Das Duett

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Er – singt sein Lied

Er liebt sie leise.
Nicht, weil er leise liebt,
sondern weil Lautstärke sie erschrecken würde.

Seine Treue ist sichtbar:
Sie steht im Alltag,
im Bleiben,
im Nicht-Gehen,
im Mittragen der Jahre.

Doch sein Körper kennt noch eine andere Sprache.
Eine, die nicht gesprochen werden darf.
Eine, die nur fragt:
Darf ich dich berühren, ohne dich zu verletzen?

Er hat gelernt,
dass Zurückhaltung auch weh tun kann.
Dass Sehnsucht nicht immer wild ist,
sondern manchmal versteckt, zitternd vor Angst,
etwas falsch zu machen.

Er will kein Recht.
Er will keine Forderung.
Er will nur nicht jedes Mal erschrecken,
wenn sie erschrickt.

Sie – singt ihr Lied

Sie liebt ihn.
Nicht trotz der Distanz,
sondern in ihr.

Treue ist für sie kein Versprechen,
sondern ein Zustand:
Er ist da.
Das reicht oft – fast immer.

Ihr Körper aber lebt in einer anderen Zeit.
Eine, die sie nicht gewählt hat.
Eine, in der Nähe nicht Nähe war,
sondern Gefahr.

Wenn er sich nähert,
ist es nicht er, den sie sieht,
sondern ein Echo.
Und sie hasst dieses Echo mehr als alles andere.

Sie will ihm nichts verweigern.
Sie kann nur nicht geben,
was ihr selbst genommen wurde.

Ihr Lied ist kein Nein.
Es ist ein Noch nicht,
das manchmal ein Vielleicht nie fürchtet.

Das Duett

Sie sitzen nebeneinander.
Nicht verschränkt,
nicht getrennt.
Nur nebeneinander.

Ihre Treue klingt unterschiedlich,
aber sie hat denselben Ton.

Er schweigt, um sie nicht zu bedrängen.
Sie schweigt, um ihn nicht zu verlieren.

Manchmal berühren sich ihre Hände zufällig,
und beide halten den Atem an –
nicht aus Angst,
sondern aus Hoffnung,
dass dieser Moment sich selbst genügt.

Vielleicht reicht Treue nicht.
Vielleicht ist sie alles, was bleibt.
Vielleicht ist sie kein Ersatz für Nähe,
sondern der Raum,
in dem Nähe eines Tages wieder möglich wäre.

Und während sie schweigend singen,
lernen sie etwas Schweres, etwas Zartes:

Liebe ist nicht immer das,
was man einander gibt.
Manchmal ist sie das,
was man einander nicht abverlangt.
 



 
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