Bruchstücke III

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Otto Lenk

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ein leises flüstern.

nach dir
kam der schnee.
wie zum trost
bedeckte er das grau.
erstickte,
was aus dem wort

~sehnsucht~

fühlen macht.

doch selbst
in diesem nichts,
aus stillem weiss,
war platz für dich.
 

Otto Lenk

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Sicht-Weise (Tanka)

Schau - selbst die Rose
lebt in einem Dornenreich.
Du bist Tag und Nacht.

Das Auge sieht die Blume,
der Mund schmeckt das warme Blut.
 

Otto Lenk

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Hinter allen Fenstern.

Die Sterne scheinen verwaist.
Nichts spricht aus ihnen.
Was soll ich anfangen?
Ohne mich.

Was bleibt ist deine Liebe.
 

Otto Lenk

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[ () ]

Was nur tun
mit dem Gedanken
[Gang]
Mal sollt er rein
dann wieder raus
Dann lieber doch
(in Klammern)
Sie sollen Zeichen
[setzen]
Für des Künstlers
Hin- und Her-gerissen
Mal mehr – und dann
auch wieder nicht
Her-vor-hebung
des eigentlichen Sinns-
und Seins
Für alle die,
die nicht verstehen
Vielleicht auch ich?
Oder auch nicht?
Oder nur halb?
Was tun?
Ich weiß es!
(Nicht)
 

Otto Lenk

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imaginaire vielleicht?

da stand dieser storch auf dem kargen winterlichen feld. seine beine zum teil im schnee versunken.
das auge, welches die szene betrachtete, war riesig. die pupille flackerte aufgeregt hin und her. voller erwartung. es musste schneien, endlich schneien. nur wenn der storch aus diesem bild verschwand, war alles wieder richtig, hatte seine ordnung.
langsam begann sie die schneekugel in ihrer hand zu schütteln. beobachtete, wie sich das weiss auf die landschaft legte.
nein, nein! nur auf den storch. das land ist richtig. aber der storch…er muss weg, weg. er ist falsch.
so oft sie es auch versuchte, nie gelang es ihr, den storch im weiss zu begraben. aber sie hatte zeit. wenn sie etwas hatte, so war es zeit. mehr war nicht übrig. zeit und eine ahnung von richtig und falsch.
manchmal steht sie auf dem feld. versucht verzweifelt den storch vor dem schnee zu schützen. fragt sich, wem dies weinende auge am himmel wohl gehört und wischt sich eine träne von der wange.
dann wird sie still und lauscht in dieses nichts in ihr.

manchmal tanzen lichter
durch deine dunkle welt.
sie irren und wirren,
verweilen und gehen.
zersplittern deinen geist.

Wie soll ich dich nun nennen?
imaginaire vielleicht?
 

Otto Lenk

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he, exupéry!

ich habe angst.
vor dem vielleicht,
dem ausweglosen ich.
sag, exupéry!
was soll ich tun?
ich hör das lachen nicht.
ich seh das rosenrot,
das blaue meer!
doch alles in mir
ist
so tot.
kein trost,
exupéry!
 

Otto Lenk

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Man sagt, das Meer sei niemals weit entfernt

Der Geruch von ranzigem Fett und altem Fisch liegt wie ein stiller Vorwurf über der Stadt. In den Straßen stinkt es nach Bier und Scheiße. Die Kanalisation rülpst und furzt die menschlichen Extremente zurück in die beschissene Welt.
Die Häuser sind nicht mehr wirklich da. Kalte, von allem Leben verlassene Mauern, sind zurückgeblieben.
Farbe blättert von den Wänden. In Fetzen, voller Narben und Falten, wartet sie darauf, mit dem Wind zu ziehen. Die Geschichte ist längst aus den Häusern verschwunden. Händler haben sich eingenistet. In jedem Haus ein Laden, jeder Laden eine Kopie des übernächsten Ladens. Sie verkaufen Scheiße, nichts als Scheiße. Alles passt ins Bild.
Alte, aufgedonnerte Matronen, in Begleitung ihrer dickbäuchigen, aufgeschwemmten Männer, auf der Suche nach einem wundervollen Gestern, einem Gestern, das sie nicht wirklich erlebt haben, ziehen durch eine Stadt, die es nicht mehr gibt.
Treffpunkt ist die mit Hunderten bunten Lämpchen geschmückte Plastikpalme am Ende der Hauptstraße. Dort steht diese Miniaturausgabe einer Eisenbahn…auf Reifen, versteht sich. Sie bringt die lebenden Toten zum Kasino. Ein offener Leichenwagen. Inhalt unbekannt. Nach den Blicken zu urteilen, ist es für sie der Orient-Express. Ja, ja, echt nobel! Sie lächeln ein so verdammt dümmliches Lächeln, dass einem die Kotze im Hals stecken bleibt.
Die Wagen sind mit Werbung voll geknallt. Ein Nachtclub wirbt damit, dass er alle Wünsche erfüllt. Ja! Die geilen Dickbäuche würden ihre Alten gewiss gerne allein ins Kasino fahren lassen. Ihnen steht das Unbefriedigte in den wässrigen Augen. Aber sie sind längst zu träge für das Spiel. Ein, zwei kleine Gewinne beim Zocken tun´s auch. Was soll´s.
„Are you ready“, brüllt der spanische Fahrer mit Rosinantegebiss in schlechtem Englisch und alle antworten: „Yes“, worauf Don Quijote die Glocke läutet und das Abenteuer beginnt.
Ja. Ready zur letzten Fahrt. Abzocke, alles Abzocke. Ob der Sonnenuntergang noch echt ist? Die Kakerlaken sind es. Are you ready for Kakerlak-Island?
Später werden diese lebensmüden Marionetten zwischen Plastiksäulen ein wenig Plastikgeld verspielen und träumen. Träumen vom großen Gewinn und einem Häuschen auf der Insel.
Ich bin es leid, so leid. Was helfen die kleinen Momente? Gestern beobachtete ich einige Möwen beim Flug. Sofort dachte ich an Jonathan. Sie mussten bei ihm in die Schule gegangen sein. Bei jedem Flugmanöver setzten sie alles auf eine Karte. Die Letzten ihrer Art, vom Aussterben bedroht.
Wenig später trat ich in einen Haufen Scheiße. Geschmückt war er mit einer Serviette des Hotels New Hampshire ****. Na, wenigstens kein Bär und auch noch vier Sterne. Fast eine Auszeichnung. Rings herum lagen die Reste mehrerer Lunchpakete. Noch mehr Auszeichnungen.
Auf meinem Weg zum Strand stellte sich mir ein Afrikaner in den Weg.
„Du Deutscher? Hier…kaufe gute Sonnenbrille. Echt Nike. Nur 20€.“
Ich verneine dankend im Vorübergehen und höre ihn noch leise „shit“ sagen. Ja, so ist es, lieber Freund. Du hast die tiefe Wahrheit dieser Insel erkannt. Vielleicht noch mehr.
Es ist Abend.
Ich sitze wie immer auf der Kaimauer und beobachte den Sonnenuntergang. Neben mir hat sich eine Kakerlake niedergelassen. Gemeinsam betrachten wir, wie die Sonne im Meer ertrinkt.
„Na, was denkst du“, frage ich meinen schwarzen Freund, „ist das echt, oder auch nur noch Kulisse?“
Für einen Moment scheint mich die Kakerlake anzuschauen. Dann dreht sie sich um und geht ihres Weges. Da, wo sie gesessen hatte, liegt ein winziges Stück Scheiße.
 

Otto Lenk

Mitglied
prüfung.

ich möchte
mich finden.
suche nach etwas,
das mich beschreibt.

erschrecken.
hasse jedes wort,
das mir so nah,
so unangenehm ich.

warum nur,
ist es nur im wort.
so außerhalb.
nah.

ist da etwas?

von mir?
und wenn ja!
kann ich es
ertragen?
 

Otto Lenk

Mitglied
.manchmal

manchmal
träume ich
ein unbekanntes
wort.
verdichte es.
versuche,
es zu deuten.
erkenne es
und lass es sein.
vollkommen sein.
 

Otto Lenk

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anruf

ich arbeite gerade an einem paralleluniversum.
brauche dringend einen ort für mein zweites ich.
so auf dauer ist das nichts mit mir und mir.
kennste doch gewiss---ja genau!
so ähnlich wie in den spiegel schauen.
nur tiefer halt…mehr hindurch halt.
bis ins paralleluniversum hinein.
da soll er hin.
wer?!
haste mich nicht verstanden?
ich soll da hin. …nein, nein.
nicht ich. der andere ich halt.
wer dann hier bleibt?
na, ich natürlich.
blöde frage, saublöde.
wenn du weiterhin so ein dummes zeug schwatzt,
schicke ich dich grade mit.
dann kannste dich mit mir unterhalten.
wie?
wieso bin ich und ich dann doch schon längst dort?
ach so! ja klar. weißt wieder mal alles besser,
du arsch! genau aus diesem grund…ab dafür!
am besten mit ´nem teilchenbeschleuniger.
ein winziges schwarzes loch in den arsch geblasen.
und blubb!
ab geht er, der otto.
hinein ins paralleluniversum für klugscheißer.
ach, halt´s maul.
mit mir red´ ich doch gar nicht mehr.
und tschüß!
 

Otto Lenk

Mitglied
Schlaflos.

Letzte Nacht
flogen Gedanken
durch die Dunkelheit

Ich sah sie
Schlaflos
hinterm Fenster

Hauchte Papier
aufs Glas
und schrieb:

Hinter den letzten Sternen
wartet der Anfang
auf die Ewigkeit

Auf der gegenüberliegenden Seite der Welt saß eine Spinne in der Mitte ihres Geflechts und spann sich mit dem Faden ihres Netzes ein. Kreis für Kreis wurde das Rund kleiner. Nur noch zwei ihrer Beine lugten aus dem Gespinst. Zäh spann sie an ihrem Grab, bis nichts mehr von ihr und dem Netz zu sehen war. Was blieb waren ein Faden und ein unbestimmtes Knäuel.

Ich sah sie
Schlaflos.
Hinterm Fenster kauernd
 

Otto Lenk

Mitglied
Stille wird.

Du tröstest mich mit deinen Augen,
aus denen still ein Leben spricht.
Und auch der Tod ist dort,
in diesem sanften grauen Licht.
Ganz leise flüstert er:
Du brauchst mich nicht fürchten.
 

ENachtigall

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Hallo Otto Lenk,

...ich habe Dein "Tagebuch" gelesen und danke Dir für´s (mit-)teilen der Gedanken und Bilder, die zu durchschlendern eine Reise in ein verträumtes Déja Vu war.

Herzliche Grüße

Elke
 

Otto Lenk

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Da steh ich nun

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dd/Carl_Spitzweg_039.jpg

Da steh ich nun
und warte auf den Krieg.
Doch er ist weg!
Ganz einfach so.
Und nun?
Wohin
mit all der Donnerei,
mit dem Krawumm
und Tätärätätä.
Dort drüben steht der Feind.
Mit Blumen in den Haaren.
Ja spinnt der denn,
wo kommen wir da hin.
Doch nicht ins Friedliche?
Oh weh.
Was soll nur werden?
Aus mir
und meiner kriegerischen Kunst.
Nun gut!
Ich könnte schreiben.
Die Poesie,
die lag mir eh schon immer
dick im Blute.
So sei es denn.
Da steh ich nun
und warte auf das Wort.
 

Otto Lenk

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manchmal wurmt es mich

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/04/Carl_Spitzweg_021.jpg/320px-Carl_Spitzweg_021.jpg

manchmal
wurmt es mich.
dann steh ich
vor mir selbst,
und denk
ich hab ´nen stich.

kann es denn…
ja kann es denn
tatsächlich sein,
dass ich tagein tagaus,
stufauf stufab,
buch auf und
wort um wort,
und satz für satz,
und blatt um blatt
und zu,
und wieder auf
und zu,
durchs denkerische
dickicht strüppe,
und nichts versteh,
grad außer
eben diesen un-
verstand.

und doch
kann ich´s nicht lassen.
denn ließ ich es,
so wurmte es noch mehr.
drum lese ich und leg
~ganz wissentlich~
die stirn in tiefe falten.
 

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