Das Extra-Chromosom

apscheron

Mitglied
Es war ein Samstagabend wie jeder andere. Ich schaute das Fußballmagazin und suchte verzweifelt nach etwas Positivem im Spiel von Schalke – leider vergeblich. Als die Tür klingelte und mein russischer Nachbar Oleg in den Flur taumelte, umhüllt von einer Duftwolke, die stark nach Wodka und einem Hauch von Knoblauch roch, wurde mir klar, dass ich an diesem Abend wohl keinen Frieden finden würde. Normalerweise verbrachte Oleg seine Abende vor dem Computer und saugte antiwestliche Propaganda aus dem russischen Internet in sich auf, die er mit dem berühmten Getränk seiner Heimat hinunterspülte. Doch heute erinnerte er mich an einen Bergsteiger, der sein Leben lang davon geträumt hatte, den Everest zu erklimmen, und nun den letzten Schritt auf den Gipfel geschafft hatte. Seine glänzenden Augen und das leicht dümmliche Grinsen verrieten mir, dass mich mal wieder eine Sensation erwartete, an die ich mich inzwischen gewöhnt hatte.

„Was ist es diesmal?“, fragte ich ihn mit einem Hauch Ironie. „Hat sich Putin einer Geschlechtsumwandlung unterzogen und betrügt jetzt seine Turnerin mit seinem Berater? Oder hat Amerika Alaska im Tausch gegen ein Fass Kaviar zurückgegeben?“ Mein Nachbar schätzte meinen Sarkasmus wenig und platzte stattdessen stolz heraus: „Gerade eben hat Russlands Kulturminister der ganzen Welt verkündet, dass Russen ein Extra-Chromosom besitzen und dass genau das uns von allen anderen Völkern unterscheidet. Und er ist Wissenschaftler – er weiß, wovon er spricht!“ Wie immer in solchen Situationen war es an mir, auf die neueste Portion Unsinn zu reagieren, die meinem leichtgläubigen Nachbarn eingetrichtert worden war.
„Sechsundvierzig,“ sagte ich leise. „Was, sechsundvierzig?“, fragte Oleg verwirrt zurück. „Die anderen, wie du sie nennst, haben sechsundvierzig Chromosomen.“ „Dann haben wir eben siebenundvierzig!“, rief mein Nachbar aufgebracht. „Ein Kulturminister würde doch nicht lügen!“ „Versteh mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen. Meinetwegen siebenundvierzig, wenn du das willst. Dieses siebenundvierzigste Chromosom gilt unter Wissenschaftlern übrigens als Ursache für das Down-Syndrom. Vielleicht habt ihr aber eine eigene russische Version davon,“ fügte ich sarkastisch hinzu.

Oleg verstummte und brauchte einen Moment, um meine Worte zu verdauen. Er sah aus wie jemand, der sich über einen millionenschweren Jackpot in Euro freut, nur um dann festzustellen, dass der Spielautomat den Gewinn in Rubel ausgespuckt hatte. Ein Vergleich, der vielleicht unfair ist – immerhin wäre ein Millionengewinn in Rubel immer noch ziemlich beachtlich, zumindest für mich.

„Schau mal,“ versuchte ich meinen von der russischen Propaganda geblendeten Nachbarn zu beruhigen, „dein Minister – übrigens heißt er Medinsky – ist in Wirklichkeit kein Wissenschaftler, seine Doktorarbeit hat er einfach abgeschrieben. Und ist es am Ende nicht schön, dass wir trotz aller Unterschiede doch etwas gemeinsam haben?“
Leider zeigte mein schwacher Versuch, ihn zu beschwichtigen, keinerlei Wirkung. Oleg ließ den Kopf hängen und verschwand, ohne mir noch „Gute Nacht“ zu wünschen. Alles wie immer. Doch diesmal hatte ich das Gefühl, als hätte ich ihm sein liebstes Spielzeug weggenommen und ihm gleichzeitig den Mittelfinger gezeigt. Ja, so ein schlechter Mensch bin ich wohl.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Eine schöne Satire. Auch auf unser Handeln. Es ist wie ein Spiegelbild. In gewisser Weise.
Interessant ist Chromosom 47. Das gibt es wirklich. Zum Beispiel XXY, das Klinefelder Syndrom, ein zusätzliches x-Chromosom.
Klinefelter-Syndrom – Wikipedia
"Die Chromosomenbesonderheit kann sich auf die kognitive (das Denken betreffende) und körperliche Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Jungen und Männer mit dem Klinefelter-Syndrom auswirken, wobei nicht generell gesagt werden kann, welche Symptome sich in welcher Ausprägung bei einem Jungen bzw. Mann ausbilden. Manchmal sind auch nur wenige Symptome erkennbar.[17] ..." (Wikipedia, ebenda).

Trisomie ist gar nicht so selten. Allerdings irrt sich der Nachbar, denn Trisomien sind in allen Völkern verbreitet. Es ist kein spezifischer Unterschied. Andere Beispiele: XYY, XXX, Trisomie 21 (Down-Syndrom) und viele andere.
Trisomie – Wikipedia

Die Sache mit dem Extra-Chromosom zeigt, zusammen mit dem Dialog, wie Menschen sich mit Scheinargumenten bombardieren.

Du stellst sehr schön die (Anti-)Symmetrie der Begegnung dar.
 

apscheron

Mitglied
Danke Dir für deine Bewertung und interessante Info, vieles davon war für mich neu. Für mich war es auch wichtig zu zeigen, wie manipulierbar Menschen sind, die von der Propaganda ausgenutzt und missbraucht werden.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das habe ich verstanden, danke für die Antwort. Man muss nur aufpassen, weil man leicht selbst auch manipuliert wird. Und bei Manipulation ist oft Voraussetzung: Teilwissen. Du hast es gut gezeigt, denke ich.
 

lietzensee

Mitglied
Hallo apscheron,
ich kann mit der Geschichte ehrlich gesagt nicht so viel anfangen. Da ist mir zu viel Klischee, aus dem du zu wenig Originelles machst. Oleg ist keine interessante Figur, sondern nur Stichwortgeber für den Ich-Erzähler. Ich finde auch die Beziehung zwischen den beiden nicht stimmig. Der Erzähler scheint Oleg zu verachten, aber trotzdem führt er diese Art von Gespräch regelmäßig mit ihm?

„Sechsundvierzig,“ sagte ich leise. „Was, sechsundvierzig?“, fragte Oleg verwirrt zurück. „Die anderen, wie du sie nennst, haben sechsundvierzig Chromosomen.“ „Dann haben wir eben siebenundvierzig!“, rief mein Nachbar aufgebracht. „Ein Kulturminister würde doch nicht lügen!“ „Versteh mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen. Meinetwegen siebenundvierzig, wenn du das willst. Dieses siebenundvierzigste Chromosom gilt unter Wissenschaftlern übrigens als Ursache für das Down-Syndrom. Vielleicht habt ihr aber eine eigene russische Version davon,“ fügte ich sarkastisch hinzu.
Wenn der Sprecher wechselt, solltest du einen Absatz machen. Dann kann man den Dialog besser lesen.


Er sah aus wie jemand, der sich über einen millionenschweren Jackpot in Euro freut, nur um dann festzustellen, dass der Spielautomat den Gewinn in Rubel ausgespuckt hatte.
Die Stelle fand ich aber gut.

Viele Grüße
lietzensee
 
Zuletzt bearbeitet:

apscheron

Mitglied
Hallo, lietzensee , danke für deine ehrliche Meinung. Solche "Olegs" treffe ich leider ziemlich häufig, besonders bei der Arbeit. Sie sprechen ganz offen mit mir, als ob ich einer von „ihnen“ wäre. Einmal erzählte mir ein Russe, dass er Putin sehr liebe, weil sein Bruder im Dorf infolge des Importverbots für Lebensmittel viel mehr Schweinefleisch verkauft. Dass Hunderttausende im Krieg getötet wurden und Millionen flüchten mussten, interessierte ihn kaum.
Wie gesagt, ich danke dir für dein Interesse und deine Offenheit.
Viele Grüße
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber apscheron,

ich verstehe, wie Lietzensee zu dieser Ansicht kommen kann,
Ich finde auch die Beziehung zwischen den beiden nicht stimmig. Der Erzähler scheint Oleg zu verachten, aber trotzdem führt er diese Art von Gespräch regelmäßig mit ihm?
aber ich habe das eher so gesehen, dass die Kontaktaufnahme regelmäßig von Oleg ausging - und ich kann mir auch vorstellen, dass man dann als Besuchter mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. Natürlich ist diese Beziehung dann 'nicht stimmig'.

Letztlich haben diese Geschichten auch immer viel mit dem eigenen Erfahrungshintergrund zu tun. Wenn man selbst nicht beurteilen kann - wie das bei mir der Fall ist -, ob sich 'Russen' 'so' verhalten, oder ob es sich um Klischees handelt, bin ich eher vorsichtig damit, ein Urteil zu fällen bzgl. der Glaubwürdigkeit.

Ich finde aber in der Tat, dass der Ton des Ich-Erzählers ein bisschen hochnäsig rüberkommt, und wie Bernd schon sagte, man muss auch bei sich selbst aufpassen, nicht Manipulation aufzusitzen. Und eine Schwäche sehe ich bei der Geschichte darin, dass man sich über 'einfache' Menschen erhebt, was die gewählte Sprache noch betont.
Ich habe einmal die Dokumentation 'Mission Wahrheit. Die New York Times und Donald Trump'* gesehen, in denen ein Reporter ein einfaches Paar im ländlichen Raum befragte. Sie hatten davon profitiert, dass Obama ein Programm aufgelegt hatte, nachdem bedürftige Haushalte Zuschüsse zur Sanierung ihrer Häuser bekommen konnten. Das Paar hatte Trumps Slogan nach dem teuren Staat nachgebetet und dass er alle Mittel für die Mauer in Mexiko bräuchte. Da haben sich diese Menschen angesehen und unisono gesagt, dann hätten sie das Geld für die Fenster wohl nicht annehmen dürfen, denn die Mauer sei ja wichtiger und überlegten, ob sie es jetzt zurückgegeben sollten. Das ist jetzt nur ein Beispiel, an das ich mich erinnere, und man würde zuhauf und in allen Regionen solche schlichten Gemüter finden, die Parolen Glauben schenken, die gar nicht in ihrem Interesse sind - und welchen Zweck auch immer erfüllen.
Grundsätzlich löst das in mir Gedanken aus, dass die Bildung immer weniger in die Breite geht, sondern gerne 'Exzellenz' für den 'Wettbewerb' gefördert wird und mich macht das böse auf eine Politik, die das betreibt - egal wo - und dafür die Menschen verachtet.
Aber ich will hier nicht politisieren, das war nur etwas, was mir bei Deiner Geschichte aufgefallen war.

Liebe Grüße
Petra

* Programmhinweis zum Inhalt https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/programmkalender/ausstrahlung-3656932.html; das Video selbst
 



 
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