Der beste Walzer seines Lebens

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Zettelin

Mitglied
Der beste Walzer seines Lebens


Er stand schon eine ganze Weile vor der Band und war ganz und gar in ihre Musik versunken. Nur die Klänge ihrer Instrumente bahnten sich den Weg über seine Ohren in seinen Verstand. Alles andere, auch den Trubel der anderen Gäste, nahm er nicht wahr.
Eingehüllt in den Rhythmus des Walzers, schlug sein Herz ruhig unter seinem Smokinghemd. Mit geschlossenen Augen fühlte er in sich hinein.
Und er war sich sicher: Dies war der beste Walzer, den er je gehört hatte. Wahrscheinlich würde er nie wieder einen besseren zu hören bekommen.

Der kühle Windhauch, der seinem Nacken eine Gänsehaut bescherte, schob seine Wahrnehmung zurück auf den rutschigen Dielenboden vor der Band. Er schaute sich die Musiker an. Schwarze Smokings, weiße Hemden. Ohne Instrumente, hätten sie auch normale Gäste sein können. Aber das waren sie nicht. Sie waren so viel mehr. Für ihn waren sie ein Rettungsring in einer kalten, untergehenden Welt.

Er war fasziniert von ihrer Disziplin. Acht Männer mit acht Instrumenten, die ihn die Hektik des Abends vergessen ließen, obwohl um sie herum die Gäste wild durcheinanderliefen. Selbst die Kellner achteten zu dieser Stunde nicht mehr auf ihren Service und ihr Benehmen.
Kaum jemand schenkte der Band seine volle Aufmerksamkeit. Ein undankbarer Auftritt, den sich die Musiker sicherlich so nicht gewünscht hatten. Doch trotzdem spielten sie weiter. Und sie spielten so wunderbar, dass es ihm Tränen in die Augen zauberte.

Der Walzer endete, und die Band besprach sich, welches Lied sie nun spielen wolle. Er nutzte die Zeit und sah sich unter den Gästen um. Einige Gentlemen, die sich an ihm vorbeidrängten, wollten in dieser Nacht wohl ihre Rettung durch die spontane Begleitung einer Dame finden.

Auch er hatte zunächst das schreiende Verlangen verspürt, sich in dieser Nacht einer Frau zu bemächtigen, um morgen wie neugeboren einen weiteren Tag begrüßen zu können. Er hatte auch eine Dame gefunden. Sie war eigentlich zu alt für ihn, aber sie teilte seine Sehnsucht ihr Glück im neuen Morgen zu finden. Schnell waren sie sich einig geworden: Er half ihr an all den ungehobelten und rempelnden Männern vorbei und dafür – so hoffte er – würde sie ihn mitnehmen in eine heiß ersehnte Zukunft. Hand in Hand strebten sie einem neuen Tag entgegen. Ihre Finger umschlossen seine Hand fest und er sah in ihrem Blick, wie Verzweiflung Dankbarkeit wich, je näher sie ihrem Ziel kamen.
Am Ende hielt er sein Versprechen, sie ihres aber nicht. Als sie ihr Ziel erreichten, gab sie sich in ihrem starken Verlangen nach Lebendigkeit einem anderen hin. Sie ergriff die kalte Hand eines Uniformierten. Ein kurzer Blick mitleidiger Augen, dann verschwand sie langsam, einer Frau in einem Fahrstuhl gleich, aus seinem Blick.

Danach war zunächst nichts. Keine Enttäuschung, keine Wut. Nur eine große Leere, die ihn komplett zu verschlingen drohte. Und als sich sein Verstand schon fast komplett in dieser Leere aufgelöst hatte, hörte er den Walzer. Er fokussierte sich völlig auf sein Gehör. In dieser auf die primitivsten Instinkte zurückgesetzten Welt gab es noch Kultur.

Und so stand er dort, vor der Band, und wartete auf ihr Abschlusslied. Die acht Männer schienen sich einig geworden zu sein. Kurz bevor sie zu spielen begannen, nickte ihm der Bassist dankbar zu – und er nickte ebenso dankbar zurück.

Während die Band die Hymne „Nearer, My God, to Thee“ anstimmte und er sich wieder glückselig und erlöst in ihrer Musik verlor, neigte sich seine Welt dem Ende entgegen.

Ihr Sinken war nun nicht mehr zu verhindern.
 



 
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