Medias Argento
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Sie hielt zum ersten Mal einen Tennisball in den Händen. Der Ball war groß, die eine Hälfte rot und die andere grün. Er ließ sich leicht eindrücken. Sie hatte einen kleinen Schläger. Ihr Vater saß auf einer Bank und schaute ihr zu. Ihr Vater war strohblond und seine großen Zähne machten ihr Angst.
Meili ging nach Hause und sagte ihrer Mutter, sie wolle nicht mehr. Die Mutter war gerade schwanger mit Kevin. Sie sagte, das sei schon in Ordnung. Dann kam die krächzende Stimme ihres Vaters. Ihr Vater sagte, das komme überhaupt nicht infrage. Meili war sechs Jahre alt.
Meili ging weiter zum Training. Ihr Vater fuhr sie. Dort stand sie meistens nur herum und wusste nicht, was sie mit dem Ball anfangen sollte. Es war laut um sie herum. Die Kinder schrien, gerieten aneinander. Auch die Trainer wurden laut. Einmal war ihr nach Weinen zumute. Sie biss aber die Lippen zusammen und schlug einfach nach dem Ball.
Ihr Vater begann, mit den Trainern zu reden. Zunächst war er vertraulich, dann fordernd, und schließlich wurde er lauter als die Trainer selbst. Seine Worte fanden sie überall auf dem Platz. Sie stand da wie festgefroren. Sie schlug blind zu, mit ganzer Kraft. Fast immer am Ball vorbei.
An einem dieser Samstage kam ein alter Mann in die Halle. Er saß auch auf der Bank und schaute den Kindern zu. Er sprach mit den Trainern, und irgendwann sprach er auch mit ihrem Vater. Sie sah, wie der Vater den Rücken leicht beugte. Sie sah, dass er nicht mehr redete, sondern zuhörte. Sie sah auch, wie er sich hinsetzte und für eine Weile still war. Und ab da kam er nicht mehr in die Halle. Er blieb draußen und rauchte.
„Wer war das?", fragte Meili den Trainer Marko.
„Ronnie. Ihm gehört die Akademie."
Irgendwann veränderte sich der Ball. Er wurde kleiner und flinker. Er war jetzt orange, und das Grün darin war hell. Sie hatte auch einen neuen Schläger, einen weißen. Mit diesem Schläger stand sie manchmal vor dem Spiegel zu Hause. Das hatte ihr Marko empfohlen. Und sie schwang den Schläger. Sie wusste jetzt, was eine Vorhand, eine Rückhand und ein Fehler war.
Nebenan schrie Kevin aus Leibeskräften. Er hörte nur auf, wenn die Mutter ihm vorsang. Ihr Vater war immer seltener zu Hause. War er da, dann gab es auch Streit.
Sie schlug ihrer Mutter vor, einfach wegzugehen. Sie würden Kevin mitnehmen und die Wohnung verlassen. Die Welt sei groß genug, und sie wusste jetzt auch, dass sie rund sei. Irgendwo würden sie ihren Platz finden. Die Mutter hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Warte nur, bis du groß bist. Nicht alles ist so einfach."
Meili ging weiter zum Training. Jetzt aber auch dienstags. Sie wurde immer noch von ihrem Vater in dem alten, weinroten Mercedes gefahren. Sie saß im Auto und trug Kopfhörer.
„Ist für die Konzentration", hatte sie zu ihrem Vater gesagt.
Der Ball änderte sich wieder, und jetzt war er grün. Das Grün war blass, der Filz kurz gehalten und darauf ein münzgroßer, dunkelgrüner Punkt. Das war auch sein Name: Grüner Punkt. Nach ihm erkundigten sich auch die neuen Trainer. Wie weit sie war. Das war auch der letzte vor den richtigen. Dem richtigen Tennisball.
Mit dem Grünen Punkt trainierte sie an einem Freitag mit Ronnie. Die Stunde bei ihm war teuer und sie war mit ihm allein auf dem Platz. Sie rannte. Sie schlug nach allen Bällen. Sie hörte zu, wenn er mit ihr sprach. Dann rannte sie wieder und alles aus ihr wollte nach außen treten: der Schweiß, der Atem und viele Dinge, die sie nicht beim Namen nennen konnte. Ihre Haut begann zu kribbeln. Ihr wurde schwindlig. Sie brach das Training ab.
Am Ende fragte sie: „Ronnie, wie war ich?"
„Das war ein Affenzirkus, Meli. Oder etwa nicht?"
Er konnte ihren Namen nicht richtig aussprechen. Er schaute ihr dabei nicht in die Augen.
Kevin war vier und hatte auch einen eigenen Tennisschläger, einen aus Plastik, der buntes Licht erzeugte und blecherne Geräusche von sich gab. Er kam jetzt mit dem Vater in die Tennishalle und der Vater war still, aber Kevin war laut. Das Kind rannte überall herum. Es hob Bälle auf, warf sie nach anderen Kindern. Die Trainer sahen das. Sie sahen, wie der Kleine sich bewegte, wie seine Augen geradezu vom Ball angezogen wurden. Er freute sich, wenn er den Ball traf. Sie nahmen Kevin ins Training auf.
Meili nahm weniger Stunden. Das Samstagtraining fiel aus. Nur dienstags ging sie noch hin, dann mit der Ringbahn. Sie saß mit ihrer großen Tennistasche im Zug und später im Bus. Sie hatte ein Tagebuch begonnen. Vielleicht einen Roman.
Es lief für sie auch nicht gut in der Schule. Sie hatte Freundinnen aus Moabit und manchmal fuhren sie nach Kreuzberg und blieben länger draußen. Kevin war dagegen sehr beschäftigt. Der Vater fuhr ihn überall herum. Kevin trainierte jetzt beim Rot-Weiß. Und einmal die Woche hatte er kostenloses Training beim Tennisverband. Er war ein guter Spieler geworden. Nicht nur ihr Vater sagte, das werde mal ein Star. Da spielte Meili schon lange mit dem richtigen Tennisball.
Ihr Training war jetzt Routine. Die Mädchen schlugen einfach nach dem Ball. Meili hatte es sich abgewöhnt, Freundinnen in den Trainingsgruppen zu suchen. Beim Training trafen sie sich nur, schlugen Bälle, machten ein paar Aufschläge und gingen dann wieder heim.
Es war ein später Dienstagnachmittag. Meli hatte Streit mit einer Schulfreundin. Sie hatten sich gezofft über einen Jungen. Jetzt schrieben sie sich gegenseitig Nachrichten, die Beschuldigungen nahmen zu. Es wurden Fotos ausgetauscht. Andere, unbeteiligte, ins Gespräch involviert.
Ronnie trat auf den Platz und nahm sie beiseite. Er schaute sie lange an.
„Meli", sagte er, „woran denkst du, wenn du den Ball schlägst?"
„An nichts", sagte sie. „Ich schlage den Ball."
„Nicht mal daran, dass der erst mal übers Netz muss?"
Es war wenig Raum zwischen ihnen. Ronnie stand ganz nah.
Sie versuchte, darauf zu achten. Sie traf immer wieder das Netz, und das Geräusch war flach. Sie spielte stärker und höher, und alles ging dann ins Aus.
„Jetzt atme dabei aus", sagte Ronnie. „Atme einfach nur aus."
Ihre Bälle wurden besser. Sie landeten kraftvoll im Feld. Sie spürte ein Prickeln am Körper. Sie bekam jeden Ball. Und atmete mit dem Schlag aus.
Auf dem Rückweg im 184er nach Tempelhof saß sie am Fenster. Der Bus dröhnte, die Stadt zog an ihr vorbei. Die Wärme von vorhin hielt immer noch an. Sie wurde aber schwächer, sie wanderte von ihrem Bauch in den Fingerspitzen, in den Zehen. Sie nahm das Telefon in der Hand. Sie schrieb ihrer Freundin, dass es ihr sehr leid tue. Sie schrieb, dass sie selbst schuld sei. Sie schrieb, dass sie sie liebhabe. Sie drückte Enter und atmete dabei lange aus.
Sie hatte noch ein Jahr bis zum Abitur. Kevin war ein drahtiger Junge, der gerne FIFA auf der Xbox spielte. Sie saß mit ihm in der Küche und hatte Essen gekocht. Sie aßen Reis mit Wassergemüse und Kevin aß den gekochten Schweinebauch, den ihre Mutter so gerne kochte und den der Vater niemals aß. Die Wände waren dünn und sie hörten den Streit.
Der Junge war im Gesicht sonnenverbrannt. Seine Füße waren nackt und hell, er baumelte damit auf dem Stuhl.
Er sagte: „Wie ist das so als Trainerin?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Ganz normal. Ich mache samstags was mit den Kindern und das ist ganz okay. Wie läuft's bei dir?"
„Naja."
Sie hatte Kevin spielen sehen. Er hatte beide Matches gewonnen. Seine Gegner waren gut. Es gab sogar einen Spielbericht über Kevin, zwei Seiten groß im Matchball. Bei jedem Schlag hielt er den Atem an.
Sie sagte: „Du musst das nicht so ernst nehmen, weißt du?"
„Meinst du, die lassen sich scheiden?"
Die Augen des Jungen waren blau.
Sie lag nachts im Bett und manchmal hörte sie ihre Mutter lachen. Es kam nicht oft vor. Kevin horchte auf. Sie aber wusste jetzt, wie Fehler entstehen und wie man sie vermeidet. Auch gegenüber ihrem Vater atmete sie nur noch langsam aus.
Sie spielte den Ball jetzt anders. Sie war weich in ihren Bewegungen geworden. Bei ihr sah das kinderleicht aus. Sie nahm den Ball früh vor dem Körper, und vor dem Schlag führten ihre Füße einen kleinen Tanz aus. Auf Sand stieg unter ihr der rote Staub auf und verflüchtigte sich in der Luft. Auf künstlichen Spielflächen quietschten ihre Schuhe schrill. Sie selbst war leise. Tennis spielte sie neben sich. Ganz wie im Traum.
Sie gewann einmal beinahe gegen Kevin. Da war er siebzehn. Er war kurz davor, mit dem Tennis aufzuhören. Die Mutter zog bald nach Steglitz. Zu einem anderen Mann. Sie hatte das Match knapp verloren. Sie hatte zweimal Satzball gehabt und beide spielte sie ins Aus.
Sie sah, dass ihr Bruder sich nicht freute, sondern nur trauriger wurde. Er rang mit sich. Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und sagte: „Wenn du nichts dagegen tust, dann hört das niemals auf."
An dem Tag hatte der Himmel eine milchige Färbung und die Kälte lag noch in den Schatten. Das Grün setzte sich immer mehr durch. Es roch auch anders und Kevin trug die Haare lang. Er versteckte seine Zigaretten im Bad.
Der Tag kam, an dem er um die Stadtmeisterschaft spielte. Er spielte vor Publikum, und das Match war hart. Er hörte den Vater von der Tribüne krächzen. Er zerstörte zwei Schläger. Den dritten warf er einfach. Den Vater verfehlte er. Er wurde disqualifiziert, verlor seine Spielerlizenz und durfte nicht mehr antreten. Über den Vorfall gab es nur eine Randnotiz im Matchball.
Sie arbeitete jetzt fast die ganze Woche. Sie studierte in Potsdam. Abends kochte sie für ihren Vater. Er war dürr geworden und seine Zähne stachen noch mehr hervor. Er schimpfte oft darüber, wie er verraten wurde. Er trank.
Sie begann die Stunden mit dem roten Ball. Dann wechselte sie zum orangenen Ball und so weiter. Sie hatte gute Gruppen, die sie von Ronnie übernommen hatte, und seine Einzelstunden, da er jetzt nicht mehr da war. Sie schlug Bälle, die Bälle flogen über das Netz und sie atmete dabei aus. Und sie dachte, das sei es. Alles andere war egal.
Meili ging nach Hause und sagte ihrer Mutter, sie wolle nicht mehr. Die Mutter war gerade schwanger mit Kevin. Sie sagte, das sei schon in Ordnung. Dann kam die krächzende Stimme ihres Vaters. Ihr Vater sagte, das komme überhaupt nicht infrage. Meili war sechs Jahre alt.
Meili ging weiter zum Training. Ihr Vater fuhr sie. Dort stand sie meistens nur herum und wusste nicht, was sie mit dem Ball anfangen sollte. Es war laut um sie herum. Die Kinder schrien, gerieten aneinander. Auch die Trainer wurden laut. Einmal war ihr nach Weinen zumute. Sie biss aber die Lippen zusammen und schlug einfach nach dem Ball.
Ihr Vater begann, mit den Trainern zu reden. Zunächst war er vertraulich, dann fordernd, und schließlich wurde er lauter als die Trainer selbst. Seine Worte fanden sie überall auf dem Platz. Sie stand da wie festgefroren. Sie schlug blind zu, mit ganzer Kraft. Fast immer am Ball vorbei.
An einem dieser Samstage kam ein alter Mann in die Halle. Er saß auch auf der Bank und schaute den Kindern zu. Er sprach mit den Trainern, und irgendwann sprach er auch mit ihrem Vater. Sie sah, wie der Vater den Rücken leicht beugte. Sie sah, dass er nicht mehr redete, sondern zuhörte. Sie sah auch, wie er sich hinsetzte und für eine Weile still war. Und ab da kam er nicht mehr in die Halle. Er blieb draußen und rauchte.
„Wer war das?", fragte Meili den Trainer Marko.
„Ronnie. Ihm gehört die Akademie."
Irgendwann veränderte sich der Ball. Er wurde kleiner und flinker. Er war jetzt orange, und das Grün darin war hell. Sie hatte auch einen neuen Schläger, einen weißen. Mit diesem Schläger stand sie manchmal vor dem Spiegel zu Hause. Das hatte ihr Marko empfohlen. Und sie schwang den Schläger. Sie wusste jetzt, was eine Vorhand, eine Rückhand und ein Fehler war.
Nebenan schrie Kevin aus Leibeskräften. Er hörte nur auf, wenn die Mutter ihm vorsang. Ihr Vater war immer seltener zu Hause. War er da, dann gab es auch Streit.
Sie schlug ihrer Mutter vor, einfach wegzugehen. Sie würden Kevin mitnehmen und die Wohnung verlassen. Die Welt sei groß genug, und sie wusste jetzt auch, dass sie rund sei. Irgendwo würden sie ihren Platz finden. Die Mutter hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: „Warte nur, bis du groß bist. Nicht alles ist so einfach."
Meili ging weiter zum Training. Jetzt aber auch dienstags. Sie wurde immer noch von ihrem Vater in dem alten, weinroten Mercedes gefahren. Sie saß im Auto und trug Kopfhörer.
„Ist für die Konzentration", hatte sie zu ihrem Vater gesagt.
Der Ball änderte sich wieder, und jetzt war er grün. Das Grün war blass, der Filz kurz gehalten und darauf ein münzgroßer, dunkelgrüner Punkt. Das war auch sein Name: Grüner Punkt. Nach ihm erkundigten sich auch die neuen Trainer. Wie weit sie war. Das war auch der letzte vor den richtigen. Dem richtigen Tennisball.
Mit dem Grünen Punkt trainierte sie an einem Freitag mit Ronnie. Die Stunde bei ihm war teuer und sie war mit ihm allein auf dem Platz. Sie rannte. Sie schlug nach allen Bällen. Sie hörte zu, wenn er mit ihr sprach. Dann rannte sie wieder und alles aus ihr wollte nach außen treten: der Schweiß, der Atem und viele Dinge, die sie nicht beim Namen nennen konnte. Ihre Haut begann zu kribbeln. Ihr wurde schwindlig. Sie brach das Training ab.
Am Ende fragte sie: „Ronnie, wie war ich?"
„Das war ein Affenzirkus, Meli. Oder etwa nicht?"
Er konnte ihren Namen nicht richtig aussprechen. Er schaute ihr dabei nicht in die Augen.
Kevin war vier und hatte auch einen eigenen Tennisschläger, einen aus Plastik, der buntes Licht erzeugte und blecherne Geräusche von sich gab. Er kam jetzt mit dem Vater in die Tennishalle und der Vater war still, aber Kevin war laut. Das Kind rannte überall herum. Es hob Bälle auf, warf sie nach anderen Kindern. Die Trainer sahen das. Sie sahen, wie der Kleine sich bewegte, wie seine Augen geradezu vom Ball angezogen wurden. Er freute sich, wenn er den Ball traf. Sie nahmen Kevin ins Training auf.
Meili nahm weniger Stunden. Das Samstagtraining fiel aus. Nur dienstags ging sie noch hin, dann mit der Ringbahn. Sie saß mit ihrer großen Tennistasche im Zug und später im Bus. Sie hatte ein Tagebuch begonnen. Vielleicht einen Roman.
Es lief für sie auch nicht gut in der Schule. Sie hatte Freundinnen aus Moabit und manchmal fuhren sie nach Kreuzberg und blieben länger draußen. Kevin war dagegen sehr beschäftigt. Der Vater fuhr ihn überall herum. Kevin trainierte jetzt beim Rot-Weiß. Und einmal die Woche hatte er kostenloses Training beim Tennisverband. Er war ein guter Spieler geworden. Nicht nur ihr Vater sagte, das werde mal ein Star. Da spielte Meili schon lange mit dem richtigen Tennisball.
Ihr Training war jetzt Routine. Die Mädchen schlugen einfach nach dem Ball. Meili hatte es sich abgewöhnt, Freundinnen in den Trainingsgruppen zu suchen. Beim Training trafen sie sich nur, schlugen Bälle, machten ein paar Aufschläge und gingen dann wieder heim.
Es war ein später Dienstagnachmittag. Meli hatte Streit mit einer Schulfreundin. Sie hatten sich gezofft über einen Jungen. Jetzt schrieben sie sich gegenseitig Nachrichten, die Beschuldigungen nahmen zu. Es wurden Fotos ausgetauscht. Andere, unbeteiligte, ins Gespräch involviert.
Ronnie trat auf den Platz und nahm sie beiseite. Er schaute sie lange an.
„Meli", sagte er, „woran denkst du, wenn du den Ball schlägst?"
„An nichts", sagte sie. „Ich schlage den Ball."
„Nicht mal daran, dass der erst mal übers Netz muss?"
Es war wenig Raum zwischen ihnen. Ronnie stand ganz nah.
Sie versuchte, darauf zu achten. Sie traf immer wieder das Netz, und das Geräusch war flach. Sie spielte stärker und höher, und alles ging dann ins Aus.
„Jetzt atme dabei aus", sagte Ronnie. „Atme einfach nur aus."
Ihre Bälle wurden besser. Sie landeten kraftvoll im Feld. Sie spürte ein Prickeln am Körper. Sie bekam jeden Ball. Und atmete mit dem Schlag aus.
Auf dem Rückweg im 184er nach Tempelhof saß sie am Fenster. Der Bus dröhnte, die Stadt zog an ihr vorbei. Die Wärme von vorhin hielt immer noch an. Sie wurde aber schwächer, sie wanderte von ihrem Bauch in den Fingerspitzen, in den Zehen. Sie nahm das Telefon in der Hand. Sie schrieb ihrer Freundin, dass es ihr sehr leid tue. Sie schrieb, dass sie selbst schuld sei. Sie schrieb, dass sie sie liebhabe. Sie drückte Enter und atmete dabei lange aus.
Sie hatte noch ein Jahr bis zum Abitur. Kevin war ein drahtiger Junge, der gerne FIFA auf der Xbox spielte. Sie saß mit ihm in der Küche und hatte Essen gekocht. Sie aßen Reis mit Wassergemüse und Kevin aß den gekochten Schweinebauch, den ihre Mutter so gerne kochte und den der Vater niemals aß. Die Wände waren dünn und sie hörten den Streit.
Der Junge war im Gesicht sonnenverbrannt. Seine Füße waren nackt und hell, er baumelte damit auf dem Stuhl.
Er sagte: „Wie ist das so als Trainerin?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Ganz normal. Ich mache samstags was mit den Kindern und das ist ganz okay. Wie läuft's bei dir?"
„Naja."
Sie hatte Kevin spielen sehen. Er hatte beide Matches gewonnen. Seine Gegner waren gut. Es gab sogar einen Spielbericht über Kevin, zwei Seiten groß im Matchball. Bei jedem Schlag hielt er den Atem an.
Sie sagte: „Du musst das nicht so ernst nehmen, weißt du?"
„Meinst du, die lassen sich scheiden?"
Die Augen des Jungen waren blau.
Sie lag nachts im Bett und manchmal hörte sie ihre Mutter lachen. Es kam nicht oft vor. Kevin horchte auf. Sie aber wusste jetzt, wie Fehler entstehen und wie man sie vermeidet. Auch gegenüber ihrem Vater atmete sie nur noch langsam aus.
Sie spielte den Ball jetzt anders. Sie war weich in ihren Bewegungen geworden. Bei ihr sah das kinderleicht aus. Sie nahm den Ball früh vor dem Körper, und vor dem Schlag führten ihre Füße einen kleinen Tanz aus. Auf Sand stieg unter ihr der rote Staub auf und verflüchtigte sich in der Luft. Auf künstlichen Spielflächen quietschten ihre Schuhe schrill. Sie selbst war leise. Tennis spielte sie neben sich. Ganz wie im Traum.
Sie gewann einmal beinahe gegen Kevin. Da war er siebzehn. Er war kurz davor, mit dem Tennis aufzuhören. Die Mutter zog bald nach Steglitz. Zu einem anderen Mann. Sie hatte das Match knapp verloren. Sie hatte zweimal Satzball gehabt und beide spielte sie ins Aus.
Sie sah, dass ihr Bruder sich nicht freute, sondern nur trauriger wurde. Er rang mit sich. Sie setzte sich neben ihn auf die Bank und sagte: „Wenn du nichts dagegen tust, dann hört das niemals auf."
An dem Tag hatte der Himmel eine milchige Färbung und die Kälte lag noch in den Schatten. Das Grün setzte sich immer mehr durch. Es roch auch anders und Kevin trug die Haare lang. Er versteckte seine Zigaretten im Bad.
Der Tag kam, an dem er um die Stadtmeisterschaft spielte. Er spielte vor Publikum, und das Match war hart. Er hörte den Vater von der Tribüne krächzen. Er zerstörte zwei Schläger. Den dritten warf er einfach. Den Vater verfehlte er. Er wurde disqualifiziert, verlor seine Spielerlizenz und durfte nicht mehr antreten. Über den Vorfall gab es nur eine Randnotiz im Matchball.
Sie arbeitete jetzt fast die ganze Woche. Sie studierte in Potsdam. Abends kochte sie für ihren Vater. Er war dürr geworden und seine Zähne stachen noch mehr hervor. Er schimpfte oft darüber, wie er verraten wurde. Er trank.
Sie begann die Stunden mit dem roten Ball. Dann wechselte sie zum orangenen Ball und so weiter. Sie hatte gute Gruppen, die sie von Ronnie übernommen hatte, und seine Einzelstunden, da er jetzt nicht mehr da war. Sie schlug Bälle, die Bälle flogen über das Netz und sie atmete dabei aus. Und sie dachte, das sei es. Alles andere war egal.