Charlotte schüttelte den Flashback ab, der nur wenige Sekunden gedauert hatte, so schnell waren die Ereignisse von damals an ihrem inneren Auge vorbeigeflogen. Sie konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart.
Als Erstes rief sie Annabelle an und bat diese, ihre Beziehungen zur Vancouver Police wegen des Unfallberichtes spielen zu lassen. Eine Viertelstunde später rief die Kollegin bereits zurück und spielte Charlotte das Band vor, auf dem sie den telefonischen Bericht ihres Kontakts aufgenommen hatte.
Ein Mann hatte bei grüner Fußgängerampel sein Fahrrad über die Straße geschoben, als plötzlich ein Wagen heranpreschte. Der Passant wollte die Straße noch schnell überqueren, schaffte es aber nicht ganz. Das Auto fuhr in das Hinterrad des Fahrrades, das daraufhin zur Seite geschleudert wurde. Der Mann stürzte, zog sich aber nur ein paar Schürfwunden zu. Der Unfallwagen raste davon.
Ein dunkles Auto, so lauteten die meisten Zeugenaussagen. Nur Rick Mahoney konnte Einzelheiten angeben. Er konkretisierte die Farbe als tiefblau. Außerdem hatte er den BC-Schriftzug auf dem Nummernschild gut erkennen können.
Falls Rick Mahoney wirklich verschwunden war, drängte sich für Charlotte die Frage auf, ob der Fahrer des Unfallwagens etwas damit zu tun hatte. Vielleicht war diesem ebenfalls bekannt, dass nur Mahoney mehr als den Schemen eines Fahrzeugs erkannt hatte? Dann aber müsste dieser Jemand ebenfalls über Kontakte zur Polizei verfügen.
Charlotte fuhr zum Unfallort, an dem jedoch nichts auf das Geschehen vor einigen Tagen hindeutete. Sie überlegte, wie sie vorgehen sollte. Die Polizei hatte in der unmittelbaren Umgebung der Kreuzung Befragungen auch der Geschäftsinhaber durchgeführt, das ging aus dem Bericht von Annabelles Kontakt hervor. Aber die Cops waren nicht weiter als bis zur nächsten Querstraße gekommen. Da kein wirklicher Personenschaden vorlag, wurde dem Fall keine größere Priorität eingeräumt. Dafür fehlte schlicht das Personal.
Langsam ging Charlotte die Straße nach Süden hinab und blickte sich aufmerksam um. Läden im Erdgeschoss, Büros oder Wohnungen in den Etagen darüber. Eine normale Straße, wie es sie zu Dutzenden in Vancouver gab.
Aber dann sah sie eine Tankstelle.
Die Idee, die ihr nun kam, war nicht mehr als ein Strohhalm, aber es würde sie nur ein paar Minuten Zeit kosten. Charlotte trat unter die Überdachung, ging an den vier im Moment unbesetzten Zapfsäulen vorbei, von denen eine zur Selbstbedienung vorgesehn war, und betrat den kleinen Verkaufsraum. Neben Zeitschriften und Tabak wurden auch Getränke und Spirituosen angeboten. Charlotte hielt vor der Kasse, hinter der eine Frau in mittleren Jahren Dienst tat. Wenig freundlich blickte diese die Kundin an.
„Entschuldigen Sie“, sprach Charlotte sie an, „ich benötige eine Auskunft.“ Sie zog die Geldbörse aus der Handtasche und entnahm ihr eine Zwanzigdollarnote. Wie nebensächlich glättete sie den Schein und wechselte ihn von einer in die andere Hand. „Ich suche einen bestimmten Wagen. Tiefblau, metallic, BC-Kennzeichen, ein Viertürer, wuchtig. Vielleicht hat der Wagen hier in den letzten Tagen einmal getankt?“
Die Frau hatte nur Augen für den Geldschein. „Kenne ich nicht.“
Charlotte schob ihr die Banknote ein wenig näher. „Ich bin für jede Information dankbar. Haben Sie vor drei Tagen ebenfalls hier gearbeitet, so um die Mittagszeit? Oder hatten Sie Ihren wohlverdienten freien Tag?“, schmeichelte Charlotte.
Sie ließ den Schein los. Sofort grapschte die Frau danach und stopfte ihn in die Tasche ihres grauen Kittels. „Nee, da war Kirby hier. Hat 'ne Doppelschicht abgerissen. Mitternacht bis 16 Uhr. Vielleicht kann der Ihnen helfen.“
„Wo kann ich ihn erreichen?“, fragte Charlotte und legte einen weiteren Zwanziger auf den Tresen.
„Er kommt heute etwas später. Sein Dienst beginnt um 18 Uhr.“
„Gut. Dann komme ich später wieder. Geben Sie an Kirby weiter, dass ich gut zahle für Informationen.“
Charlotte drehte sich um und verließ die Tankstelle.
Wieder dachte sie an ihren eigenen Unfall nahe Gatineau zurück. Der Wagen, der sie damals angefahren hatte, hatte nie ermittelt werden können. Aber vielleicht gelang es ihr, diese Unfallflucht hier aufzuklären. Auch, wenn sie möglicherweise gar nichts mit Mahoneys Verschwinden zu tun hatte.
Nach einem kurzen Abstecher in ihre Wohnung, wo sie in Joggingkleidung schlüpfte, fuhr sie zu Rick Mahoneys Adresse. Die Wohngegend ohne viel Durchgangsverkehr machte einen sauberen Eindruck. Die breiten Bürgersteige waren frei. Nur selten parkte ein Wagen am Fahrbahnrand. Charlotte fuhr an Mahoneys Anwesen vorbei und hielt zweihundert Meter entfernt in einer Seitenstraße. Langsam joggte sie zurück.
Mahoney wohnte in einem einstöckigen, weiß getünchten, einzeln stehenden Haus. Schmale Grünstreifen umgaben es zu allen Seiten. Hüfthohe Hecken, die begannen, ungeordnet in alle Richtungen auszuwachsen, begrenzten das Grundstück. Das Tor zur kleinen Garage, welche rechts an das Haus angrenzte, war geschlossen.
Charlotte klingelte an der Gartenpforte und wartete ein paar Sekunden. Dann betrat sie das Grundstück und schloss die Haustür auf.
„Mr Mahoney?“, rief sie laut. „Nicht erschrecken! Ihr Bruder schickt mich und gab mir den Ersatzschlüssel.“ Charlotte lauschte, doch es erfolgte keine Antwort.
Sie blickte sich in dem schmalen Flur um, von welchem mehrere geschlossene Türen zu anderen Zimmern abgingen. An der Garderobe hing eine leichte Sommerjacke. Auf der Kommode davor lagen zwei ungeöffnete Briefe. Das Schälchen, das vermutlich zum Aufnehmen der Schlüssel gedacht war, war leer. Charlotte zog den dunklen Vorhang neben der Garderobe zur Seite. Ein paar Schuhe standen ungeordnet auf dem Boden neben Putzzeug.
Sie ging weiter und öffnete die erste Tür auf der linken Seite. Sie führte zu einem kleinen Bad mit Dusche. Auf der Ablage vor dem Spiegel über dem Waschbecken stand ein Becher. Zahnbürste und Zahnpasta fehlten.
Charlotte betrat den nächsten Raum. Es musste das Arbeitszimmer sein, wie der Schreibtisch, eine kleine Bar und die Bücherwand vermuten ließen. Im Regal fehlten ein paar Bücher.
In der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr in der Spüle, aber der Tisch war abgeräumt.
Das Wohnzimmer am Ende des Flures war der größte Raum des Hauses. Eine Ledergarnitur, ein ausgeschalteter Radioapparat, ein Schallplattenspieler, auf dem eine Langspielplatte der Rolling Stones lag, und ein Fernseher beherrschten die zwei Wände, die an die Glasfront mit Tür zum rückwärtigen Garten angrenzten. Die kleine Steinterrasse war nicht überdacht und stand im vollen Sonnenlicht. Ein paar Pornomagazine lagen auf dem Beistelltisch, daneben Zeitschriften über Handfeuerwaffen.
Das Bett im Schlafzimmer war zerwühlt. Auf dem Nachttisch stand eine halb geleerte Flasche Whiskey. Charlotte öffnete die Tür zum Kleiderschrank. Auf Bügeln hingen Hosen, Jacketts und Pullover. Doch zwischen den Kleidungsstücken gab es immer wieder leere Bügel. Auf dem Schrank konnte Charlotte zwei Koffer erkennen. Die rechte Ecke des Schrankdachs war frei.
Platz für einen dritten?, fragte sie sich.
Sie streckte sich lang, ging auf die Zehenspitzen und fuhr mit dem Finger über die Oberfläche des Schranks. Nach ein wenig Staub am äußersten Rand folgte eine breite, glatte Fläche, die staubfrei war. Das ließ nur einen Schluss zu. Bis vor Kurzem hatte etwas - wahrscheinlich ein weiterer Koffer - dort gelegen.
Insgesamt machten die Zimmer einen recht aufgeräumten Eindruck.
Eine Entführung konnte Charlotte zu diesem Zeitpunkt ihrer Nachforschungen nicht ausschließen. Aber in keinem der Räume gab es Spuren eines Kampfes. Nichts war heruntergefallen und lag einfach so auf dem Boden.
Koffer, fehlende Kleidung, unvollständiges Badzeug und nicht vorhandener Schlüssel - alles deutete darauf hin, dass Rick Mahoney sein Haus für eine längere Zeit verlassen hatte.
Aber warum hat er seinem Bruder nichts erzählt, wenn er verreisen wollte?, fragte sich Charlotte. War ihr Verhältnis doch nicht so eng und harmonisch? Oder hat jemand Mahoney mit vorgehaltener Waffe zu genau diesem geordneten Vorgehen gezwungen?
Als Charlotte gerade das Schlafzimmer, das nach vorne hinausging, verlassen wollte, hörte sie von draußen das Geräusch eines bremsenden Autos. Sie sprang zur Wand und linste durch den Spalt zwischen Gardine und Fenster zur Straße. Ein schwarzer Mittelklassewagen hielt gerade am Bordstein direkt vor Mahoneys Anwesen. Zwei Männer stiegen aus. Sie trugen graue Hosen und Pullover, ihre Statur war gedrungen. Schnurstracks hielten sie auf das Haus zu.
Keiner der Mahoneys, erkannte Charlotte. Dann sah sie, wie einer der Kerle ein kleines Mäppchen aus seiner Hosentasche zog und einen silbernen, länglichen Gegenstand herausnahm.
Ein Dietrich!, vermutete Charlotte stark. Aber das sind ganz gewiss keine gewöhnlichen Einbrecher. Nicht am helllichten Tag.
Sie hatte also noch etwas Zeit, bis die Männer im Haus waren. Auf Zehenspitzen lief sie rasch aus dem Zimmer, dann den Flur hinunter und verschwand schließlich im Wohnzimmer. Leise schob sie die Terrassentür einen Spalt auf, schlüpfte hinaus und zog sie wieder zu. Geduckt lief sie um das Haus, bis sie unter dem Fenster des Schlafzimmers kauerte und die vordere Hecke sehen konnte. Sie hörte, wie die Haustür geöffnet wurde und die Männer im Inneren verschwanden.
Jetzt verfluchte Charlotte ihren auf Tarnung beruhenden Entschluss, ihren Wagen so weit entfernt abgestellt zu haben. Sie wägte kurz ab, was größere Aussicht auf Erfolg versprach, und entschied sich dann für den Peilsender. Geduckt huschte sie durch den Garten und zog vorsichtig die Pforte auf. Als sie das Grundstück verlassen hatte, lief sie dicht an der Hecke entlang und richtete sich erst auf, als sie das Nachbargrundstück erreicht hatte. Sie rannte zu ihrem Wagen zurück. Aus dem Handschuhfach nahm sie das zigarettenschachtelgroße Kästchen, das, einmal eingeschaltet, alle fünf Sekunden einen energiereichen Puls auf einer im öffentlichen Raum unbenutzten Frequenz sendete. Sie verschloss ihr Auto und rannte zurück.
Sollte sie jemand sehen, würde man sie für eine Sportlerin halten, die hier ihr Fitnessprogramm abspulte. Vielleicht würde man sich wundern, warum sie das nicht in einer der nicht weit entfernten Grünanlagen tat, aber wirklich verdächtig würde es niemandem vorkommen.
Wieder an Mahoneys Grundstück angekommen, drosselte Charlotte das Tempo und schlich zum Wagen der Einbrecher. Unter der hinteren Stoßstange befestigte sie den Sender, schaltete ihn ein und lief zurück zur Hecke. Konzentriert scannten ihre Augen die Vorderfront, aber sie konnte keine Bewegung an den Gardinen erkennen. Mehr Sicherheit konnte sie nicht erreichen, und so beschloss sie, schnell durch die Pforte und über den Rasen zu huschen.
Sollten die Männer sie sehen, konnte es ungemütlich werden.
Charlotte schlich zum Fenster des Schlafzimmers und lauschte. Vielleicht waren die Einbrecher dort zu Werke? Als sich ihr eigener galoppierender Herzschlag nach der Anstrengung endlich beruhigt hatte, konnte sie Geräusche im Innern des Zimmers hören. Es klang, als werfe jemand Gegenstände zu Boden.
Nach zwei Minuten sagte endlich jemand etwas. Dumpf kam die Stimme aus dem Innern. „Hast du was?“
Eine zweite Stimme antwortete: „Nein. Ich glaub' nicht, dass wir es überhaupt finden. Sowas versteckt man doch gut.“
„Befehl ist Befehl.“
Die andere Stimme brummte nur, dann hörte Charlotte, wie jemand gegen die Wand klopfte. Zuerst erschrak sie, doch dann wurde ihr klar, dass so nach einem Hohlraum gesucht wurde.
Was geht denn hier ab?, fragte sie sich verwundert. Die sind ja wirklich gründlich.
Ein paar Minuten lang hörte sie nur dieses Geräusch. Dann aber entfernten sich Schritte. Die beiden Männer verließen offensichtlich das Schlafzimmer. Charlotte lief zur Rückseite des Gebäudes. Tief in der Hocke spähte sie vorsichtig um die Ecke. Nun wurde es gefährlich für sie, falls die Männer in den Garten kamen. Nach ein paar Minuten, in denen wieder klopfende Geräusche zu hören waren, öffnete sich die Terrassentür. Beide Einbrecher traten hinaus in die Sonne, blieben aber direkt hinter der Tür stehen.
„Sollen wir hier auch suchen?“, fragte einer.
„Wo denn? Willst du den Garten umgraben?“ Er lachte höhnisch auf. „Wir haben gesucht, wo man normalerweise so etwas versteckt.“
„Gut. Schalten wir die Dinger ein. Das war's für uns hier.“
Charlotte wartete, bis die beiden wieder im Wohnzimmer verschwunden und ihre Schritte nicht mehr zu hören waren, dann schlich sie zur Vorderseite. Auch hier wartete sie zusammengekauert auf die Einbrecher. Nach drei Minuten kamen diese schließlich heraus. Vor der Tür blieben sie stehen.
„Hast du 20 Minuten eingestellt?“, vergewisserte sich der Mann mit der dunkleren Stimme. „Wir müssen weit weg sein, bevor es passiert.“
„Ja. Die Zahl ist noch nicht zu groß für mich“, gab der andere mit aggressivem Unterton zurück.
Während des kleinen Gesprächs verwarf Charlotte ihren ursprünglichen Plan, dem Auto der Ganoven in großer Entfernung zu folgen und auf den Peilsender zu vertrauen. Sie entschied sich blitzschnell um, denn sie hatte plötzlich eine böse Ahnung, was mit ‚Dinger‘ und ‚20 Minuten‘ gemeint war.
„Okay“, sagte der erste und zog die Tür zu.
Charlotte hatte bereits ihren Zeichenblock herausgeholt und sich so weit aus der Hocke aufgerichtet, dass sie einen Blick auf den Wagen der Ganoven werfen konnte. Die Zeit war knapp. Charlotte war sich nicht sicher, ob es klappen würde.
Das Auto fahruntüchtig zu machen, hatte keinen Sinn. Dann würden die Verbrecher zu Fuß flüchten und untertauchen. Aber es gab eine Möglichkeit, ihren Fluchtweg, wenn sie fuhren, zu verfolgen.
Sie zeichnete die Heckscheibe und deren Heizdrähte sowie ein unförmiges Etwas auf der Ablage des Rücksitzes, das sie nicht identifizieren konnte, dessen Silhouette aber ungewöhnlich war.
Die Männer waren bereits an der Gartenpforte angekommen.
Charlotte fokussierte den Blick auf das hintere Seitenfenster, zeichnete die Umrandung der Scheibe, den Knopf sowie den Griff der Tür und den Spalt zum Rest der Karosserie. Auch die Zierleiste wurde vermerkt.
Dann begann sie mit der Scheibe des Beifahrers. Doch als einer der Männer diese Tür öffnete und in den Wagen stieg, brach Charlotte ab. Die Situation der Tür hatte sich zu stark geändert. Dieser Teil ihrer Zeichnung hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Kopplung verloren.
Charlotte wartete, bis der Wagen abgefahren und nur mehr in der Ferne als dunkler Schemen zu erkennen war, dann signierte sie ihr Bild und drückte fest auf die gezeichnete Heckscheibe. Sofort fing ihre Nase an zu bluten. Die Kraft war also übertragen worden und würde das reale Glas zertrümmern. Charlotte drückte auf das gezeichnete Seitenfenster. An der Stärke der Blutung änderte sich nichts. Aber es sollte aller Erfahrung nach auch dort gereicht haben.
Der Wagen fuhr nun mit zwei vollständig zerstörten Scheiben durch Vancouver. Er würde Passanten, anderen Verkehrsteilnehmern oder vielleicht sogar der Polizei auffallen. So konnte man ihn grob verorten und seinen Weg verfolgen. Außerdem musste ein solcher Schaden repariert werden. Und an diesem Punkt wollte Charlotte mit ihren Ermittlungen später ansetzen. Der Peilsender würde, wenn man sich dem Wagen ausreichend genähert hatte, den genauen Standort verraten, wenn auch die Möglichkeit bestand, dass man das Sendekästchen in einer Werkstatt entdeckte. ‚Ausreichend‘ war allerdings ein dehnbarer Begriff und schwankte zwischen einhundert Metern bei starker Bebauung in der Umgebung und zehn Meilen in freiem Terrain.
Charlotte stopfte Zeichenblock und Stift zurück in die Tasche ihres Joggingsweaters und lief zur Rückseite des Hauses. Die Terrassentür war zugezogen und ließ sich nicht öffnen. Charlotte hielt sich nicht lange damit auf, sondern trat wuchtig mit der Sohle ihres Turnschuhs gegen die Scheibe. Das Glas splitterte. Sie entfernte spitze Reste vom Rahmen und ging gebückt in das Wohnzimmer.
Sofort nahm sie den stechenden Geruch wahr.
Benzin!
Und das Kästchen mit dem roten Blinklicht, das direkt neben einer feuchten Stelle auf dem Teppich stand, verscheuchte auch die letzten Zweifel. Ihre Ahnung hatte sich bewahrheitet. In nun nur noch 15 Minuten würde das Ding explodieren, das Wohnzimmer zerstören und gleichzeitig einen Brand auslösen.
Charlotte lief ins Schlafzimmer und fand dort dasselbe Szenario vor: benzingetränkter Boden und ein kleines Kästchen. Das genügte ihr. Sie vermutete, dass jeder Raum mit einer solchen Konstruktion versehen worden war.
Weg hier!, entschied sie und rannte aus dem Haus, denn hier konnte sie nichts mehr tun. Sie hatte keine Ahnung, ob man diese Kästchen einfach mit dem Kippschalter deaktivieren konnte oder nicht. Außerdem ging es nur um Sachwerte, denn es hielt sich niemand im Haus auf.
Wichtig war nun der Schutz der Nachbarn. Den Telefonapparat in Mahoneys Haus wollte Charlotte nicht nutzen. Es erschien ihr für das eigene Leben viel zu gefährlich. Wer wusste schon, wie genau die Zeitmessung dieser Bomben arbeitete?
Zurück auf der Straße schaute sich Charlotte in alle Richtungen um.
Da!
Im Garten des übernächsten Grundstücks die Straße hinunter hängte eine Frau Wäsche auf. Charlotte rannte in höchstem Tempo hinüber. Noch bevor sie das Anwesen erreicht hatte, rief sie laut: „Polizei! Ich muss die Polizei verständigen!“
***
Acht Minuten später war in der sonst so ruhigen Straße die Hölle los. Polizeiwagen riegelten den Bereich um Mahoneys Haus großräumig ab. Bewohner wurden aus ihren Häusern gebeten, manchmal mit sehr lauten Worten. Dutzende Menschen versammelten sich hinter dem wuchtigen Fahrzeug der Feuerwehr.
Und dann kam das Bombenentschärfungskommando der RCMP.
Zwei in schwere Schutzanzüge gehüllte Männer schoben eine extrem dickwandige Metallkiste am Haus vorbei in den hinteren Garten. Charlotte hatte ihnen genau beschrieben, wie groß die Kästchen waren, und das BEK hatte, wie sie wusste, daraufhin eine Schätzung der maximalen Sprengmasse vorgenommen. Sollte beim Einsammeln der Kästchen etwas schiefgehen, konnte man nur hoffen, dass die Spezialisten in ihren Schutzanzügen überlebten.
Nach und nach wurden nun alle Zimmer durchsucht, die Kästchen hinaus in den Garten getragen und in die Kiste gelegt. Zwei Minuten vor Ablauf der Frist kamen die Männer zurück und nickten dem Chef des BEK zu.
Jetzt hieß es: Warten.
Etwa 21 Minuten, nachdem die Ganoven Mahoneys Haus verlassen hatten, erfolgten nacheinander mehrere Explosionen. Sie waren glücklicherweise nur schwach. Stichflammen züngelten aus der Explosionsschutzkiste in die Höhe. Aber die Haltung der Mitglieder der Sondereinheit entspannte sich ein wenig. Mit ihrer Erfahrung hatten sie wohl sofort realisiert, dass die Zerstörungswucht der Sprengungen nur gering gewesen war. Sie schienen mit mehr Wucht gerechnet zu haben. Das Verfahren, die Richtung der Explosionsdruckwelle durch eine extrem stabile Kiste mit Trichteröffnung nach oben zu lenken, um so die umliegenden Häuser zu schützen, hatte sich offenbar bewährt.
Zehn Minuten lang verharrten alle weiter an ihren Plätzen, dann wurde ein Team mit einem Sprengstoffspürhund ins Haus geschickt. Doch dieser konnte nichts erschnüffeln.
Erst danach gab der Leiter des BEK Entwarnung für die Nachbarn, die wieder in ihre Häuser zurückkonnten. Überall hörte man Aufatmen, und die Gesichter der Anwohner überzogen sich mit Erleichterung. Mahoneys Grundstück blieb weiter mit Trassierband, auf dem in fetten Buchstaben die Warnung ‚danger of explosion‘ und ‚risque d'explosion‘ aufgedruckt waren, abgesperrt.
Charlotte machte ihre Aussage bei den Polizeibeamten, beschrieb die beiden Männer und gab das Kennzeichen, das sie sich beim Anbringen des Peilsenders eingeprägt hatte, zu Protokoll. Sie glaubte aber nicht, dass dies ein Ermittlungsansatz war. Und dem Gesichtsausdruck des Polizisten zufolge, war auch dieser der Meinung, dass das Kennzeichen gefälscht oder gestohlen sein musste. Was die zerstörten Scheiben am Wagen betraf, musste Charlotte zu einer Lüge greifen. Sie gab an, dass sie glaubte, gehört zu haben, wie Glas splitterte, und wies in die Richtung, in die der Wagen gefahren war. Man würde Glas auf der Straße finden, und somit war ihre Aussage belegt. Die Polizei würde also nach einem Fahrzeug mit zerstörten Scheiben fahnden lassen.
„Gibt es sonst noch etwas, das Ihnen erwähnenswert erscheint, Miss?“, wollte der Polizeibeamte zum Ende der Befragung noch wissen.
„Ja, auf 181 Megahertz sendet der Wagen alle fünf Sekunden einen Peilton. Ich habe einen entsprechenden Sender an der Stoßstange angebracht, als mir klar wurde, dass die beiden bei Mahoney einbrechen wollten.“
Der Polizist blickte sie ungläubig an. „Peilsender? Und so etwas haben Sie zufälligerweise beim Joggen dabei?“
„Natürlich nicht. Mein Wagen steht um die Ecke da hinten. Ich sagte ja schon, dass ich aus beruflichen Gründen hier bin. Das Jogging-Outfit dient nur der Tarnung. Falls Sie mir nicht glauben, fragen Sie bei Kommissar Phil Messier vom RCMP nach. Er kennt mich und wird sich für mich verbürgen, wenn es nötig sein sollte.“
Der immer noch verblüfft dreinblickende Polizist dankte und ging zu seinem Einsatzwagen. Charlotte konnte nicht hören, was er über das Funkgerät durchgab, aber sie vermutete, dass nun einige Streifenwagen mit entsprechenden Peilgeräten zu den Kfz-Werkstätten in der Umgebung geschickt wurden.
Eine seltsame Häufung von Ereignissen an diesem Tag, fand Charlotte. Mahoneys Verschwinden, ein Einbruch, ein Bombenanschlag - Zufall ist das nicht.
Vielleicht war Rick Mahoney untergetaucht, weil er befürchtete, jemanden verärgert zu haben? Vielleicht hatte es etwas mit seinem immer noch niemandem bekannten Beruf zu tun? Immerhin hatten die Bombenleger etwas gesucht, von dem sie vermuteten, dass er es in seinem Haus versteckt haben könnte. Und als sie es nicht gefunden hatten, wollten sie das Haus bis auf die Grundfesten abbrennen, damit es auch sonst niemand fand.
Um Wertsachen, die er vielleicht gestohlen hatte, konnte es nicht gehen. Die zerstörte der Eigentümer sicherlich nicht. Also handelte es sich um etwas anderes.
Und damit liefen Charlottes Gedanken wieder zu dem Verkehrsunfall zurück, in den Mahoney als Zeuge involviert gewesen war. Er als einziger hatte mehr von dem Unfallwagen gesehen. Hatte er ein Photo des Wagens gemacht, es der Polizei nicht übergeben, und erpresste nun den Halter des Fahrzeugs? Reichte Fahrerflucht bei einem Unfall ohne Personenschaden aus, um ein Bombenkommando zu schicken? Falls ja, musste dieser Jemand immens viel zu verlieren haben.
Charlotte schaute auf die Armbanduhr. Sie hoffte, dass sie nun einen Schritt weiterkommen würde, als sie zur Tankstelle zurückfuhr.
Kirby hatte Dienst. Breit grinste der junge Kerl sie an und machte mit Daumen und Zeigefinger das Zeichen für Geld. Charlotte legte eine Zwanzig-Dollarnote auf den Tresen, behielt aber wie am Vormittag die Hand darauf.
„Sie wissen, wonach ich suche?“
Kirby nickte. „Ich kenne den blauen Wagen, den Sie suchen. Der tankt öfters hier. Meist sitzen zwei Männer drin. Der Fahrer, und einer auf dem Rücksitz. Mich beachten sie gar nicht, wenn ich betanke. Halten sich wohl für was Besseres.“
Charlotte ließ den Geldschein los. „Können Sie sich an die Autonummer erinnern?“
„Teilweise. BC, dann WTX. Aber wie es weitergeht, weiß ich nicht.“
„Gut. Wenn er wieder hier tankt, rufen Sie mich an. Falls ich nicht persönlich am Apparat bin, sprechen Sie die komplette Autonummer bitte auf Band.“ Sie zog einen weiteren Zwanziger aus ihrem Portemonnaie und gab ihn Kirby, der das Geld mit einem Nicken einsteckte.
Anschließend fuhr Charlotte nach Hause. Die Befragung von Rick Mahoneys Nachbarn, ob diese etwas Ungewöhnliches in den Tagen vor dessen Verschwinden bemerkt hatten, verschob sie auf den nächsten Tag. Es war sicherlich besser, den Menschen nach dem Schreck mit den Brandbomben ein wenig Ruhe zu gönnen. Morgen, mit etwas Abstand, würden die Sinne jedoch nachträglich geschärft und vieles in der Erinnerung präsenter sein, was vielleicht schon vergessen geglaubt war. Charlotte versprach sich viel von dieser Befragung.
In ihrer Wohnung angekommen, rief sie ihren Kontakt bei der Provinzialbehörde für Fahrzeugzulassungen an und nannte diesem das Teilkennzeichen mit der Bitte um eine Auflistung passender Fahrzeuge. Sie konzentrierte sich zuerst auf den Großraum Vancouver. Ein Auto, das regelmäßig an einer bestimmten Tankstelle in der Stadt auftauchte, würde vermutlich kein durchreisender Tourist sein. Anschließend legte sie 200 Dollar als Informantenlohn in einen Briefumschlag, den sie am Folgetag postlagernd aufgeben würde.
Mehr konnte sie an diesem Tag in ihrem aktuellen Fall nicht tun.
***
„Oh, Mann!“, maulte der Mann und ließ die heiße Suppe demonstrativ vom Löffel zurück in den Teller fließen. „Ich bin Feinschmecker! Was du mir hier bietest, ist einfach nur Mist.“
Phil aß ruhig weiter, biss vom Baguette und der Hartwurst ab und trank das halbe Glas Mineralwasser aus. „Eine Woche werden Sie es schon aushalten, Minton. Einen Tag haben Sie ja schon geschafft.“
Mit einem angeekelten Gesichtsausdruck schob der Angesprochene den Teller von sich und lehnte sich im Küchenstuhl zurück. „Minton! Was für ein blöder Name!“
„Gewöhnen Sie sich daran. Für die nächsten Jahre im Zeugenschutz werden Sie Ryan Minton sein. Oder wollen Sie lieber unter Ihrem richtigen Namen weiterleben? Bud Cassidy wird es ihnen nicht danken, dass Sie gegen ihn aussagen wollen.“
Minton schnaubte verächtlich. „Der alte Cassidy! Hätte mich mal nicht als kleinen Lakaien behandeln sollen.“
„Das waren Sie doch auch. In der Hierarchie des Racketts standen sie ziemlich weit unten. Aber beruhigen Sie sich. Der Deal steht. Der Staatsanwalt braucht Ihre Aussage in persona vor Gericht. Aber das wissen Sie ja alles bereits. Wir könnten Cassidy sofort verhaften, wenn Sie uns die Dokumente jetzt schon aushändigen und nicht erst vor Gericht präsentieren.“
„Nee, die Liste mit den Zahlungen ist meine Lebensversicherung. Und euch Cops traue ich nicht. Habt ihr einmal die Beweise, bin ich unwichtig für euch. - Aber, was ich jetzt will, ist eine Zigarette. Hast du mir wenigstens welche bringen lassen?“
Phil schüttelte den Kopf.
„Mann, ich hätt' die andere Jacke nehmen sollen. Da waren noch welche drin.“ Wütend schob er den Stuhl zurück und sprang auf.
Phil seufzte. Stoisch aß er weiter.
„Auch Unterhaltung fehlt in diesem Loch.“ Ein anzügliches Grinsen stahl sich auf Mintons Gesicht. „Die beiden Brünetten vom letzten Wochenende. Die wären jetzt genau die richtige Gesellschaft. Vielleicht...“, er lachte bellend, „...gebe ich dir eine ab.“
Phil stellte das Glas ab. „Danke, kein Bedarf. Und zur Unterhaltung gibt's was zu lesen im Wohnzimmer. Oder machen Sie das Radio an. Alles wie gestern.“
Genervt rollte Phils Gesprächspartner mit den Augen. „Warum habt ihr nicht wenigstens 'nen weiblichen Cop geschickt? Mit der könnte ich jetzt Spaß haben. Stattdessen versauere ich hier.“
Er verließ die Küche und ging ins Wohnzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, und es brannten zwei kleine Tischlampen. In einer Ecke des karg möblierten Raumes lagen ein Stapel Publikationen, in der anderen Ecke stand das große Radio auf dem Boden. Ein Sofa war an die Wand geschoben. Durch das Fenster hinausschauen konnte man von dieser Position aus nicht. Aber hier, im neunten Stock eines Hochhauses, in dem es für Phils Zwecke erfreulich anonym zuging, gab es ohnehin nicht mehr zu sehen als weitere Wolkenkratzer und Straßen. Grünanlagen fehlten völlig.
Phil setzte das Abendessen in der Küche fort und blätterte in einer Tageszeitung. Plötzlich drang ein Geräusch in seine Aufmerksamkeit. Alarmiert hob er den Kopf. Es klang, als würden Gardinen aufgeschoben.
Der Kommissar sprang sofort auf und rief: „Weg vom Fenster!“
Er rannte die wenigen Meter ins andere Zimmer. Minton stand seitlich am Fenster und blickte gelangweilt hinaus. Ein paar Glasscheiben in etwa fünfzig Metern Entfernung waren alles, was er von seinem Platz aus sehen konnte.
Doch wenn er etwas sah, so konnte man auch ihn sehen.
Phils Warnung kam zu spät.
Eine Kugel schlug durch die Fensterscheibe. Es klirrte und surrte. Das Geschoss riss Mintons Hemd an der rechten Schulter sowie die Haut auf und drang in die dahinterliegende Wand ein.
Phil sprang nach vorne und riss seinen Schutzbefohlenen zu Boden. Dann rollte er sich nach rechts in den nicht einsehbaren Bereich. „Hierher!“, befahl er barsch, und der Mann gehorchte. Er krabbelte mit Panik im Gesicht zu Phil.
„An der Wand auf dem Boden hinausrobben!“, kam die nächste Anordnung.
Phil schlug die Wohnzimmertür von außen zu, sprang auf und riss seinen Schützling förmlich hoch.
„Was sollte das? Sie wissen, dass sie vom Fenster wegbleiben sollen.“
Phil drehte sich um und lief zur Garderobe. Er nahm seine Jacke und rief nach hinten: „Los, wir müssen hier weg. Man hat Sie gefunden.“ Er öffnete die Tür, und die beiden Männer stürzten hinaus auf den Gang.
Phil betätigte den Rufknopf seines Spezialfunkgeräts. Nach 20 Sekunden hatte er einen Kollegen der Royal Canadian Mounted Police am Apparat. „Phil Messier, Order X2RMBD. Safe House 1 korrumpiert. Schuss von einem der Nachbargebäude durch das Fenster. Benötige Extraktion bei Punkt Alpha.“
„Verstanden“, kam die lapidare Antwort.
Phil lief zum Bereich der drei Aufzüge und drückte auf alle Hol-Knöpfe. Aber er wartete nicht auf einen Lift, sondern wandte sich dem Treppenhaus zu. Er öffnete die Tür und horchte. Nichts war zu hören. Phil machte ein Zeichen, und die beiden Männer liefen, so leise sie konnten, die Treppen hinunter. Immer wieder blieb Phil für einen Moment stehen. Weiter waren keine Schritte zu hören.
Doch das änderte sich, als sie den vierten Stock erreichten. Stimmen drangen herauf, und Phil konnte einzelne Worte wie ‚Neunte Etage‘ hören. Leise öffnete er die Tür zum Gang, der zu den Apartments in diesem Stockwerk führte, schob Minton hinein und verschwand ebenfalls aus dem Treppenhaus. Die Tür verursachte ein leises Geräusch, als sie zufiel, aber Phil hoffte, dass es im Lärm der heraufeilenden Schritte unterging. Neben der Tür an die Wand gepresst, wartete er geduldig eine Minute, bis der Lärm im Treppenaufgang verstummt war.
Dann öffnete er die Tür einen Spalt und lauschte erneut. Nichts war zu hören, aber die Möglichkeit, dass jemand nur vortäuschte, nach oben gegangen zu sein, war nicht auszuschließen. Dennoch mussten sie aus dem Gebäude verschwinden. Phil und sein Schützling schlüpften durch den schmalen Spalt. Mit der Waffe in der Hand zielte Phil nach oben, doch dort rührte sich nichts. Er nickte Minton zu, deutete nach unten, und beide stiegen hinab bis ins Untergeschoss, dem Parkdeck. Phil bedeutete seinem Begleiter, sich an die Wand neben die schwere Metalltür zu stellen, riss diese dann mit einem Schwung auf und ließ sich gleichzeitig zu Boden fallen, die Waffe weiter im Anschlag. Doch niemand erwartete sie, kein Schuss ertönte. Die beiden Männer betraten daraufhin das Parkdeck. Phil schaltete das Licht ein. Noch während die Neonröhren flackernd ihren Betrieb aufnahmen, liefen er und Minton zum Ausgang der Tiefgarage.
Phil setzte den Ohrhörer des Funkgerätes ein und meldete leise: „Phil Messier. Bereit für Extraktion.“ Wenige Sekunden später kam die Antwort: „Fahrzeug Beta/3 auf dem Weg. ETA unter einer Minute.“
Phil bezog Position hinter einem parkenden Fahrzeug, von dessen Heck aus er einen guten Blick auf die Auffahrt und das heruntergelassene Rollgitter hatte. Wenig später leuchtete die rote Lampe über dem Ausgang auf, und das Gitter fuhr ratternd hoch. Ein grellgelber Wagen rollte die Schräge hinunter und blieb direkt, als er sich wieder auf waagerechtem Boden befand, stehen. Phil konnte das Nummernschild gut erkennen und atmete auf. Es entsprach dem des angekündigten Extraktionswagens.
Phil und Minton liefen hinüber und nahmen auf der Rückbank Platz. Währenddessen war der Beifahrer ausgestiegen und riss die aufgeklebten Farbfolien von Dach, Motorhaube, Kofferraumdeckel und den Türen ab. Auch die aufgebrachten, oberen Nummernschilder klickte er mit einer routinierten Handbewegung aus. Das Ganze hatte weniger als zwei Minuten gedauert, dann fuhr ein schmutzigweißer Durchschnittswagen, wie er tausendfach in Vancouver zu sehen war, aus der Tiefgarage hinaus und fädelte sich in den abendlichen Berufsverkehr ein. Die rotierenden Lichter der Polizeifahrzeuge, deren Besatzungen nun die Ermittlungen und die Suche nach dem Scharfschützen aufnehmen würden, ließen sie rasch hinter sich.
„Danke, Kollegen“, sagte Phil und gab einen ausführlichen Bericht.
Der Beifahrer drehte den Kopf nach hinten. „Wir bringen euch zu Location 4.“
***
Am folgenden Vormittag erhielt Charlotte per Eilpost die Aufstellung der Fahrzeuge, die zu dem Kennzeichenteil passten, das sich Kirby gemerkt hatte. Die Liste umfasste dreizehn Einträge und enthielt neben dem vollständigen Kennzeichen auch Name und Anschrift der Halter sowie eine genaue Typbeschreibung des Autos.
Charlotte machte sich auf den Weg. Sie wollte sämtliche Halter befragen, dabei aber mit denjenigen beginnen, welche in der Nähe der Tankstelle wohnten, und sich dann weiter nach außen im Stadtgebiet vorarbeiten.
Den ersten Namen konnte sie schnell streichen. Laut den Aussagen der Nachbarn befand sich die Familie seit zwei Wochen im Urlaub im Süden und hatte den Wagen mitgenommen.
Dann fuhr Charlotte zur zweiten Adresse. Läden, deren Namenszüge von den Schaufensterscheiben abblätterten, lagen im Parterre des vielstöckigen Gebäudes. Der blaue Wagen, den Charlotte suchte, parkte am Straßenrand. Er war frisch gebohnert, tiefergelegt und hatte einen verschnörkelten Kühlergrill. Charlotte bezweifelte, dass es der Unfallwagen war, denn von diesen Besonderheiten hatten weder Rick Mahoney noch Kirby gesprochen. Dennoch wollte sie Tanner Winston, den Halter, überprüfen. Er schien ein Autonarr zu sein, und darauf stellte Charlotte ihre Taktik ein.
Sie klingelte und stieg die Treppe in den zweiten Stock hinauf.
„Guten Tag, Mr Winston“, grüßte Charlotte den hageren, unrasierten Mann, der in der halb geöffneten Tür stand. „Ich habe Ihren Wagen bewundert. Ich bin schon lange auf der Suche nach einem solchen Prachtstück. Würden Sie mir den Wagen verkaufen?“
Das wird er garantiert nicht, war sich Charlotte sicher. Aber es wird seiner Eitelkeit schmeicheln.
Und Winston reagierte, wie sie vermutet hatte. „Verkaufen? Nee, Lady, da sind Sie bei mir falsch.“
„Oh, schade“, erwiderte Charlotte und machte ein trauriges Gesicht. „Ich wäre so gerne mit dem Schlitten zu meinem Freund gefahren. Der hätte Augen gemacht.“
„Ich muss weg, Lady. Wenn Sie so auf die Karre stehen, kann ich Sie 'n Stück mitnehmen.“
Super!, dachte Charlotte. Das ging ja einfacher, als gedacht. Ich musste ihn gar nicht um eine Probefahrt anhauen, um ihn weiter aushorchen zu können.
Sie lächelte, als ginge ihr größter Traum in Erfüllung. „Gerne. Das wäre wundervoll.“
Winston verließ die Wohnung, schloss ab, und die beiden gingen hinunter auf die Straße. Der Mann startete den Wagen. Mehrfach ließ er den Motor aufheulen, und Charlotte tat begeistert.
„Ein toller Sound“, flötete sie.
Dann preschte Winston los.
„Wieviel macht das Teil?“, fragte sie.
„Satte 135 Meilen pro Stunde.“
„Nicht schlecht. Innerhalb der Stadt können Sie dies aber nur schwer ausnutzen. Auf dem Landon Boulevard...“ Sie senkte verschwörerisch die Stimme. „...könnte es nachts gehen. Ich weiß das genau.“
Winston schaltete einen Gang hoch. Das Jaulen des Motors ließ nach. „Landon Boulevard? Nie gehört.“
„Unten, Ecke Rivertown Street, nicht weit von der Tankstelle. Dort ist die Straße doch besonders breit und nachts menschenleer.“
Winston zuckte mit den Achseln. „Kann sein, Lady. Ich nehme den Highway im Norden. Dort fahre ich das Baby hier öfters aus.“ Er klopfte auf das Armaturenbrett.
„Sie haben die Kiste getunt?“
Winston nickte stolz. „Klar. Sie ist einzigartig. Gerade letzte Woche hab ich 'nen neuen Sportauspuff anbringen lassen. Satte 12 PS mehr!“
„Wow! Letzte Woche?“
„Ja, hab den Wagen erst gestern zurückbekommen. Hat ewig gedauert, der Einbau.“
Dann kann er es nicht gewesen sein, schlussfolgerte Charlotte. „Wer hat den Einbau besorgt?“
Winston nannte ihr die Adresse einer Kfz-Werkstatt. Das konnte Charlotte überprüfen. Winston war also raus, denn so plump lügen würde niemand.
„Danke für's Mitnehmen. War echt ein Erlebnis. Würden Sie mich da vorne bitte rauslassen?“
Winston hielt an der nächsten Kreuzung, und Charlotte verabschiedete sich.
Sie nahm ein Taxi zurück zu ihrem Wagen. Dort blickte sie in ihre Liste und fuhr zum nächsten Namen, Brandon Donovan, ein aufstrebender Lokalpolitiker, der sich volksnah gab und für die rasche Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung für alle eintrat. Auf Charlotte hatte der Mann, zumindest in den Interviews, die sie von ihm kannte, immer einen sympathischen und kompetenten Eindruck gemacht.
Der Angestellten gegenüber, die sie in Donovans Privathaus antraf, gab sie sich als freie Journalistin aus und erfuhr, dass der Politiker an diesem Tag in seinem Büro an der Westminster Plaza anzutreffen war. Charlotte dankte und fuhr weiter.
In Donovans Büro sprach sie zuerst mit der Sekretärin. Wieder spielte sie die Rolle der Journalistin. „Ich würde Mr Donovan gerne zu seiner Haltung befragen, wie stark individuelle Lebensrisiken des Einzelnen durch die Gesellschaft abgedeckt werden müssen.“
Die Sekretärin telefonierte kurz mit ihrem Chef und brachte danach Charlotte ins Büro des Politikers.
„Miss Bernstedt“, sagte Donovan mit einem Lächeln. Er kam Charlotte entgegen und streckte ihr die Hand zur Begrüßung hin. Charlotte schlug ein und nahm dankend den angebotenen Platz an.
Sie musterte den Mann, den sie nun das erste Mal aus direkter Nähe sah. Sein Gesicht war ein wenig runzliger, als es im Fernsehen wirkte. Wohl eine Folge fehlenden Make-ups. Er machte einen freundlichen Eindruck und schien ihren Besuch nicht als Störung zu empfinden.
„Mr Donovan, ich möchte Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen. Ich schreibe einen Artikel über die verschiedenen Krankenversicherungsprogramme mit Fokus auf Zusatzbeiträge bei besonderen Risiken. Also Extremsport in der Freizeit oder Risiken im beruflichen Umfeld, im Gegensatz zu dem, was man gemeinhin ‚normale‘ Lebensführung nennt.“
„Ein wichtiges Thema“, konstatierte Donovan. „Wir brauchen einen allgemeinen Schutz für Jedermann. Aber dieser muss finanzierbar sein. Er kann und darf nicht alles abdecken.“
Charlotte hatte Block und Stift gezückt und gab vor, Notizen zu machen. „Die Kosten der Versorgung nach Verletzungen im Straßenverkehr sind einer der größten Posten im Gesundheitssystem. Sollten Autofahrer höhere Beiträge zahlen?“
Donovan schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Mobilität ist ein hohes Gut und gehört nach gängiger Auffassung - übrigens auch meiner eigenen - zur normalen Lebensführung.“
Neutral und distanziert wie eine professionelle Reporterin, die ein Thema bearbeitete, das sie selbst nicht außerordentlich interessierte, stellte Charlotte die nächste Frage. „Wie sieht es aus, wenn jemand einen Unfall verursacht hat? Das zeigt doch, dass man ein Risiko ist und damit höhere Schadenskosten verursacht.“
Donovans Blick verlor für den Bruchteil einer Sekunde den Fokus. Seine Augen wandten sich von Charlotte ab. Schnell aber hatte sich der Lokalpolitker wieder unter Kontrolle und widmete seine Aufmerksamkeit weiter freundlich lächelnd seiner Besucherin.
Charlotte hatte die kleine Reaktion bemerkt.
Hat meine Frage eine bestimmte Erinnerung bei ihm ausgelöst?
Charlotte spürte, wie sie Aufregung ergriff. Vielleicht war sie hier bereits auf der richtigen Spur. War Donovan der Unfallverursacher und hatte Mahoney durch Geld oder Drohungen zum Untertauchen bewegt? Aber noch war alles reine Spekulation.
Sie beschloss, direkter vorzugehen. „Mr Donovan, waren Sie einmal in einen Unfall verwickelt?“ Aufmerksam studierte sie ihren Gegenüber, um auch nicht die kleinste Reaktion zu übersehen. „Vielleicht sogar kürzlich?“
Donovans Lächeln fror ein. Er beugte sich in seinem Schreibtischstuhl nach vorne. „Ich verstehe nicht ganz, Miss Bernstedt. Diese Frage hat doch nichts mit Ihrem Anliegen zu tun.“
„Sie hat, Mr Donovan. Die Krankenversicherung interessiert mich erst in zweiter Linie. Mir geht es primär um den Unfall Landon Boulevard/Rivertown Street vor fünf Tagen. Ein Wagen, dessen Beschreibung auf Ihren passt, wurde am Tatort gesehen.“
Donovans Stirn begann zu glänzen.
Er schwitzt, registrierte Charlotte. Seine Körperhaltung ist viel angespannter als vor ein paar Minuten. Kaltblütig ist er jedenfalls nicht.
„Nein. Ich war an keinem Unfall schuld“, erwiderte Donovan schließlich. Im Gegensatz zu seinem sonstigen Auftreten klang seine Stimme aber normal. Charlotte konnte keine Unsicherheit heraushören.
Sie stand auf. „Vielen Dank für Ihre Zeit. Ich finde alleine hinaus“, verabschiedete sie sich und öffnete die Tür. Im Herausgehen drehte sich Charlotte noch einmal um. „Ich glaube Ihnen, Mr Donovan. Sie waren an keinem Unfall schuld, denn Sie lassen sich ja fast ausschließlich chauffieren, um auch während der Fahrt für die Bürger zu arbeiten. Ein schöner Zug, wie ich finde. - Das Arbeiten, nicht eine Fahrerflucht. Guten Tag.“
Donovan reagierte nicht. Versteinert saß er in seinem Stuhl, als Charlotte die Tür des Büros hinter sich schloss.
Sie fuhr mit dem Lift hinab ins Erdgeschoss und rannte hinaus auf den großen Parkplatz hinter dem Gebäude. Rasch lief sie die Reihen der Fahrzeuge entlang, bis sie die blaue Limousine von Donovan gefunden hatte. Sein Chauffeur war nirgends zu sehen.
Der Wagen muss kriminaltechnisch untersucht werden, dachte Charlotte.
Falls Donovans Fahrer wirklich der Unfallverursacher gewesen war, würde er vielleicht von seinem Chef den Auftrag bekommen, den Wagen nun, nach dem Auftauchen einer Journalistin, verschwinden zu lassen. Charlotte war überzeugt davon, dass man Spuren eines Anpralls auf ein Fahrrad würde feststellen können, wenngleich der Lack per Augenschein und Tasten auch im Motorbereich sauber und kratzerfrei schien.
Charlotte blickte sich noch einmal um. Sie war alleine auf dem Parkplatz. Sie ließ sich in die Hocke nieder. Durch das Beifahrerfenster fixierte sie den Knopf der Fahrertür und zeichnete den sich leicht kegelförmig nach oben verbreiternden Stift, die Verdickung am Ende, das Innenfutter der Tür, die Kurbel zum Bewegen der Fensterscheibe und den Griff der Tür. Dann signierte sie die Zeichnung, legte sie auf die Karosserie der Beifahrertür und blickte fokussiert auf den Türstift der Fahrerseite. Sie drückte mit dem Zeigefinger leicht auf die dreidimensionale Zeichnung und schob den Finger nach oben.
Doch noch geschah nichts. Charlotte wiederholte ihre Schiebebewegung.
Die Perspektive sollte es erlauben, eine ortsveränderliche Druckbewegung auf die Zeichnung in eine Bewegung nach oben auf den realen Stift zu übersetzen.
Nach mehreren Versuchen gelang es schlussendlich. Der Stift sprang hoch, und die Tür war nicht mehr verschlossen. Charlotte stand auf, riss die Ecke mit ihren Initialen vom Papier ab und lief auf die andere Seite. Wenig später saß sie im Fahrersitz, riss die Kabel unter dem Lenkrad hervor und biss mit den Zähnen die Isolierung der einzelnen Drähte in einem kleinen, vielleicht einen Zentimeter langen Bereich, ab. Dann drückte sie zwei nackte Leitungen aufeinander und schloss so den Wagen kurz. Der Motor sprang an.
Charlotte fuhr nicht weit. Nur zwei Blocks entfernt stellte sie den Wagen vor einer Telefonzelle ab und warf zwei Hundert-Dollarscheine auf den Beifahrersitz. Das sollte für die Reparatur der Kabel reichen. War Donovan unschuldig, so war es nur recht und billig, dass sie ihm den Schaden, den sie verursacht hatte, ersetzte. Und falls er der mittelbare Unfallverursacher war, so wollte Charlotte einem Kerl wie diesem erst recht nichts schuldig bleiben.
In der Telefonzelle nahm sie den Hörer ab und bat die Vermittlung um eine Verbindung zur Vancouver Police.
„Der Wagen BC WTX-139 war vermutlich letzte Woche in einen Sachschadenunfall mit Fahrerflucht verwickelt. Er steht aktuell 37, Yucatan Road.“
„Bitte nennen Sie Ihren Namen“, hörte sie noch, als sie aufhängte.
Rasch entfernte sie sich zu Fuß von Wagen und Telefonzelle und ging zurück zur Westminster Plaza.
Donovan war nun für die nächsten Stunden ihrem Zugriff entzogen, würde er doch einige Zeit auf der Polizeiwache verbringen.
So fuhr Charlotte zu Rick Mahoneys Adresse, denn die Befragung der Anwohner stand noch aus. Das Anwesen war weiter mit Trassierband umspannt. Abgesehen davon wirkte die Straße unauffällig. Auch heute parkten nur wenige Fahrzeuge am Bordstein. Die Gärten waren verwaist, ebenso die Bürgersteige. Nur ein einzelner Mann spazierte langsam mit seinem Hund. Charlotte hielt direkt neben ihm und stieg aus.
„Sie sind doch die Frau, die gestern die ganze Sache hier unter Kontrolle gebracht hat“, sagte der ältere Mann mit der Stirnglatze. Es klang beeindruckt.
Charlotte lächelte. „Nicht ganz. Ich habe nur die Bomben gesehen und bin panisch weggerannt.“
„Sie haben das BEK verständigt. Wer weiß, wie es sonst ausgegangen wäre, wenn hier alles angefangen hätte zu brennen. Vielleicht wären Explosionstrümmer durch die Luft geflogen? Mein Häuschen steht ja nicht allzu weit entfernt.“ Er deutete auf die andere Straßenseite zum übernächsten Haus.
Dann streckte er die Hand aus, und Charlotte schlug ein.
„Danke, Miss...“
„Bernstedt. Charlotte Bernstedt. Vielleicht könnten Sie mir ein paar Fragen beantworten? Ich suche Rick Mahoney.“
„Was wollen Sie wissen?“
„Kennen Sie ihn?“
Der Mann nickte. „Sicher. Er grüßt immer freundlich. Wir unterhalten uns auch ab und an ein wenig, wenn ich ihn auf meiner Runde treffe.“
„Hat er sich in den letzten Tagen irgendwie anders verhalten als sonst? War er vielleicht nervös oder angespannt? Haben Sie da etwas bemerkt?“, wollte Charlotte wissen.
„Na, er war vielleicht ein wenig aufgedrehter als sonst. Er scheint ja nichts wirklich ernst zu nehmen, habe ich so den Eindruck, und hat immer einen lockeren Spruch parat. Aber in der letzten Zeit kam es mir ein wenig aufgesetzt vor.“
„Seit wann genau?“
„Ein, vielleicht zwei Wochen“, kam die zögerliche Antwort des Hundebesitzers.
„Hat er etwas von einem Urlaub erzählt?“
„Nein. Zumindest mir nicht. Aber vielleicht seinem Bruder. Ich glaube, er heißt Richard. Schon dämlich, seine Kinder Rick und Richard zu nennen, finden Sie nicht auch?“
Charlotte korrigierte ihn nicht, sondern fragte weiter: „Gehen Sie häufiger hier spazieren?“
„Jeden Tag. Zweimal diese Runde, einmal hinten durch den Park.“
„Ist Ihnen in den letzten Tagen etwas Ungewöhnliches aufgefallen hier in der Gegend?“
Der Mann machte ein nachdenkliches Gesicht und kaute auf der Unterlippe. „Eigentlich nicht. Seavers hatten eine Party vor... vor drei... nein, vier Tagen. Da war hier viel Trubel. Aber ansonsten? Ich glaube nicht.“
„Vielleicht ein Fußgänger, den Sie hier noch nie gesehen haben? Oder der sich irgendwie verdächtig benommen hat?“, bohrte Charlotte nach.
Wieder überlegte der Mann. Seine Stirn legte sich in Falten. „Doch! Jetzt fällt's mir wieder ein. Da war ein Wagen. Dunkelgrau. Den habe ich hier noch nie gesehen. Der parkte direkt vor Mahoneys Grundstück. Das war... vorgestern Abend. Rick bekommt öfters Besuch. Meist von Damen. Oder meinen Sie, der Wagen hat was mit den Bomben zu tun?“
Vorgestern!, dachte Charlotte elektrisiert. Abends, am Tag des Verschwindens.
Sie verneinte die Frage. „Ich habe den Wagen der Bombenleger gesehen. Er war schwarz. - Können Sie sich an das Kennzeichenn des grauen Autos erinnern?“
Leichter Triumph spiegelte sich auf dem Gesicht des Mannes. Er zog ein kleines, in Leder eingebundenes Buch aus seiner Jackentasche. „Ich habe es notiert.“ Er schlug das Buch auf und blätterte ein paar Mal um. „Ah, hier. BC. und dann DPM-997. Vielleicht hilft Ihnen das.“
Charlotte sog überrascht dieLuft ein. Sie dankte dem freundlichen, hilfsbereiten Mann und stieg in ihr Auto ein. Der Anwohner ging mit seinem Hund weiter und war bald nur noch ein kleiner Punkt am Horizont.
Diese Information musste Charlotte erst einmal verdauen.
Sie kannte den Wagen, den der Hundebesitzer gesehen hatte. Er gehörte Phil. Dieser nutzte ihn sowohl privat als auch beruflich.
Was, zum Henker, hat Phil am Tag von Mahoneys Verschwinden vor dessen Haus zu tun gehabt?
***
Am späten Abend saß Charlotte in ihrer Wohnung beim Abendessen. Das Radio spielte leise im Hintergrund. Plötzlich klingelte das Telefon.
„Bernstedt.“
„Char, hör zu. Ich brauche deine Hilfe“, kam Phils Stimme aus dem Hörer. Anspannung war ihr anzuhören.
Charlotte schluckte ihre Fragen herunter. Sie hatte seit ihrer Rückkehr bereits mehrfach im Polizeirevier angerufen, aber immer nur die Aussage erhalten, der Kommissar sei nicht anwesend, und man wisse nicht, wann er wiederkäme.
„Schieß los!“
Phil erklärte in knappen Worten. Ohne Rückfragen sagte Charlotte zu, alles zu erledigen.
***
Rund anderthalb Stunden später betrat Charlotte mit einer großen Reisetasche das Hotel, in dem sie vor einigen Monaten Julia, die angehende Reporterin aus Cheesapeak, vor Ganoven versteckt hatte. Phil hatte es in seinem Telefonat verschlüsselt als Treffpunkt benannt: eine nach kurzem, aufregendem Flug gelandete Wohnmöglichkeit für traumatisierte Freunde.
Charlotte ging direkt zu Zimmer 106 und klopfte das verabredete Zeichen. Phil öffnete die Tür einen Spalt weit. Die Waffe hielt er im Anschlag.
„Ich bin alleine“, sagte Charlotte.
Phil senkte die Pistole und trat zur Seite. Charlotte schlüpfte in das Hotelzimmer hinein. Phil schloss die Tür von innen ab und trat sofort zur Seite, wo mehr als nur ein dünnes Holzblatt ihn vor Kugeln möglicher Angreifer schützte. Ein eigentlich unnötiges Manöver, denn der Gang war leer. Aber es verriet Phils Anspannung.
Ryan Minton stand vom Bett auf.
„Heh“, rief er mit einem anzüglichen Grinsen auf dem Gesicht und kam näher. Sein Blick glitt mehrfach an Charlottes Körper auf und ab. Ihm gefiel ganz offensichtlich, was er sah. „Die Kleine ist ganz nach meinem Geschmack. Okay, ein anderer Fummel muss her. Blue Jeans und Sweater.“ Er lachte auf. „Aber mir geht es ja nicht um das Geschenkpapier, sondern mehr um das, was darin verpackt ist.“ Er streckte die Hand aus und wollte Charlottes Wange berühren.
Charlotte wich mit einer geschmeidigen Bewegung aus. „Mr Rick Mahoney, Ihr Bruder sucht Sie. Dass ich Sie auf diesem Wege finde, noch dazu zufällig, hatte ich nicht erwartet.“
„Warum so förmlich, Kleine?“, grinste Mahoney weiter. Erneut streckte er die Hände aus und wollte die junge Frau an den Schultern greifen. Charlotte war klar, dass der Kerl sie umdrehen und ihre Kehrseite begaffen wollte.
Phil stand einen Schritt entfernt und schaute der Szene mit einem mitleidigen Lächeln zu.
Charlotte riss blitzschnell die Arme hoch, trat einen halben Schritt nach hinten von Mahoney weg, griff nach dessen rechten Arm und wirbelte den Mann herum. Sie drückte ihn an die Wand und zog ihm den Arm auf den Rücken und nach oben. Gleichzeitig presste sie ihr linkes Knie auf Mahoneys andere Hand und fixierte den linken Arm des Kerls an der Wand des Hotelzimmers. Ihre eigene linke Hand legte sie auf Mahoneys linke Wange und presste den Handballen zwischen Ober- und Unterkiefer. Noch verspürte Mahoney keinen wirklichen Schmerz, aber seine rechte Gesichtshälfte wurde unangenehm an die raue Tapete gedrückt. Sein rechtes Schultergelenk stand unter merklicher Spannung, welche Charlotte jederzeit erhöhen konnte.
Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und zischte aus wenigen Zentimetern Entfernung mit Eiseskälte in der Stimme: „Die Kleine hier mag es überhaupt nicht, wenn man sie ungefragt anfasst. Das sollte selbst ein Crétin wie du nach dem ersten Versuch gemerkt haben.“
Mahoney sagte etwas, doch aus seinem gequetschten Mund kam nur Unverständliches.
„Und die Kleine“, fuhr Charlotte fort und betonte die Worte stark, „würde dir am liebsten Manieren beibringen. Sozusagen als Vorschau darauf, was dir blüht, falls du einen dritten Versuch unternehmen solltest. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Wir haben andere Probleme. Du solltest nur eines wissen: Phil hat einen Eid geschworen und wird dich schützen. Ich aber bin aus freien Stücken hier. Wen ich schütze, das entscheide ich selbst.“
Natürlich würde sie Phil helfen, seinen Auftrag zu erfüllen und auch einen Rüpel wie diesen Rick Mahoney vor Mordanschlägen schützen, solange Eigenschutz und der Schutz von Phil, was beides Vorrang hatte, dem nicht entgegenstanden. Aber darüber konnte Mahoney ruhig noch ein wenig im Unklaren gelassen werden.
Charlotte ließ den Mann übergangslos frei und trat zwei große Schritte zurück. Auf alles gefasst, fokussierte sie Mahoney, der sich umdrehte, mit einer Hand über sein Gesicht fuhr und nur wenig von seinem Grinsen verloren hatte.
„Eine Wildkatze. So mag ich meine Girls. Bei dir hätte ich gerne Schutzgeld eingetrieben. Wir hätten uns bestimmt einigen können, wenn's bei dir mal finanziell eng gewesen wäre.“
Das Grinsen weiter anzüglich, die Worte eindeutig anspielend, machte er aber keine Anstalten, sich Charlotte erneut zu nähern.
Charlotte ignorierte seine Worte und trat zu Phil.
„Char, hast du alles?“
Sie nickte und deutete auf die Tasche neben der Tür. „Kleidung, das spezielle Equipment und meine Vorbereitungen. Alles erledigt.“
„Danke.“
Phil öffnete die Reisetasche und warf die Kleidung auf das Bett. „Minton, umziehen! Alles! Vielleicht befindet sich ein Minisender an unseren Sachen.“
Er selbst nahm sich ebenfalls Hose, Hemd und Unterwäsche, während Charlotte im Bad verschwand. Nach zwei Minuten klopfte Phil an die Tür und trat ein. Er hatte sich umgezogen und trug nun eine unauffällige dunkle Hose, ein weißes Hemd und ein Jackett.
„Glaubst du wirklich an eine undichte Stelle bei euch?“, fragte Charlotte.
„Sehr gut möglich. Nach dem Schuss in Location 1 gestern Abend ging es zu Location 4. Dort war so weit alles ruhig, bis heute Nachmittag endlich die Ablösung kam. Allerdings eine Viertelstunde zu früh, und das unangekündigt. Das kann nur bedeuten, dass Cassidy irgendwie auch von diesem Safe House erfahren hat. Peilsender oder Verräter - darauf läuft es wohl hinaus. Aber von diesem Hotel weiß noch nicht einmal der Staatsanwalt. Sobald Mahoney nächste Woche seine Aussage gemacht hat, ist er in der Verantwortung der Abteilung für Zeugenschutz. Bis dahin muss ich ihn am Leben halten. Hast du eine Idee, wo wir uns bis dahin verstecken können?“
„Ja. Ich bin bei Annabelle vorbeigefahren. Sie hat mir den Schlüssel zu ihrem Blockhaus gegeben. Es liegt im Süden, tief im Wald. Niemand sucht uns dort.“
Phil war einverstanden. „Gut. Falls Bud Cassidy uns auch dort findet und einkassiert, liegt alles an dir und den Sendern.“
„Ich erneuere die Zeichnungen jeden Tag, den wir dort verbringen. Ich muss ja im Fall der Fälle nur wenig Kraft übertragen. Das wird reichen, glaube mir, selbst wenn ihr meilenweit entfernt seid. Ich verständige dann deine Kollegen für die Suche. Ob es einen Verräter bei euch gibt, spielt dann ja keine Rolle mehr.“
Charlotte öffnete die Badtür, und die beiden gingen zurück in das Hotelzimmer.
„Verdammt!“, fluchte Phil. „Wo ist der Idiot hin?“
Von Rick Mahoney fehlte jede Spur. Er hatte sich offensichtlich, wie gefordert, umgezogen, denn seine eigene Kleidung lag auf dem Bett.
Charlotte blickte sich aufmerksam im Zimmer um. „Er hat telefoniert“, stellte sie fest und deutete auf den Apparat auf dem Schreibtisch. „Das Telefon steht etwas schräger zur Kante als zuvor. Hm... Cassidy hat ihn wohl nicht. Das wäre nicht so lautlos abgelaufen, denn wir haben ja nicht mitbekommen, dass jemand die Tür öffnete.“
Phil war der gleichen Ansicht. „Komm!“, forderte er Charlotte auf. „Wir müssen ihn wiederfinden.“
Sie liefen hinunter zur Eingangshalle des Hotels. An der Rezeption zückte Phil seine Dienstmarke. „Von Zimmer 106 wurde gerade eben telefoniert. Wohin?“
„Sir, da müsste ich in der Telefonzentrale nachfragen“, antwortete der Nachtportier.
„Tun Sie das! Sofort!“
Der Rezeptionist öffnete die Tür zum Büro, die direkt neben dem Tresen lag, und hob den Hörer vom dortigen Apparat. Charlotte sah, wie er mehrfach nickte, konnte aber nicht verstehen, was der Mann sagte, so leise sprach dieser. Nach einer Minute kam der Portier zurück.
„Sir, die Telefonvermittlung hat viel zu tun. Wir teilen sie uns mit den angrenzenden Hotels. Die Kollegin, die den Anruf vermittelte, konnte sich nur noch an einen Teil der Nummer erinnern. Vancouver, 23 49 04. Die lezten beiden Ziffern fehlen.“
„Danke“, sagte Phil und lief mit Charlotte hinaus auf den Hotelparkplatz.
„Cassidys Nummer?“, fragte Charlotte, als sie ihren Wagen erreicht und aufgesperrt hatte.
„Würde passen. - Kannst du den Sender aktivieren?“
Charlotte zog den Block aus ihrer Gesäßtasche. Sie blätterte um, bis sie die gesuchte Zeichnung gefunden hatte. Das Bild zeigte den geöffneten Absatz eines Herrenschuhs. Aber wichtiger war das kleine Kästchen, das ein Etikett mit den Buchstaben MAH zierte. Charlotte hatte den Sender und den Aufkleber nach Phils Anruf dort versteckt und mit Klebeband fixiert. An einem Ende des Senders gab es einen kleinen, eingelassenen Knopf, der sich ebenfalls auf der Zeichnung befand. Charlotte unterzeichnete das Bild, das sie vor etwa zwei Stunden in Phils Wohnung angefertigt hatte, und drückte auf den Anschaltknopf. Wie bei der geplanten und dann wegen der Bomben nicht durchgeführten Verfolgung der Einbrecher in Rick Mahoneys Wohnung, würde auch dieser Sender nun alle fünf Sekunden ein starkes Signal emittieren. Die Frequenz kannte niemand außer ihr, aber dennoch bestand natürlich die Gefahr einer zufälligen Entdeckung. Eigentlich waren die Sender für den Fall einer Entführung durch Cassidy gedacht, denn auch Phils linker Schuh war so präpariert. Aber nun würde das Signal Charlotte und Phil hoffentlich erlauben, Mahoneys Aufenthaltsort zu bestimmen. Da Charlottes Gabe im Gegensatz zu Funk nicht durch dichte Bebauung gedämpft wurde, hatte sich Phil in seiner Planung gegen die extern über ein Funksignal aktivierbaren Peilsender entschieden.
Charlotte wischte sich mit einem Taschentuch über die blutende Nase, deaktivierte die Zeichnung und startete den Wagen. Phil nahm das Peilgerät aus dem Handschuhfach und stellte es auf die verwendete Frequenz ein. Er hielt es an die Windschutzscheibe und ließ die stabförmige Antenne gleichmäßig einen Halbkreis beschreiben.
Sie hatten Glück, denn sie empfingen ein Peilsignal.
Phil gab Charlotte die Richtung an, aus der das stärkste Signal kam. Charlotte startete den Wagen. Die nächsten dreißig Minuten fuhren sie nach Phils Peilungsanweisungen durch die Stadt. Mittlerweile war es dunkel geworden.
Plötzlich aber sagte Phil: „Warte. Das Signal ist so stark wie nie. Ich glaube, wir haben ihn gleich.“ Er schaltete auf die niedrigste Verstärkung. Sofort sprang der Zeiger, der fast am Anschlag war, ins untere Drittel der Skala. Charlotte drosselte die Geschwindigkeit. Der Skalenausschlag stieg weiter. Schließlich deutete Phil auf ein einzeln stehendes Haus. Hinter einigen Fenstern im Parterre brannte Licht.
Charlotte fuhr langsam daran vorbei, bog in die nächste Querstraße ein und stoppte erst, als sie das Zielhaus nicht mehr sehen konnte. Dann stiegen die beiden Freunde aus und schlichen sich auf das Grundstück, auf dem sie Mahoney vermuteten. Phil hielt seine Waffe in der Hand. Leise entsicherte er sie. Er deutete auf das große Fenster, hinter dem die Schemen von sich bewegenden Menschen zu sehen waren. Leise schlichen sich die beiden an und kauerten sich unter das geschlossene Fenster, dessen Gardinen zugezogen waren. Schwer verständlich und stark gedämpft drangen dumpfe Stimmen heraus.
„So, du... Ratte wolltest mich erschießen. Dachtest... ich falle auf... Anruf rein und glaube dir, dass du die Dokumente zurückgeben willst.“
Phil formte lautlos die Worte ‚Bud Cassidy‘.
Ein gehässiges, arrogantes Lachen ertönte. Dieselbe Stimme sprach weiter: „...Polizei kann... nicht schützen. Da hast... recht. Habe jemanden... Lohnliste.“
Wieder erklang das Lachen. Doch diesmal mischte sich Boshaftigkeit hinein. „Und... will... wissen, wo... versteckt sind.“
Eine andere Stimme antwortete gepresst: „Hören Sie ... Cassidy. Ich tauche unter... Geld... 100.000 Dollar... Sie nicht viel... Umschlag...“
Charlotte erkannte die Stimme des Zeugen.
So ein Idiot!, dachte sie entgeistert. Er wollte Cassidy töten, um damit sein eigenes Leben zu retten, da er der Polizei nicht mehr zutraute, ihn zu schützen. Und nun, wo Cassidy ihn irgendwie geschnappt hat, will er sich mit einer Erpressung retten. So blöde kann man doch gar nicht sein!
Ein Schrei ertönte, den auch das Glas nur bedingt dämpfte. Dann hörte Charlotte ein Poltern, als ein Körper zu Boden fiel.
„Die Unterlagen... sofort!“, brüllte Cassidy. „Vielleicht lasse ich dich dann am Leben... deine einzige Chance.“
Ein dumpfes Geräusch ertönte, und dann erneut ein Aufschrei.
„Erst... Geld“, sagte Mahoney.
Charlotte beugte sich zur Seite und flüsterte Phil den Plan zu, den sie sich gerade überlegt hatte. Der Kommissar war einverstanden. Es blieb keine Zeit, Verstärkung zu rufen und auf die Ankunft von Phils Kollegen oder Beamten des VPD zu warten. Charlotte schlich ein paar Meter zurück, um die Hausfront überblicken zu können. Das Licht der Straßenlaternen erlaubte ihr, ein wenig von der Hauswand zu erkennen. Rasch brachte sie das erste Fenster an der Vorderseite zu Papier. Die Gardine war nur halb zugezogen. Das würde für eine Identifizierung und Kopplung ausreichen.
Das große Fenster, unter dem sie gelauscht hatten, stellte allerdings ein Problem dar, wie sie nun aus dieser Perspektive sah. Es war schlicht nur ein großes Rechteck ohne Besonderheiten. Auch die Mauer darum war eintönig grau in diesem Licht, wies keine Unebenheiten, Risse oder sonstige Merkmale auf. Charlotte schlich wieder zu Phil, ignorierte dessen fragenden Blick und hob ein Ahornblatt vom Boden auf. Sie feuchtete es mit der Zunge an und klebte es vorsichtig an den unteren rechten Rand des Glases. Dann ging sie wieder ein paar Schritte zurück und zeichnete auf einem neuen Blatt Papier das nun markierte Fenster.
Anschließend lief sie um das Haus herum und zeichnete noch weitere Fenster, bis sie insgesamt fünf noch unsignierte Seiten auf ihrem Block hatte. Leise schlich sie zurück zu Phil.
Der Plan ging los.
Sie signierte das Bild von der Rückseite des Hauses und schlug auf die gezeichnete Terrassentür. Sofort war das laute Splittern von Glas zu hören. Abrupt verstummten die Gespräche im Innern des Hauses.
Ein paar Sekunden später befahl Cassidy: „Schau nach!“
Nun ging es Schlag auf Schlag. Im Abstand von zehn Herzschlägen zertrümmerte Charlotte weitere Fenster. Nur das große, unter dem Phil und sie immer noch kauerten, sparte sie noch aus.
Als vier Fenster zerstört waren und Cassidy mehrmals jemanden hinausgeschickt hatte, schob Phil vorsichtig den Kopf hoch. Er hob zwei Finger.
Gut, dachte Charlotte. Dann sind wohl nur noch Cassidy und Mahoney im Raum. Sie signierte das letzte Bild, drückte sich so dicht wie möglich an die Hauswand und senkte den Kopf. Dann schlug sie mit beiden Fäusten auf die gezeichnete große Scheibe. Berstend zersprang das Glas, aber der überwiegende Teil der Splitter fiel nach innen.
Phil sprang im selben Moment auf, hechtete mit dem Unterarm als Schutz vor den Augen durch den nun leeren Fensterrahmen, rollte sich gekonnt ab und schob die bodentiefe Gardine zur Seite. Er hatte seine Waffe im Anschlag und richtete sie auf Bud Cassidy, der hinter einem Schreibtisch saß.
„Keine Bewegung!“, sagte Phil.
Drei Sekunden, nachdem das Fenster zerstört worden war, hatte Phil bereits die zwei Meter zu dem verdutzt reglos dastehenden Rick Mahoney überwunden, griff dessen Arm und drängte ihn zum Fenster.
Vor dem Gangsterboss lag ein Revolver, aber Cassidy machte keine Anstalten, danach zu greifen. Stattdessen rief er laut: „Keith! Hierher! Polizei!“ Er wusste genau, dass Phil nicht auf ihn schießen durfte, wenn er den Beamten nicht direkt mit einer Waffe bedrohte.
Charlotte zerrte unterdessen den Zeugen durch den Fensterrahmen. Mahoney schien nun endlich begriffen zu haben, dass dies seine einzige Rettungsmöglichkeit war. Von außerhalb des Zimmers ertönten schnelle Schritte. Phil sprang mit großen Sätzen rückwärts, ließ Cassidy nicht aus den Augen und kletterte hinaus.
Im Türrahmen tauchte eine Gestalt auf. Phil schoss sofort in die Decke, um etwas Zeit zu gewinnen. Dann war er im Garten, feuerte aber noch einmal einen Warnschuss ab.
Charlotte rannte unterdessen mit Mahoney im Schlepptau zum Nachbargarten.
„Rüber!“, zischte sie und kletterte über die Hecke.
Mahoney folgte, aber da ertönte ein Schuss. Der Zeuge schrie auf und fiel nach vorne. Phil hechtete ebenfalls über die Hecke, und die beiden Freunde griffen den Zeugen, rissen ihn hoch und schleppten ihn weiter.
Mehrere Ganoven waren unterdessen aus Cassidys Haus gekommen. Aber ihre Augen waren noch an das helle Licht im Haus gewöhnt. Sie feuerten, aber ihre Schüsse gingen in alle Richtungen.
Charlotte, Phil und Mahoney waren schon zu weit entfernt, als dass die Gangster sie noch treffen konnten. Sehen konnte man sie vermutlich nicht, und da sie keine lauten Geräusche verursachten, wohl auch nicht hören.
Cassidys Stimme schrie: „Merde! Weg hier!“
Keuchend kamen die drei an Charlottes Wagen an. Phil schob Mahoney in den Fond und sprang selbst auf den Beifahrersitz. Charlotte fuhr bereits los, als Phil gerade erst die Tür schloss.
„Mahoney“, sagte Phil und drehte den Kopf. Doch der Mann, der bäuchlings auf dem Rücksitz lag, antwortete nicht.
Charlotte schaltete für einen Moment das Innenlicht ein, konzentrierte sich aber auf die Fahrbahn. Phil konnte den großen, roten Fleck auf Mahoneys Hemd im Bereich des unteren Rückens ausmachen. Blut tropfte auf die Bodenmatte.
„Er ist getroffen.“
Charlotte antwortete nicht, sondern fuhr, so schnell sie es verantworten konnte. Ziel war das nächste Hospital. Vor Kreuzungen bremste sie ab, rollte aber vorsichtig in diese hinein, und wenn niemand aus der Querstraße kam, fuhr sie bei Rot weiter. Nach einer Viertelstunde hatte sie das Krankenhaus erreicht. Phil rannte zur Notaufnahme. Nur eine Minute später kamen Sanitäter mit einer Trage und holten den Verletzten ab.
Charlotte fuhr ein Stück weiter auf die zu dieser Stunde freien Besucherparkplätze und wartete.
Phil kam ein paar Minuten später zurück. „Der Staatsanwalt schickt Kollegen von außerhalb zu Mahoneys Bewachung. Ich bleibe noch, bis diese hier sind. Du aber fährst nach Hause.“ Er reichte Charlotte ein Taschentuch, die es unter die immer noch leicht blutende Nase hielt. „Dein Auftrag ist erledigt. - Donovans Chauffeur wird übrigens wegen Fahrerflucht angeklagt, Donovan selbst wegen Beihilfe. Beide beteuern, es sei eine Kurzschlusshandlung gewesen.“
Charlotte gab Phil einen flüchtigen Abschiedskuss auf die Wange. In gemächlichem Tempo fuhr sie zurück nach Hause.
In ihrer Wohnung rief sie zuerst ihren Auftraggeber an. Robert Mahoney war bereits vom Hospital verständigt worden, bedankte sich aber bei Charlotte für die rasche Erledigung seines Auftrags. Dann verständigte sie ihre Stammwerkstatt und bat darum, ihren Wagen abzuholen und gründlich zu reinigen.
Nach einer ausgiebigen Dusche setzte sie sich mit einer dampfenden Tasse Tee und einer Wolldecke auf den Balkon. Gedankenverloren pustete sie in die Tasse und schaute in den Nachthimmel.
Sie war zufrieden mit sich.
Einen Bombenanschlag vereitelt, Mahoney gefunden, Phil geholfen, einen Fahrerflüchtigen überführt. Und das alles innerhalb zweier Tagen. Das konnte sich sehen lassen.
Bevor sie ins Bett ging, buchte sie für den folgenden Tag noch einen Flug nach Gatineau. Sie freute sich auf ein Wiedersehen mit Kylie.
***
Charlotte interessierte sich nur wenig für Cassidy und Mahoney, als sie eine Woche später nach einer tollen Zeit mit ihrer damaligen besten Freundin wieder in Vancouver landete. Die Zeitungen aber überschlugen sich mit ihrer Berichterstattung. Rick Mahoney übergab dem Gericht die Unterlagen, die er dem Gangsterboss Bud Cassidy gestohlen hatte. Auf den Dokumenten, die akribisch vermerkten, wer wann wieviel Schutzgeld gezahlt hatte, befanden sich Cassidys Fingerabdrücke. Ihm half alles Leugnen nichts. Wegen bandenmäßiger Erpressung und Anstiftung zum Mord wurde er zur 24 Jahren Gefängnis verurteilt. Rick Mahoney konnte sein Vorhaben, den Rackettchef zu töten, nicht nachgewiesen werden. Zwar fand sich eine Waffe mit seinen Fingerabdrücken in Cassidys Haus, aber es fehlte keine Patrone. So blieb der Deal mit der Staatsanwaltschaft Vancouver bestehen, und er verschwand im Zeugenschutz. Nicht einmal sein Bruder wusste, wo Rick Mahoney in Zukunft leben würde.
ENDE
zu Teil 1
Als Erstes rief sie Annabelle an und bat diese, ihre Beziehungen zur Vancouver Police wegen des Unfallberichtes spielen zu lassen. Eine Viertelstunde später rief die Kollegin bereits zurück und spielte Charlotte das Band vor, auf dem sie den telefonischen Bericht ihres Kontakts aufgenommen hatte.
Ein Mann hatte bei grüner Fußgängerampel sein Fahrrad über die Straße geschoben, als plötzlich ein Wagen heranpreschte. Der Passant wollte die Straße noch schnell überqueren, schaffte es aber nicht ganz. Das Auto fuhr in das Hinterrad des Fahrrades, das daraufhin zur Seite geschleudert wurde. Der Mann stürzte, zog sich aber nur ein paar Schürfwunden zu. Der Unfallwagen raste davon.
Ein dunkles Auto, so lauteten die meisten Zeugenaussagen. Nur Rick Mahoney konnte Einzelheiten angeben. Er konkretisierte die Farbe als tiefblau. Außerdem hatte er den BC-Schriftzug auf dem Nummernschild gut erkennen können.
Falls Rick Mahoney wirklich verschwunden war, drängte sich für Charlotte die Frage auf, ob der Fahrer des Unfallwagens etwas damit zu tun hatte. Vielleicht war diesem ebenfalls bekannt, dass nur Mahoney mehr als den Schemen eines Fahrzeugs erkannt hatte? Dann aber müsste dieser Jemand ebenfalls über Kontakte zur Polizei verfügen.
Charlotte fuhr zum Unfallort, an dem jedoch nichts auf das Geschehen vor einigen Tagen hindeutete. Sie überlegte, wie sie vorgehen sollte. Die Polizei hatte in der unmittelbaren Umgebung der Kreuzung Befragungen auch der Geschäftsinhaber durchgeführt, das ging aus dem Bericht von Annabelles Kontakt hervor. Aber die Cops waren nicht weiter als bis zur nächsten Querstraße gekommen. Da kein wirklicher Personenschaden vorlag, wurde dem Fall keine größere Priorität eingeräumt. Dafür fehlte schlicht das Personal.
Langsam ging Charlotte die Straße nach Süden hinab und blickte sich aufmerksam um. Läden im Erdgeschoss, Büros oder Wohnungen in den Etagen darüber. Eine normale Straße, wie es sie zu Dutzenden in Vancouver gab.
Aber dann sah sie eine Tankstelle.
Die Idee, die ihr nun kam, war nicht mehr als ein Strohhalm, aber es würde sie nur ein paar Minuten Zeit kosten. Charlotte trat unter die Überdachung, ging an den vier im Moment unbesetzten Zapfsäulen vorbei, von denen eine zur Selbstbedienung vorgesehn war, und betrat den kleinen Verkaufsraum. Neben Zeitschriften und Tabak wurden auch Getränke und Spirituosen angeboten. Charlotte hielt vor der Kasse, hinter der eine Frau in mittleren Jahren Dienst tat. Wenig freundlich blickte diese die Kundin an.
„Entschuldigen Sie“, sprach Charlotte sie an, „ich benötige eine Auskunft.“ Sie zog die Geldbörse aus der Handtasche und entnahm ihr eine Zwanzigdollarnote. Wie nebensächlich glättete sie den Schein und wechselte ihn von einer in die andere Hand. „Ich suche einen bestimmten Wagen. Tiefblau, metallic, BC-Kennzeichen, ein Viertürer, wuchtig. Vielleicht hat der Wagen hier in den letzten Tagen einmal getankt?“
Die Frau hatte nur Augen für den Geldschein. „Kenne ich nicht.“
Charlotte schob ihr die Banknote ein wenig näher. „Ich bin für jede Information dankbar. Haben Sie vor drei Tagen ebenfalls hier gearbeitet, so um die Mittagszeit? Oder hatten Sie Ihren wohlverdienten freien Tag?“, schmeichelte Charlotte.
Sie ließ den Schein los. Sofort grapschte die Frau danach und stopfte ihn in die Tasche ihres grauen Kittels. „Nee, da war Kirby hier. Hat 'ne Doppelschicht abgerissen. Mitternacht bis 16 Uhr. Vielleicht kann der Ihnen helfen.“
„Wo kann ich ihn erreichen?“, fragte Charlotte und legte einen weiteren Zwanziger auf den Tresen.
„Er kommt heute etwas später. Sein Dienst beginnt um 18 Uhr.“
„Gut. Dann komme ich später wieder. Geben Sie an Kirby weiter, dass ich gut zahle für Informationen.“
Charlotte drehte sich um und verließ die Tankstelle.
Wieder dachte sie an ihren eigenen Unfall nahe Gatineau zurück. Der Wagen, der sie damals angefahren hatte, hatte nie ermittelt werden können. Aber vielleicht gelang es ihr, diese Unfallflucht hier aufzuklären. Auch, wenn sie möglicherweise gar nichts mit Mahoneys Verschwinden zu tun hatte.
Nach einem kurzen Abstecher in ihre Wohnung, wo sie in Joggingkleidung schlüpfte, fuhr sie zu Rick Mahoneys Adresse. Die Wohngegend ohne viel Durchgangsverkehr machte einen sauberen Eindruck. Die breiten Bürgersteige waren frei. Nur selten parkte ein Wagen am Fahrbahnrand. Charlotte fuhr an Mahoneys Anwesen vorbei und hielt zweihundert Meter entfernt in einer Seitenstraße. Langsam joggte sie zurück.
Mahoney wohnte in einem einstöckigen, weiß getünchten, einzeln stehenden Haus. Schmale Grünstreifen umgaben es zu allen Seiten. Hüfthohe Hecken, die begannen, ungeordnet in alle Richtungen auszuwachsen, begrenzten das Grundstück. Das Tor zur kleinen Garage, welche rechts an das Haus angrenzte, war geschlossen.
Charlotte klingelte an der Gartenpforte und wartete ein paar Sekunden. Dann betrat sie das Grundstück und schloss die Haustür auf.
„Mr Mahoney?“, rief sie laut. „Nicht erschrecken! Ihr Bruder schickt mich und gab mir den Ersatzschlüssel.“ Charlotte lauschte, doch es erfolgte keine Antwort.
Sie blickte sich in dem schmalen Flur um, von welchem mehrere geschlossene Türen zu anderen Zimmern abgingen. An der Garderobe hing eine leichte Sommerjacke. Auf der Kommode davor lagen zwei ungeöffnete Briefe. Das Schälchen, das vermutlich zum Aufnehmen der Schlüssel gedacht war, war leer. Charlotte zog den dunklen Vorhang neben der Garderobe zur Seite. Ein paar Schuhe standen ungeordnet auf dem Boden neben Putzzeug.
Sie ging weiter und öffnete die erste Tür auf der linken Seite. Sie führte zu einem kleinen Bad mit Dusche. Auf der Ablage vor dem Spiegel über dem Waschbecken stand ein Becher. Zahnbürste und Zahnpasta fehlten.
Charlotte betrat den nächsten Raum. Es musste das Arbeitszimmer sein, wie der Schreibtisch, eine kleine Bar und die Bücherwand vermuten ließen. Im Regal fehlten ein paar Bücher.
In der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr in der Spüle, aber der Tisch war abgeräumt.
Das Wohnzimmer am Ende des Flures war der größte Raum des Hauses. Eine Ledergarnitur, ein ausgeschalteter Radioapparat, ein Schallplattenspieler, auf dem eine Langspielplatte der Rolling Stones lag, und ein Fernseher beherrschten die zwei Wände, die an die Glasfront mit Tür zum rückwärtigen Garten angrenzten. Die kleine Steinterrasse war nicht überdacht und stand im vollen Sonnenlicht. Ein paar Pornomagazine lagen auf dem Beistelltisch, daneben Zeitschriften über Handfeuerwaffen.
Das Bett im Schlafzimmer war zerwühlt. Auf dem Nachttisch stand eine halb geleerte Flasche Whiskey. Charlotte öffnete die Tür zum Kleiderschrank. Auf Bügeln hingen Hosen, Jacketts und Pullover. Doch zwischen den Kleidungsstücken gab es immer wieder leere Bügel. Auf dem Schrank konnte Charlotte zwei Koffer erkennen. Die rechte Ecke des Schrankdachs war frei.
Platz für einen dritten?, fragte sie sich.
Sie streckte sich lang, ging auf die Zehenspitzen und fuhr mit dem Finger über die Oberfläche des Schranks. Nach ein wenig Staub am äußersten Rand folgte eine breite, glatte Fläche, die staubfrei war. Das ließ nur einen Schluss zu. Bis vor Kurzem hatte etwas - wahrscheinlich ein weiterer Koffer - dort gelegen.
Insgesamt machten die Zimmer einen recht aufgeräumten Eindruck.
Eine Entführung konnte Charlotte zu diesem Zeitpunkt ihrer Nachforschungen nicht ausschließen. Aber in keinem der Räume gab es Spuren eines Kampfes. Nichts war heruntergefallen und lag einfach so auf dem Boden.
Koffer, fehlende Kleidung, unvollständiges Badzeug und nicht vorhandener Schlüssel - alles deutete darauf hin, dass Rick Mahoney sein Haus für eine längere Zeit verlassen hatte.
Aber warum hat er seinem Bruder nichts erzählt, wenn er verreisen wollte?, fragte sich Charlotte. War ihr Verhältnis doch nicht so eng und harmonisch? Oder hat jemand Mahoney mit vorgehaltener Waffe zu genau diesem geordneten Vorgehen gezwungen?
Als Charlotte gerade das Schlafzimmer, das nach vorne hinausging, verlassen wollte, hörte sie von draußen das Geräusch eines bremsenden Autos. Sie sprang zur Wand und linste durch den Spalt zwischen Gardine und Fenster zur Straße. Ein schwarzer Mittelklassewagen hielt gerade am Bordstein direkt vor Mahoneys Anwesen. Zwei Männer stiegen aus. Sie trugen graue Hosen und Pullover, ihre Statur war gedrungen. Schnurstracks hielten sie auf das Haus zu.
Keiner der Mahoneys, erkannte Charlotte. Dann sah sie, wie einer der Kerle ein kleines Mäppchen aus seiner Hosentasche zog und einen silbernen, länglichen Gegenstand herausnahm.
Ein Dietrich!, vermutete Charlotte stark. Aber das sind ganz gewiss keine gewöhnlichen Einbrecher. Nicht am helllichten Tag.
Sie hatte also noch etwas Zeit, bis die Männer im Haus waren. Auf Zehenspitzen lief sie rasch aus dem Zimmer, dann den Flur hinunter und verschwand schließlich im Wohnzimmer. Leise schob sie die Terrassentür einen Spalt auf, schlüpfte hinaus und zog sie wieder zu. Geduckt lief sie um das Haus, bis sie unter dem Fenster des Schlafzimmers kauerte und die vordere Hecke sehen konnte. Sie hörte, wie die Haustür geöffnet wurde und die Männer im Inneren verschwanden.
Jetzt verfluchte Charlotte ihren auf Tarnung beruhenden Entschluss, ihren Wagen so weit entfernt abgestellt zu haben. Sie wägte kurz ab, was größere Aussicht auf Erfolg versprach, und entschied sich dann für den Peilsender. Geduckt huschte sie durch den Garten und zog vorsichtig die Pforte auf. Als sie das Grundstück verlassen hatte, lief sie dicht an der Hecke entlang und richtete sich erst auf, als sie das Nachbargrundstück erreicht hatte. Sie rannte zu ihrem Wagen zurück. Aus dem Handschuhfach nahm sie das zigarettenschachtelgroße Kästchen, das, einmal eingeschaltet, alle fünf Sekunden einen energiereichen Puls auf einer im öffentlichen Raum unbenutzten Frequenz sendete. Sie verschloss ihr Auto und rannte zurück.
Sollte sie jemand sehen, würde man sie für eine Sportlerin halten, die hier ihr Fitnessprogramm abspulte. Vielleicht würde man sich wundern, warum sie das nicht in einer der nicht weit entfernten Grünanlagen tat, aber wirklich verdächtig würde es niemandem vorkommen.
Wieder an Mahoneys Grundstück angekommen, drosselte Charlotte das Tempo und schlich zum Wagen der Einbrecher. Unter der hinteren Stoßstange befestigte sie den Sender, schaltete ihn ein und lief zurück zur Hecke. Konzentriert scannten ihre Augen die Vorderfront, aber sie konnte keine Bewegung an den Gardinen erkennen. Mehr Sicherheit konnte sie nicht erreichen, und so beschloss sie, schnell durch die Pforte und über den Rasen zu huschen.
Sollten die Männer sie sehen, konnte es ungemütlich werden.
Charlotte schlich zum Fenster des Schlafzimmers und lauschte. Vielleicht waren die Einbrecher dort zu Werke? Als sich ihr eigener galoppierender Herzschlag nach der Anstrengung endlich beruhigt hatte, konnte sie Geräusche im Innern des Zimmers hören. Es klang, als werfe jemand Gegenstände zu Boden.
Nach zwei Minuten sagte endlich jemand etwas. Dumpf kam die Stimme aus dem Innern. „Hast du was?“
Eine zweite Stimme antwortete: „Nein. Ich glaub' nicht, dass wir es überhaupt finden. Sowas versteckt man doch gut.“
„Befehl ist Befehl.“
Die andere Stimme brummte nur, dann hörte Charlotte, wie jemand gegen die Wand klopfte. Zuerst erschrak sie, doch dann wurde ihr klar, dass so nach einem Hohlraum gesucht wurde.
Was geht denn hier ab?, fragte sie sich verwundert. Die sind ja wirklich gründlich.
Ein paar Minuten lang hörte sie nur dieses Geräusch. Dann aber entfernten sich Schritte. Die beiden Männer verließen offensichtlich das Schlafzimmer. Charlotte lief zur Rückseite des Gebäudes. Tief in der Hocke spähte sie vorsichtig um die Ecke. Nun wurde es gefährlich für sie, falls die Männer in den Garten kamen. Nach ein paar Minuten, in denen wieder klopfende Geräusche zu hören waren, öffnete sich die Terrassentür. Beide Einbrecher traten hinaus in die Sonne, blieben aber direkt hinter der Tür stehen.
„Sollen wir hier auch suchen?“, fragte einer.
„Wo denn? Willst du den Garten umgraben?“ Er lachte höhnisch auf. „Wir haben gesucht, wo man normalerweise so etwas versteckt.“
„Gut. Schalten wir die Dinger ein. Das war's für uns hier.“
Charlotte wartete, bis die beiden wieder im Wohnzimmer verschwunden und ihre Schritte nicht mehr zu hören waren, dann schlich sie zur Vorderseite. Auch hier wartete sie zusammengekauert auf die Einbrecher. Nach drei Minuten kamen diese schließlich heraus. Vor der Tür blieben sie stehen.
„Hast du 20 Minuten eingestellt?“, vergewisserte sich der Mann mit der dunkleren Stimme. „Wir müssen weit weg sein, bevor es passiert.“
„Ja. Die Zahl ist noch nicht zu groß für mich“, gab der andere mit aggressivem Unterton zurück.
Während des kleinen Gesprächs verwarf Charlotte ihren ursprünglichen Plan, dem Auto der Ganoven in großer Entfernung zu folgen und auf den Peilsender zu vertrauen. Sie entschied sich blitzschnell um, denn sie hatte plötzlich eine böse Ahnung, was mit ‚Dinger‘ und ‚20 Minuten‘ gemeint war.
„Okay“, sagte der erste und zog die Tür zu.
Charlotte hatte bereits ihren Zeichenblock herausgeholt und sich so weit aus der Hocke aufgerichtet, dass sie einen Blick auf den Wagen der Ganoven werfen konnte. Die Zeit war knapp. Charlotte war sich nicht sicher, ob es klappen würde.
Das Auto fahruntüchtig zu machen, hatte keinen Sinn. Dann würden die Verbrecher zu Fuß flüchten und untertauchen. Aber es gab eine Möglichkeit, ihren Fluchtweg, wenn sie fuhren, zu verfolgen.
Sie zeichnete die Heckscheibe und deren Heizdrähte sowie ein unförmiges Etwas auf der Ablage des Rücksitzes, das sie nicht identifizieren konnte, dessen Silhouette aber ungewöhnlich war.
Die Männer waren bereits an der Gartenpforte angekommen.
Charlotte fokussierte den Blick auf das hintere Seitenfenster, zeichnete die Umrandung der Scheibe, den Knopf sowie den Griff der Tür und den Spalt zum Rest der Karosserie. Auch die Zierleiste wurde vermerkt.
Dann begann sie mit der Scheibe des Beifahrers. Doch als einer der Männer diese Tür öffnete und in den Wagen stieg, brach Charlotte ab. Die Situation der Tür hatte sich zu stark geändert. Dieser Teil ihrer Zeichnung hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Kopplung verloren.
Charlotte wartete, bis der Wagen abgefahren und nur mehr in der Ferne als dunkler Schemen zu erkennen war, dann signierte sie ihr Bild und drückte fest auf die gezeichnete Heckscheibe. Sofort fing ihre Nase an zu bluten. Die Kraft war also übertragen worden und würde das reale Glas zertrümmern. Charlotte drückte auf das gezeichnete Seitenfenster. An der Stärke der Blutung änderte sich nichts. Aber es sollte aller Erfahrung nach auch dort gereicht haben.
Der Wagen fuhr nun mit zwei vollständig zerstörten Scheiben durch Vancouver. Er würde Passanten, anderen Verkehrsteilnehmern oder vielleicht sogar der Polizei auffallen. So konnte man ihn grob verorten und seinen Weg verfolgen. Außerdem musste ein solcher Schaden repariert werden. Und an diesem Punkt wollte Charlotte mit ihren Ermittlungen später ansetzen. Der Peilsender würde, wenn man sich dem Wagen ausreichend genähert hatte, den genauen Standort verraten, wenn auch die Möglichkeit bestand, dass man das Sendekästchen in einer Werkstatt entdeckte. ‚Ausreichend‘ war allerdings ein dehnbarer Begriff und schwankte zwischen einhundert Metern bei starker Bebauung in der Umgebung und zehn Meilen in freiem Terrain.
Charlotte stopfte Zeichenblock und Stift zurück in die Tasche ihres Joggingsweaters und lief zur Rückseite des Hauses. Die Terrassentür war zugezogen und ließ sich nicht öffnen. Charlotte hielt sich nicht lange damit auf, sondern trat wuchtig mit der Sohle ihres Turnschuhs gegen die Scheibe. Das Glas splitterte. Sie entfernte spitze Reste vom Rahmen und ging gebückt in das Wohnzimmer.
Sofort nahm sie den stechenden Geruch wahr.
Benzin!
Und das Kästchen mit dem roten Blinklicht, das direkt neben einer feuchten Stelle auf dem Teppich stand, verscheuchte auch die letzten Zweifel. Ihre Ahnung hatte sich bewahrheitet. In nun nur noch 15 Minuten würde das Ding explodieren, das Wohnzimmer zerstören und gleichzeitig einen Brand auslösen.
Charlotte lief ins Schlafzimmer und fand dort dasselbe Szenario vor: benzingetränkter Boden und ein kleines Kästchen. Das genügte ihr. Sie vermutete, dass jeder Raum mit einer solchen Konstruktion versehen worden war.
Weg hier!, entschied sie und rannte aus dem Haus, denn hier konnte sie nichts mehr tun. Sie hatte keine Ahnung, ob man diese Kästchen einfach mit dem Kippschalter deaktivieren konnte oder nicht. Außerdem ging es nur um Sachwerte, denn es hielt sich niemand im Haus auf.
Wichtig war nun der Schutz der Nachbarn. Den Telefonapparat in Mahoneys Haus wollte Charlotte nicht nutzen. Es erschien ihr für das eigene Leben viel zu gefährlich. Wer wusste schon, wie genau die Zeitmessung dieser Bomben arbeitete?
Zurück auf der Straße schaute sich Charlotte in alle Richtungen um.
Da!
Im Garten des übernächsten Grundstücks die Straße hinunter hängte eine Frau Wäsche auf. Charlotte rannte in höchstem Tempo hinüber. Noch bevor sie das Anwesen erreicht hatte, rief sie laut: „Polizei! Ich muss die Polizei verständigen!“
***
Acht Minuten später war in der sonst so ruhigen Straße die Hölle los. Polizeiwagen riegelten den Bereich um Mahoneys Haus großräumig ab. Bewohner wurden aus ihren Häusern gebeten, manchmal mit sehr lauten Worten. Dutzende Menschen versammelten sich hinter dem wuchtigen Fahrzeug der Feuerwehr.
Und dann kam das Bombenentschärfungskommando der RCMP.
Zwei in schwere Schutzanzüge gehüllte Männer schoben eine extrem dickwandige Metallkiste am Haus vorbei in den hinteren Garten. Charlotte hatte ihnen genau beschrieben, wie groß die Kästchen waren, und das BEK hatte, wie sie wusste, daraufhin eine Schätzung der maximalen Sprengmasse vorgenommen. Sollte beim Einsammeln der Kästchen etwas schiefgehen, konnte man nur hoffen, dass die Spezialisten in ihren Schutzanzügen überlebten.
Nach und nach wurden nun alle Zimmer durchsucht, die Kästchen hinaus in den Garten getragen und in die Kiste gelegt. Zwei Minuten vor Ablauf der Frist kamen die Männer zurück und nickten dem Chef des BEK zu.
Jetzt hieß es: Warten.
Etwa 21 Minuten, nachdem die Ganoven Mahoneys Haus verlassen hatten, erfolgten nacheinander mehrere Explosionen. Sie waren glücklicherweise nur schwach. Stichflammen züngelten aus der Explosionsschutzkiste in die Höhe. Aber die Haltung der Mitglieder der Sondereinheit entspannte sich ein wenig. Mit ihrer Erfahrung hatten sie wohl sofort realisiert, dass die Zerstörungswucht der Sprengungen nur gering gewesen war. Sie schienen mit mehr Wucht gerechnet zu haben. Das Verfahren, die Richtung der Explosionsdruckwelle durch eine extrem stabile Kiste mit Trichteröffnung nach oben zu lenken, um so die umliegenden Häuser zu schützen, hatte sich offenbar bewährt.
Zehn Minuten lang verharrten alle weiter an ihren Plätzen, dann wurde ein Team mit einem Sprengstoffspürhund ins Haus geschickt. Doch dieser konnte nichts erschnüffeln.
Erst danach gab der Leiter des BEK Entwarnung für die Nachbarn, die wieder in ihre Häuser zurückkonnten. Überall hörte man Aufatmen, und die Gesichter der Anwohner überzogen sich mit Erleichterung. Mahoneys Grundstück blieb weiter mit Trassierband, auf dem in fetten Buchstaben die Warnung ‚danger of explosion‘ und ‚risque d'explosion‘ aufgedruckt waren, abgesperrt.
Charlotte machte ihre Aussage bei den Polizeibeamten, beschrieb die beiden Männer und gab das Kennzeichen, das sie sich beim Anbringen des Peilsenders eingeprägt hatte, zu Protokoll. Sie glaubte aber nicht, dass dies ein Ermittlungsansatz war. Und dem Gesichtsausdruck des Polizisten zufolge, war auch dieser der Meinung, dass das Kennzeichen gefälscht oder gestohlen sein musste. Was die zerstörten Scheiben am Wagen betraf, musste Charlotte zu einer Lüge greifen. Sie gab an, dass sie glaubte, gehört zu haben, wie Glas splitterte, und wies in die Richtung, in die der Wagen gefahren war. Man würde Glas auf der Straße finden, und somit war ihre Aussage belegt. Die Polizei würde also nach einem Fahrzeug mit zerstörten Scheiben fahnden lassen.
„Gibt es sonst noch etwas, das Ihnen erwähnenswert erscheint, Miss?“, wollte der Polizeibeamte zum Ende der Befragung noch wissen.
„Ja, auf 181 Megahertz sendet der Wagen alle fünf Sekunden einen Peilton. Ich habe einen entsprechenden Sender an der Stoßstange angebracht, als mir klar wurde, dass die beiden bei Mahoney einbrechen wollten.“
Der Polizist blickte sie ungläubig an. „Peilsender? Und so etwas haben Sie zufälligerweise beim Joggen dabei?“
„Natürlich nicht. Mein Wagen steht um die Ecke da hinten. Ich sagte ja schon, dass ich aus beruflichen Gründen hier bin. Das Jogging-Outfit dient nur der Tarnung. Falls Sie mir nicht glauben, fragen Sie bei Kommissar Phil Messier vom RCMP nach. Er kennt mich und wird sich für mich verbürgen, wenn es nötig sein sollte.“
Der immer noch verblüfft dreinblickende Polizist dankte und ging zu seinem Einsatzwagen. Charlotte konnte nicht hören, was er über das Funkgerät durchgab, aber sie vermutete, dass nun einige Streifenwagen mit entsprechenden Peilgeräten zu den Kfz-Werkstätten in der Umgebung geschickt wurden.
Eine seltsame Häufung von Ereignissen an diesem Tag, fand Charlotte. Mahoneys Verschwinden, ein Einbruch, ein Bombenanschlag - Zufall ist das nicht.
Vielleicht war Rick Mahoney untergetaucht, weil er befürchtete, jemanden verärgert zu haben? Vielleicht hatte es etwas mit seinem immer noch niemandem bekannten Beruf zu tun? Immerhin hatten die Bombenleger etwas gesucht, von dem sie vermuteten, dass er es in seinem Haus versteckt haben könnte. Und als sie es nicht gefunden hatten, wollten sie das Haus bis auf die Grundfesten abbrennen, damit es auch sonst niemand fand.
Um Wertsachen, die er vielleicht gestohlen hatte, konnte es nicht gehen. Die zerstörte der Eigentümer sicherlich nicht. Also handelte es sich um etwas anderes.
Und damit liefen Charlottes Gedanken wieder zu dem Verkehrsunfall zurück, in den Mahoney als Zeuge involviert gewesen war. Er als einziger hatte mehr von dem Unfallwagen gesehen. Hatte er ein Photo des Wagens gemacht, es der Polizei nicht übergeben, und erpresste nun den Halter des Fahrzeugs? Reichte Fahrerflucht bei einem Unfall ohne Personenschaden aus, um ein Bombenkommando zu schicken? Falls ja, musste dieser Jemand immens viel zu verlieren haben.
Charlotte schaute auf die Armbanduhr. Sie hoffte, dass sie nun einen Schritt weiterkommen würde, als sie zur Tankstelle zurückfuhr.
Kirby hatte Dienst. Breit grinste der junge Kerl sie an und machte mit Daumen und Zeigefinger das Zeichen für Geld. Charlotte legte eine Zwanzig-Dollarnote auf den Tresen, behielt aber wie am Vormittag die Hand darauf.
„Sie wissen, wonach ich suche?“
Kirby nickte. „Ich kenne den blauen Wagen, den Sie suchen. Der tankt öfters hier. Meist sitzen zwei Männer drin. Der Fahrer, und einer auf dem Rücksitz. Mich beachten sie gar nicht, wenn ich betanke. Halten sich wohl für was Besseres.“
Charlotte ließ den Geldschein los. „Können Sie sich an die Autonummer erinnern?“
„Teilweise. BC, dann WTX. Aber wie es weitergeht, weiß ich nicht.“
„Gut. Wenn er wieder hier tankt, rufen Sie mich an. Falls ich nicht persönlich am Apparat bin, sprechen Sie die komplette Autonummer bitte auf Band.“ Sie zog einen weiteren Zwanziger aus ihrem Portemonnaie und gab ihn Kirby, der das Geld mit einem Nicken einsteckte.
Anschließend fuhr Charlotte nach Hause. Die Befragung von Rick Mahoneys Nachbarn, ob diese etwas Ungewöhnliches in den Tagen vor dessen Verschwinden bemerkt hatten, verschob sie auf den nächsten Tag. Es war sicherlich besser, den Menschen nach dem Schreck mit den Brandbomben ein wenig Ruhe zu gönnen. Morgen, mit etwas Abstand, würden die Sinne jedoch nachträglich geschärft und vieles in der Erinnerung präsenter sein, was vielleicht schon vergessen geglaubt war. Charlotte versprach sich viel von dieser Befragung.
In ihrer Wohnung angekommen, rief sie ihren Kontakt bei der Provinzialbehörde für Fahrzeugzulassungen an und nannte diesem das Teilkennzeichen mit der Bitte um eine Auflistung passender Fahrzeuge. Sie konzentrierte sich zuerst auf den Großraum Vancouver. Ein Auto, das regelmäßig an einer bestimmten Tankstelle in der Stadt auftauchte, würde vermutlich kein durchreisender Tourist sein. Anschließend legte sie 200 Dollar als Informantenlohn in einen Briefumschlag, den sie am Folgetag postlagernd aufgeben würde.
Mehr konnte sie an diesem Tag in ihrem aktuellen Fall nicht tun.
***
„Oh, Mann!“, maulte der Mann und ließ die heiße Suppe demonstrativ vom Löffel zurück in den Teller fließen. „Ich bin Feinschmecker! Was du mir hier bietest, ist einfach nur Mist.“
Phil aß ruhig weiter, biss vom Baguette und der Hartwurst ab und trank das halbe Glas Mineralwasser aus. „Eine Woche werden Sie es schon aushalten, Minton. Einen Tag haben Sie ja schon geschafft.“
Mit einem angeekelten Gesichtsausdruck schob der Angesprochene den Teller von sich und lehnte sich im Küchenstuhl zurück. „Minton! Was für ein blöder Name!“
„Gewöhnen Sie sich daran. Für die nächsten Jahre im Zeugenschutz werden Sie Ryan Minton sein. Oder wollen Sie lieber unter Ihrem richtigen Namen weiterleben? Bud Cassidy wird es ihnen nicht danken, dass Sie gegen ihn aussagen wollen.“
Minton schnaubte verächtlich. „Der alte Cassidy! Hätte mich mal nicht als kleinen Lakaien behandeln sollen.“
„Das waren Sie doch auch. In der Hierarchie des Racketts standen sie ziemlich weit unten. Aber beruhigen Sie sich. Der Deal steht. Der Staatsanwalt braucht Ihre Aussage in persona vor Gericht. Aber das wissen Sie ja alles bereits. Wir könnten Cassidy sofort verhaften, wenn Sie uns die Dokumente jetzt schon aushändigen und nicht erst vor Gericht präsentieren.“
„Nee, die Liste mit den Zahlungen ist meine Lebensversicherung. Und euch Cops traue ich nicht. Habt ihr einmal die Beweise, bin ich unwichtig für euch. - Aber, was ich jetzt will, ist eine Zigarette. Hast du mir wenigstens welche bringen lassen?“
Phil schüttelte den Kopf.
„Mann, ich hätt' die andere Jacke nehmen sollen. Da waren noch welche drin.“ Wütend schob er den Stuhl zurück und sprang auf.
Phil seufzte. Stoisch aß er weiter.
„Auch Unterhaltung fehlt in diesem Loch.“ Ein anzügliches Grinsen stahl sich auf Mintons Gesicht. „Die beiden Brünetten vom letzten Wochenende. Die wären jetzt genau die richtige Gesellschaft. Vielleicht...“, er lachte bellend, „...gebe ich dir eine ab.“
Phil stellte das Glas ab. „Danke, kein Bedarf. Und zur Unterhaltung gibt's was zu lesen im Wohnzimmer. Oder machen Sie das Radio an. Alles wie gestern.“
Genervt rollte Phils Gesprächspartner mit den Augen. „Warum habt ihr nicht wenigstens 'nen weiblichen Cop geschickt? Mit der könnte ich jetzt Spaß haben. Stattdessen versauere ich hier.“
Er verließ die Küche und ging ins Wohnzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, und es brannten zwei kleine Tischlampen. In einer Ecke des karg möblierten Raumes lagen ein Stapel Publikationen, in der anderen Ecke stand das große Radio auf dem Boden. Ein Sofa war an die Wand geschoben. Durch das Fenster hinausschauen konnte man von dieser Position aus nicht. Aber hier, im neunten Stock eines Hochhauses, in dem es für Phils Zwecke erfreulich anonym zuging, gab es ohnehin nicht mehr zu sehen als weitere Wolkenkratzer und Straßen. Grünanlagen fehlten völlig.
Phil setzte das Abendessen in der Küche fort und blätterte in einer Tageszeitung. Plötzlich drang ein Geräusch in seine Aufmerksamkeit. Alarmiert hob er den Kopf. Es klang, als würden Gardinen aufgeschoben.
Der Kommissar sprang sofort auf und rief: „Weg vom Fenster!“
Er rannte die wenigen Meter ins andere Zimmer. Minton stand seitlich am Fenster und blickte gelangweilt hinaus. Ein paar Glasscheiben in etwa fünfzig Metern Entfernung waren alles, was er von seinem Platz aus sehen konnte.
Doch wenn er etwas sah, so konnte man auch ihn sehen.
Phils Warnung kam zu spät.
Eine Kugel schlug durch die Fensterscheibe. Es klirrte und surrte. Das Geschoss riss Mintons Hemd an der rechten Schulter sowie die Haut auf und drang in die dahinterliegende Wand ein.
Phil sprang nach vorne und riss seinen Schutzbefohlenen zu Boden. Dann rollte er sich nach rechts in den nicht einsehbaren Bereich. „Hierher!“, befahl er barsch, und der Mann gehorchte. Er krabbelte mit Panik im Gesicht zu Phil.
„An der Wand auf dem Boden hinausrobben!“, kam die nächste Anordnung.
Phil schlug die Wohnzimmertür von außen zu, sprang auf und riss seinen Schützling förmlich hoch.
„Was sollte das? Sie wissen, dass sie vom Fenster wegbleiben sollen.“
Phil drehte sich um und lief zur Garderobe. Er nahm seine Jacke und rief nach hinten: „Los, wir müssen hier weg. Man hat Sie gefunden.“ Er öffnete die Tür, und die beiden Männer stürzten hinaus auf den Gang.
Phil betätigte den Rufknopf seines Spezialfunkgeräts. Nach 20 Sekunden hatte er einen Kollegen der Royal Canadian Mounted Police am Apparat. „Phil Messier, Order X2RMBD. Safe House 1 korrumpiert. Schuss von einem der Nachbargebäude durch das Fenster. Benötige Extraktion bei Punkt Alpha.“
„Verstanden“, kam die lapidare Antwort.
Phil lief zum Bereich der drei Aufzüge und drückte auf alle Hol-Knöpfe. Aber er wartete nicht auf einen Lift, sondern wandte sich dem Treppenhaus zu. Er öffnete die Tür und horchte. Nichts war zu hören. Phil machte ein Zeichen, und die beiden Männer liefen, so leise sie konnten, die Treppen hinunter. Immer wieder blieb Phil für einen Moment stehen. Weiter waren keine Schritte zu hören.
Doch das änderte sich, als sie den vierten Stock erreichten. Stimmen drangen herauf, und Phil konnte einzelne Worte wie ‚Neunte Etage‘ hören. Leise öffnete er die Tür zum Gang, der zu den Apartments in diesem Stockwerk führte, schob Minton hinein und verschwand ebenfalls aus dem Treppenhaus. Die Tür verursachte ein leises Geräusch, als sie zufiel, aber Phil hoffte, dass es im Lärm der heraufeilenden Schritte unterging. Neben der Tür an die Wand gepresst, wartete er geduldig eine Minute, bis der Lärm im Treppenaufgang verstummt war.
Dann öffnete er die Tür einen Spalt und lauschte erneut. Nichts war zu hören, aber die Möglichkeit, dass jemand nur vortäuschte, nach oben gegangen zu sein, war nicht auszuschließen. Dennoch mussten sie aus dem Gebäude verschwinden. Phil und sein Schützling schlüpften durch den schmalen Spalt. Mit der Waffe in der Hand zielte Phil nach oben, doch dort rührte sich nichts. Er nickte Minton zu, deutete nach unten, und beide stiegen hinab bis ins Untergeschoss, dem Parkdeck. Phil bedeutete seinem Begleiter, sich an die Wand neben die schwere Metalltür zu stellen, riss diese dann mit einem Schwung auf und ließ sich gleichzeitig zu Boden fallen, die Waffe weiter im Anschlag. Doch niemand erwartete sie, kein Schuss ertönte. Die beiden Männer betraten daraufhin das Parkdeck. Phil schaltete das Licht ein. Noch während die Neonröhren flackernd ihren Betrieb aufnahmen, liefen er und Minton zum Ausgang der Tiefgarage.
Phil setzte den Ohrhörer des Funkgerätes ein und meldete leise: „Phil Messier. Bereit für Extraktion.“ Wenige Sekunden später kam die Antwort: „Fahrzeug Beta/3 auf dem Weg. ETA unter einer Minute.“
Phil bezog Position hinter einem parkenden Fahrzeug, von dessen Heck aus er einen guten Blick auf die Auffahrt und das heruntergelassene Rollgitter hatte. Wenig später leuchtete die rote Lampe über dem Ausgang auf, und das Gitter fuhr ratternd hoch. Ein grellgelber Wagen rollte die Schräge hinunter und blieb direkt, als er sich wieder auf waagerechtem Boden befand, stehen. Phil konnte das Nummernschild gut erkennen und atmete auf. Es entsprach dem des angekündigten Extraktionswagens.
Phil und Minton liefen hinüber und nahmen auf der Rückbank Platz. Währenddessen war der Beifahrer ausgestiegen und riss die aufgeklebten Farbfolien von Dach, Motorhaube, Kofferraumdeckel und den Türen ab. Auch die aufgebrachten, oberen Nummernschilder klickte er mit einer routinierten Handbewegung aus. Das Ganze hatte weniger als zwei Minuten gedauert, dann fuhr ein schmutzigweißer Durchschnittswagen, wie er tausendfach in Vancouver zu sehen war, aus der Tiefgarage hinaus und fädelte sich in den abendlichen Berufsverkehr ein. Die rotierenden Lichter der Polizeifahrzeuge, deren Besatzungen nun die Ermittlungen und die Suche nach dem Scharfschützen aufnehmen würden, ließen sie rasch hinter sich.
„Danke, Kollegen“, sagte Phil und gab einen ausführlichen Bericht.
Der Beifahrer drehte den Kopf nach hinten. „Wir bringen euch zu Location 4.“
***
Am folgenden Vormittag erhielt Charlotte per Eilpost die Aufstellung der Fahrzeuge, die zu dem Kennzeichenteil passten, das sich Kirby gemerkt hatte. Die Liste umfasste dreizehn Einträge und enthielt neben dem vollständigen Kennzeichen auch Name und Anschrift der Halter sowie eine genaue Typbeschreibung des Autos.
Charlotte machte sich auf den Weg. Sie wollte sämtliche Halter befragen, dabei aber mit denjenigen beginnen, welche in der Nähe der Tankstelle wohnten, und sich dann weiter nach außen im Stadtgebiet vorarbeiten.
Den ersten Namen konnte sie schnell streichen. Laut den Aussagen der Nachbarn befand sich die Familie seit zwei Wochen im Urlaub im Süden und hatte den Wagen mitgenommen.
Dann fuhr Charlotte zur zweiten Adresse. Läden, deren Namenszüge von den Schaufensterscheiben abblätterten, lagen im Parterre des vielstöckigen Gebäudes. Der blaue Wagen, den Charlotte suchte, parkte am Straßenrand. Er war frisch gebohnert, tiefergelegt und hatte einen verschnörkelten Kühlergrill. Charlotte bezweifelte, dass es der Unfallwagen war, denn von diesen Besonderheiten hatten weder Rick Mahoney noch Kirby gesprochen. Dennoch wollte sie Tanner Winston, den Halter, überprüfen. Er schien ein Autonarr zu sein, und darauf stellte Charlotte ihre Taktik ein.
Sie klingelte und stieg die Treppe in den zweiten Stock hinauf.
„Guten Tag, Mr Winston“, grüßte Charlotte den hageren, unrasierten Mann, der in der halb geöffneten Tür stand. „Ich habe Ihren Wagen bewundert. Ich bin schon lange auf der Suche nach einem solchen Prachtstück. Würden Sie mir den Wagen verkaufen?“
Das wird er garantiert nicht, war sich Charlotte sicher. Aber es wird seiner Eitelkeit schmeicheln.
Und Winston reagierte, wie sie vermutet hatte. „Verkaufen? Nee, Lady, da sind Sie bei mir falsch.“
„Oh, schade“, erwiderte Charlotte und machte ein trauriges Gesicht. „Ich wäre so gerne mit dem Schlitten zu meinem Freund gefahren. Der hätte Augen gemacht.“
„Ich muss weg, Lady. Wenn Sie so auf die Karre stehen, kann ich Sie 'n Stück mitnehmen.“
Super!, dachte Charlotte. Das ging ja einfacher, als gedacht. Ich musste ihn gar nicht um eine Probefahrt anhauen, um ihn weiter aushorchen zu können.
Sie lächelte, als ginge ihr größter Traum in Erfüllung. „Gerne. Das wäre wundervoll.“
Winston verließ die Wohnung, schloss ab, und die beiden gingen hinunter auf die Straße. Der Mann startete den Wagen. Mehrfach ließ er den Motor aufheulen, und Charlotte tat begeistert.
„Ein toller Sound“, flötete sie.
Dann preschte Winston los.
„Wieviel macht das Teil?“, fragte sie.
„Satte 135 Meilen pro Stunde.“
„Nicht schlecht. Innerhalb der Stadt können Sie dies aber nur schwer ausnutzen. Auf dem Landon Boulevard...“ Sie senkte verschwörerisch die Stimme. „...könnte es nachts gehen. Ich weiß das genau.“
Winston schaltete einen Gang hoch. Das Jaulen des Motors ließ nach. „Landon Boulevard? Nie gehört.“
„Unten, Ecke Rivertown Street, nicht weit von der Tankstelle. Dort ist die Straße doch besonders breit und nachts menschenleer.“
Winston zuckte mit den Achseln. „Kann sein, Lady. Ich nehme den Highway im Norden. Dort fahre ich das Baby hier öfters aus.“ Er klopfte auf das Armaturenbrett.
„Sie haben die Kiste getunt?“
Winston nickte stolz. „Klar. Sie ist einzigartig. Gerade letzte Woche hab ich 'nen neuen Sportauspuff anbringen lassen. Satte 12 PS mehr!“
„Wow! Letzte Woche?“
„Ja, hab den Wagen erst gestern zurückbekommen. Hat ewig gedauert, der Einbau.“
Dann kann er es nicht gewesen sein, schlussfolgerte Charlotte. „Wer hat den Einbau besorgt?“
Winston nannte ihr die Adresse einer Kfz-Werkstatt. Das konnte Charlotte überprüfen. Winston war also raus, denn so plump lügen würde niemand.
„Danke für's Mitnehmen. War echt ein Erlebnis. Würden Sie mich da vorne bitte rauslassen?“
Winston hielt an der nächsten Kreuzung, und Charlotte verabschiedete sich.
Sie nahm ein Taxi zurück zu ihrem Wagen. Dort blickte sie in ihre Liste und fuhr zum nächsten Namen, Brandon Donovan, ein aufstrebender Lokalpolitiker, der sich volksnah gab und für die rasche Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung für alle eintrat. Auf Charlotte hatte der Mann, zumindest in den Interviews, die sie von ihm kannte, immer einen sympathischen und kompetenten Eindruck gemacht.
Der Angestellten gegenüber, die sie in Donovans Privathaus antraf, gab sie sich als freie Journalistin aus und erfuhr, dass der Politiker an diesem Tag in seinem Büro an der Westminster Plaza anzutreffen war. Charlotte dankte und fuhr weiter.
In Donovans Büro sprach sie zuerst mit der Sekretärin. Wieder spielte sie die Rolle der Journalistin. „Ich würde Mr Donovan gerne zu seiner Haltung befragen, wie stark individuelle Lebensrisiken des Einzelnen durch die Gesellschaft abgedeckt werden müssen.“
Die Sekretärin telefonierte kurz mit ihrem Chef und brachte danach Charlotte ins Büro des Politikers.
„Miss Bernstedt“, sagte Donovan mit einem Lächeln. Er kam Charlotte entgegen und streckte ihr die Hand zur Begrüßung hin. Charlotte schlug ein und nahm dankend den angebotenen Platz an.
Sie musterte den Mann, den sie nun das erste Mal aus direkter Nähe sah. Sein Gesicht war ein wenig runzliger, als es im Fernsehen wirkte. Wohl eine Folge fehlenden Make-ups. Er machte einen freundlichen Eindruck und schien ihren Besuch nicht als Störung zu empfinden.
„Mr Donovan, ich möchte Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen. Ich schreibe einen Artikel über die verschiedenen Krankenversicherungsprogramme mit Fokus auf Zusatzbeiträge bei besonderen Risiken. Also Extremsport in der Freizeit oder Risiken im beruflichen Umfeld, im Gegensatz zu dem, was man gemeinhin ‚normale‘ Lebensführung nennt.“
„Ein wichtiges Thema“, konstatierte Donovan. „Wir brauchen einen allgemeinen Schutz für Jedermann. Aber dieser muss finanzierbar sein. Er kann und darf nicht alles abdecken.“
Charlotte hatte Block und Stift gezückt und gab vor, Notizen zu machen. „Die Kosten der Versorgung nach Verletzungen im Straßenverkehr sind einer der größten Posten im Gesundheitssystem. Sollten Autofahrer höhere Beiträge zahlen?“
Donovan schüttelte energisch den Kopf. „Nein. Mobilität ist ein hohes Gut und gehört nach gängiger Auffassung - übrigens auch meiner eigenen - zur normalen Lebensführung.“
Neutral und distanziert wie eine professionelle Reporterin, die ein Thema bearbeitete, das sie selbst nicht außerordentlich interessierte, stellte Charlotte die nächste Frage. „Wie sieht es aus, wenn jemand einen Unfall verursacht hat? Das zeigt doch, dass man ein Risiko ist und damit höhere Schadenskosten verursacht.“
Donovans Blick verlor für den Bruchteil einer Sekunde den Fokus. Seine Augen wandten sich von Charlotte ab. Schnell aber hatte sich der Lokalpolitker wieder unter Kontrolle und widmete seine Aufmerksamkeit weiter freundlich lächelnd seiner Besucherin.
Charlotte hatte die kleine Reaktion bemerkt.
Hat meine Frage eine bestimmte Erinnerung bei ihm ausgelöst?
Charlotte spürte, wie sie Aufregung ergriff. Vielleicht war sie hier bereits auf der richtigen Spur. War Donovan der Unfallverursacher und hatte Mahoney durch Geld oder Drohungen zum Untertauchen bewegt? Aber noch war alles reine Spekulation.
Sie beschloss, direkter vorzugehen. „Mr Donovan, waren Sie einmal in einen Unfall verwickelt?“ Aufmerksam studierte sie ihren Gegenüber, um auch nicht die kleinste Reaktion zu übersehen. „Vielleicht sogar kürzlich?“
Donovans Lächeln fror ein. Er beugte sich in seinem Schreibtischstuhl nach vorne. „Ich verstehe nicht ganz, Miss Bernstedt. Diese Frage hat doch nichts mit Ihrem Anliegen zu tun.“
„Sie hat, Mr Donovan. Die Krankenversicherung interessiert mich erst in zweiter Linie. Mir geht es primär um den Unfall Landon Boulevard/Rivertown Street vor fünf Tagen. Ein Wagen, dessen Beschreibung auf Ihren passt, wurde am Tatort gesehen.“
Donovans Stirn begann zu glänzen.
Er schwitzt, registrierte Charlotte. Seine Körperhaltung ist viel angespannter als vor ein paar Minuten. Kaltblütig ist er jedenfalls nicht.
„Nein. Ich war an keinem Unfall schuld“, erwiderte Donovan schließlich. Im Gegensatz zu seinem sonstigen Auftreten klang seine Stimme aber normal. Charlotte konnte keine Unsicherheit heraushören.
Sie stand auf. „Vielen Dank für Ihre Zeit. Ich finde alleine hinaus“, verabschiedete sie sich und öffnete die Tür. Im Herausgehen drehte sich Charlotte noch einmal um. „Ich glaube Ihnen, Mr Donovan. Sie waren an keinem Unfall schuld, denn Sie lassen sich ja fast ausschließlich chauffieren, um auch während der Fahrt für die Bürger zu arbeiten. Ein schöner Zug, wie ich finde. - Das Arbeiten, nicht eine Fahrerflucht. Guten Tag.“
Donovan reagierte nicht. Versteinert saß er in seinem Stuhl, als Charlotte die Tür des Büros hinter sich schloss.
Sie fuhr mit dem Lift hinab ins Erdgeschoss und rannte hinaus auf den großen Parkplatz hinter dem Gebäude. Rasch lief sie die Reihen der Fahrzeuge entlang, bis sie die blaue Limousine von Donovan gefunden hatte. Sein Chauffeur war nirgends zu sehen.
Der Wagen muss kriminaltechnisch untersucht werden, dachte Charlotte.
Falls Donovans Fahrer wirklich der Unfallverursacher gewesen war, würde er vielleicht von seinem Chef den Auftrag bekommen, den Wagen nun, nach dem Auftauchen einer Journalistin, verschwinden zu lassen. Charlotte war überzeugt davon, dass man Spuren eines Anpralls auf ein Fahrrad würde feststellen können, wenngleich der Lack per Augenschein und Tasten auch im Motorbereich sauber und kratzerfrei schien.
Charlotte blickte sich noch einmal um. Sie war alleine auf dem Parkplatz. Sie ließ sich in die Hocke nieder. Durch das Beifahrerfenster fixierte sie den Knopf der Fahrertür und zeichnete den sich leicht kegelförmig nach oben verbreiternden Stift, die Verdickung am Ende, das Innenfutter der Tür, die Kurbel zum Bewegen der Fensterscheibe und den Griff der Tür. Dann signierte sie die Zeichnung, legte sie auf die Karosserie der Beifahrertür und blickte fokussiert auf den Türstift der Fahrerseite. Sie drückte mit dem Zeigefinger leicht auf die dreidimensionale Zeichnung und schob den Finger nach oben.
Doch noch geschah nichts. Charlotte wiederholte ihre Schiebebewegung.
Die Perspektive sollte es erlauben, eine ortsveränderliche Druckbewegung auf die Zeichnung in eine Bewegung nach oben auf den realen Stift zu übersetzen.
Nach mehreren Versuchen gelang es schlussendlich. Der Stift sprang hoch, und die Tür war nicht mehr verschlossen. Charlotte stand auf, riss die Ecke mit ihren Initialen vom Papier ab und lief auf die andere Seite. Wenig später saß sie im Fahrersitz, riss die Kabel unter dem Lenkrad hervor und biss mit den Zähnen die Isolierung der einzelnen Drähte in einem kleinen, vielleicht einen Zentimeter langen Bereich, ab. Dann drückte sie zwei nackte Leitungen aufeinander und schloss so den Wagen kurz. Der Motor sprang an.
Charlotte fuhr nicht weit. Nur zwei Blocks entfernt stellte sie den Wagen vor einer Telefonzelle ab und warf zwei Hundert-Dollarscheine auf den Beifahrersitz. Das sollte für die Reparatur der Kabel reichen. War Donovan unschuldig, so war es nur recht und billig, dass sie ihm den Schaden, den sie verursacht hatte, ersetzte. Und falls er der mittelbare Unfallverursacher war, so wollte Charlotte einem Kerl wie diesem erst recht nichts schuldig bleiben.
In der Telefonzelle nahm sie den Hörer ab und bat die Vermittlung um eine Verbindung zur Vancouver Police.
„Der Wagen BC WTX-139 war vermutlich letzte Woche in einen Sachschadenunfall mit Fahrerflucht verwickelt. Er steht aktuell 37, Yucatan Road.“
„Bitte nennen Sie Ihren Namen“, hörte sie noch, als sie aufhängte.
Rasch entfernte sie sich zu Fuß von Wagen und Telefonzelle und ging zurück zur Westminster Plaza.
Donovan war nun für die nächsten Stunden ihrem Zugriff entzogen, würde er doch einige Zeit auf der Polizeiwache verbringen.
So fuhr Charlotte zu Rick Mahoneys Adresse, denn die Befragung der Anwohner stand noch aus. Das Anwesen war weiter mit Trassierband umspannt. Abgesehen davon wirkte die Straße unauffällig. Auch heute parkten nur wenige Fahrzeuge am Bordstein. Die Gärten waren verwaist, ebenso die Bürgersteige. Nur ein einzelner Mann spazierte langsam mit seinem Hund. Charlotte hielt direkt neben ihm und stieg aus.
„Sie sind doch die Frau, die gestern die ganze Sache hier unter Kontrolle gebracht hat“, sagte der ältere Mann mit der Stirnglatze. Es klang beeindruckt.
Charlotte lächelte. „Nicht ganz. Ich habe nur die Bomben gesehen und bin panisch weggerannt.“
„Sie haben das BEK verständigt. Wer weiß, wie es sonst ausgegangen wäre, wenn hier alles angefangen hätte zu brennen. Vielleicht wären Explosionstrümmer durch die Luft geflogen? Mein Häuschen steht ja nicht allzu weit entfernt.“ Er deutete auf die andere Straßenseite zum übernächsten Haus.
Dann streckte er die Hand aus, und Charlotte schlug ein.
„Danke, Miss...“
„Bernstedt. Charlotte Bernstedt. Vielleicht könnten Sie mir ein paar Fragen beantworten? Ich suche Rick Mahoney.“
„Was wollen Sie wissen?“
„Kennen Sie ihn?“
Der Mann nickte. „Sicher. Er grüßt immer freundlich. Wir unterhalten uns auch ab und an ein wenig, wenn ich ihn auf meiner Runde treffe.“
„Hat er sich in den letzten Tagen irgendwie anders verhalten als sonst? War er vielleicht nervös oder angespannt? Haben Sie da etwas bemerkt?“, wollte Charlotte wissen.
„Na, er war vielleicht ein wenig aufgedrehter als sonst. Er scheint ja nichts wirklich ernst zu nehmen, habe ich so den Eindruck, und hat immer einen lockeren Spruch parat. Aber in der letzten Zeit kam es mir ein wenig aufgesetzt vor.“
„Seit wann genau?“
„Ein, vielleicht zwei Wochen“, kam die zögerliche Antwort des Hundebesitzers.
„Hat er etwas von einem Urlaub erzählt?“
„Nein. Zumindest mir nicht. Aber vielleicht seinem Bruder. Ich glaube, er heißt Richard. Schon dämlich, seine Kinder Rick und Richard zu nennen, finden Sie nicht auch?“
Charlotte korrigierte ihn nicht, sondern fragte weiter: „Gehen Sie häufiger hier spazieren?“
„Jeden Tag. Zweimal diese Runde, einmal hinten durch den Park.“
„Ist Ihnen in den letzten Tagen etwas Ungewöhnliches aufgefallen hier in der Gegend?“
Der Mann machte ein nachdenkliches Gesicht und kaute auf der Unterlippe. „Eigentlich nicht. Seavers hatten eine Party vor... vor drei... nein, vier Tagen. Da war hier viel Trubel. Aber ansonsten? Ich glaube nicht.“
„Vielleicht ein Fußgänger, den Sie hier noch nie gesehen haben? Oder der sich irgendwie verdächtig benommen hat?“, bohrte Charlotte nach.
Wieder überlegte der Mann. Seine Stirn legte sich in Falten. „Doch! Jetzt fällt's mir wieder ein. Da war ein Wagen. Dunkelgrau. Den habe ich hier noch nie gesehen. Der parkte direkt vor Mahoneys Grundstück. Das war... vorgestern Abend. Rick bekommt öfters Besuch. Meist von Damen. Oder meinen Sie, der Wagen hat was mit den Bomben zu tun?“
Vorgestern!, dachte Charlotte elektrisiert. Abends, am Tag des Verschwindens.
Sie verneinte die Frage. „Ich habe den Wagen der Bombenleger gesehen. Er war schwarz. - Können Sie sich an das Kennzeichenn des grauen Autos erinnern?“
Leichter Triumph spiegelte sich auf dem Gesicht des Mannes. Er zog ein kleines, in Leder eingebundenes Buch aus seiner Jackentasche. „Ich habe es notiert.“ Er schlug das Buch auf und blätterte ein paar Mal um. „Ah, hier. BC. und dann DPM-997. Vielleicht hilft Ihnen das.“
Charlotte sog überrascht dieLuft ein. Sie dankte dem freundlichen, hilfsbereiten Mann und stieg in ihr Auto ein. Der Anwohner ging mit seinem Hund weiter und war bald nur noch ein kleiner Punkt am Horizont.
Diese Information musste Charlotte erst einmal verdauen.
Sie kannte den Wagen, den der Hundebesitzer gesehen hatte. Er gehörte Phil. Dieser nutzte ihn sowohl privat als auch beruflich.
Was, zum Henker, hat Phil am Tag von Mahoneys Verschwinden vor dessen Haus zu tun gehabt?
***
Am späten Abend saß Charlotte in ihrer Wohnung beim Abendessen. Das Radio spielte leise im Hintergrund. Plötzlich klingelte das Telefon.
„Bernstedt.“
„Char, hör zu. Ich brauche deine Hilfe“, kam Phils Stimme aus dem Hörer. Anspannung war ihr anzuhören.
Charlotte schluckte ihre Fragen herunter. Sie hatte seit ihrer Rückkehr bereits mehrfach im Polizeirevier angerufen, aber immer nur die Aussage erhalten, der Kommissar sei nicht anwesend, und man wisse nicht, wann er wiederkäme.
„Schieß los!“
Phil erklärte in knappen Worten. Ohne Rückfragen sagte Charlotte zu, alles zu erledigen.
***
Rund anderthalb Stunden später betrat Charlotte mit einer großen Reisetasche das Hotel, in dem sie vor einigen Monaten Julia, die angehende Reporterin aus Cheesapeak, vor Ganoven versteckt hatte. Phil hatte es in seinem Telefonat verschlüsselt als Treffpunkt benannt: eine nach kurzem, aufregendem Flug gelandete Wohnmöglichkeit für traumatisierte Freunde.
Charlotte ging direkt zu Zimmer 106 und klopfte das verabredete Zeichen. Phil öffnete die Tür einen Spalt weit. Die Waffe hielt er im Anschlag.
„Ich bin alleine“, sagte Charlotte.
Phil senkte die Pistole und trat zur Seite. Charlotte schlüpfte in das Hotelzimmer hinein. Phil schloss die Tür von innen ab und trat sofort zur Seite, wo mehr als nur ein dünnes Holzblatt ihn vor Kugeln möglicher Angreifer schützte. Ein eigentlich unnötiges Manöver, denn der Gang war leer. Aber es verriet Phils Anspannung.
Ryan Minton stand vom Bett auf.
„Heh“, rief er mit einem anzüglichen Grinsen auf dem Gesicht und kam näher. Sein Blick glitt mehrfach an Charlottes Körper auf und ab. Ihm gefiel ganz offensichtlich, was er sah. „Die Kleine ist ganz nach meinem Geschmack. Okay, ein anderer Fummel muss her. Blue Jeans und Sweater.“ Er lachte auf. „Aber mir geht es ja nicht um das Geschenkpapier, sondern mehr um das, was darin verpackt ist.“ Er streckte die Hand aus und wollte Charlottes Wange berühren.
Charlotte wich mit einer geschmeidigen Bewegung aus. „Mr Rick Mahoney, Ihr Bruder sucht Sie. Dass ich Sie auf diesem Wege finde, noch dazu zufällig, hatte ich nicht erwartet.“
„Warum so förmlich, Kleine?“, grinste Mahoney weiter. Erneut streckte er die Hände aus und wollte die junge Frau an den Schultern greifen. Charlotte war klar, dass der Kerl sie umdrehen und ihre Kehrseite begaffen wollte.
Phil stand einen Schritt entfernt und schaute der Szene mit einem mitleidigen Lächeln zu.
Charlotte riss blitzschnell die Arme hoch, trat einen halben Schritt nach hinten von Mahoney weg, griff nach dessen rechten Arm und wirbelte den Mann herum. Sie drückte ihn an die Wand und zog ihm den Arm auf den Rücken und nach oben. Gleichzeitig presste sie ihr linkes Knie auf Mahoneys andere Hand und fixierte den linken Arm des Kerls an der Wand des Hotelzimmers. Ihre eigene linke Hand legte sie auf Mahoneys linke Wange und presste den Handballen zwischen Ober- und Unterkiefer. Noch verspürte Mahoney keinen wirklichen Schmerz, aber seine rechte Gesichtshälfte wurde unangenehm an die raue Tapete gedrückt. Sein rechtes Schultergelenk stand unter merklicher Spannung, welche Charlotte jederzeit erhöhen konnte.
Sie näherte ihren Mund seinem Ohr und zischte aus wenigen Zentimetern Entfernung mit Eiseskälte in der Stimme: „Die Kleine hier mag es überhaupt nicht, wenn man sie ungefragt anfasst. Das sollte selbst ein Crétin wie du nach dem ersten Versuch gemerkt haben.“
Mahoney sagte etwas, doch aus seinem gequetschten Mund kam nur Unverständliches.
„Und die Kleine“, fuhr Charlotte fort und betonte die Worte stark, „würde dir am liebsten Manieren beibringen. Sozusagen als Vorschau darauf, was dir blüht, falls du einen dritten Versuch unternehmen solltest. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Wir haben andere Probleme. Du solltest nur eines wissen: Phil hat einen Eid geschworen und wird dich schützen. Ich aber bin aus freien Stücken hier. Wen ich schütze, das entscheide ich selbst.“
Natürlich würde sie Phil helfen, seinen Auftrag zu erfüllen und auch einen Rüpel wie diesen Rick Mahoney vor Mordanschlägen schützen, solange Eigenschutz und der Schutz von Phil, was beides Vorrang hatte, dem nicht entgegenstanden. Aber darüber konnte Mahoney ruhig noch ein wenig im Unklaren gelassen werden.
Charlotte ließ den Mann übergangslos frei und trat zwei große Schritte zurück. Auf alles gefasst, fokussierte sie Mahoney, der sich umdrehte, mit einer Hand über sein Gesicht fuhr und nur wenig von seinem Grinsen verloren hatte.
„Eine Wildkatze. So mag ich meine Girls. Bei dir hätte ich gerne Schutzgeld eingetrieben. Wir hätten uns bestimmt einigen können, wenn's bei dir mal finanziell eng gewesen wäre.“
Das Grinsen weiter anzüglich, die Worte eindeutig anspielend, machte er aber keine Anstalten, sich Charlotte erneut zu nähern.
Charlotte ignorierte seine Worte und trat zu Phil.
„Char, hast du alles?“
Sie nickte und deutete auf die Tasche neben der Tür. „Kleidung, das spezielle Equipment und meine Vorbereitungen. Alles erledigt.“
„Danke.“
Phil öffnete die Reisetasche und warf die Kleidung auf das Bett. „Minton, umziehen! Alles! Vielleicht befindet sich ein Minisender an unseren Sachen.“
Er selbst nahm sich ebenfalls Hose, Hemd und Unterwäsche, während Charlotte im Bad verschwand. Nach zwei Minuten klopfte Phil an die Tür und trat ein. Er hatte sich umgezogen und trug nun eine unauffällige dunkle Hose, ein weißes Hemd und ein Jackett.
„Glaubst du wirklich an eine undichte Stelle bei euch?“, fragte Charlotte.
„Sehr gut möglich. Nach dem Schuss in Location 1 gestern Abend ging es zu Location 4. Dort war so weit alles ruhig, bis heute Nachmittag endlich die Ablösung kam. Allerdings eine Viertelstunde zu früh, und das unangekündigt. Das kann nur bedeuten, dass Cassidy irgendwie auch von diesem Safe House erfahren hat. Peilsender oder Verräter - darauf läuft es wohl hinaus. Aber von diesem Hotel weiß noch nicht einmal der Staatsanwalt. Sobald Mahoney nächste Woche seine Aussage gemacht hat, ist er in der Verantwortung der Abteilung für Zeugenschutz. Bis dahin muss ich ihn am Leben halten. Hast du eine Idee, wo wir uns bis dahin verstecken können?“
„Ja. Ich bin bei Annabelle vorbeigefahren. Sie hat mir den Schlüssel zu ihrem Blockhaus gegeben. Es liegt im Süden, tief im Wald. Niemand sucht uns dort.“
Phil war einverstanden. „Gut. Falls Bud Cassidy uns auch dort findet und einkassiert, liegt alles an dir und den Sendern.“
„Ich erneuere die Zeichnungen jeden Tag, den wir dort verbringen. Ich muss ja im Fall der Fälle nur wenig Kraft übertragen. Das wird reichen, glaube mir, selbst wenn ihr meilenweit entfernt seid. Ich verständige dann deine Kollegen für die Suche. Ob es einen Verräter bei euch gibt, spielt dann ja keine Rolle mehr.“
Charlotte öffnete die Badtür, und die beiden gingen zurück in das Hotelzimmer.
„Verdammt!“, fluchte Phil. „Wo ist der Idiot hin?“
Von Rick Mahoney fehlte jede Spur. Er hatte sich offensichtlich, wie gefordert, umgezogen, denn seine eigene Kleidung lag auf dem Bett.
Charlotte blickte sich aufmerksam im Zimmer um. „Er hat telefoniert“, stellte sie fest und deutete auf den Apparat auf dem Schreibtisch. „Das Telefon steht etwas schräger zur Kante als zuvor. Hm... Cassidy hat ihn wohl nicht. Das wäre nicht so lautlos abgelaufen, denn wir haben ja nicht mitbekommen, dass jemand die Tür öffnete.“
Phil war der gleichen Ansicht. „Komm!“, forderte er Charlotte auf. „Wir müssen ihn wiederfinden.“
Sie liefen hinunter zur Eingangshalle des Hotels. An der Rezeption zückte Phil seine Dienstmarke. „Von Zimmer 106 wurde gerade eben telefoniert. Wohin?“
„Sir, da müsste ich in der Telefonzentrale nachfragen“, antwortete der Nachtportier.
„Tun Sie das! Sofort!“
Der Rezeptionist öffnete die Tür zum Büro, die direkt neben dem Tresen lag, und hob den Hörer vom dortigen Apparat. Charlotte sah, wie er mehrfach nickte, konnte aber nicht verstehen, was der Mann sagte, so leise sprach dieser. Nach einer Minute kam der Portier zurück.
„Sir, die Telefonvermittlung hat viel zu tun. Wir teilen sie uns mit den angrenzenden Hotels. Die Kollegin, die den Anruf vermittelte, konnte sich nur noch an einen Teil der Nummer erinnern. Vancouver, 23 49 04. Die lezten beiden Ziffern fehlen.“
„Danke“, sagte Phil und lief mit Charlotte hinaus auf den Hotelparkplatz.
„Cassidys Nummer?“, fragte Charlotte, als sie ihren Wagen erreicht und aufgesperrt hatte.
„Würde passen. - Kannst du den Sender aktivieren?“
Charlotte zog den Block aus ihrer Gesäßtasche. Sie blätterte um, bis sie die gesuchte Zeichnung gefunden hatte. Das Bild zeigte den geöffneten Absatz eines Herrenschuhs. Aber wichtiger war das kleine Kästchen, das ein Etikett mit den Buchstaben MAH zierte. Charlotte hatte den Sender und den Aufkleber nach Phils Anruf dort versteckt und mit Klebeband fixiert. An einem Ende des Senders gab es einen kleinen, eingelassenen Knopf, der sich ebenfalls auf der Zeichnung befand. Charlotte unterzeichnete das Bild, das sie vor etwa zwei Stunden in Phils Wohnung angefertigt hatte, und drückte auf den Anschaltknopf. Wie bei der geplanten und dann wegen der Bomben nicht durchgeführten Verfolgung der Einbrecher in Rick Mahoneys Wohnung, würde auch dieser Sender nun alle fünf Sekunden ein starkes Signal emittieren. Die Frequenz kannte niemand außer ihr, aber dennoch bestand natürlich die Gefahr einer zufälligen Entdeckung. Eigentlich waren die Sender für den Fall einer Entführung durch Cassidy gedacht, denn auch Phils linker Schuh war so präpariert. Aber nun würde das Signal Charlotte und Phil hoffentlich erlauben, Mahoneys Aufenthaltsort zu bestimmen. Da Charlottes Gabe im Gegensatz zu Funk nicht durch dichte Bebauung gedämpft wurde, hatte sich Phil in seiner Planung gegen die extern über ein Funksignal aktivierbaren Peilsender entschieden.
Charlotte wischte sich mit einem Taschentuch über die blutende Nase, deaktivierte die Zeichnung und startete den Wagen. Phil nahm das Peilgerät aus dem Handschuhfach und stellte es auf die verwendete Frequenz ein. Er hielt es an die Windschutzscheibe und ließ die stabförmige Antenne gleichmäßig einen Halbkreis beschreiben.
Sie hatten Glück, denn sie empfingen ein Peilsignal.
Phil gab Charlotte die Richtung an, aus der das stärkste Signal kam. Charlotte startete den Wagen. Die nächsten dreißig Minuten fuhren sie nach Phils Peilungsanweisungen durch die Stadt. Mittlerweile war es dunkel geworden.
Plötzlich aber sagte Phil: „Warte. Das Signal ist so stark wie nie. Ich glaube, wir haben ihn gleich.“ Er schaltete auf die niedrigste Verstärkung. Sofort sprang der Zeiger, der fast am Anschlag war, ins untere Drittel der Skala. Charlotte drosselte die Geschwindigkeit. Der Skalenausschlag stieg weiter. Schließlich deutete Phil auf ein einzeln stehendes Haus. Hinter einigen Fenstern im Parterre brannte Licht.
Charlotte fuhr langsam daran vorbei, bog in die nächste Querstraße ein und stoppte erst, als sie das Zielhaus nicht mehr sehen konnte. Dann stiegen die beiden Freunde aus und schlichen sich auf das Grundstück, auf dem sie Mahoney vermuteten. Phil hielt seine Waffe in der Hand. Leise entsicherte er sie. Er deutete auf das große Fenster, hinter dem die Schemen von sich bewegenden Menschen zu sehen waren. Leise schlichen sich die beiden an und kauerten sich unter das geschlossene Fenster, dessen Gardinen zugezogen waren. Schwer verständlich und stark gedämpft drangen dumpfe Stimmen heraus.
„So, du... Ratte wolltest mich erschießen. Dachtest... ich falle auf... Anruf rein und glaube dir, dass du die Dokumente zurückgeben willst.“
Phil formte lautlos die Worte ‚Bud Cassidy‘.
Ein gehässiges, arrogantes Lachen ertönte. Dieselbe Stimme sprach weiter: „...Polizei kann... nicht schützen. Da hast... recht. Habe jemanden... Lohnliste.“
Wieder erklang das Lachen. Doch diesmal mischte sich Boshaftigkeit hinein. „Und... will... wissen, wo... versteckt sind.“
Eine andere Stimme antwortete gepresst: „Hören Sie ... Cassidy. Ich tauche unter... Geld... 100.000 Dollar... Sie nicht viel... Umschlag...“
Charlotte erkannte die Stimme des Zeugen.
So ein Idiot!, dachte sie entgeistert. Er wollte Cassidy töten, um damit sein eigenes Leben zu retten, da er der Polizei nicht mehr zutraute, ihn zu schützen. Und nun, wo Cassidy ihn irgendwie geschnappt hat, will er sich mit einer Erpressung retten. So blöde kann man doch gar nicht sein!
Ein Schrei ertönte, den auch das Glas nur bedingt dämpfte. Dann hörte Charlotte ein Poltern, als ein Körper zu Boden fiel.
„Die Unterlagen... sofort!“, brüllte Cassidy. „Vielleicht lasse ich dich dann am Leben... deine einzige Chance.“
Ein dumpfes Geräusch ertönte, und dann erneut ein Aufschrei.
„Erst... Geld“, sagte Mahoney.
Charlotte beugte sich zur Seite und flüsterte Phil den Plan zu, den sie sich gerade überlegt hatte. Der Kommissar war einverstanden. Es blieb keine Zeit, Verstärkung zu rufen und auf die Ankunft von Phils Kollegen oder Beamten des VPD zu warten. Charlotte schlich ein paar Meter zurück, um die Hausfront überblicken zu können. Das Licht der Straßenlaternen erlaubte ihr, ein wenig von der Hauswand zu erkennen. Rasch brachte sie das erste Fenster an der Vorderseite zu Papier. Die Gardine war nur halb zugezogen. Das würde für eine Identifizierung und Kopplung ausreichen.
Das große Fenster, unter dem sie gelauscht hatten, stellte allerdings ein Problem dar, wie sie nun aus dieser Perspektive sah. Es war schlicht nur ein großes Rechteck ohne Besonderheiten. Auch die Mauer darum war eintönig grau in diesem Licht, wies keine Unebenheiten, Risse oder sonstige Merkmale auf. Charlotte schlich wieder zu Phil, ignorierte dessen fragenden Blick und hob ein Ahornblatt vom Boden auf. Sie feuchtete es mit der Zunge an und klebte es vorsichtig an den unteren rechten Rand des Glases. Dann ging sie wieder ein paar Schritte zurück und zeichnete auf einem neuen Blatt Papier das nun markierte Fenster.
Anschließend lief sie um das Haus herum und zeichnete noch weitere Fenster, bis sie insgesamt fünf noch unsignierte Seiten auf ihrem Block hatte. Leise schlich sie zurück zu Phil.
Der Plan ging los.
Sie signierte das Bild von der Rückseite des Hauses und schlug auf die gezeichnete Terrassentür. Sofort war das laute Splittern von Glas zu hören. Abrupt verstummten die Gespräche im Innern des Hauses.
Ein paar Sekunden später befahl Cassidy: „Schau nach!“
Nun ging es Schlag auf Schlag. Im Abstand von zehn Herzschlägen zertrümmerte Charlotte weitere Fenster. Nur das große, unter dem Phil und sie immer noch kauerten, sparte sie noch aus.
Als vier Fenster zerstört waren und Cassidy mehrmals jemanden hinausgeschickt hatte, schob Phil vorsichtig den Kopf hoch. Er hob zwei Finger.
Gut, dachte Charlotte. Dann sind wohl nur noch Cassidy und Mahoney im Raum. Sie signierte das letzte Bild, drückte sich so dicht wie möglich an die Hauswand und senkte den Kopf. Dann schlug sie mit beiden Fäusten auf die gezeichnete große Scheibe. Berstend zersprang das Glas, aber der überwiegende Teil der Splitter fiel nach innen.
Phil sprang im selben Moment auf, hechtete mit dem Unterarm als Schutz vor den Augen durch den nun leeren Fensterrahmen, rollte sich gekonnt ab und schob die bodentiefe Gardine zur Seite. Er hatte seine Waffe im Anschlag und richtete sie auf Bud Cassidy, der hinter einem Schreibtisch saß.
„Keine Bewegung!“, sagte Phil.
Drei Sekunden, nachdem das Fenster zerstört worden war, hatte Phil bereits die zwei Meter zu dem verdutzt reglos dastehenden Rick Mahoney überwunden, griff dessen Arm und drängte ihn zum Fenster.
Vor dem Gangsterboss lag ein Revolver, aber Cassidy machte keine Anstalten, danach zu greifen. Stattdessen rief er laut: „Keith! Hierher! Polizei!“ Er wusste genau, dass Phil nicht auf ihn schießen durfte, wenn er den Beamten nicht direkt mit einer Waffe bedrohte.
Charlotte zerrte unterdessen den Zeugen durch den Fensterrahmen. Mahoney schien nun endlich begriffen zu haben, dass dies seine einzige Rettungsmöglichkeit war. Von außerhalb des Zimmers ertönten schnelle Schritte. Phil sprang mit großen Sätzen rückwärts, ließ Cassidy nicht aus den Augen und kletterte hinaus.
Im Türrahmen tauchte eine Gestalt auf. Phil schoss sofort in die Decke, um etwas Zeit zu gewinnen. Dann war er im Garten, feuerte aber noch einmal einen Warnschuss ab.
Charlotte rannte unterdessen mit Mahoney im Schlepptau zum Nachbargarten.
„Rüber!“, zischte sie und kletterte über die Hecke.
Mahoney folgte, aber da ertönte ein Schuss. Der Zeuge schrie auf und fiel nach vorne. Phil hechtete ebenfalls über die Hecke, und die beiden Freunde griffen den Zeugen, rissen ihn hoch und schleppten ihn weiter.
Mehrere Ganoven waren unterdessen aus Cassidys Haus gekommen. Aber ihre Augen waren noch an das helle Licht im Haus gewöhnt. Sie feuerten, aber ihre Schüsse gingen in alle Richtungen.
Charlotte, Phil und Mahoney waren schon zu weit entfernt, als dass die Gangster sie noch treffen konnten. Sehen konnte man sie vermutlich nicht, und da sie keine lauten Geräusche verursachten, wohl auch nicht hören.
Cassidys Stimme schrie: „Merde! Weg hier!“
Keuchend kamen die drei an Charlottes Wagen an. Phil schob Mahoney in den Fond und sprang selbst auf den Beifahrersitz. Charlotte fuhr bereits los, als Phil gerade erst die Tür schloss.
„Mahoney“, sagte Phil und drehte den Kopf. Doch der Mann, der bäuchlings auf dem Rücksitz lag, antwortete nicht.
Charlotte schaltete für einen Moment das Innenlicht ein, konzentrierte sich aber auf die Fahrbahn. Phil konnte den großen, roten Fleck auf Mahoneys Hemd im Bereich des unteren Rückens ausmachen. Blut tropfte auf die Bodenmatte.
„Er ist getroffen.“
Charlotte antwortete nicht, sondern fuhr, so schnell sie es verantworten konnte. Ziel war das nächste Hospital. Vor Kreuzungen bremste sie ab, rollte aber vorsichtig in diese hinein, und wenn niemand aus der Querstraße kam, fuhr sie bei Rot weiter. Nach einer Viertelstunde hatte sie das Krankenhaus erreicht. Phil rannte zur Notaufnahme. Nur eine Minute später kamen Sanitäter mit einer Trage und holten den Verletzten ab.
Charlotte fuhr ein Stück weiter auf die zu dieser Stunde freien Besucherparkplätze und wartete.
Phil kam ein paar Minuten später zurück. „Der Staatsanwalt schickt Kollegen von außerhalb zu Mahoneys Bewachung. Ich bleibe noch, bis diese hier sind. Du aber fährst nach Hause.“ Er reichte Charlotte ein Taschentuch, die es unter die immer noch leicht blutende Nase hielt. „Dein Auftrag ist erledigt. - Donovans Chauffeur wird übrigens wegen Fahrerflucht angeklagt, Donovan selbst wegen Beihilfe. Beide beteuern, es sei eine Kurzschlusshandlung gewesen.“
Charlotte gab Phil einen flüchtigen Abschiedskuss auf die Wange. In gemächlichem Tempo fuhr sie zurück nach Hause.
In ihrer Wohnung rief sie zuerst ihren Auftraggeber an. Robert Mahoney war bereits vom Hospital verständigt worden, bedankte sich aber bei Charlotte für die rasche Erledigung seines Auftrags. Dann verständigte sie ihre Stammwerkstatt und bat darum, ihren Wagen abzuholen und gründlich zu reinigen.
Nach einer ausgiebigen Dusche setzte sie sich mit einer dampfenden Tasse Tee und einer Wolldecke auf den Balkon. Gedankenverloren pustete sie in die Tasse und schaute in den Nachthimmel.
Sie war zufrieden mit sich.
Einen Bombenanschlag vereitelt, Mahoney gefunden, Phil geholfen, einen Fahrerflüchtigen überführt. Und das alles innerhalb zweier Tagen. Das konnte sich sehen lassen.
Bevor sie ins Bett ging, buchte sie für den folgenden Tag noch einen Flug nach Gatineau. Sie freute sich auf ein Wiedersehen mit Kylie.
***
Charlotte interessierte sich nur wenig für Cassidy und Mahoney, als sie eine Woche später nach einer tollen Zeit mit ihrer damaligen besten Freundin wieder in Vancouver landete. Die Zeitungen aber überschlugen sich mit ihrer Berichterstattung. Rick Mahoney übergab dem Gericht die Unterlagen, die er dem Gangsterboss Bud Cassidy gestohlen hatte. Auf den Dokumenten, die akribisch vermerkten, wer wann wieviel Schutzgeld gezahlt hatte, befanden sich Cassidys Fingerabdrücke. Ihm half alles Leugnen nichts. Wegen bandenmäßiger Erpressung und Anstiftung zum Mord wurde er zur 24 Jahren Gefängnis verurteilt. Rick Mahoney konnte sein Vorhaben, den Rackettchef zu töten, nicht nachgewiesen werden. Zwar fand sich eine Waffe mit seinen Fingerabdrücken in Cassidys Haus, aber es fehlte keine Patrone. So blieb der Deal mit der Staatsanwaltschaft Vancouver bestehen, und er verschwand im Zeugenschutz. Nicht einmal sein Bruder wusste, wo Rick Mahoney in Zukunft leben würde.
ENDE
zu Teil 1