Der Bronzedrache

5,00 Stern(e) 5 Bewertungen
World of Wordcraft

Ich betrat die Stadt durch ein schmales Portal.
Sonntagabend. Die Server waren voll.

Sturmwind lag vor mir – jedenfalls nannte man es so. Hohe Mauern aus Text, gepflasterte Wege aus Kommentaren, Laternen, die mit klugen Worten flackerten oder mit heißer Luft. Ich war frisch gespawnt, ein Retribution-Paladin, nicht aus Überzeugung, sondern aus Abneigung gegen die Horde. Man muss nicht alles hassen, um etwas anderes zu wählen.

In meiner Tasche lagen sieben Geschichten.
Sauber geschmiedet, nicht perfekt, aber ehrlich. Lesenswert, dachte ich.
Ein Anfängerfehler.

Auf den Plätzen standen sie: die Kings. Männlich, weiblich, allesamt schwer gepanzert. So viel Rüstung, dass man sich fragte, ob hinter ihnen ein kleiner Karren rollte, voll beladen mit altem Eisen, Orden und Jahreszahlen. Über ihren Köpfen schwebten Blubberblasen, prall gefüllt mit Fähigkeiten:
Seit 2009 hier.
Stilgefühl.
Literarischer Instinkt.
Das habe ich anders gelesen. Wer am lautesten brüllt erklärt sich selbst zum Endboss.


Sie sprachen viel.
Nicht über das, was ich geschrieben hatte – nein.
Sie sprachen über das, was sie lieber gelesen hätten. Über Figuren, und deren Eigenschaften, die sie dazudichteten, Enden, die ihnen gefielen, und Absichten, die ich nie gecastet hatte.
Als wäre jede Geschichte ein Wunschkonzert und ich nur die Hintergrundmusik.

Ich sah mich um. Kein Questgeber. Kein Auftrag.
Nur Stimmen.

Also ging ich weiter, durch Gassen aus Meinungen, vorbei an Tavernen voller Meta-Diskussionen. Ab und zu traf ich andere Neulinge. Sie hielten vorsichtig ihre Texte wie fragile Items vor sich, schauten sich unsicher um, manche loggten sich wieder aus. Offline. Vielleicht für immer?

Ich blieb.

Denn während sie Rüstung sammelten, sammelte ich Wörter.
Seltene. Glänzende. Unscheinbare. Diamanten.
Ich hob sie auf, steckte sie ein, drehte sie im Licht. Wörter sind Schätze – und ja, sie können süchtig machen. Wie ein paar freie Stunden auf dem Server Kargath, wenn die Welt draußen schweigt.

Manchmal, wenn der Lärm zu groß wurde, stieg ich auf.
Hoch hinauf, auf meinem großen Bronzedrachen, von dem ich immer noch träume. Von dort oben sah World of Wordcraft plötzlich klein aus. Die Kings winzig. Die Blubberblasen platzten lautlos.

Und unten, zwischen all dem Gerede, lagen sie noch immer:
Geschichten.
Ungelevelt.
Ungerüstet.
Aber lebendig.

Ich landete wieder.
Zog mein Schwert – es hieß Sprache –
und schrieb weiter.

Nicht um Endgegner zu besiegen.
Sondern um unterwegs zu sein.
 
Zuletzt bearbeitet:

Aniella

Mitglied
Hallo Buddy,

sehr gern gelesen. :)
Du hast mich glatt auf eine Idee gebracht, der werde ich in ruhigen Minuten noch nachgehen, weil sie mir ausgesprochen gut gefällt. Von WOW habe ich mich bisher erfolgreich ferngehalten, ebenso wie weitgehend von KI, denn mich hält die potentielle Suchtgefahr (und die schädlichen Nebenwirkungen) davon ab, mich darauf näher einzulassen.
Aber der Ausflug mit dem Bronzedrachen hat mir gut gefallen, die Bilder sind genau mein Geschmack und sie sagen mehr, als man mit einer schnöden Beschreibung aussagen könnte.
Ich muss zugeben, dass ich selbst auch gern Kommentare abgebe, wie ich den Inhalt deute, wie er bei mir ankommt. Allerdings sehe ich diese dann als eine vorsichtige Anfrage, ob das so beabsichtigt war und nicht als Tatsache, die ich ja nicht ernsthaft wissen kann.
Für mich sind die Inhalte, die erzählt werden, das Wichtigste am Text. Aber in dieser Stadt (um mal bei dem Bild zu bleiben) steht der Inhalt oft ganz am Ende der Skala und wichtiger sind immer die formalen Dinge, die (noch) nicht stimmen. Das habe ich ziemlich schnell begriffen. Selbstverständlich gehören auch die dazu. Aber es ist wie an einer roten Ampel mitten in der Nacht. Muss man da warten, obwohl weit und breit kein Fahrzeug in Sicht ist? Oder warten, bis man eines sieht, damit man es anhalten kann? Manche Fußgänger vermitteln genau diesen Eindruck bei mir. Recht und Gesetz durchzusetzen ist oberste Bürgerpflicht. Der ursprüngliche Sinn dieser Regeln geht dabei verloren in meinen Augen. Es wird nicht mehr nachgedacht, ob etwas sinnvoll ist oder nicht, es werden einfach nur Regeln befolgt. Dabei sollten die doch das Zusammenleben vereinfachen und sichern, damit jeder weiß, woran er ist.
Wenn man seinen Text entsprechend anpasst, dann gefällt er hier vielleicht (vielleicht auch nur so leidlich), an anderen Stellen wird er begeistert aufgenommen und wieder woanders gar nicht zur Kenntnis genommen. Sicher kann man aber fast immer sein, dass er auch Anhänger finden wird. Die Anzahl steht in den Sternen, aber es gibt sie.
Wer sich in dieser Stadt nicht wohlwollend um seine Mitmenschen kümmert (und damit meine ich nicht, sie einfach nur aufzufordern, irgendwas zu tun oder zu lassen), der hat es mMn nicht verdient, dass man sich mit seinen Texten beschäftigt. Insofern lasse ich die Texte dieser Personen außen vor, seien sie noch so gut. Wer sich nicht um andere schert (eine Krankheit, die in meinen Augen immer weiter um sich greift), der darf sich auch alleine beweihräuchern. Die Punkte im Profil "Punkte für Reaktionen" sprechen Bände, jedenfalls wenn man eine Weile hier ist und sich ein wenig eingelesen und umgesehen hat.
Für andere Hinweise gibt es ja die Brieftauben hier, die man probeweise verschicken kann, um zu sehen, ob sie genehm oder nicht genehm sind. Manche werden nicht mal beantwortet, da hat sich jede Kommunikation für mich erledigt.
Diese Stadt existiert schon eine Weile und sie stellt gewisse Ansprüche an sich selbst. Die Frage ist, ob man sich unter diesen Bedingungen dauerhaft hier niederlassen möchte, oder eventuell nur ab und zu einen Besuch abstatten will. In der relativ kurzen Zeit, die ich hier nun verweile, habe ich einige vielversprechende Talente einfliegen sehen. Sie sind vermutlich wieder abgereist. Sie nahmen auch einige "alte Bronzedrachen" mit, die hoffentlich nur eine Auszeit nehmen.

Manchmal fehlt mir hier auch eine Art
.
Eine (monatliche?) Aufgabe für alle, an der sich alle gemeinsam messen könnten. Aber so etwas macht Arbeit (aber vermutlich auch sehr viel Spaß) und kostet Zeit, die zu knapp ist. Gute Ideen gibt es ja meistens umsonst. ;-)
Wie auch immer, noch warte ich ab und stöbere. Es gibt noch viel zu entdecken.

Liebe Grüße
Aniella
 

fee_reloaded

Mitglied
Schreiben um unterwegs zu sein - das gefällt mir außerordentlich gut, liebe Buddy Lee!

Als Fee, die ich mich nun auch schon seit geraumer Zeit - mal mehr, mal weniger oft - in der World of Wordcraft herumtreibe und Ähnliches beobachte, hat mich dein schön geschriebener Text voll gefunden.

Denn während sie Rüstung sammelten, sammelte ich Wörter.
Seltene. Glänzende. Unscheinbare. Diamanten.
Ich hob sie auf, steckte sie ein, drehte sie im Licht. Wörter sind Schätze
Ich denke, das ist die Queste, um die es - uns jedenfalls - geht. Wir suchen und finden die scheinbar unscheinbaren Schätze unterm knisternden Laub am Wegesrand und heben und bewahren sie. Und manchmal finden sie uns und wir legen sie - für andere sichtbar - am Wegesrand ab (liebevoll und stets mit etwas Persönlichem verpackt).

Ich glaube nicht, dass andere ausschließlich Rüstungen sammeln oder Waffen. Aber das ist ein Thema für sich und tut nichts zur Sache hier. Ich habe deinen Bronzedrachen jedenfalls sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße,
fee
 

John Goodman

Mitglied
Moin Buddy Lee Doerfer:)

Es war mir wahrlich ein Genuss deine Shortstory zu lesen. Viel mehr noch – es war wie das Gefühl, wenn man nach einer langen Reise zu Hause wieder ankommt.


Liebe Grüße

John
 

jon

Mitglied
Beeindruckender Sound. Der Inhalt erzeugt bei mir allerdings den schalen Beigeschmack von Selbstherrlichkeit.
 

Hundsstern

Mitglied
Respekt, Buddy Lee Doerfer

Ich mag Bronzedrachen, die sich in höchste Höhen schwingen - sich dann aber auch nicht zu schade sind, bei kurzen Zwischenlandungen traurigen Gestalten "ans Bein zu pinkeln".

Guten Flug weiterhin, Hundsstern
 
Beeindruckender Sound. Der Inhalt erzeugt bei mir allerdings den schalen Beigeschmack von Selbstherrlichkeit.
Die Zuschreibung „Selbstherrlichkeit“ ist keine Analyse, sondern eine Wertung. Der "Bronzedrache" spricht aus Haltung und Mythos, nicht aus persönlicher Eitelkeit.

Unterschiedliche Lesarten sind legitim – sie als die einzig richtige auszugeben, würde ich für problematisch halten.
 

jon

Mitglied
Die Zuschreibung „Selbstherrlichkeit“ ist keine Analyse, sondern eine Wertung.
Niemand hat behauptet, dass das eine "Analyse" ist. Das ist der Eindruck, den der Texte erzeugt. Normalerweise ist der für Autoren von Interesse, um abzuschätzen, ob der Eindruck, den sie erzeugen wollten, zu dem passt, was beim Leser ankommt.

Der "Bronzedrache" spricht aus Haltung und Mythos, nicht aus persönlicher Eitelkeit.
Den Satz verstehe ich nicht. Folgende Probleme habe ich damit:
  • Ich verstehe die Formulierung "jemand spricht mit Haltung oder aus einer Haltung heraus".
  • Wie man "aus Mythos sprechen" kann, kann ich semantisch nicht nachvollziehen.
  • Eitelkeit ist auch auch eine Haltung.
 
Zuletzt bearbeitet:



 
Oben Unten