Na, was sagen Sie dazu?
Henny fiel es sehr schwer, sich an ihren Schreibtisch im Obergeschoss ihres Hauses zu setzen, um einen Brief an ihren Verleger Michael Lintfort zu schreiben. Seit Wochen schob sie es vor sich her, ihn davon zu unterrichten, dass sie es nicht schaffen würde, den vereinbarten Termin für die Abgabe des versprochenen Manuskripts einzuhalten. Sie wusste nur zu gut, ein Ausfall oder eine Verspätung war für den Verlag problematisch, weil er für Henny diese extra Krimireihe eingerichtet hatte, die sie jetzt nicht bedienen konnte. Einmal pro Jahr war eine Neuerscheinung fest eingeplant, und ein pünktliches Erscheinen zur Frankfurter Buchmesse nicht nur die Regel, sondern von der Leserschaft erwartet. Neunzehn Jahre lang funktionierte das wegen ihrer grenzenlos scheinenden Kreativität bestens und ohne Zeitdruck, und in Lintforts Verlag galt Henny heimlich als die deutsche Agatha Christie, weil ihre Plots eine ähnlich hohe Qualität besaßen wie die der Engländerin und sie es fertigbrachte, von Seite 5 bis zum Schluss eine Spannung aufzubauen, die Lintfort einmal bei einer Vorstellung als grandios bezeichnet hatte.
Sie begann zu schreiben:
Lieber Michael,
es tut mir unendlich leid, dass ich Ihnen mitteilen muss, den vereinbarten Abgabetermin (und auch einen Ersatztermin, falls Sie einen vorzuschlagen beabsichtigen) absagen zu müssen. Ich wage kaum Ihnen zu gestehen, was mich zu dieser schlechten Nachricht gezwungen hat, aber als Verleger haben Sie natürlich einen Anspruch darauf zu erfahren, was der Grund ist. Er lässt sich in einem Wort ausdrücken: Ich habe eine Schreibblockade.
Was habe ich nicht alles versucht, um Material für einen Plot zu sammeln. Sie wissen, normalerweise fallen mir mehr Plots ein, als ich verarbeiten kann, aber dieses Mal tue ich mich sehr, sehr schwer, eine Geschichte in der gewohnt hohen Qualität zu verfassen (ja, von diesem Anspruch will ich nicht abrücken!). Ich habe bei der Kriminalpolizei alte Fälle einsehen dürfen, ich habe ganze Jahrgänge von Zeitungen durchforstet, in Filmarchiven gekramt und schließlich auch auf so manche Neuerscheinung der Konkurrenz geschielt, obwohl eine solche Suche nach Anregungen sich für mich per se verbietet. Doch alles, was ich als Verwertbares entdecken konnte, blieb Stückwerk, weil sich nichts zu einer mitreißenden Story zusammenfügen ließ. Dass alle Bemühungen schließlich fehlgeschlagen sind, beweist mir, dass es sich tatsächlich um eine Schreibhemmung handelt, ja, ich gebe es zu, die der Lähmung meiner Kreativität gleichkommt.
Mein Vorschlag wäre, das Ihnen vorliegende unveröffentlichte Manuskript „Der Lilienmörder“ zu verwenden, auch wenn es schon einige Jahre alt ist und nicht mein bestes ist. Wenn Sie es wünschen, überarbeite ich es noch einmal.
Seien Sie herzlichst gegrüßt
Ihre Henny de Maas
Wovon Henny kein einziges Wort verlauten ließ, war der briefliche Austausch mit einem Strafgefangenen, dem ein Mord und ein schwerer Diebstahl nachgewiesen worden waren. Er saß lebenslänglich im örtlichen Gefängnis ein und hatte keine Aussicht auf eine vorzeitige Entlassung, da die Tötung der Vertuschung seines Einbruchs diente und die Ausführung der Tat ungewöhnlich brutal war und damit bei der Strafzumessung als erschwerend angesehen wurde.
Der Direktor der Strafanstalt hatte nach langen Diskussionen dem Briefwechsel schließlich zugestimmt, da er sie als Krimi-Autorin sehr schätzte und bei ihrer Recherche behilflich sein wollte. Und weil vom Täter keine Gefahr mehr ausgehen konnte, da eine vorzeitige Entlassung ausgeschlossen war.
Der Briefwechsel erfolgte per Post, damit der Ein- und Ausgang leichter kontrolliert werden konnte. Das war die Auflage, und weder bei Henny noch bei Ludwig Krächel, so sein Name, hatte das irgendwelchen Missmut erweckt. Henny überschüttete ihn anfangs mit honigsüßen Texten, beteuerte ihr Mitgefühl, zeigte Verständnis, machte ihm Mut und gab psychologische Tipps, wie man den Alltag in der Anstalt erträglicher machen konnte. Sie baute ihn regelrecht auf, bis sein Vertrauen in sie ausreichend groß war und sie ehrliche und vor allem detaillierte Antworten auf ihre Fragen erwarten konnte. Dann kam sie schnell zur Sache und bombardierte ihn mit tausend Fragen, die sie sich in einer Art Katalog zusammengestellte.
Hennys Idee war, den überfälligen Krimi diesmal auch aus der Sicht des Täters zu schreiben. Dafür waren die psychologischen Aspekte ausschlaggebend. Wenn sie die richtigen Fragen stellte, müsste sie die Täterseite so gut kennenlernen, dass sie den Stoff zu einer spannenden Geschichte würde verarbeiten können.
Wie haben Sie den Einbruch geplant? Welche Risiken haben Sie gesehen? Haben Sie ihrer Frau davon erzählt? Haben Sie sich die Konsequenzen überlegt, falls sie gesehen, bei der Tat überrascht oder in einen Kampf verwickelt würden? Wie haben Sie vorher die Lage ausgekundschaftet? Was ging in Ihnen vor, als Sie den ersten Schritt in das Gebäude gesetzt haben? Wie haben Sie mental reagiert, als der Wärter, Ihr späteres Opfer, auf Sie zukam? Wollten Sie ihn töten oder nur außer Gefecht setzen?
Sie konnte nicht genug aus ihm herausquetschen, und was Sie am meisten schätzte, war die Tatsache, dass er zu jedem Sachverhalt und zu jeder Frage ehrliche und verwertbare Informationen lieferte. Er wurde nicht müde, sich zu offenbaren, und Henny war inzwischen überzeugt, dass er sich mit jedem einzelnen Brief an sie mental aus dem Korsett des Mörders befreien wollte.
So ging das über ein Vierteljahr. Sie schrieben sich einmal, manchmal auch zweimal in der Woche, und Henny glaubte, langsam zu ihrer Kreativität zurückzufinden, bis eines Tages …
*
Henny saß in ihrer Schreibwerkstatt im Obergeschoss ihres kleinen Hauses, das sie ausschließlich zum Arbeiten an ihren Texten nutze. Sie trennte diesen Bereich strikt von ihrer Privatwohnung im Erdgeschoss. Das hatte zum einen steuerliche Gründe, zum anderen wollten sie Privat und Geschäft klipp und klar auseinanderhalten. So hatte sie auch eine zweite Klingel an ihrer Haustür anbringen lassen. Die obere zierte ihr Pseudonym Henny de Maas, die untere war mit ihrem Klarnamen Henriette Fleischhauer versehen. Die zweite Klingel hatte sich als sehr praktisch erwiesen, da sie regelmäßig Post oder Waren erhielt, die mal so und mal so adressiert waren.
Sie hatte sich gerade ein paar Notizen für den neuen Plot gemacht, als jemand die obere Klingel betätigte. In der Annahme, ein Zusteller habe geläutet, um ein Paket abzugeben, eilte sie zur Tür und öffnete sie zügig. Ein mittegroßer, breitschultriger Mann in einem etwas zu kleinen Jackett stand vor ihr, stellte sofort einen Fuß in die Tür, so dass Henny sie nicht mehr schließen konnte, schaute unsicher nach links und rechts und drängte sich wortlos an ihr vorbei ins Haus.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich so hereinplatze“, gab er sich bewusst höflich. „Schön, dass Sie zu Hause sind. Lernen wir uns endlich einmal persönlich kennen.“
„So geht das nicht, mein Herr“, gab sich Henny empört. „Sie dringen einfach in meine Wohnung ein, ohne sich vorzustellen und zu sagen, was Sie zu mir führt. Bitte verlassen Sie sofort mein Haus!“
„Aber Henny, ich bin‘s doch: Ludwig, Ihre Brieffreundschaft. Sie sind doch Henny, oder?“
Henny hatte sofort begriffen, wie sie reagieren musste. „Nein, mein Name ist Fleischhauer, ich bin ihre Vermieterin. Frau de Maas wohnt oben, aber sie ist nicht da. Sie ist verreist.“ Ihr Ton war resolut und ausgesprochen unfreundlich.
„Oh, das ist schade. Ich hatte nämlich einen Termin als Zeuge beim Gericht, und für den Heimweg hat man mir einen Abstecher erlaubt, um Henny persönlich kennenzulernen.“ Er schaute Henny prüfend an. Das war jetzt eine Situation, mit der er nicht gerechnet hatte. „Wann kommt sie denn wieder? Ich kann solange warten. Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen?“
„Eigentlich schon. Ich habe nämlich eine Menge zu tun, außerdem muss ich noch in die Stadt, um meine Besorgungen zu machen.“ Sie wusste genau, wie gefährlich seine Anwesenheit werden konnte, und überlegte, wie sie ihn loswerden konnte. Sie resümierte: Er hatte sich nach allen Seiten abgesichert, als er ins Haus trat, er hatte sich in den Flur gedrängt, um von der Straße aus nicht gesehen und erkannt zu werden, er hatte einen Termin bei Gericht vorgeschoben, um sein Auftauchen hier zu erklären, er gab vor, Zeit zu haben und warten zu können. Für Henny war klar, dass er ausgebrochen sein musste, und jetzt galt es, geschickt vorzugehen, um die Sache zu einem glimpflichen Ende zu bringen.
„Ich bitte sie nochmals zu gehen.“ Und dann machte sie ihm klar, dass sie Bescheid wusste. „Sie können von mir aus den Kellerausgang benutzen. Am Ende des Gartens verläuft ein Feldweg, der aus der Stadt führt. Er ist auf beiden Seiten von Büschen gesäumt.“
Ludwig stand für einen Moment der Schrecken ins Gesicht geschrieben. „Sie wissen es also.“
„Es war nicht schwer zu erraten. Frau de Maas hat mir von Ihrem Briefwechsel erzählt“, antwortete sie. „Zum Keller geht es dort hinunter.“ Sie zeigte auf eine Tür im Flur. „Und jetzt gehen Sie bitte!“, fügte sie energisch hinzu.
„Leihen Sie mir bitte etwas Geld. Ich möchte nicht schon wieder straffällig werden.“
Das ist ja mal ein Argument!, schoss es ihr durch den Kopf. Wie vorsichtig er ist! „Ich werde Ihnen geben, was ich habe. Es ist nicht viel. Ich habe nie viel Bargeld im Haus“, beteuerte sie. Sie ging die drei Schritte zur Garderobe, wo ihre Einkaufstasche stand, entnahm ihre Geldbörse und öffnete sie unter seinen Augen. Sie zog drei Scheine hervor und gab sie ihm. „Es sind 80 Euro, das ist alles, was ich habe. Und jetzt beenden Sie bitte diesen Schabernack“, zischte sie gereizt und wies mit einer Hand zur Kellertür.
„Das reicht hinten und vorne nicht. Wenn Sie in die Stadt müssen, können Sie doch an einem Geldautomaten …“
„Kann ich nicht und will ich nicht. Sie können mich ja begleiten, wenn ich auf die Bank gehe.“
Krächel verstand ihre Ironie. „Ist ja gut, ich bleibe solange hier, bis Sie zurück sind.“
„Und wenn ich zur Polizei gehe?“
„Dann fackle ich ihr Haus ab.“
Henny erkannte, dass sie in der Falle saß, und überlegte. „Und wieviel brauchen Sie?“
„Es dürfen schon ein paar Tausender sein. Ich muss untertauchen und weit reisen. Sie verstehen doch?“
„Sie sind vielleicht lustig, Herr Ludwig“, sagte sie mit einem scherzhaft-bitteren Ton. „Ich bin Frührentnerin wegen meiner Bandscheiben und bekomme 980 Euro Rente im Monat. Wo soll ich denn Tausende von Euro hernehmen? Ich werde Ihnen 600 Euro mitbringen. Das ist alles, was ich auf dem Konto habe, dann bin ich blank für den Rest des Monats.“
„Haben Sie ein Auto in der Garage?“
„Henny besitzt eines.“
„Schlüssel!“, forderte er barsch und hielt gleichzeitig seine Hand auf.
Jetzt wurde sein Ton schärfer, was Henny sofort einschüchterte. Sie ging zögerlich zum Schlüsselbrett und griff nach dem Autoschlüssel.
„Wieso ist der Schlüssel bei Ihnen?“
„Weil ich das Auto benutzen darf, wenn sie nicht da ist“, kam es schlagfertig.
„Wo steht es?“
„In der Garage. Gehen Sie durch den Keller. Drücken Sie den grünen Knopf, dann öffnet sich das Tor.“
Er nahm den Schlüssel an sich und hatte sich schon zur Kellertür gewandt, als es an der Haustür klingelte.
Ludwig erstarrte, legte einen Finger senkrecht auf die Lippen und fauchte: „Machen Sie jetzt ja keinen Blödsinn!“ Mit flinken Schritten betrat er die Küche und lehnte die Tür an, um mithören zu können, falls etwas gesagt werden würde, was ihn beziehungsweise seine Flucht betraf.
*
„Frau de Maas?“, fragte einer der beiden Polizeibeamten in Zivil. Sie zeigten ihre Ausweise.
„Ich bin Frau Fleischhauer, Frau de Maas ist verreist. Ich bin ihre Vermieterin.“
„Trotzdem: Dürfen wir für einen Moment reinkommen? Wir haben etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.“
Henny bat die beiden Herren herein, bot ihnen einen Platz an und setzte sich in den Sessel gegenüber. Sie hoffte inständig, dass ihr Besuch nichts mit Ludwig zu tun hatte, aber schon beim ersten Satz fuhr ihr der Schrecken in die Glieder.
„Wir wollen Sie nicht beunruhigen“, begann der Ältere von ihnen, „aber es ist möglich, dass ein Mörder Sie hier aufsuchen wird, der heute Vormittag aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Ihre Mieterin ist die einzige Person in dieser Gegend, mit der er Kontakt hat. Wir rechnen damit, dass er über kurz oder lang hier auftaucht, weil er Ihre Hilfe bei der Flucht aus der Stadt benötigt. Da Frau de Maas nicht da ist, wird er sich möglicherweise an Sie halten.“
„Das ist ja furchtbar“, hauchte sie den beiden zu. „Was soll ich denn jetzt tun?“
„Sie müssen keine Angst haben“, ergriff der andere Polizist nun das Wort. „In einer Viertelstunde beginnt die neue Schicht. Ich habe zwei Beamte abgestellt, die das Haus bewachen werden. Wir bleiben solange hier, bis die Kollegen eintreffen. Sie haben also nichts zu befürchten.“
Henny überlegte, ob sie den beiden Beamten durch Gesten und Handzeichen bedeuten solle, dass sich der Gesuchte bereits im Haus befinde. Aber sie befürchtete, hier in ihrem Haus vielleicht in einen Kampf verwickelt zu werden. Und es könnte sogar sein, dass Ludwig ein Feuer legt, um ein Chaos zu verursachen, dass er bei der Flucht nutzen könnte. Also schwieg sie.
In diesem Augenblick trat Ludwig aus der Küche, richtete seinen Blick sofort auf die beiden Beamten, nickte kurz zum Gruß, stellte sich in aller Ruhe neben den Sessel, in dem Henny Platz genommen hatte, und sagte: „Schatz, ich geh schon mal in den Keller und räume das Leergut für unseren Einkauf zusammen.“ Mit dem Autoschlüssel in der Hand begab er sich zur Kellertür, doch als er sie öffnen wollte, stoppte der jüngere Beamte sein Vorhaben.
„Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Ich bin ihr Freund“, erwiderte Ludwig. „Wir sind ein Paar. Ist das verboten?“
„Nein, ist es nicht. Ich möchte trotzdem mal einen Blick auf Ihren Ausweis werfen.“
Das war für Ludwig die Überschreitung einer Grenze. Ab jetzt konnte es nur noch gefährlicher für ihn werden. Wenn er mit heiler Haut aus diesem Haus herauskommen wollte, musste er den beiden Polizisten unverzüglich sein Spiel aufzwingen.
Er überlegte einen Augenblick, dann zog er ein Küchenmesser aus seinem Gürtel und stürzte sich wie ein Adler auf Henny, umklammerte von hinten ihren Hals und hielt ihr die Klinge an die Hauptschlagader.
„Ihr bleibt jetzt schön hier sitzen“, fuhr er die Polizisten an. „Wenn einer aufsteht, hat die Frau ein Messer im Hals!“
Um die Sache nicht eskalieren zu lassen, blieben die Beamten sitzen und sagten nichts, um Ludwig nicht zu provozieren. Sie saßen angespannt auf dem Sofa und verfolgten, wie er mit seiner Geisel die Treppe hinunterging. Er fand sofort den Eingang zur Garage, und als er den BMW vor sich stehen sah, zwang er Henny einzusteigen, öffnete das Garagentor und brauste mit ihr davon.
Hier sei die Schilderung abgekürzt. Am übernächsten Tag kam Henny frei. Einen Tag später wurde Ludwig gefasst und nach weiteren drei Tagen hatte sie sich von den Strapazen erholt. Irgendwie half es ihr, darüber hinwegzukommen, hatte sie doch solche Aktionen schon zig Mal in ihren Romanen beschrieben. Nach einer Woche saß sie bereits wieder in ihrem Arbeitszimmer im Obergeschoss und versuchte, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen.
Du musst schreiben, solange die Eindrücke und Ideen noch „warm“ sind. Das war seit sie schrieb einer ihrer Grundsätze, und so machte sie sich Notizen über Notizen, sortierte sie, schrieb sie um, formulierte und korrigierte, brachte Struktur in die Stichpunkte, bis daraus ein roher Plot entstand. Es dauerte nur eine weitere Woche bis zur finalen Fassung. Und während sie darüber grübelte, was eine solche Geschichte für einen Titel haben könnte, schenkte sie sich ein Glas St. Emillion ein und beschloss voller Glückseligkeit, ihre Denkschwäche überwunden zu haben, zwei Briefe zu schreiben. Der erste war an den Geiselnehmer gerichtet.
Lieber Ludwig,
ich bin vor zwei Tagen von einem Kurzurlaub zurück und habe mit Entsetzen zur Kenntnis genommen, was hier passiert ist. Frau Fleischhauer hat die Sache sehr mitgenommen, und ich hoffe, dass sie keinen dauerhaften Schaden davontragen wird. Sie schläft in diesen Tagen sehr schlecht, wie sie mir gestand, und hat ständig Angstgefühle. Lassen Sie uns beide hoffen, dass sie bald wieder die Alte ist.
Wie ich hörte, sind Sie schon nach drei Tagen festgenommen und zurück an Ihre alte Stätte gebracht worden. Darüber bin ich sehr froh, vor allem, weil auch Sie, werter Freund, alles gut überstanden haben. Verzeihen Sie, wenn ich das so unverblümt ausdrücke. Aber ich kann mir kaum vorstellen, wie es einem Menschen ergehen muss, der Tag und Nacht die Polizei im Nacken hat, der nirgendwo sicher unterkommen kann, sich vor jedem Aushang der Polizei fürchten muss, keine Verkehrskontrolle riskieren darf, sich auf kein Amt traut, um die Voraussetzungen für ein neues Leben zu schaffen, und sich in der Stadt angesichts von Hunderten von Überwachungskameras wie ein Maulwurf verhalten muss. So etwas wünsche ich Ihnen wirklich nicht.
Ich hoffe sehr, dass dieser Vorfall, wenn ich ihn mal so beschönigend nennen darf, Ihre Bereitschaft, unseren Briefwechsel fortzuführen, nicht getrübt hat. Soweit es mich betrifft, hat mir der Gedankenaustausch sehr viel gebracht; ich hoffe, dass er auch Ihnen gutgetan hat und auch weiterhin Ihre Wertschätzung finden wird.
Seien Sie für heute gegrüßt – und Kopf hoch!
Ihre Henny
Sie glaubte selbst nicht so recht daran, dass der briefliche Austausch so fortgeführt werden würde wie bisher, aber das war ihr im Moment auch egal. Viel wichtiger war in diesen Stunden das jetzt folgende Schreiben an ihren Verleger, das sie, noch bevor sie den ersten Satz geschrieben hatte, wie einen Befreiungsschlag empfand.
Lieber Michael,
sehr viel Lärm um nichts – so möchte ich mein Verhalten Ihnen gegenüber beschreiben und Sie um Entschuldigung bitten. Ja, ich war für ein paar Wochen leer im Kopf, ideenlos und nicht in der Lage, die Story zu kreieren, die für einen weiteren Roman getaugt hätte. Mein Hausarzt meint, es läge an der neuen Medikation gegen meine Arthrose in den Knien und die Herzrhythmusstörungen. Es brauche Zeit, bis sich der Körper an den neuen Tablettenmix gewöhnt habe. Jetzt ist das alles vorbei; das will ich Sie unbedingt wissen lassen.
Ich habe auch schon einen Plot entwickelt und fange nächste Woche mit der Textarbeit an. Es wird dieses Mal nicht die übliche Story, bei der ein bereits verübter Mord aufgeklärt wird. Ich plane vielmehr, einen Thriller zu schreiben, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur mitnimmt, sondern mitreißt. Die Spannung wird alles übertreffen, was ich bisher geschrieben habe. Das möchte ich Ihnen garantieren.
Worum geht es? Lassen Sie es mich in zwei Sätzen erklären: Eine Krimiautorin pflegt eine Brieffreundschaft mit einem inhaftierten Mörder, um zu verstehen, wie er psychisch vor und während der Tat getickt hat. Eines Tages bricht er aus und dringt in das Haus der Brieffreundin ein, weil er Hilfe benötigt. Nur kurze Zeit später erscheinen zwei Polizisten … und ab hier beginnt eine spannungsgeladene Entführung mit ungewöhnlichen Dialogen, Bekenntnissen und Tricks aus der Praxis eines raffinierten Gangsters. Es gelingt ihr schließlich sich auf raffinierte Weise zu befreien, weil sie den Entführer in eine Falle lockt und zu einer falschen Entscheidung zwingt. Na, wie finden Sie das?
Mehr will ich zunächst nicht verraten. Freuen Sie sich auf Hochspannung pur.
Ihre Henny de Maas
P.S. Das Manuskript liegt Ihnen Ende Juli vor, so dass genug Zeit bis zur Frankfurter Buchmesse bleibt
Henny fiel es sehr schwer, sich an ihren Schreibtisch im Obergeschoss ihres Hauses zu setzen, um einen Brief an ihren Verleger Michael Lintfort zu schreiben. Seit Wochen schob sie es vor sich her, ihn davon zu unterrichten, dass sie es nicht schaffen würde, den vereinbarten Termin für die Abgabe des versprochenen Manuskripts einzuhalten. Sie wusste nur zu gut, ein Ausfall oder eine Verspätung war für den Verlag problematisch, weil er für Henny diese extra Krimireihe eingerichtet hatte, die sie jetzt nicht bedienen konnte. Einmal pro Jahr war eine Neuerscheinung fest eingeplant, und ein pünktliches Erscheinen zur Frankfurter Buchmesse nicht nur die Regel, sondern von der Leserschaft erwartet. Neunzehn Jahre lang funktionierte das wegen ihrer grenzenlos scheinenden Kreativität bestens und ohne Zeitdruck, und in Lintforts Verlag galt Henny heimlich als die deutsche Agatha Christie, weil ihre Plots eine ähnlich hohe Qualität besaßen wie die der Engländerin und sie es fertigbrachte, von Seite 5 bis zum Schluss eine Spannung aufzubauen, die Lintfort einmal bei einer Vorstellung als grandios bezeichnet hatte.
Sie begann zu schreiben:
Lieber Michael,
es tut mir unendlich leid, dass ich Ihnen mitteilen muss, den vereinbarten Abgabetermin (und auch einen Ersatztermin, falls Sie einen vorzuschlagen beabsichtigen) absagen zu müssen. Ich wage kaum Ihnen zu gestehen, was mich zu dieser schlechten Nachricht gezwungen hat, aber als Verleger haben Sie natürlich einen Anspruch darauf zu erfahren, was der Grund ist. Er lässt sich in einem Wort ausdrücken: Ich habe eine Schreibblockade.
Was habe ich nicht alles versucht, um Material für einen Plot zu sammeln. Sie wissen, normalerweise fallen mir mehr Plots ein, als ich verarbeiten kann, aber dieses Mal tue ich mich sehr, sehr schwer, eine Geschichte in der gewohnt hohen Qualität zu verfassen (ja, von diesem Anspruch will ich nicht abrücken!). Ich habe bei der Kriminalpolizei alte Fälle einsehen dürfen, ich habe ganze Jahrgänge von Zeitungen durchforstet, in Filmarchiven gekramt und schließlich auch auf so manche Neuerscheinung der Konkurrenz geschielt, obwohl eine solche Suche nach Anregungen sich für mich per se verbietet. Doch alles, was ich als Verwertbares entdecken konnte, blieb Stückwerk, weil sich nichts zu einer mitreißenden Story zusammenfügen ließ. Dass alle Bemühungen schließlich fehlgeschlagen sind, beweist mir, dass es sich tatsächlich um eine Schreibhemmung handelt, ja, ich gebe es zu, die der Lähmung meiner Kreativität gleichkommt.
Mein Vorschlag wäre, das Ihnen vorliegende unveröffentlichte Manuskript „Der Lilienmörder“ zu verwenden, auch wenn es schon einige Jahre alt ist und nicht mein bestes ist. Wenn Sie es wünschen, überarbeite ich es noch einmal.
Seien Sie herzlichst gegrüßt
Ihre Henny de Maas
Wovon Henny kein einziges Wort verlauten ließ, war der briefliche Austausch mit einem Strafgefangenen, dem ein Mord und ein schwerer Diebstahl nachgewiesen worden waren. Er saß lebenslänglich im örtlichen Gefängnis ein und hatte keine Aussicht auf eine vorzeitige Entlassung, da die Tötung der Vertuschung seines Einbruchs diente und die Ausführung der Tat ungewöhnlich brutal war und damit bei der Strafzumessung als erschwerend angesehen wurde.
Der Direktor der Strafanstalt hatte nach langen Diskussionen dem Briefwechsel schließlich zugestimmt, da er sie als Krimi-Autorin sehr schätzte und bei ihrer Recherche behilflich sein wollte. Und weil vom Täter keine Gefahr mehr ausgehen konnte, da eine vorzeitige Entlassung ausgeschlossen war.
Der Briefwechsel erfolgte per Post, damit der Ein- und Ausgang leichter kontrolliert werden konnte. Das war die Auflage, und weder bei Henny noch bei Ludwig Krächel, so sein Name, hatte das irgendwelchen Missmut erweckt. Henny überschüttete ihn anfangs mit honigsüßen Texten, beteuerte ihr Mitgefühl, zeigte Verständnis, machte ihm Mut und gab psychologische Tipps, wie man den Alltag in der Anstalt erträglicher machen konnte. Sie baute ihn regelrecht auf, bis sein Vertrauen in sie ausreichend groß war und sie ehrliche und vor allem detaillierte Antworten auf ihre Fragen erwarten konnte. Dann kam sie schnell zur Sache und bombardierte ihn mit tausend Fragen, die sie sich in einer Art Katalog zusammengestellte.
Hennys Idee war, den überfälligen Krimi diesmal auch aus der Sicht des Täters zu schreiben. Dafür waren die psychologischen Aspekte ausschlaggebend. Wenn sie die richtigen Fragen stellte, müsste sie die Täterseite so gut kennenlernen, dass sie den Stoff zu einer spannenden Geschichte würde verarbeiten können.
Wie haben Sie den Einbruch geplant? Welche Risiken haben Sie gesehen? Haben Sie ihrer Frau davon erzählt? Haben Sie sich die Konsequenzen überlegt, falls sie gesehen, bei der Tat überrascht oder in einen Kampf verwickelt würden? Wie haben Sie vorher die Lage ausgekundschaftet? Was ging in Ihnen vor, als Sie den ersten Schritt in das Gebäude gesetzt haben? Wie haben Sie mental reagiert, als der Wärter, Ihr späteres Opfer, auf Sie zukam? Wollten Sie ihn töten oder nur außer Gefecht setzen?
Sie konnte nicht genug aus ihm herausquetschen, und was Sie am meisten schätzte, war die Tatsache, dass er zu jedem Sachverhalt und zu jeder Frage ehrliche und verwertbare Informationen lieferte. Er wurde nicht müde, sich zu offenbaren, und Henny war inzwischen überzeugt, dass er sich mit jedem einzelnen Brief an sie mental aus dem Korsett des Mörders befreien wollte.
So ging das über ein Vierteljahr. Sie schrieben sich einmal, manchmal auch zweimal in der Woche, und Henny glaubte, langsam zu ihrer Kreativität zurückzufinden, bis eines Tages …
*
Henny saß in ihrer Schreibwerkstatt im Obergeschoss ihres kleinen Hauses, das sie ausschließlich zum Arbeiten an ihren Texten nutze. Sie trennte diesen Bereich strikt von ihrer Privatwohnung im Erdgeschoss. Das hatte zum einen steuerliche Gründe, zum anderen wollten sie Privat und Geschäft klipp und klar auseinanderhalten. So hatte sie auch eine zweite Klingel an ihrer Haustür anbringen lassen. Die obere zierte ihr Pseudonym Henny de Maas, die untere war mit ihrem Klarnamen Henriette Fleischhauer versehen. Die zweite Klingel hatte sich als sehr praktisch erwiesen, da sie regelmäßig Post oder Waren erhielt, die mal so und mal so adressiert waren.
Sie hatte sich gerade ein paar Notizen für den neuen Plot gemacht, als jemand die obere Klingel betätigte. In der Annahme, ein Zusteller habe geläutet, um ein Paket abzugeben, eilte sie zur Tür und öffnete sie zügig. Ein mittegroßer, breitschultriger Mann in einem etwas zu kleinen Jackett stand vor ihr, stellte sofort einen Fuß in die Tür, so dass Henny sie nicht mehr schließen konnte, schaute unsicher nach links und rechts und drängte sich wortlos an ihr vorbei ins Haus.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich so hereinplatze“, gab er sich bewusst höflich. „Schön, dass Sie zu Hause sind. Lernen wir uns endlich einmal persönlich kennen.“
„So geht das nicht, mein Herr“, gab sich Henny empört. „Sie dringen einfach in meine Wohnung ein, ohne sich vorzustellen und zu sagen, was Sie zu mir führt. Bitte verlassen Sie sofort mein Haus!“
„Aber Henny, ich bin‘s doch: Ludwig, Ihre Brieffreundschaft. Sie sind doch Henny, oder?“
Henny hatte sofort begriffen, wie sie reagieren musste. „Nein, mein Name ist Fleischhauer, ich bin ihre Vermieterin. Frau de Maas wohnt oben, aber sie ist nicht da. Sie ist verreist.“ Ihr Ton war resolut und ausgesprochen unfreundlich.
„Oh, das ist schade. Ich hatte nämlich einen Termin als Zeuge beim Gericht, und für den Heimweg hat man mir einen Abstecher erlaubt, um Henny persönlich kennenzulernen.“ Er schaute Henny prüfend an. Das war jetzt eine Situation, mit der er nicht gerechnet hatte. „Wann kommt sie denn wieder? Ich kann solange warten. Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen?“
„Eigentlich schon. Ich habe nämlich eine Menge zu tun, außerdem muss ich noch in die Stadt, um meine Besorgungen zu machen.“ Sie wusste genau, wie gefährlich seine Anwesenheit werden konnte, und überlegte, wie sie ihn loswerden konnte. Sie resümierte: Er hatte sich nach allen Seiten abgesichert, als er ins Haus trat, er hatte sich in den Flur gedrängt, um von der Straße aus nicht gesehen und erkannt zu werden, er hatte einen Termin bei Gericht vorgeschoben, um sein Auftauchen hier zu erklären, er gab vor, Zeit zu haben und warten zu können. Für Henny war klar, dass er ausgebrochen sein musste, und jetzt galt es, geschickt vorzugehen, um die Sache zu einem glimpflichen Ende zu bringen.
„Ich bitte sie nochmals zu gehen.“ Und dann machte sie ihm klar, dass sie Bescheid wusste. „Sie können von mir aus den Kellerausgang benutzen. Am Ende des Gartens verläuft ein Feldweg, der aus der Stadt führt. Er ist auf beiden Seiten von Büschen gesäumt.“
Ludwig stand für einen Moment der Schrecken ins Gesicht geschrieben. „Sie wissen es also.“
„Es war nicht schwer zu erraten. Frau de Maas hat mir von Ihrem Briefwechsel erzählt“, antwortete sie. „Zum Keller geht es dort hinunter.“ Sie zeigte auf eine Tür im Flur. „Und jetzt gehen Sie bitte!“, fügte sie energisch hinzu.
„Leihen Sie mir bitte etwas Geld. Ich möchte nicht schon wieder straffällig werden.“
Das ist ja mal ein Argument!, schoss es ihr durch den Kopf. Wie vorsichtig er ist! „Ich werde Ihnen geben, was ich habe. Es ist nicht viel. Ich habe nie viel Bargeld im Haus“, beteuerte sie. Sie ging die drei Schritte zur Garderobe, wo ihre Einkaufstasche stand, entnahm ihre Geldbörse und öffnete sie unter seinen Augen. Sie zog drei Scheine hervor und gab sie ihm. „Es sind 80 Euro, das ist alles, was ich habe. Und jetzt beenden Sie bitte diesen Schabernack“, zischte sie gereizt und wies mit einer Hand zur Kellertür.
„Das reicht hinten und vorne nicht. Wenn Sie in die Stadt müssen, können Sie doch an einem Geldautomaten …“
„Kann ich nicht und will ich nicht. Sie können mich ja begleiten, wenn ich auf die Bank gehe.“
Krächel verstand ihre Ironie. „Ist ja gut, ich bleibe solange hier, bis Sie zurück sind.“
„Und wenn ich zur Polizei gehe?“
„Dann fackle ich ihr Haus ab.“
Henny erkannte, dass sie in der Falle saß, und überlegte. „Und wieviel brauchen Sie?“
„Es dürfen schon ein paar Tausender sein. Ich muss untertauchen und weit reisen. Sie verstehen doch?“
„Sie sind vielleicht lustig, Herr Ludwig“, sagte sie mit einem scherzhaft-bitteren Ton. „Ich bin Frührentnerin wegen meiner Bandscheiben und bekomme 980 Euro Rente im Monat. Wo soll ich denn Tausende von Euro hernehmen? Ich werde Ihnen 600 Euro mitbringen. Das ist alles, was ich auf dem Konto habe, dann bin ich blank für den Rest des Monats.“
„Haben Sie ein Auto in der Garage?“
„Henny besitzt eines.“
„Schlüssel!“, forderte er barsch und hielt gleichzeitig seine Hand auf.
Jetzt wurde sein Ton schärfer, was Henny sofort einschüchterte. Sie ging zögerlich zum Schlüsselbrett und griff nach dem Autoschlüssel.
„Wieso ist der Schlüssel bei Ihnen?“
„Weil ich das Auto benutzen darf, wenn sie nicht da ist“, kam es schlagfertig.
„Wo steht es?“
„In der Garage. Gehen Sie durch den Keller. Drücken Sie den grünen Knopf, dann öffnet sich das Tor.“
Er nahm den Schlüssel an sich und hatte sich schon zur Kellertür gewandt, als es an der Haustür klingelte.
Ludwig erstarrte, legte einen Finger senkrecht auf die Lippen und fauchte: „Machen Sie jetzt ja keinen Blödsinn!“ Mit flinken Schritten betrat er die Küche und lehnte die Tür an, um mithören zu können, falls etwas gesagt werden würde, was ihn beziehungsweise seine Flucht betraf.
*
„Frau de Maas?“, fragte einer der beiden Polizeibeamten in Zivil. Sie zeigten ihre Ausweise.
„Ich bin Frau Fleischhauer, Frau de Maas ist verreist. Ich bin ihre Vermieterin.“
„Trotzdem: Dürfen wir für einen Moment reinkommen? Wir haben etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.“
Henny bat die beiden Herren herein, bot ihnen einen Platz an und setzte sich in den Sessel gegenüber. Sie hoffte inständig, dass ihr Besuch nichts mit Ludwig zu tun hatte, aber schon beim ersten Satz fuhr ihr der Schrecken in die Glieder.
„Wir wollen Sie nicht beunruhigen“, begann der Ältere von ihnen, „aber es ist möglich, dass ein Mörder Sie hier aufsuchen wird, der heute Vormittag aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Ihre Mieterin ist die einzige Person in dieser Gegend, mit der er Kontakt hat. Wir rechnen damit, dass er über kurz oder lang hier auftaucht, weil er Ihre Hilfe bei der Flucht aus der Stadt benötigt. Da Frau de Maas nicht da ist, wird er sich möglicherweise an Sie halten.“
„Das ist ja furchtbar“, hauchte sie den beiden zu. „Was soll ich denn jetzt tun?“
„Sie müssen keine Angst haben“, ergriff der andere Polizist nun das Wort. „In einer Viertelstunde beginnt die neue Schicht. Ich habe zwei Beamte abgestellt, die das Haus bewachen werden. Wir bleiben solange hier, bis die Kollegen eintreffen. Sie haben also nichts zu befürchten.“
Henny überlegte, ob sie den beiden Beamten durch Gesten und Handzeichen bedeuten solle, dass sich der Gesuchte bereits im Haus befinde. Aber sie befürchtete, hier in ihrem Haus vielleicht in einen Kampf verwickelt zu werden. Und es könnte sogar sein, dass Ludwig ein Feuer legt, um ein Chaos zu verursachen, dass er bei der Flucht nutzen könnte. Also schwieg sie.
In diesem Augenblick trat Ludwig aus der Küche, richtete seinen Blick sofort auf die beiden Beamten, nickte kurz zum Gruß, stellte sich in aller Ruhe neben den Sessel, in dem Henny Platz genommen hatte, und sagte: „Schatz, ich geh schon mal in den Keller und räume das Leergut für unseren Einkauf zusammen.“ Mit dem Autoschlüssel in der Hand begab er sich zur Kellertür, doch als er sie öffnen wollte, stoppte der jüngere Beamte sein Vorhaben.
„Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Ich bin ihr Freund“, erwiderte Ludwig. „Wir sind ein Paar. Ist das verboten?“
„Nein, ist es nicht. Ich möchte trotzdem mal einen Blick auf Ihren Ausweis werfen.“
Das war für Ludwig die Überschreitung einer Grenze. Ab jetzt konnte es nur noch gefährlicher für ihn werden. Wenn er mit heiler Haut aus diesem Haus herauskommen wollte, musste er den beiden Polizisten unverzüglich sein Spiel aufzwingen.
Er überlegte einen Augenblick, dann zog er ein Küchenmesser aus seinem Gürtel und stürzte sich wie ein Adler auf Henny, umklammerte von hinten ihren Hals und hielt ihr die Klinge an die Hauptschlagader.
„Ihr bleibt jetzt schön hier sitzen“, fuhr er die Polizisten an. „Wenn einer aufsteht, hat die Frau ein Messer im Hals!“
Um die Sache nicht eskalieren zu lassen, blieben die Beamten sitzen und sagten nichts, um Ludwig nicht zu provozieren. Sie saßen angespannt auf dem Sofa und verfolgten, wie er mit seiner Geisel die Treppe hinunterging. Er fand sofort den Eingang zur Garage, und als er den BMW vor sich stehen sah, zwang er Henny einzusteigen, öffnete das Garagentor und brauste mit ihr davon.
Hier sei die Schilderung abgekürzt. Am übernächsten Tag kam Henny frei. Einen Tag später wurde Ludwig gefasst und nach weiteren drei Tagen hatte sie sich von den Strapazen erholt. Irgendwie half es ihr, darüber hinwegzukommen, hatte sie doch solche Aktionen schon zig Mal in ihren Romanen beschrieben. Nach einer Woche saß sie bereits wieder in ihrem Arbeitszimmer im Obergeschoss und versuchte, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen.
Du musst schreiben, solange die Eindrücke und Ideen noch „warm“ sind. Das war seit sie schrieb einer ihrer Grundsätze, und so machte sie sich Notizen über Notizen, sortierte sie, schrieb sie um, formulierte und korrigierte, brachte Struktur in die Stichpunkte, bis daraus ein roher Plot entstand. Es dauerte nur eine weitere Woche bis zur finalen Fassung. Und während sie darüber grübelte, was eine solche Geschichte für einen Titel haben könnte, schenkte sie sich ein Glas St. Emillion ein und beschloss voller Glückseligkeit, ihre Denkschwäche überwunden zu haben, zwei Briefe zu schreiben. Der erste war an den Geiselnehmer gerichtet.
Lieber Ludwig,
ich bin vor zwei Tagen von einem Kurzurlaub zurück und habe mit Entsetzen zur Kenntnis genommen, was hier passiert ist. Frau Fleischhauer hat die Sache sehr mitgenommen, und ich hoffe, dass sie keinen dauerhaften Schaden davontragen wird. Sie schläft in diesen Tagen sehr schlecht, wie sie mir gestand, und hat ständig Angstgefühle. Lassen Sie uns beide hoffen, dass sie bald wieder die Alte ist.
Wie ich hörte, sind Sie schon nach drei Tagen festgenommen und zurück an Ihre alte Stätte gebracht worden. Darüber bin ich sehr froh, vor allem, weil auch Sie, werter Freund, alles gut überstanden haben. Verzeihen Sie, wenn ich das so unverblümt ausdrücke. Aber ich kann mir kaum vorstellen, wie es einem Menschen ergehen muss, der Tag und Nacht die Polizei im Nacken hat, der nirgendwo sicher unterkommen kann, sich vor jedem Aushang der Polizei fürchten muss, keine Verkehrskontrolle riskieren darf, sich auf kein Amt traut, um die Voraussetzungen für ein neues Leben zu schaffen, und sich in der Stadt angesichts von Hunderten von Überwachungskameras wie ein Maulwurf verhalten muss. So etwas wünsche ich Ihnen wirklich nicht.
Ich hoffe sehr, dass dieser Vorfall, wenn ich ihn mal so beschönigend nennen darf, Ihre Bereitschaft, unseren Briefwechsel fortzuführen, nicht getrübt hat. Soweit es mich betrifft, hat mir der Gedankenaustausch sehr viel gebracht; ich hoffe, dass er auch Ihnen gutgetan hat und auch weiterhin Ihre Wertschätzung finden wird.
Seien Sie für heute gegrüßt – und Kopf hoch!
Ihre Henny
Sie glaubte selbst nicht so recht daran, dass der briefliche Austausch so fortgeführt werden würde wie bisher, aber das war ihr im Moment auch egal. Viel wichtiger war in diesen Stunden das jetzt folgende Schreiben an ihren Verleger, das sie, noch bevor sie den ersten Satz geschrieben hatte, wie einen Befreiungsschlag empfand.
Lieber Michael,
sehr viel Lärm um nichts – so möchte ich mein Verhalten Ihnen gegenüber beschreiben und Sie um Entschuldigung bitten. Ja, ich war für ein paar Wochen leer im Kopf, ideenlos und nicht in der Lage, die Story zu kreieren, die für einen weiteren Roman getaugt hätte. Mein Hausarzt meint, es läge an der neuen Medikation gegen meine Arthrose in den Knien und die Herzrhythmusstörungen. Es brauche Zeit, bis sich der Körper an den neuen Tablettenmix gewöhnt habe. Jetzt ist das alles vorbei; das will ich Sie unbedingt wissen lassen.
Ich habe auch schon einen Plot entwickelt und fange nächste Woche mit der Textarbeit an. Es wird dieses Mal nicht die übliche Story, bei der ein bereits verübter Mord aufgeklärt wird. Ich plane vielmehr, einen Thriller zu schreiben, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur mitnimmt, sondern mitreißt. Die Spannung wird alles übertreffen, was ich bisher geschrieben habe. Das möchte ich Ihnen garantieren.
Worum geht es? Lassen Sie es mich in zwei Sätzen erklären: Eine Krimiautorin pflegt eine Brieffreundschaft mit einem inhaftierten Mörder, um zu verstehen, wie er psychisch vor und während der Tat getickt hat. Eines Tages bricht er aus und dringt in das Haus der Brieffreundin ein, weil er Hilfe benötigt. Nur kurze Zeit später erscheinen zwei Polizisten … und ab hier beginnt eine spannungsgeladene Entführung mit ungewöhnlichen Dialogen, Bekenntnissen und Tricks aus der Praxis eines raffinierten Gangsters. Es gelingt ihr schließlich sich auf raffinierte Weise zu befreien, weil sie den Entführer in eine Falle lockt und zu einer falschen Entscheidung zwingt. Na, wie finden Sie das?
Mehr will ich zunächst nicht verraten. Freuen Sie sich auf Hochspannung pur.
Ihre Henny de Maas
P.S. Das Manuskript liegt Ihnen Ende Juli vor, so dass genug Zeit bis zur Frankfurter Buchmesse bleibt
Henny fiel es sehr schwer, sich an ihren Schreibtisch im Obergeschoss ihres Hauses zu setzen, um einen Brief an ihren Verleger Michael Lintfort zu schreiben. Seit Wochen schob sie es vor sich her, ihn davon zu unterrichten, dass sie es nicht schaffen würde, den vereinbarten Termin für die Abgabe des versprochenen Manuskripts einzuhalten. Sie wusste nur zu gut, ein Ausfall oder eine Verspätung war für den Verlag problematisch, weil er für Henny diese extra Krimireihe eingerichtet hatte, die sie jetzt nicht bedienen konnte. Einmal pro Jahr war eine Neuerscheinung fest eingeplant, und ein pünktliches Erscheinen zur Frankfurter Buchmesse nicht nur die Regel, sondern von der Leserschaft erwartet. Neunzehn Jahre lang funktionierte das wegen ihrer grenzenlos scheinenden Kreativität bestens und ohne Zeitdruck, und in Lintforts Verlag galt Henny heimlich als die deutsche Agatha Christie, weil ihre Plots eine ähnlich hohe Qualität besaßen wie die der Engländerin und sie es fertigbrachte, von Seite 5 bis zum Schluss eine Spannung aufzubauen, die Lintfort einmal bei einer Vorstellung als grandios bezeichnet hatte.
Sie begann zu schreiben:
Lieber Michael,
es tut mir unendlich leid, dass ich Ihnen mitteilen muss, den vereinbarten Abgabetermin (und auch einen Ersatztermin, falls Sie einen vorzuschlagen beabsichtigen) absagen zu müssen. Ich wage kaum Ihnen zu gestehen, was mich zu dieser schlechten Nachricht gezwungen hat, aber als Verleger haben Sie natürlich einen Anspruch darauf zu erfahren, was der Grund ist. Er lässt sich in einem Wort ausdrücken: Ich habe eine Schreibblockade.
Was habe ich nicht alles versucht, um Material für einen Plot zu sammeln. Sie wissen, normalerweise fallen mir mehr Plots ein, als ich verarbeiten kann, aber dieses Mal tue ich mich sehr, sehr schwer, eine Geschichte in der gewohnt hohen Qualität zu verfassen (ja, von diesem Anspruch will ich nicht abrücken!). Ich habe bei der Kriminalpolizei alte Fälle einsehen dürfen, ich habe ganze Jahrgänge von Zeitungen durchforstet, in Filmarchiven gekramt und schließlich auch auf so manche Neuerscheinung der Konkurrenz geschielt, obwohl eine solche Suche nach Anregungen sich für mich per se verbietet. Doch alles, was ich als Verwertbares entdecken konnte, blieb Stückwerk, weil sich nichts zu einer mitreißenden Story zusammenfügen ließ. Dass alle Bemühungen schließlich fehlgeschlagen sind, beweist mir, dass es sich tatsächlich um eine Schreibhemmung handelt, ja, ich gebe es zu, die der Lähmung meiner Kreativität gleichkommt.
Mein Vorschlag wäre, das Ihnen vorliegende unveröffentlichte Manuskript „Der Lilienmörder“ zu verwenden, auch wenn es schon einige Jahre alt ist und nicht mein bestes ist. Wenn Sie es wünschen, überarbeite ich es noch einmal.
Seien Sie herzlichst gegrüßt
Ihre Henny de Maas
Wovon Henny kein einziges Wort verlauten ließ, war der briefliche Austausch mit einem Strafgefangenen, dem ein Mord und ein schwerer Diebstahl nachgewiesen worden waren. Er saß lebenslänglich im örtlichen Gefängnis ein und hatte keine Aussicht auf eine vorzeitige Entlassung, da die Tötung der Vertuschung seines Einbruchs diente und die Ausführung der Tat ungewöhnlich brutal war und damit bei der Strafzumessung als erschwerend angesehen wurde.
Der Direktor der Strafanstalt hatte nach langen Diskussionen dem Briefwechsel schließlich zugestimmt, da er sie als Krimi-Autorin sehr schätzte und bei ihrer Recherche behilflich sein wollte. Und weil vom Täter keine Gefahr mehr ausgehen konnte, da eine vorzeitige Entlassung ausgeschlossen war.
Der Briefwechsel erfolgte per Post, damit der Ein- und Ausgang leichter kontrolliert werden konnte. Das war die Auflage, und weder bei Henny noch bei Ludwig Krächel, so sein Name, hatte das irgendwelchen Missmut erweckt. Henny überschüttete ihn anfangs mit honigsüßen Texten, beteuerte ihr Mitgefühl, zeigte Verständnis, machte ihm Mut und gab psychologische Tipps, wie man den Alltag in der Anstalt erträglicher machen konnte. Sie baute ihn regelrecht auf, bis sein Vertrauen in sie ausreichend groß war und sie ehrliche und vor allem detaillierte Antworten auf ihre Fragen erwarten konnte. Dann kam sie schnell zur Sache und bombardierte ihn mit tausend Fragen, die sie sich in einer Art Katalog zusammengestellte.
Hennys Idee war, den überfälligen Krimi diesmal auch aus der Sicht des Täters zu schreiben. Dafür waren die psychologischen Aspekte ausschlaggebend. Wenn sie die richtigen Fragen stellte, müsste sie die Täterseite so gut kennenlernen, dass sie den Stoff zu einer spannenden Geschichte würde verarbeiten können.
Wie haben Sie den Einbruch geplant? Welche Risiken haben Sie gesehen? Haben Sie ihrer Frau davon erzählt? Haben Sie sich die Konsequenzen überlegt, falls sie gesehen, bei der Tat überrascht oder in einen Kampf verwickelt würden? Wie haben Sie vorher die Lage ausgekundschaftet? Was ging in Ihnen vor, als Sie den ersten Schritt in das Gebäude gesetzt haben? Wie haben Sie mental reagiert, als der Wärter, Ihr späteres Opfer, auf Sie zukam? Wollten Sie ihn töten oder nur außer Gefecht setzen?
Sie konnte nicht genug aus ihm herausquetschen, und was Sie am meisten schätzte, war die Tatsache, dass er zu jedem Sachverhalt und zu jeder Frage ehrliche und verwertbare Informationen lieferte. Er wurde nicht müde, sich zu offenbaren, und Henny war inzwischen überzeugt, dass er sich mit jedem einzelnen Brief an sie mental aus dem Korsett des Mörders befreien wollte.
So ging das über ein Vierteljahr. Sie schrieben sich einmal, manchmal auch zweimal in der Woche, und Henny glaubte, langsam zu ihrer Kreativität zurückzufinden, bis eines Tages …
*
Henny saß in ihrer Schreibwerkstatt im Obergeschoss ihres kleinen Hauses, das sie ausschließlich zum Arbeiten an ihren Texten nutze. Sie trennte diesen Bereich strikt von ihrer Privatwohnung im Erdgeschoss. Das hatte zum einen steuerliche Gründe, zum anderen wollten sie Privat und Geschäft klipp und klar auseinanderhalten. So hatte sie auch eine zweite Klingel an ihrer Haustür anbringen lassen. Die obere zierte ihr Pseudonym Henny de Maas, die untere war mit ihrem Klarnamen Henriette Fleischhauer versehen. Die zweite Klingel hatte sich als sehr praktisch erwiesen, da sie regelmäßig Post oder Waren erhielt, die mal so und mal so adressiert waren.
Sie hatte sich gerade ein paar Notizen für den neuen Plot gemacht, als jemand die obere Klingel betätigte. In der Annahme, ein Zusteller habe geläutet, um ein Paket abzugeben, eilte sie zur Tür und öffnete sie zügig. Ein mittegroßer, breitschultriger Mann in einem etwas zu kleinen Jackett stand vor ihr, stellte sofort einen Fuß in die Tür, so dass Henny sie nicht mehr schließen konnte, schaute unsicher nach links und rechts und drängte sich wortlos an ihr vorbei ins Haus.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich so hereinplatze“, gab er sich bewusst höflich. „Schön, dass Sie zu Hause sind. Lernen wir uns endlich einmal persönlich kennen.“
„So geht das nicht, mein Herr“, gab sich Henny empört. „Sie dringen einfach in meine Wohnung ein, ohne sich vorzustellen und zu sagen, was Sie zu mir führt. Bitte verlassen Sie sofort mein Haus!“
„Aber Henny, ich bin‘s doch: Ludwig, Ihre Brieffreundschaft. Sie sind doch Henny, oder?“
Henny hatte sofort begriffen, wie sie reagieren musste. „Nein, mein Name ist Fleischhauer, ich bin ihre Vermieterin. Frau de Maas wohnt oben, aber sie ist nicht da. Sie ist verreist.“ Ihr Ton war resolut und ausgesprochen unfreundlich.
„Oh, das ist schade. Ich hatte nämlich einen Termin als Zeuge beim Gericht, und für den Heimweg hat man mir einen Abstecher erlaubt, um Henny persönlich kennenzulernen.“ Er schaute Henny prüfend an. Das war jetzt eine Situation, mit der er nicht gerechnet hatte. „Wann kommt sie denn wieder? Ich kann solange warten. Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen?“
„Eigentlich schon. Ich habe nämlich eine Menge zu tun, außerdem muss ich noch in die Stadt, um meine Besorgungen zu machen.“ Sie wusste genau, wie gefährlich seine Anwesenheit werden konnte, und überlegte, wie sie ihn loswerden konnte. Sie resümierte: Er hatte sich nach allen Seiten abgesichert, als er ins Haus trat, er hatte sich in den Flur gedrängt, um von der Straße aus nicht gesehen und erkannt zu werden, er hatte einen Termin bei Gericht vorgeschoben, um sein Auftauchen hier zu erklären, er gab vor, Zeit zu haben und warten zu können. Für Henny war klar, dass er ausgebrochen sein musste, und jetzt galt es, geschickt vorzugehen, um die Sache zu einem glimpflichen Ende zu bringen.
„Ich bitte sie nochmals zu gehen.“ Und dann machte sie ihm klar, dass sie Bescheid wusste. „Sie können von mir aus den Kellerausgang benutzen. Am Ende des Gartens verläuft ein Feldweg, der aus der Stadt führt. Er ist auf beiden Seiten von Büschen gesäumt.“
Ludwig stand für einen Moment der Schrecken ins Gesicht geschrieben. „Sie wissen es also.“
„Es war nicht schwer zu erraten. Frau de Maas hat mir von Ihrem Briefwechsel erzählt“, antwortete sie. „Zum Keller geht es dort hinunter.“ Sie zeigte auf eine Tür im Flur. „Und jetzt gehen Sie bitte!“, fügte sie energisch hinzu.
„Leihen Sie mir bitte etwas Geld. Ich möchte nicht schon wieder straffällig werden.“
Das ist ja mal ein Argument!, schoss es ihr durch den Kopf. Wie vorsichtig er ist! „Ich werde Ihnen geben, was ich habe. Es ist nicht viel. Ich habe nie viel Bargeld im Haus“, beteuerte sie. Sie ging die drei Schritte zur Garderobe, wo ihre Einkaufstasche stand, entnahm ihre Geldbörse und öffnete sie unter seinen Augen. Sie zog drei Scheine hervor und gab sie ihm. „Es sind 80 Euro, das ist alles, was ich habe. Und jetzt beenden Sie bitte diesen Schabernack“, zischte sie gereizt und wies mit einer Hand zur Kellertür.
„Das reicht hinten und vorne nicht. Wenn Sie in die Stadt müssen, können Sie doch an einem Geldautomaten …“
„Kann ich nicht und will ich nicht. Sie können mich ja begleiten, wenn ich auf die Bank gehe.“
Krächel verstand ihre Ironie. „Ist ja gut, ich bleibe solange hier, bis Sie zurück sind.“
„Und wenn ich zur Polizei gehe?“
„Dann fackle ich ihr Haus ab.“
Henny erkannte, dass sie in der Falle saß, und überlegte. „Und wieviel brauchen Sie?“
„Es dürfen schon ein paar Tausender sein. Ich muss untertauchen und weit reisen. Sie verstehen doch?“
„Sie sind vielleicht lustig, Herr Ludwig“, sagte sie mit einem scherzhaft-bitteren Ton. „Ich bin Frührentnerin wegen meiner Bandscheiben und bekomme 980 Euro Rente im Monat. Wo soll ich denn Tausende von Euro hernehmen? Ich werde Ihnen 600 Euro mitbringen. Das ist alles, was ich auf dem Konto habe, dann bin ich blank für den Rest des Monats.“
„Haben Sie ein Auto in der Garage?“
„Henny besitzt eines.“
„Schlüssel!“, forderte er barsch und hielt gleichzeitig seine Hand auf.
Jetzt wurde sein Ton schärfer, was Henny sofort einschüchterte. Sie ging zögerlich zum Schlüsselbrett und griff nach dem Autoschlüssel.
„Wieso ist der Schlüssel bei Ihnen?“
„Weil ich das Auto benutzen darf, wenn sie nicht da ist“, kam es schlagfertig.
„Wo steht es?“
„In der Garage. Gehen Sie durch den Keller. Drücken Sie den grünen Knopf, dann öffnet sich das Tor.“
Er nahm den Schlüssel an sich und hatte sich schon zur Kellertür gewandt, als es an der Haustür klingelte.
Ludwig erstarrte, legte einen Finger senkrecht auf die Lippen und fauchte: „Machen Sie jetzt ja keinen Blödsinn!“ Mit flinken Schritten betrat er die Küche und lehnte die Tür an, um mithören zu können, falls etwas gesagt werden würde, was ihn beziehungsweise seine Flucht betraf.
*
„Frau de Maas?“, fragte einer der beiden Polizeibeamten in Zivil. Sie zeigten ihre Ausweise.
„Ich bin Frau Fleischhauer, Frau de Maas ist verreist. Ich bin ihre Vermieterin.“
„Trotzdem: Dürfen wir für einen Moment reinkommen? Wir haben etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.“
Henny bat die beiden Herren herein, bot ihnen einen Platz an und setzte sich in den Sessel gegenüber. Sie hoffte inständig, dass ihr Besuch nichts mit Ludwig zu tun hatte, aber schon beim ersten Satz fuhr ihr der Schrecken in die Glieder.
„Wir wollen Sie nicht beunruhigen“, begann der Ältere von ihnen, „aber es ist möglich, dass ein Mörder Sie hier aufsuchen wird, der heute Vormittag aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Ihre Mieterin ist die einzige Person in dieser Gegend, mit der er Kontakt hat. Wir rechnen damit, dass er über kurz oder lang hier auftaucht, weil er Ihre Hilfe bei der Flucht aus der Stadt benötigt. Da Frau de Maas nicht da ist, wird er sich möglicherweise an Sie halten.“
„Das ist ja furchtbar“, hauchte sie den beiden zu. „Was soll ich denn jetzt tun?“
„Sie müssen keine Angst haben“, ergriff der andere Polizist nun das Wort. „In einer Viertelstunde beginnt die neue Schicht. Ich habe zwei Beamte abgestellt, die das Haus bewachen werden. Wir bleiben solange hier, bis die Kollegen eintreffen. Sie haben also nichts zu befürchten.“
Henny überlegte, ob sie den beiden Beamten durch Gesten und Handzeichen bedeuten solle, dass sich der Gesuchte bereits im Haus befinde. Aber sie befürchtete, hier in ihrem Haus vielleicht in einen Kampf verwickelt zu werden. Und es könnte sogar sein, dass Ludwig ein Feuer legt, um ein Chaos zu verursachen, dass er bei der Flucht nutzen könnte. Also schwieg sie.
In diesem Augenblick trat Ludwig aus der Küche, richtete seinen Blick sofort auf die beiden Beamten, nickte kurz zum Gruß, stellte sich in aller Ruhe neben den Sessel, in dem Henny Platz genommen hatte, und sagte: „Schatz, ich geh schon mal in den Keller und räume das Leergut für unseren Einkauf zusammen.“ Mit dem Autoschlüssel in der Hand begab er sich zur Kellertür, doch als er sie öffnen wollte, stoppte der jüngere Beamte sein Vorhaben.
„Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Ich bin ihr Freund“, erwiderte Ludwig. „Wir sind ein Paar. Ist das verboten?“
„Nein, ist es nicht. Ich möchte trotzdem mal einen Blick auf Ihren Ausweis werfen.“
Das war für Ludwig die Überschreitung einer Grenze. Ab jetzt konnte es nur noch gefährlicher für ihn werden. Wenn er mit heiler Haut aus diesem Haus herauskommen wollte, musste er den beiden Polizisten unverzüglich sein Spiel aufzwingen.
Er überlegte einen Augenblick, dann zog er ein Küchenmesser aus seinem Gürtel und stürzte sich wie ein Adler auf Henny, umklammerte von hinten ihren Hals und hielt ihr die Klinge an die Hauptschlagader.
„Ihr bleibt jetzt schön hier sitzen“, fuhr er die Polizisten an. „Wenn einer aufsteht, hat die Frau ein Messer im Hals!“
Um die Sache nicht eskalieren zu lassen, blieben die Beamten sitzen und sagten nichts, um Ludwig nicht zu provozieren. Sie saßen angespannt auf dem Sofa und verfolgten, wie er mit seiner Geisel die Treppe hinunterging. Er fand sofort den Eingang zur Garage, und als er den BMW vor sich stehen sah, zwang er Henny einzusteigen, öffnete das Garagentor und brauste mit ihr davon.
Hier sei die Schilderung abgekürzt. Am übernächsten Tag kam Henny frei. Einen Tag später wurde Ludwig gefasst und nach weiteren drei Tagen hatte sie sich von den Strapazen erholt. Irgendwie half es ihr, darüber hinwegzukommen, hatte sie doch solche Aktionen schon zig Mal in ihren Romanen beschrieben. Nach einer Woche saß sie bereits wieder in ihrem Arbeitszimmer im Obergeschoss und versuchte, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen.
Du musst schreiben, solange die Eindrücke und Ideen noch „warm“ sind. Das war seit sie schrieb einer ihrer Grundsätze, und so machte sie sich Notizen über Notizen, sortierte sie, schrieb sie um, formulierte und korrigierte, brachte Struktur in die Stichpunkte, bis daraus ein roher Plot entstand. Es dauerte nur eine weitere Woche bis zur finalen Fassung. Und während sie darüber grübelte, was eine solche Geschichte für einen Titel haben könnte, schenkte sie sich ein Glas St. Emillion ein und beschloss voller Glückseligkeit, ihre Denkschwäche überwunden zu haben, zwei Briefe zu schreiben. Der erste war an den Geiselnehmer gerichtet.
Lieber Ludwig,
ich bin vor zwei Tagen von einem Kurzurlaub zurück und habe mit Entsetzen zur Kenntnis genommen, was hier passiert ist. Frau Fleischhauer hat die Sache sehr mitgenommen, und ich hoffe, dass sie keinen dauerhaften Schaden davontragen wird. Sie schläft in diesen Tagen sehr schlecht, wie sie mir gestand, und hat ständig Angstgefühle. Lassen Sie uns beide hoffen, dass sie bald wieder die Alte ist.
Wie ich hörte, sind Sie schon nach drei Tagen festgenommen und zurück an Ihre alte Stätte gebracht worden. Darüber bin ich sehr froh, vor allem, weil auch Sie, werter Freund, alles gut überstanden haben. Verzeihen Sie, wenn ich das so unverblümt ausdrücke. Aber ich kann mir kaum vorstellen, wie es einem Menschen ergehen muss, der Tag und Nacht die Polizei im Nacken hat, der nirgendwo sicher unterkommen kann, sich vor jedem Aushang der Polizei fürchten muss, keine Verkehrskontrolle riskieren darf, sich auf kein Amt traut, um die Voraussetzungen für ein neues Leben zu schaffen, und sich in der Stadt angesichts von Hunderten von Überwachungskameras wie ein Maulwurf verhalten muss. So etwas wünsche ich Ihnen wirklich nicht.
Ich hoffe sehr, dass dieser Vorfall, wenn ich ihn mal so beschönigend nennen darf, Ihre Bereitschaft, unseren Briefwechsel fortzuführen, nicht getrübt hat. Soweit es mich betrifft, hat mir der Gedankenaustausch sehr viel gebracht; ich hoffe, dass er auch Ihnen gutgetan hat und auch weiterhin Ihre Wertschätzung finden wird.
Seien Sie für heute gegrüßt – und Kopf hoch!
Ihre Henny
Sie glaubte selbst nicht so recht daran, dass der briefliche Austausch so fortgeführt werden würde wie bisher, aber das war ihr im Moment auch egal. Viel wichtiger war in diesen Stunden das jetzt folgende Schreiben an ihren Verleger, das sie, noch bevor sie den ersten Satz geschrieben hatte, wie einen Befreiungsschlag empfand.
Lieber Michael,
sehr viel Lärm um nichts – so möchte ich mein Verhalten Ihnen gegenüber beschreiben und Sie um Entschuldigung bitten. Ja, ich war für ein paar Wochen leer im Kopf, ideenlos und nicht in der Lage, die Story zu kreieren, die für einen weiteren Roman getaugt hätte. Mein Hausarzt meint, es läge an der neuen Medikation gegen meine Arthrose in den Knien und die Herzrhythmusstörungen. Es brauche Zeit, bis sich der Körper an den neuen Tablettenmix gewöhnt habe. Jetzt ist das alles vorbei; das will ich Sie unbedingt wissen lassen.
Ich habe auch schon einen Plot entwickelt und fange nächste Woche mit der Textarbeit an. Es wird dieses Mal nicht die übliche Story, bei der ein bereits verübter Mord aufgeklärt wird. Ich plane vielmehr, einen Thriller zu schreiben, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur mitnimmt, sondern mitreißt. Die Spannung wird alles übertreffen, was ich bisher geschrieben habe. Das möchte ich Ihnen garantieren.
Worum geht es? Lassen Sie es mich in zwei Sätzen erklären: Eine Krimiautorin pflegt eine Brieffreundschaft mit einem inhaftierten Mörder, um zu verstehen, wie er psychisch vor und während der Tat getickt hat. Eines Tages bricht er aus und dringt in das Haus der Brieffreundin ein, weil er Hilfe benötigt. Nur kurze Zeit später erscheinen zwei Polizisten … und ab hier beginnt eine spannungsgeladene Entführung mit ungewöhnlichen Dialogen, Bekenntnissen und Tricks aus der Praxis eines raffinierten Gangsters. Es gelingt ihr schließlich sich auf raffinierte Weise zu befreien, weil sie den Entführer in eine Falle lockt und zu einer falschen Entscheidung zwingt. Na, wie finden Sie das?
Mehr will ich zunächst nicht verraten. Freuen Sie sich auf Hochspannung pur.
Ihre Henny de Maas
P.S. Das Manuskript liegt Ihnen Ende Juli vor, so dass genug Zeit bis zur Frankfurter Buchmesse bleibt
Henny fiel es sehr schwer, sich an ihren Schreibtisch im Obergeschoss ihres Hauses zu setzen, um einen Brief an ihren Verleger Michael Lintfort zu schreiben. Seit Wochen schob sie es vor sich her, ihn davon zu unterrichten, dass sie es nicht schaffen würde, den vereinbarten Termin für die Abgabe des versprochenen Manuskripts einzuhalten. Sie wusste nur zu gut, ein Ausfall oder eine Verspätung war für den Verlag problematisch, weil er für Henny diese extra Krimireihe eingerichtet hatte, die sie jetzt nicht bedienen konnte. Einmal pro Jahr war eine Neuerscheinung fest eingeplant, und ein pünktliches Erscheinen zur Frankfurter Buchmesse nicht nur die Regel, sondern von der Leserschaft erwartet. Neunzehn Jahre lang funktionierte das wegen ihrer grenzenlos scheinenden Kreativität bestens und ohne Zeitdruck, und in Lintforts Verlag galt Henny heimlich als die deutsche Agatha Christie, weil ihre Plots eine ähnlich hohe Qualität besaßen wie die der Engländerin und sie es fertigbrachte, von Seite 5 bis zum Schluss eine Spannung aufzubauen, die Lintfort einmal bei einer Vorstellung als grandios bezeichnet hatte.
Sie begann zu schreiben:
Lieber Michael,
es tut mir unendlich leid, dass ich Ihnen mitteilen muss, den vereinbarten Abgabetermin (und auch einen Ersatztermin, falls Sie einen vorzuschlagen beabsichtigen) absagen zu müssen. Ich wage kaum Ihnen zu gestehen, was mich zu dieser schlechten Nachricht gezwungen hat, aber als Verleger haben Sie natürlich einen Anspruch darauf zu erfahren, was der Grund ist. Er lässt sich in einem Wort ausdrücken: Ich habe eine Schreibblockade.
Was habe ich nicht alles versucht, um Material für einen Plot zu sammeln. Sie wissen, normalerweise fallen mir mehr Plots ein, als ich verarbeiten kann, aber dieses Mal tue ich mich sehr, sehr schwer, eine Geschichte in der gewohnt hohen Qualität zu verfassen (ja, von diesem Anspruch will ich nicht abrücken!). Ich habe bei der Kriminalpolizei alte Fälle einsehen dürfen, ich habe ganze Jahrgänge von Zeitungen durchforstet, in Filmarchiven gekramt und schließlich auch auf so manche Neuerscheinung der Konkurrenz geschielt, obwohl eine solche Suche nach Anregungen sich für mich per se verbietet. Doch alles, was ich als Verwertbares entdecken konnte, blieb Stückwerk, weil sich nichts zu einer mitreißenden Story zusammenfügen ließ. Dass alle Bemühungen schließlich fehlgeschlagen sind, beweist mir, dass es sich tatsächlich um eine Schreibhemmung handelt, ja, ich gebe es zu, die der Lähmung meiner Kreativität gleichkommt.
Mein Vorschlag wäre, das Ihnen vorliegende unveröffentlichte Manuskript „Der Lilienmörder“ zu verwenden, auch wenn es schon einige Jahre alt ist und nicht mein bestes ist. Wenn Sie es wünschen, überarbeite ich es noch einmal.
Seien Sie herzlichst gegrüßt
Ihre Henny de Maas
Wovon Henny kein einziges Wort verlauten ließ, war der briefliche Austausch mit einem Strafgefangenen, dem ein Mord und ein schwerer Diebstahl nachgewiesen worden waren. Er saß lebenslänglich im örtlichen Gefängnis ein und hatte keine Aussicht auf eine vorzeitige Entlassung, da die Tötung der Vertuschung seines Einbruchs diente und die Ausführung der Tat ungewöhnlich brutal war und damit bei der Strafzumessung als erschwerend angesehen wurde.
Der Direktor der Strafanstalt hatte nach langen Diskussionen dem Briefwechsel schließlich zugestimmt, da er sie als Krimi-Autorin sehr schätzte und bei ihrer Recherche behilflich sein wollte. Und weil vom Täter keine Gefahr mehr ausgehen konnte, da eine vorzeitige Entlassung ausgeschlossen war.
Der Briefwechsel erfolgte per Post, damit der Ein- und Ausgang leichter kontrolliert werden konnte. Das war die Auflage, und weder bei Henny noch bei Ludwig Krächel, so sein Name, hatte das irgendwelchen Missmut erweckt. Henny überschüttete ihn anfangs mit honigsüßen Texten, beteuerte ihr Mitgefühl, zeigte Verständnis, machte ihm Mut und gab psychologische Tipps, wie man den Alltag in der Anstalt erträglicher machen konnte. Sie baute ihn regelrecht auf, bis sein Vertrauen in sie ausreichend groß war und sie ehrliche und vor allem detaillierte Antworten auf ihre Fragen erwarten konnte. Dann kam sie schnell zur Sache und bombardierte ihn mit tausend Fragen, die sie sich in einer Art Katalog zusammengestellte.
Hennys Idee war, den überfälligen Krimi diesmal auch aus der Sicht des Täters zu schreiben. Dafür waren die psychologischen Aspekte ausschlaggebend. Wenn sie die richtigen Fragen stellte, müsste sie die Täterseite so gut kennenlernen, dass sie den Stoff zu einer spannenden Geschichte würde verarbeiten können.
Wie haben Sie den Einbruch geplant? Welche Risiken haben Sie gesehen? Haben Sie ihrer Frau davon erzählt? Haben Sie sich die Konsequenzen überlegt, falls sie gesehen, bei der Tat überrascht oder in einen Kampf verwickelt würden? Wie haben Sie vorher die Lage ausgekundschaftet? Was ging in Ihnen vor, als Sie den ersten Schritt in das Gebäude gesetzt haben? Wie haben Sie mental reagiert, als der Wärter, Ihr späteres Opfer, auf Sie zukam? Wollten Sie ihn töten oder nur außer Gefecht setzen?
Sie konnte nicht genug aus ihm herausquetschen, und was Sie am meisten schätzte, war die Tatsache, dass er zu jedem Sachverhalt und zu jeder Frage ehrliche und verwertbare Informationen lieferte. Er wurde nicht müde, sich zu offenbaren, und Henny war inzwischen überzeugt, dass er sich mit jedem einzelnen Brief an sie mental aus dem Korsett des Mörders befreien wollte.
So ging das über ein Vierteljahr. Sie schrieben sich einmal, manchmal auch zweimal in der Woche, und Henny glaubte, langsam zu ihrer Kreativität zurückzufinden, bis eines Tages …
*
Henny saß in ihrer Schreibwerkstatt im Obergeschoss ihres kleinen Hauses, das sie ausschließlich zum Arbeiten an ihren Texten nutze. Sie trennte diesen Bereich strikt von ihrer Privatwohnung im Erdgeschoss. Das hatte zum einen steuerliche Gründe, zum anderen wollten sie Privat und Geschäft klipp und klar auseinanderhalten. So hatte sie auch eine zweite Klingel an ihrer Haustür anbringen lassen. Die obere zierte ihr Pseudonym Henny de Maas, die untere war mit ihrem Klarnamen Henriette Fleischhauer versehen. Die zweite Klingel hatte sich als sehr praktisch erwiesen, da sie regelmäßig Post oder Waren erhielt, die mal so und mal so adressiert waren.
Sie hatte sich gerade ein paar Notizen für den neuen Plot gemacht, als jemand die obere Klingel betätigte. In der Annahme, ein Zusteller habe geläutet, um ein Paket abzugeben, eilte sie zur Tür und öffnete sie zügig. Ein mittegroßer, breitschultriger Mann in einem etwas zu kleinen Jackett stand vor ihr, stellte sofort einen Fuß in die Tür, so dass Henny sie nicht mehr schließen konnte, schaute unsicher nach links und rechts und drängte sich wortlos an ihr vorbei ins Haus.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich so hereinplatze“, gab er sich bewusst höflich. „Schön, dass Sie zu Hause sind. Lernen wir uns endlich einmal persönlich kennen.“
„So geht das nicht, mein Herr“, gab sich Henny empört. „Sie dringen einfach in meine Wohnung ein, ohne sich vorzustellen und zu sagen, was Sie zu mir führt. Bitte verlassen Sie sofort mein Haus!“
„Aber Henny, ich bin‘s doch: Ludwig, Ihre Brieffreundschaft. Sie sind doch Henny, oder?“
Henny hatte sofort begriffen, wie sie reagieren musste. „Nein, mein Name ist Fleischhauer, ich bin ihre Vermieterin. Frau de Maas wohnt oben, aber sie ist nicht da. Sie ist verreist.“ Ihr Ton war resolut und ausgesprochen unfreundlich.
„Oh, das ist schade. Ich hatte nämlich einen Termin als Zeuge beim Gericht, und für den Heimweg hat man mir einen Abstecher erlaubt, um Henny persönlich kennenzulernen.“ Er schaute Henny prüfend an. Das war jetzt eine Situation, mit der er nicht gerechnet hatte. „Wann kommt sie denn wieder? Ich kann solange warten. Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen?“
„Eigentlich schon. Ich habe nämlich eine Menge zu tun, außerdem muss ich noch in die Stadt, um meine Besorgungen zu machen.“ Sie wusste genau, wie gefährlich seine Anwesenheit werden konnte, und überlegte, wie sie ihn loswerden konnte. Sie resümierte: Er hatte sich nach allen Seiten abgesichert, als er ins Haus trat, er hatte sich in den Flur gedrängt, um von der Straße aus nicht gesehen und erkannt zu werden, er hatte einen Termin bei Gericht vorgeschoben, um sein Auftauchen hier zu erklären, er gab vor, Zeit zu haben und warten zu können. Für Henny war klar, dass er ausgebrochen sein musste, und jetzt galt es, geschickt vorzugehen, um die Sache zu einem glimpflichen Ende zu bringen.
„Ich bitte sie nochmals zu gehen.“ Und dann machte sie ihm klar, dass sie Bescheid wusste. „Sie können von mir aus den Kellerausgang benutzen. Am Ende des Gartens verläuft ein Feldweg, der aus der Stadt führt. Er ist auf beiden Seiten von Büschen gesäumt.“
Ludwig stand für einen Moment der Schrecken ins Gesicht geschrieben. „Sie wissen es also.“
„Es war nicht schwer zu erraten. Frau de Maas hat mir von Ihrem Briefwechsel erzählt“, antwortete sie. „Zum Keller geht es dort hinunter.“ Sie zeigte auf eine Tür im Flur. „Und jetzt gehen Sie bitte!“, fügte sie energisch hinzu.
„Leihen Sie mir bitte etwas Geld. Ich möchte nicht schon wieder straffällig werden.“
Das ist ja mal ein Argument!, schoss es ihr durch den Kopf. Wie vorsichtig er ist! „Ich werde Ihnen geben, was ich habe. Es ist nicht viel. Ich habe nie viel Bargeld im Haus“, beteuerte sie. Sie ging die drei Schritte zur Garderobe, wo ihre Einkaufstasche stand, entnahm ihre Geldbörse und öffnete sie unter seinen Augen. Sie zog drei Scheine hervor und gab sie ihm. „Es sind 80 Euro, das ist alles, was ich habe. Und jetzt beenden Sie bitte diesen Schabernack“, zischte sie gereizt und wies mit einer Hand zur Kellertür.
„Das reicht hinten und vorne nicht. Wenn Sie in die Stadt müssen, können Sie doch an einem Geldautomaten …“
„Kann ich nicht und will ich nicht. Sie können mich ja begleiten, wenn ich auf die Bank gehe.“
Krächel verstand ihre Ironie. „Ist ja gut, ich bleibe solange hier, bis Sie zurück sind.“
„Und wenn ich zur Polizei gehe?“
„Dann fackle ich ihr Haus ab.“
Henny erkannte, dass sie in der Falle saß, und überlegte. „Und wieviel brauchen Sie?“
„Es dürfen schon ein paar Tausender sein. Ich muss untertauchen und weit reisen. Sie verstehen doch?“
„Sie sind vielleicht lustig, Herr Ludwig“, sagte sie mit einem scherzhaft-bitteren Ton. „Ich bin Frührentnerin wegen meiner Bandscheiben und bekomme 980 Euro Rente im Monat. Wo soll ich denn Tausende von Euro hernehmen? Ich werde Ihnen 600 Euro mitbringen. Das ist alles, was ich auf dem Konto habe, dann bin ich blank für den Rest des Monats.“
„Haben Sie ein Auto in der Garage?“
„Henny besitzt eines.“
„Schlüssel!“, forderte er barsch und hielt gleichzeitig seine Hand auf.
Jetzt wurde sein Ton schärfer, was Henny sofort einschüchterte. Sie ging zögerlich zum Schlüsselbrett und griff nach dem Autoschlüssel.
„Wieso ist der Schlüssel bei Ihnen?“
„Weil ich das Auto benutzen darf, wenn sie nicht da ist“, kam es schlagfertig.
„Wo steht es?“
„In der Garage. Gehen Sie durch den Keller. Drücken Sie den grünen Knopf, dann öffnet sich das Tor.“
Er nahm den Schlüssel an sich und hatte sich schon zur Kellertür gewandt, als es an der Haustür klingelte.
Ludwig erstarrte, legte einen Finger senkrecht auf die Lippen und fauchte: „Machen Sie jetzt ja keinen Blödsinn!“ Mit flinken Schritten betrat er die Küche und lehnte die Tür an, um mithören zu können, falls etwas gesagt werden würde, was ihn beziehungsweise seine Flucht betraf.
*
„Frau de Maas?“, fragte einer der beiden Polizeibeamten in Zivil. Sie zeigten ihre Ausweise.
„Ich bin Frau Fleischhauer, Frau de Maas ist verreist. Ich bin ihre Vermieterin.“
„Trotzdem: Dürfen wir für einen Moment reinkommen? Wir haben etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.“
Henny bat die beiden Herren herein, bot ihnen einen Platz an und setzte sich in den Sessel gegenüber. Sie hoffte inständig, dass ihr Besuch nichts mit Ludwig zu tun hatte, aber schon beim ersten Satz fuhr ihr der Schrecken in die Glieder.
„Wir wollen Sie nicht beunruhigen“, begann der Ältere von ihnen, „aber es ist möglich, dass ein Mörder Sie hier aufsuchen wird, der heute Vormittag aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Ihre Mieterin ist die einzige Person in dieser Gegend, mit der er Kontakt hat. Wir rechnen damit, dass er über kurz oder lang hier auftaucht, weil er Ihre Hilfe bei der Flucht aus der Stadt benötigt. Da Frau de Maas nicht da ist, wird er sich möglicherweise an Sie halten.“
„Das ist ja furchtbar“, hauchte sie den beiden zu. „Was soll ich denn jetzt tun?“
„Sie müssen keine Angst haben“, ergriff der andere Polizist nun das Wort. „In einer Viertelstunde beginnt die neue Schicht. Ich habe zwei Beamte abgestellt, die das Haus bewachen werden. Wir bleiben solange hier, bis die Kollegen eintreffen. Sie haben also nichts zu befürchten.“
Henny überlegte, ob sie den beiden Beamten durch Gesten und Handzeichen bedeuten solle, dass sich der Gesuchte bereits im Haus befinde. Aber sie befürchtete, hier in ihrem Haus vielleicht in einen Kampf verwickelt zu werden. Und es könnte sogar sein, dass Ludwig ein Feuer legt, um ein Chaos zu verursachen, dass er bei der Flucht nutzen könnte. Also schwieg sie.
In diesem Augenblick trat Ludwig aus der Küche, richtete seinen Blick sofort auf die beiden Beamten, nickte kurz zum Gruß, stellte sich in aller Ruhe neben den Sessel, in dem Henny Platz genommen hatte, und sagte: „Schatz, ich geh schon mal in den Keller und räume das Leergut für unseren Einkauf zusammen.“ Mit dem Autoschlüssel in der Hand begab er sich zur Kellertür, doch als er sie öffnen wollte, stoppte der jüngere Beamte sein Vorhaben.
„Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Ich bin ihr Freund“, erwiderte Ludwig. „Wir sind ein Paar. Ist das verboten?“
„Nein, ist es nicht. Ich möchte trotzdem mal einen Blick auf Ihren Ausweis werfen.“
Das war für Ludwig die Überschreitung einer Grenze. Ab jetzt konnte es nur noch gefährlicher für ihn werden. Wenn er mit heiler Haut aus diesem Haus herauskommen wollte, musste er den beiden Polizisten unverzüglich sein Spiel aufzwingen.
Er überlegte einen Augenblick, dann zog er ein Küchenmesser aus seinem Gürtel und stürzte sich wie ein Adler auf Henny, umklammerte von hinten ihren Hals und hielt ihr die Klinge an die Hauptschlagader.
„Ihr bleibt jetzt schön hier sitzen“, fuhr er die Polizisten an. „Wenn einer aufsteht, hat die Frau ein Messer im Hals!“
Um die Sache nicht eskalieren zu lassen, blieben die Beamten sitzen und sagten nichts, um Ludwig nicht zu provozieren. Sie saßen angespannt auf dem Sofa und verfolgten, wie er mit seiner Geisel die Treppe hinunterging. Er fand sofort den Eingang zur Garage, und als er den BMW vor sich stehen sah, zwang er Henny einzusteigen, öffnete das Garagentor und brauste mit ihr davon.
Hier sei die Schilderung abgekürzt. Am übernächsten Tag kam Henny frei. Einen Tag später wurde Ludwig gefasst und nach weiteren drei Tagen hatte sie sich von den Strapazen erholt. Irgendwie half es ihr, darüber hinwegzukommen, hatte sie doch solche Aktionen schon zig Mal in ihren Romanen beschrieben. Nach einer Woche saß sie bereits wieder in ihrem Arbeitszimmer im Obergeschoss und versuchte, ihre Erinnerungen zu Papier zu bringen.
Du musst schreiben, solange die Eindrücke und Ideen noch „warm“ sind. Das war seit sie schrieb einer ihrer Grundsätze, und so machte sie sich Notizen über Notizen, sortierte sie, schrieb sie um, formulierte und korrigierte, brachte Struktur in die Stichpunkte, bis daraus ein roher Plot entstand. Es dauerte nur eine weitere Woche bis zur finalen Fassung. Und während sie darüber grübelte, was eine solche Geschichte für einen Titel haben könnte, schenkte sie sich ein Glas St. Emillion ein und beschloss voller Glückseligkeit, ihre Denkschwäche überwunden zu haben, zwei Briefe zu schreiben. Der erste war an den Geiselnehmer gerichtet.
Lieber Ludwig,
ich bin vor zwei Tagen von einem Kurzurlaub zurück und habe mit Entsetzen zur Kenntnis genommen, was hier passiert ist. Frau Fleischhauer hat die Sache sehr mitgenommen, und ich hoffe, dass sie keinen dauerhaften Schaden davontragen wird. Sie schläft in diesen Tagen sehr schlecht, wie sie mir gestand, und hat ständig Angstgefühle. Lassen Sie uns beide hoffen, dass sie bald wieder die Alte ist.
Wie ich hörte, sind Sie schon nach drei Tagen festgenommen und zurück an Ihre alte Stätte gebracht worden. Darüber bin ich sehr froh, vor allem, weil auch Sie, werter Freund, alles gut überstanden haben. Verzeihen Sie, wenn ich das so unverblümt ausdrücke. Aber ich kann mir kaum vorstellen, wie es einem Menschen ergehen muss, der Tag und Nacht die Polizei im Nacken hat, der nirgendwo sicher unterkommen kann, sich vor jedem Aushang der Polizei fürchten muss, keine Verkehrskontrolle riskieren darf, sich auf kein Amt traut, um die Voraussetzungen für ein neues Leben zu schaffen, und sich in der Stadt angesichts von Hunderten von Überwachungskameras wie ein Maulwurf verhalten muss. So etwas wünsche ich Ihnen wirklich nicht.
Ich hoffe sehr, dass dieser Vorfall, wenn ich ihn mal so beschönigend nennen darf, Ihre Bereitschaft, unseren Briefwechsel fortzuführen, nicht getrübt hat. Soweit es mich betrifft, hat mir der Gedankenaustausch sehr viel gebracht; ich hoffe, dass er auch Ihnen gutgetan hat und auch weiterhin Ihre Wertschätzung finden wird.
Seien Sie für heute gegrüßt – und Kopf hoch!
Ihre Henny
Sie glaubte selbst nicht so recht daran, dass der briefliche Austausch so fortgeführt werden würde wie bisher, aber das war ihr im Moment auch egal. Viel wichtiger war in diesen Stunden das jetzt folgende Schreiben an ihren Verleger, das sie, noch bevor sie den ersten Satz geschrieben hatte, wie einen Befreiungsschlag empfand.
Lieber Michael,
sehr viel Lärm um nichts – so möchte ich mein Verhalten Ihnen gegenüber beschreiben und Sie um Entschuldigung bitten. Ja, ich war für ein paar Wochen leer im Kopf, ideenlos und nicht in der Lage, die Story zu kreieren, die für einen weiteren Roman getaugt hätte. Mein Hausarzt meint, es läge an der neuen Medikation gegen meine Arthrose in den Knien und die Herzrhythmusstörungen. Es brauche Zeit, bis sich der Körper an den neuen Tablettenmix gewöhnt habe. Jetzt ist das alles vorbei; das will ich Sie unbedingt wissen lassen.
Ich habe auch schon einen Plot entwickelt und fange nächste Woche mit der Textarbeit an. Es wird dieses Mal nicht die übliche Story, bei der ein bereits verübter Mord aufgeklärt wird. Ich plane vielmehr, einen Thriller zu schreiben, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht nur mitnimmt, sondern mitreißt. Die Spannung wird alles übertreffen, was ich bisher geschrieben habe. Das möchte ich Ihnen garantieren.
Worum geht es? Lassen Sie es mich in zwei Sätzen erklären: Eine Krimiautorin pflegt eine Brieffreundschaft mit einem inhaftierten Mörder, um zu verstehen, wie er psychisch vor und während der Tat getickt hat. Eines Tages bricht er aus und dringt in das Haus der Brieffreundin ein, weil er Hilfe benötigt. Nur kurze Zeit später erscheinen zwei Polizisten … und ab hier beginnt eine spannungsgeladene Entführung mit ungewöhnlichen Dialogen, Bekenntnissen und Tricks aus der Praxis eines raffinierten Gangsters. Es gelingt ihr schließlich sich auf raffinierte Weise zu befreien, weil sie den Entführer in eine Falle lockt und zu einer falschen Entscheidung zwingt. Na, wie finden Sie das?
Mehr will ich zunächst nicht verraten. Freuen Sie sich auf Hochspannung pur.
Ihre Henny de Maas
P.S. Das Manuskript liegt Ihnen Ende Juli vor, so dass genug Zeit bis zur Frankfurter Buchmesse bleibt