Champagner

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Das Grün der Champagnerflasche klirrte und klimperte, wankte und zappelte wie ein ans Ufer gespülter Fisch zwischen den Gitterstäben der Kanalisation. Es war ein guter Jahrgang, '44, fruchtig-herb, platinblonde Blasen tauchten vom unteren Ansatz auf und prickelten in einem sanften Rhythmus auf der Oberfläche; er war ein Exempel für die Exotik, den Stil und die Leidenschaft, die man einer Frau ins Glas schenkte und die sie in sich vermachte. Geschwungene Formen, wie die eines Fuchsschweifs, zierten die Kronleuchter über ihren Köpfen in dem brillantesten Perlmutt und poliertes Gold funkelte im Kerzenschein. Die Wände schmückten sich in Kleidern voller farbenfroher Engelsfresken, die nur von der Schlichtheit, dem seidigen Himmelblau ihres Outfits übertroffen wurden.
An solchen Rendezvous übersprangen sie den Hauptgang und kamen gleich zum Nachttisch, ihren Ehering verbarg sie in einem Moment der Unachtsamkeit in ihrem Dekolleté. Er stülpte ihr seinen Mantel über die Schultern, sie verließen das Lokal und betraten eine regenreiche Nacht. Allen Vergänglichkeiten des Barocks treu, nahm er den Champagner mit sich mit; ein Gentleman weiß seine Geheimnisse stets zu pflegen.

Nun zwängte sich der Flaschenhals durch den kalten, rostigen Stahl hinunter zu den Ratten. Sie floss im trostlosen, aber auch leicht bunten vom Ölfilm überzogenem Wasser, verfolgt von den schwarzen, Nadelkopf großen Augen der grauen Biester. Sie krochen und quiekten, schlichen sich hinterrücks an ihre Genossen an, nur um sich ein Stück verdrecktes Brot herauszureißen. Etwas im Bauch des smaragdgrünen Glases zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, und sie reckten und streckten ihre kleinen Klauen nach dem Weinkorken, der die Flasche über Wasser hielt. Sie trampelten aufeinander herum, stapelten sich und wenn man es mit eigenen Augen nicht sah, mag man meinen, die zerfransten Wollknäuel können sich nicht zu einer Flutwelle auftürmen. Das Bemühen einer der dicksten auf einem Rohr über dem Kanalfluss ihren pigmentierten, rosa Schwanz als Angel zu nutzen, war ebenfalls erfolglos. Als die Champagnerflasche das Ende der städtischen Tropfsteinhöhle verließ und unter einer kleinen Brücke auftauchte, knirschten, quiekten und fauchten die Ratten in ihrer grässlichsten Gossensprache.

An einem Steg verfing sich der Flaschenhals an einem Stofffetzen, das wie an einer Kette gebunden ums Holz befestigt war. Stieg der Wasserspiegel an, verschwand es gänzlich unter die Oberfläche und taumelte wie Seetang im Strom. Die Bretter vibrierten in einem Adagio, und dann baumelten zwei Beine vom Rande herunter. Hin und her.
Die Statik des Wassers wurde durch den dauerhaften Beschuss aus dem Himmel zerbrochen, wie tausende Hammerschläge auf Glasscheiben. Das Augenblau einer jungen blonden Schönheit traf auf den Smaragd der Flasche. Das Glas beschlug in ihrer Atemwolke. Sie zerschellte die Flasche am Holz des Stegs ...
Im Scherbenmeer erkannte sie es sofort ... Das perverse, entsetzliche Werk des Pac-Mans: Der Lavendelnagellack war abgefärbt, Schmutz und Blut befanden sich unter ihm und das Gold des Ringes schimmerte, trotz der Dunkelheit, die herrschte. Der Finger deutete genau auf ihre Stirnfläche, die die Form von Traktorspuren auf Maisfeldern annahm. Die Bretter vibrierten erneut, nun jedoch in einem Prestissimo und auf einer Brücke, nicht weit gelegen, glomm der orangefarbener Tabak einer Zigarette. Der Rauch quoll heraus und stieg auf, zwängte sich irgendwie durch die Regentropfen hindurch, und er verschwand.
 



 
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