Auf ein Wort

Helmut Pohl

Mitglied
Jedesmal wenn ich an einem Abend hier sitze, frage ich mich, was man wohl von mir erwartet, gerne lesen möchte. Sicher eine Geschichte, Geschehenes der letzten Zeit, etwas Aktuelles, manchmal Lustiges. Immer aber Sätze. Wörter. Aber wo soll ich sie immer hernehmen, die Wörter? Herta Müller sagte in ihrer Dankesrede zum Kulturpreis Deutsche Sprache: Die Wörter"sie kommen in den Mund wie sie wollen. In ihnen sitzt immer der Zufall."

Ja, ich kann die Wörter nicht rufen. Das Denken schickt sie meistens. Manchmal sammel ich sie auch einfach auf und verstaue sie irgendwo zwischen meinen Gedanken. Sie fliegen mir draußen zu, wenn die Menschen in der Stadt an mir vorbeieilen. Die merken nicht, wenn sie sie verlieren, man muß sie nur auffangen. Im Kopf lagern. Und irgendwann fallen die Wörter, so Herta Müller, aus dem Kopf dem Mund zu. Wichtig ist nur, sie dann richtig zu sortieren, denn oft kommen sie einfach ungeordnet. Und wenn aus ihnen dann ein Satz geworden ist, fehlt immer noch die Geschichte. Die kann nur von Sätzen geboren werden. Wörter, aus Buchstaben entstanden, werden zu Sätzen und enden als Geschichten. Wie das Leben. Jedes eine Geschichte des einzelnen Wesens.

Oder vielleicht ist all das auch falsch mit den Geschichten und Sätzen. Ein paar Wörter würden reichen. Wörter, aus denen Du selber Sätze und Geschichten in Deinen Gedanken bilden kannst. Eben einfach nur Wörter als Hinweise auf was auch immer. Denn Wörter sprechen mit einem.

Komme - Woche - Freude

Natürlich kennt jeder die Geschichte. Die wollte ich eigentlich auch erzählen. Aber jetzt ist es wieder eine Geschichte über die Wörter geworden, mit vielen Wörtern, die auch in anderen Geschichten vorkommen. Und die schon oft von einem Mund in mein Ohr oder von meinem Mund in irgendein Ohr gefallen sind. Wörter sind selbständig, sie machen was sie wollen.

Genau wie jetzt ich. Wortlos übergebe ich mich dem Dunkel der Nacht. Doch manchmal begegnen mir auch dort noch Wörter. Die packe ich dann am anderen Tag in einen Brief und schicke sie jemandem.

Briefwörter.
 

Aniella

Mitglied
Hallo Helmut,

herzlich willkommen in der LL.

Dein Gedankenspiel über Wörter ist interessant. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob Du wirklich die Wörter meinst (die, die in Wörterbüchern gelistet sind), oder die Worte, die Gedanken tragen.

Nachdenkliche Grüße
Aniella
 

Helmut Pohl

Mitglied
Hallo Aniella,

laß mich Deine Frage nur in Kürze beantworten. Du unterscheidest zwischen Wörtern in Wörterbüchern und denen, die "Gedanken tragen". Mir ist zwar bewußt, was Du meinst, aber diese Unterscheidung gibt es nicht. Wörter tragen immer Gedanken, wie Du es nennst. Und die in Wörterbüchern sind doch nur eine ganz kleine Auswahl durch bestimmte Personen. Und alle Wörter aufzuschreiben, ist unmöglich. Die Gebrüder Grimm haben es in ihrem ersten Wörterbuch der deutschen Sprache versucht, sind aber nur bis zum Buchstaben D, beziehungsweise F gekommen. Und wie viele neue Wörter gibt es seit dem 19. Jahrhundert ? (Das Wort "Lohnfortzahlung" kannten die Brüder sicherlich nicht) Und heute werden Wörter andauernd in diesen Büchern wieder gestrichen, weil wir sie zum Beispiel angeblich nicht mehr sagen dürfen. Aber sie gibt es dennoch. Wörter sind wie Gedanken, sie sterben nicht. Und darum gilt alles, was ich gesagt habe, für alle Wörter. Was wären wir, die wir so gerne schreiben, ohne Wörter. Und was wären unsere kleinen Geschichten und die aller Schriftsteller ohne neue Wörter. Wörter leben, erzählen und pflanzen sich fort.

Vielleicht haben meine Wörter etwas geholfen.

Gruß

Helmut
 



 
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