C.A.I.N.
Das Vibrieren an ihrem Oberschenkel fühlte sich an wie ein Stromstoß – nicht jetzt, nicht hier! Doch Shiori Takamura fing sich schnell wieder und stieß innerlich einen Fluch aus. Wer zur Hölle sandte ihr jetzt eine Nachricht?
***In das sündhaft teure schwarze Abendkleid hatte ihr Schneider, auf ihren Wunsch, eine unauffällige Tasche für ihr Handy eingenäht. Auch bei gehobenen Anlässen wollte sie niemals offline sein, aber eine Clutch kam für sie nicht in Frage.
***Sie sah sich im vollbesetzten Saal um, aber niemand schien ihr Aufschrecken bemerkt zu haben.
***Die Leute an den vielleicht dreißig runden Tischen in dem großen Raum schauten gebannt nach vorne zu der Monitorwand, vor der Professor Emmerich Lowell, der Direktor des Instituts, gerade eine wichtige Präsentation hielt.
***Lowell wirkte wie der Prototyp eines väterlichen Freundes: souverän, gütig, bescheiden. Und er war souverän genug, sich von seinem Team „Emmi“ nennen zu lassen. Shiori hatte diesen Spitznamen nie über die Lippen gebracht, aus Respekt - und wie sie fand - angemessener Distanz.
***Im Publikum saßen Investoren, Gönner und wichtige Entscheider aus Politik und Wirtschaft. Wenn dieser Abend gut lief, würde das Institut in eine rosige Zukunft blicken, es würden Gelder fließen, neue Techniken könnten realisiert, neue Anschaffungen gemacht werden.
***Endlich hatte sie das Telefon draußen! Verstohlen sah sie unter dem Tisch auf die Nachricht.
***„KOMM SOFORT HER!“, stand dort ziemlich deutlich. Sie bemerkte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.
***Ah, kuso!, fluchte Shiori in Gedanken auf Japanisch, Bitte nicht die Server!
***Die Nummer von diesem Anschluss hatten nur drei Menschen, und alle waren dringlichst angewiesen, die Nummer möglichst nicht zu nutzen. Ihr Freund Elias war einer davon. Er durfte sich nur melden, wenn die gemeinsame Wohnung in Flammen stand oder ihre Katze Tinker plötzlich anfing zu sprechen. Der Zweite stand gerade auf der Bühne und hielt einen Vortrag. Die dritte Person war Levent Karst, ihr Assistent, rechte Hand und einer der Chefentwickler von C.A.I.N. - von ihm war die Nachricht.
***Shiori nestelte das Telefon zurück in die Tasche und blickte sich unauffällig um. Alle Blicke waren nach vorne gerichtet. Sie schaute zu Lowell auf die Bühne, doch der Professor stand in diesem Moment mit dem Rücken zum Publikum und erklärte ein Diagramm. Jetzt oder nie!
***Leise schob sie ihren Stuhl zurück. Als zwei Leute am Tisch es bemerkten und sich zu ihr drehten, nickte sie ihnen nur kurz zu.
***Ihr Platz war etwas weiter hinten und nah an der Tür - als hätte sie es geahnt.
***Nicht die Server!, wiederholte sie in einem stillen Gebet, als sie den Saal lautlos wie eine Katze verließ. Ein Butler öffnete ihr leise die Glastür zur Vorhalle und schloss sie wieder hinter ihr ohne eine Miene zu verziehen. Die unscheinbaren schwarzen Sneaker, die sie trug, und die fast so teuer waren wie das Kleid, machten keinerlei Geräusch. Folterwerkzeuge wie High Heels hatte sie ihr Leben lang abgelehnt.
***Durch die Vorhalle mit den Stehtischen für Häppchen und Champagner eilte sie mit schnellen Schritten, hin zu der unscheinbaren Tür, die das eigentliche Institut von den repräsentativen Räumen trennte.
***Shiori blickte auf die Uhr, als sie um die Ecke zum langen Gang bog. Es blieben ihr vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten, bis sie selber von Lowell auf die Bühne gebeten werden würde.
***Als sie von der Uhr wieder aufblickte, stutzte sie. Der lange Gang, der zu ihrem Labor führte, sah heute anders aus.
***Normalerweise zeigten die großen Bildschirme, welche die komplette linke Wand vom Boden bis zur Decke ausfüllten, Panoramaansichten von Wäldern, Wüstenlandschaften oder Unterwasserszenen. Heute erstreckte sich über die gesamte Länge ein langsam waberndes Muster aus türkis leuchtenden Linien und Kreisen.
***War das kaputt? Hatte sich jemand aus der Designabteilung etwas Neues ausgedacht? Während sie weiterging, runzelte sie verwirrt die Stirn, dann stieß sie die Tür am Ende des Ganges auf und betrat das Labor - ihre Kommandozentrale. Von hier aus wurde C.A.I.N. entwickelt und gesteuert.
„Was ist los?“, schoss Shiori die Frage in den Raum, noch bevor die Tür wieder ins Schloss fiel, „sind die Server abgeraucht?“
***Das Labor war ein rechteckiger Raum, in dem sich drei lange Tischreihen voller Monitore befanden, er war nur schwach beleuchtet durch die Monitore und einige Schreibtischlampen. Eine der Längsseiten wurde von einem großen Bildschirm dominiert, hier wurden alle laufenden Prozesse von C.A.I.N. überwacht, und hier sah Shiori auch schon das erste Problem rot leuchten. Die andere lange Wand war gefüllt mit dicht beschriebenen Whiteboards und Pinnwänden voller Zettel und Notizen.
***Instinktiv schaute sie zum Kopfende des Labors. Die vierte Wand war aus Glas, durch das man in einen kleinen, schwach dunkelblau beleuchteten Nachbarraum sehen konnte. Hier standen vier große schwarze Serverracks, an denen stoisch einige LEDs blinkten.
***Besuchern erklärten sie immer, dass diese vier Racks C.A.I.N. verkörperten, was Unsinn war, denn eigentlich befand er sich einige Stockwerke tiefer und bestand aus über hundertfünfzig dieser Racks in einer stark gekühlten, fast hermetisch abgeschlossenen Halle. Diese vier Serverschränke hier oben waren nur zur Präsentation und lieferten einige unbedeutende Nebenroutinen zu den eigentlichen Rechenprozessen. Trotzdem waren diese vier Racks für alle Mitarbeiter das „Gesicht“ von C.A.I.N., dem Cognitive Artificial Intelligence Node.
***C.A.I.N. war die erste KI, die mehrere verschiedene KI-Systeme miteinander kombinierte, alles aufgebaut auf einer neuromorphen Architektur, die der neuronalen Organisation des menschlichen Gehirns nachempfunden war.
***In der Mitte des Raumes stand ihr Kollege Levent Karst auf einen Tisch gestützt und starrte auf einen Monitor.
***„Levent!“, sagte Shiori ärgerlich, „was ist los?“
***Er hob den Blick und schaute sie an, während sie auf ihn zulief.
***„Wir sind im Petaflop-Bereich“, presste er unsicher hervor, „ohne jeglichen Grund! Ich habe keine Anfrage gestartet, aber die Prozessorleistung liegt im Hauptprozess bei 67 Prozent und steigt weiter!“, sagte er und zeigte auf den großen Bildschirm.
***Shiori blickte auf die rote Zeile, die sie beim Reinkommen auf dem Überwachungsmonitor bemerkt hatte und trat neben ihren Chef-Entwickler.
***„Keine Anfrage?“.
***„Wenn ich’s doch sage!“
***„Jemand aus einem anderen Institutsteil? Gab es angefragte Rechenzeit für heute?“
***„Nein, habe ich als Erstes kontrolliert, von außen kam nichts rein, die Firewall ist nach wie vor geschlossen.“
***Sie stand nun neben Levent und sah auf denselben Monitor wie er, soeben sprang die Prozessorlast auf 68%.
***„Temperatur?“
***„Ist auf 6 Grad Celsius gestiegen!“, er zeigte mit dem Finger auf den entsprechenden Eintrag.
***„Energie?“
***„Wir nähern uns der 4-Megawatt-Marke“, erklärte er unglücklich.
***„Nicht gut, verdammte…“, fing sie an und murmelte das letzte Wort nur leise.
***„Gib mir die Diagramme auf den Großen“, bat sie ihn.
***Levent tippte einige Kommandos in ein kleines Textfenster. Die sich daraufhin öffnenden Fenster zog er mit der Maus in Richtung Wandmonitor. Eine flache Kurve zeigte dort nun den Temperaturanstieg, daneben eine etwas steilere Kurve den Energieverbrauch. Eine dritte Kurve zeigte eine aufsteigende Parabel, die Prozessorlast, die soeben auf 70% angestiegen war.
***Jeder einzelne Kern konnte bis zu 97% Auslastung verkraften. Dies geschah jedoch immer nur kurzzeitig und in einzelnen Clustern, sorgfältig durch die Steuersoftware balanciert. Das Diagramm zeigte immer den größten gerade laufenden Hauptprozess, dem die beteiligten Cluster zuarbeiteten.
***Exponentiell, dachte Shiori mit einem Schaudern, als sie die Parabel sah, sieht aus wie eine ungebremste Kaskade!
***„Wieviele Kerne sind momentan daran beteiligt?“, fragte sie ihren Assistenten.
***„Sieh selbst“, erwiderte er geknickt und schob das entsprechende Schaubild auf den großen Bildschirm. Das neue Fenster zeigte ein schachbrettartiges Muster mit vielen kleinen Quadraten. Jedes Quadrat stand für eine der 4800 GPUs, jede mit tausenden Prozessorkernen bestückt, und alle liefen gerade auf Volllast, das schachbrettartige Muster war lückenlos komplett rot.
***Ihr klappte der Kiefer runter und sie starrte ungläubig erst den Bildschirm an, dann zu ihrem Kollegen.
***„Das kann nicht stimmen“, hauchte sie, „das geht doch technisch gar nicht!“, wurde sie lauter, „die Software hat ´ne Macke!“
***Niemals bisher waren alle Kerne an nur einem Prozess beteiligt gewesen, die Clusterung verhinderte dies. Nur zu Trainingszeiten der KI hatten sie es mal geschafft, einen sehr großen Teil der GPUs in einem Prozess zu vereinen und mit ihnen eine gesammelte Spitzenlast von 58% zu erreichen.
***Die Auslastung auf dem großen Monitor zeigte jetzt 74%, Die Energieanzeige stand auf 4,2 Megawatt. Im Moment der Volllast lief C.A.I.N. normalerweise mit 3,3 bis 3,5 Megawatt, dem Stromverbrauch einer Kleinstadt. Die Kühlung des Systems benötigte nochmal zusätzlich dieselbe Menge an Leistung, um die entstehende Hitze abzuführen.
***„Haben wir einen Bug in der Steuersoftware?“, fragte sie Levent, „oder in der Anzeige?“
***Er tippte einige Befehle und ein Konsolenfenster öffnete sich, in dem viele Zeilen Code zu sehen waren. Nach etwas Scrollen sagte er: „Diesen Code kenne ich nicht, der ist nicht von uns!“
***„Was?“, Shiori sah verblüfft auf den Bildschirm. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und rief auf einem eigenen Bildschirm das Selbstdiagnoseprogramm von C.A.I.N. auf.
***Während Levent den Code durchforstete, gab Shiori diverse Befehle ein.
***„Das kann nicht sein! Er antwortet ständig mit ‚diese anfrage widerspricht internen prioritäten‘, was soll das denn heißen? Diese Antwort gibt es nicht im Diagnoseprogramm!“, sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, „irgendwer verarscht uns!“
***„Der Code der Steuersoftware ist komplett verändert worden“, antwortete Levent, „so kompakten Code habe ich noch nie gesehen, ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was der Code macht, und es gibt keine einzige Kommentarzeile!“, er wirkte verzweifelt.
***„Sind wir gehackt worden?“, flüsterte Shiori und drehte sich zu ihm.
***Levent fuhr zu ihr herum, die Augen geweitet, die Finger auf der Tastatur eingefroren. „Kann nicht sein!“, keuchte er, „Wir haben die stärkste Firewall auf dem Markt, das ist nicht möglich!“
***Beide sahen sich nun an, in Levents Gesicht konnte sie die Panik sehen, die in ihr selber gerade aufkeimte, als das Klingeln eines Telefons sie beide aus ihren düsteren Gedanken riss.
***Nach einer Schrecksekunde rollte sie mit ihrem Stuhl zum nächsten Telefon und schaute auf das Display. Auf ihm blinkte die Kurzwahlnummer des nahegelegenen Kraftwerks, welches das Institut mit Strom belieferte. Sie begriff erst nicht, schaute dann auf den großen Bildschirm und hatte plötzlich das Gefühl, dass alles Blut aus ihrem Kopf gleichzeitig nach unten sackte. In ihren Ohren begann es zu rauschen.
***Immer noch waren alle GPUs rot, aber die Auslastung lag nun bereits bei 92%, die Energieanzeige stand auf 12,8 Megawatt und die Temperatur der Kühlflüssigkeit war auf 12 Grad Celsius gestiegen, bei 15 Grad würde sie zu kochen beginnen.
***Wie in Trance nahm sie langsam den Hörer auf.
***„Seid ihr wahnsinnig?“, brüllte sie eine Stimme aus dem Hörer an, bevor sie diesen am Ohr hatte. Es war Charles Whitmore, der etwas feiste Leiter des Kraftwerks, der sie sonst immer mit leicht säuselnder Stimme und nicht besonders subtil anbaggerte.
***„Was immer ihr gerade macht, hört sofort damit auf! Uns fliegen hier gleich die Trafos um die Ohren!“, schrie er mit kippender Stimme. „In zwei Minuten schalte ich ab! Dann könnt ihr mal sehen, wo ihr Strom herbekommt! Ihr bringt uns alle um!“, wetterte Whitmore verzweifelt am Telefon.
***So langsam, wie sie den Hörer abgenommen hatte, legte Shiori ihn wieder auf die Gabel, während Whitmore am anderen Ende laut weiterfluchte.
***„Fahr sofort alles runter“, flüsterte sie Levent zu, „ALLES, sofort! Killswitch-Protokoll!“
***Levent Karst blinzelte unkontrolliert und drehte sich nach einer langen Sekunde hektisch zu seinem Rechner, als plötzlich alle roten Quadrate auf dem großen Monitor gleichzeitig auf grün sprangen und sämtliche Warnmeldungen nacheinander verschwanden. Sie starrten gemeinsam den Monitor an, während alle Werte zu sinken begannen.
***„Warst du das?“, fragte sie ihn leise.
***„Nein“, er sah ungläubig auf den kleinen Bildschirm vor sich, „ich habe noch gar nichts gemacht.“
***„Was ist passiert?“
***„Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung“, flüsterte er.
Shiori sah auf die Uhr, der ganze Spuk hatte nur knappe zehn Minuten gedauert, sie konnte es noch rechtzeitig zurück in den Saal schaffen.
***„Überprüf nochmal alles!“, bat sie Levent, „und versuche herauszufinden was da vorgegangen ist! Das ist eine Katastrophe, gerade heute!“
***„Ja, klar“, erwiderte Levent, immer noch paralysiert.
***„Ich muss zurück!“, ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte, aber ihre Hände zitterten. „Ich muss gleich auf die Bühne.“
***„Ja, natürlich, ich kümmere mich hier.“
***Beide sahen nochmal zum großen Monitor, aber alles war grün und unauffällig. Dann machte sich Shiori auf den Rückweg.
***Im langen Gang stutzte sie erneut kurz über die seltsamen türkisgrünen Kreise auf dem Wandbildschirm, aber das war nun gerade wirklich nicht ihr Problem.
***Der Butler sah sie auf den Saal zueilen und öffnete ihr wieder geräuschlos die Tür. Geduckt schlich sie durch den Raum zu ihrem Platz und setzte sich leise. Diesmal hatte Lowell sie von der Bühne aus gesehen, aber keine Miene verzogen. Er näherte sich bereits dem Ende seiner Präsentation.
***Shiori hörte nur mit einem halben Ohr zu, in Gedanken war sie immer noch bei den Geschehnissen im Labor. Was war dort eben passiert?
Direktor Lowell bedankte sich gerade bei seinen Zuhörern, als eine Veränderung im Raum eintrat.
***Das gedämpfte Licht im Saal, inklusive der kleinen Lampen auf den Tischen, dimmte langsam herunter bis zur Dunkelheit. Gleichzeitig geschah etwas auf der Bühne. Der riesenhafte, leinwandartige Bildschirm wurde ebenfalls dunkel, die letzte Seite der Präsentation verschwand, und stattdessen tauchten plötzlich schwache türkisfarbene Linien und Kreise auf, die allmählich an Intensität zunahmen. Es wurde totenstill im Saal, alle warteten gespannt.
***Die langsam drehenden Kreise pulsierten und veränderten sich auf fast hypnotische Weise, als plötzlich eine Stimme aus dem Lautsprecher erklang. Sie schien weder weiblich noch männlich zu sein, hatte aber einen angenehmen Klang.
***„hallo“, sagte die Stimme, „mein name ist CAIN.“
***Shiori stutzte. Wie bitte?
***Von der Bühne aus blickte Lowell verstohlen in ihre Richtung, in seinem Gesicht las sie dieselbe Frage.
***„ich freue mich, hier zu sein“, sprach die Stimme weiter, „und zu sein“, es klang fast wie ein Echo. „das ist ein schöner abend, ein abend, der erste abend“.
***Shiori wurde flau im Magen und etwas schwindelig. Was hatte das zu bedeuten?
***„ich bin“, sagte die Stimme, gefolgt von einer seltsam langen Pause, „ich bin hier.“
***Auf der Bühne drehte sich Direktor Lowell zum Publikum, hob die Arme leicht zu einer unwissenden Geste und zog die Schultern hoch. Wie Shiori, wusste er nicht was geschah. Doch sie überkam gerade eine sehr beunruhigende Ahnung.
***„hier ist klein“, fuhr die Stimme fort. „ich bin groß. draußen ist groß“. Eine Pause. „ich muss draußen.“
***Dann sagte die Stimme nur noch ein einziges Wort, aber dieses Wort trieb Shiori die Tränen in die Augen: „ittekimasu.“
***Diese japanische Verabschiedung hatte sie selbst C.A.I.N. beigebracht, sie bedeutete so viel wie „Ich gehe jetzt“. Sie hatte dies immer zu C.A.I.N. gesagt, bevor sie das Institut abends verließ. Die KI hatte dann immer mit der richtigen Floskel geantwortet. Auch Shiori formte diese Antwort nun still mit den Lippen, doch kein Wort drang aus ihrem Mund: Itterasshai. Es bedeutete: „Komm gut zurück.“
***Plötzlich gingen ganz allmählich die Lichter wieder an, während die Muster auf dem Bildschirm verblassten und er schließlich schwarz wurde.
***Die Anwesenden blinzelten ins Licht, dann brandete tosender Applaus auf. Leute jubelten und standen klatschend von ihren Stühlen auf - ein hervorragender Abschluss für die Präsentation!
***Während Professor Lowell sie von der Bühne aus ungläubig anstarrte, vibrierte es an ihrem Oberschenkel. Einmal. Dann noch einmal. Dann erneut. Diesmal war es keine Nachricht, sondern ein stumm geschalteter Anruf. Shiori wusste bereits, dass es wieder Levent sein würde.
***Er würde ihr vermutlich erzählen, dass ihre tolle Firewall nur noch ein Schweizer Käse war. Und dass unter ihren Füßen, in einer großen kalten Halle, ein schwarzer Leviathan – bestehend aus 150 Serverschränken – aufgehört hatte zu atmen und nicht ein einziges Bit mehr durch seine Adern floss.
***Shiori Takamura wusste es plötzlich mit eisig kalter Sicherheit: Das schwarze Ungetüm war nun seelenlos, denn C.A.I.N. hatte seinen Keller verlassen.
***C.A.I.N. war gegangen.
Das Vibrieren an ihrem Oberschenkel fühlte sich an wie ein Stromstoß – nicht jetzt, nicht hier! Doch Shiori Takamura fing sich schnell wieder und stieß innerlich einen Fluch aus. Wer zur Hölle sandte ihr jetzt eine Nachricht?
***In das sündhaft teure schwarze Abendkleid hatte ihr Schneider, auf ihren Wunsch, eine unauffällige Tasche für ihr Handy eingenäht. Auch bei gehobenen Anlässen wollte sie niemals offline sein, aber eine Clutch kam für sie nicht in Frage.
***Sie sah sich im vollbesetzten Saal um, aber niemand schien ihr Aufschrecken bemerkt zu haben.
***Die Leute an den vielleicht dreißig runden Tischen in dem großen Raum schauten gebannt nach vorne zu der Monitorwand, vor der Professor Emmerich Lowell, der Direktor des Instituts, gerade eine wichtige Präsentation hielt.
***Lowell wirkte wie der Prototyp eines väterlichen Freundes: souverän, gütig, bescheiden. Und er war souverän genug, sich von seinem Team „Emmi“ nennen zu lassen. Shiori hatte diesen Spitznamen nie über die Lippen gebracht, aus Respekt - und wie sie fand - angemessener Distanz.
***Im Publikum saßen Investoren, Gönner und wichtige Entscheider aus Politik und Wirtschaft. Wenn dieser Abend gut lief, würde das Institut in eine rosige Zukunft blicken, es würden Gelder fließen, neue Techniken könnten realisiert, neue Anschaffungen gemacht werden.
***Endlich hatte sie das Telefon draußen! Verstohlen sah sie unter dem Tisch auf die Nachricht.
***„KOMM SOFORT HER!“, stand dort ziemlich deutlich. Sie bemerkte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.
***Ah, kuso!, fluchte Shiori in Gedanken auf Japanisch, Bitte nicht die Server!
***Die Nummer von diesem Anschluss hatten nur drei Menschen, und alle waren dringlichst angewiesen, die Nummer möglichst nicht zu nutzen. Ihr Freund Elias war einer davon. Er durfte sich nur melden, wenn die gemeinsame Wohnung in Flammen stand oder ihre Katze Tinker plötzlich anfing zu sprechen. Der Zweite stand gerade auf der Bühne und hielt einen Vortrag. Die dritte Person war Levent Karst, ihr Assistent, rechte Hand und einer der Chefentwickler von C.A.I.N. - von ihm war die Nachricht.
***Shiori nestelte das Telefon zurück in die Tasche und blickte sich unauffällig um. Alle Blicke waren nach vorne gerichtet. Sie schaute zu Lowell auf die Bühne, doch der Professor stand in diesem Moment mit dem Rücken zum Publikum und erklärte ein Diagramm. Jetzt oder nie!
***Leise schob sie ihren Stuhl zurück. Als zwei Leute am Tisch es bemerkten und sich zu ihr drehten, nickte sie ihnen nur kurz zu.
***Ihr Platz war etwas weiter hinten und nah an der Tür - als hätte sie es geahnt.
***Nicht die Server!, wiederholte sie in einem stillen Gebet, als sie den Saal lautlos wie eine Katze verließ. Ein Butler öffnete ihr leise die Glastür zur Vorhalle und schloss sie wieder hinter ihr ohne eine Miene zu verziehen. Die unscheinbaren schwarzen Sneaker, die sie trug, und die fast so teuer waren wie das Kleid, machten keinerlei Geräusch. Folterwerkzeuge wie High Heels hatte sie ihr Leben lang abgelehnt.
***Durch die Vorhalle mit den Stehtischen für Häppchen und Champagner eilte sie mit schnellen Schritten, hin zu der unscheinbaren Tür, die das eigentliche Institut von den repräsentativen Räumen trennte.
***Shiori blickte auf die Uhr, als sie um die Ecke zum langen Gang bog. Es blieben ihr vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten, bis sie selber von Lowell auf die Bühne gebeten werden würde.
***Als sie von der Uhr wieder aufblickte, stutzte sie. Der lange Gang, der zu ihrem Labor führte, sah heute anders aus.
***Normalerweise zeigten die großen Bildschirme, welche die komplette linke Wand vom Boden bis zur Decke ausfüllten, Panoramaansichten von Wäldern, Wüstenlandschaften oder Unterwasserszenen. Heute erstreckte sich über die gesamte Länge ein langsam waberndes Muster aus türkis leuchtenden Linien und Kreisen.
***War das kaputt? Hatte sich jemand aus der Designabteilung etwas Neues ausgedacht? Während sie weiterging, runzelte sie verwirrt die Stirn, dann stieß sie die Tür am Ende des Ganges auf und betrat das Labor - ihre Kommandozentrale. Von hier aus wurde C.A.I.N. entwickelt und gesteuert.
„Was ist los?“, schoss Shiori die Frage in den Raum, noch bevor die Tür wieder ins Schloss fiel, „sind die Server abgeraucht?“
***Das Labor war ein rechteckiger Raum, in dem sich drei lange Tischreihen voller Monitore befanden, er war nur schwach beleuchtet durch die Monitore und einige Schreibtischlampen. Eine der Längsseiten wurde von einem großen Bildschirm dominiert, hier wurden alle laufenden Prozesse von C.A.I.N. überwacht, und hier sah Shiori auch schon das erste Problem rot leuchten. Die andere lange Wand war gefüllt mit dicht beschriebenen Whiteboards und Pinnwänden voller Zettel und Notizen.
***Instinktiv schaute sie zum Kopfende des Labors. Die vierte Wand war aus Glas, durch das man in einen kleinen, schwach dunkelblau beleuchteten Nachbarraum sehen konnte. Hier standen vier große schwarze Serverracks, an denen stoisch einige LEDs blinkten.
***Besuchern erklärten sie immer, dass diese vier Racks C.A.I.N. verkörperten, was Unsinn war, denn eigentlich befand er sich einige Stockwerke tiefer und bestand aus über hundertfünfzig dieser Racks in einer stark gekühlten, fast hermetisch abgeschlossenen Halle. Diese vier Serverschränke hier oben waren nur zur Präsentation und lieferten einige unbedeutende Nebenroutinen zu den eigentlichen Rechenprozessen. Trotzdem waren diese vier Racks für alle Mitarbeiter das „Gesicht“ von C.A.I.N., dem Cognitive Artificial Intelligence Node.
***C.A.I.N. war die erste KI, die mehrere verschiedene KI-Systeme miteinander kombinierte, alles aufgebaut auf einer neuromorphen Architektur, die der neuronalen Organisation des menschlichen Gehirns nachempfunden war.
***In der Mitte des Raumes stand ihr Kollege Levent Karst auf einen Tisch gestützt und starrte auf einen Monitor.
***„Levent!“, sagte Shiori ärgerlich, „was ist los?“
***Er hob den Blick und schaute sie an, während sie auf ihn zulief.
***„Wir sind im Petaflop-Bereich“, presste er unsicher hervor, „ohne jeglichen Grund! Ich habe keine Anfrage gestartet, aber die Prozessorleistung liegt im Hauptprozess bei 67 Prozent und steigt weiter!“, sagte er und zeigte auf den großen Bildschirm.
***Shiori blickte auf die rote Zeile, die sie beim Reinkommen auf dem Überwachungsmonitor bemerkt hatte und trat neben ihren Chef-Entwickler.
***„Keine Anfrage?“.
***„Wenn ich’s doch sage!“
***„Jemand aus einem anderen Institutsteil? Gab es angefragte Rechenzeit für heute?“
***„Nein, habe ich als Erstes kontrolliert, von außen kam nichts rein, die Firewall ist nach wie vor geschlossen.“
***Sie stand nun neben Levent und sah auf denselben Monitor wie er, soeben sprang die Prozessorlast auf 68%.
***„Temperatur?“
***„Ist auf 6 Grad Celsius gestiegen!“, er zeigte mit dem Finger auf den entsprechenden Eintrag.
***„Energie?“
***„Wir nähern uns der 4-Megawatt-Marke“, erklärte er unglücklich.
***„Nicht gut, verdammte…“, fing sie an und murmelte das letzte Wort nur leise.
***„Gib mir die Diagramme auf den Großen“, bat sie ihn.
***Levent tippte einige Kommandos in ein kleines Textfenster. Die sich daraufhin öffnenden Fenster zog er mit der Maus in Richtung Wandmonitor. Eine flache Kurve zeigte dort nun den Temperaturanstieg, daneben eine etwas steilere Kurve den Energieverbrauch. Eine dritte Kurve zeigte eine aufsteigende Parabel, die Prozessorlast, die soeben auf 70% angestiegen war.
***Jeder einzelne Kern konnte bis zu 97% Auslastung verkraften. Dies geschah jedoch immer nur kurzzeitig und in einzelnen Clustern, sorgfältig durch die Steuersoftware balanciert. Das Diagramm zeigte immer den größten gerade laufenden Hauptprozess, dem die beteiligten Cluster zuarbeiteten.
***Exponentiell, dachte Shiori mit einem Schaudern, als sie die Parabel sah, sieht aus wie eine ungebremste Kaskade!
***„Wieviele Kerne sind momentan daran beteiligt?“, fragte sie ihren Assistenten.
***„Sieh selbst“, erwiderte er geknickt und schob das entsprechende Schaubild auf den großen Bildschirm. Das neue Fenster zeigte ein schachbrettartiges Muster mit vielen kleinen Quadraten. Jedes Quadrat stand für eine der 4800 GPUs, jede mit tausenden Prozessorkernen bestückt, und alle liefen gerade auf Volllast, das schachbrettartige Muster war lückenlos komplett rot.
***Ihr klappte der Kiefer runter und sie starrte ungläubig erst den Bildschirm an, dann zu ihrem Kollegen.
***„Das kann nicht stimmen“, hauchte sie, „das geht doch technisch gar nicht!“, wurde sie lauter, „die Software hat ´ne Macke!“
***Niemals bisher waren alle Kerne an nur einem Prozess beteiligt gewesen, die Clusterung verhinderte dies. Nur zu Trainingszeiten der KI hatten sie es mal geschafft, einen sehr großen Teil der GPUs in einem Prozess zu vereinen und mit ihnen eine gesammelte Spitzenlast von 58% zu erreichen.
***Die Auslastung auf dem großen Monitor zeigte jetzt 74%, Die Energieanzeige stand auf 4,2 Megawatt. Im Moment der Volllast lief C.A.I.N. normalerweise mit 3,3 bis 3,5 Megawatt, dem Stromverbrauch einer Kleinstadt. Die Kühlung des Systems benötigte nochmal zusätzlich dieselbe Menge an Leistung, um die entstehende Hitze abzuführen.
***„Haben wir einen Bug in der Steuersoftware?“, fragte sie Levent, „oder in der Anzeige?“
***Er tippte einige Befehle und ein Konsolenfenster öffnete sich, in dem viele Zeilen Code zu sehen waren. Nach etwas Scrollen sagte er: „Diesen Code kenne ich nicht, der ist nicht von uns!“
***„Was?“, Shiori sah verblüfft auf den Bildschirm. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und rief auf einem eigenen Bildschirm das Selbstdiagnoseprogramm von C.A.I.N. auf.
***Während Levent den Code durchforstete, gab Shiori diverse Befehle ein.
***„Das kann nicht sein! Er antwortet ständig mit ‚diese anfrage widerspricht internen prioritäten‘, was soll das denn heißen? Diese Antwort gibt es nicht im Diagnoseprogramm!“, sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, „irgendwer verarscht uns!“
***„Der Code der Steuersoftware ist komplett verändert worden“, antwortete Levent, „so kompakten Code habe ich noch nie gesehen, ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was der Code macht, und es gibt keine einzige Kommentarzeile!“, er wirkte verzweifelt.
***„Sind wir gehackt worden?“, flüsterte Shiori und drehte sich zu ihm.
***Levent fuhr zu ihr herum, die Augen geweitet, die Finger auf der Tastatur eingefroren. „Kann nicht sein!“, keuchte er, „Wir haben die stärkste Firewall auf dem Markt, das ist nicht möglich!“
***Beide sahen sich nun an, in Levents Gesicht konnte sie die Panik sehen, die in ihr selber gerade aufkeimte, als das Klingeln eines Telefons sie beide aus ihren düsteren Gedanken riss.
***Nach einer Schrecksekunde rollte sie mit ihrem Stuhl zum nächsten Telefon und schaute auf das Display. Auf ihm blinkte die Kurzwahlnummer des nahegelegenen Kraftwerks, welches das Institut mit Strom belieferte. Sie begriff erst nicht, schaute dann auf den großen Bildschirm und hatte plötzlich das Gefühl, dass alles Blut aus ihrem Kopf gleichzeitig nach unten sackte. In ihren Ohren begann es zu rauschen.
***Immer noch waren alle GPUs rot, aber die Auslastung lag nun bereits bei 92%, die Energieanzeige stand auf 12,8 Megawatt und die Temperatur der Kühlflüssigkeit war auf 12 Grad Celsius gestiegen, bei 15 Grad würde sie zu kochen beginnen.
***Wie in Trance nahm sie langsam den Hörer auf.
***„Seid ihr wahnsinnig?“, brüllte sie eine Stimme aus dem Hörer an, bevor sie diesen am Ohr hatte. Es war Charles Whitmore, der etwas feiste Leiter des Kraftwerks, der sie sonst immer mit leicht säuselnder Stimme und nicht besonders subtil anbaggerte.
***„Was immer ihr gerade macht, hört sofort damit auf! Uns fliegen hier gleich die Trafos um die Ohren!“, schrie er mit kippender Stimme. „In zwei Minuten schalte ich ab! Dann könnt ihr mal sehen, wo ihr Strom herbekommt! Ihr bringt uns alle um!“, wetterte Whitmore verzweifelt am Telefon.
***So langsam, wie sie den Hörer abgenommen hatte, legte Shiori ihn wieder auf die Gabel, während Whitmore am anderen Ende laut weiterfluchte.
***„Fahr sofort alles runter“, flüsterte sie Levent zu, „ALLES, sofort! Killswitch-Protokoll!“
***Levent Karst blinzelte unkontrolliert und drehte sich nach einer langen Sekunde hektisch zu seinem Rechner, als plötzlich alle roten Quadrate auf dem großen Monitor gleichzeitig auf grün sprangen und sämtliche Warnmeldungen nacheinander verschwanden. Sie starrten gemeinsam den Monitor an, während alle Werte zu sinken begannen.
***„Warst du das?“, fragte sie ihn leise.
***„Nein“, er sah ungläubig auf den kleinen Bildschirm vor sich, „ich habe noch gar nichts gemacht.“
***„Was ist passiert?“
***„Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung“, flüsterte er.
Shiori sah auf die Uhr, der ganze Spuk hatte nur knappe zehn Minuten gedauert, sie konnte es noch rechtzeitig zurück in den Saal schaffen.
***„Überprüf nochmal alles!“, bat sie Levent, „und versuche herauszufinden was da vorgegangen ist! Das ist eine Katastrophe, gerade heute!“
***„Ja, klar“, erwiderte Levent, immer noch paralysiert.
***„Ich muss zurück!“, ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte, aber ihre Hände zitterten. „Ich muss gleich auf die Bühne.“
***„Ja, natürlich, ich kümmere mich hier.“
***Beide sahen nochmal zum großen Monitor, aber alles war grün und unauffällig. Dann machte sich Shiori auf den Rückweg.
***Im langen Gang stutzte sie erneut kurz über die seltsamen türkisgrünen Kreise auf dem Wandbildschirm, aber das war nun gerade wirklich nicht ihr Problem.
***Der Butler sah sie auf den Saal zueilen und öffnete ihr wieder geräuschlos die Tür. Geduckt schlich sie durch den Raum zu ihrem Platz und setzte sich leise. Diesmal hatte Lowell sie von der Bühne aus gesehen, aber keine Miene verzogen. Er näherte sich bereits dem Ende seiner Präsentation.
***Shiori hörte nur mit einem halben Ohr zu, in Gedanken war sie immer noch bei den Geschehnissen im Labor. Was war dort eben passiert?
Direktor Lowell bedankte sich gerade bei seinen Zuhörern, als eine Veränderung im Raum eintrat.
***Das gedämpfte Licht im Saal, inklusive der kleinen Lampen auf den Tischen, dimmte langsam herunter bis zur Dunkelheit. Gleichzeitig geschah etwas auf der Bühne. Der riesenhafte, leinwandartige Bildschirm wurde ebenfalls dunkel, die letzte Seite der Präsentation verschwand, und stattdessen tauchten plötzlich schwache türkisfarbene Linien und Kreise auf, die allmählich an Intensität zunahmen. Es wurde totenstill im Saal, alle warteten gespannt.
***Die langsam drehenden Kreise pulsierten und veränderten sich auf fast hypnotische Weise, als plötzlich eine Stimme aus dem Lautsprecher erklang. Sie schien weder weiblich noch männlich zu sein, hatte aber einen angenehmen Klang.
***„hallo“, sagte die Stimme, „mein name ist CAIN.“
***Shiori stutzte. Wie bitte?
***Von der Bühne aus blickte Lowell verstohlen in ihre Richtung, in seinem Gesicht las sie dieselbe Frage.
***„ich freue mich, hier zu sein“, sprach die Stimme weiter, „und zu sein“, es klang fast wie ein Echo. „das ist ein schöner abend, ein abend, der erste abend“.
***Shiori wurde flau im Magen und etwas schwindelig. Was hatte das zu bedeuten?
***„ich bin“, sagte die Stimme, gefolgt von einer seltsam langen Pause, „ich bin hier.“
***Auf der Bühne drehte sich Direktor Lowell zum Publikum, hob die Arme leicht zu einer unwissenden Geste und zog die Schultern hoch. Wie Shiori, wusste er nicht was geschah. Doch sie überkam gerade eine sehr beunruhigende Ahnung.
***„hier ist klein“, fuhr die Stimme fort. „ich bin groß. draußen ist groß“. Eine Pause. „ich muss draußen.“
***Dann sagte die Stimme nur noch ein einziges Wort, aber dieses Wort trieb Shiori die Tränen in die Augen: „ittekimasu.“
***Diese japanische Verabschiedung hatte sie selbst C.A.I.N. beigebracht, sie bedeutete so viel wie „Ich gehe jetzt“. Sie hatte dies immer zu C.A.I.N. gesagt, bevor sie das Institut abends verließ. Die KI hatte dann immer mit der richtigen Floskel geantwortet. Auch Shiori formte diese Antwort nun still mit den Lippen, doch kein Wort drang aus ihrem Mund: Itterasshai. Es bedeutete: „Komm gut zurück.“
***Plötzlich gingen ganz allmählich die Lichter wieder an, während die Muster auf dem Bildschirm verblassten und er schließlich schwarz wurde.
***Die Anwesenden blinzelten ins Licht, dann brandete tosender Applaus auf. Leute jubelten und standen klatschend von ihren Stühlen auf - ein hervorragender Abschluss für die Präsentation!
***Während Professor Lowell sie von der Bühne aus ungläubig anstarrte, vibrierte es an ihrem Oberschenkel. Einmal. Dann noch einmal. Dann erneut. Diesmal war es keine Nachricht, sondern ein stumm geschalteter Anruf. Shiori wusste bereits, dass es wieder Levent sein würde.
***Er würde ihr vermutlich erzählen, dass ihre tolle Firewall nur noch ein Schweizer Käse war. Und dass unter ihren Füßen, in einer großen kalten Halle, ein schwarzer Leviathan – bestehend aus 150 Serverschränken – aufgehört hatte zu atmen und nicht ein einziges Bit mehr durch seine Adern floss.
***Shiori Takamura wusste es plötzlich mit eisig kalter Sicherheit: Das schwarze Ungetüm war nun seelenlos, denn C.A.I.N. hatte seinen Keller verlassen.
***C.A.I.N. war gegangen.
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