9
Sie konzentrierten sich weiter auf den Schusswechsel. Auch Kim hatte sich wieder zu ihnen gesellt und begann vom Salon aus auf die Angreifer zu schießen, die aufs Deck gesprungen waren.
Der Hubschrauber flog eine niedrige Schleife. Pitt sah aus dem Augenwinkel, dass fünf Froschmänner absprangen und sofort abtauchten. Kurz danach flog die Maschine über ihre Jacht und weitere fünf Männer seilten sich schnell, bereits auf die Angreifer der anderen zwei Boote schießend, zu ihnen ab. Dann verschwand der Hubschrauber, im Dunkel der Nacht Richtung Küste.
Einander sichernd, stieß die kleine Gruppe SEALs vom Oberdeck aus zu den beiden Frauen und Pitt, die unter schwerem Beschuss standen, vor.
„Na endlich, Jungs. Willkommen auf der ‚Al Salam‘, wo einem noch die blauen Bohnen um die Ohren fliegen. Das wird aber auch Zeit!“, schrie Pitt laut, gegen den Krach der tuckernden Maschinenpistolen ankämpfend. „Habt ihr erst noch eine Kaffeepause gemacht, oder was? Seht zu, dass ihr mir die Frauen beschützt. Meine Freunde reißen uns sonst den Arsch auf, wenn ihnen was passiert“, dabei grinste er in die ernsten Gesichter der jungen Männer und lud seine Waffe nach. Jegliche Deckung nutzend, kämpften sich die sechs Männer und zwei Frauen vorwärts.
Als vom Nachbarboot ein Mann aufs Deck sprang und von der Seite das Feuer auf einen der SEALs eröffnen wollte, hechtete Pitt nach vorn und warf sich auf den Angreifer. Schmerzhaft knallten sie auf die Planken. Pitt schlug die Hand des Mannes mit aller Kraft gegen die Bordwand, bis dessen Pistole rumpelnd aufs Deck fiel und ein ganzes Stück weiter rutschte.
Die beiden Männer wälzten sich übers Deck. Pitt drückte ihn nach oben. Es gelang ihm, den Kerl auszuhebeln, und warf ihn kopfüber ab. Schnell richtete er sich wieder auf und begab sich in Kampfposition. Auch der Angreifer kam schnell wieder auf die Beine, zückte sein Messer und griff Pitt erneut an. Er wehrte gekonnt einen Tritt in die Leistengegend ab und versuchte, mit dem Messer einen Nierenschlag zu landen. Pitt wich nach links aus, und hieb mit seiner rechten Handkante mit voller Wucht auf die Nasenwurzel des Kerls. Der schlug taumelnd hart mit dem Hinterkopf auf der Reling auf, ging blutüberströmt zu Boden und blieb dort, noch immer sein Messer in der Hand, reglos liegen.
Die SEALs hatten dabei keine Möglichkeit einzugreifen, dafür ging das Ganze viel zu schnell. Ihnen blieb nichts weiter übrig, als die anderen Kerle mit gezieltem Sperrfeuer einzudecken, um sie fernzuhalten.
Die Soldaten beobachteten erstaunt, wie der Mann, der sich ihnen als Pitt Dressler vorgestellt hatte, das Messer lässig mit dem Fuß wegkickte, Kabelbinder aus seiner Hosentasche zog und den Kerl gekonnt damit die Daumen und mit einem zweiten seine Beine fesselte. Fröhlich zwinkerte er ihnen zu und kehrte zu ihnen zurück. Gemeinsam konnten sie die Angreifer langsam vom Deck der Jacht zurücktreiben.
Als das Schnellboot der ägyptischen Marine eintraf, übernahmen sie den Sturm auf die beiden brennenden Schiffe, auf denen sich ihre Besatzungen verbissen wehrten und sich weitere harte Feuergefechte lieferten.
Ein Festrumpfschlauchboot mit sechs Marinetauchern wurde zu Wasser gelassen. Sofort fuhr der Zodiac „Pro 12 man“ in die Richtung, wo sie den Lichtschein einer Unterwasserlampe ausmachen konnten, die auf die Wasseroberfläche gerichtet war. Mit zusätzlichen Pressluftflaschen, die die Froschmänner vor sich am Jackett trugen, ließen sie sich über den Schlauchkörper des Bootes, rücklings ins Wasser fallen und tauchten sofort ab.
Zur selben Zeit unter Wasser
Andreas und Sebastian wehrten sich mit Leibeskräften gegen ihre Angreifer und nutzten dabei, so lange sie konnten, auch die Luftvorräte ihrer Gegner, indem sie ihnen beim Einzelkampf ihre zweiten Atemregler entrissen und daraus atmeten, bis sie den Feind überwältigt hatten. Dann steckten sie sich das Mundstück einer weiteren Notluftpatrone zwischen die Zähne, bis sie den nächsten Angreifer vor sich hatten.
Die vier neu hinzugekommenen Männer erwiesen sich als gute Taucher und starke Gegner. Wohingegen Sebastian und Andreas, langsam ihre Kräfte verließen. Beide hatten die zweite und damit letzte Notpatrone schon fast leer, als ihnen fünf schwarz gekleidete Froschmänner zur Hilfe kamen und die feindlichen Angreifer übernahmen, die sie wenig später auch in ihre Gewalt bringen konnten. Zwei der US-Navy-SEALs versorgten Sebastian und Andreas mit Luft aus ihren Reserveatemreglern. Als sie mit den beiden Männern, denen ihre Sweatshirts nur noch in Fetzen am Körper hingen, aufsteigen wollten, lehnten beide ab und zeigten auf ihre Tauchcomputer.
Die zwei SEALs schalteten sofort und gaben über ihren internen Funk an ihre Kameraden weiter, dass sich die beiden Männer bereits weit in der Nullzeit befanden. Schnell, trotzdem auf ihre Dekozeiten achtend, brachten die vier anderen SEALs ihre Gefangenen nach oben und übergaben sie an das gerade angekommene Schnellboot der ägyptischen Marine, die noch im Schusswechsel mit den feindlichen Booten stand. Sofort tauchten sie wieder ab, um den beiden Männern gemeinsam mit ihren Kameraden zu helfen. Sich abwechselnd, gaben sie den schwer angeschlagenen, bereits leicht unterkühlten Männern über ihren zweiten Atemregler von ihrer Luft ab und machten mit ihnen die notwendigen Dekompressionspausen mit. Dabei hofften sie, dass bald die Taucher der ägyptischen Marine mit zusätzlichen Pressluftflaschen bei ihnen sein würden.
Sie richteten den Strahl einer ihrer Unterwasserlampen in Richtung Oberfläche, damit die anderen sie schneller finden konnten.
Im Lichtschein ihrer Lampen sahen sie, dass die beiden Männer verletzt waren und stark bluteten. Gerade als sie zu ihren Notpacks greifen wollten, sahen sie, wie Andreas und Sebastian ihre eigenen Notpacks aus der Tasche zogen. Sie beobachteten weiter, wie sie sich eine, nur bei speziellen Sondereinheiten übliche, Ballonspritze in die Oberschenkel stachen und dabei aber den um einiges jüngeren SEALs auch noch zuzwinkerten. Anhand der Farbe des Spritzenballons erkannten die SEALs sofort, dass sich die beiden Männer ein Blutgerinnungsmittel injiziert hatten, jedoch die Spritze mit einem schnell wirksamen Schmerzmittel wieder mit ihrem Pack zurück in die Gürteltaschen steckten. Die SEALs banden die Wunden provisorisch, so gut es ihnen unter Wasser möglich war, mit Druckverbänden ab, um die starken Blutungen zumindest etwas einzudämmen oder ganz zu stoppen.
Als endlich die ägyptischen Taucher mit den zusätzlichen Pressluftflaschen zu ihnen kamen, halfen sie den beiden Männern, diese gegen ihre leeren Stahlflaschen auszutauschen.
Andreas und Sebastian erkannten bei den ägyptischen Marinetauchern ihre beiden Freunde Hasan und Kasim, die ihnen schon oft geholfen hatten. Andreas gab ihnen kurze Handzeichen und zeigte dann noch zusätzlich die Richtung, wo sie die anderen feindlichen Taucher finden würden. Dann hielt er zwei Finger hoch und das Zeichen dafür, dass sie tot sein dürften. Danach zeigte er sechs Finger hoch, und machte ein unbestimmtes Handzeichen, was bedeuten sollte, dass diese Kerle vielleicht noch leben könnten und sie die doch bitte bergen sollten. Hasan und Kasim gaben ganz lässig und unter ihren Masken grinsend ihr Okay-Zeichen und tauchten mit ihrem kleinen Trupp und den noch vier vorhandenen Reserveflaschen in die Richtung, die Andreas ihnen gezeigt hatte. Die SEALs hatten die international gültigen Handzeichen auch verstanden und schauten sich erstaunt an. Sie hatten Hochachtung vor der Leistung dieser beiden Männer. Aber sie konnten nicht glauben, dass sie bei dem ungleichen Kampf tatsächlich Gefangene gemacht haben sollten. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie dies möglich wäre. Die würden sich doch sofort aus dem Staub machen, wenn sie nur leicht verletzt wären. Und sie wunderten sich darüber, wie gelassen die beiden ägyptischen Taucher, die wohl die anderen anführten, das als selbstverständlich ansahen, es glaubten und sofort darauf reagierten.
Andreas und Sebastian bemerkten, wie ihre Kräfte mehr und mehr schwanden. Ihnen war kalt und sie waren müde, auch den jungen Soldaten blieb das nicht verborgen. Sie fassten die beiden Verletzten unter die Arme, hielten sie sicher und vor allem wach zwischen sich, während sie weiter auf ihre Dekompressionsstopps und den langsamen Aufstieg achteten. Doch zehn Meter vor der Wasseroberfläche verloren beide Männer, das Bewusstsein.
10
Nachdem sich die ägyptischen Marinesoldaten in das Feuergefecht eingemischt hatten, konnten Anne, Kim, Pitt und die fünf SEALs das erste Mal verschnaufen. Die Elitesoldaten bemerkten erst jetzt, dass die beiden Frauen wie auch der Mann verletzt waren. Während zwei von ihnen sicherten, kümmerten sich die anderen drei, um die Verletzten. Jeder Handgriff saß. Als sie das T-Shirt des großen, kräftigen Mannes aufrissen, um die Wunde am Oberkörper zu versorgen, stutzten sie kurz und sahen ihn erschrocken an.
„Was ist los, Jungs?“, fragte Pitt auf Englisch, als er bemerkte, dass sie in ihrer Bewegung verharrten.
„Fregattenkapitän Dressler, Sie haben aber viele Narben“, sagte einer der jungen Soldaten. Pitt lachte auf.
„Ja, ich glaube, das weiß ich schon. Das bringt das Leben so mit sich“, meinte er, noch immer lachend. „Aber nun klatsch mir schon endlich was auf die Wunde. Wir versauen hier sonst nur das ganze schöne Deck mit der roten Suppe. Und tut mir einen Gefallen, Jungs: Lasst den Fregattenkapitän weg, sonst ist die Anrede länger als der Satz, den ihr eigentlich sagen wollt. Ich heiße ganz einfach Pitt.“
„Danke, Mister Pitt. Sie haben mir da vorhin gerade den Hintern gerettet“, sagte der Soldat, während er die Wunde des Mannes verband, vor dem er großen Respekt hatte.
„Nichts zu danken. Das hättest du für mich auch getan. Pass nur das nächste Mal besser auf deinen Arsch auf, denn nicht immer ist ein anderer gerade in deiner Nähe, der ihn dir freihalten kann“, gab Pitt zurück, während er seine verletzte Hand selbst verband. Dann ging er, sich weiter in Deckung haltend, da noch immer vereinzelt Schüsse fielen, zu Anne und Kim.
„Na, wie geht es euch, Mädels?“, fragte er besorgt und kümmerte sich sofort, gemeinsam mit den amerikanischen Soldaten, weiter um die beiden Frauen.
Erstaunt schauten die US-Navy-SEALs, als der Mann ein Notpack aus der Tasche zog und den Frauen ein starkes Schmerzmittel spritzte. Anne aber nur eine minimale Dosis davon wollte und mehr ablehnte. Als Pitt sah, dass sich der Stoff ihrer Hose langsam rot zu färben begann, riss er ihr ohne jeglichen Kommentar das linke Hosenbein bis obenhin auf. Genau schaute er sich die Wunde an.
„Es ist nur ein Streifschuss, nicht weiter schlimm“, sagte Anne abwehrend, doch Pitt ließ sich nicht davon ablenken und versorgte ihre Wunde profissionell.
Die jungen Männer, die dabei zusahen, erblickten an der Wade der Frau eine große, lange Narbe.
„Wovon ist die?“, wollte der Soldat wissen, der zuvor Pitt versorgt hatte.
„Von einem Hai, mein Kleiner. Der hatte unsere Anne, im wahrsten Sinne des Wortes, zum Fressen gern. Nur hat das ihr Mann nicht zugelassen“, erzählte Pitt, wieder auf Englisch. Dann wandte er sich direkt an die gute Freundin: „Anne, in deiner Schulter steckt ein Projektil. Du musst von der Jacht runter und sofort ins Lazarett. Das Ding muss schnellstens raus.“
„Ich bleibe hier, bis Andy wieder oben ist. Vorher bekommt mich hier keiner weg. Also machst du es mir raus“, antwortete sie leise, aber bestimmt. Erschrocken schauten sich die fünf SEALs an.
„Ihr habt es gehört, Jungs“, sagte Pitt. „Bringt sie bitte vorsichtig in den Salon. Und setzt auch Kim mit dazu. Sie steht noch unter Schock. Deckt sie mit einer warmen Decke zu und gebt ihr was zu trinken.“ Dann ging er gebückt, sich im Schutz der hohen Reling haltend, zu seiner Tasche, die noch auf dem Deck unter der seitlichen Bank lag, und zog sie hinter sich her, bis er wieder aus der Schusslinie war.
Im Salon zurück, holte er eine Instrumententasche aus seinem Gepäck und rollte sie auf.
Er nahm sein Handy zur Hand und wählte eine Nummer, dann stellte er auf Laut und legte das Telefon auf den Tisch, während er sich in der kleinen Kombüse gleich nebenan gründlich die Hände wusch und desinfizierte. In der Zwischenzeit hatte sich der Teilnehmer auf Arabisch gemeldet.
„Hallo Doc, hier ist Pitt.“, meldete er sich ebenfalls auf Arabisch, „Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.“
„Nein, Pitt, hast du nicht. Wir sind gerade mit dem Sanitätsschnellboot los und auf dem Weg zu euch“, antwortet Doktor Mechier nun auf Deutsch. „Was gibt es? Wie geht es euch? Hättest ruhig etwas sagen können, als du an uns vorbeigestürmt bist.“
„Ich habe Anne hier sitzen. Sie hat einen Steckschuss in der linken Schulter. Du bekommst sie aber hier nicht von dem Kahn runter, bevor Andy nicht wieder oben ist.“ Und er fügte leise hinzu: „Und ich hoffe, dass er und Sebi auch wirklich wieder hochkommen.“ Danach sprach er laut weiter. „Du weißt selbst, dass gegen Annes Sturheit nicht anzukommen ist. Also habe ich gar nicht erst weiter mit ihr diskutiert, es wäre eh zwecklos. Kennst sie ja. Ich habe alles dabei. Wie soll ich vorgehen? Sie besteht übrigens darauf, keine weiteren Schmerzmittel zu erhalten.
Ich glaube, wenn wir sie hier nicht festhalten, dann hat sie vor, gleich zu Andy runterzutauchen. Ich wüsste nicht, warum sie sonst darauf verzichten will. Das nur so am Rande. Aber ich habe ihr vor zehn Minuten wenigstens eine Vierteldosis Morphin spritzen können. Mehr wollte sie nicht. Und für die örtliche Betäubung haben wir nichts weiter hier.“
„Ich weiß ja, dass du es kannst, Pitt. Aber willst du den Eingriff wirklich selbst vornehmen?“, fragte der Arzt besorgt.
„Ja, Doc, er will.“, sagte Anne laut in Richtung des Handys auf dem Tisch. „Du weißt, dass mich keine zehn Pferde hier wegbekommen, bevor Andy nicht wieder oben ist. Und ich will fit sein, wenn er meine Hilfe braucht. Also keine Tricks mit Spritzen. Ich weiß, was in den einzelnen Dingern drin ist. Brauchst es also nicht erst zusammen mit Pitt zu versuchen.“
„Warum haut mich das bei euch Verrückten nicht mehr aus den Latschen?!“, gab Abdul Mechier zurück. Dann fragte er Pitt nach der genauen Stelle der Eintrittswunde und dem Eintrittswinkel des Projektils, die Pitt ihm kurz darauf ganz präzise beschrieb.
Anne legte sich bereitwillig auf den Tisch, steckte sich ein Verbandspäckchen zwischen die Zähne und nickte Pitt zu.
„Okay Abdul, es kann losgehen. Anne ist bereit“, sagte Pitt voll konzentriert, während er sich die medizinischen Handschuhe überstreifte.
Der ägyptische Arzt gab schrittweise Anweisungen für den Eingriff, die Pitt korrekt befolgte und genau kommentierte.
Wenn Anne zu fest in das Verbandspäckchen biss, um so den Schmerz zu unterdrücken, und lauter stöhnte, machte Pitt eine kleine Pause, bis sie ihm wieder zunickte. Erst dann machte er weiter. Die fünf Elitesoldaten kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Vor allem beeindruckte sie, dass die beiden dabei noch Witze machten, während sich Anne in den kleinen Pausen wieder erholte. Sie bewunderten diese Frau, die doch eigentlich eine Zivilistin war.
Kim war in der Zwischenzeit, nach Gabe eines Beruhigungsmittels, in der Sitzecke eingeschlafen. Auch sie wurde von den jungen Männern gleichermaßen bewundert. Denn sie hatten schon im Hubschrauber von ihrem Einsatz mit den Molotowcocktails und der Signalpistole mitgehört und sie danach auch gesehen, wie sie weiter verbissen mitgekämpft hatte.
Bereits kurze Zeit nach dem Eingriff stand die zierliche Frau, gestützt von Pitt schon wieder auf und fixierte ihren Arm noch fest am Körper.
Anne flocht sich ihr langes, blondes Haar etwas unbeholfen zu einem dicken Seitenzopf, nahm dann das Handy vom Tisch und hielt es sich vor den Mund. „Danke für deine Hilfe, Abdul. Pitt hat das hier ganz prima hinbekommen. Du solltest dir vielleicht überlegen, ihn in dein Team aufzunehmen“, witzelte sie.
„Allah beschütze mich vor diesem Wahnsinnigen. Ihr seid mir auch so schon verrückt genug. Da brauche ich nicht auch noch einen von euch als Mitarbeiter in meinem Lazarett. Ihr habt es auch schon oft genug auf den Kopf gestellt, als ihr hier Patienten wart. Außerdem hat dieser Kerl mir schon meine beste Krankenschwester abspenstig gemacht. Das reicht völlig“, wehrte der Arzt ab. Anne und Pitt mussten deshalb herzlich lachen.
„Aber sag, Doc, wie geht es meiner Tochter und den Zwillingen von Sebi und Kim?“, wollte Anne dann wissen.
„Sie schlafen schon längst und deine Eltern sind bei ihnen.“
„Gut, Doc. Dann beeile dich, dass du bald da bist. Hier brachen einige deine Hilfe“, sagte Anne. Dabei sah sie zu den jungen Soldaten und entdeckte, dass auch sie leichte Verletzungen davongetragen hatten. Pitt schon damit begonnen, sich um die Männer zu kümmern. Nachdem sie aufgelegt hatte, half sie ihrem Freund dabei. Die fünf jungen SEALs waren beeindruckt und zugleich beschämt, nun selbst von den Menschen fachmännisch verarztet zu werden, für deren Rettung sie eigentlich hergekommen waren.
Anne versorgte gerade eine kleine Platzwunde über der Augenbraue eines der Soldaten, als Oberstleutnant Kebier vom Marineboot auf Arabisch herüberrief: „Ist bei euch alles in Ordnung? Ihr könnt rauskommen. Es ist vorbei. Wir haben alle.“
Erstaunt hörten die fünf Soldaten, als die kleine Frau auf Arabisch etwas zurückrief. Die Männer hatten nichts davon verstanden. Schnell übersetzte Pitt alles ins Englische, als er bemerkte, wie sie ihn fragend anschauten.
Nachdem Anne den Soldaten fertig versorgt und ein Pflaster auf die Wunde geklebt hatte, hielt es sie nicht mehr länger im Salon. Sie ging, durch den hohen Blutverlust, noch etwas wankend, aufs Deck hinaus und stellte sich an die Reling. Dabei verzog sie ihr Gesicht leicht vor Schmerzen und hielt sich die Seite in Höhe der Taille, wo sie ebenfalls einen Streifschuss abbekommen hatte. Besorgt schaute sie aufs Wasser, wo sie einen Lichtschein sah. Pitt trat an ihre Seite und nahm sie beschützend in den Arm. Einer der Soldaten brachte eine Decke aus dem Salon mit und legte sie den beiden wärmend über die Schultern. Dann stellten sie sich zu ihnen an die Reling und blickten besorgt aufs Wasser, wo auch ihre Kameraden und ihr Gruppenführer noch waren.
11
Einer der Taucher gab ein kurzes Handzeichen, woraufhin sich ein anderer von der Gruppe um Andreas und Sebastian löste und langsam auftauchte, um nachzusehen, ob sie gefahrlos auftauchen können. Nur bis auf Augenhöhe steckte der Taucher seinen Kopf aus dem Wasser, schaute sich ringsherum um und tauchte auf zehn Meter zu seiner Gruppe zurück und gab das Okay-Zeichen. Der Gruppenführer kontrollierte die Tauchcomputer der beiden bewusstlosen Männer und schaute besorgt auf ihr Finimeter. Wieder gab er einem Mann seines Teams ein Zeichen. Dieser nickte seinem Vorgesetzten kurz zu und tauchte langsam zur Oberfläche. Da er der Jacht am nächsten war und darauf seine Kameraden erkannte, rief er in diese Richtung.„Wir benötigen noch Luft. Habt ihr da welche an Bord? Nach Möglichkeit mit Atemregler.“
„Ja!“, rief Anne sofort zurück. „Wir haben auch Nitrox, das ist besser. Wir bringen es sofort runter.“
Jetzt hielt Pitt nichts mehr. Er zog Kims Jackett über. All seinen Protesten zum Trotz befreite sich Anne aus der engen Armschlaufe und schlüpfte schnell in ihre eigene Tarierweste, die schon an einer frisch aufgefüllten Flasche festgemacht war. Während sie ihre Flossen anzog, bat sie die Soldaten, ihnen die letzten vier Nitroxflaschen auf die Taucherplattform zu bringen.
Damit hatten die fünf SEALs nicht gerechnet.
„Aber Sie sind verletzt“, protestierte einer von ihnen.
„Ja, und? Das seid ihr doch auch. Die Männer da unten brauchen mit Sauerstoff angereicherte Luft und wir werden sie ihnen bringen“, antwortete Anne kurz und befestigte schon die erste Stahlflasche mit einer festen Seilschlaufe vor sich am Jackett. Sie biss dabei vor Schmerzen ihre Zähne zusammen. Schnell sprang sie ins Wasser und ließ sich die zweite Flasche von Pitt herunterreichen.
„Aber dafür sind wir doch da“, meinte ein anderer der Männer.
„Lasst mal gut sein, Jungs. Ihr habt kein Equipment. Sie ist eine supergute Tauchlehrerin und weiß, was sie tut. Ihr habt schon genug für uns getan. Kümmert euch um Kim und ruht euch etwas aus“, gab Pitt leicht schmunzelnd auf Englisch zurück. „Sie ist jetzt ohnehin nicht mehr zu halten. Sagte ich doch schon.“ Kurzdarauf sprang auch er ins Wasser, und ließ sich die zweite Flasche geben. Bevor beide abtauchten, zwinkerten sie den Männern auf der Plattform noch einmal zu.
Anne und Pitt richteten sich nach dem Lichtkegel der Unterwasserlampe und hielten direkt darauf zu.
Die fünf Taucher staunten nicht schlecht, als da ein Mann in Badehose mit Jackett und eine Frau, nur mit einem Bikini bekleidet, in Tarierweste und dicken, weißen Verbänden, mit je zwei Zwölf-Liter-Flaschen Nitrox vor sich, auf sie zutauchten. Der Haargummi der Frau hatte sich gelöst und ihr langes, blondes Haar umspielte weich ihr Gesicht und ihren Körper, als sie perfekt austariert vor der Gruppe hielt. Dann tauchte sie zu dem Mann mit den schwarzen Haaren, hielt ihn unter seinen Armen fest, zog ihm ganz selbstverständlich das Mundstück heraus und nach Betätigung der Luftdusche steckte sie ihm ihren Oktopus zwischen die Zähne. Zur gleichen Zeit machte dies auch der andere Taucher bei dem kleinen Mann mit dem blonden Borstenhaarschnitt. Sie zwinkerten den US-Navy-SEALs zu, übergaben ihnen die vollen Nitroxflaschen und übernahmen dann an ihrer Stelle die bewusstlosen Männer, damit die Marines deren leere Pressluftflaschen, gegen die vollen Nitroxflaschen tauschen konnten.
Als Anne durch Zufall einen Blick auf das Finimeter von einem der SEALs warf, stellte sie fest, dass auch diese Männer nicht mehr viel Luft in ihren Zwillingsflaschen hatten. Sie gaben ihnen die eindeutigen Handzeichen, dass die anderen beiden Flaschen für sie bestimmt waren und sie mit Wechselatmung zur Wasseroberfläche zurückkehren könnten, während sie und Pitt sich weiter um ihre Freunde kümmern würden. Doch als der Gruppenführer bei den beiden die Verbände sah und wie sie sich langsam dunkel zu färben begannen, entschied er, weiter bei ihnen zu bleiben. Er befahl aber seinen Männern, aufzutauchen und für ihn noch eine Flasche herunterzubringen. Pitt reichte dem Mann seinen Oktopus und zeigte nach einem Blick auf Sebastians Tauchcomputer mit den Fingern die Minutenzahl an, die sie noch auf dieser Tiefe bleiben mussten, bevor sie um weitere drei Meter höher gehen konnten. Anne nickte ihm zu und hielt ihren Mann mit festem Griff auf dieser Höhe. Beide beobachteten genau die Atmung von Andreas und Sebastian, um schnelle Maßnahmen einleiten zu können, sollte die Atmung aussetzen.
Wenig später kam einer der Taucher zurück. Er half seinem Vorgesetzten beim Wechsel seiner Flasche und blieb mit unten bei der kleinen Gruppe, um ebenfalls im Notfall helfen zu können.
Auf sechs Metern erwachte Sebastian aus seiner Bewusstlosigkeit und schlug im ersten Reflex zu, um sich, gegen den vermeintlichen Angreifer, der ihn festhielt, zu wehren. Dabei traf er Anne im Gesicht und riss ihr den Atemregler aus dem Mund. Erschrocken reagierten die SEALs. Doch als sie der zierlichen Frau helfen wollten, hatte sie bereits den Atemregler wieder im Mund und der Mann in Badehose hatte den ‚Borstenkopf‘ in einem festen Griff genommen und begann, ihn zu beruhigen.
Die beiden Taucher waren beeindruckt von der Reaktionsschnelligkeit der beiden ihnen noch unbekannten Taucher und nickten ihnen anerkennend zu. Anne und Pitt lächelten freundlich zurück. Dann unterhielt sich Pitt, mithilfe der Zeichensprache, die auch Taubstumme für ihre Kommunikation untereinander nutzten, mit seinem Freund. Einige Passagen schrieb Pitt in Englisch auf seine Tafel und reichte sie den beiden amerikanischen SEALs. Sebastian erkundigte sich auf diese Weise nach seiner Frau Kim. Während die Männer noch auf diese Art kommunizierten, erwachte auch Andreas aus seiner Bewusstlosigkeit und begann sich gegen den Angreifer, der ihn fest im Griff hatte, zu wehren, ebenso wie Sebastian zuvor. Nur dass er dabei sein Messer zog, dem vermeintlichen Angreifer, der ihn seitlich umfasst hielt, mit dem Ellbogen ins Gesicht schlug und dessen Tarierweste mit dem Messer aufschlitzte, sodass alle Luft daraus entwich.
Anne ließ ihren Mann los und sank, bewusstlos von dem Schlag, Richtung Meeresgrund. Sebastian und Pitt reagierten als Erste und beruhigten Andreas wieder. Als dieser bemerkte, dass es sich nicht um einen Angreifer gehandelt hatte, der ihn so fest umklammert gehalten hatte, sondern es seine Anne war, tauchte er seiner Frau, gefolgt von den anderen Männern, in die Dunkelheit nach. Die beiden SEALs richteten ihre Unterwasserlampen auf den Grund, wo sie die Frau vermuteten. Doch da war sie nicht. Andreas riss einem der Taucher die Lampe aus der Hand, konzentrierte sich auf die Strömung und folgte ihr mit dem Strahl der starken Unterwasserlampe. Als er seine Frau im Lichtkegel entdeckte, bekam er einen riesigen Schreck. Anne lag reglos, vom Blei ihrer Tarierweste nach unten gezogen, bäuchlings zwischen Feuerkorallen, und hatte ihren Atemregler nicht mehr im Mund. Ohne auf das brennende Nesselgift der Korallen zu achten, zogen Pitt, Sebastian und Andreas die zierliche Frau so vorsichtig wie nur möglich, um weiteren Hautkontakt mit dem Nesselgift zu vermeiden, hoch.
Andreas betätigte die Luftdusche ihres Atemreglers und steckte ihn Anne wieder zwischen die Zähne. Doch nichts passierte. Keine Luftblasen waren zu sehen. Die Männer entschlossen sich dazu, sie abwechselnd zu beatmen und eine Herzdruckmassage durchzuführen, während sie mit ihr langsam wieder aufstiegen. Kein leichtes Unterfangen unter Wasser. Aber die Männer waren alle darin gut ausgebildet.
Erleichtert stellten sie fest, dass Anne nach einem fünfminütigen Kampf um ihr Leben einen mächtigen Hustenanfall bekam, durch ihren Regler überflüssiges Wasser und Schleim ausspie und wieder selbstständig atmete. Andreas hielt ihr dabei den Atemregler fest im Mund, sodass sie ihn beim Husten nicht versehentlich wieder ausspuckte. Er wich nicht mehr von der Seite seiner Frau. Hinter der Maske hatten sich seine Augen mit Tränen gefüllt und er schaute besorgt auf die Verbände um ihre Taille, der Schulter und dem Oberschenkel, die bereits durchgeblutet waren. Unruhig schaute er auf seinen Tauchcomputer. Er wollte Anne aus dem Wasser und in Sicherheit bringen. Doch durch die Aktion war die Dekompressionszeit für Sebastian und ihn wieder in die Höhe geschnellt. Er wollte, dass Anne nach oben gebracht wurde. Doch sie wehrte sich dagegen, zog ihre Schreibtafel aus dem Jackett und schrieb darauf:
„Ich bleibe bei dir. Wir gehen gemeinsam hoch. Da lasse ich mich auf keine Diskussion mit dir ein. Die dreißig Minuten mehr, geht das schon.“
Sie reichte Andreas die Tafel und sah ihn dabei mit festem Blick an. Pitt und Sebastian grinsten ihren Freund nur an und zuckten mit den Schultern, als er sie hilfesuchend anschaute. Die beiden amerikanischen SEALs sahen die vier Freunde erstaunt an. So etwas hatten sie noch nie erlebt.
Endlich war es soweit. Nach dem letzten Dekostopp auf drei Metern konzentrierte sich die kleine Gruppe darauf, direkt am Heck der Motorjacht ‚Al Salam‘ aufzutauchen. Sofort waren die anderen SEALs zur Stelle, um ihnen an Deck zu helfen. Kaum auf dem Boot, liefen Sebastian und Andreas übers Deck in den Salon und runter in die Kabinen. Als sie zurückkamen, hatte jeder von ihnen einen kleinen Plastikkoffer in der Hand. Pitt hatte Anne auf die Bank setzen lassen und stützte sie ab.
Andreas setzte sich neben sie und schmierte ihr dick eine spezielle Creme auf die von den Korallen verbrannten Hautstellen, während Sebastian eine Spritze aufzog und sie Anne in die Armbeuge verabreichte. Kim flößte ihr, nachdem sie gehört hatte, was passiert war, zusätzlich mit Elektrolyten angereichertes Wasser ein. Keiner der Freunde achtete dabei auf die eigenen Verletzungen. Sie legten Anne erst ein sauberes Laken und dann eine Decke über, denn sie begann, nur in ihrem Bikini gekleidet, am ganzen Körper zu zittern. Vorsichtig brachten sie Anne in den Salon, wo Andreas sofort ihre nassen Verbände entfernte und durch neue, trockene ersetzte. Erst als sie eingeschlafen war, lehnte er sich erschöpft zurück.
„Könnten wir uns jetzt vielleicht auch um ihre Verletzungen kümmern?“, fragte der Gruppenführer des kleinen SEAL-Teams und stellte sich als Lieutenant Tom Cater vor.
Andreas nickte dem Mann müde lächelnd zu.
„Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Lieutenant.“, antwortete er und zog sich die Reste seines, vom Kampf völlig zerfetzten, Shirts aus. Als die Männer den stark vernarbten, muskulösen Oberkörper des Mannes sahen, blieb ihnen kurz die Luft weg. Als Erster gewann der Lieutenant seine Fassung zurück. Er erkannte, dass die meisten der Narben von Peitschenhieben und schlimmer Folter herrühren mussten.
Andreas hatte sich daran gewöhnt, wie andere Menschen darauf reagierten, die zum ersten Mal seinen Oberkörper sahen.
„Sir, Sie sind der Offizier, der durch die Folterhölle der Waffenschmuggler gegangen ist und doch nichts verraten hat“, stellte der Lieutenant leise fest. Dabei schien ihm ein Kloß im Hals zu stecken. „Wir haben alle davon und von dem Einsatz ihrer Freunde gehört.“
Nur langsam drehte sich Andreas zu dem Mann um und sah ihn verschmitzt lächelnd durch seine strahlend blauen Augen an.
„Und wenn das so wäre, Lieutenant Cater? Ändert das etwas daran, dass sie meine Freunde und mich doch eigentlich gerade etwas verarzten wollten?“
„Nein, Sir. Natürlich nicht, Sir. Sorry.“ Er desinfizierte die vielen kleinen und größeren Schnittwunden des Mannes, der für alle SEALs zum Vorbild geworden war, und verband ihn. Cater bemerkte auch die vielen Längsnarben auf seinen Unterarmen. Er wusste, dass diese Narben von dem Kampf mit einem Hai stammten. Er hatte davon in einem Bericht gelesen.
Auch Sebastian zog sein Shirt bereitwillig aus, um sich helfen zu lassen. Er war zu geschwächt von den Kämpfen und den langen Tauchgängen, um sich selbst zu versorgen. Auch bei ihm entdeckten die Soldaten einige Narben auf dem Oberkörper.
Andreas half Pitt dabei, seine nassen Verbände gegen frische zu ersetzen. „Wie wäre es jetzt mit einem schönen heißen Tee?“, schlug er dann vor, nachdem er sich bei den jungen Soldaten für ihre Hilfe bedankt hatte, und ging in die kleine Kombüse, um Wasser aufzusetzen. Doch da stand schon Kim und hatte den Tee für alle fertig. Gemeinsam trugen sie die Gläser auf zwei Tabletts in den Salon.
Als Sebastian seine nasse Hose ausgezogen hatte, staunten die amerikanischen SEALs nicht schlecht, als sie seine Unterschenkelprothese sahen. Ihnen war das zuvor nicht einen Moment aufgefallen, dass dieser Mann hinkte oder sich nicht wie jeder andere, gesunde Mensch bewegt hatte. Auch bei dem Unterwasserkampf war es ihnen nicht aufgefallen.
„Tja Jungs, ihr habt es hier mit einer Gruppe von alten Versehrten und Krüppeln zu tun“, meinte er, lustig lachend auf Englisch, als er bemerkte, dass die amerikanischen SEALs seine Prothese ungläubig anstarrten. Die Freunde mussten lachen, als sie in die nun verlegenen Gesichter der jungen Männer schauten.
„Sorry, Sir. Aber es ist uns zu keinem Moment aufgefallen. Deshalb sind wir jetzt so überrascht“, versuchte der Lieutenant, ihre Reaktion zu entschuldigen. „Sie sind Korvettenkapitän der Reserve Sebastian Rothe“, stellte er dann fest.
„Seht ihr, Jungs, so ein Bein ist wie eine Visitenkarte“, meinte Sebastian daraufhin verschmitzt lächelnd, an seine Freunde gewandt. Er legte zärtlich den Arm um seine Frau Kim, gab ihr einen Kuss und stellte sie den jungen Männern dann förmlich als seine um vieles bessere Hälfte vor.
„Darf ich an Bord kommen?“, hörten die Freunde Oberstleutnant Mahmud Kebier auf Arabisch fragen.
„Eiyoua Mahmud!“, riefen Andreas und Sebastian unisono. Als der Oberstleutnant in den Salon kam, stellte Pitt ihn den amerikanischen SEALs vor. Die Männer rückten alle zusammen und Kim brauchte ein weiteres Glas schwarzen Tee.
Von nun an unterhielten sie sich auf Englisch weiter.
Mahmud Kebier informierte, sehr zum Erstaunen der US-Navy-SEALs, dass seine Taucher sechs der Angreifer lebend und zwei tot bergen konnten.
„Wie ist das möglich?“, fragte Tom ungläubig. „Fregattenkapitän Wildner, ich muss zugeben, dass ich nicht recht daran geglaubt hatte, als ich ihre Zeichen unter Wasser gesehen habe, die sie den ägyptischen Kameraden gegeben hatten. Entschuldigen Sie bitte, aber ich dachte, Sie halluzinieren.“
„Dann müssen sie noch sehr viel lernen, mein Freund“, gab der ägyptische Oberstleutnant lächelnd zurück. „Bei diesen Männern ist nichts unmöglich oder normal. Wir haben uns schon fast daran gewöhnt und werden doch immer wieder aufs Neue von ihnen überrascht“, sagte der Oberstleutnant. Dabei legte er seine Hände freundschaftlich auf die Schultern von Andreas und Sebastian, zwischen denen er saß. „Sie hatten die Männer säuberlich verschnürt, mit nur unwesentlichen Verletzungen auf dem Meeresgrund auf fünfundzwanzig Metern wie Päckchen abgelegt. Meine Leute brauchten sie nur noch einzusammeln.“
„Na ja, wir dachten uns, dass es doch ganz interessant sein könnte, was diese Kerle uns zu sagen haben. Und für gewöhnlich reden ja Tote nicht mehr so flüssig“, rechtfertigte sich Sebastian und grinste dabei den amerikanischen Lieutenant an. „Aber ohne euch hätten wir verdammt alt ausgesehen. Danke, dass ihr so schnell zur Stelle wart und uns geholfen habt.“
„Sagen Sie mal, was war das für eine Salbe, die Sie der Frau aufgetragen haben?“, wollte einer der jungen Soldaten wissen.
„Diese Frau heißt übrigens Anne Wildner und ist die Ehefrau von diesem Kerl da“, erklärte Sebastian und zeigte auf Andreas.
„Es ist eine spezielle Creme, die die hiesigen Apotheker extra für diese Art von Nesselgift der Meeresbewohner, die Eiweißgifte sind, für uns zusammengemixt haben“, antwortete Andreas. „Warum fragen Sie?“
„Weil ihre Hände auch nicht gerade gut aussehen“, antwortete der Mann etwas verlegen und zeigte auf die Handrücken der drei Männer. „Vielleicht wäre es gut, wenn sie sich diese Salbe auch auftragen würden. Das muss doch wahnsinnig brennen und schmerzen.“
Die drei Freunde schauten auf ihre Hände, die angeschwollen waren und auf denen sich eine Art Pusteln und Blasen auf der Haut gebildet hatten.
„Das ist nicht so schlimm. Es ist nur eine kleine Fläche. Das können wir ab“, meinte Andreas leise und schaute dabei besorgt Anne an, die er schon die ganze Zeit sanft in seinem Arm hielt. „Nur meine Frau hat es, durch mein Verschulden wirklich sehr schwer erwischt.“ Er machte sich schwere Vorwürfe, seine Frau in diese Situation gebracht zu haben, obwohl sie ihm doch nur geholfen hatte. Auch Sebastian ging es nicht anders, denn er wusste, dass er ihr in seiner ersten Reaktion den Atemregler aus dem Mund gerissen hatte und damit für ihre geschwollene und gesprungene Unterlippe verantwortlich war.
„Lasst mal, Jungs“, meinte Pitt. „Ihr habt im Reflex gehandelt, so wie wir es gelernt haben. Anne konnte das nicht wissen und ich habe in dem Moment nicht daran gedacht. Ich bin also ebenso mit Schuld. Anne ist stark. Sie wird das wegstecken können“, sagte er. Dabei schaute er aber trotzdem besorgt in ihre Richtung.
Während die Leute auf der Jacht schweigend ihren Tee tranken, hörten sie die Geräusche eines sich nähernden Schnellbootes.
„Das wird der Doc sein“, stellte Pitt trocken fest. „Der bringt mich um, wenn er sieht, wie ich seine Jacht auf eure auflaufen lassen habe.“ Als sich die zehn SEALs mit großen Augen ansahen, klärte Sebastian die Männer auf, dass es sich beim Doc um den ägyptischen Generalstabsarzt Professor Doktor Abdul Mechier, einen sehr guten Freund der ‚Familie‘, handle. Lieutenant Tom Cater verstand sofort, denn auch von diesem Arzt hatte er in Verbindung mit einem Bericht über den Einsatz gegen die Terroristeneinheiten gelesen, welche diese Männer gemeinsam mit der zierlichen Anne durchgeführt hatten. Er war gespannt auf diesen Mann, der so viel geleistet hatte.
Ein älterer Mann sprang kurze Zeit später auf das Deck der Motorjacht ‚Al Salam‘. „Pitt, du Trottel! Wo hast du denn deinen Bootsführerschein gemacht?! Konntest du nicht etwas sanfter anlegen? Komm mir bloß unter die Finger und ich zerreiße dich in der Luft!“, schrie Abdul laut übers Deck, kaum dass er auf dem Boot war. Aber man hörte deutlich, dass er es nicht so meinte. „Wo seid ihr Leute? Wie geht es euch?“ Rief er dann besorgt, während er auch schon mit seiner altertümlichen Arzttasche in den Salon gelaufen kam. Erleichtert atmete er auf, als er alle versammelt beim Tee sitzen sah. „Ihr seht scheiße aus, Jungs. Aber ich flicke euch schon wieder zusammen, so wie immer“, meinte der kleine Ägypter, verdrehte die Augen, aber lachte dabei. Dann bemerkte er, dass Andreas seine Frau Anne im Arm hielt und ihn hilfesuchend, ja flehend ansah.
Sofort reagierte der Arzt. „Was ist mit Anne, hat Pitt doch Mist gebaut bei der OP?“, fragte er ernst.
„Was für eine OP?“, fragte Andreas im Gegenzug erschrocken und schaute Pitt fragend an.
„Na ja, Anne wollte, dass ich ihr das Projektil aus der Schulter pule, und das habe ich mithilfe einer Fernverbindung zu Abdul auch gemacht“, erklärte Pitt ernst und warf ihm das Neun-Millimeter-Projektil zu, welches er aus Annes Schulter geholt hatte.
„Nein, Doc, das hat nichts mit Pitt zutun. Ich habe sie versehentlich K.o. geschlagen und sie ist zwischen Feuerkorallen gelandet. Dabei hatte sie aber keinen Neoprenanzug, sondern nur ihren Bikini an.“
„Außerdem wäre es schön, wenn du dir das Flickwerk von mir an Annes Schulter trotzdem noch mal ansehen könntest. Und sieh dir auch ihre Verletzungen an der Seite und am Oberschenkel an. Sie war damit wegen des Trotteltierchens dort“, wobei Pitt auf Andreas zeigte, „noch mal tauchen“, erklärte Pitt schnell und zählte auf, was sie als Erste-Hilfe-Maßnahme alles geleistet hatten. Doktor Mechier nickte seinem Freund zu und bat darum, Anne vorsichtig nach unten in die Kabine zu bringen. Andreas trug seine Frau selbst auf seinen Armen nach unten.
In der Zwischenzeit hörten die Männer an Bord, dass sich noch ein weiteres Schnellboot näherte und wie nacheinander zwei Personen aufs Deck sprangen und kurze Zeit später den Salon betraten. Einer von ihnen trug die Uniform eines deutschen Offiziers und die zehn SEALs erkannten darin den Flottillenadmiral einer Spezialeinheit von deutschen Kampfschwimmern und wollten gerade zur Ehrenbezeugung aufstehen.
„Wir haben schon über Funk miteinander gesprochen. Alles gut, bleibt sitzen“, sagte Jens Arend lässig abwinkend, und stellte Generalmajor a. D. der Luftwaffe Gerhard Hartmann und sich selbst noch einmal richtig vor. Dann begrüßten sich Pitt, Sebastian, Mahmut Kebier und Jens herzlich und klopften sich dabei gegenseitig auf die Schultern. Schnell rückten die Männer noch enger zusammen und machten Platz. Jens musterte seine Freunde genau.
„Euch haben sie ja wieder ganz schön mitgespielt. Aber ich bin froh, euch wiederzusehen“, sagte er. Dann fragte er besorgt: „Wo sind Anne und Andy?“
„Gerade mit dem Doc runter. Anne hat sich den Pelz an Feuerkorallen verbrannt“, erklärte Pitt kurz. Jens nickte verstehend, als er die Hände von Pitt und Sebastian sah.
„Wie schwer?“, fragte er dann ernst.
„Verdammt schwer. Alles, was nicht von ihrer Tarierweste und den dünnen Verbänden geschützt war. Sie trug keinen Tauchanzug“, antwortete Sebastian leise. Wieder nickte der Mann in Uniform und schaute mit sorgenvollem Gesichtsausdruck in Richtung der kurzen Treppe, die nach unten zu den Kabinen führte, wo gerade ein leises Stöhnen von Anne zu hören war.
Jens entledigte sich seiner Uniformjacke, zog die Krawatte ab und öffnete sein Hemd.
„Man, habt ihr es heiß hier. Ich glaube, ich bin nichts Gutes mehr gewohnt. In Deutschland regnet es junge Hunde und es ist ungemütlich kalt. Sorry, wenn ich mir hier erst mal etwas Luft mache“, sagte er entschuldigend und fragte, ob sie für ihn hier ein bequemeres, leichtes Shirt hätten, und streifte sich auch schon das durchgeschwitzte Hemd ab. Die zehn SEALs sahen nun eine große Brandnarbe und noch andere Narben auf dem Brustkorb des Flottillenadmirals. Auch Gerhard Hartmann sah zum ersten Mal den Oberkörper seines neuen Freundes und war leicht schockiert. Doch Jens tat nicht dergleichen und begann einfach zu berichten, was Gerhard Hartmann und er bis jetzt, mit der Unterstützung von Lieutenant General Nils Fletscher beim Pentagon herausbekommen hatten. Gespannt hörten alle seinem Bericht zu, während er sich dabei das Shirt, das ihm Sebastian von Andreas gegeben hatte, überzog.
„Wir müssen das Anthrax, schnellstmöglich bergen und sicherstellen“, stellte Lieutenant Tom Cater fest.
„Der Meinung sind wir auch“, sagte Jens. „Nur sollten wir alle erst einmal eine Mütze Schlaf nehmen, ehe wir da runter in die Höhle tauchen. So lange ist das Zeug dort erst einmal sicher.“
Oberstleutnant Kebier versicherte, dass er mit seinen Leuten das Gebiet weiträumig absperren und bewachen lassen wird, bis das waffenfähige Anthrax sicher geborgen und abtransportiert werden kann.
Es wurde bereits hell, als Doktor Mechier vom Unterdeck zurück in den Salon kam, um sich auch die Verletzungen der anderen anzusehen und notfalls noch einmal zu behandeln. Freudig begrüßte er seinen alten Freund, als er ihn da im Salon sitzen sah. Dann entschuldigte er sich bei ihm und dem fremden Gast, weil er sich noch um die Verletzungen der anderen Männer hier an Bord kümmern müsse.
„Sagen Sie, Doktor Mechier“, fragte Lieutenant Cater den Arzt, während dieser seine leichten Verletzungen kontrollierte und versorgte, „sind diese Männer und die beiden Frauen immer so?“
„Wie meinen Sie das?“, wollte Doktor Mechier wissen.
„Na ja, wie sie miteinander umgehen und sich so füreinander ins Zeug legen, ohne auf sich selbst Rücksicht zu nehmen.“
„Nein, so sind sie nicht immer“, antwortete der Arzt auf Englisch. „Eigentlich sind sie noch um vieles schlimmer. Aber verraten Sie es niemandem.“ Dabei lächelte er den jungen Lieutenant vielsagend zu.
Ein Zodiac holte die SEALs, sowie Jens und Gerhard ab und brachte sie aufs Sanitätsschiff, wo für sie Essen und Kojen bereitgestellt wurden. Die Männer sollten sich etwas ausruhen und schlafen können. Oberstleutnant Kebier ging zurück auf sein Schiff. Doktor Abdul Mechier blieb an Bord der ‚Al Salam‘, um jederzeit für Anne und seine Freunde dazusein.
Noch am selben Tag erhielt Flottillenadmiral Jens Arend durch das Pentagon die Vollmacht und den Auftrag, die ersten Verhöre der Gefangenen durchzuführen und ihre Identität zu ermitteln. Doch da er ebenso müde, wie die anderen Männer war, sprach er sich mit Lieutenant Cater und Oberstleutnant Kebier ab, die ersten Verhöre erst am Folgetag zu beginnen, da sie alle erst etwas Ruhe benötigte.
12
Nachdem die Männer sechs Stunden geschlafen hatten, trafen sich alle auf dem Marineschnellboot in der Messe zu einem Essen. Auch Kim und Anne wurden dazu mit dem Zodiac von der Jacht übergesetzt. Ägyptische Matrosen hatten den amerikanischen SEALs Kleidungsstücke von sich zur Verfügung gestellt, damit sie nicht die ganze Zeit über nur in den Neoprenanzügen oder ihren Badehosen herumlaufen mussten. Mit dieser freundschaftlichen Geste hatten die Männer nicht gerechnet. So angekleidet in T-Shirts und leichten Hosen, betraten sie die Messe. Die zehn SEALs bewunderten die Willensstärke und Kraft der zierlichen Frau von Fregattenkapitän Wildner. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz Abratens des Arztes, der ihr nicht von der Seite wich, mit dabei zu sein.
„Und das sollte ich mir entgehen lassen, Doc? Wo Mahmud so leckere Sachen auffahren lässt. Du hast wohl Angst, dass ich dir was wegesse, oder?“ stichelte sie in Richtung des Arztes laut auf Englisch, damit es auch alle verstehen konnten, als sie mit ihm und ihrem Mann den Raum betrat. Jeder in der großen Messe musste lachen, als er das hörte.
Anne trug ein rotes, langärmliges Shirt und dazu lange, weiße Hosen. Außer ihrem Gesicht waren ihre Hände und was man sonst von ihrer Haut sehen konnte, mit dicken Mullbinden umwickelt. Ihr blondes Haar war zu einem Zopf geflochten, der über ihrer rechten Schulter lag und bis zur Taille reichte. Ihr Gesicht war blass, wie eine Kalkwand und die aufgesprungene Unterlippe noch immer angeschwollen. Sebastian rückte ihr den Stuhl zurecht, auf den sich Anne nur sehr vorsichtig, gestützt von ihrem Mann, setzte. Da sie ihren linken Arm in einer Schlinge trug, um die verletzte Schulter zu entlasten, halfen ihr die Freunde und reichten ihr die Speisen auf ihrem Teller gleich gabelgerecht. Dabei unterhielten sie sich aufgelockert auf Englisch, um keinen vom Gespräch auszuschließen. Generalmajor Hartmann, gab einige Streiche von Andreas und seinen Freunden bei ihrer Pilotenausbildung zum Besten, über die alle lachen mussten. Was allerdings Andreas verlegen machte und ihn nur verschmitzt schmunzeln ließ. „So schlimm waren wir nun auch wieder nicht. Du übertreibst gewaltig“, wehrte er sich nach einer Weile.
„Du verwechselst da etwas die Begriffe, mein Junge“, konterte Gerhard Hartmann. „Ich übertreibe nicht, sondern ich untertreibe sogar noch.“ Und wieder mussten alle lachen.
Als sich Anne mit schmerzverzerrtem Gesicht etwas zurücklehnte, sprangen sofort ihre Freunde auf, um ihr helfen zu wollen.
„Hey Jungs, nun haltet mal den Ball flach“, sagte sie leise. „Ich habe mich nur etwas zurückgelehnt. Das ist alles.“ Dabei verzog sie ihr Gesicht zu einem gespielt breiten Lächeln. Doch da die aufgeplatzte, geschwollene Oberlippe dabei schmerzte, die sie noch von Sebastians kräftigem Schlag auf ihren Atemregler hatte, ließ sie es rasch wieder bleiben.
Um von sich abzulenken, fragte sie Lieutenant Cater, wann und wie sie vorhatten, die Glasbehälter mit dem Anthrax sicher aus der Höhle zu bergen, die sie selbst mit dorthin gebracht hatte.
„Wir haben erfahren, dass erst in sieben Tagen die Militärmaschine kommen kann. Eher steht keine Maschine zur Verfügung. Solange sind die Kisten in der Höhle wohl am sichersten, da der auch leicht zu bewachen und zu verteidigen sein müsste. Wir werden sie also in sieben Tagen, vormittags bergen und mit unserem Hubschrauber zum Airport fliegen, wo sie sofort unter strenger Bewachung verladen und abtransportiert werden.“
„Gut, dann kommen wir mit runter und unterstützen euch“, entschied Jens Arend, und seine Männer nickten ihm bestätigend zu. „Es wird Zeit, dass ich die Höhle selbst mal wieder besuche. Da stecken einige Erinnerungen von uns drin“, sagte er leise und schaute dabei Pitt an. Dann wandte er sich dem ägyptischen Freund zu. „Mahmud, du hast doch Tauchequipment für mich, oder?“
„Da wird sich bestimmt etwas finden lassen.“, antwortete Oberstleutnant Kebier. „Meine Leute gehen auch mit runter und sichern euch ab.“
„Ich komme auch mit“, entschied Anne laut.
Erschrocken richteten sich alle Blicke auf die Frau.
„Vergiss es, Schatz“, wehrte Andreas sofort ab.
„Wieso? Dafür habe ich doch noch ein paar Tage Zeit. Außerdem: Kaltes Wasser tut gut auf der Haut. Du hättest mich ja nicht in die Korallen schubsen müssen“, sagte sie trotzig.
„Und wenn du das Flugzeugwrack nicht entdeckt hättest, könnten wir gemütliche Tauchgänge haben und es uns danach in der Sonne gut gehen lassen. Aber nein, Madame musste ja wieder die Augen zu weit aufreißen und überall haben“, gab Andreas zurück.
„Wäre es dir lieber gewesen, die anderen hätten es gefunden und das Zeug über unschuldige Muslime zum Freitagsgebet in der großen Moschee von Mekka versprüht? Wir haben doch dieses Pamphlet gemeinsam gelesen und übersetzt“, konterte Anne, nicht nachgebend. „Ich komme mit. Dabei bleibt es. Der Doc hat bestimmt paar wasserdichte Pflaster dabei, die du übrigens auch brauchst, ebenso wie die anderen, wenn ich mich nicht irre.“
„Anne, sei doch vernünftig“, versuchte nun auch Jens Arend einzulenken, als er merkte, dass Andreas das Handtuch warf.
„Das musst du gerade sagen. Du hast dir den Pelz meinetwegen versenkt und dabei Uwes und dein Leben riskiert, um mich vor nicht ganz drei Jahren aus der Kapsel rauszuschneiden, wo ich drin gefangen war. Pitt ist mit Abduls erstem Boot in die Luft geflogen. Ihr habt Kim und mich mit euren bloßen Körpern beschützt, als die Decke im Krankenhaus nach einer Explosion auf uns runterkam, und ihr alle habt nicht auf den Doc gehört. Warum sollte ich das jetzt tun? Du hast gehört, Mahmuds Leute sichern die Gegend ab. Also, was sollte schon noch passieren? Wir gehen runter, holen das Zeug hoch und fertig. Ich will nur einfach dabei sein, wenn das gefährliche Zeug aus unserem Meer verschwindet und in Sicherheit gebracht wird, um hoffentlich dann auch vernichtet zu werden. Und in einer Woche geht es mir eh wieder gut und die Wunden sind fast ganz verheilt“, sagte Anne ernst, keine weitere Diskussion darüber zulassend.
Doktor Mechier rollte nur mit den Augen und hob resignierend die Hände, als ihn seine Freunde hilfesuchend anschauten.
„Seht mich nicht an. Sie ist genau wie ihr. Einfach stur und verrückt. Das hat sie nicht von mir, sondern sich eindeutig von euch abgeguckt“, verteidigte sich der Arzt. „Nun wisst ihr, wie es mir mit euch immer gegangen ist.“
Pitt und Sebastian kamen gar nicht erst dazu, etwas zu sagen, denn Anne fixierte sie mit ihren Augen, aus denen Funken zu sprühen schienen. „Haltet euch bloß raus, ihr zwei, sonst habe ich da auch noch was zu euch zu sagen“, zischte sie warnend. Sich ergebend, hoben die beiden Männer grinsend die Hände. Nur das leise Kichern von Kim war noch in dem großen Raum der Messe zu hören, die sich köstlich über die hilflosen Gesichter, der sonst so starken Männer, amüsierte.
Gerhard Hartmann und die zehn SEALs waren begeistert von der zierlichen, aber mutigen Frau.
„Wow, Andy“, brach sein alter Fluglehrer die Stille. „Da hast du dir aber ein cooles und resolutes Frauchen angelacht. Das Mädel ist genau die Richtige für dich. Die gefällt mir. Ich wünschte, meine Hilde wäre nur halb so gut gewesen.“
„Oh Gerhard, du weißt nicht, wovon du sprichst“, antwortete Andreas und tat dabei gequält. Sofort sprudelten die Freunde über vor Lachen und die Gruppe der SEALs stimmte mit ein, als sie sahen, wie sich der Mann abduckte, um einer Kopfnuss von seiner Frau zu entgehen.
Die SEALs genossen die aufgelockerte Atmosphäre sowie den Umgang der Ägypter und Deutschen untereinander, wo Dienstgrade und Nationalität keine Rolle zu spielen schienen, sondern alle nur gute Freunde mit dem gleichen Ziel waren. Sie empfanden es als sehr angenehm, wie sie dabei ganz zwanglos einbezogen wurden.
Nach dem reichhaltigen Essen entschied sich Jens dazu, doch schon an diesem Tag den Ersten der Gefangenen zu verhören. Er bat seinen Freund Oberstleutnant Kebier und Lieutenant Cater als Vertreter der beiden beteiligten Länder, mit daran teilzunehmen.
Der Oberstleutnant kannte Arend schon ein paar Jahre recht gut. Deshalb hatte er bereits einen Raum dafür einrichten lassen. Er wusste auch, dass er sich gern im Vorfeld ein Bild machte, und sich danach die Leute aussuchte, welche er zuerst befragen wollte.
Mahmud Kebier schob lächelnd eine Mappe über den Tisch auf seinen Freund. „Viel haben wir nicht. Aber meine Jungs haben schon mal ein paar Bilder von den Männern gemacht. Soweit wir herausgefunden haben, handelt es sich bei den Festgenommenen um englischsprachige Leute, aber wir haben nur deutsche Pässe auf den Booten gefunden und sie haben sich auch als Deutsche ausgegeben. Nur ihr typischer Akzent hat sie verraten. Wir haben die Bilder sofort zu unseren amerikanischen Freunden zugeschickt und bereits von einigen die richtigen Personalien zurückbekommen. Ich habe sie mit angeheftet“, informierte Oberstleutnant Kebier, Lieutenant Cater und Flottillenadmiral Arend.
„Gute Arbeit, Mahmud“, lobte Jens seinen Freund. Dann sah er sich gemeinsam mit Tom Cater die Blätter in der Mappe an. Sein besonderes Augenmerk richtete der deutsche Offizier dabei auf die Bilder, die kurz nach der Verhaftung von jedem Einzelnen gemacht worden waren. Und es interessierte ihn auch, ob sie auf einem der Boote oder unter Wasser gefasst wurden. Eines der Blätter zog er aus der Mappe und zeigte es Lieutenant Cater. Nachdem dieser zustimmend nickte, schob Jens das Blatt über den Tisch zu seinem Freund. „Mahmud, gib mir als Erstes diesen Kerl. Setzt ihn mir zurecht. Tom, Sie gehen in Zivil und Mahmud und ich in Uniform rein“, entschied Jens.
Oberstleutnant Kebier nickte ihm zu und gab einem seiner Soldaten den Befehl, den Gefangenen in den Verhörraum zu bringen. In der Zwischenzeit klärte Jens den jungen Lieutenant über seine Verhörtaktik auf, die er anwenden wollte, und bat ihn darum, nicht einzugreifen, außer er bekäme von ihm dafür ein Zeichen. „Also gehen wir es an“, sagte Jens, erhob sich vom Tisch und zog seine Uniform zurecht. Er nahm den deutschen Pass aus der Mappe an sich, in dem das Foto dieses Mannes zu sehen war, und steckte ihn in die Brusttasche seiner Jacke.
„Können wir mitkommen und zuhören?“, fragte Andreas.
„Ja, gern. Der Vorraum ist groß genug“, antwortete Mahmud.
„Das ist sogar gut“, meinte Jens und dachte kurz nach. „Vielleicht brauche ich den ein oder anderen von euch sogar.“
Gemeinsam stiegen sie einige Decks nach unten. Sie betraten einen abgedunkelten Raum, in dem mehrere Monitore standen. Sie konnten außerdem durch einen Einwegspiegel in den Nachbarraum schauen. Dort saß ein groß gewachsener Mann an einem kleinen Holztisch, auf dem ein Pappbecher mit Wasser stand. Ihm gegenüber befanden sich drei noch leere Stühle. Der fensterlose Raum war komplett in tristem Militärgrau lackiert. Zwei bewaffnete ägyptische Marinesoldaten waren hinter dem Mann an der Wand positioniert und passten auf ihn auf. Ansonsten befand sich nichts in dem Raum.
Jens beobachtete den Verdächtigen durch die Scheibe, ohne dass der Gefangene ihn sehen konnte.
„Erkennt ihr diesen Mann?“, wollte er von Kim, Anne und Pitt wissen.
„Ja, er war auf dem Boot, von dem aus zuerst auf uns geschossen wurde. Er stand vorn am Bug, hat auf uns gefeuert und dann Kim getroffen“, antwortete Anne, sich ganz sicher.
„Kim, kannst du das bestätigen?“
„Nein, ich habe in dem Moment woanders hingeschaut. Mir ging alles viel zu schnell und durcheinander, sodass ich nicht darauf geachtet habe“, gab die dunkelhaarige Frau zu.
„Pitt, du warst zu der Zeit noch nicht da. Aber ist dir dieser Mann danach aufgefallen?“, fragte Jens weiter.
„Ja, er schoss mit einer MP7 vom brennenden Boot aus auf uns, bis Anne ihn baden geschickt hat.“
Noch eine Weile beobachtete Jens den Mann durch die Scheibe und registrierte die kleinste Regung des Gefangenen. Dann löste er sich von dem Fenster.
„Okay, meine Herren, dann wollen wir mal sehen, ob wir von dem hier erfahren, was wir wissen wollen“, sagte Jens, straffte seine Uniform und betrat, gefolgt von Oberstleutnant Kebier und Lieutenant Cater, den kleinen Raum. Forsch ging er auf den Mann zu und reichte ihm lächelnd die Hand. „Guten Tag, ich bin Flottillenadmiral Arend. Oberstleutnant Kebier kennen Sie bereits. Und hier rechts von mir, das ist mein Begleiter. Ich hoffe, Sie wurden gut behandelt“, sagte Jens übertrieben freundlich auf Deutsch. Dann setzte er sich auf den mittleren Stuhl. Mahmud und Tom nahmen leicht versetzt hinter ihm Platz.
Genau musterte der Mann, den verlegen lächelnden und zerstreut wirkenden deutschen Offizier, der damit begonnen hatte, seine Jackentaschen nervös abzuklopfen. Er fühlte sich ihm damit eindeutig überlegen.
Jens Arend zog aus der Innentasche seiner Uniformjacke, wie es schien sichtlich erleichtert, dass er gefunden hatte, was er suchte, einen deutschen Pass. Er schlug ihn auf und las laut daraus vor: „Michael Schulze. Ah, aus dem schönen München.“ Dabei verglich er das Foto mit dem Gesicht des Mannes, der vor ihm saß. „Ja, Herr Schulze, das ist eindeutig ihr Pass. Da hätten sie bei ihrer Festnahme doch auch ruhig ihren Namen nennen können“, stellte Jens fest und legte das Dokument, noch immer lächelnd, vor dem Mann auf den Tisch.
„Man, stellt sich unser Bussard wieder mal schön blöd.“, flüsterte Pitt leise.
„Ja, das kann er am besten“, gab Andreas flüsternd zurück. Dabei grinsten sich die an. Dann folgten sie weiter gespannt dem Geschehen in dem Verhörraum.
„Es sieht so aus, Herr Schulze, als hätten wir hier ein kleines Problem mit Ihnen“, sagte der Flottillenadmiral, nach einer kurzen Pause. „Sie wissen schon, wo sie sich befinden?“
„Ja, bei dreckigen Moslems auf dem Boot“, antwortete der Mann verächtlich in eher schlechtem Deutsch.
„Und sie wissen, was diese ‚dreckigen Moslems‘, wie Sie sie nennen, Ihnen vorwerfen, Herr Schulze?“, fragte Jens, noch immer ganz ruhig und entspannt weiter.
„Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“
„Sind Sie sich da sicher? Das sehe ich aber etwas anders, Herr Schulze. Denn Sie haben auf deutsche Staatsbürger, also eigentlich Ihre und meine Landsleute geschossen.“
„Quatsch, nur auf minderwertige Kameltreiber“, wehrte der Mann ab und bemerkte kurz darauf, dass er sich mit diesen Worten nichts Gutes getan hatte.
„Ich wusste gar nicht, dass hierzulande die Frauen blond sind“, gab Jens nun schon etwas härter zurück und sagte dann laut: „Frau Anne Wildner, würden Sie bitte mal hereinkommen?“ Als Anne den Raum betrat, sprach Arend weiter. „Wenn ich vorstellen darf, das ist Frau Anne Wildner. Sie ist deutsche Staatsbürgerin und wurde von ihnen beschossen. Erkenne sie diese Frau wieder? Sie hat sie nämlich eindeutig wiedererkannt. Können Sie mir dazu vielleicht etwas sagen?“ Während er das fragte und die Reaktion des Mannes genau beobachtete, gab er Anne ein Zeichen, dass sie den Raum wieder verlassen könne.
Dann sprach Jens plötzlich auf Englisch weiter.
„Ja, Herr Schulze, oder sollte ich sie lieber bei ihrem richtigen Namen Mister Roger Lampers, Lieutenant a.D., nennen und ihren ehemaligen Vorgesetzten Lieutenant General Nils Fletscher von ihnen grüßen?“, schrie Jens ihn jetzt, unverhofft aufbrausend, an. Dabei stand er blitzschnell auf und schlug lautstark mit der Faust auf den Tisch, sodass der Mann ihm gegenüber erschrocken zusammenzuckte. Kurz darauf sprach er leise auf Englisch weiter und stellte seinen vermeintlichen Begleiter als Lieutenant Cater der US Navy vor. „Nur damit es ihnen ganz klar ist. Sie halten sich in diesem Land unberechtigt und somit illegal auf. Wir werfen ihnen den Angriff und die Verletzung deutscher, amerikanischer und ägyptischer Staatsbürger, unerlaubten Waffenbesitz, Dokumentenfälschung, Diebstahl von US-Army-Eigentum und den geplanten Massenmord an tausenden unschuldigen Menschen, vor“, erklärte Jens und knallte, die aufgeschlagene Mappe auf den Tisch, die seine Freunde aus dem Flugzeugwrack geborgen hatten. „Und glauben Sie mir, keiner von uns verlässt diesen Raum, bevor ich von Ihnen nicht gehört habe, was ich wissen will.“ Damit lehnte sich Jens gemütlich auf seinem Stuhl zurück. Er verschränkte die Arme vor der Brust, als er weitersprach. „Ich weiß, dass sie am 11. September 2001 ihre Schwester bei dem Terroranschlag auf das World Trade Center verloren haben. Das tut mir wirklich aufrichtig leid und ich fühle mit ihnen. Aber das gibt ihnen noch lange nicht das Recht, einen persönlichen Rachefeldzug gegen unschuldige Menschen zu führen. Und schon gar nicht unter dem Deckmantel eines anderen Landes. Ich möchte von ihnen wissen: Warum? Wie gesagt, eher verlässt hier keiner von uns diesen Raum. Oh, und übrigens, ehe ich es vergesse zu erwähnen. … Diese ‚dreckigen Moslems‘ und ‚minderwertigen Kameltreiber‘, wie sie diese Menschen bezeichneten, sind rein zufällig sehr gute Freunde von mir. Und ich bin bekannt dafür, dass ich ganz schnell ungemütlich werden kann, wenn jemand etwas gegen meine Freunde sagt oder ihnen etwas antut. Das nur so als kleine Information für Sie.
Noch etwas: Wenn ich beginne, diese Uniform hier auszuziehen, dann bin ich ein ganz normaler Zivilist und an keine Regeln mehr gebunden, denn wir befinden uns hier in Ägypten. Ich hoffe in ihrem eigenen Interesse, dass es mir hier nicht zu schnell heiß wird. Da schicke ich dann auch gern meine Freunde und die ägyptischen Soldaten da hinten raus. Alles, damit wir ganz ungestört sind. Das ist keine Drohung, aber sehr wohl eine gut gemeinte Warnung.“
„Oh je“, stellte Andreas fest. „Jens will es erst mal mit Aussitzen probieren. Das kann dauern. Er scheint sich da gleich zu Beginn eine harte Nuss rausgesucht zu haben.“ Er schlug die Mappe auf und suchte das Blatt mit den Personalien des Mannes heraus, die sie vom Pentagon per Mail erhalten hatten, und las es sich genau durch. Danach reichte er es an Pitt weiter.
Leise pfiff Pitt durch die Zähne, nachdem er alles gelesen hatte, und gab das Blatt an Sebastian weiter. Danach ging das Blatt zu Gerhard Hartmann weiter.
„Ich könnte mir vorstellen, dass es heute ein abendfüllendes Programm wird“, meinte Sebastian dann.
„Nicht unbedingt. Jens kann einen immer wieder überraschen“, gab Pitt zu bedenken.
Nach zwei Stunden, in denen nichts weiter passiert war, entschlossen sich die Freunde, an die frische Luft zu gehen, um sich die Beine zu vertreten und etwas zu essen. Noch während sie in der Messe saßen, kamen eine Stunde später Tom und Mahmud zu ihnen.
„Jens hat uns gerade rausgeschickt, damit wir eine Pause machen können“, sagte Mahmud Kebier erschöpft und trank dann hastig ein Glas Wasser.
„Ich weiß nicht, wie es der Flottillenadmiral so lange da drin in der Hitze aushält, ohne was zu trinken. Er hat sich nicht einmal gerührt. Sitzt da wie eine Statue“, ergänzte Lieutenant Cater.
„Sind die beiden Wachen aber noch mit drin?“, fragte Pitt vorsichtig nach.
Oberstleutnant Kebier schüttelte den Kopf. „Nein, die hat er schon eine Viertelstunde vor uns rausgeschickt. Aber keine Sorge, drei meiner Offiziere sitzen im Vorraum und können sofort helfend eingreifen.“ Mahmud begann zu grinsen, als er weitersprach: „Aber er hat schon nach einem T-Shirt verlangt, als wir rausgegangen sind.“
„Dann geht er jetzt wohl gerade in die Offensive“, stellte Andreas ruhig fest. „Ich wette mit euch, in spätestens einer Stunde kommt unser Bussard hier rein, grinst wie ein Honigkuchenpferd, schreit laut nach was zu essen und kurz darauf nach einer Satellitenverbindung in die USA. Und das genau in dieser Reihenfolge.“
Keiner der Freunde widersprach oder wettete dagegen. Nur die zehn US-Navy-SEALs schauten sich ungläubig an.
Die Stunde war noch nicht ganz um, da kam Jens Arend, durchgeschwitzt, im Shirt, seine Uniform unter dem Arm tragend, in die Messe gestürmt und hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht. „Leute, ich habe Hunger. Was gibt es zu essen? Oh, und dann brauche ich eine Satellitenverbindung ins Pentagon. Kriegst du das hin, Mahmud?“, rief er, klopfte seinem ägyptischen Freund auf die Schulter und warf seine Uniform über eine Stuhllehne. „Wir haben, was wir wissen wollten“, sagte er zufrieden, setzte sich sichtlich erschöpft an den Tisch und nahm sich ein belegtes Fladenbrot. „Ich kann mir zwar morgen noch ein paar andere vornehmen“, erklärte er mit vollem Mund, „aber die wichtigsten Informationen hat mir dieser Roger Lampers schon gegeben. Lasst mich aber erst einmal mit Washington telefonieren, denn da zählt jetzt jede Minute, dann erzähle ich euch alles.“ Er schnappte sich ein weiteres Fladenbrot und lief mit Oberstleutnant Kebier auch schon nach draußen, übers Achterdeck hoch in den Funkraum des Marineschnellbootes.
„Ihr kennt euren ehemaligen Vorgesetzten aber wirklich gut“, gab Lieutenant Cater beeindruckt zu.
„Er war nicht nur unser Vorgesetzter, sondern er ist die ganze Zeit über auch schon unser Freund. Und wirkliche Freunde kennen sich nun mal sehr gut. Wir haben sehr viel Zeit, sogar Jahrzehnte, miteinander verbracht und viele gemeinsame Einsätze gehabt, bei denen sich einer auf den anderen verlassen musste. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Da kennt man sich dann schon. Bei euch ist das bestimmt nicht anders. Nur dass wir uns schon kannten und zusammen dienten, als ihr gerade mal die ersten Buchstaben vom Alphabet gelernt habt“, erklärte Andreas leise, weil Anne gerade in seinem Arm eingeschlafen war. Vorsichtig, damit sie nicht wach wurde, hob er sie vom Stuhl, nahm sie sacht, als hätte sie gar kein Gewicht, auf seine Arme und legte sie auf das Sofa in der Fernsehecke des Aufenthaltsraums. Führsorglich deckte er sie noch zu, bevor er zu den anderen zurückging. „Entschuldigt bitte, aber Anne hat leider nicht so viel Schlaf abbekommen wie wir. Ich bin sehr froh, dass sie jetzt endlich etwas schläft. Ihre Kräfte sind völlig erschöpft.“
Alle im Raum verstanden das und unterhielten sich nur noch leise miteinander. Doktor Mechier ging zu Anne und kontrollierte vorsichtshalber ihren Puls und legte die Hand auf ihre Stirn, um ihre Temperatur zu prüfen. Zufrieden kehrte er zu den anderen zurück.
Die Sonne war längst untergegangen, als die Männer mit dem Zodiac zurück auf das Sanitätsboot gebracht wurden. Als Letzte wurden Pitt, Sebastian, Kim und Andreas mit Anne zur Jacht zurückgefahren. Oberstleutnant Kebier hatte die Wachen in dem Gebiet verstärkt.
13
Mitten in der Nacht ging ein kurzer Hilferuf vom Piloten des Hubschraubers ein, der die SEALs im Einsatzgebiet abgesetzt und dann zum Festland geflogen war, um für sie in Bereitschaft zublieben. Der schrille Ton des Alarms heulte ohrenbetäubend auf dem Schiff der ägyptischen Marine auf und weckte nicht nur die Matrosen an Bord, sondern auch alle in dessen Umgebung.
Sofort liefen die Männer der Jacht und auf dem Sanitätsboot an Deck.
Sebastian ging an den Funk.
„Hier ‚Al Salam‘ an die ‚Sinai‘, was ist los bei euch?“, fragte er auf Arabisch.
„Wir haben gerade einen kurzen Notruf empfangen. Die Piloten der SEALs wurden angegriffen. Aber es reagiert keiner auf unsere Funkrufe“, meldete sich Oberstleutnant Kebier selbst. „Wir fahren sofort hin.“
„Holt uns mit ab“, rief Sebastian ins Mikrofon und informierte Andreas und Pitt. Ohne zu zögern, schlüpften sie in ihre Sachen und holten ihre Waffen aus der Tasche, die Pitt mitgebracht hatte. Als eines der Zodiacs an der Jacht längsseits ging, sprangen die drei Männer behände an Bord.
Auch die amerikanischen SEALs mit Jens Arend waren schon mit dem Schlauchboot des Sanitätsschiffes nach Westen, zum Ufer, unterwegs.
Zeitgleich trafen fünf der kleinen Boote am Strand ein. Die Männer sprangen mit gezogenen Waffen an Land und rannten nach allen Seiten sichernd auf den Hubschrauber zu. Als Erste trafen Lieutenant Cater, Pitt und Jens dort ein.
„Wir kommen zu spät“, stellte Tom traurig fest, nachdem er bei den beiden Piloten den Puls an der Halsschlagader nicht fühlen konnte. „Ihnen wurde eiskalt die Kehle durchgeschnitten.“
Die Männer lagen unnatürlich verdreht unter dem Hubschrauber, zwischen den Landekufen. Zwei Blutspuren führten von beiden Seiten des Cockpits bis zu den Piloten, wo sie als große, dunkelrote Pfützen im feinen Sand versickerten.
Starr, betroffen, es nicht fassend, was sie da sahen, schauten die SEALs zu den Leichen ihrer Kameraden herab. Der Anblick der Toten, auch wenn sie diese nie persönlich kennengelernt hatten, ließ keinen der anderen Männer kalt. Sie fragten sich, wie das passieren konnte. Bei einigen von ihnen staute sich neben der Empörung auch Wut in ihren Gedanken und Herzen auf.
„Hier führen Spuren ins Wasser“, rief in die trauernde Stille plötzlich einer der ägyptischen Matrosen auf Englisch, damit es alle verstanden, und richtete seine Lampe darauf.
„Scheiße! Das Anthrax!“, schrie Sebastian auf. „Wir müssen sofort zurück!
Kurz nach dem Alarm.
Kim und Anne wurden durch den Krach wach und kamen, sich noch müde die Augen reibend, an Deck. Doch da waren die Männer bereits unterwegs zum Strand. Sie beobachteten, wie die fünf Schlauchboote dem Ufer entgegenfuhren, und fragten sich, was da wohl los sein mag. Das Meer war glatt wie ein Spiegel. Die Jacht lag vollkommen ruhig, aber sie hatte sich an der Ankerkette mit dem Heck komplett nach Süden ausgerichtet. Tagsüber zeigte er Bug noch nach Nordosten.
Die Strömung ist stärker geworden und hat leicht ihre Richtung geändert, stellte Anne noch immer schlaftrunken, fest. In dem Moment eigentlich eine vollkommen unnütze Information. Sie lagen vor Anker. Also, was sollte das? Schließlich steuerte sie die Jacht nicht gerade durch ein Unwetter. Aber manchmal fielen ihr solche Belanglosigkeiten eben auf, auch wenn sie in dem Moment nicht relevant waren.
„Anne“, sagte Kim, während sie verschlafen über die dunkle Wasseroberfläche schaute, „guck mal dort. Siehst du auch den Lichtschein da im Wasser? Was ist das? Wir haben doch jetzt keine Taucher unten. Ich denke, die Jungs wollen erst in einer Woche die Glasbehälter bergen.“
„Das ist keiner von unseren Leuten, Kim“, stellte ihre Anne sofort fest. „Der Lichtstrahl kommt von Westen, also aus Richtung Ufer, und nähert sich dem Eingang der Höhle.“ Als Anne das sagte, hatte sie schon ihren Tauchanzug vom Bügel gerissen und zog ihn hastig über. Dann nahm sie noch den Taschengurt ihres Mannes und legte ihn sich um.
„Was hast du vor, Anne?“ Mit weit aufgerissenen Augen sah Kim ihre Freundin erschrocken an. „Denk an deine verletzte Schulter.“
„Kim, ich bewege die Beine beim Tauchen, nicht die Arme. Am Oberschenkel, das ist nur ein Kratzer, den merke ich schon gar nicht mehr. Zur Not habe ich ja Andys Spritzenpack dabei. Ich gehe runter und schaue nach, was da Sache ist. Sag den Männern Bescheid, wenn sie zurückkommen.“ Sie schloss bereits ihr Jackett mit der Pressluftflasche, legte ihren Kompass ums rechte Handgelenk und erhob sich, um zur Taucherplattform zu gehen.
Kim versuchte es erneut, ihre Freundin davon abzuhalten: „Das ist doch verrückt, Anne! Was willst du da allein ausrichten?“
„Ich weiß es nicht, Kim. Aber ich muss es wenigstens versuchen. Hier geht es um viele Menschenleben. Versteh das doch.“ Gerade als sie ihre Flossen nehmen wollte, fiel ihr wieder ein, dass sie doch eben erst aufgefallen war, dass die Strömung zugenommen haben musste und nun direkt aus nördlicher Richtung kam. Also entschied sie sich kurz entschlossen anders und griff nach den Long-Baldes ihres Mannes, schlüpfte mit ihren Füßlingen hinein und zog die Flossenbänder fest. Testend wackelte sie mit den Flossen an ihren Füßen hin und her.
„Perfekt, die sitzen wie angegossen, obwohl meine Füße so viel kleiner als Andys sind“, stellte sie erstaunt fest. Zuletzt hakte sie eine Unterwasserlampe am Karabiner ihrer Tarierweste fest, zog die Maske ins Gesicht, steckte den Atemregler in den Mund und kontrollierte seine Funktion. Mit einem kurzen Druck auf den Inflator drückte sie etwas Luft ins Jackett, dann hielt sie schützend die rechte Hand vor Maske und Regler. Die Konsole mit dem Finimeter und die Lampe klemmte sie mit dem linken Unterarm fest an ihren Körper und sprang ins Wasser. Sekunden später tauchte sie in Richtung des Riffs mit dem Höhleneingang ab.
Kurz darauf entdeckte Kim, dass Annes Tauchcomputer noch auf der Bank lag. Sofort schaute sie auf ihre Uhr, um so wenigstens ihre Tauchzeit festzuhalten und es den Freunden und ihrem Mann sagen zu können, wenn sie wieder zurückkamen. Vielleicht konnten sie ihr so dann auch besser helfen.
Besorgt und ängstlich schaute sie zu dem fremden Licht, das sich langsam dem Riff mit dem Höhleneingang näherte. Doch vergeblich suchte sie den Lichtschein der Unterwasserlampe ihrer Freundin. Kim kletterte aufs Oberdeck und drückte in kurzen Intervallen den Knopf des Signalhorns, um die Freunde auf sich aufmerksam zu machen und sie schnell zurückzurufen.
Endlich entdeckte Kim die orangefarbenen Schlauchboote, die in ihre Richtung unterwegs waren. Sie lief zurück aufs Deck, warf den Kompressor an und füllte nacheinander die leeren Stahlflaschen mit Pressluft. Dabei achtete sie darauf, dass die Flaschen, die noch an den Jacketts befestigt waren, zuerst gefüllt wurden. So konnten Pitt, Andreas und ihr Mann Sebastian sowie die fünf SEALs, die ihr Equipment auf dem Boot gelassen hatten, es sofort nutzen. Immer wieder schaute sie dabei aufs Meer hinaus, um zu sehen, wie weit die Männer in ihren Schlauchbooten noch entfernt waren. „Nun beeilt euch doch etwas, Jungs!“, flüsterte sie angespannt und befüllte die nächste Flasche mit zu 200 bar zusammengepresster Luft.
In der Zwischenzeit waren die Männer mit den vier Zodiacs auf dem Rückweg.
„Das Signal kommt von der Jacht“, stellte Andreas fest. „Da stimmt was nicht. Hole aus dem Außenborder raus, was drin ist, Hasan“, schrie er auf Arabisch. Die Männer saßen auf der Schlauchwulst des Bootes und hielten sich an dem Seil fest, um nicht ins Wasser zu fallen, während das Zodiac mit Höchstgeschwindigkeit über die kleinen Wellen sprang. Auch die anderen vier Boote hielten nun auf die Jacht zu.
Noch bevor das Schlauchboot die Jacht erreichte, schrie Pitt vom Bug aus: „Was ist los bei euch? Warum habt ihr das Signalhorn benutzt?“
„Wir haben einen Lichtschein im Wasser entdeckt, der sich der Höhle näherte“, rief Kim laut, das Motorgeräusch übertönend, zurück.
„Wo ist Anne?“, fragte Andreas, noch bevor Kim weitersprechen konnte.
„Sie wollte mal nachsehen, hat aber ihren Tauchcomputer vergessen.“
„Seit wann ist sie weg?“, fragte jetzt Sebastian laut. Kim schaute auf ihre Uhr. „Seit etwa dreißig Minuten. Ich habe hier schon alle Flaschen aufgefüllt. Beeilt euch!“, rief sie ganz aufgeregt zurück.
Erschrocken sahen sich die Männer im Zodiac an.
„Hasan, fahr uns direkt zum Heck!“, rief Sebastian. Dann wandte er sich wieder an seine Frau: „Kim, geh an den Funk und rufe die ‚Sinai‘. Mahmud soll seine Taucher so schnell es geht ins Wasser bringen. Jens soll sie zur Höhle führen.“
Wenig später war das Schlauchboot am Heck der Jacht angekommen. Rasch kletterten die Männer über die Leiter auf die Taucherplattform. Ohne ein Wort zu verlieren, zogen sie sich ihre Neoprenanzüge über. Nur Pitt der keinen hatte, schnappte sich einfach das Jackett mit der vollen Pressluftflasche von Kim und überprüfte das Blei. Er zog zwei Stück, diese entsprechen 4 Kilogramm Blei, von den vier Stück aus der Tasche, die er nicht brauchte, und legte sie auf die Bank.
„Kim, wo hast du dein Tauchermesser?“, fragte er kurzangebunden.
„Ich habe keins.“
„Na klasse“, stellte er fest. „Hat wenigstens Anne Eins mit oder ist sie mit eurem Kartoffelschäler losgezogen?“
Kim nickte ihm zu. „Ja, ich glaube, Anne hat ein Messer am Jackett“, flüsterte sie dabei doch etwas unsicher. „Aber genau weiß ist es nicht.“
„Na toll, ganz toll. Das Mädel hat meine Long Baldes genommen“, stellte Andreas fest, als er danach greifen wollte.
„Dann schnapp dir ihre Flossen“, rief Sebastian, während er das Gelenk seiner Prothese schon fürs Tauchen einstellte, bevor er den Neoprenschuh darüber zog. „Du hast keine andere Wahl, Kleiner.“
„Das weiß ich selbst, du Flasche. Aber das sagt uns auch, dass Anne vielleicht schon dort und somit in größter Gefahr ist. Also mach hin, du Lahmarsch, und sei froh, dass Mahmud für dich paar neue Flossen rausgerückt hat!“, gab Andreas zurück.
„Bin ja schon da, Kleiner. Kannst du mir vielleicht sagen, wo du deinen Gurt hast?“, fragte Sebastian nach, als er sah, dass sein Freund keinen trug.
„Dreimal darfst du raten. Anne hat ihn, ebenso wie meine Flossen.“
„Deine Frau hat ein ziemlich einnehmendes Wesen“, stellte Pitt fest, während er auf die Plattform lief und sich dort die Flossen von Kim anzog. „Meinst du nicht auch? Vielleicht solltet ihr mal darüber sprechen.“
„Blödmann. Sehe zu, dass du ins Wasser kommst.“, gab Andreas zurück.
Die fünf jungen SEALs verstanden nicht, wie diese Männer, trotz der bestehenden Gefahr noch so miteinander sprachen und sich gegenseitig aufstachelten. Trotzdem waren diese Männer schneller fertig und im Wasser als sie selbst.
„Nun macht mal etwas Dampf, ihr jungen Spunde“, rief Pitt ihnen vom Wasser aus zu. „Wir haben einen Job zu erledigen und keine Zeit für eine Modenschau. Hier geht es um das Leben unserer Freundin.“
Kurz darauf sprangen die fünf SEALs ins Wasser. Nach dem Okay-Zeichen tauchten die drei Freunde, gefolgt von ihrer kleinen Gruppe, auf ihr Ziel gerichtete, ab. Sie waren erstaunt, welche Geschwindigkeit die, doch schon gute zwanzig Jahre älteren und verletzten Männer vorlegten und wie Sebastian mit der Unterschenkelprothese so mithalten konnte.
Die anderen drei Zodiac wollten gerade am Heck des Marineschnellbootes festmachen, als ihnen schon der Funkoffizier entgegengelaufen kam, um von dem empfangenen Funkspruch der ‚Al Salam‘ zu berichten. Sofort liefen die Männer los in den Equipmentraum, als sie das hörten.
Mahmud warf Jens einen Tauchanzug zu. „Hier, der dürfte dir passen.“ Schnell zog er den Anzug über, so wie die Taucher der ägyptischen Marine auch.
„Jungs, ihr folgt Flottillenadmiral Arend. Achtet auf seine Zeichen und handelt danach. Seht zu, dass ihr unsere Freunde heil wieder hochbringt!“, rief Oberstleutnant Kebier laut durch den Raum, wo sich die Taucher umzogen, während er Jens weiteres Equipment reichte.
Fertig aufgerödelt stiegen die Taucher in die bereitstehende Zodiac, die sich sofort mit ihnen in Richtung des Riffs entfernte.
Fortsetzung folgt