ist sie in dieser Zeit umgezogen?“
Die freundliche Stimme am anderen Ende des Hörers konnte folgende Auskunft geben. „Ja, vor einem Jahr ist die Familie Krumm aus Chorweiler nach Sülz gezogen.“ Gregor bohrte nach: „ Ich kenne mich in Köln nicht aus. Wie steht es mit den Mietpreisen in Chorweiler und Sülz aus? Gibt es da große preisliche Unterschiede?”
Das ist ja sehr interessant, fand Gregor, nun wusste er, dass die Tochter von einer vermutlich kleinen Mietwohnung in ein freistehendes Eigenheim gewechselt ist. “Vielen Dank für die Informationen, Sie haben uns ein großes Stück weitergebracht.”

„Du hattest wieder einmal Recht, hier könnte das Motiv sein. Möglicherweise hat sich Familie Krumm beim Kauf eines Eigenheims übernommen.“ Gregor hasste es, wenn seine chaotische Carmen treffsicher in ein Wespennest stach.

Mit einem Bling meldete sich der Bericht aus der Pathologie an. Wie üblich war er nicht sehr
ausführlich, bis zur endgültigen Erfassung würden Tage vergehen. Gregor nahm ihn an sich,
während er Carmen in die Mittagspause schickte. „Hol dir wenigstens einen Kaffee, wenn dein Rainer dir schon das Essen verbietet. Bei mir würde es dir besser ergehen“, feixte er.

Die wichtigen Informationen des Berichtes, die Gregor für seinen Chefin unterstrich, lauteten: Bei der Tatwaffe handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Hammer. Der Todeszeitpunkt, zwischen dem 20. und dem 24. Dezember. Konkreter konnte man es durch die Wärme in der Wohnung nicht bestimmen. „Das ist eine Zeitspanne und kein Zeitpunkt. Beherrscht unser Pathologe überhaupt die deutsche Sprache? Muss man aber wohl hinnehmen“, dachte sich Gregor. Zum Täter gab es nur einen Randbemerkung: Er hatte vermutlich eine Körpergröße von eins siebzig.

Die Tochter der Toten kam pünktlich ins Kommissariat. Der Tod der Mutter schien sich nicht
sonderlich mitzunehmen. Ziemlich genervt forderte sie die Beamten auf, die Angelegenheit
möglichst schnell zu bearbeiten, weil sie die Wohnung ihrer Mutter bald kündigen möchte.
Unverständnis zeigte sie auch gegenüber der Gerichtsmedizin, die sich anscheinend gerade im Tiefschlaf befindet. Die Beerdigung sei in Auftrag gegeben und so ein Bestatter will auch nicht ewig warten.

Die beiden Kommissare schauten sich ungläubig an. Eigentlich waren sie es, die Fragen stellen wollten. Carmen fand als erstes ihre Fassung wieder. „Sie scheinen vom Tod ihrer Mutter nicht sonderlich betroffen zu sein?” Es war tatsächlich keine Regung auf dem Gesicht der angesprochenen Dame zu erkennen.

“Dann kann ich ja direkt fragen: Haben Sie einen Schlüssel zur Wohnung Ihrer Mutter?” Carmen hatte die Rolle der bösen Kommissarin gezogen. „Ja.“ , kam als Antwort zurück. Carmen bohrte weiter: „Dann könnten Sie die Wohnung jederzeit betreten haben? Wann waren Sie das letzte Mal bei Ihrer Mutter?“ Hier kam nur ein unwissendes Achselzucken, begleitet von einer unschönen Grimasse.

Gleichzeitig klopfte es an der Tür. „Ach ja, Joe!“, sagte Carmen. „Kannst du bitte die Fingerabdrücke von Frau Krumm abnehmen.“ Während der dadurch entstandenen Pause war Carmen, deren Gehirn mittlerweile glühte, in absoluter Rasche. Sie hasste die Arroganz dieser Frau. Jeglicher polizeilicher Verhaltenskodex fiel von ihr ab. Kaum dass Frau Krumm zurück in den Vernehmungsraum gebracht worden war, brach es aus der Kommissarin heraus. „Sie sind die einzige Hinterbliebene. Kann es sein, dass Sie möglichst schnell an ihr Erbe kommen wollen und etwas nachgeholfen haben?“

Gregor stieß seinen Fuß gegen das Schienbein seiner Kollegin. „ Psst! Frau Krumm ist in Trauer. Sie hat gerade Ihre Mutter verloren“, entschuldigte er das Verhalten seiner Kollegin. Carmen war sauer und dann wurde sie sehr emotional, dann trug sie, wie man so schön sagt, ihr Herz auf der Zunge. Die entstandene Gesprächspause beendete Frau Krumm mit einer theatralischen Aufführung. „ Ich bin in tiefer Trauer um meine Mutter und Sie beschuldigen mich des Mordes an Ihr. Das muss ich mir nicht gefallen lassen. Ich gehe.“

Und schon sprang sie auf und verließ das Zimmer. Die Polizisten ließen sie gewähren. “Okay, ich habe es vermasselt, so verhält man sich nicht.“. Auf einmal war Carmen kleinlaut.

Nach nur kurzer Pause zeigte sich Carmen bereits wieder in ihrer Kampfhaltung. Sie nahm die Pose eines aufgeblasenen Goggels ein. Sie sagte: „Aber das ist egal. Sie war es nicht. Joe kann es uns sicher gleich bestätigen.“ Joe brauchte zehn Minuten, um die Fingerspuren Frau Krumms mit denen in der Wohnung zu vergleichen. Es gab keine Übereinstimmung.

Gregor war erstaunt, Fragezeichen standen ihm ins Gesicht geschrieben. Er hasste es. Gleichzeitig verhalf seine Mimik Carmen zu einem weiteren imposanten Auftritt. „Sie war es nicht, hast du bemerkt, dass diese Frau höchstens eins fünfundfünfzig groß ist. Unser
Täter ist aber min
destens eins siebzig Meter groß. Da sie einen Schlüssel hat, müsste man Ihre Fingerabdrücke, um das leicht klemmende Schloss finden. Da sind sie aber nicht. Auch ihren Mann kann ich ausschließen, denn auch er hätte den Schlüssel benutzt. Auch von ihm gibt es keine Fingerabdrücke an der Tür. Zu Auftragsmördern hat die Familie Krumm zu wenig Geld. Das Erbe wäre dann ja schon im Voraus aufgebraucht. Der Mord brächte Frau Krumm dann keinen finanziellen Gewinn. Falls du mal wieder mit dieser Theorie ums Eck kommen möchtest.“

„Gut, ich gebe mich geschlagen, liebe Carmen. Das bedeutet für uns, dass wir wieder von vorne anfangen müssen“, antwortete Gregor. Gleichzeitig fragte er sich, wie schnell
Carmen Dinge erfassen kann. Sie hat doch nur eine Sekunde auf den Pathologiebericht geschaut.

Carmen präsentierte ihm sogleich eine neue Theorie: „Naja, vielleicht nicht. Die Fingerspuren könnten von einem erfahrenen Verbrecher stammen. Jemandem der durch eine Beschleunigung der Verwesung den Tatzeitpunkt verschleiern und damit die Ermittlungen erschweren wollte. Ich denke da gerade an unseren Dauergast Herrn Kuhn.“

Gregor konnte sich genau an die letzte Aufführung dieses Herrn Kuhn erinnern. Das Protokoll der Vernehmung lag noch auf seinem Schreibtisch. Er begann laut vorzulesen: „Ja, ich bin ein Trick- und Einschleichdieb. Ich erleichtere vorwiegend Senioren um ihr Geld oder ihren Familienschmuck. Juweliere, die ohne Nachweis Edelmetall ankaufen, gibt es genug. Gewalt ist bei den Senioren nicht notwendig.“

Carmen hatte schweigend zugehört und verzog nun ärgerlich ihr Gesicht. „Ich glaube, diese Idee war nicht die Beste. Kuhn hätte zwar aufgrund seines charmanten Auftretens Zugang zur Wohnung erhalten, aber er hätte, egal was sich zuvor abgespielt hat, nach den Wertsachen der alten Dame gesucht. Er würde nicht ohne Beute fliehen.“

„Hast du recherchiert, ob es in der Umgebung Wohnungseinbrüche gab?“ Gregor grinste. „Ich weiß, was du nicht weißt“, er setzte ein förmliches Gesicht auf. „Wenn du denken könntest, hättest du die Frage nicht gestellt. Um in dieser Gegend ein Vermögen zu verdienen, müsste man mindestens ein Dutzend Wohnungen besuchen. Das wäre jedem noch so einfach strukturierten Dieb zu viel.“

Schade, Carmen ging nicht auf seine Sticheleien an. Nachdenklich murmelte sie: „ Die Seniorin lebte zurückgezogen, hatte immer nur wenige Euro auf dem Konto. Keiner der Nachbarn ging von großen Ersparnissen aus. Wie soll ein Außenstehender zu genaueren Erkenntnissen kommen?“

Gregor sah langsam aber sicher die Silvesterfeier mit Freunden, das leckere Essen, die Cocktails und den Kater danach mit dem Bach davonschwimmen. Sein neuer Lösungsansatz ließ Carmen hochschrecken. „Wir verhaften also den Jungen, nehmen ihn
einige Stunden in Haft. Dann wird er uns den Mord gestehen und Silvester ist gerettet.”

„Spinnst Du, was sind das für kriminalistische Methoden? Ich dulde so etwas nicht. Ich bin deine Vorgesetzte. Der Junge ist unschuldig.“ Derartig erregt hatte Gregor Carmen bislang noch nicht erlebt. Trotzdem setzte er nach. „Bist du dir sicher?“ Die Pause wurde länger und länger. Kleinlaut musste Carmen zugeben, dass sie keinen einzigen Grund für die Unschuld des Jungen anzuführen hatte. Allein der Glaube reichte nicht aus. „Wir brauchen die Mordwaffe, unbedingt.“ Carmen sprang auf.

Zwei Stunden später durchsuchten zehn eilig zusammengetrommelte Polizisten erneut die Umgebung des Mietshauses nach der Tatwaffe. Es muss sich laut Pathologie um einen schweren Gegenstand, vermutlich um einen Hammer, handeln. Doch es sollte noch weitere vier Stunden dauern, bevor tatsächlich ein blutverschmierter Hammer gefunden wurde. Die pathologische Untersuchung der Blutspuren würde wohl erst in vierundzwanzig Stunden vorliegen. Da Carmen ihren Kopf einfach nicht freibekam, befragte sie noch einmal die Nachbarn der Toten. Hatte wirklich niemand außer diesem Stefan die Wohnung betreten?

Sie hatte sich bis zum dritten Stockwerk hochgearbeitet, bis ein jüngerer Mann folgende Aussage machte: Am 20. Dezember waren Heizungsmonteure im Haus. Das Warmwasser war nur noch lau und genauso wie die Heizkörper. In den unteren Stockwerken ist das seltsamerweise niemandem aufgefallen. Die Monteure haben stichprobenweise eine Wohnung im ersten Stockwerk, genau da wo die alte Dame wohnte, im dritten Stockwerk, also bei ihm und ganz oben aufgesucht. Carmen bedankte sich und fing auf dem Weg die Treppe hinunter das Heulen an.

Im Auto sitzend schrie sie: „Sollte ich mich so geirrt haben? Ein vierzehnjähriger Junge ermordet niemanden. Nein! Wir müssen etwas übersehen haben.“ Tränen liefen ihr über die Wangen. Auf Carmen wartete eine schlaflose Nacht. Egal, wie sie sich und die Fakten in ihrem Kopf drehte und wendete – alles wies auf Stefan hin.

Bleich und übermüdet begab sich Carmen am nächsten Morgen mit Gregor im Schlepptau zur Wohnung der Familie Kurz. Stefan wohnte dort mit seiner Mutter, seinem Stiefvater und seiner jüngeren Schwester. Nach dem Klingeln konnten die Kommissare ein mürrisches „Stefan mach die Tür auf – schnell“ vernehmen.

Nun standen beide Kommissare im Wohnzimmer. Die Mutter des Jungen saß auf einem Sessel. Die Wohnung machte keinen sonderlich gut aufgeräumten Eindruck. Trotzdem konnte man erkennen, dass hier regelmäßig geputzt wurde. Die Ausstattung ließ darauf schließen, dass die Familie über kein großes Vermögen verfügte. Die Mutter war Hausfrau, stark übergewichtig und nahezu bewegungsunfähig, der Vater arbeitete sechs Tage in der Woche in der Nachtschicht an einer großen Tankstelle. Morgens schlief er, um nachmittags vor der Schicht den Haushalt zu erledigen.

„Frau Kurz, können wir mit Ihrem Sohn sprechen?”, fragte Carmen. „Was wollen Sie von Ihm, der kann nichts zum Tod von Frau Stamm sagen. Sie können eigentlich gleich wieder gehen.“ Carmen war entsetzt. Schmeißt diese Frau sie gerade hinaus? Was ist denn hier los? Was steckt dahinter? Weiß sie etwas? „Gut. Frau Kurz, dann frage ich Sie: Wann war Ihr Sohn das letzte Mal bei Frau Stamm?“ „Das weiß ich nicht“, antwortete die Mutter gelangweilt.
„Hat sich Ihr Sohn in den letzten Tagen seltsam benommen?“
„Nein, wieso?“
„Hat Ihr Sohn in den letzten Tagen auffällig viel Geld oder Ihnen unbekannte Sachen?“
„Wir haben kein Geld.“
„Frau Kurz, das bringt uns nicht weiter. Bitte schicken Sie Ihren Sohn am Nachmittag zu uns ins Präsidium. Sie wissen ja wohin.“

Carmen und Gregor verabschiedeten sich, blieben aber noch kurz vor der Haustür stehen. So wurden sie Zeugen einer Auseinandersetzung, die Carmen betroffen machte. Die Mutter ließ ihren Sohn antreten, als wäre es ein Drillcamp Die Die Schimpfwörter, die darauf folgten, sollten von einem Menschen, besonders nicht von Eltern gebraucht werden, Danach hörte man Schläge mit einem Gürtel oder einer Peitsche. Stefan wurde geschlagen, das war sicher. Gregor meldete den Vorfall an die nächste Polizeistreife weiter, denn für die beiden Kommissare blieb die Tür trotz Sturmklingel verschlossen.

Zurück im Büro informierten die beiden Kommissare zunächst das Jugendamt über die Zustände in der Familie. Dann warteten sie auf das Eintreffen Stefans. Um den Jungen nicht zu verschrecken, fragten sie ihn zunächst über die Schule und seine Hobbys aus. Dann begann Carmen: „Du kanntest Frau Stamm? Erzähle uns bitte, was bei deinem letzten Besuch vorgefallen ist.“ Carmens Miene zeigte keine Gefühlsregung, doch Gregor wusste genau was in ihr vorging. „Ich frage und du schreibst, Carmen.“ Gregor übernahm die Vernehmung.

„Was ist an jenem Tag vorgefallen? Erzähl einfach deine Geschichte. Wenn ich Fragen habe
unterbreche ich dich.“ Stefan begann: „ Ich habe der Alten einmal auf Befehl meiner Mutter bei den Einkäufen geholfen. Wir waren im Supermarkt um die Ecke und die Frau tat sich sehr schwer. So kam es, dass ich der Frau seit Oktober oft im Haushalt half. Ich habe eingekauft, Staub gesaugt, die Fenster geputzt und solche Dinge getan. Für einen Stunde bekam ich acht Euro. Eigentlich nicht schlecht, aber diese Alte war, genau wie meine Mutter, sehr nervig.“

Er machte eine längere Pause. „Am letzten Adventwochenende sollte ich ein Bild aufhängen, hab es dann aber nicht geschafft. So ging ich am Heiligabend noch einmal zu der Frau. Sie war richtig wütend, weil das Bild ja schon lange aufgehängt sein sollte. Auch ich wurde wütend, ich strenge mich an und das für so wenig Kröten. Was hat die Alte nur? Oft sah ich ihren gut gefüllten Geldbeutel. Ich hatte das Gefühl , dass sie mir für diese Beschimpfungen etwas schuldig war. Der Hammer lag am Tisch, ich nahm ihn und schlug zu. Die Alte ging gleich zu Boden. Ich schnappte mir das Geld aus der Börse und lief weg. Den Hammer schmiss ich in eine Hecke.“

Die beiden Kommissare hatten was sie wollten, waren darüber aber nicht wirklich glücklich. Ihnen tat der Junge einfach nur leid. „Wir müssen Dich jetzt in den Jugendarrest geben. Es wird eine Anklage wegen Mordes folgen.“ Carmen weinte, als der Junge von einem Polizisten abgeführt wurde.

Schon nach einigen Wochen wurde von der Staatsanwaltschaft eine Anklage wegen Mordes
beantragt. Der Rechtsanwalt plädierte für eine Verurteilung wegen Totschlags in einem minder schweren Fall, weil die Erziehung des Jungens maßgeblich zur Tat beigetragen hat. Der vorsitzende Richter sah einheitlich zwar den Tatbestand des Mordes gegeben, konnte aber in den Umständen zwingende Gründe für einen minder schweren Fall erkennen und verurteilten Stefan zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren.
 
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ahorn

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Moin, Heike,

willkommen. Bitte tust du deinen Leser ein Gefallen und formatierst den Test, damit man ihn besser lesen kann.
Beispiele:
„Kripo Wuppertal? Ich brauchte eine Auskunft zu Dagmar Krumm. Danke. Wann ist sie nach Köln zugezogen? Ja, ich verstehe. Sie wohnt schon seit 20 Jahren in Köln. Ist sie in dieser Zeit umgezogen?“ ZEILENUMBRUCH Sprecherwechsel Die freundliche Stimme am anderen Ende des Hörers konnte folgende Auskunft geben. „Ja, vor einem Jahr ist die Familie Krumm aus Chorweiler nach Sülz gezogen.“ ZEILENUMBRUCH Sprecherwechsel

Die Tochter der Toten kam pünktlich ins Kommissariat. Der Tod der Mutter schien sich nicht KEIN ZEILENUMBRUCH
sonderlich mitzunehmen. Ziemlich genervt forderte sie die Beamten auf, die Angelegenheit KEIN ZEILENUMBRUCH
möglichst schnell zu bearbeiten, weil sie die Wohnung ihrer Mutter bald kündigen möchte.


Danke, Gruß
Ahorn
 

ahorn

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Moin Heike Bauer,

vielleicht hattest du keine Zeit oder kein Bock den Text akkurat zu formatieren, daher labere ich bloß allgemein über diesen. Als ich
‚Kommissarin Carmen Neubauer‘
und
‚Sie müssen Ihren Urlaub unbedingt unterbrechen
‘ war es mir eigentlich klar, das wird nicht. Jedenfalls bis du keine Beamtin oder eine und tarnst dich als Unwissende. Beamtin hin oder her ein Krimiautor sollte zumindest ein paar Grundbegriffe kennen.
Ein Kommissar …, ist ein von einem Auftraggeber mit einer Angelegenheit oder Aufgabe oder per Befehl Beauftragter, in stellvertretender Wahrnehmung der Amtsgeschäfte.
(Wikipedia). Und bitte, welch niederer Beamte wird aus dem Urlaub geholt? Dann der Satz:
‚Frau Neubauer, es gibt eine Leiche‘.
Davon gibt es eine Menge. Der Satz ist Murks. Von der komischen Stuhlverrenkung abgesehen. Aber ich las weiter und erheiterte mich über:
‚eine aufgelöste Nachbarin aus einem der Mietshäuser in der Vorstadt hatte die Polizei gerufen, weil sie der Gestank aus der Wohnung ihrer Nachbarin störte.‘
Ich stellte mir vor, wie sie sich aufgelöst über ihren Teppich ergoss.
‚Da die alte Dame nicht öffnete, wurde die Tür aufgebrochen.‘
Logisch, sie war ja auf ihrem Teppich verteilt. Dennoch blieb ich am Ball. Wenngleich ich weiterhin gewiesen Murks las, war ich hingerissen. Ich dachte an Frisch und Dürrenmatt, die mit ihrer nüchternen, emotionslosen Schweitzer Art brillierten. Zusammen mit der Kommissarin, die bei mir zu einer Kommissärin mutierte, fühlte ich mich versetzt nach Zürich oder Bern. Die
‚Monteure, Bettler oder Hausierer.'
festigten meinen Eindruck. Es stand für mich fest: Du versuchst dich als Dürrenmatt. Endlich einmal jemand hier in der LeLu, der große Literatur liebt. Wie enttäuscht war ich, als du von
und
berichtetes. Da konnte nicht einmal das
‚Kommissariat‘
etwas retten.
Also Heike Bauer, entweder du baust die Schweizerin in dir aus, oder du machst einen anständigen, faktisch gut recherchierte Geschichte aus dem Text. Das heißt nicht, dass die Eidgenossen nicht faktisch gut recherchieren. Potenzial hast du für beides. Wenn du willst, bleibe ich weiter am Ball. Das Ding hat etwas.;)

Gruß
Ahorn
 

Heike Bauer

Mitglied
Hallo Ahorn,

das mit der Schweizerin verstehe ich noch nicht so ganz -

ich hatte wirklich bislang keine Zeit wieder daran zu arbeiten, bin dir aber für jeden Ratschlag dankbar
 

Heike Bauer

Mitglied
ja, ich habe Dürrenmatt gelesen, aber ich versuche mich nicht an ihm

ich bin bei meinen ersten Gehversuchen und einfach mächtig überfordert von der Frage wohin die Reise gehe soll
 



 
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