Blind Date

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Zefira

Mitglied
Oje, lieber Thomas, das geht unter die Haut.

Verstehe ich es richtig, daß der Gesprächspartner blind ist?
Dann dürfte er sie nicht in der Schlußszene "mit Blicken mustern".

Etwas unklar die Stelle
>>Reglos, sprachlos standen sie sich eine kleine Ewigkeit gegenüber, musterten sich mit Blicken, bis die Tischnachbarin sich zu dem jungen Mann herüber neigte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.<<
Wer ist die Tischnachbarin? Doch wohl eher eine Dame am Nebentisch, oder? "Tischnachbarin" klingt, als säße sie mit am Tisch.
Hier ist ein Fehlerchen:
>>Sie zupfte an Nackenhaaren, das sich im Träger ihres schulterfreien Sommerkleides verfangen hatte<<
... müßte "an einem Nackenhaar" heißen.
Und "Scampis" ist m.W. doppeltgemoppelt, "Scampi" ist schon Mehrzahl.
Sind nur Kleinigkeiten.

Schön, Dir hier mal wieder zu begegnen ...

innige Grüße
Zefira
 

ThomasW

Mitglied
Liebe Zefi,

vielen Dank für die Anmerkungen, ich habe es überarbeitet.

Nein, der junge Mann ist der Falsche, er ist auch nicht blind, sondern vergeben. Ich habe das jetzt deutlicher gemacht. Und wer war ihr 'Blind Date'? Und war er blind? Tja, die 'sie' ist einfach rausgerannt, sie wird es wohl nie erfahren :-(.

All die lieben Grüße zurück

Thomas
 

Willibald

Mitglied
Dark Hour

Dear Thomas,

konsequente Er-Erzählung, die sich ganz auf die Perspektive der Protagonistin einlässt.

Besonderheit, dass dieser "Blind Date" zivlisatorische Normen zurückdrängt oder aufweicht. Das beginnt bei dem "Essenpatschen", geht weiter mit der akzeptierten Führungsrolle des Mannes und dem Satz vom Sex und mit dem Attribut "geil".

Interessant ist die leicht mysteriöse Unterströmung: Man/der Leser akzeptiert den "blinden Kellner" in der Exposition, man akzeptiert, dass ein Tagesmenü geordert wird, ohne dass die Frau Genaueres weiß. Auch den Gang auf die Toilette an der Hand eines Kellners. Gleichzeitig ist das alles etwas sonderbar. So ein bisschen wie "Eyes wide shut", so dass man nie genau weiß, ob man sich nicht doch nur in der Psyche einer lasziver werdenden Akteurin befindet. Oder ob hier in der Außenwelt die Alltagsgesetze per (Erzähl-) Arrangement aufgeweicht werden. Ein bisschen
Erinnerung an Stanley Ellin und seine Restaurantgeschichte vom "Lamm Ämirstan" und Sbirro, dem Restaurantbesitzer.

Eine Tagtraumwelt eben. Keine genaueren Erklärungen bringend über den Ablauf solcher "Dark Hours and Blind DAtes". Und damit Leerstellen für die Aktivität des Lesers und schöne Deutungsspielräume eröffnend: Man kann vermuten, dass der hängeschultrige Endvierziger ebendoch der Date ist. Und dass er all die sinnlichen Qualitäten wirklich hat, die man bei seinem Äußeren nicht vermuten würde, so dass die Dunkelheit etwas Wahres aufscheinen ließ, das die Normalsicht dann später verlieren lässt. Der in der Geschichte herbeigeführte Kontrollverlust der Frau und das Freisetzen erotischer Phantasien, die man normalerweise bei "Licht besehen" erst einmal zensiert, hier aber ihr Recht bekommen. Die Identifzierung von Zeit mit Klang und Sensorik, die Zuordnung des Mannes zu den Uhren. Der wunderschöne Schluss: der flüchtenden Frau begegnet "ordinary people" im fast food restaurant jenseits von sinnlichem Genuss. Die damit zusmmenhängende Notwendigkeit, sich - die Sinne fassend - zu setzen. Und die Vorstellung, dass eine solche Bank aus dem Plastikmaterial gepresst ist, dass der Welt jenseits des Genusses entstammt, also nicht das Fundament bietet, welches der Restaurantbesuch und die Beziehung zu dem Dark Man vielleicht gewesen wäre.

Ein paar Kleinigkeiten:

Wunderschön - ich wiederhole mich - ist die Erzähltechnik, ganz schnelle Schwenks mit der Kamera, szenische Gespräche, Außenweltkamera und dann Psychokamara bei der Frau mit konmsequenter Aussparung des Mannes und seiner Psyche.

Stilistika und Orthographie:

unbemerklich: unbemerkt, unmerklich
die Gläser anzustoßen: mit den Gläsern anzustoßen
und sich anzublicken
hinüber: herber
Sei - Sie
etwas Unverständliches
aus Geisterhand - wie von Geisterhand
"eines Blickes würdigen" passt vielleicht nicht ganz, weil die Grundbedeutung der Wendung noch hineinspielt: Die Frau hält aber eher die Augen niedergeschlagen, vermeidet also Blickkontakt, weil sie sich in der Öffentlichkeit des Raumes leicht blamiert hat.


Danke für den Lesegenuss. Wiederbegegnung im LC?
 

Zefira

Mitglied
Hm. Ja, jetzt verstehe ich es. Unter normalen Umständen endet die Blindheit des "blind date" in dem Moment, wenn man sich trifft - hier geht sie weiter und gibt Raum, Phantasien weiterzutreiben - und um so größer die Scham, als die Frau der Erkenntnis des äußeren Anscheins nicht gewachsen ist. Das leuchtet mir ein.

Trotzdem schien mir alles im Verhalten des Mannes anfangs darauf hinzuweisen, daß er daran gewöhnt ist, nichts zu "sehen". Diese eindeutige Überlegenheit, diese Souveränität in einer Umgebung, die die meisten sehenden Menschen überfordern dürfte ... wie wäre es, möglichst frühzeitig in das Gespräch einen Hinweis einzuflicken, daß er das Lokal öfter besucht o.ä.? Ich fühle mich ein wenig auf eine falsche Fährte gesetzt ...

lieben Gruß,
Zefira
 

ThomasW

Mitglied
Lieber Eulen-Schwingender-William,
vielen Dank für die sehr ausführlichen Kommentare. Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Geschichte auf dich gewirkt hat. Ich habe mir das alles zwar nicht gedacht, als die Geschichte schrieb, aber du hast nur Dinge geschrieben, die ich auch gerne denken würde *lach.
Wer ist Stanley Ellin?, werde gleich mal googeln. Vielen Dank auch für die stilistischen Hinweise, habe sie eingebaut. Und natürlich hat mich dein Lob sehr aufgerichtet, denn ich bin immer extrem unzufrieden mir.

Liebe Zefira, ich habe dich nicht absichtlich auf die falsche Fährte geführt, so ein Schluss, dass der Blind Date blind ist, hat die ‚sie‘ abgelehnt, war ihr zu banal. Es ist dann eben anders gekommen.
 



 
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