Cold Case Rabenfels

Bo-ehd

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Wo bleiben eigentlich die unzähligen ungelösten Fälle der Kriminalgeschichte? Normalerweise interessiert sich kein Krimiautor dafür, Presse und Politik schon gar nicht, und die Polizei, die die Fälle an- und abgelegt hat, sieht den Akt in der Regel mit einem gewissen Wohlwollen in den Archiven verschwinden. Dabei wird oft übersehen, dass so mancher kalt gewordene Fall als dicht am perfekten Verbrechen eingestuft werden muss.

Cold Case Rabenfels

Das hatten sich die elf Gemeinderäte nicht nehmen lassen: Ihr Vorsitzender Ludwig Reinecke hatte zum Bankett geladen, und zwar ohne Frauen. Das deutete darauf hin, dass die Zusammenkunft ein echter Herrenabend werden würde. Mit reichlich Alkohol, Lästereien und derben Witzen, das Ganze ohne Zurückhaltung und zeitweise ohne Anstand, wenn es um das eine oder andere schwarze Schaf in der Gemeinde ging.
Sie nahmen im Rittersaal der Burg Rabenfels Platz, die nicht nur das historische Juwel der Gegend war, sondern auch das Stadtwappen der gleichnamigen Gemeinde zierte: einen schreienden Raben auf einem Turm.
Sie hatten schon vor zwei Stunden an dem langen Tisch aus massivem Nussbaum Platz genommen, palaverten und ließen sich das Bier der hauseigenen Brauerei schmecken. Es war eindeutig zu viel Alkohol für die leeren Mägen, aber bald, nach der Ansprache durch das Gemeindeoberhaupt, sollte aufgetischt werden.
Um punkt 18 Uhr stand Reinecke auf, zog einen Briefumschlag aus seiner Westentasche und hob zu einer Rede an:
„Liebe Ratsmitglieder,
heute ist ein besonderer Tag für unsere Gemeinde und für mich persönlich.
Das weniger Wichtige möchte ich vorwegnehmen: Ich bin heute auf den Tag genau 7 Jahre euer Bürgermeister, und ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als dieses Jubiläum mit euch in diesen ehrwürdigen Räumen zu feiern. Die drei Herren von der Opposition schließe ich hiermit ausdrücklich ein.
Der wichtigere Anlass für diese Zusammenkunft ist die Nachricht, die mich heute erreicht hat: Das Staatsministerium hat die Förderanträge für die Freizeitanlage samt Golfplatz genehmigt.“
Er schaute in die Runde und wedelte mit dem Umschlag, in dem der Bescheid streckte. Dann fuhr er fort. „Und es kommt noch besser: Statt der in Aussicht gestellten 3,9 Mio. Euro wird das Vorhaben mit 4,25 Mio. unterstützt. Darauf wollen wir die Gläser erheben.“
Dann passte er schnell seine Sprache den weniger dezenten Gepflogenheiten an. „Schorsch, wir sind soweit, schaff die Karnickel rein.“
„Hasen, Ludwig, es sind Hasen“, verbesserte ihn der Wirt. „Und ich weiß es genau, weil ich sie selbst geschossen habe. Dazu hab ich Klöße gemacht. Ist doch recht, oder?“
Minuten später trug die Küchenchefin auf. „Einen Guten wünsch ich den Herren“, ließ die beschürzte Frohnatur vernehmen und zog sich in die Küche zurück. Da die Hasen in Stücke zerlegt waren, lud sich jeder seinen Teller voll, und dann war es mucksmäuschenstill, nur das Klappern der Bestecke und die Kau- und Beißgeräusche einiger Herren erhellten den Raum.
Als die Bäuche gefüllt und die Bierkrüge zum x-ten Mal nachgefüllt waren, hörten sie den mächtigen Türklopfer aus dem 15. Jahrhundert, der die schwere Eichentür zum Burghof ziert. Danach Schritte die Treppe mit ihren vier Stufen hinunter und kurze Zeit später wieder hinauf. Sekunden später erschien die Hausherrin in der Tür, hielt demonstrativ einen Umschlag in der Hand und trat auf den Bürgermeister zu.
„Ist gerade für euch abgegeben worden“, bemerkte sie lapidar und übergab ihn. Er war adressiert an den Gemeinderat.
Reineke öffnete ihn vor aller Augen. Alle fanden es mysteriös, dass ein öffentliches Schreiben zu dieser Stunde in der Burg abgegeben wurde. Warum nicht im Rathaus oder zumindest im Briefkasten der Gemeinde?
Er überflog den Text, schluckte, schaute in die Runde und las mit zittrigen Händen und immer blasser werdendem Gesicht und gedrückter Stimme vor: Ihr seid genug gewarnt worden. Heute noch wird einer von euch sterben.
Die Ratsherren empörten sich einer nach dem anderen: „Was ist denn das für ein Spinner!“, polterte Scheffer von den Schwarzen.
„Wieder so ein Wichtigtuer! Ja, so ein Krimineller aus … na, ihr wisst schon. Solche Typen sollte man gleich wegsperren“, ätzte Buchta, ebenfalls schwarz. Und Rudloff von den Roten stieß ins gleiche Horn. „Irgendeinem haben sie immer ins Gehirn geschissen. Was ist das nur für eine Welt!"
Da meldete sich Schmölzing, der abgewählte Bürgermeister von den Schwarzen, zu Wort und hinterfragte mit kritischem Ton: „So ganz geheuer ist mir die Sache nicht. Lasst uns mal überlegen, ob irgendwas dahinterstecken könnte.
„Was soll schon dahinterstecken? Irgendjemand fühlt sich auf den Schlips getreten und macht jetzt Terror.“
„Vielleicht passt es einem nicht, dass wir die Hundesteuer heraufgesetzt haben.“
Dann wandte er sich direkt an den Bürgermeister. „Leute, die bei jedem Bisschen stänkern, gibt’s doch in jeder Gemeinde. Ich bestell jetzt einen Klaren zum Verdauen. Wer will auch einen?“
Bürgermeister Reinecke blickte plötzlich mit ernstem Gesicht in die Runde. „So ganz ins Lächerliche ziehen will ich das Schreiben nicht. Lasst uns mal überlegen, ob da was Wahres dran sein könnte. Was könnte der Grund dafür sein, dass einer gleich so durchdreht und an Mord denkt.“
„Was soll’n das jetzt, Bürgermeister! Willst du uns die Stimmung versauen? Von uns hat sich doch keiner etwas vorzuwerfen.“
Da will einer uns doch nur Angst machen und den Abend versauen.“
„Und wenn er’s ernst meint?“
„Da müsste der Idiot ein Motiv haben. Darum geht es doch. Und bei Mord muss das Motiv schwerwiegend sein. Also, um ehrlich zu sein: Mir fällt da nichts ein“, meldete sich Buchta zu Wort.
„Gerade du musst das sagen, Heiner! Das Ding, dass du da bei der Hofbäuerin abgezogen hast, war ja nicht ganz ohne. Nur um an ihr scheiß Grundstück zu kommen. Du hast die Alte ja regelrecht in den Tod gehetzt!“
Buchta wurde knallrot im Gesicht. „Jetzt lass mal die Kirche im Dorf! Ich hab der x mal angeboten, den Hof mit dieser verdammten Weide abzukaufen. Sie hätte meine Wohnung in Neuringen haben können. Da hätte sie ein sorgloses Leben führen können, ohne Existenzängste und mit einen Haufen Geld auf der Bank.“
„Sie wollte aber bei ihren Viechern bleiben, wie du weißt. Die alte Hütte ist ihr Geburtshaus, und Viecher, die haben sie ein Leben lang begleitet. Geld hat die Alte nie interessiert“, warf Reinecke ein.
„Jetzt mal Klartext: Ohne das Grundstück der Alten wären unsere Wiesen und Felder keinen Schuss Pulver wert, weil der Platz für die Anlage nie ausgereicht hätte.“ Buchta fühlte sich als Sündenbock. „Tut jetzt nicht so, als hätte ich die Alte auf dem Gewissen.“
„Immerhin war sie plötzlich tot.“
„Ja, sie war plötzlich tot, aber was habe ich damit zu tun?“
Das fragten sich alle Anwesenden, und wahrscheinlich hätten sie noch eine Stunde lang diskutiert, wenn nicht die Wirtin zur Tür hereingeschaut hätte. „Hier ist noch so ein Brief. Ist unter der Tür durchgeschoben worden“, rief sie, und Reinecke nahm ihn an sich und riss den Umschlag auf.
„Der will uns tatsächlich Angst machen“, sagte er leise vor sich hin und las dann laut vor: Noch 4 Stunden und 12 Minuten, dann ist der Übeltäter tot.
Die Diskussion wurde heftiger, es folgten Verdächtigungen, Vermutungen, üble Nachrede, Beschuldigungen. Die Runde wurde zunehmend ängstlicher – und aggressiver, besonders ab dem Moment, als die Hauptakteure begannen, sich selbst zu zerfleischen.
„Vielleicht ist ja unter uns wirklich einer, der den Tod verdient. Oder zumindest eine Bestrafung.“ Fischer von den Schwarzen war sich nicht bewusst, was seine Worte anrichteten.
„Was redest du denn da! Tu tust ja so, als hätten wir Verbrecher in unseren Reihen.“ Scholz, ein weitere Schwarzer, widersprach vehement.
„Tu mal nicht so. Schau dich mal um, Kollege: Scheffer hat den Staat um Millionen beschissen. Hätt ich vielleicht auch gemacht, wenn ich gekonnt hätte. Rudloff geht seit zwanzig Jahren fremd. Würd mich nicht wundern, wenn seine Greta einen Killer beauftragt hat. Und du, werter Herr Bürgermeister, wieso hast du die drei schönsten Bauplätze in der Gemeinde für dich und deine Töchter?“
„Rudloff, du bist so ruhig. Willst du uns vielleicht mal verraten, wie du an den Großauftrag für die Wohnsie …“
In diesem Moment schritt die Wirtin ein. Die Wortgefechte waren ihr zu laut und zu hitzig geworden.
„Ich habe im Hof ein Buffet mit verschiedenen Nachspeisen und Kaffee aufgebaut. Leute, lasst euch mein selbstgemachtes Eis nicht entgehen. Ich mache es nur einmal im Jahr. Für euch.“
Die Räte unterbrachen ihr Gezänk, standen auf und begaben sich geschlossen auf den Burghof, tranken Kaffee und schleckten Rabenfelser Eis. Dann, nach etwa einer halben Stunde, kehrten sie in den „Sitzungssaal“ zurück und versuchten, keinen weiteren Streit aufkommen zu lassen.

„Wenn wir zusammenbleiben, passiert gar nichts. Das werdet ihr schon sehen.“ Der Bürgermeister hatte es mit diesen Worten tatsächlich geschafft, die Gemüter endgültig zu beruhigen. „Also, Freunde, dann lassen wir diesen ganzen Quatsch mal hinter uns. Wir wollen uns doch nicht den Abend versauen lassen. Hebt die Gläser: Prost!“
Alle hoben ihre Schnapsgläser und leerten sie. Danach kehrten sie zu ihren gewohnten Themen zurück. Sie palaverten eifrig, aber in gedämpfter Stimmung. Nur einer blieb auffallend ruhig.
„Heiner, was ist los mit dir? Verträgst den Schnaps heute nicht?“ Reinecke, der neben ihm saß, legte seine Hand auf Buchtas Schulter und fühlte, wie der Parteikollege ohne eine Reaktion ganz langsam nach vorn kippte, bis sein Kopf ungebremst und heftig auf dem Tisch aufschlug.
Reinecke schaute auf die Uhr. Es war 20.44h.

*

Drei Jahre später landete die Akte auf Hauptkommissar Rolf Beckers Schreibtisch. Als Cold Case, der aus gutem Grund so bezeichnet wurde, weil es in ungewöhnlich hohem Maße nichts gab, das einen Ansatz für eine weitere Ermittlung gerechtfertigt hätte. Nach zwei Stunden klappte er den Deckel zu und resümierte: Kein Tatwerkzeug, kein Täter, keine Zeugen, keine Fingerabdrücke, keine DNA und vor allem kein Motiv von wem auch immer. Die ermittelnden Beamten konnten damals nicht einmal den Tathergang klären. Türen und Fenster waren geschlossen, und nach den zwei Besuchergruppen, die gegen 17 Uhr wieder in ihre Busse gestiegen waren, hatte an diesem Tag keine weitere Person die Burg betreten. Becker fragte sich, was bei dieser Aktenlage noch ermittelt werden soll.
„Verschwendete Zeit!“, murmelte er und entschied, sich pro forma einmal den Tatort anzuschauen. Der Wirt erzählte ihm in allen Einzelheiten, was er aus den Akten bereits wusste. Dann setzte er sich in den Sitzungsraum und stellte sich vor, wie er aus Sicht des Mörders gehandelt hätte. Dabei kam er zu drei Kernfragen:
Wie ist der Mörder in die Burg gekommen?
Wie und wann hat er die Tat ausgeführt?
Wie hat er sich wieder davonschleichen können?
Zuvorderst aber galt es zu klären, was genau zu Buchtas Tod geführt hatte. Es konnte nämlich keine klare Todesursache festgestellt werden. Laut Akten war vom ärztlichen Notdienst ein Herzstillstand diagnostiziert worden, was auch die pathologische Untersuchung nicht widerlegen konnte. Deshalb ging man in den ersten Stunden auch nicht von einem unnatürlichen Tod aus. Den Fall in Gang brachte erst ein Blick in die Krankenakte des Getöteten, in der ein starkes, gesundes Herz bestätigt worden war. Des weiteren hatte eine Recherche wegen eines Grundstückverkaufs die Erkenntnis gebracht, dass es seinerzeit in der Auseinandersetzung zwischen dem Opfer und der alten Hofbäuerin zu Morddrohungen seitens der Söhne gekommen war. Die wohnten allerdings schon seit Jahren nicht mehr in der Gegend und hatten ein wasserdichtes Alibi.
Becker setzte sich auf den Stuhl, auf dem Buchta gesessen hatte, und versuchte, einen Tathergang zu konstruieren. Der Täter war wohl einzeln oder in der Besuchergruppe in die Burg gelangt und muss sich irgendwo versteckt haben. Becker schaute sich um. Der Sitzungssaal hatte drei Türen: die Eingangstür zum Flur und jeweils eine an den Seiten, die in benachbarte Räume führten. In diesen Räumen wurde bei großen Festlichkeiten eine Bar oder ein Büffet eingerichtet. An besagtem Tag waren sie aber unbenutzt. Hier hätte der Mörder warten können, bis sich eine Gelegenheit ergab. Vielleicht hatte er sogar eine winzige Kamera unter der Tür hindurchgeschoben und die Herrenrunde beobachtet.
Und weiter könnte es so gewesen sein: Als die Runde zum Eisessen und Kaffeetrinken im Burghof war, ist der Mörder aus seinem Versteck gekommen und hat ein Gift in Buchtas Glas gegeben. Er wusste ja, wo er sitzt.
Ja, so hätte es sein können. Alles ist nur eine Vermutung, aber eine durchaus plausible Theorie. Das Gift? Weniger als ein Tropfen genügt manchmal. Die Russen mit ihrem Nowitchok haben das ja mehrfach bewiesen. Wenn’s ein ganz ausgebuffter Typ war, hat er ein Mittel verwendet, dass sehr schnell zerfällt und nach ein oder zwei Tagen nicht mehr nachgewiesen werden kann. Diese Chemikalien gibt es tatsächlich – Gott sei Dank kennt sie kein normaler Mensch.
Bleibt noch die Antwort auf die Frage, wie der Mörder die Burg verlassen hat, ohne dass jemand etwas bemerkt hat. Der Wirt hatte ihm versichert, dass alle Fenster geschlossen und die Eingangstür verriegelt war. Der Schlüssel steckte von innen im Schloss. Wie also war er entkommen, ohne die geringste Spur zu hinterlassen?
Becker stand auf, ging zum Fenster und stützte sich mit beiden Händen auf der riesigen Fensterbank ab. Sein Blick war nach draußen gerichtet. Zwei Meter, höchstens, folgerte er. Höher waren die Fenster nicht über dem Boden. Da hätte der Mörder, ein bisschen körperliche Fitness vorausgesetzt, locker hinaussteigen können.
Hätte! Hätte! Becker schüttelte den Kopf. Aber wie konnte er es von außen wieder verschließen?, fragte er sich. War das technisch überhaupt möglich? Die Holzrahmen waren vor dreißig Jahren erneuert worden, entsprachen in der Ausführung aber dem Original. Etwas altmodisch, aber sie schlossen so recht und schlecht. Die Scharniere und der Schließmechanismus, beide aus dem 18. Jh., mussten aus Denkmalschutzgründen original verbaut werden.
Hier erkannte Becker sofort eine Schwachstelle. Bei der Schließe handelte es sich um einen Riegel. Auf dem linken Flügel war der Riegel, bestehend aus einem etwa 20 cm langen Arm, der am vorderen Ende zu einem Haken gebogen war. Auf dem rechten Flügel befand sich eine Ringöse, in die die Spitze des Hakens geführt wurde.
Becker öffnete das Fenster und schloss es wieder. Wie einfach!, dachte er. Vielleicht zu einfach, um sicher zu sein. Er hob den Riegel mit einem Finger und ließ ihn in die etwa 3cm große Öse fallen. Dann bestellte er sich ein Bier und überlegte. Der Riegel schloss – sehr leichtgängig - durch Fallen und arretierte so, wie es sich für das Zusammenspiel von Fallriegel und Falle gehörte. Diese Feststellung trieb ihn zu einem Experiment. Er ging an sein Auto, öffnete den Kofferraum, in dem sich stets seine Angelausrüstung befand, und entnahm ihr ein Röllchen mit feinster Angelschnur mit einem Durchmesser von 0,1 mm. Er begab sich von außen an das geöffnete Fenster, schnitt einen guten Meter Schnur ab, nahm sie doppelt, legte sie von unten um den Riegel und hob diesen leicht an. Die Spannung der Schnur beibehaltend, legte er das feine Monofil über die Oberseite des Flügels nach außen. Dann zog er beide Flügel zu und ließ den Riegel fallen, indem er ein Ende der Schnur losließ. Der Riegel fiel in die Falle.
Becker zog die Schnur an einem Ende über den oberen Rahmen aus dem Fenster.
Welch raffinierter Kerl hatte das ausgeklügelt, dachte Becker auf der Heimfahrt. Es gibt eben Fälle, die sind einfach nicht lösbar. Sind sie das perfekte Verbrechen? Ganz gewiss nicht.
 



 
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