Hinweis: Die Serie spielt hauptsächlich in den 1960ern in Kanada.
Klappentext:
Charlotte muss gleich mehrere Fälle bearbeiten. Ein Klient beauftragt sie, seinen verschwundenen Bruder zu suchen. Ein Verkehrsunfall weckt ihr Interesse, und im Laufe der Ermittlungen gerät sie in eine brenzlige Situation. Und dann braucht auch noch Phil wieder ihre Hilfe bei einem Auftrag, der nicht nur sein Leben bedroht. Die Ereignisse wecken Erinnerungen an ihre Jugend.
„Okay, Annabelle“, gab Charlotte sofort ihre Zustimmung. „Das übernehme ich.“
„Super. In einer Stunde im Büro. Besprechungszimmer ist reserviert.“ Ihre Stimme wurde ernst. „Und, Charlotte, vielleicht erzählst du mir irgendwann einmal, warum dich solche Fälle besonders interessieren.“
„Ja, vielleicht. - Danke für den Anruf“, erwiderte Charlotte, verabschiedete sich von ihrer Kollegin und legte den Hörer auf die Gabel.
Sie nahm den Mantel von der Garderobe und fuhr mit ihrem Wagen zum Bürohochhaus in der Clermont Street. Das schmucklose Gebäude ragte ein Dutzend Stockwerke in den Himmel. Viele kleine Firmen hatten dort Räumlichkeiten angemietet. Charlotte ließ sich mit dem Lift in die 11. Etage hinaufbringen und wandte sich nach links zu einer großen Glastür, an der auf einem mattschwarzen Schild silbern glänzend die Buchstaben ‚PIAV‘ prangten. Sie betrat den Vorraum. Hinter einem breiten Tresen saß die Empfangsdame.
„Guten Morgen, Mrs Miller“, grüßte Charlotte.
„Miss Bernstedt, hallo. Sie haben Zimmer 4. Ihr Klient wartet bereits auf Sie.“
Charlotte dankte und ging den hellgestrichenen Flur hinunter, an dessen Wänden Poster hingen, welche die Skylines verschiedener Metropolen der Welt zeigten.
Seit sie vor zwei Jahren der Vereinigung der Privatdetektive in Vancouver beigetreten war, konnte sie deren Räumlichkeiten, die über die ganze Stadt verteilt waren, nutzen. Auch die anderen Services des Dienstleisters auf steuerlichem und verwaltungstechnischem Gebiet sowie Schreib- und Dokumentationsarbeiten nahm Charlotte häufig in Anspruch, um sich voll auf den eigentlichen Auftrag eines Klienten konzentrieren zu können.
Sie öffnete die letzte Tür auf der linken Seite und betrat das hellerleuchtete Besprechungszimmer. Ein Konferenztisch mit sechs Stühlen und ein paar Kakteen in den Zimmerecken waren die einzigen Einrichtungsgegenstände. Auf dem Tisch standen Erfrischungsgetränke. Gegenüber der Tür saß ein Mann in den Dreißigern im dunkelgrauen Anzug. Eine schmale Aktentasche lag neben einem Glas, das mit Mineralwasser gefüllt war. Der Klient blickte auf, als die Freelancerin eintrat.
„Guten Morgen, Mr Mahoney“, begrüßte Charlotte den dunkelhaarigen Mann, der nun aufstand und ihr die Hand schüttelte.
Charlotte setzte sich ihm gegenüber. „Was genau kann ich für Sie tun?“
„Mein Bruder ist verschwunden. Wir waren gestern zum Dinner verabredet, aber er ist nicht erschienen. Telefonisch konnte ich ihn nicht erreichen. Auch nicht heute früh.“
Charlotte holte ihren Block heraus und notierte Stichworte. „Ist dieses Verhalten so ungewöhnlich? Vielleicht hat er die Verabredung einfach nur vergessen.“
„Nein, es ist sehr ungewöhnlich für Rick. Wissen Sie, seit unsere Eltern gestorben sind - Rick war damals 13, ich ein Jahr älter - sind wir unzertrennlich. Wir wuchsen bei unseren Großeltern auf. Verabredungen halten wir immer ein. Und wenn etwas dazwischen kommt, verständigen wir uns gegenseitig. Deswegen mache ich mir bereits jetzt Sorgen um ihn.“
„Waren Sie schon bei der Polizei?“
„Ja. Man hat die Hospitäler überprüft. Aber erfolglos. Mehr wurde nicht getan. Es hieß, Rick sei erwachsen, und es lägen keine Hinweise auf ein Verbrechen vor.“
Charlotte goss sich einen Orangensaft ein und trank einen Schluck.
Robert Mahoney öffnete die Aktentasche und entnahm ihr ein Photo, das zwei lachende Männer an einem Strand zeigte. Im Hintergrund ragten Palmen in die Höhe. „Das war während unseres Urlaubs im letzten Jahr. Links, das ist Rick.“
Charlotte nahm das Bild entgegen. „Haben Sie einen bestimmten Verdacht, was mit Ihrem Bruder geschehen sein könnte?“
Mahoney schüttelte den Kopf.
„Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen oder gesprochen? Hat er sich irgendwie anders verhalten als sonst?“
„Das ist drei Tage her. Er kam etwas zu spät, da er Zeuge bei einem Unfall war. Wir aßen zu Mittag und sprachen über alles Mögliche. Rick war vergnügt wie immer in der letzten Zeit.“
Charlotte horchte auf. „Können Sie mir mehr über diesen Unfall erzählen?“
„Ich weiß nur, dass Rick an der Ecke Landon Boulevard/Rivertown Street einen Verkehrsunfall beobachtet hat. Ein Passant, der über die Straße ging, wurde fast angefahren, als ein Auto bei Rot über die Kreuzung fuhr und mit quietschenden Reifen verschwand. Einer der Ladenbesitzer an der Ecke verständigte die Polizei, und Rick machte, wie auch andere Zeugen, seine Aussage. - Glauben Sie, dass dies etwas mit seinem Verschwinden zu tun hat?“
„Möglich. Mehr wissen Sie nicht darüber?“
Mahoney verneinte.
„Was macht Ihr Bruder beruflich?“
Robert Mahoney zuckte die Achseln. „Seit Rick vor einem Jahr seinen Job in einem Autohaus gekündigt hat, tut er, was seinen Beruf angeht, sehr geheimnisvoll. Ich weiß nicht, wo er arbeitet. Aber es muss etwas Einträgliches sein, denn Geldprobleme hat er keine.“
Charlotte stellte noch weitere Routinefragen, um sich ein erstes Bild von Rick Mahoney zu machen. Ihr Klient hatte in der Wohnung seines Bruders nach dem Rechten gesehen, aber nichts Ungewöhnliches bemerkt.
Sie erhielt die Adresse von Rick Mahoney sowie Roberts Ersatzschlüssel zur Wohnung seines Bruders. „Ich werde mich darum kümmern, Mr Mahoney.“ Sie brachte den Klienten zum Ausgang und verabschiedete ihn.
Charlottes Gesicht war hart geworden. Wie so oft bei Fällen dieser Art wollten ihre Gedanken in die Vergangenheit wandern.
Diesmal ließ sie es zu.
***
Rückblende
8 Jahre zuvor, Spätsommer 1959
Gatineau, Québec, Kanada
Die unverwechselbare Kulisse des Jahrmarkts war schon von Weitem zu hören und zu sehen. Musik vermischte sich mit dem Kreischen der Menschen auf den Fahrgeschäften. Überall blitzten farbige Lampen auf.
Über Charlottes Gesicht glitt ein Lächeln. Sie mochte die lebendige Atmosphäre des Jahrmarkts. Es gab so viel zu sehen, zu hören, zu riechen und auszuprobieren. Sie freute sich riesig auf den Abend mit ihrer besten Freundin Kylie, die sie seit deren Umzug im Vorjahr nach Ende der Elementary School nur noch selten sah. Aber sie schrieben sich oft und telefonierten regelmäßig. Nun aber würde Charlotte eine ganze Woche bei Kylie wohnen. Sie würden wieder viel Spaß, so wie früher, haben, dessen war sich Charlotte sicher.
Charlottes Schritt war beschwingt an diesem recht warmen Spätsommerabend. Ihr knielanges gelbes Sommerkleid mit den weißen Punkten flatterte im leichten Wind. „Wir fahren mit allem, ja?“
Kylie nickte ergeben. „Sicher. Solange wir Lust dazu haben, uns das Geld nicht ausgeht, und Pete mit seinen Kumpels uns nicht irgendwo anders hinschleppen will. Er weiß, wo heute ein paar coole Partys laufen. Aber zuerst...“
Sie unterbrach sich, winkte heftig in Richtung des Eingangs der ‚Big Summer Fair‘ und rief laut: „Pete! Hi!“ Dann lief sie zu ihrem Freund. Stürmisch schlang Kylie die Arme um seinen Hals und küsste ihn lange.
Charlotte kam langsam näher. Sie lächelte leicht verlegen und blieb zunächst im Hintergrund.
„Pete, das ist Char, meine allerbeste Freundin seit dem Kindergarten“, stellte Kylie vor, nachdem sie sich von ihrem Freund gelöst hatte.
„Hi, Pete“, grüßte Charlotte.
„Hi, Charlotte“, erwiderte der junge Mann, beugte sich nach vorne und küsste Charlotte zur Begrüßung auf beide Wangen. „Die hübsche Schwarzhaarige, von der mir Kylie schon viel erzählt hat.“
Charlotte schoss das Blut ins Gesicht. Sie war es nicht gewohnt, dass ihr Jungs, wenn auch hier nur aus Höflichkeit, solche Aufmerksamkeit und Komplimente schenkten. Nervös nestelte sie an ihrem roten Haarreif, der die langen schwarzen Haare nach hinten bändigte.
„Wollen wir?“, fragte Pete, und die beiden Mädchen nickten.
Kylie griff ihren Freund bei der Hand, Charlotte ging auf Kylies andere Seite, und so schlenderten die drei langsam über das vordere Jahrmarktgelände. Sie schauten sich zuerst einmal alles an. Als Pete kurz verschwand, um für alle Cotton Candy zu kaufen, flüsterte Charlotte ihrer Freundin ins Ohr: „Der ist ja ein richtiger ‚bad boy‘ mit seiner Lederjacke und den zerzausten Haaren.“
Die 16‑jährige grinste. „Ist er. Mit Pete kann man eine Menge Spaß haben.“
„Was sagen deine Eltern zu ihm?“
Über Kylies Gesicht glitt ein Schatten. „Die mögen ihn nicht sonderlich. Er sei kein guter Umgang für mich, meint meine Mom.“
Charlotte trat einen Schritt zurück und zog Kylie mit sich, da eine größere Gruppe von Besuchern an ihnen vorbeiwollte. „Ist er schon 18?“
„Fast. Nächsten Monat. Aber...“ Sie senkte ihre Stimme noch weiter. „Das ist kein Problem. Wir kommen schon in die Clubs rein, in die wir wollen.“
Als die Mädchen sahen, dass Pete zurückkam, wechselten sie rasch das Thema. Pete reichte jedem eine rosafarbene Zuckerwattestange. Sein wissendes Lächeln verriet ihnen, dass er wohl gehört haben musste, wie sie über ihn sprachen.
„Wie ist es so in der Kleinstadt Oakville?“, fragte Pete.
„Weitläufiger als in der noch kleineren Stadt Gatineau“, gab Charlotte schlagfertig zurück. „Wie ist es, in einer Ministadt zu leben und direkt über dem Fluss...“
Kylie unterbrach sie und setzte den Satz fort: „...da hinten eine Großstadt mit pulsierendem Leben vor der Nase zu haben? Unerreichbar für einen.“
Wie auf ein Kommando prusteten die Freundinnen los. Sie hatten schon früher oft die Sätze der anderen vervollständigt. Charlotte freute sich ungemein, dass die Vertrautheit zu Kylie, seit sie am Vortag angekommen war, nun doch schneller zurückkehrte als befürchtet. Für einen Moment legte sie den Arm um Kylies Schultern und drückte ihre beste Freundin an sich.
Charlotte biss vom Cotton Candy ab. Ein Stück Zuckerwatte blieb an ihrem Mundwinkel kleben. Bevor sie es wegwischen konnte, spürte Charlotte schon Petes Finger an ihrer Wange. Er zupfte das klebrige Zeug vorsichtig ab, zögerte einen Moment, als wüsste er nicht, was er damit tun sollte, und wischte die Finger dann an seiner Jacke ab. Verblüfft blickte Charlotte den jungen Mann an, doch dieser lächelte nur unschuldig. Charlotte schaute zu ihrer Freundin, doch Kylie hatte nichts bemerkt, da sie gerade auf die Tanzplattform achtete, an der sie vorbeigingen. Die Combo spielte schnellen Rock 'n' Roll.
„Kommt!“, sagte Kylie und zog Pete die Stufen hinauf.
Charlotte folgte. Während Kylie und ihr Freund einen wilden Paartanz aufführten, bewegte Charlotte sich leicht unbeholfen alleine im Rhythmus der Musik. Ein wenig Eifersucht kam auf, denn früher waren Kylie und sie alleine unterwegs gewesen und hatten die Welt unsicher gemacht. Und nun war da Pete, der Eindringling. Doch sie schalt sich sofort für diesen Gedanken. Das war schlicht unfair Kylie gegenüber.
Außer Atem kam das Paar nach zwei Songs, die sie quer über die Tanzfläche gewirbelt hatten, zu Charlotte zurück.
„Darf ich bitten?“, fragte Pete und hielt Charlotte formvollendet die Hand hin. Charlotte blickte fragend zu Kylie, und als diese nickte, nahm sie Petes Hand und ließ sich in die Mitte des Tanzpodestes führen. Ihre Bewegungen zur Musik wurden flüssiger, jetzt, da sie jemanden hatte, auf den sie sich einstellen konnte. Die nächsten Minuten konzentrierte sie sich nur auf die Musik und Petes Führung. Sie tanzte ausgelassen. Ihre Haare wirbelten in der Luft, und das Kleid flatterte. Charlotte machte es riesigen Spaß.
Das erste Lied verklang, und die Combo stimmte nun zur Abwechslung einen langsamen Blues-Song an. Charlotte wollte schon zurück zum Podestrand gehen, als sie plötzlich Petes Arme um ihren Hals spürte. Der Junge zog sie näher zu sich. Automatisch und ohne nachzudenken legte Charlotte ihre Hände an seine Hüfte. Es dauerte eine Sekunde, bis sie realisierte, was sie da gerade getan hatte. Sofort ließ sie Pete los und wand sich aus seiner Umarmung.
Sie lief zu Kylie. „Sorry! Das wollte ich nicht“, sagte sie leise. Die Freundin schaute böse, ihre Augen blitzten wütend. Sie erwiderte nichts, sondern ging mit großen Schritten zu ihrem Freund, schlang die Arme um seinen Hals und ging auf Tuchfühlung.
Charlotte wäre am liebsten im Erdboden versunken.
Ich Esel!, dachte sie wütend auf sich selbst. Aber warum will dieser Pete auch einen Slow Dance mit mir machen?!
Nach drei weiteren Liedern, während derer Charlotte nur am Rand stand und den Tanzenden zuschaute, kamen Kylie und Pete zurück. Ihre Gesichter glänzten vor Anstrengung, und Schweiß stand ihnen auf der Stirn. Aber beide lächelten. Kylie hakte sich bei ihrer Freundin unter. Der kleine Moment des unausgesprochenen Streits schien vergessen. Charlotte atmete innerlich auf.
Die drei gingen weiter.
„Die Geisterbahn!“, kreischte Charlotte vergnügt und deutete auf die gruselige, grüne Gestalt über dem dunklen Eingang. Ein dämonisches Lachen ertönte aus dem Innern des Fahrgeschäfts.
„Aber schrei nicht wieder so laut wie beim letzten Mal“, erinnerte Kylie sie grinsend.
„Klar werde ich das!“, rief Charlotte. „Darum geht es doch. Es ist einfach so herrlich gruselig.“
Sie konnten gerade noch einen Wagen ergattern, bevor die Fahrt auch schon losging. Die Soundeffekte oder das erratische Licht gruselten Charlotte nicht weiter. Dafür war sie schon zu oft in einer Geisterbahn gewesen, das konnte sie ausblenden. Nur eines nicht, und deshalb saß sie angespannt und verkrampft, aber voller Vorfreude, am rechten Rand des Wagens, direkt neben Pete, der zwischen den Mädchen Platz genommen hatte. Charlotte hatte die Hände vor die Augen gelegt, linste aber immer wieder durch die leicht gespreizten Finger nach vorne.
Sie wartete auf die gruseligen Berührungen in der Geisterbahn.
Und da kam die erste. Eine Gummihand - oder was immer es auch sonst war - streifte ihre Schulter. Charlotte quiekte laut auf. Sie schüttelte sich und berührte das Ding gleich noch einmal. Tief atmete sie durch. Ihr Herz raste.
Es war herrlich!
Als der Wagen um die Biegung rollte, folgte das nasse Gefühl dünner Fäden in ihrem Gesicht. Charlotte schrie auf, als habe sie Todesangst. Wild wischte sie mit beiden Händen über ihr Gesicht.
„Wie vor 10 Jahren in der Kindergeisterbahn“, rief Kylie. „Damals bist du schon auf die gleiche Art gefahren. Und seitdem immer, wenn wir das gemacht haben.“
Charlotte nickte, zuckte aber, noch bevor sie antworten konnte, zusammen, als sie etwas Schleimiges, Nasses am Hals traf. Das Ding sprang weg, hinterließ aber ein ekliges Gefühl. Charlotte wedelte wie wild mit den Händen an ihrem Hals herum. Mit dem Stoff des Kleids versuchte sie, das Zeug auf ihrer Haut zu entfernen.
Pete lachte, legte einen Arm um jedes der Mädchen und zog diese an sich, als es um die nächste Biegung ging. Nun durchquerten sie eine Art Dunst. Feiner Sprühnebel, der immer kälter wurde, legte sich auf die Haut - und dann kam eine warme Hand, die sich anfühlte wie nasses Brot.
Nicht nur Charlotte schrie diesmal auf. Auch Kylie schüttelte sich vor Ekel und versuchte mit den Fingern, alles von sich zu zupfen oder zu wischen, was die Geisterbahn auf sie abgefeuert hatte. Dann lachten alle drei vor Vergnügen.
Wenig später war die Fahrt auch schon zuende, und der Wagen schoss in die Nacht hinaus ins Freie. Es war bereits nach 22 Uhr. Endlich kam der Zug zum Stillstand. Kylie klappte den Sicherungsbügel nach vorne und stieg nach links aus. Pete folgte. Charlotte rutschte zur Ausstiegsseite und stand auf. Aber sie war, wie immer nach einer solchen Fahrt mit gewolltem Schrecken, ein wenig wackelig auf den Beinen. Sie stieg aus dem Wagen, knickte um und fiel nach vorne.
Pete fing sie auf, indem er ihre Hüfte umschlang. Charlottes Kopf prallte an seine Brust, und sie legte die Hände auf seine Schultern, um sich hochzuziehen.
„Danke“, sagte sie und ließ den jungen Mann los. Doch Pete behielt weiter Körperkontakt, bis Kylie ihm den Arm wegzog.
Charlotte blickte verlegen zu Boden.
„Das war klasse, Girls“, sagte Pete und wollte Kylie einen Kuss auf die Stirn geben. Doch diese drehte sich weg.
„Wollen wir rüber auf die untere Hälfte?“, schlug Charlotte vor, um die peinliche Stille zu überbrücken.
„Klar“, meinte Pete. „Wir können da ein paar Leute treffen. Und für später habe ich noch eine Überraschung für euch Süßen.“
Doch Kylie sagte eisig: „Nein, ich will nach Hause.“
Überrascht blickte Charlotte die Freundin an. „Was? Jetzt schon? Früher sind wir doch immer mindestens einmal über den ganzen Jahrmarkt gelaufen. Egal, wie lange es gedauert hat.“
Mit böse funkelnden Augen erwiderte Kylie: „Früher, ja. Da war manches anders.“
Charlottes Gesicht drückte Unverständnis aus.
„Also, Charlotte, fahren wir.“ Sie drehte sich zur Seite. „Pete, wir sehen uns morgen. Wenn du dann noch ansprechbar bist.“
Auch Pete schaute verblüfft, zuckte dann aber mit den Achseln und beugte sich nach vorne, um Kylie einen Abschiedskuss zu geben. Diese ignorierte ihn erneut und ging einfach davon.
Charlotte folgte ihr und zog sie am Arm. „Heh, Kyls, was ist los? Warum der abrupte Aufbruch“
Kylie riss sich los und setzte ihren Weg wortlos fort. Charlotte blieb neben ihr und redete unablässig auf die Freundin ein. Doch Kylie schwieg eisern.
„Dann halt nicht“, sagte Charlotte schließlich, als sie in den Wagen eingestiegen und Kylie losgefahren war.
Langsam rollte das Auto vom Parkplatz. Charlotte schaltete das Radio ein. Leise Musik drang aus den Lautsprechern. Es hatte angefangen zu regnen, und die Wischerblätter huschten quietschend über die Windschutzscheibe.
Der Wagen brauste über die Landstraße. Zu beiden Seiten der Fahrbahn erstreckte sich Wald.
Charlotte kurbelte den Beifahrersitz ein wenig in die Schräge, schloss die Augen und hing ihren Gedanken nach. Kylie würde sich schon beruhigen, was immer sie auch aufgeregt hatte.
In die Stille hinein sagte Kylie plötzlich: „Warum hast du dich an Pete rangemacht? Du weißt doch, dass ich ihn mag.“
Charlotte schrak hoch. „Bitte, was?“, fragte sie völlig überrascht zurück.
„Du hast schon richtig verstanden. Ich kann nichts dafür, dass sich kein Junge für dich interessiert. Also mach nicht meinen Freund an, wenn er aus Höflichkeit nett zu dir ist.“
Die Worte kamen kalt. Sie waren verletzend. Und ein Blick in Kylies Augen, die kurz den Kopf zur Seite gedreht hatte, machte Charlotte klar, dass Kylie es in diesem Moment auch genau so meinte. Sie wollte ihre beste Freundin verletzen.
Charlotte war einen Moment sprachlos. „Das hab ich doch überhaupt nicht! Pete hat mich andauernd angefasst.“
„Du hättest dem ja ausweichen können.“
„Wie denn? Indem ich aus dem Geisterbahnwagen auf den Boden knalle? Wolltest du das?“
„Wäre deine eigene Schuld gewesen. Aber du hast ihn ja schon beim Tanzen auf eine zärtliche Art angefasst, wie es nur mir zusteht.“
„Das war ein Versehen. Ein Reflex. Ich wollte das doch nicht! Und schon gar nicht, wenn du und Pete zusammen seid.“ Sie legte Kylie eine Hand auf den Arm, doch die Freundin schüttelte diese ab. „Das musst du mir glauben, Kyls. Das würde ich nie tun. Wir haben zwar früher alles geteilt. Aber das gilt doch nicht für den Freund!“
„Du und dein ewiges ‚früher‘!“, spuckte Kylie gehässig aus.
„Was meinst du?“
„Du redest andauernd von früher. Aber wir leben nicht mehr im ‚früher‘. Ich habe mich weiterentwickelt, bin erwachsener geworden, habe Erfahrungen gemacht. Du aber scheinbar nicht.“
Die Worte trafen Charlotte noch mehr. Tränen begannen ihr die Wangen herunterzulaufen. „Was soll das, Kyls? Ich hatte mich so auf unser Wiedersehen gefreut. Du nicht? Warum hast du mich dann eingeladen?“
„Ich hatte mich auf Char, meine beste Freundin, gefreut. Aber nicht auf jemanden, der mir meinen Freund streitig machen will. Und das vor meinen Augen. Ohne jegliche Rücksicht. Pete gehört mir, sonst niemandem!“ Die letzten Worte schrie sie fast. Sie klangen wie eine Beschwörung.
Charlotte schniefte. Sie hatte Kylies Unsicherheit bemerkt. „Wenn du so unsicher bist, dass Pete dich liebt, und vermutest, dass er immer auf der Suche nach jemand anderem ist, dann ist er vielleicht nicht der Richtige für dich.“
Wütend ruckte Kylies Kopf herum. Unvermittelt trat sie hart auf die Bremse. Der Wagen schlitterte ein wenig auf der nassen Fahrbahn, kam aber sicher zum Stillstand. Weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen. Der Vollmond schien immer wieder hell zwischen den Wolken. Der Regen hatte zugenommen. Es schüttete nun stark.
„Raus!“, zischte Kylie leise.
„Was?“
„Ich sagte, du sollst aussteigen!“
„Hier? Mitten im Nirgendwo?“ Charlottes Stimme klang schrill.
„Es sind...“, sagte Kylie und blickte auf die Mileageanzeige im Armaturenbrett. Sie rechnete schnell. „...noch etwa fünf Meilen bis zu mir. Das schaffst du zu Fuß. In ein paar Stunden. Und dann erwarte ich eine ernstgemeinte Entschuldigung.“
Ungläubig riss Charlotte die Augen auf. „Das kann nicht dein Ernst sein!“
Kylie zog die Handbremse, legte den Leerlauf ein und stieg aus. Der Motor lief weiter. Das Licht der Scheinwerfer spiegelte sich auf dem Asphalt. Die Wischerblätter rasten über die Scheibe. Durch den strömenden Regen ging Kylie um den Wagen herum und riss die Beifahrertür auf. „Raus!“
Charlotte schüttelte trotzig den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. Doch als Kylie sie unsanft am Oberarm packte und daran zerrte, folgte Charlotte der Bewegung automatisch und stand wenige Sekunden später auf dem kaum einen halben Meter breiten Grünstreifen, der die Fahrbahn auf beiden Seiten von der steilen Böschung, die etwa drei Meter nach unten ging, trennte.
„Kylie! Das kannst du nicht machen! Wenn sich eine Wolke vor den Mond schiebt, ist es stockdunkel. Wie soll ich da den Weg zu dir finden?“
Kylie ging ans Heck des Wagens und öffnete den Kofferraum. Sie kramte ein wenig darin herum und holte eine Stablampe hervor. Diese drückte sie Charlotte in die Hand. „Hier!“, sagte sie, und in dem einen Wort lag pure Verachtung. Sie stieg in den Wagen und fuhr los.
Charlotte blickte dem wegbrausenden Fahrzeug sprachlos nach, bis die Rücklichter in der Ferne verschwanden.
So hatte sie sich das Wiedersehen mit ihrer besten Freundin nicht vorgestellt. Verärgerung stieg in ihr auf.
„Blöde Kuh!“, schimpfte Charlotte laut.
Gut, sie hätte Pete beim Tanzen direkt in seine Schranken weisen sollen, aber das war doch keine Absicht oder gar Planung gewesen. Sie stand noch nicht einmal auf Pete. Ja, er sah nicht schlecht aus, aber das war völlig unerheblich, denn er war Kylies Freund, wenn er dies auch auf andere Art interpretierte als diese.
Charlotte wischte sich das Regenwasser aus dem Gesicht.
„Igitt!“, fluchte sie, als sie die ersten Schritte machte und das nasse Kleid unangenehm an ihrer Haut zerrte, an der es kühl klebte. Und als eine Windböe aufkam, schüttelte es Charlotte. „Das werden ungemütliche Meilen.“
Sie hoffte, dass auch zu dieser Stunde noch der ein oder andere Wagen vorbeikommen und sie mitnehmen würde. Charlotte schaltete die Taschenlampe auf volle Stärke und leuchtete schräg vor sich auf den Boden. Mit großen Schritten ging sie weiter. Doch sie musste vorsichtig sein, denn das Gras war nass und glitschig. Die Sohlen ihrer Schuhe rutschten nicht selten.
Der Grünstreifen wurde schmaler, und schließlich musste Charlotte auf die Fahrbahn ausweichen. Der Regen war unterdessen so stark geworden, dass es keinen Sinn mehr machte, das Wasser aus dem Gesicht zu wischen. Während Charlotte sich durch den kühlen Wind kämpfte, wuchs ihre Wut auf Kylie.
Nein! Ich habe nichts falsch gemacht. Wenn sich jemand entschuldigen muss, dann Kylie.
Plötzlich hörte Charlotte in ihrem Rücken das Geräusch eines Motors. Sie drehte sich um und sah zwei Scheinwerfer auf sich zukommen. Das Fahrzeug schien langsamer zu werden. Man hatte sie offensichtlich gesehen. Charlotte ging so nahe wie möglich an den Fahrbahnrand und winkte mit beiden Armen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Böschung nach unten erschien ihr wie ein schwarzes Loch.
Der Wagen zog etwas zur Fahrbahnmitte.
Warum tut er das?, fragte sich Charlotte. Er kann doch einfach halten.
In diesem Moment tauchten zwei weitere Scheinwerfer direkt hinter dem vorderen Wagen aus dem Dunkel auf und zogen auf die Gegenfahrbahn rüber. Ein Motor heulte auf.
Der will überholen!, schoss es Charlotte durch den Kopf.
Als Reaktion tat der erste Wagen das Falscheste, was er tun konnte. Er zog nach rechts, erhöhte das Tempo, wollte den überholenden Wagen offensichtlich nicht vorbeilassen, und raste nun direkt auf Charlotte zu. Doch das andere Fahrzeug beschleunigte weiter.
Alles ging so schnell, dass Charlotte nicht richtig reagierte. Sie hätte die Böschung hinunterkrabbeln müssen. Stattdessen stand sie weiter am äußersten Rand der Fahrbahn. Der rechte Kotflügel des überholten Wagens touchierte Charlottes rechte Hüfte. Die junge Frau wurde zur Seite gestoßen und fiel die Böschung hinunter. Sie schrie laut auf, kullerte über den nassen Rasen, auf dem Zweige und kleine Steine verstreut lagen. Schmerzerfüllt verzog sie das Gesicht - und prallte dann mit der Stirn an einen dicken Baumstamm. Benommen blieb Charlotte liegen. Sie sah Umrisse und Lichter wie durch dichten Nebel. Die Motorengeräusche kamen durch Watte. Alles wirkte seltsam entrückt, so, als wäre sie kein Teil dieser Welt. Der Regen, der durch das Laubdach der Bäume ein wenig abgemildert wurde, prasselte neben ihr auf die Erde.
Charlotte hörte das Geräusch eines sich entfernenden Wagens und das Quietschen von Bremsen, dann das Schlagen von Autotüren. Es folgten ein paar Stimmen. Satzfetzen, die sie in ihrer Benommenheit noch nicht wirklich verstehen konnte, drangen an ihr Ohr.
„...hab nichts berührt.“
„Doch. Da war... Schlag.“
„Quatsch!“
„Leuchte mal.“
Der Lichtschein einer Taschenlampe glitt über die Böschung und erfasste Charlottes Körper am Fuße der Steigung. Sie lag auf dem Bauch, ein Arm unter dem Oberkörper, der Kopf etwas verdreht am Baumstamm. Das rechte Bein sah unnatürlich gebogen aus. Es schien verletzt.
„Du - die ist hin!“, kreischte eine junge Männerstimme.
„Quatsch. Da, sie regt sich doch. Also, nix wie weg!“, erwiderte eine zweite männliche Stimme lallend.
Wenige Sekunden später brauste der Unfallwagen davon.
Charlottes Verstand benötigte etwas, um die Situation zu begreifen und Sinn in die Worte zu bringen.
Die Erkenntnis, was gerade geschehen war, entsetzte sie. Sie konnte es nicht glauben. Die Kerle hatten sie einfach liegengelassen, obwohl sie doch sehen mussten, dass sie Hilfe brauchte!
Einige Minuten später hatte sich der Nebel um Charlottes Geist vollständig verzogen, und sie vermochte wieder, klar zu denken, zu sehen und zu hören.
Und damit kamen auch die Schmerzen.
Charlotte stöhnte laut auf, als sie den Oberkörper aufrichtete. Ihr rechtes Bein fühlte sich irgendwie... falsch an. Im Schein des Mondlichts, das zwischen den Ästen herunterfiel, tastete sie den Oberschenkel ab. Alles in Ordnung. Aber der Unterschenkel war verletzt. Sie spürte den Bruch, den abstehenden Knochen, deutlich unter der Haut.
Und jetzt?, war ihr einziger Gedanke.
Charlotte war ratlos. Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung liefen ihr über die Wangen. Sie schniefte und wischte sich mit dem nassen Unterarm über das Gesicht, um Gras und Schmutz zu entfernen, so gut es ging. An der Stirn spürte sie etwas Warmes. Blut! Sie tastete vorsichtig, aber es schien nur eine Platzwunde zu sein.
Dann rollte sie sich bedächtig auf den Rücken, schob sich mit zitternden Armen an den Baumstamm heran und lehnte sich daran. Ihr Blick sprang ziellos umher. Ratlosigkeit spiegelte sich auf ihrem Gesicht wider. Ein paar Meter entfernt sah sie die Taschenlampe. Und daneben lag ein dicker Ast.
Da kam ihr der rettende Gedanke.
Eine Krücke!
Auf die linke Seite gerollt, schob sie sich Zentimeter um Zentimeter voran. Der gebrochene Unterschenkel schmerzte fürchterlich, obwohl er nicht belastet wurde. Aber gelegentlich schlug er leicht auf dem Boden auf, wenn Charlotte zu spät den Oberschenkelmuskel und das Knie anspannte, um das Bein zu stabilisieren. Mehrfach schrie sie auf, und weiter liefen ihr Tränen über das Gesicht. Schließlich hatte sie die Taschenlampe erreicht. Mit der rechten Hand griff sie nach dieser und warf sie in Richtung des Astes, den sie als Gehhilfe nutzen wollte. Die Lampe prallte gegen das Holz und blieb daneben liegen.
Charlotte robbte weiter, biss sich auf die Zähne und versuchte, den Schmerz zu ignorieren, aus dem ihr rechtes Bein zu bestehen schien. Außerdem lagen auch hier kleine Steine im ansonsten weichen Waldboden und bohrten sich durch das Kleid in ihre Haut.
Keuchend erreichte sie schließlich den Ast. Sie nahm das armdicke Stück Holz in die rechte Hand und überlegte, erschöpft auf dem Boden liegend, wie sie aufstehen sollte, ohne das verletzte Bein anwinkeln zu müssen. Schließlich robbte sie seitlich weiter bis zum nächsten dicken Baumstamm und lehnte erneut den Rücken daran. Für eine Minute saß sie nur da und rang nach Atem.
Beide Beine ausgestreckt, drückte sie den rechten Arm mit dem Ast fest in den Boden, zog gleichzeitig das gesunde linke Bein ein wenig zum Stamm und drückte sich so ein paar Zentimeter in die Höhe. Das rechte Bein musste kein Gewicht tragen, aber dennoch schmerzte der Bruch unglaublich. Wasser tropfte an ihr herunter, und sie wusste nicht, wieviel davon Regen, wieviel Schweiß und wieviel Tränen war. Aber Charlotte machte weiter, denn eine Pause konnte sie in dieser anstrengenden Haltung, die einem Dip glich - einer Übung, die sie zuhause gerne in ihr Fitnesstraining einbaute -, nicht einlegen.
Mit Ächzen und Stöhnen stand sie schließlich auf einem Bein, gestützt von einem knorrigen, halbwegs geraden Ast. Ihr Atem ging pfeifend, und sie musste sich ein drittes Mal für einen Moment an den Stamm lehnen. Die Luft war unter dem Laubdach deutlich wärmer als oben auf der Straße, wo der Wind blies. Das war aber auch das einzig Positive.
Charlottes Blick ging zur Straße. Und da realisierte sie, dass sie einen - nein, zwei! - Fehler gemacht hatte. Zum einen lag die Taschenlampe noch auf dem Boden, und zum anderen musste sie die Böschung hinauf. Diese war zwar hier nur etwa anderthalb Meter hoch, aber doch recht steil. Charlotte wusste nicht, ob sie diese Steigung mit Krücke bewältigen konnte.
„Verdammt!“ Sie schlug mit der linken Hand gegen den Baumstamm. Sie fühlte sich so hilflos und alleine, wie noch nie in ihrem Leben.
„Papa, hilf mir!“, schluchzte Charlotte leise und lachte kurz darauf schrill auf. Dieser Wunsch war absurd. Ihr Vater war ein paar Hundert Kilometer entfernt auf einer Tagung.
Doch der Gedanke an ihn machte Charlotte urplötzlich ruhiger.
Was sagt Papa immer? Es ist grundsätzlich vorteilhaft, ruhig zu überlegen. Wenn man nicht gerade in einem Fallschirmsprung steckt.
Also, Charlotte, denke nach!, forderte sie sich selbst auf. Wofür hast du dein Gehirn?
Sie atmete ein paar Mal tief durch und humpelte die paar Schritte zur Taschenlampe. Das rechte Bein streckte sie zur Seite aus, ging mit dem linken ein wenig in die Hocke und beugte den Oberkörper nach vorne. Die rechte Hand umklammerte die Krücke, die sie zuvor fest in den Boden gerammt hatte. Arm und Holz zitterten dennoch. Unwillkürlich hielt Charlotte die Luft an. Das Blut pochte in ihren Ohren. Sie streckte den linken Arm aus und konnte die Taschenlampe bereits im ersten Versuch aufheben. Sie nahm alle Kraft zusammen und drückte das linke Knie kraftvoll wieder durch.
Geschafft!
Sie schob die Lampe in die Seitentasche ihres Kleides. Doch sie ragte weit heraus.
Die fällt beim Hochklettern garantiert raus, sah Charlotte die Gefahr. Und die Böschung herunterklettern, das würde sie nicht schaffen.
Ruhig nachdenken!, beschwor sie sich.
Dann zog sie das nasse, eklig an der schwitzenden Haut klebende Kleid an der Taille hoch und schob die Taschenlampe zwischen Slip und linke Hüfte.
Eine pragmatische Lösung, würde Papa sagen.
Bei dem Gedanken lächelte Charlotte für einen Sekundenbruchteil.
Nun kam das nächste Problem. Sie stand vor der Böschung und musste eine Entscheidung treffen. Robbend wäre es sicherer als mit der Krücke hinauflaufen. Aber gleichzeitig befürchtete Charlotte, dass sie oben an der Fahrbahn angekommen, ohne Stamm, an dem sie sich hochschieben konnte, nicht genügend Kraft aufbringen konnte, um aufzustehen.
Sie entschied sich für das Hochlaufen, presste die Krücke fest in den nassen, weichen Boden der Böschung, zog sich daran hoch und sprang mit dem linken Bein nach. Ganz entfernt erinnerte es sie an die Fortbewegungsmethode eines Volkes, das einmal auf den kanarischen Inseln heimisch gewesen war. Aber sie konnte sich an den Namen nicht erinnern.
Von kleinen Verschnaufpausen unterbrochen, stand sie fünf Minuten später mit zitternden Armen und Beinen, und völlig außer Atem, auf der Landstraße.
Das ging einfacher als befürchtet, freute sie sich.
Sie wandte sich nach rechts und humpelte los.
Charlotte ging nicht ganz am Rand des Asphalts, sondern ließ einen halben Meter Abstand zur Böschung, um nicht Gefahr zu laufen, dass die Krücke im Gras des mal mehr, mal weniger breiten Seitenstreifens ausrutschte, und sie vielleicht stürzte. Immer wieder schaute sie auf ihre Armbanduhr, als ob der Weg davon kürzer würde. Es war bereits nach Mitternacht.
Nach einer Viertelstunde bemerkte sie vor sich Lichter.
Charlotte richtete die Taschenlampe nach vorne und knipste sie in regelmäßigem Rhythmus an und wieder aus.
Das muss der Fahrer doch sehen!, hoffte sie.
Als sie glaubte zu erkennen, dass der Wagen die Geschwindigkeit verringerte, winkte sie mit einer Hand. Der Pick-up, wie sie nun an der groben Form erkannte, näherte sich im Schritttempo.
„Bitte, können Sie...“, rief Charlotte laut, doch der Wagen, nur noch etwa sechs Meter entfernt, beschleunigte urplötzlich und fuhr an ihr vorbei. „Halt!“, schrie sie ihm nach und wedelte wie verrückt mit dem linken Arm und der Lampe. „Ich brauche Hilfe!“
Doch der Wagen entfernte sich weiter. Das Motorengeräusch wurde leiser, die Rücklichter kleiner, und schließlich war Charlotte wieder alleine.
Sie konnte nicht glauben, was gerade geschehen war.
Gut, sie sah wahrscheinlich zum Fürchten aus in dem halb zerrissenen, verschmutzten Kleid, einen Ast unter die Achsel geklemmt, dem seltsam verdrehten Bein und wohl Blut im Gesicht. Aber das war doch kein Grund, sie einfach sich selbst zu überlassen! Man musste sie ja nicht mitnehmen, wenn man Angst hatte. Aber in sicherer Entfernung halten, fragen, was los sei, und dann eine Ambulanz verständigen - das war doch nicht zu viel verlangt!
Im ersten Moment verspürte Charlotte nur Ärger über diese Rücksichtslosigkeit, dann aber schlug die Verzweiflung zu. Wie sollte sie meilenweit mit dem gebrochenen Bein humpeln? Ein Weinkrampf schüttelte sie. Für einen Moment überlegte sie ernsthaft, ob sie sich nicht einfach irgendwo an den Straßenrand oder auf die Böschung setzen und auf den Morgen warten sollte. Dann kam mehr Verkehr. Und irgendjemand würde ihr doch bestimmt helfen!
Aber so schnell, wie dieser Gedanke aufkam, so schnell schob ihn Charlotte beiseite. Wieder dachte sie an ihren Vater und hörte seine Stimme im Kopf: „Sweetie, du kannst alles - wirklich alles! - erreichen, wenn du es willst und dich anstrengst!“
Also, weiter! Du schaffst es!, feuerte sie sich in Gedanken an.
Langsam ging sie weiter. Doch das minutenlange Stehen, seit sie den Wagen näherkommen gesehen hatte, schien irgendetwas in ihrem Körper ausgelöst zu haben. Jeder Schritt wurde nun zur Qual, und es ging nur noch schleppend voran.
Noch zweimal kamen ihr Fahrzeuge entgegen oder überholten sie. Charlotte winkte jedesmal wie wild, blinkte mit der Taschenlampe, rief um Hilfe.
Aber niemand hielt.
Als sie wieder in der Ferne Lichter sah, hob sie mechanisch den Arm, hatte aber keine große Hoffnung mehr. Und als der Wagen näherkam und langsamer wurde, überfiel Charlotte wieder ein kurzer Weinkrampf. Nicht noch eine Enttäuschung, dachte sie und blieb stehen.
Doch da geschah etwas, woran Charlotte überhaupt nicht gedacht und womit sie noch weniger gerechnet hatte.
Auf dem Dach des Wagens begannen Lichter zu rotieren. Auch neben den Scheinwerfern blinkte es rot und blau.
Polizei! Polizei!, überschlugen sich Charlottes Gedanken. Sie starrte wie hypnotisiert auf das Fahrzeug. Polizei! Es gehört zu ihrem Job, Menschen zu helfen. Die können nicht einfach an mir vorbeifahren!
Die Verzweiflung wich einem kurzen Hochgefühl.
Das Polizeifahrzeug hielt in einigen Metern Entfernung. Charlotte ging so schnell weiter, wie sie konnte. Die Schmerzen, die bei jedem Schritt stechend in ihre Aufmerksamkeit drängten, spielten jetzt keine Rolle mehr. Die Beifahrertür öffnete sich, und ein Uniformierter stieg aus. Sein rechter Arm hing leicht angewinkelt an der Seite des Oberkörpers herab.
Die Schusswaffe!, dachte Charlotte und unterdrückte ein Auflachen. Er hält mich für eine Gefahr. Mich! Ich könnte noch nicht einmal einer Schnecke davonrennen, geschweige denn jemanden angreifen.
„Miss! Können wir Ihnen helfen?“, rief der Polizist. Er kam langsam näher. Sein Körper stand unter Spannung. Er war bereit, auf jede noch so kleine Gefahr zu reagieren.
„Ich wurde von einem Auto angefahren und habe mir das Bein gebrochen.“ Charlotte, auf die Krücke gestützt, deutete mit der freien Hand auf ihren Unterschenkel.
Der Polizist richtete seine Taschenlampe darauf und erkannte, dass sie die Wahrheit sagte. Er ließ seine Waffe los und lief nun schnell zu Charlotte, nahm ihr die Krücke aus der Hand, legte den Arm um ihre Hüfte und stützte sie. Rasch liefen sie zum Polizeifahrzeug zurück. Der Uniformierte öffnete die hintere Tür auf der Fahrerseite. Charlotte schob sich rückwärts auf den Sitz hinein und rutschte nach hinten, während der Polizist ihr rechtes Bein oberhalb des Knies hielt und vorsichtig den Fuß griff, um den Unterschenkel zu fixieren. Dennoch durchzuckte Charlotte mehr als einmal stechende Pein. Aber das war ihr in diesem Moment egal. Sie wollte nur noch ins Trockene und Warme.
Der andere Polizist drehte die Heizung auf, während sein Kollege zwei Decken aus dem Kofferraum holte. Er reichte sie Charlotte, die sie sofort über sich warf. Nun würde es rasch wärmer werden. Dankbar nahm sie die Tasse noch warmen Kaffees an, die ihr der Fahrer reichte. Er hakte das Funkgerät aus der Halterung und forderte einen Rettungswagen an.
Der Beifahrer wandte sich an Charlotte. „Nun erzählen Sie mal genauer. Wer sind Sie? Und was ist genau passiert?“
„Ich heiße Charlotte Bernstedt, komme aus Oakville, Ontario und besuche meine Freundin Kylie Scots...“
Dann erzählte sie, wie sie angefahren worden war. Die Frage, warum sie zu nächtlicher Stunde auf einer einsamen Landstraße zu Fuß unterwegs war, beantwortete sie mit einer Notlüge. Sie wäre auf dem Nachhauseweg gewesen und hätte sich schlicht im Zeitbedarf für die Strecke verschätzt. Von Kylie und dem Rauswurf erzählte Charlotte nichts. Die Wahrheit änderte ja an der Sachlage nichts und würde Kylie nur unnötigerweise in Schwierigkeiten bringen, wenn deren Eltern davon erfuhren.
***
Am nächsten Morgen erwachte Charlotte erst kurz vor Mittag. Das Erste, das sie wahrnahm, war Trockenheit. Sie lag auf dem Rücken, rutschte ein wenig hin und her. Die Unterlage fühlte sich herrlich weich an. Kein schlammiger Waldboden oder eine harte Asphaltdecke. Außerdem verspürte sie keinerlei Schmerzen mehr. Charlotte öffnete die Augen und gewahrte, dass sie in einem Zimmer in einem Hospital lag. Im Bett neben ihr war niemand. Aber es war zerwühlt. Sie hatte also eine Bettnachbarin.
Da öffnete sich die Tür, und eine Krankenschwester betrat den in beruhigendem Senfgelb gestrichenen Raum. Sie lächelte freundlich. „Miss Bernstedt, haben wir nun ausgeschlafen?“
Charlotte nickte. „Was ist...“
„Oh, Sie kamen völlig erschöpft hier im Hospital an und wurden noch in der vergangenen Nacht behandelt. Der Unterschenkelbruch ist geschient, auch der Oberschenkel musste versorgt werden. Ein Haarriss war auf dem Röntgenbild zu sehen. Deshalb geht der Gips vorsichtshalber bis zu Hüfte.“ Sie lachte. „Aber das haben Sie sicherlich schon bemerkt. DIe Visite haben sie verschlafen. Aber ich sage dem Stationsarzt Bescheid, dann kommt er gleich zu Ihnen. Zuvor lasse ich jedoch jemand anders herein. Man wartet auf Sie. Möchten Sie Besuch empfangen?“
Kylie!, schoss es Charlotte durch den Kopf. Sie nickte der Schwester zu, die daraufhin hinaus auf den Gang trat.
Doch als sich die Tür wieder öffnete, kam nicht Kylie herein.
„Mama!“, rief Charlotte überglücklich. „Papa!“
Ihre Eltern kamen zum Krankenbett und umarmten ihre Tochter. Die ganze Familie weinte.
„Papa, wieso bist du hier? Deine Konferenz...“
„Ich bin sofort abgereist, als die Nachricht von deinem Unfall kam“, antwortete ihr Vater mit einem Kloß im Hals. Liebevoll strich er seiner Tochter über das Haar. Charlotte schlang die Arme um seinen Hals. Ihre Mutter stand lächelnd daneben. Charlotte liebte ihre Eltern, aber sie war schon immer ein Papakind gewesen.
„Wir haben schon von der Polizei alles erfahren“, erzählte Mr Bernstedt. „Und von Kylie“, fügte er nach einer Sekunde Stille hinzu. „Sie wartet draußen. Wir haben sie bei unserer Ankunft im Krankenhaus schon angetroffen. Sie hat die ganze Nacht hier verbracht. Willst du sie sehen?“
Charlotte nickte. „Natürlich.“
Kylie kam zögernd in das Krankenzimmer. Sie hielt einen kleinen Blumenstrauß wie einen Schutzschild vor ihrem Körper. Ihre Augen waren gerötet und völlig verheult. Sie sah müde und schuldbewusst aus. Schüchtern stand sie im Türrahmen und sagte kein Wort.
„Na, komm schon rein, Kyls“, forderte Charlotte sie auf und klopfte neben sich auf die Bettdecke.
Kylie kam langsam näher, während Charlottes Eltern den Raum verließen.
„Es tut mir so unendlich leid“, flüsterte Kylie und stand immer noch unschlüssig vor dem Bett.
„Ich weiß. Und ich mache dir auch keine Vorwürfe wegen des Unfalls. Dafür kannst du nichts. Aber die Sache mit dem Rauswurf aus dem Auto war eine Schweinerei. So etwas machen beste Freundinnen nicht.“
Kylie nickte. „Ich weiß. Ich war wieder sauer auf Pete und hab's an dir ausgelassen. - Sind wir noch Freundinnen?“
Charlotte lächelte und nickte. „Sind wir. Und ich bleibe auch den Rest der Woche bei dir. Kann ja eh nicht weg.“ Sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Gips.
„Beste Freundinnen?“, fragte Kylie leise.
Nun zögerte Charlotte. „Ich weiß nicht. Vielleicht reichen dafür Schreiben und Telefonieren nicht aus. Aber wir können versuchen, es wieder zu werden, ja?“
Kylie nickte und setzte sich nun endlich auf das Bett. Ein kleines Lächeln glitt über ihr Gesicht. Es dauerte ein wenig, bis ein richtiges Gespräch zustande kam. Aber schließlich schwatzten beide lebhaft miteinander. Nach einer halben Stunde ging Kylie wieder, und Charlotte war für ein paar Minuten alleine, da ihre Eltern mit dem Arzt sprachen.
Sie dachte an die vergangene Nacht zurück.
Zwei Dinge waren ihr durch die Erlebnisse klar geworden.
Sie musste sich zuerst selbst helfen, bevor sie auf die Hilfe anderer setzen konnte. Davor aber hatte sie keine Angst. Ihre Eltern, insbesondere ihr Vater, hatten sie zur Selbstständigkeit erzogen. Und offensichtlich Erfolg damit gehabt.
Die zweite Erkenntniss aber gefiel Charlotte überhaupt nicht.
Dinge änderten sich. Und Dinge, die einmal supertoll waren, konnten sich auch zum Schlechten wandeln.
Dieser Gedanke machte sie furchtbar traurig.
Ende der Rückblende
zu Teil 2
Charlottes Blick 7 - Zeuge der Anklage
(eine Geschichte basierend auf dem Charakter ‚Vickie‘ der TV-Serie ‚Haven‘ von 2010-2015)
(eine Geschichte basierend auf dem Charakter ‚Vickie‘ der TV-Serie ‚Haven‘ von 2010-2015)
Klappentext:
Charlotte muss gleich mehrere Fälle bearbeiten. Ein Klient beauftragt sie, seinen verschwundenen Bruder zu suchen. Ein Verkehrsunfall weckt ihr Interesse, und im Laufe der Ermittlungen gerät sie in eine brenzlige Situation. Und dann braucht auch noch Phil wieder ihre Hilfe bei einem Auftrag, der nicht nur sein Leben bedroht. Die Ereignisse wecken Erinnerungen an ihre Jugend.
„Okay, Annabelle“, gab Charlotte sofort ihre Zustimmung. „Das übernehme ich.“
„Super. In einer Stunde im Büro. Besprechungszimmer ist reserviert.“ Ihre Stimme wurde ernst. „Und, Charlotte, vielleicht erzählst du mir irgendwann einmal, warum dich solche Fälle besonders interessieren.“
„Ja, vielleicht. - Danke für den Anruf“, erwiderte Charlotte, verabschiedete sich von ihrer Kollegin und legte den Hörer auf die Gabel.
Sie nahm den Mantel von der Garderobe und fuhr mit ihrem Wagen zum Bürohochhaus in der Clermont Street. Das schmucklose Gebäude ragte ein Dutzend Stockwerke in den Himmel. Viele kleine Firmen hatten dort Räumlichkeiten angemietet. Charlotte ließ sich mit dem Lift in die 11. Etage hinaufbringen und wandte sich nach links zu einer großen Glastür, an der auf einem mattschwarzen Schild silbern glänzend die Buchstaben ‚PIAV‘ prangten. Sie betrat den Vorraum. Hinter einem breiten Tresen saß die Empfangsdame.
„Guten Morgen, Mrs Miller“, grüßte Charlotte.
„Miss Bernstedt, hallo. Sie haben Zimmer 4. Ihr Klient wartet bereits auf Sie.“
Charlotte dankte und ging den hellgestrichenen Flur hinunter, an dessen Wänden Poster hingen, welche die Skylines verschiedener Metropolen der Welt zeigten.
Seit sie vor zwei Jahren der Vereinigung der Privatdetektive in Vancouver beigetreten war, konnte sie deren Räumlichkeiten, die über die ganze Stadt verteilt waren, nutzen. Auch die anderen Services des Dienstleisters auf steuerlichem und verwaltungstechnischem Gebiet sowie Schreib- und Dokumentationsarbeiten nahm Charlotte häufig in Anspruch, um sich voll auf den eigentlichen Auftrag eines Klienten konzentrieren zu können.
Sie öffnete die letzte Tür auf der linken Seite und betrat das hellerleuchtete Besprechungszimmer. Ein Konferenztisch mit sechs Stühlen und ein paar Kakteen in den Zimmerecken waren die einzigen Einrichtungsgegenstände. Auf dem Tisch standen Erfrischungsgetränke. Gegenüber der Tür saß ein Mann in den Dreißigern im dunkelgrauen Anzug. Eine schmale Aktentasche lag neben einem Glas, das mit Mineralwasser gefüllt war. Der Klient blickte auf, als die Freelancerin eintrat.
„Guten Morgen, Mr Mahoney“, begrüßte Charlotte den dunkelhaarigen Mann, der nun aufstand und ihr die Hand schüttelte.
Charlotte setzte sich ihm gegenüber. „Was genau kann ich für Sie tun?“
„Mein Bruder ist verschwunden. Wir waren gestern zum Dinner verabredet, aber er ist nicht erschienen. Telefonisch konnte ich ihn nicht erreichen. Auch nicht heute früh.“
Charlotte holte ihren Block heraus und notierte Stichworte. „Ist dieses Verhalten so ungewöhnlich? Vielleicht hat er die Verabredung einfach nur vergessen.“
„Nein, es ist sehr ungewöhnlich für Rick. Wissen Sie, seit unsere Eltern gestorben sind - Rick war damals 13, ich ein Jahr älter - sind wir unzertrennlich. Wir wuchsen bei unseren Großeltern auf. Verabredungen halten wir immer ein. Und wenn etwas dazwischen kommt, verständigen wir uns gegenseitig. Deswegen mache ich mir bereits jetzt Sorgen um ihn.“
„Waren Sie schon bei der Polizei?“
„Ja. Man hat die Hospitäler überprüft. Aber erfolglos. Mehr wurde nicht getan. Es hieß, Rick sei erwachsen, und es lägen keine Hinweise auf ein Verbrechen vor.“
Charlotte goss sich einen Orangensaft ein und trank einen Schluck.
Robert Mahoney öffnete die Aktentasche und entnahm ihr ein Photo, das zwei lachende Männer an einem Strand zeigte. Im Hintergrund ragten Palmen in die Höhe. „Das war während unseres Urlaubs im letzten Jahr. Links, das ist Rick.“
Charlotte nahm das Bild entgegen. „Haben Sie einen bestimmten Verdacht, was mit Ihrem Bruder geschehen sein könnte?“
Mahoney schüttelte den Kopf.
„Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen oder gesprochen? Hat er sich irgendwie anders verhalten als sonst?“
„Das ist drei Tage her. Er kam etwas zu spät, da er Zeuge bei einem Unfall war. Wir aßen zu Mittag und sprachen über alles Mögliche. Rick war vergnügt wie immer in der letzten Zeit.“
Charlotte horchte auf. „Können Sie mir mehr über diesen Unfall erzählen?“
„Ich weiß nur, dass Rick an der Ecke Landon Boulevard/Rivertown Street einen Verkehrsunfall beobachtet hat. Ein Passant, der über die Straße ging, wurde fast angefahren, als ein Auto bei Rot über die Kreuzung fuhr und mit quietschenden Reifen verschwand. Einer der Ladenbesitzer an der Ecke verständigte die Polizei, und Rick machte, wie auch andere Zeugen, seine Aussage. - Glauben Sie, dass dies etwas mit seinem Verschwinden zu tun hat?“
„Möglich. Mehr wissen Sie nicht darüber?“
Mahoney verneinte.
„Was macht Ihr Bruder beruflich?“
Robert Mahoney zuckte die Achseln. „Seit Rick vor einem Jahr seinen Job in einem Autohaus gekündigt hat, tut er, was seinen Beruf angeht, sehr geheimnisvoll. Ich weiß nicht, wo er arbeitet. Aber es muss etwas Einträgliches sein, denn Geldprobleme hat er keine.“
Charlotte stellte noch weitere Routinefragen, um sich ein erstes Bild von Rick Mahoney zu machen. Ihr Klient hatte in der Wohnung seines Bruders nach dem Rechten gesehen, aber nichts Ungewöhnliches bemerkt.
Sie erhielt die Adresse von Rick Mahoney sowie Roberts Ersatzschlüssel zur Wohnung seines Bruders. „Ich werde mich darum kümmern, Mr Mahoney.“ Sie brachte den Klienten zum Ausgang und verabschiedete ihn.
Charlottes Gesicht war hart geworden. Wie so oft bei Fällen dieser Art wollten ihre Gedanken in die Vergangenheit wandern.
Diesmal ließ sie es zu.
***
Rückblende
8 Jahre zuvor, Spätsommer 1959
Gatineau, Québec, Kanada
Die unverwechselbare Kulisse des Jahrmarkts war schon von Weitem zu hören und zu sehen. Musik vermischte sich mit dem Kreischen der Menschen auf den Fahrgeschäften. Überall blitzten farbige Lampen auf.
Über Charlottes Gesicht glitt ein Lächeln. Sie mochte die lebendige Atmosphäre des Jahrmarkts. Es gab so viel zu sehen, zu hören, zu riechen und auszuprobieren. Sie freute sich riesig auf den Abend mit ihrer besten Freundin Kylie, die sie seit deren Umzug im Vorjahr nach Ende der Elementary School nur noch selten sah. Aber sie schrieben sich oft und telefonierten regelmäßig. Nun aber würde Charlotte eine ganze Woche bei Kylie wohnen. Sie würden wieder viel Spaß, so wie früher, haben, dessen war sich Charlotte sicher.
Charlottes Schritt war beschwingt an diesem recht warmen Spätsommerabend. Ihr knielanges gelbes Sommerkleid mit den weißen Punkten flatterte im leichten Wind. „Wir fahren mit allem, ja?“
Kylie nickte ergeben. „Sicher. Solange wir Lust dazu haben, uns das Geld nicht ausgeht, und Pete mit seinen Kumpels uns nicht irgendwo anders hinschleppen will. Er weiß, wo heute ein paar coole Partys laufen. Aber zuerst...“
Sie unterbrach sich, winkte heftig in Richtung des Eingangs der ‚Big Summer Fair‘ und rief laut: „Pete! Hi!“ Dann lief sie zu ihrem Freund. Stürmisch schlang Kylie die Arme um seinen Hals und küsste ihn lange.
Charlotte kam langsam näher. Sie lächelte leicht verlegen und blieb zunächst im Hintergrund.
„Pete, das ist Char, meine allerbeste Freundin seit dem Kindergarten“, stellte Kylie vor, nachdem sie sich von ihrem Freund gelöst hatte.
„Hi, Pete“, grüßte Charlotte.
„Hi, Charlotte“, erwiderte der junge Mann, beugte sich nach vorne und küsste Charlotte zur Begrüßung auf beide Wangen. „Die hübsche Schwarzhaarige, von der mir Kylie schon viel erzählt hat.“
Charlotte schoss das Blut ins Gesicht. Sie war es nicht gewohnt, dass ihr Jungs, wenn auch hier nur aus Höflichkeit, solche Aufmerksamkeit und Komplimente schenkten. Nervös nestelte sie an ihrem roten Haarreif, der die langen schwarzen Haare nach hinten bändigte.
„Wollen wir?“, fragte Pete, und die beiden Mädchen nickten.
Kylie griff ihren Freund bei der Hand, Charlotte ging auf Kylies andere Seite, und so schlenderten die drei langsam über das vordere Jahrmarktgelände. Sie schauten sich zuerst einmal alles an. Als Pete kurz verschwand, um für alle Cotton Candy zu kaufen, flüsterte Charlotte ihrer Freundin ins Ohr: „Der ist ja ein richtiger ‚bad boy‘ mit seiner Lederjacke und den zerzausten Haaren.“
Die 16‑jährige grinste. „Ist er. Mit Pete kann man eine Menge Spaß haben.“
„Was sagen deine Eltern zu ihm?“
Über Kylies Gesicht glitt ein Schatten. „Die mögen ihn nicht sonderlich. Er sei kein guter Umgang für mich, meint meine Mom.“
Charlotte trat einen Schritt zurück und zog Kylie mit sich, da eine größere Gruppe von Besuchern an ihnen vorbeiwollte. „Ist er schon 18?“
„Fast. Nächsten Monat. Aber...“ Sie senkte ihre Stimme noch weiter. „Das ist kein Problem. Wir kommen schon in die Clubs rein, in die wir wollen.“
Als die Mädchen sahen, dass Pete zurückkam, wechselten sie rasch das Thema. Pete reichte jedem eine rosafarbene Zuckerwattestange. Sein wissendes Lächeln verriet ihnen, dass er wohl gehört haben musste, wie sie über ihn sprachen.
„Wie ist es so in der Kleinstadt Oakville?“, fragte Pete.
„Weitläufiger als in der noch kleineren Stadt Gatineau“, gab Charlotte schlagfertig zurück. „Wie ist es, in einer Ministadt zu leben und direkt über dem Fluss...“
Kylie unterbrach sie und setzte den Satz fort: „...da hinten eine Großstadt mit pulsierendem Leben vor der Nase zu haben? Unerreichbar für einen.“
Wie auf ein Kommando prusteten die Freundinnen los. Sie hatten schon früher oft die Sätze der anderen vervollständigt. Charlotte freute sich ungemein, dass die Vertrautheit zu Kylie, seit sie am Vortag angekommen war, nun doch schneller zurückkehrte als befürchtet. Für einen Moment legte sie den Arm um Kylies Schultern und drückte ihre beste Freundin an sich.
Charlotte biss vom Cotton Candy ab. Ein Stück Zuckerwatte blieb an ihrem Mundwinkel kleben. Bevor sie es wegwischen konnte, spürte Charlotte schon Petes Finger an ihrer Wange. Er zupfte das klebrige Zeug vorsichtig ab, zögerte einen Moment, als wüsste er nicht, was er damit tun sollte, und wischte die Finger dann an seiner Jacke ab. Verblüfft blickte Charlotte den jungen Mann an, doch dieser lächelte nur unschuldig. Charlotte schaute zu ihrer Freundin, doch Kylie hatte nichts bemerkt, da sie gerade auf die Tanzplattform achtete, an der sie vorbeigingen. Die Combo spielte schnellen Rock 'n' Roll.
„Kommt!“, sagte Kylie und zog Pete die Stufen hinauf.
Charlotte folgte. Während Kylie und ihr Freund einen wilden Paartanz aufführten, bewegte Charlotte sich leicht unbeholfen alleine im Rhythmus der Musik. Ein wenig Eifersucht kam auf, denn früher waren Kylie und sie alleine unterwegs gewesen und hatten die Welt unsicher gemacht. Und nun war da Pete, der Eindringling. Doch sie schalt sich sofort für diesen Gedanken. Das war schlicht unfair Kylie gegenüber.
Außer Atem kam das Paar nach zwei Songs, die sie quer über die Tanzfläche gewirbelt hatten, zu Charlotte zurück.
„Darf ich bitten?“, fragte Pete und hielt Charlotte formvollendet die Hand hin. Charlotte blickte fragend zu Kylie, und als diese nickte, nahm sie Petes Hand und ließ sich in die Mitte des Tanzpodestes führen. Ihre Bewegungen zur Musik wurden flüssiger, jetzt, da sie jemanden hatte, auf den sie sich einstellen konnte. Die nächsten Minuten konzentrierte sie sich nur auf die Musik und Petes Führung. Sie tanzte ausgelassen. Ihre Haare wirbelten in der Luft, und das Kleid flatterte. Charlotte machte es riesigen Spaß.
Das erste Lied verklang, und die Combo stimmte nun zur Abwechslung einen langsamen Blues-Song an. Charlotte wollte schon zurück zum Podestrand gehen, als sie plötzlich Petes Arme um ihren Hals spürte. Der Junge zog sie näher zu sich. Automatisch und ohne nachzudenken legte Charlotte ihre Hände an seine Hüfte. Es dauerte eine Sekunde, bis sie realisierte, was sie da gerade getan hatte. Sofort ließ sie Pete los und wand sich aus seiner Umarmung.
Sie lief zu Kylie. „Sorry! Das wollte ich nicht“, sagte sie leise. Die Freundin schaute böse, ihre Augen blitzten wütend. Sie erwiderte nichts, sondern ging mit großen Schritten zu ihrem Freund, schlang die Arme um seinen Hals und ging auf Tuchfühlung.
Charlotte wäre am liebsten im Erdboden versunken.
Ich Esel!, dachte sie wütend auf sich selbst. Aber warum will dieser Pete auch einen Slow Dance mit mir machen?!
Nach drei weiteren Liedern, während derer Charlotte nur am Rand stand und den Tanzenden zuschaute, kamen Kylie und Pete zurück. Ihre Gesichter glänzten vor Anstrengung, und Schweiß stand ihnen auf der Stirn. Aber beide lächelten. Kylie hakte sich bei ihrer Freundin unter. Der kleine Moment des unausgesprochenen Streits schien vergessen. Charlotte atmete innerlich auf.
Die drei gingen weiter.
„Die Geisterbahn!“, kreischte Charlotte vergnügt und deutete auf die gruselige, grüne Gestalt über dem dunklen Eingang. Ein dämonisches Lachen ertönte aus dem Innern des Fahrgeschäfts.
„Aber schrei nicht wieder so laut wie beim letzten Mal“, erinnerte Kylie sie grinsend.
„Klar werde ich das!“, rief Charlotte. „Darum geht es doch. Es ist einfach so herrlich gruselig.“
Sie konnten gerade noch einen Wagen ergattern, bevor die Fahrt auch schon losging. Die Soundeffekte oder das erratische Licht gruselten Charlotte nicht weiter. Dafür war sie schon zu oft in einer Geisterbahn gewesen, das konnte sie ausblenden. Nur eines nicht, und deshalb saß sie angespannt und verkrampft, aber voller Vorfreude, am rechten Rand des Wagens, direkt neben Pete, der zwischen den Mädchen Platz genommen hatte. Charlotte hatte die Hände vor die Augen gelegt, linste aber immer wieder durch die leicht gespreizten Finger nach vorne.
Sie wartete auf die gruseligen Berührungen in der Geisterbahn.
Und da kam die erste. Eine Gummihand - oder was immer es auch sonst war - streifte ihre Schulter. Charlotte quiekte laut auf. Sie schüttelte sich und berührte das Ding gleich noch einmal. Tief atmete sie durch. Ihr Herz raste.
Es war herrlich!
Als der Wagen um die Biegung rollte, folgte das nasse Gefühl dünner Fäden in ihrem Gesicht. Charlotte schrie auf, als habe sie Todesangst. Wild wischte sie mit beiden Händen über ihr Gesicht.
„Wie vor 10 Jahren in der Kindergeisterbahn“, rief Kylie. „Damals bist du schon auf die gleiche Art gefahren. Und seitdem immer, wenn wir das gemacht haben.“
Charlotte nickte, zuckte aber, noch bevor sie antworten konnte, zusammen, als sie etwas Schleimiges, Nasses am Hals traf. Das Ding sprang weg, hinterließ aber ein ekliges Gefühl. Charlotte wedelte wie wild mit den Händen an ihrem Hals herum. Mit dem Stoff des Kleids versuchte sie, das Zeug auf ihrer Haut zu entfernen.
Pete lachte, legte einen Arm um jedes der Mädchen und zog diese an sich, als es um die nächste Biegung ging. Nun durchquerten sie eine Art Dunst. Feiner Sprühnebel, der immer kälter wurde, legte sich auf die Haut - und dann kam eine warme Hand, die sich anfühlte wie nasses Brot.
Nicht nur Charlotte schrie diesmal auf. Auch Kylie schüttelte sich vor Ekel und versuchte mit den Fingern, alles von sich zu zupfen oder zu wischen, was die Geisterbahn auf sie abgefeuert hatte. Dann lachten alle drei vor Vergnügen.
Wenig später war die Fahrt auch schon zuende, und der Wagen schoss in die Nacht hinaus ins Freie. Es war bereits nach 22 Uhr. Endlich kam der Zug zum Stillstand. Kylie klappte den Sicherungsbügel nach vorne und stieg nach links aus. Pete folgte. Charlotte rutschte zur Ausstiegsseite und stand auf. Aber sie war, wie immer nach einer solchen Fahrt mit gewolltem Schrecken, ein wenig wackelig auf den Beinen. Sie stieg aus dem Wagen, knickte um und fiel nach vorne.
Pete fing sie auf, indem er ihre Hüfte umschlang. Charlottes Kopf prallte an seine Brust, und sie legte die Hände auf seine Schultern, um sich hochzuziehen.
„Danke“, sagte sie und ließ den jungen Mann los. Doch Pete behielt weiter Körperkontakt, bis Kylie ihm den Arm wegzog.
Charlotte blickte verlegen zu Boden.
„Das war klasse, Girls“, sagte Pete und wollte Kylie einen Kuss auf die Stirn geben. Doch diese drehte sich weg.
„Wollen wir rüber auf die untere Hälfte?“, schlug Charlotte vor, um die peinliche Stille zu überbrücken.
„Klar“, meinte Pete. „Wir können da ein paar Leute treffen. Und für später habe ich noch eine Überraschung für euch Süßen.“
Doch Kylie sagte eisig: „Nein, ich will nach Hause.“
Überrascht blickte Charlotte die Freundin an. „Was? Jetzt schon? Früher sind wir doch immer mindestens einmal über den ganzen Jahrmarkt gelaufen. Egal, wie lange es gedauert hat.“
Mit böse funkelnden Augen erwiderte Kylie: „Früher, ja. Da war manches anders.“
Charlottes Gesicht drückte Unverständnis aus.
„Also, Charlotte, fahren wir.“ Sie drehte sich zur Seite. „Pete, wir sehen uns morgen. Wenn du dann noch ansprechbar bist.“
Auch Pete schaute verblüfft, zuckte dann aber mit den Achseln und beugte sich nach vorne, um Kylie einen Abschiedskuss zu geben. Diese ignorierte ihn erneut und ging einfach davon.
Charlotte folgte ihr und zog sie am Arm. „Heh, Kyls, was ist los? Warum der abrupte Aufbruch“
Kylie riss sich los und setzte ihren Weg wortlos fort. Charlotte blieb neben ihr und redete unablässig auf die Freundin ein. Doch Kylie schwieg eisern.
„Dann halt nicht“, sagte Charlotte schließlich, als sie in den Wagen eingestiegen und Kylie losgefahren war.
Langsam rollte das Auto vom Parkplatz. Charlotte schaltete das Radio ein. Leise Musik drang aus den Lautsprechern. Es hatte angefangen zu regnen, und die Wischerblätter huschten quietschend über die Windschutzscheibe.
Der Wagen brauste über die Landstraße. Zu beiden Seiten der Fahrbahn erstreckte sich Wald.
Charlotte kurbelte den Beifahrersitz ein wenig in die Schräge, schloss die Augen und hing ihren Gedanken nach. Kylie würde sich schon beruhigen, was immer sie auch aufgeregt hatte.
In die Stille hinein sagte Kylie plötzlich: „Warum hast du dich an Pete rangemacht? Du weißt doch, dass ich ihn mag.“
Charlotte schrak hoch. „Bitte, was?“, fragte sie völlig überrascht zurück.
„Du hast schon richtig verstanden. Ich kann nichts dafür, dass sich kein Junge für dich interessiert. Also mach nicht meinen Freund an, wenn er aus Höflichkeit nett zu dir ist.“
Die Worte kamen kalt. Sie waren verletzend. Und ein Blick in Kylies Augen, die kurz den Kopf zur Seite gedreht hatte, machte Charlotte klar, dass Kylie es in diesem Moment auch genau so meinte. Sie wollte ihre beste Freundin verletzen.
Charlotte war einen Moment sprachlos. „Das hab ich doch überhaupt nicht! Pete hat mich andauernd angefasst.“
„Du hättest dem ja ausweichen können.“
„Wie denn? Indem ich aus dem Geisterbahnwagen auf den Boden knalle? Wolltest du das?“
„Wäre deine eigene Schuld gewesen. Aber du hast ihn ja schon beim Tanzen auf eine zärtliche Art angefasst, wie es nur mir zusteht.“
„Das war ein Versehen. Ein Reflex. Ich wollte das doch nicht! Und schon gar nicht, wenn du und Pete zusammen seid.“ Sie legte Kylie eine Hand auf den Arm, doch die Freundin schüttelte diese ab. „Das musst du mir glauben, Kyls. Das würde ich nie tun. Wir haben zwar früher alles geteilt. Aber das gilt doch nicht für den Freund!“
„Du und dein ewiges ‚früher‘!“, spuckte Kylie gehässig aus.
„Was meinst du?“
„Du redest andauernd von früher. Aber wir leben nicht mehr im ‚früher‘. Ich habe mich weiterentwickelt, bin erwachsener geworden, habe Erfahrungen gemacht. Du aber scheinbar nicht.“
Die Worte trafen Charlotte noch mehr. Tränen begannen ihr die Wangen herunterzulaufen. „Was soll das, Kyls? Ich hatte mich so auf unser Wiedersehen gefreut. Du nicht? Warum hast du mich dann eingeladen?“
„Ich hatte mich auf Char, meine beste Freundin, gefreut. Aber nicht auf jemanden, der mir meinen Freund streitig machen will. Und das vor meinen Augen. Ohne jegliche Rücksicht. Pete gehört mir, sonst niemandem!“ Die letzten Worte schrie sie fast. Sie klangen wie eine Beschwörung.
Charlotte schniefte. Sie hatte Kylies Unsicherheit bemerkt. „Wenn du so unsicher bist, dass Pete dich liebt, und vermutest, dass er immer auf der Suche nach jemand anderem ist, dann ist er vielleicht nicht der Richtige für dich.“
Wütend ruckte Kylies Kopf herum. Unvermittelt trat sie hart auf die Bremse. Der Wagen schlitterte ein wenig auf der nassen Fahrbahn, kam aber sicher zum Stillstand. Weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen. Der Vollmond schien immer wieder hell zwischen den Wolken. Der Regen hatte zugenommen. Es schüttete nun stark.
„Raus!“, zischte Kylie leise.
„Was?“
„Ich sagte, du sollst aussteigen!“
„Hier? Mitten im Nirgendwo?“ Charlottes Stimme klang schrill.
„Es sind...“, sagte Kylie und blickte auf die Mileageanzeige im Armaturenbrett. Sie rechnete schnell. „...noch etwa fünf Meilen bis zu mir. Das schaffst du zu Fuß. In ein paar Stunden. Und dann erwarte ich eine ernstgemeinte Entschuldigung.“
Ungläubig riss Charlotte die Augen auf. „Das kann nicht dein Ernst sein!“
Kylie zog die Handbremse, legte den Leerlauf ein und stieg aus. Der Motor lief weiter. Das Licht der Scheinwerfer spiegelte sich auf dem Asphalt. Die Wischerblätter rasten über die Scheibe. Durch den strömenden Regen ging Kylie um den Wagen herum und riss die Beifahrertür auf. „Raus!“
Charlotte schüttelte trotzig den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. Doch als Kylie sie unsanft am Oberarm packte und daran zerrte, folgte Charlotte der Bewegung automatisch und stand wenige Sekunden später auf dem kaum einen halben Meter breiten Grünstreifen, der die Fahrbahn auf beiden Seiten von der steilen Böschung, die etwa drei Meter nach unten ging, trennte.
„Kylie! Das kannst du nicht machen! Wenn sich eine Wolke vor den Mond schiebt, ist es stockdunkel. Wie soll ich da den Weg zu dir finden?“
Kylie ging ans Heck des Wagens und öffnete den Kofferraum. Sie kramte ein wenig darin herum und holte eine Stablampe hervor. Diese drückte sie Charlotte in die Hand. „Hier!“, sagte sie, und in dem einen Wort lag pure Verachtung. Sie stieg in den Wagen und fuhr los.
Charlotte blickte dem wegbrausenden Fahrzeug sprachlos nach, bis die Rücklichter in der Ferne verschwanden.
So hatte sie sich das Wiedersehen mit ihrer besten Freundin nicht vorgestellt. Verärgerung stieg in ihr auf.
„Blöde Kuh!“, schimpfte Charlotte laut.
Gut, sie hätte Pete beim Tanzen direkt in seine Schranken weisen sollen, aber das war doch keine Absicht oder gar Planung gewesen. Sie stand noch nicht einmal auf Pete. Ja, er sah nicht schlecht aus, aber das war völlig unerheblich, denn er war Kylies Freund, wenn er dies auch auf andere Art interpretierte als diese.
Charlotte wischte sich das Regenwasser aus dem Gesicht.
„Igitt!“, fluchte sie, als sie die ersten Schritte machte und das nasse Kleid unangenehm an ihrer Haut zerrte, an der es kühl klebte. Und als eine Windböe aufkam, schüttelte es Charlotte. „Das werden ungemütliche Meilen.“
Sie hoffte, dass auch zu dieser Stunde noch der ein oder andere Wagen vorbeikommen und sie mitnehmen würde. Charlotte schaltete die Taschenlampe auf volle Stärke und leuchtete schräg vor sich auf den Boden. Mit großen Schritten ging sie weiter. Doch sie musste vorsichtig sein, denn das Gras war nass und glitschig. Die Sohlen ihrer Schuhe rutschten nicht selten.
Der Grünstreifen wurde schmaler, und schließlich musste Charlotte auf die Fahrbahn ausweichen. Der Regen war unterdessen so stark geworden, dass es keinen Sinn mehr machte, das Wasser aus dem Gesicht zu wischen. Während Charlotte sich durch den kühlen Wind kämpfte, wuchs ihre Wut auf Kylie.
Nein! Ich habe nichts falsch gemacht. Wenn sich jemand entschuldigen muss, dann Kylie.
Plötzlich hörte Charlotte in ihrem Rücken das Geräusch eines Motors. Sie drehte sich um und sah zwei Scheinwerfer auf sich zukommen. Das Fahrzeug schien langsamer zu werden. Man hatte sie offensichtlich gesehen. Charlotte ging so nahe wie möglich an den Fahrbahnrand und winkte mit beiden Armen, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Böschung nach unten erschien ihr wie ein schwarzes Loch.
Der Wagen zog etwas zur Fahrbahnmitte.
Warum tut er das?, fragte sich Charlotte. Er kann doch einfach halten.
In diesem Moment tauchten zwei weitere Scheinwerfer direkt hinter dem vorderen Wagen aus dem Dunkel auf und zogen auf die Gegenfahrbahn rüber. Ein Motor heulte auf.
Der will überholen!, schoss es Charlotte durch den Kopf.
Als Reaktion tat der erste Wagen das Falscheste, was er tun konnte. Er zog nach rechts, erhöhte das Tempo, wollte den überholenden Wagen offensichtlich nicht vorbeilassen, und raste nun direkt auf Charlotte zu. Doch das andere Fahrzeug beschleunigte weiter.
Alles ging so schnell, dass Charlotte nicht richtig reagierte. Sie hätte die Böschung hinunterkrabbeln müssen. Stattdessen stand sie weiter am äußersten Rand der Fahrbahn. Der rechte Kotflügel des überholten Wagens touchierte Charlottes rechte Hüfte. Die junge Frau wurde zur Seite gestoßen und fiel die Böschung hinunter. Sie schrie laut auf, kullerte über den nassen Rasen, auf dem Zweige und kleine Steine verstreut lagen. Schmerzerfüllt verzog sie das Gesicht - und prallte dann mit der Stirn an einen dicken Baumstamm. Benommen blieb Charlotte liegen. Sie sah Umrisse und Lichter wie durch dichten Nebel. Die Motorengeräusche kamen durch Watte. Alles wirkte seltsam entrückt, so, als wäre sie kein Teil dieser Welt. Der Regen, der durch das Laubdach der Bäume ein wenig abgemildert wurde, prasselte neben ihr auf die Erde.
Charlotte hörte das Geräusch eines sich entfernenden Wagens und das Quietschen von Bremsen, dann das Schlagen von Autotüren. Es folgten ein paar Stimmen. Satzfetzen, die sie in ihrer Benommenheit noch nicht wirklich verstehen konnte, drangen an ihr Ohr.
„...hab nichts berührt.“
„Doch. Da war... Schlag.“
„Quatsch!“
„Leuchte mal.“
Der Lichtschein einer Taschenlampe glitt über die Böschung und erfasste Charlottes Körper am Fuße der Steigung. Sie lag auf dem Bauch, ein Arm unter dem Oberkörper, der Kopf etwas verdreht am Baumstamm. Das rechte Bein sah unnatürlich gebogen aus. Es schien verletzt.
„Du - die ist hin!“, kreischte eine junge Männerstimme.
„Quatsch. Da, sie regt sich doch. Also, nix wie weg!“, erwiderte eine zweite männliche Stimme lallend.
Wenige Sekunden später brauste der Unfallwagen davon.
Charlottes Verstand benötigte etwas, um die Situation zu begreifen und Sinn in die Worte zu bringen.
Die Erkenntnis, was gerade geschehen war, entsetzte sie. Sie konnte es nicht glauben. Die Kerle hatten sie einfach liegengelassen, obwohl sie doch sehen mussten, dass sie Hilfe brauchte!
Einige Minuten später hatte sich der Nebel um Charlottes Geist vollständig verzogen, und sie vermochte wieder, klar zu denken, zu sehen und zu hören.
Und damit kamen auch die Schmerzen.
Charlotte stöhnte laut auf, als sie den Oberkörper aufrichtete. Ihr rechtes Bein fühlte sich irgendwie... falsch an. Im Schein des Mondlichts, das zwischen den Ästen herunterfiel, tastete sie den Oberschenkel ab. Alles in Ordnung. Aber der Unterschenkel war verletzt. Sie spürte den Bruch, den abstehenden Knochen, deutlich unter der Haut.
Und jetzt?, war ihr einziger Gedanke.
Charlotte war ratlos. Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung liefen ihr über die Wangen. Sie schniefte und wischte sich mit dem nassen Unterarm über das Gesicht, um Gras und Schmutz zu entfernen, so gut es ging. An der Stirn spürte sie etwas Warmes. Blut! Sie tastete vorsichtig, aber es schien nur eine Platzwunde zu sein.
Dann rollte sie sich bedächtig auf den Rücken, schob sich mit zitternden Armen an den Baumstamm heran und lehnte sich daran. Ihr Blick sprang ziellos umher. Ratlosigkeit spiegelte sich auf ihrem Gesicht wider. Ein paar Meter entfernt sah sie die Taschenlampe. Und daneben lag ein dicker Ast.
Da kam ihr der rettende Gedanke.
Eine Krücke!
Auf die linke Seite gerollt, schob sie sich Zentimeter um Zentimeter voran. Der gebrochene Unterschenkel schmerzte fürchterlich, obwohl er nicht belastet wurde. Aber gelegentlich schlug er leicht auf dem Boden auf, wenn Charlotte zu spät den Oberschenkelmuskel und das Knie anspannte, um das Bein zu stabilisieren. Mehrfach schrie sie auf, und weiter liefen ihr Tränen über das Gesicht. Schließlich hatte sie die Taschenlampe erreicht. Mit der rechten Hand griff sie nach dieser und warf sie in Richtung des Astes, den sie als Gehhilfe nutzen wollte. Die Lampe prallte gegen das Holz und blieb daneben liegen.
Charlotte robbte weiter, biss sich auf die Zähne und versuchte, den Schmerz zu ignorieren, aus dem ihr rechtes Bein zu bestehen schien. Außerdem lagen auch hier kleine Steine im ansonsten weichen Waldboden und bohrten sich durch das Kleid in ihre Haut.
Keuchend erreichte sie schließlich den Ast. Sie nahm das armdicke Stück Holz in die rechte Hand und überlegte, erschöpft auf dem Boden liegend, wie sie aufstehen sollte, ohne das verletzte Bein anwinkeln zu müssen. Schließlich robbte sie seitlich weiter bis zum nächsten dicken Baumstamm und lehnte erneut den Rücken daran. Für eine Minute saß sie nur da und rang nach Atem.
Beide Beine ausgestreckt, drückte sie den rechten Arm mit dem Ast fest in den Boden, zog gleichzeitig das gesunde linke Bein ein wenig zum Stamm und drückte sich so ein paar Zentimeter in die Höhe. Das rechte Bein musste kein Gewicht tragen, aber dennoch schmerzte der Bruch unglaublich. Wasser tropfte an ihr herunter, und sie wusste nicht, wieviel davon Regen, wieviel Schweiß und wieviel Tränen war. Aber Charlotte machte weiter, denn eine Pause konnte sie in dieser anstrengenden Haltung, die einem Dip glich - einer Übung, die sie zuhause gerne in ihr Fitnesstraining einbaute -, nicht einlegen.
Mit Ächzen und Stöhnen stand sie schließlich auf einem Bein, gestützt von einem knorrigen, halbwegs geraden Ast. Ihr Atem ging pfeifend, und sie musste sich ein drittes Mal für einen Moment an den Stamm lehnen. Die Luft war unter dem Laubdach deutlich wärmer als oben auf der Straße, wo der Wind blies. Das war aber auch das einzig Positive.
Charlottes Blick ging zur Straße. Und da realisierte sie, dass sie einen - nein, zwei! - Fehler gemacht hatte. Zum einen lag die Taschenlampe noch auf dem Boden, und zum anderen musste sie die Böschung hinauf. Diese war zwar hier nur etwa anderthalb Meter hoch, aber doch recht steil. Charlotte wusste nicht, ob sie diese Steigung mit Krücke bewältigen konnte.
„Verdammt!“ Sie schlug mit der linken Hand gegen den Baumstamm. Sie fühlte sich so hilflos und alleine, wie noch nie in ihrem Leben.
„Papa, hilf mir!“, schluchzte Charlotte leise und lachte kurz darauf schrill auf. Dieser Wunsch war absurd. Ihr Vater war ein paar Hundert Kilometer entfernt auf einer Tagung.
Doch der Gedanke an ihn machte Charlotte urplötzlich ruhiger.
Was sagt Papa immer? Es ist grundsätzlich vorteilhaft, ruhig zu überlegen. Wenn man nicht gerade in einem Fallschirmsprung steckt.
Also, Charlotte, denke nach!, forderte sie sich selbst auf. Wofür hast du dein Gehirn?
Sie atmete ein paar Mal tief durch und humpelte die paar Schritte zur Taschenlampe. Das rechte Bein streckte sie zur Seite aus, ging mit dem linken ein wenig in die Hocke und beugte den Oberkörper nach vorne. Die rechte Hand umklammerte die Krücke, die sie zuvor fest in den Boden gerammt hatte. Arm und Holz zitterten dennoch. Unwillkürlich hielt Charlotte die Luft an. Das Blut pochte in ihren Ohren. Sie streckte den linken Arm aus und konnte die Taschenlampe bereits im ersten Versuch aufheben. Sie nahm alle Kraft zusammen und drückte das linke Knie kraftvoll wieder durch.
Geschafft!
Sie schob die Lampe in die Seitentasche ihres Kleides. Doch sie ragte weit heraus.
Die fällt beim Hochklettern garantiert raus, sah Charlotte die Gefahr. Und die Böschung herunterklettern, das würde sie nicht schaffen.
Ruhig nachdenken!, beschwor sie sich.
Dann zog sie das nasse, eklig an der schwitzenden Haut klebende Kleid an der Taille hoch und schob die Taschenlampe zwischen Slip und linke Hüfte.
Eine pragmatische Lösung, würde Papa sagen.
Bei dem Gedanken lächelte Charlotte für einen Sekundenbruchteil.
Nun kam das nächste Problem. Sie stand vor der Böschung und musste eine Entscheidung treffen. Robbend wäre es sicherer als mit der Krücke hinauflaufen. Aber gleichzeitig befürchtete Charlotte, dass sie oben an der Fahrbahn angekommen, ohne Stamm, an dem sie sich hochschieben konnte, nicht genügend Kraft aufbringen konnte, um aufzustehen.
Sie entschied sich für das Hochlaufen, presste die Krücke fest in den nassen, weichen Boden der Böschung, zog sich daran hoch und sprang mit dem linken Bein nach. Ganz entfernt erinnerte es sie an die Fortbewegungsmethode eines Volkes, das einmal auf den kanarischen Inseln heimisch gewesen war. Aber sie konnte sich an den Namen nicht erinnern.
Von kleinen Verschnaufpausen unterbrochen, stand sie fünf Minuten später mit zitternden Armen und Beinen, und völlig außer Atem, auf der Landstraße.
Das ging einfacher als befürchtet, freute sie sich.
Sie wandte sich nach rechts und humpelte los.
Charlotte ging nicht ganz am Rand des Asphalts, sondern ließ einen halben Meter Abstand zur Böschung, um nicht Gefahr zu laufen, dass die Krücke im Gras des mal mehr, mal weniger breiten Seitenstreifens ausrutschte, und sie vielleicht stürzte. Immer wieder schaute sie auf ihre Armbanduhr, als ob der Weg davon kürzer würde. Es war bereits nach Mitternacht.
Nach einer Viertelstunde bemerkte sie vor sich Lichter.
Charlotte richtete die Taschenlampe nach vorne und knipste sie in regelmäßigem Rhythmus an und wieder aus.
Das muss der Fahrer doch sehen!, hoffte sie.
Als sie glaubte zu erkennen, dass der Wagen die Geschwindigkeit verringerte, winkte sie mit einer Hand. Der Pick-up, wie sie nun an der groben Form erkannte, näherte sich im Schritttempo.
„Bitte, können Sie...“, rief Charlotte laut, doch der Wagen, nur noch etwa sechs Meter entfernt, beschleunigte urplötzlich und fuhr an ihr vorbei. „Halt!“, schrie sie ihm nach und wedelte wie verrückt mit dem linken Arm und der Lampe. „Ich brauche Hilfe!“
Doch der Wagen entfernte sich weiter. Das Motorengeräusch wurde leiser, die Rücklichter kleiner, und schließlich war Charlotte wieder alleine.
Sie konnte nicht glauben, was gerade geschehen war.
Gut, sie sah wahrscheinlich zum Fürchten aus in dem halb zerrissenen, verschmutzten Kleid, einen Ast unter die Achsel geklemmt, dem seltsam verdrehten Bein und wohl Blut im Gesicht. Aber das war doch kein Grund, sie einfach sich selbst zu überlassen! Man musste sie ja nicht mitnehmen, wenn man Angst hatte. Aber in sicherer Entfernung halten, fragen, was los sei, und dann eine Ambulanz verständigen - das war doch nicht zu viel verlangt!
Im ersten Moment verspürte Charlotte nur Ärger über diese Rücksichtslosigkeit, dann aber schlug die Verzweiflung zu. Wie sollte sie meilenweit mit dem gebrochenen Bein humpeln? Ein Weinkrampf schüttelte sie. Für einen Moment überlegte sie ernsthaft, ob sie sich nicht einfach irgendwo an den Straßenrand oder auf die Böschung setzen und auf den Morgen warten sollte. Dann kam mehr Verkehr. Und irgendjemand würde ihr doch bestimmt helfen!
Aber so schnell, wie dieser Gedanke aufkam, so schnell schob ihn Charlotte beiseite. Wieder dachte sie an ihren Vater und hörte seine Stimme im Kopf: „Sweetie, du kannst alles - wirklich alles! - erreichen, wenn du es willst und dich anstrengst!“
Also, weiter! Du schaffst es!, feuerte sie sich in Gedanken an.
Langsam ging sie weiter. Doch das minutenlange Stehen, seit sie den Wagen näherkommen gesehen hatte, schien irgendetwas in ihrem Körper ausgelöst zu haben. Jeder Schritt wurde nun zur Qual, und es ging nur noch schleppend voran.
Noch zweimal kamen ihr Fahrzeuge entgegen oder überholten sie. Charlotte winkte jedesmal wie wild, blinkte mit der Taschenlampe, rief um Hilfe.
Aber niemand hielt.
Als sie wieder in der Ferne Lichter sah, hob sie mechanisch den Arm, hatte aber keine große Hoffnung mehr. Und als der Wagen näherkam und langsamer wurde, überfiel Charlotte wieder ein kurzer Weinkrampf. Nicht noch eine Enttäuschung, dachte sie und blieb stehen.
Doch da geschah etwas, woran Charlotte überhaupt nicht gedacht und womit sie noch weniger gerechnet hatte.
Auf dem Dach des Wagens begannen Lichter zu rotieren. Auch neben den Scheinwerfern blinkte es rot und blau.
Polizei! Polizei!, überschlugen sich Charlottes Gedanken. Sie starrte wie hypnotisiert auf das Fahrzeug. Polizei! Es gehört zu ihrem Job, Menschen zu helfen. Die können nicht einfach an mir vorbeifahren!
Die Verzweiflung wich einem kurzen Hochgefühl.
Das Polizeifahrzeug hielt in einigen Metern Entfernung. Charlotte ging so schnell weiter, wie sie konnte. Die Schmerzen, die bei jedem Schritt stechend in ihre Aufmerksamkeit drängten, spielten jetzt keine Rolle mehr. Die Beifahrertür öffnete sich, und ein Uniformierter stieg aus. Sein rechter Arm hing leicht angewinkelt an der Seite des Oberkörpers herab.
Die Schusswaffe!, dachte Charlotte und unterdrückte ein Auflachen. Er hält mich für eine Gefahr. Mich! Ich könnte noch nicht einmal einer Schnecke davonrennen, geschweige denn jemanden angreifen.
„Miss! Können wir Ihnen helfen?“, rief der Polizist. Er kam langsam näher. Sein Körper stand unter Spannung. Er war bereit, auf jede noch so kleine Gefahr zu reagieren.
„Ich wurde von einem Auto angefahren und habe mir das Bein gebrochen.“ Charlotte, auf die Krücke gestützt, deutete mit der freien Hand auf ihren Unterschenkel.
Der Polizist richtete seine Taschenlampe darauf und erkannte, dass sie die Wahrheit sagte. Er ließ seine Waffe los und lief nun schnell zu Charlotte, nahm ihr die Krücke aus der Hand, legte den Arm um ihre Hüfte und stützte sie. Rasch liefen sie zum Polizeifahrzeug zurück. Der Uniformierte öffnete die hintere Tür auf der Fahrerseite. Charlotte schob sich rückwärts auf den Sitz hinein und rutschte nach hinten, während der Polizist ihr rechtes Bein oberhalb des Knies hielt und vorsichtig den Fuß griff, um den Unterschenkel zu fixieren. Dennoch durchzuckte Charlotte mehr als einmal stechende Pein. Aber das war ihr in diesem Moment egal. Sie wollte nur noch ins Trockene und Warme.
Der andere Polizist drehte die Heizung auf, während sein Kollege zwei Decken aus dem Kofferraum holte. Er reichte sie Charlotte, die sie sofort über sich warf. Nun würde es rasch wärmer werden. Dankbar nahm sie die Tasse noch warmen Kaffees an, die ihr der Fahrer reichte. Er hakte das Funkgerät aus der Halterung und forderte einen Rettungswagen an.
Der Beifahrer wandte sich an Charlotte. „Nun erzählen Sie mal genauer. Wer sind Sie? Und was ist genau passiert?“
„Ich heiße Charlotte Bernstedt, komme aus Oakville, Ontario und besuche meine Freundin Kylie Scots...“
Dann erzählte sie, wie sie angefahren worden war. Die Frage, warum sie zu nächtlicher Stunde auf einer einsamen Landstraße zu Fuß unterwegs war, beantwortete sie mit einer Notlüge. Sie wäre auf dem Nachhauseweg gewesen und hätte sich schlicht im Zeitbedarf für die Strecke verschätzt. Von Kylie und dem Rauswurf erzählte Charlotte nichts. Die Wahrheit änderte ja an der Sachlage nichts und würde Kylie nur unnötigerweise in Schwierigkeiten bringen, wenn deren Eltern davon erfuhren.
***
Am nächsten Morgen erwachte Charlotte erst kurz vor Mittag. Das Erste, das sie wahrnahm, war Trockenheit. Sie lag auf dem Rücken, rutschte ein wenig hin und her. Die Unterlage fühlte sich herrlich weich an. Kein schlammiger Waldboden oder eine harte Asphaltdecke. Außerdem verspürte sie keinerlei Schmerzen mehr. Charlotte öffnete die Augen und gewahrte, dass sie in einem Zimmer in einem Hospital lag. Im Bett neben ihr war niemand. Aber es war zerwühlt. Sie hatte also eine Bettnachbarin.
Da öffnete sich die Tür, und eine Krankenschwester betrat den in beruhigendem Senfgelb gestrichenen Raum. Sie lächelte freundlich. „Miss Bernstedt, haben wir nun ausgeschlafen?“
Charlotte nickte. „Was ist...“
„Oh, Sie kamen völlig erschöpft hier im Hospital an und wurden noch in der vergangenen Nacht behandelt. Der Unterschenkelbruch ist geschient, auch der Oberschenkel musste versorgt werden. Ein Haarriss war auf dem Röntgenbild zu sehen. Deshalb geht der Gips vorsichtshalber bis zu Hüfte.“ Sie lachte. „Aber das haben Sie sicherlich schon bemerkt. DIe Visite haben sie verschlafen. Aber ich sage dem Stationsarzt Bescheid, dann kommt er gleich zu Ihnen. Zuvor lasse ich jedoch jemand anders herein. Man wartet auf Sie. Möchten Sie Besuch empfangen?“
Kylie!, schoss es Charlotte durch den Kopf. Sie nickte der Schwester zu, die daraufhin hinaus auf den Gang trat.
Doch als sich die Tür wieder öffnete, kam nicht Kylie herein.
„Mama!“, rief Charlotte überglücklich. „Papa!“
Ihre Eltern kamen zum Krankenbett und umarmten ihre Tochter. Die ganze Familie weinte.
„Papa, wieso bist du hier? Deine Konferenz...“
„Ich bin sofort abgereist, als die Nachricht von deinem Unfall kam“, antwortete ihr Vater mit einem Kloß im Hals. Liebevoll strich er seiner Tochter über das Haar. Charlotte schlang die Arme um seinen Hals. Ihre Mutter stand lächelnd daneben. Charlotte liebte ihre Eltern, aber sie war schon immer ein Papakind gewesen.
„Wir haben schon von der Polizei alles erfahren“, erzählte Mr Bernstedt. „Und von Kylie“, fügte er nach einer Sekunde Stille hinzu. „Sie wartet draußen. Wir haben sie bei unserer Ankunft im Krankenhaus schon angetroffen. Sie hat die ganze Nacht hier verbracht. Willst du sie sehen?“
Charlotte nickte. „Natürlich.“
Kylie kam zögernd in das Krankenzimmer. Sie hielt einen kleinen Blumenstrauß wie einen Schutzschild vor ihrem Körper. Ihre Augen waren gerötet und völlig verheult. Sie sah müde und schuldbewusst aus. Schüchtern stand sie im Türrahmen und sagte kein Wort.
„Na, komm schon rein, Kyls“, forderte Charlotte sie auf und klopfte neben sich auf die Bettdecke.
Kylie kam langsam näher, während Charlottes Eltern den Raum verließen.
„Es tut mir so unendlich leid“, flüsterte Kylie und stand immer noch unschlüssig vor dem Bett.
„Ich weiß. Und ich mache dir auch keine Vorwürfe wegen des Unfalls. Dafür kannst du nichts. Aber die Sache mit dem Rauswurf aus dem Auto war eine Schweinerei. So etwas machen beste Freundinnen nicht.“
Kylie nickte. „Ich weiß. Ich war wieder sauer auf Pete und hab's an dir ausgelassen. - Sind wir noch Freundinnen?“
Charlotte lächelte und nickte. „Sind wir. Und ich bleibe auch den Rest der Woche bei dir. Kann ja eh nicht weg.“ Sie klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Gips.
„Beste Freundinnen?“, fragte Kylie leise.
Nun zögerte Charlotte. „Ich weiß nicht. Vielleicht reichen dafür Schreiben und Telefonieren nicht aus. Aber wir können versuchen, es wieder zu werden, ja?“
Kylie nickte und setzte sich nun endlich auf das Bett. Ein kleines Lächeln glitt über ihr Gesicht. Es dauerte ein wenig, bis ein richtiges Gespräch zustande kam. Aber schließlich schwatzten beide lebhaft miteinander. Nach einer halben Stunde ging Kylie wieder, und Charlotte war für ein paar Minuten alleine, da ihre Eltern mit dem Arzt sprachen.
Sie dachte an die vergangene Nacht zurück.
Zwei Dinge waren ihr durch die Erlebnisse klar geworden.
Sie musste sich zuerst selbst helfen, bevor sie auf die Hilfe anderer setzen konnte. Davor aber hatte sie keine Angst. Ihre Eltern, insbesondere ihr Vater, hatten sie zur Selbstständigkeit erzogen. Und offensichtlich Erfolg damit gehabt.
Die zweite Erkenntniss aber gefiel Charlotte überhaupt nicht.
Dinge änderten sich. Und Dinge, die einmal supertoll waren, konnten sich auch zum Schlechten wandeln.
Dieser Gedanke machte sie furchtbar traurig.
Ende der Rückblende
zu Teil 2
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