Buddy Lee Doerfer
Mitglied
World of Wordcraft
Ich betrat die Stadt durch ein schmales Portal.
Sonntagabend. Die Server waren voll.
Sturmwind lag vor mir – jedenfalls nannte man es so. Hohe Mauern aus Text, gepflasterte Wege aus Kommentaren, Laternen, die mit klugen Worten flackerten oder mit heißer Luft. Ich war frisch gespawnt, ein Retribution-Paladin, nicht aus Überzeugung, sondern aus Abneigung gegen die Horde. Man muss nicht alles hassen, um etwas anderes zu wählen.
In meiner Tasche lagen sieben Geschichten.
Sauber geschmiedet, nicht perfekt, aber ehrlich. Lesenswert, dachte ich.
Ein Anfängerfehler.
Auf den Plätzen standen sie: die Kings. Männlich, weiblich, allesamt schwer gepanzert. So viel Rüstung, dass man sich fragte, ob hinter ihnen ein kleiner Karren rollte, voll beladen mit altem Eisen, Orden und Jahreszahlen. Über ihren Köpfen schwebten Blubberblasen, prall gefüllt mit Fähigkeiten:
Seit 2009 hier.
Stilgefühl.
Literarischer Instinkt.
Das habe ich anders gelesen. Wer am lautesten brüllt erklärt sich selbst zum Endboss.
Sie sprachen viel.
Nicht über das, was ich geschrieben hatte – nein.
Sie sprachen über das, was sie lieber gelesen hätten. Über Figuren, und deren Eigenschaften, die sie dazudichteten, Enden, die ihnen gefielen, und Absichten, die ich nie gecastet hatte.
Als wäre jede Geschichte ein Wunschkonzert und ich nur die Hintergrundmusik.
Ich sah mich um. Kein Questgeber. Kein Auftrag.
Nur Stimmen.
Also ging ich weiter, durch Gassen aus Meinungen, vorbei an Tavernen voller Meta-Diskussionen. Ab und zu traf ich andere Neulinge. Sie hielten vorsichtig ihre Texte wie fragile Items vor sich, schauten sich unsicher um, manche loggten sich wieder aus. Offline. Vielleicht für immer?
Ich blieb.
Denn während sie Rüstung sammelten, sammelte ich Wörter.
Seltene. Glänzende. Unscheinbare. Diamanten.
Ich hob sie auf, steckte sie ein, drehte sie im Licht. Wörter sind Schätze – und ja, sie können süchtig machen. Wie ein paar freie Stunden auf dem Server Kargath, wenn die Welt draußen schweigt.
Manchmal, wenn der Lärm zu groß wurde, stieg ich auf.
Hoch hinauf, auf meinem großen Bronzedrachen, von dem ich immer noch träume. Von dort oben sah World of Wordcraft plötzlich klein aus. Die Kings winzig. Die Blubberblasen platzten lautlos.
Und unten, zwischen all dem Gerede, lagen sie noch immer:
Geschichten.
Ungelevelt.
Ungerüstet.
Aber lebendig.
Ich landete wieder.
Zog mein Schwert – es hieß Sprache –
und schrieb weiter.
Nicht um Endgegner zu besiegen.
Sondern um unterwegs zu sein.
Ich betrat die Stadt durch ein schmales Portal.
Sonntagabend. Die Server waren voll.
Sturmwind lag vor mir – jedenfalls nannte man es so. Hohe Mauern aus Text, gepflasterte Wege aus Kommentaren, Laternen, die mit klugen Worten flackerten oder mit heißer Luft. Ich war frisch gespawnt, ein Retribution-Paladin, nicht aus Überzeugung, sondern aus Abneigung gegen die Horde. Man muss nicht alles hassen, um etwas anderes zu wählen.
In meiner Tasche lagen sieben Geschichten.
Sauber geschmiedet, nicht perfekt, aber ehrlich. Lesenswert, dachte ich.
Ein Anfängerfehler.
Auf den Plätzen standen sie: die Kings. Männlich, weiblich, allesamt schwer gepanzert. So viel Rüstung, dass man sich fragte, ob hinter ihnen ein kleiner Karren rollte, voll beladen mit altem Eisen, Orden und Jahreszahlen. Über ihren Köpfen schwebten Blubberblasen, prall gefüllt mit Fähigkeiten:
Seit 2009 hier.
Stilgefühl.
Literarischer Instinkt.
Das habe ich anders gelesen. Wer am lautesten brüllt erklärt sich selbst zum Endboss.
Sie sprachen viel.
Nicht über das, was ich geschrieben hatte – nein.
Sie sprachen über das, was sie lieber gelesen hätten. Über Figuren, und deren Eigenschaften, die sie dazudichteten, Enden, die ihnen gefielen, und Absichten, die ich nie gecastet hatte.
Als wäre jede Geschichte ein Wunschkonzert und ich nur die Hintergrundmusik.
Ich sah mich um. Kein Questgeber. Kein Auftrag.
Nur Stimmen.
Also ging ich weiter, durch Gassen aus Meinungen, vorbei an Tavernen voller Meta-Diskussionen. Ab und zu traf ich andere Neulinge. Sie hielten vorsichtig ihre Texte wie fragile Items vor sich, schauten sich unsicher um, manche loggten sich wieder aus. Offline. Vielleicht für immer?
Ich blieb.
Denn während sie Rüstung sammelten, sammelte ich Wörter.
Seltene. Glänzende. Unscheinbare. Diamanten.
Ich hob sie auf, steckte sie ein, drehte sie im Licht. Wörter sind Schätze – und ja, sie können süchtig machen. Wie ein paar freie Stunden auf dem Server Kargath, wenn die Welt draußen schweigt.
Manchmal, wenn der Lärm zu groß wurde, stieg ich auf.
Hoch hinauf, auf meinem großen Bronzedrachen, von dem ich immer noch träume. Von dort oben sah World of Wordcraft plötzlich klein aus. Die Kings winzig. Die Blubberblasen platzten lautlos.
Und unten, zwischen all dem Gerede, lagen sie noch immer:
Geschichten.
Ungelevelt.
Ungerüstet.
Aber lebendig.
Ich landete wieder.
Zog mein Schwert – es hieß Sprache –
und schrieb weiter.
Nicht um Endgegner zu besiegen.
Sondern um unterwegs zu sein.
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