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Avelyn

Mitglied
Die Vereinigten Staaten und Russland sollten sich gegenseitig dazu ermutigen, den atomaren Weltkrieg auszulösen. Die Erde ist ohnehin von lauter Arschlöchern übervölkert. Ich schließe mich da nicht aus, doch meins riecht ganz angenehm. Es ist wie bei den eigenen Winden, die man im Gegensatz zu den fremden ertragen kann. An meinen kann ich oft sogar die letzte Mahlzeit herausriechen, obwohl sie im Geruchswettbewerb kaum zu unterscheiden sind.


Diejenigen, die durchs Raster der Unerträglichen fallen, enden als kümmerliche Kollateralschäden. Eine klassische, hinnehmbare Kosten-Nutzen-Kalkulation in der Kriegsökonomie. Diesmal jedoch wäre sie, ungeachtet ethnischer oder standesgemäßer Zugehörigkeit, wenigstens äußerst demokratisch.


Zum Glück ist meine Toleranz mir selbst gegenüber ausreichend, um Suizid auszuschließen. Ein solches Unterfangen wäre ohnehin besonders jämmerlich, da ich dafür zu träge wäre und mich stattdessen im Selbstmitleid, jener koprophilen Sauce, wälzte. Oder es ist das Lesen und meine ständig wachsende Liste zu lesender Bücher, die meine Gedanken verästeln und klar genug halten, um nicht den utopisch-selbstzerstörerischen Gedanken zu verfallen.


Daher würde ich gerne der atomaren Desinfektion trotzen, um meine Liste abzuarbeiten. Ich empfinde Freude dabei, mir auszumalen, wie ich mich in der nächstgrößten Bibliothek häuslich einrichte und diese nie wieder verlasse. Dazu müsste ich mir einen reichlichen Vorrat an Münzen zulegen, um mir Verpflegung aus Snackautomaten zu ziehen. Schade nur, dass hierzulande die Dispenser-Kultur nicht ebenso fortgeschritten ist wie in Japan – dort ist die Automatendichte und Auswahl einfach hervorragend. Eine Waffe mit ausreichend Munition wäre auch nicht verkehrt, um die Bibliothek zu verteidigen.


Ach was. Das ist mir zu romantisch.


Die nüchternere Lösung: Ein Warnhinweis vor Verstrahlung an der Eingangstür, um ungebetene Gäste fernzuhalten. Es gibt nichts Ärgerlicheres, als beim Lesen gestört und aufgehalten zu werden. Am schlimmsten zeigen sich die Störungen während der Zugfahrten. Wäre es den Leuten nicht vergönnt, einfach still zu verharren, mich friedlich mit meinem Buch allein zu lassen und ihre Angelegenheiten anderswo zu regeln?


Lackaffen spielen sich in voller Lautstärke auf, damit auch jeder ihre vermeintlich so wichtige bzw. geistreich-heitere Konversation mitbekommt, ungeachtet dessen, dass sie wie ich in der zweiten Klasse fahren. Welche Absicht sie auch damit verfolgen, sie geben sich der Lächerlichkeit preis und bewirken das Unbehagen der Fremdscham. Der Ärger ist doppelt, weil man sich zu diesem Gefühl verleiten ließ. Dann die opponente Fraktion: Die Pseudorücksichtsvollen. Sie tuscheln in unmittelbarer Nähe leise unter sich. Sie nötigen einen, das Ohr zu spitzen, was genauso nervtötend ist wie nachts im Bett, wenn lästige Mücken ständig ins Ohr summen – und statt sie zu erschlagen, klatscht man sich selbst ins Gesicht.


Ebenfalls aufreibend ist das Warten in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt. Ich schaffe es tatsächlich immer, die Kasse zu wählen, an der ein Trottel vor mir steht, der das Warten zur Mutprobe werden lässt. Warum sind die Leute nicht imstande, ihre Besorgungen während des Registrierungsvorgangs in die Taschen zu packen? Nein, sie vergeuden die Zeit aller, indem sie diesem Prozess wie erstarrt zusehen, bezahlen und schließlich eintüten. Kürzlich hatte jemand sogar seine Geldbörse im Wagen vergessen und hielt alle auf, bis er gemächlich zurückkehrte.


Manchmal wünschte ich, mit weniger Selbstbeherrschung ausgestattet zu sein. Doch statt solchen Leuten die Meinung zu geigen – was bereits eine ungebührliche Menge an Interaktion bedeuten würde –, lasse ich zur Strafe lediglich einen fahren. Ein lautloses, olfaktorisches Mahnmal, um die Wartenden hinter mir an meinem Unbehagen teilhaben zu lassen.


Die Schlimmsten aber sind die Nutzer an den Selbstbedienungskassen. Der dadurch angeblich für die Konsumenten erzielte Zeitgewinn wird letztlich doch nur zugunsten der Ladenkette verbucht.


Wie schön, dass all diese kumulierten Ärgernisse in der apokalyptischen Erneuerung dahinschwinden: sich keinerlei gesellschaftlichen Floskeln mehr unterwerfen müssen – stattdessen erwartet uns die brutal schonungslose Wirklichkeit, die das neue feindselige Habitat vorschreibt. Ein herzerwärmendes Flanieren im nuklearglühenden Winter. Genüsslich ein Snickers® schmatzend der lindernden Strahlen-Aurora entgegenblicken.
 

luc_tess

Mitglied
Ach was. Das ist mir zu romantisch.
Mein Lieblingssatz. Wenn das zu romantisch ist, dann steht es wirklich schlecht um die Welt. Hat Spaß gemacht das zu lesen.

Ich sitze jetzt in Gedanken in einer Bibliothek, mitten in der Strahlenwüste. Snickers in der Hand, überlegend, ob ich die arme Sau vor der Tür nicht doch hereinlasse. Eher nicht.
 

Avelyn

Mitglied
Mein Lieblingssatz. Wenn das zu romantisch ist, dann steht es wirklich schlecht um die Welt. Hat Spaß gemacht das zu lesen.

Ich sitze jetzt in Gedanken in einer Bibliothek, mitten in der Strahlenwüste. Snickers in der Hand, überlegend, ob ich die arme Sau vor der Tür nicht doch hereinlasse. Eher nicht.
Vielen Dank! Es freut mich sehr, dass es dir Spass bereitet hat.
 



 
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