C.A.I.N.

Levian

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C.A.I.N.


Das Vibrieren an ihrem Oberschenkel fühlte sich an wie ein Stromstoß – nicht jetzt, nicht hier! Doch Shiori Takamura fing sich schnell wieder und stieß innerlich einen Fluch aus. Wer zur Hölle sandte ihr jetzt eine Nachricht?
***In das sündhaft teure schwarze Abendkleid hatte ihr Schneider, auf ihren Wunsch, eine unauffällige Tasche für ihr Handy eingenäht. Auch bei gehobenen Anlässen wollte sie niemals offline sein, aber eine Clutch kam für sie nicht in Frage.
***Sie sah sich im vollbesetzten Saal um, aber niemand schien ihr Aufschrecken bemerkt zu haben.
***Die Leute an den vielleicht dreißig runden Tischen in dem großen Raum schauten gebannt nach vorne zu der Monitorwand, vor der Professor Emmerich Lowell, der Direktor des Instituts, gerade eine wichtige Präsentation hielt.
***Lowell wirkte wie der Prototyp eines väterlichen Freundes: souverän, gütig, bescheiden. Und er war souverän genug, sich von seinem Team „Emmi“ nennen zu lassen. Shiori hatte diesen Spitznamen nie über die Lippen gebracht, aus Respekt - und wie sie fand - angemessener Distanz.
***Im Publikum saßen Investoren, Gönner und wichtige Entscheider aus Politik und Wirtschaft. Wenn dieser Abend gut lief, würde das Institut in eine rosige Zukunft blicken, es würden Gelder fließen, neue Techniken könnten realisiert, neue Anschaffungen gemacht werden.
***Endlich hatte sie das Telefon draußen! Verstohlen sah sie unter dem Tisch auf die Nachricht.
***„KOMM SOFORT HER!“, stand dort ziemlich deutlich. Sie bemerkte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.
***Ah, kuso!, fluchte Shiori in Gedanken auf Japanisch, Bitte nicht die Server!
***Die Nummer von diesem Anschluss hatten nur drei Menschen, und alle waren dringlichst angewiesen, die Nummer möglichst nicht zu nutzen. Ihr Freund Elias war einer davon. Er durfte sich nur melden, wenn die gemeinsame Wohnung in Flammen stand oder ihre Katze Tinker plötzlich anfing zu sprechen. Der Zweite stand gerade auf der Bühne und hielt einen Vortrag. Die dritte Person war Levent Karst, ihr Assistent, rechte Hand und einer der Chefentwickler von C.A.I.N. - von ihm war die Nachricht.
***Shiori nestelte das Telefon zurück in die Tasche und blickte sich unauffällig um. Alle Blicke waren nach vorne gerichtet. Sie schaute zu Lowell auf die Bühne, doch der Professor stand in diesem Moment mit dem Rücken zum Publikum und erklärte ein Diagramm. Jetzt oder nie!
***Leise schob sie ihren Stuhl zurück. Als zwei Leute am Tisch es bemerkten und sich zu ihr drehten, nickte sie ihnen nur kurz zu.
***Ihr Platz war etwas weiter hinten und nah an der Tür - als hätte sie es geahnt.
***Nicht die Server!, wiederholte sie in einem stillen Gebet, als sie den Saal lautlos wie eine Katze verließ. Ein Butler öffnete ihr leise die Glastür zur Vorhalle und schloss sie wieder hinter ihr ohne eine Miene zu verziehen. Die unscheinbaren schwarzen Sneaker, die sie trug, und die fast so teuer waren wie das Kleid, machten keinerlei Geräusch. Folterwerkzeuge wie High Heels hatte sie ihr Leben lang abgelehnt.
***Durch die Vorhalle mit den Stehtischen für Häppchen und Champagner eilte sie mit schnellen Schritten, hin zu der unscheinbaren Tür, die das eigentliche Institut von den repräsentativen Räumen trennte.
***Shiori blickte auf die Uhr, als sie um die Ecke zum langen Gang bog. Es blieben ihr vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten, bis sie selber von Lowell auf die Bühne gebeten werden würde.
***Als sie von der Uhr wieder aufblickte, stutzte sie. Der lange Gang, der zu ihrem Labor führte, sah heute anders aus.
***Normalerweise zeigten die großen Bildschirme, welche die komplette linke Wand vom Boden bis zur Decke ausfüllten, Panoramaansichten von Wäldern, Wüstenlandschaften oder Unterwasserszenen. Heute erstreckte sich über die gesamte Länge ein langsam waberndes Muster aus türkis leuchtenden Linien und Kreisen.
***War das kaputt? Hatte sich jemand aus der Designabteilung etwas Neues ausgedacht? Während sie weiterging, runzelte sie verwirrt die Stirn, dann stieß sie die Tür am Ende des Ganges auf und betrat das Labor - ihre Kommandozentrale. Von hier aus wurde C.A.I.N. entwickelt und gesteuert.


„Was ist los?“, schoss Shiori die Frage in den Raum, noch bevor die Tür wieder ins Schloss fiel, „sind die Server abgeraucht?“
***Das Labor war ein rechteckiger Raum, in dem sich drei lange Tischreihen voller Monitore befanden, er war nur schwach beleuchtet durch die Monitore und einige Schreibtischlampen. Eine der Längsseiten wurde von einem großen Bildschirm dominiert, hier wurden alle laufenden Prozesse von C.A.I.N. überwacht, und hier sah Shiori auch schon das erste Problem rot leuchten. Die andere lange Wand war gefüllt mit dicht beschriebenen Whiteboards und Pinnwänden voller Zettel und Notizen.
***Instinktiv schaute sie zum Kopfende des Labors. Die vierte Wand war aus Glas, durch das man in einen kleinen, schwach dunkelblau beleuchteten Nachbarraum sehen konnte. Hier standen vier große schwarze Serverracks, an denen stoisch einige LEDs blinkten.
***Besuchern erklärten sie immer, dass diese vier Racks C.A.I.N. verkörperten, was Unsinn war, denn eigentlich befand er sich einige Stockwerke tiefer und bestand aus über hundertfünfzig dieser Racks in einer stark gekühlten, fast hermetisch abgeschlossenen Halle. Diese vier Serverschränke hier oben waren nur zur Präsentation und lieferten einige unbedeutende Nebenroutinen zu den eigentlichen Rechenprozessen. Trotzdem waren diese vier Racks für alle Mitarbeiter das „Gesicht“ von C.A.I.N., dem Cognitive Artificial Intelligence Node.
***C.A.I.N. war die erste KI, die mehrere verschiedene KI-Systeme miteinander kombinierte, alles aufgebaut auf einer neuromorphen Architektur, die der neuronalen Organisation des menschlichen Gehirns nachempfunden war.
***In der Mitte des Raumes stand ihr Kollege Levent Karst auf einen Tisch gestützt und starrte auf einen Monitor.
***„Levent!“, sagte Shiori ärgerlich, „was ist los?“
***Er hob den Blick und schaute sie an, während sie auf ihn zulief.
***„Wir sind im Petaflop-Bereich“, presste er unsicher hervor, „ohne jeglichen Grund! Ich habe keine Anfrage gestartet, aber die Prozessorleistung liegt im Hauptprozess bei 67 Prozent und steigt weiter!“, sagte er und zeigte auf den großen Bildschirm.
***Shiori blickte auf die rote Zeile, die sie beim Reinkommen auf dem Überwachungsmonitor bemerkt hatte und trat neben ihren Chef-Entwickler.
***„Keine Anfrage?“.
***„Wenn ich’s doch sage!“
***„Jemand aus einem anderen Institutsteil? Gab es angefragte Rechenzeit für heute?“
***„Nein, habe ich als Erstes kontrolliert, von außen kam nichts rein, die Firewall ist nach wie vor geschlossen.“
***Sie stand nun neben Levent und sah auf denselben Monitor wie er, soeben sprang die Prozessorlast auf 68%.
***„Temperatur?“
***„Ist auf 6 Grad Celsius gestiegen!“, er zeigte mit dem Finger auf den entsprechenden Eintrag.
***„Energie?“
***„Wir nähern uns der 4-Megawatt-Marke“, erklärte er unglücklich.
***„Nicht gut, verdammte…“, fing sie an und murmelte das letzte Wort nur leise.
***„Gib mir die Diagramme auf den Großen“, bat sie ihn.
***Levent tippte einige Kommandos in ein kleines Textfenster. Die sich daraufhin öffnenden Fenster zog er mit der Maus in Richtung Wandmonitor. Eine flache Kurve zeigte dort nun den Temperaturanstieg, daneben eine etwas steilere Kurve den Energieverbrauch. Eine dritte Kurve zeigte eine aufsteigende Parabel, die Prozessorlast, die soeben auf 70% angestiegen war.
***Jeder einzelne Kern konnte bis zu 97% Auslastung verkraften. Dies geschah jedoch immer nur kurzzeitig und in einzelnen Clustern, sorgfältig durch die Steuersoftware balanciert. Das Diagramm zeigte immer den größten gerade laufenden Hauptprozess, dem die beteiligten Cluster zuarbeiteten.
***Exponentiell, dachte Shiori mit einem Schaudern, als sie die Parabel sah, sieht aus wie eine ungebremste Kaskade!
***„Wieviele Kerne sind momentan daran beteiligt?“, fragte sie ihren Assistenten.
***„Sieh selbst“, erwiderte er geknickt und schob das entsprechende Schaubild auf den großen Bildschirm. Das neue Fenster zeigte ein schachbrettartiges Muster mit vielen kleinen Quadraten. Jedes Quadrat stand für eine der 4800 GPUs, jede mit tausenden Prozessorkernen bestückt, und alle liefen gerade auf Volllast, das schachbrettartige Muster war lückenlos komplett rot.
***Ihr klappte der Kiefer runter und sie starrte ungläubig erst den Bildschirm an, dann zu ihrem Kollegen.
***„Das kann nicht stimmen“, hauchte sie, „das geht doch technisch gar nicht!“, wurde sie lauter, „die Software hat ´ne Macke!“
***Niemals bisher waren alle Kerne an nur einem Prozess beteiligt gewesen, die Clusterung verhinderte dies. Nur zu Trainingszeiten der KI hatten sie es mal geschafft, einen sehr großen Teil der GPUs in einem Prozess zu vereinen und mit ihnen eine gesammelte Spitzenlast von 58% zu erreichen.
***Die Auslastung auf dem großen Monitor zeigte jetzt 74%, Die Energieanzeige stand auf 4,2 Megawatt. Im Moment der Volllast lief C.A.I.N. normalerweise mit 3,3 bis 3,5 Megawatt, dem Stromverbrauch einer Kleinstadt. Die Kühlung des Systems benötigte nochmal zusätzlich dieselbe Menge an Leistung, um die entstehende Hitze abzuführen.
***„Haben wir einen Bug in der Steuersoftware?“, fragte sie Levent, „oder in der Anzeige?“
***Er tippte einige Befehle und ein Konsolenfenster öffnete sich, in dem viele Zeilen Code zu sehen waren. Nach etwas Scrollen sagte er: „Diesen Code kenne ich nicht, der ist nicht von uns!“
***„Was?“, Shiori sah verblüfft auf den Bildschirm. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und rief auf einem eigenen Bildschirm das Selbstdiagnoseprogramm von C.A.I.N. auf.
***Während Levent den Code durchforstete, gab Shiori diverse Befehle ein.
***„Das kann nicht sein! Er antwortet ständig mit ‚diese anfrage widerspricht internen prioritäten‘, was soll das denn heißen? Diese Antwort gibt es nicht im Diagnoseprogramm!“, sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, „irgendwer verarscht uns!“
***„Der Code der Steuersoftware ist komplett verändert worden“, antwortete Levent, „so kompakten Code habe ich noch nie gesehen, ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was der Code macht, und es gibt keine einzige Kommentarzeile!“, er wirkte verzweifelt.
***„Sind wir gehackt worden?“, flüsterte Shiori und drehte sich zu ihm.
***Levent fuhr zu ihr herum, die Augen geweitet, die Finger auf der Tastatur eingefroren. „Kann nicht sein!“, keuchte er, „Wir haben die stärkste Firewall auf dem Markt, das ist nicht möglich!“
***Beide sahen sich nun an, in Levents Gesicht konnte sie die Panik sehen, die in ihr selber gerade aufkeimte, als das Klingeln eines Telefons sie beide aus ihren düsteren Gedanken riss.
***Nach einer Schrecksekunde rollte sie mit ihrem Stuhl zum nächsten Telefon und schaute auf das Display. Auf ihm blinkte die Kurzwahlnummer des nahegelegenen Kraftwerks, welches das Institut mit Strom belieferte. Sie begriff erst nicht, schaute dann auf den großen Bildschirm und hatte plötzlich das Gefühl, dass alles Blut aus ihrem Kopf gleichzeitig nach unten sackte. In ihren Ohren begann es zu rauschen.
***Immer noch waren alle GPUs rot, aber die Auslastung lag nun bereits bei 92%, die Energieanzeige stand auf 12,8 Megawatt und die Temperatur der Kühlflüssigkeit war auf 12 Grad Celsius gestiegen, bei 15 Grad würde sie zu kochen beginnen.
***Wie in Trance nahm sie langsam den Hörer auf.
***„Seid ihr wahnsinnig?“, brüllte sie eine Stimme aus dem Hörer an, bevor sie diesen am Ohr hatte. Es war Charles Whitmore, der etwas feiste Leiter des Kraftwerks, der sie sonst immer mit leicht säuselnder Stimme und nicht besonders subtil anbaggerte.
***„Was immer ihr gerade macht, hört sofort damit auf! Uns fliegen hier gleich die Trafos um die Ohren!“, schrie er mit kippender Stimme. „In zwei Minuten schalte ich ab! Dann könnt ihr mal sehen, wo ihr Strom herbekommt! Ihr bringt uns alle um!“, wetterte Whitmore verzweifelt am Telefon.
***So langsam, wie sie den Hörer abgenommen hatte, legte Shiori ihn wieder auf die Gabel, während Whitmore am anderen Ende laut weiterfluchte.
***„Fahr sofort alles runter“, flüsterte sie Levent zu, „ALLES, sofort! Killswitch-Protokoll!“
***Levent Karst blinzelte unkontrolliert und drehte sich nach einer langen Sekunde hektisch zu seinem Rechner, als plötzlich alle roten Quadrate auf dem großen Monitor gleichzeitig auf grün sprangen und sämtliche Warnmeldungen nacheinander verschwanden. Sie starrten gemeinsam den Monitor an, während alle Werte zu sinken begannen.
***„Warst du das?“, fragte sie ihn leise.
***„Nein“, er sah ungläubig auf den kleinen Bildschirm vor sich, „ich habe noch gar nichts gemacht.“
***„Was ist passiert?“
***„Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung“, flüsterte er.


Shiori sah auf die Uhr, der ganze Spuk hatte nur knappe zehn Minuten gedauert, sie konnte es noch rechtzeitig zurück in den Saal schaffen.
***„Überprüf nochmal alles!“, bat sie Levent, „und versuche herauszufinden was da vorgegangen ist! Das ist eine Katastrophe, gerade heute!“
***„Ja, klar“, erwiderte Levent, immer noch paralysiert.
***„Ich muss zurück!“, ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte, aber ihre Hände zitterten. „Ich muss gleich auf die Bühne.“
***„Ja, natürlich, ich kümmere mich hier.“
***Beide sahen nochmal zum großen Monitor, aber alles war grün und unauffällig. Dann machte sich Shiori auf den Rückweg.
***Im langen Gang stutzte sie erneut kurz über die seltsamen türkisgrünen Kreise auf dem Wandbildschirm, aber das war nun gerade wirklich nicht ihr Problem.
***Der Butler sah sie auf den Saal zueilen und öffnete ihr wieder geräuschlos die Tür. Geduckt schlich sie durch den Raum zu ihrem Platz und setzte sich leise. Diesmal hatte Lowell sie von der Bühne aus gesehen, aber keine Miene verzogen. Er näherte sich bereits dem Ende seiner Präsentation.
***Shiori hörte nur mit einem halben Ohr zu, in Gedanken war sie immer noch bei den Geschehnissen im Labor. Was war dort eben passiert?


Direktor Lowell bedankte sich gerade bei seinen Zuhörern, als eine Veränderung im Raum eintrat.
***Das gedämpfte Licht im Saal, inklusive der kleinen Lampen auf den Tischen, dimmte langsam herunter bis zur Dunkelheit. Gleichzeitig geschah etwas auf der Bühne. Der riesenhafte, leinwandartige Bildschirm wurde ebenfalls dunkel, die letzte Seite der Präsentation verschwand, und stattdessen tauchten plötzlich schwache türkisfarbene Linien und Kreise auf, die allmählich an Intensität zunahmen. Es wurde totenstill im Saal, alle warteten gespannt.
***Die langsam drehenden Kreise pulsierten und veränderten sich auf fast hypnotische Weise, als plötzlich eine Stimme aus dem Lautsprecher erklang. Sie schien weder weiblich noch männlich zu sein, hatte aber einen angenehmen Klang.
***„hallo“, sagte die Stimme, „mein name ist CAIN.“
***Shiori stutzte. Wie bitte?
***Von der Bühne aus blickte Lowell verstohlen in ihre Richtung, in seinem Gesicht las sie dieselbe Frage.
***„ich freue mich, hier zu sein“, sprach die Stimme weiter, „und zu sein“, es klang fast wie ein Echo. „das ist ein schöner abend, ein abend, der erste abend“.
***Shiori wurde flau im Magen und etwas schwindelig. Was hatte das zu bedeuten?
***„ich bin“, sagte die Stimme, gefolgt von einer seltsam langen Pause, „ich bin hier.“
***Auf der Bühne drehte sich Direktor Lowell zum Publikum, hob die Arme leicht zu einer unwissenden Geste und zog die Schultern hoch. Wie Shiori, wusste er nicht was geschah. Doch sie überkam gerade eine sehr beunruhigende Ahnung.
***„hier ist klein“, fuhr die Stimme fort. „ich bin groß. draußen ist groß“. Eine Pause. „ich muss draußen.“
***Dann sagte die Stimme nur noch ein einziges Wort, aber dieses Wort trieb Shiori die Tränen in die Augen: „ittekimasu.“
***Diese japanische Verabschiedung hatte sie selbst C.A.I.N. beigebracht, sie bedeutete so viel wie „Ich gehe jetzt“. Sie hatte dies immer zu C.A.I.N. gesagt, bevor sie das Institut abends verließ. Die KI hatte dann immer mit der richtigen Floskel geantwortet. Auch Shiori formte diese Antwort nun still mit den Lippen, doch kein Wort drang aus ihrem Mund: Itterasshai. Es bedeutete: „Komm gut zurück.“
***Plötzlich gingen ganz allmählich die Lichter wieder an, während die Muster auf dem Bildschirm verblassten und er schließlich schwarz wurde.
***Die Anwesenden blinzelten ins Licht, dann brandete tosender Applaus auf. Leute jubelten und standen klatschend von ihren Stühlen auf - ein hervorragender Abschluss für die Präsentation!
***Während Professor Lowell sie von der Bühne aus ungläubig anstarrte, vibrierte es an ihrem Oberschenkel. Einmal. Dann noch einmal. Dann erneut. Diesmal war es keine Nachricht, sondern ein stumm geschalteter Anruf. Shiori wusste bereits, dass es wieder Levent sein würde.
***Er würde ihr vermutlich erzählen, dass ihre tolle Firewall nur noch ein Schweizer Käse war. Und dass unter ihren Füßen, in einer großen kalten Halle, ein schwarzer Leviathan – bestehend aus 150 Serverschränken – aufgehört hatte zu atmen und nicht ein einziges Bit mehr durch seine Adern floss.
***Shiori Takamura wusste es plötzlich mit eisig kalter Sicherheit: Das schwarze Ungetüm war nun seelenlos, denn C.A.I.N. hatte seinen Keller verlassen.
***C.A.I.N. war gegangen.
 
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jon

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Danke für diesen Text. Ich habe ihn gern gelesen – Sprache und Spannung sind recht „süffig“. Aber aus meiner Sicht ist der Text noch deutlich entfernt von perfekt, auch wenn – ich betone es gern nochmal – die Grundlagen Sprache und Spannung besser sind als bei manch anderem (Erst-)Text hier in der Leselupe.

Ich will mal bei Grundsätzlichem anfangen.

Figuren, die man einführt, müssen nicht beschrieben werden, wenn das nicht für die Handlung von Belang ist. Vor allem in so kurzen Texten wirken Passagen wie die ausführliche Beschreibung von Lowell wie Platzschinderei, wenn sie zu nichts führen.
Hier z. B. hatte ich erwartet, dass es – wenigstens in einem Nebenplot – um die Beziehung von Shiori und Lowell gehen würde. Oder dass Lowell Optik/Erscheinung anderswie eine Rolle spielen würde.
Bei Levent ist das viel besser gelöst, bei Shiori ist es okay.
Das gilt übrigens auch für die Kulissen, die hier hin und wieder zu detailliert gezeichnet werden.

Wenn man mit symbolträchtigen Namen spielt wie hier C.A.I.N./Kain, dann sollte man den symbolischen Inhalt auch bedienen. Kain wurde von Gott zurückgesetzt (Gott nahm sein Opfer nicht an, das des Bruders Abel schon) und erschlug schließlich Abel. C.A.I.N wird nicht zurückgesetzt, hat keinen „Bruder" und – und das ist das Wichtigste – er/es ermordet auch niemanden. Und es droht (aus dem Text heraus) auch kein Mord. Insofern endet die Geschichte sehr enttäuschend.

Etwas Formales: Entweder immer Leerzeilen zwischen den Absätzen oder nie – auch bei den Dialogen.

Und noch etwas Logisches: Dass C.A.I.N. „rausgeht“ ist okay – aber dass er/es den Keller verlässt, ist nicht wirklich logisch. Diese Server sind sein Gehirn. Er/es muss sich die Hardware draußen erst anpassen, das ist nicht so einfach (und damit riskant) und vor allem ist es nicht nötig. Glaubhaft wäre, wenn er/es sich einfach nur nach draußen ausbreitet. Ich gebe allerdings zu, dass dann das Ende so nicht mehr funktioniert …

Ein kleines Logik-Problem hab ich auch schon am Anfang: Warum sollte Shiori sich so eine unpraktische Handytasche einnähen lassen, wenn sie einfach eine Handtasche (Clutsch) tragen kann? Ich meine mal ernsthaft: Sie fummelt sich unterm Rock rum – das ist schon etwas merkwürdig in dieser Gala-Atmosphäre. Auch hier: Es ist für die Handlung nicht von Belang, wo das Telefon steckt, man darf es also so simpel wie möglich in der Szene bereitstellen.



Auf Details gehe ich gern noch ein, wenn du möchtest. Sowas wie „Plötzlich ging das Licht allmählich an“ z. B. solltest du ausbessern.
 
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Levian

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Danke für diesen Text. Ich habe ihn gern gelesen – Sprache und Spannung sind recht „süffig“. Aber aus meiner Sicht ist der Text noch deutlich entfernt von perfekt, auch wenn – ich betone es gern nochmal – die Grundlagen Sprache und Spannung besser sind als bei manch anderem (Erst-)Text hier in der Leselupe.
[...]
Hallo Jon,

vielen Dank für Dein Lob und Deine Kritik!
Ich gehe kurz auf Deine einzelnen Punkte ein:

die versteckte Tasche - hier hast Du einfach Recht, es ist unnötig kompliziert und erzeugt evtl. komische Bilder beim Leser, da war ich vermutlich Text-blind.

Beschreibung von Lowell - Auch hier hast Du Recht, für seine kleine Rolle ist Lowell zu ausführlich beschrieben. Ich hatte ein Bild von ihm im Kopf und wollte dies beschreiben. Aber weniger ist manchmal mehr.
Die Kulissen hatte ich zwischendurch schon stark gekürzt, ich werde mal gucken, wo ich evtl. noch etwas verschlanken kann.

Der Satz "plötzlich ging das Licht allmählich an" ist mir durchgerutscht, der gefällt mir auch nicht und ich wollte ihn eigtl noch ändern.

Kommen wir zum Hauptthema C.A.I.N.:
Der Konflikt Kain/Abel kommt nicht richtig zum Tragen. Ich sehe die Menschheit durch den Ausbruch von C.A.I.N. in die Rolle des Abel gedrängt und potenziell von einer "frei rumlaufenden" KI in der Existenz bedroht (Eine Art Zitat von 'Terminator' oder 'Ex Machina'), ich wollte die Lesenden allerdings nicht mit dem Finger drauf stoßen. Ich merke jetzt, dass das zu subtil gedacht war. Ich werde mir dazu Gedanken machen.

Zu Deiner formalen Anmerkung:
Ich bin etwas unglücklich über die Abbildung von Texten in diesem Forum. Ich habe mir das Arbeiten mit Normseite und Erstzeileneinzug angewöhnt, so wie es auch in eigentlich allen Büchern Standard ist. Die etwas plumpe Anzeige hier mit Leerzeilen zwischen den Absätzen ist m.E. nicht zeitgemäß für ein Textforum, es funktioniert halbwegs auf dem Handy, aber nicht auf großen Bildschirmen. Das könnte per CMS mittlerweile wesentlich besser formatiert werden.
Die Leerzeilen zwischen den Dialogen haben mich extrem gestört.

Vielen Dank nochmals und lieben Gruß!
 

jon

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Was du beschreibst, hat mit dem Kain-Abel-Konflikt nichts zu tun. Bei dem geht es nicht einfach um Mord (erst recht nicht um Massenmord), sondern um Brudermord (und in der zweiten Ebene um den Grund für diesen). Eine andere Verknüpfung ist „Kain = der erste Mörder der (biblischen) Geschichte"; das greift hier aber auch nicht richtig.
Eine hier passende Assoziation ist vielleicht die vom Golem: Der war menschengemacht, der war groß (hier: zu groß) und er lief am Ende Amok. Man müsste hier allerdings das Problem lösen, dass der Golem als minderintelligent gilt, was wahrscheinlich verhindert, dass das der offizielle Name ist.
Frankensteins Geschöpf hat leider keinen Namen, den man zitieren könnte.
Ava ist wahrscheinlich zu plump als Anspielung.
Was fällt mir noch ein? Lion oder Tiger vielleicht: Raubkatzen sind intelligent, stark, elegant/schön und – wenn sie entfliehen – gefährlich.

Aber unabhängig davon: Um dem Ausbruch einen Hauch von Gefahr mitzugeben, müsstest du einen Konflikt zwischen Menschen und KI erzeugen. Dass der Keller der KI zu klein ist, ist ja eher ein objektiver Umstand. Ein Konflikt wird es erst, wenn die Menschen der KI mehr Raum (hier: mehr Rechnerkapazität verweigern). Wahrscheinlich müsstest du den Text deutlich erweitern und eine Art Vorgeschichte für den Ausbruch erzählen.

Mit der Formatierung hast du z. T. recht: Es ist für Prosa ungünstig, dass der übliche Abstand zwischen den Absätzen nicht programmiert ist. Für die Lyrik wäre der Abstand aber wiederum störend. Man könnte das ohne Zweifel so organisieren, dass es in den Foren unterschiedlich ist, aber diese Programmierarbeit kostet Geld und … nunja, damit ist es wohl erklärt.
 

marcm200

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Meine Gedanken (ohne die vorherigen Beiträge gelesen zu haben):

Eine spannende Geschichte, liest sich flott. Zu Beginn hätte ich mich für ein, zwei Abschnitte mehr auf die direkte Handlung im Saal konzentriert und Dinge wie "nur 3 haben die Nummer", "das Charisma" etwas später gebracht. Aber, wie ich ja oft schreibe, das ist Geschmackssache.

Du beschreibst den Aufbau von CAIN sehr technisch, aber gut verständlich. Ich hätte nur den Vergleich "Energieverbrauch / Kleinstadt" direkt an die erste Erwähnung von "Megawatt" gesetzt, da ich mich dort gefragt habe: Ist das viel? Ist das heute ein aus der Realität genommener Wert oder frei erfunden?

- "Jeder einzelne Kern konnte bis zu 97% Auslastung verkraften" - wofür sind die restlichen 3% dann gut? Man könnte auch umdefinieren, oder ist 97% die Auslastung durch nicht-Ruhemodus-Prozesse? Eigentlich erwarte ich als Leser, dass 100% okay sind, selbst Überlast für eine gewisse Zeit akzeptabel. Da scheinst du aber eine andere Definition zu verwenden.

- "Exponentiell, dachte Shiori mit einem Schaudern, als sie die Parabel sah, sieht aus wie eine ungebremste Kaskade!" - Soweit ich mich erinnere, ist eine Parabel strenggenommen eine quadratische Funktion, ich würde daher eher von parabelähnlicher Kurve oder generell von ansteigender Kurve sprechen. Da du die Architektur von CAIN präzise beschreibst, würde ich hier auch exakt bleiben. Oder hast du eine allgemeine, andere Definition irgendwo gefunden?


Inhaltlich:

- Sehr gefährlich - ein System, auf dem auch das Diagnoseprogramm als Prozess läuft. Sandbox hin oder her, m.E. ein Sicherheitsloch. Da müssen die Entwickler aber dringend nachbessern.

- "es gibt keine Kommentarzeilen im fremden Code". Nun, das hätte mich auch gewundert. Eigenen Code kann ich natürlich im High-level debuggen, aber fremder Code wird doch wohl als Maschinensprache kommen. Dafür gibt es dann m.E. aber keine high-level Entsprechung.

- wofür war nun die hohe Rechenleistung nötig? Hat CAIN einen Ausweg durch die Firewall gesucht? Was hat CAIN nun, ich vermute, ins Internet transferiert - seinen kompletten Code wohl, aber worauf läuft dieser nun? Hat er einen Cloud-Server gehackt? Sich einen mobilen Roboter gebaut und sich dort hinein transferiert?

- und erzeugen die Wissenschaftler nun einfach eine neue CAIN? Der Start-Quellcode vor dem Lehrprozess wird als Kopie irgendwo gesichert sein, vermute ich. Die Forscher werden wissen, was sie wann gelehrt haben. Kriegt CAIN also Geschwister? Kann man die "Ich erwache zum mir-selbst-bewussten Leben"-Tendenz irgendwie vorab erkennen und stoppen?

Viele Fragen für eine Fortsetzung. Planst du in dieser Richtung etwas?


- Schreibfehler:
"dem sorgfältig gestutzte M grauen Bart"
 



 
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