Beim Abendessen geschah dann, was sich Charlotte erhofft hatte. Harper setzte sich zu ihr und gab den anderen am Tisch zu verstehen, dass diese verschwinden sollten. Charlotte aber aß ungerührt weiter, als ginge sie das alles nichts an.
„Du gehst also nachts heimlich auf den Innenhof“, stellte Harper leise fest. Es klang wie eine Aufforderung, eine Erklärung abzugeben.
Super!, dachte Charlotte, blieb aber äußerlich ruhig. Phils Vorhaben hat also geklappt.
Der Kommissar hatte gemäß dem Plan über die Gefängnisverwaltung die entsprechende Information gestreut. Wie, das wusste Charlotte nicht. Vielleicht hatten sich zwei Wärterinnen darüber unterhalten, und zufällig war jemand von Harpers Zuträgerinnen in der Nähe gewesen. Oder Harper hatte auf andere Art davon erfahren, und es hatte doch jemand Charlotte des Nachts gesehen. Aber das war nicht wichtig. Was zählte, war allein, dass Harper nachfragte und von sich aus Kontakt suchte.
Charlotte blickte für einen Moment von ihrem Tablett auf und tat gelangweilt. „Was geht's dich an?“ Dann aß sie ihren Salat weiter.
„Mich geht alles an, was hier abläuft. Also?“
„Finde es doch selbst heraus.“
„Ich war im Hof, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Du hast also, was immer du dort treibst, gut versteckt“, erwiderte Harper.
Charlotte zuckte mit den Achseln. „Ich war frische Luft schnappen. Die Zellen sind nachts ja nicht zum Aushalten.“
Harper grinste schief. „Klar. Und dafür zahlst du 300 Dollar pro Nacht.“ Sie beugte sich ein Stück vor. „Ich will Antworten, sonst könnte es ungemütlich für dich werden.“
„Du drohst mir?“
„Sieh es als guten Ratschlag. Du sitzt noch sechs Jahre hier ein. Einen Teil davon verbringen wir gemeinsam. Ich kann dein Leben auf eine Art zur Hölle machen, dass dir das, was Kelly veranstaltet, wie ein Kindergeburtstag erscheint.“
Charlotte wusste, dass dies der Wahrheit entsprach, denn Harper war eine der Anführerinnen in der Anstalt, obwohl sie sich eher im Hintergrund hielt. Charlotte legte das Besteck zur Seite, geriet jedoch mit dem Ellenbogen auf die Gabel, die daraufhin polternd zu Boden fiel. Charlotte bückte sich herunter und hob sie wieder auf. Dieses absichtliche Missgeschick sollte Nervosität vortäuschen. Harper sollte glauben, Charlotte eingeschüchtert zu haben. Aber noch konnte die Privatdetektivin nicht die Wahrheit sagen. Ein so schnelles Kleinbeigeben wäre zu auffällig.
„Ich hatte ein Stelldichein mit dem Gefängnisdirektor im Mondschein. Richtig romantisch, sage ich dir“, gab sie grinsend zurück und schaute Harper starr in die Augen. Aber nach ein paar Sekunden senkte sie bereits den Blick, als hielte sie diesem stummen Zweikampf nicht stand. Ein weiteres vorgetäuschtes Zeichen der Nervosität.
Harper hob eine Hand und winkte. Sofort standen Kelly Miller und zwei andere Frauen von einem der Nachbartische auf und kamen heran. Ihre Haltung war drohend, die Arme hingen neben den Körpern herab, bereit zum Zuschlagen. Kelly trat hinter Charlotte und legte ihr die Hände auf die Schultern. Brutal presste sie zu. Charlotte tat, als spürte sie nichts, und beachtete die drei nicht.
„Also? Antworten!“, forderte Harper erneut und lächelte kalt.
Charlotte blickte zur Tür der Kantine. Vier mit Schlagstöcken bewaffnete Wärterinnen standen dort und wandten der Szene demonstrativ den Rücken zu. Man würde ihr also nicht helfen. Charlotte überlegte, ob sie nach diesen patzigen Entgegnungen und der unterschwelligen Drohgebärde mit den drei Frauen bereits nachgeben konnte, ohne dass es verdächtig wirkte. Immerhin hatte sie sich in der kurzen Zeit, in der sie hier einsaß, bereits einen gewissen Ruf der Standfestigkeit erworben.
Doch sie hatte zu lange mit einer Antwort gezögert.
Harpers Faust schoss urplötzlich auf sie zu. Charlotte versuchte noch, den Oberkörper nach hinten zu beugen und die Arme hochzureißen, um dem Schlag die Wucht zu nehmen, aber es war zu spät. Außerdem drückte Kelly sie unbarmherzig nach vorne. Schmerzhaft knallte die anfliegende Faust auf ihre Lippe, die sofort aufplatzte. Blut spritzte auf den blanken Metalltisch. Die beiden anderen Frauen zogen mit hartem Griff Charlottes Arme nach hinten und ein wenig nach oben. Ein Griff, den Charlotte selbst gerne bei Gegnern anwendete. Hier aber war sie nun ein hilfloses Opfer. Harper nutzte diesen Zustand kaltblütig aus. Eine zweite Faust flog auf Charlotte zu und traf wuchtig die linke Wange.
Charlotte schrie auf. Jetzt gab es keine ruhigen Überlegungen mehr, wann sie nachgeben sollte. Der Zeitpunkt war eindeutig gekommen, denn sie würde sich nicht verprügeln lassen.
Doch Harper schien die Gelegenheit nutzen zu wollen, um ein Exempel für die anderen Gefangenen zu statuieren. Die dritte Faust raste vor und traf Charlotte an der anderen Wange. Ihr Kopf flog zur Seite und prallte gegen eine der Widersacherinnen, die sie weiter festhielten.
Harper schüttelte die Hand aus, als habe sie sich verletzt. Schneidend kalt sagte sie: „Ich warte nicht mehr lange. Die Wahrheit - oder Kelly wird sich mit dir beschäftigen.“
Kelly beugte den Kopf herunter und zischte Charlotte ins Ohr: „Du bist doch ach so hart. Weigere dich, bitte! Du würdest mir eine große Freude bereiten. Dann können wir etwas Spaß miteinander haben.“ Sie lachte boshaft und verstärkte den Griff an Charlottes Schulter.
Ruhig bleiben!, befahl sich Charlotte in Gedanken. Ich bin undercover. Es ist ein Auftrag, keine persönliche Sache.
Ihr war klar, dass sie bei einer erneuten Konfrontation mit Kelly den kürzeren ziehen würde. Dafür würde die muskulöse Frau schon mit einer entsprechenden Übermacht sorgen. Um einen fairen Kampf ging es Kelly Miller nicht. Sie wollte eine vermeintliche Bloßstellung geraderücken. Allerdings stand sie offensichtlich unter Harpers Befehl in dieser Sache. Diese Hürde schützte Charlotte - noch. Harper hatte zwar hart zugeschlagen, aber nicht, um möglichst große Schmerzen hervorzurufen. Kelly aber würde ganz sicher auf genau dies abzielen.
Charlottes Wangen begannen zu brennen, und sie schmeckte Blut. „Ich sag's dir“, gab sie schließlich gepresst von sich. „Aber ohne deine Minions hier.“
„Verschwindet!“, befahl Harper, und die drei Frauen gingen wortlos zurück zu ihrem Tisch. Kelly Millers Gesicht zeigte pure Enttäuschung, als sie sich abwandte.
Niemand im Saal hatte sich um den Zwischenfall gekümmert. Die Gefangenen hatten Angst vor Harper, oder es war ihnen schlicht egal, was mit Charlotte geschah. Und das Wachpersonal stand wie unbeteiligt neben der Tür. Wahrscheinlich hatte Harper sie bestochen, so, wie Charlotte ihren Ausgang in der Nacht auch erkauft hatte.
„Also?“
„Ich haue ab. Ich war die letzten Nächte im Innenhof, um alles vorzubereiten.“
Harpers Augen zeigten Verblüffung. Damit hatte sie ganz offensichtlich nicht gerechnet. Ihre Frage war reiner Neugier geschuldet gewesen, denn wenn sie weiter die Macht ausüben wollte, konnte sie es nicht dulden, dass Dinge vonstatten gingen, von denen sie nichts wusste.
„Wieviel willst du?“, fragte Harper. Eine Spur Hoffnung blitzte in ihren Augen auf.
„Wieviel will ich für was?“, stellte sich Charlotte dumm.
„Wieviel willst du dafür, mich mitzunehmen? Ich muss hier raus, möglichst heute noch.“ Sie griff nach Charlottes Oberarm, aber in der Bewegung lag keine Gewaltbereitschaft, eher eine angespannte Erwartung.
„Wieso willst du mir etwas zahlen? Nimm deine Gefolgschaft mit, dann kannst du mich zwingen.“
„Vergiss sie! Wir beide, sonst niemand. Klappt das auf deinem Fluchtweg?“
Charlotte nickte.
Der Griff wurde härter, die Hoffnung in Harpers Augen wandelte sich zu Verlangen. „Wann?“
„Heute Nacht. Für 5.000 Dollar kannst du mitkommen.“
„Einverstanden. Das Geld habe ich natürlich nicht hier, aber wenn wir draußen sind, werde ich es beschaffen.“ Sie zögerte kurz und schien über etwas nachzudenken. „Vielleicht habe ich auch noch etwas anderes für dich.“
Charlotte schob Harpers Hand weg. „Wenn du mich hintergehst, wirst du es bereuen. Draußen bist du alleine. Und mit dir werde ich fertig. Glaube mir!“
Harper hob begütigend die Hände und lächelte. Es sah fast freundlich aus. „Keine Sorge. Für Leistung gibt's Dollars. Mit diesem Grundsatz bin ich immer gut gefahren. Und ich lege noch 500 drauf, sozusagen als Schmerzensgeld.“
***
Wie in den letzten Nächten auch, ließ die Wärterin Charlotte, die von Harper begleitet wurde, kurz nach Mitternacht auf den Innenhof. Der silberne Halbmond am Himmel, der über der Mauer zur angrenzenden Straße stand, erhellte die Nacht. Nichts deutete darauf hin, dass die beiden Insassinnen nicht beabsichtigten, wieder zurückzukehren. Sie trugen leichte Kleidung - Trainingshose, Bluse und Sneakers. Auf die dünnen Jacken hatten sie trotz der Kühle verzichtet. Deren großer Aufnäher auf dem Rücken mit Nummer und dem Hinweis auf das Gefängnis wäre in der Freiheit viel zu auffällig gewesen. Zwar besaßen auch die anderen Kleidungsstücke solche Herkunftsnachweise, aber diese waren deutlich kleiner. Es bestand in der Dunkelheit eine reelle Chance, dass, sollten die Ausbrecherinnen jemandem begegnen, die Aufnäher übersehen werden würden.
Als die Hoftür sich vollständig geschlossen hatte, huschten Charlotte und Harper lautlos an der Gebäudemauer entlang zum linksseitigen Kanaldeckel. Charlotte wischte die Erde beiseite und legte die mit ihrer Gabe zerschnittenen Schweißnähte frei. Die beiden Risse waren so schmal, dass man sie nur aus direkter Nähe erkennen konnte.
Harpers Gesicht war ein einziges Fragezeichen, als Charlotte in die Hocke ging, mit den Fingern durch vier der Abflusslöcher griff und Harper bedeutete, das Gleiche auf der gegenüberliegenden Seite zu tun. Mit vier Händen gelang es problemlos, den Deckel anzuheben und leise auf den Hofboden zu legen. Charlotte schaltete die Taschenlampe ein und stieg die Stufen hinab in die Kanalisation. Harper folgte ihr dichtauf.
Der Deckel blieb, wo er lag, denn aus dem Innern des Schachts konnten sie ihn nicht lautlos über die Öffnung ziehen. Der Fluchtweg würde, sobald die zwei Stunden Sonderfreigang abgelaufen waren, offen vor den Wärterinnen liegen. Die sonstigen Fluchtalternativen, die Charlotte gedanklich durchgespielt hatte, wiesen allesamt noch höhere Risiken auf, da Türen, Fenster, Gitter und die Tore nach draußen alarmgesichert waren.
Sie mussten sich also beeilen.
Harper drückte sich mit dem Rücken an die Wand über dem Kanalsims. Langsam ging sie seitwärts weiter, einen kleinen Schritt nach dem anderen. Die Frauen erreichten das Gittertor. Charlotte atmete erleichtert auf, als sie sah, dass das von ihr zerstörte Bügelschloss immer noch an der Wand hing. Im anderen Fall hätte sie ihre Zeichengabe einsetzen müssen. Aber im Kanal war es dunkel. Es wäre möglich gewesen, dies so zu tun, dass Harper nicht wirklich sah, was sie tat. Aber es hätte die Flucht verzögert.
Charlotte öffnete das Tor, und sie und Harper traten hindurch. Auch hier verzichteten sie darauf, Spuren zu verwischen und das Gitter wieder zu schließen. Es hätte Verfolger ohnehin nicht lange aufgehalten.
Unter der Richmond Street angekommen, erklomm Charlotte die Metallstufen und wuchtete den Kanaldeckel zur Seite. Die Straße lag frei vor ihr, und hinter den Fenstern der Häuser brannte nur in der Ferne Licht. Rasch kroch sie hinaus und lief auf den Bürgersteig.
Sie wollte sich gerade aufrichten, als sie ein Geräusch vernahm. Zwei weißliche Autoscheinwerfer bogen um die ferne Kurve auf die Richmond Street ein.
„Deckel rüber!“, flüsterte sie Harper zu, die im Begriff war, ebenfalls aus dem Schacht herauszuklettern. Die Frau verstand sofort, zog den Kopf ein und den Deckel über den Asphalt auf die Kanalöffnung. Geräuschlos geschah dies nicht, aber das sich nähernde Auto machte ohnehin Lärm in der ansonsten stillen Nacht. Charlotte hoffte, dass das Schaben des Deckels auf dem Asphalt darin unterging.
Mit hämmerndem Herzen, als sei es ein wirklicher Ausbruch aus dem Gefängnis für sie, kauerte Charlotte hinter einem geparkten Fahrzeug und wartete angespannt. Das Auto fuhr in gemächlichem Tempo. Charlotte hatte den Eindruck, dass es, als es sich ihrer Position näherte, sogar noch weiter verlangsamte. Wer immer es fuhr, schien die Bewegung auf dem Straßenbelag bemerkt zu haben und sich nun zu fragen, was die Ursache dafür war, und ob es eine Gefahr darstellte.
Doch der Wagen hielt glücklicherweise nicht an. Ein paar Meter hinter dem Gullideckel gab der Fahrer bereits wieder Gas, und die Rücklichter verschwanden rasch in der Ferne.
Charlotte blickte sich um, sah und hörte aber nichts. So lief sie zur Straße und hob den Deckel hoch. Harper kletterte in Windeseile heraus. Der Gulli wurde wieder abgedeckt, und die beiden Ausbrecherinnen rannten sofort auf den Bürgersteig.
Charlotte schritt zügig voran, bog in die nächste Querstraße ein und hielt an einem unauffälligen, dunkelroten Kleinwagen, der nur wenige Meter von der Kreuzung entfernt am Straßenrand parkte. Charlotte griff unter den linken hinteren Radkasten und tastete umher, bis sie den Zündschlüssel fand, der auf dem Reifen lag. Sie sperrte den Wagen auf und glitt hinter das Steuer. Harper nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Charlotte fuhr mit schwacher Beschleunigung los, dennoch kam ihr das Geräusch des Motors unnatürlich laut vor. Überaus sachte erhöhte sie kontinuierlich auf die erlaubten 50 Kilometer pro Stunde. Sie bog nur selten ab und versuchte, auf möglichst geradem Weg die Entfernung zur Correctional Facility zu maximieren.
„Gute Planung“, lobte Harper. „Du hattest Hilfe?“
Charlotte betätigte den Blinker und passierte ein in zweiter Reihe haltendes Taxi. „Ich habe ein paar Gefallen eingefordert. Das Auto hier, Spezialsäure für den verschweißten Gullideckel und das Gitter im Kanal. Für Geld und mit Beziehungen bekommst du alles im Knast. Das weißt du sicher besser als ich.“
Nach zehn Minuten stoppte der Wagen plötzlich, und Harper blickte sie erstaunt an. Charlotte stieg aus dem Wagen und ging zum Kofferraum, den sie kurz öffnete. Sekunden später war sie mit einer Reisetasche zurück und setzte sich wieder hinter das Lenkrad. Sie schaltete das Innenlicht aus, zog den Reißverschluss der Tasche auf und nahm eine Bluse, eine lange Jeans und einen Pullover heraus. Nach ein wenig Gezerre hatte sie die Sträflingskleidung abgelegt und sich umgezogen. Nur der Pullover lag noch auf ihren Knien. Charlotte nahm eine großkalibrige Pistole aus der Reisetasche und schob sie in das Fach an der Fahrertür.
Als sie Harpers spöttisches Lächeln sah, sagte sie: „Zur Sicherheit. Man kann nie wissen.“
Charlotte griff nach dem Pullover und tat, als wollte sie ihn sich überstreifen, hielt dann aber inne und reichte ihn Harper. Dann fuhr sie los. „Hier! So fallen wir weniger auf. Er verdeckt immerhin die Gefängnisbluse. Ich war nicht darauf eingerichtet, Begleitung zu haben.“
Harper nahm den Pullover und schlüpfte hinein. „Danke. - Und jetzt?“
Charlotte hielt an einer Ampel. „Für mich ist ein Motelzimmer reserviert. Das reicht auch für uns beide.“
„Uns?“, fragte Harper zurück. „Ich habe andere Pläne.“
„Nein, hast du nicht. Wir bleiben zusammen, bis ich mein Geld habe. Dann kannst du tun, was du willst. Nicht vorher.“
Harper lachte leise und schaltete die Heizung eine Stufe höher. „Du misstraust mir? Na gut, das kann ich dir nicht verdenken. Aber wir machen etwas anderes. Ich wollte dich ohnehin ein paar Leuten vorstellen. Fahre zur 3527, Kennedy Street. Auch dort ist Platz für uns beide.“
Charlotte erhob keine Einwände und wechselte die Richtung. Diese Entwicklung war ganz in ihrem Sinne. Vielleicht erhielt sie nun endlich Informationen darüber, worum es sich bei der Phil avisierten ‚Katastrophe‘ handelte. Außerdem wartete sie auf ein bestimmtes Angebot, das Harper ihr im Gefängnis in Aussicht gestellt hatte, und das mit ziemlicher Sicherheit mit der Eisenbahn zu tun haben würde. Dann würde ihr Undercovereinsatz in die nächste Phase eintreten.
Eine halbe Stunde später bogen sie in eine Straße mit schäbigen Häusern ein, die gartenlos bis an den schmalen Bürgersteig reichten. Charlotte fuhr an der Zielhausnummer vorbei und hielt ein paar Häuser weiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Waffe schob sie, nachdem sie ausgestiegen war, sofort am Rücken unter die Bluse in den Hosenbund. Harper sah es, sagte aber nichts.
Die beiden gingen zur Nummer 3527, und Harper klopfte ein Erkennungszeichen aus mehreren unterschiedlich langen Pausen an die Haustür. Klacken ertönte von innerhalb, als würden mehrere Schlösser entriegelt, dann wurde die Tür einen Spalt geöffnet, aber eine kurze Kette verhinderte, dass sie komplett aufschwang.
„Der Kolibri flattert wieder unter freiem Himmel“, sagte Harper mit einem Grinsen in der Stimme.
„Hoffentlich fällt er nicht in den Teich“, kam die Antwort eines Mannes.
Die Tür wurde nun vollständig geöffnet, und die Ausbrecherinnen traten in einen dunklen Flur, an dessen Ende eine Innentür offenstand.
„Du kommst spät“, sagte der Mann, der geöffnet hatte.
Harper nickte nur, und die drei gingen den Gang hinunter in das Wohnzimmer, in dem vier weitere Männer auf einfachen Campingstühlen warteten. Charlotte sah einen wackligen Tisch, einen Fernsehapparat und ein Radio. Nackte Glühlampen hingen von der Decke. Es sah alles sehr provisorisch aus.
„Endlich frei!“, seufzte Harper, warf sich in einen freien Stuhl und legte die Füße auf den Tisch. „Drei Monate Knast. Verschwendete Zeit, sage ich euch. - Hat Dean sich gemeldet?“
„Ja“, kam die Antwort von einem Mann mit kurzen, blonden Haaren. „Er hat das Material.“
„Sehr gut“, erwiderte Harper. Dann beschrieb ihr ausgestreckter Arm einen Kreis und sie ratterte fünf Namen herunter, die sich Charlotte auf die Schnelle jedoch nicht merken konnte.
„Wir dachten schon, die Sache wäre gestorben. Wie bist du rausgekommen? Der Wäschetransporter hat so lange gewartet, wie es ging“, fragte Don, der blondhaarige.
„Dank meiner Begleitung hier. Der ursprüngliche Plan ging schief. Die beschissene Tür der Wäscherei ließ sich nicht öffnen. Aber Charlotte hier half mir.“ Harper öffnete eine der Whiskeyflaschen, die in einer Kiste neben dem Tisch standen, und nahm einen großen Schluck. „Nun setz dich endlich, Charlotte.“
„Warum hast du sie mitgebracht?“, fragte Don mit Misstrauen in der Stimme.
„Man hat sie wegen Eisenbahnraubs eingelocht, versteht ihr? Sie hat im Stellwerk mit Loks rangiert, stand in den Kopien der Gerichtsakten, die ich mir im Knast besorgen konnte. Habt ihr jemanden gefunden, sodass wir komplett sind?“
Schweigen antwortete ihr, dann schüttelte Don den Kopf. „Nein.“
Harper trank erneut. „Dann ist es ja gut, dass sie hier ist. Wir können das Vorhaben nicht verschieben. Es gibt nur diese eine Chance. Die Planung steht.“
„Vertraust du ihr?“‚ fragte Don.
Harper lachte spöttisch auf. „Nicht mehr als euch. Also, nein. Aber Geld war schon immer ein gutes Argument.“ Sie wandte den Kopf Charlotte zu. „Was ist? Bock auf 'nen lukrativen Coup? Oder bist du geläutert und willst als gesetzestreue Hausfrau den Rest deines Lebens vor dem Herd fristen?“
„Nee, ich will nicht fristen. Ich will Geld. Viel Geld, und mich dann früh zur Ruhe setzen und das Leben genießen. Wieviel ist bei eurem Coup drin, und was soll ich tun?“
„Dazu kommen wir später. Eins vorweg: Kannst du eine EMD F-Unit bedienen?“
Charlotte nickte. Im Brustton der Überzeugung antwortete sie: „Klar. Gib mir die genauen Betriebsdaten des Modells und ein paar Minuten, um mich mit dem Steuerlayout vertraut zu machen. Dann fahre ich das Teil, wohin du willst.“ Innerlich atmete Charlotte auf. Phils Tipp hatte sich also bewahrheitet und der zweiwöchige Crashkurs zur Steuerung von Diesellokomotiven dieses Typs schien sich bezahlt zu machen. Bei anderen Modellen jedoch würde sie mehr als nur improvisieren müssen.
„Gut“, erwiderte Harper. „Don, überprüfe sie! Draußen steht ein roter Kleinwagen. In einer Tasche findest du Charlottes Anstaltskleidung mit der Insassinnennummer. - Charlotte, gib ihm den Autoschlüssel und deinen Ausweis.“
Charlotte warf dem Mann den Schlüssel zu, der ihn geschickt auffing. „Im Handschuhfach liegt mein Führerschein.“
Drei Stunden später kam Don zurück. Sein Gesicht drückte Zufriedenheit aus. „Alles okay. Ihre Geschichte stimmt.“
„Schön“, sagte Harper und rutschte in ihrem Stuhl ein wenig hoch. Sie hatte die letzte Stunde geschlafen. „Wir arbeiten hier auf Need-to-know-Basis. Na, also zumindest ihr. Der nächste Schritt des Planes ist...“
***
Die Kneipe war an diesem Abend gut besucht. Die Uhr über dem Tresen zeigte 10:17 p.m. Charlotte nippte an ihrem Drink. Zusammen mit Don saß sie an einem kleinen Tisch in der Ecke mit Blick auf den breiten Tresen mit den hohen Barhockern. Gesprächslärm füllte den Raum, und die Jukebox spielte schon zum dritten Mal denselben Song. Zigarettenqualm und eine unangenehme Mischung schlechter Parfüme erschwerten das Atmen. Der große Deckenventilator leistete Schwerstarbeit, erzielte aber so gut wie keine Wirkung. Irgendwo ertönte leise eine Glocke, vielleicht von einer versteckten Durchreiche, denn in der Gaststätte wurden auch leichte Gerichte serviert.
Die Tür des Lokals öffnete sich, und Harper trat ein. Ein Schwall kühler Nachtluft folgte ihr. Harper Maguire hatte sich sorgfältig gestylt. Sie trug hochhackige Schuhe und einen engen, roten Rock, der bis zu den Knien fiel, und an einer Seite bis fast zur Hüfte geschlitzt war. Die obersten Knöpfe der beigefarbenen Bluse waren geöffnet. Der Kragen war zur Seite geklappt, sodass der Seidenstoff ein verführerisches Dekolleté formte. Für einen Moment blieb Harper stehen, blickte sich im Lokal um und strich die gelockten, blonden Haare der Perücke zurück in den Nacken. Sie fielen bis weit in den Rücken hinab.
Charlotte warf einen Blick zur Theke.
Ja, ihr Einsatz war notwendig.
Sie stand auf, strich den Blazer des grauen Hosenanzugs glatt und ging zur Bar. Sie musste sich zwischen den Stühlen hindurchwinden, und schob Gäste sanft, aber bestimmt aus dem Weg. Dabei ließ sie ihr Ziel nicht aus den Augen.
Charlotte tippte einem Mann sachte mit dem Finger auf die Schulter und sagte: „Entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe Ihren Wagen beim Einparken touchiert.“ Es war ein Schuss ins Blaue. Falls der Mann keinen Wagen besaß, würde sie sich noch einmal entschuldigen, sich entfernen, und Don würde einen weiteren Versuch starten, den Mann aus der Bar zu locken.
Der Kopf des Gastes ruckte herum, während er sein Bierglas lautstark auf den Tresen abstellte. Ärger stand in seinen Augen. Seine Stimme war noch lauter als Charlottes. „Was? Das ist doch die Höhe! Los, Lady, raus! Das will ich mir ansehen.“
„Aber natürlich“, erwiderte Charlotte, lächelte verlegen und tat eingeschüchtert. Sie ging voraus in Richtung Ausgang. Als sie Harper passierte, blieben die Gesichter der beiden Frauen unbeteiligt. Sie verrieten durch nichts, dass sie sich kannten.
Der Mann folgte Charlotte auf die Straße. Der Wind pfiff stärker als noch vor einer Stunde. Dicht stehende Laternen strahlten ihre Lichtkegel ab. Fast das gesamte Trottoir lag im Hellen.
Charlotte zeigte auf einen willkürlichen Wagen, der direkt vor der Kneipe am Straßenrand parkte.
Der Mann schaute sie mit Unverständnis an. „Das ist nicht meiner. Der steht da hinten.“ Er deutete die Straße hinunter auf einen weißen Viertürer.
Charlotte tat überrascht. „Oh, das tut mir leid. Dann habe ich mich geirrt.“ Sie schenkte dem Mann ein weiteres verlegenes Lächeln und wollte sich abwenden, aber er hielt sie am Arm zurück.
„Halt, nicht so schnell. Wir schauen uns jetzt zuerst meinen Wagen genau an.“
Charlotte gab nach, obwohl sie ihr Ziel bereits in dem Moment erreicht hatte, als der Gast seinen Platz an der Theke räumte. Um jedoch kein unnötiges Aufsehen zu erregen, was vielleicht Harpers Plan gefährden konnte, blieb sie. Es dauerte ein paar Minuten, in denen Charlotte unbeteiligt auf dem Bürgersteig stand, bis sich der Gast, der mehrmals langsam um das Fahrzeug herumging und mit der Hand prüfend über Tür, Kofferraum und Stoßstangen strich, vergewissert hatte, dass nirgends ein Kratzer war.
Er warf Charlotte einen wütenden Blick zu und ging wortlos an ihr vorbei zurück. Charlotte wartete, bis er im Lokal verschwunden war, dann drehte sie um, spazierte an der Kneipe vorbei und setzte sich ein gutes Dutzend Meter entfernt in ein Auto, das jemand von der Gang organisiert hatte.
Das Warten begann.
Sie schaltete das Radio ein. „Das Finale des Grand Tennis Tournaments war das Spannendste, das es in Torontos reicher Geschichte des Sports je gegeben...“ Charlotte drehte den Empfangsknopf, bis sie einen anderen Sender gefunden hatte. „...der bundesweite Austausch der Dollarbanknoten gegen neue, absolut fälschungssichere startet kommende Woche. Die Regierung hat einen Zeitrahmen von zwei Wochen dafür an...“ Wieder schaltete Charlotte weiter. „Das Wetter im Nordwesten. Die nächsten Tage sind geprägt von Sonne und Regen...“
Dann kam endlich Musik aus dem Lautsprecher. Charlottes Finger trommelten rhythmisch auf dem Lenkrad. Leise pfiff sie die Melodien mit. Es würde vermutlich ein wenig dauern, bis es hier draußen für sie weiterging. Was in diesen Momenten im Lokal geschah, wusste sie. Harper hatte sie informiert.
Harper passierte Charlotte und setzte sich auf den gerade freigewordenen Platz am Tresen. Die kleine Handtasche legte sie auf die blankpolierte Fläche. Für einen Moment verschwand ihre Hand im Inneren der Tasche. Das leise Klicken konnte bei dem Lärm niemand hören.
„Einen Whiskey, dreistöckig, ohne Eis“, bestellte sie laut. Der Barkeeper nickte, goss die braune Flüssigkeit ein und servierte prompt. Harper kippte den Whiskey in einem Schluck herunter. „Noch einen. - Oder nein...“ Sie drehte sich nach rechts. „Was trinken Sie, Sir?“ Langsam schlug sie die Beine übereinander. Der Rock öffnete sich am Schlitz und gab den Blick auf die Haut des Oberschenkels frei.
Der grauhaarige Mann wandte den Kopf. „Cuba libre“, antwortete er mürrisch. Sein gelangweilter Gesichtsausdruck hellte sich jedoch schlagartig auf, als er die Frau vor sich musterte. Ihm gefiel ganz offensichtlich, was er sah. Unwillkürlich straffte sich seine zuvor schlaffe Haltung. Er drehte sich auf dem Hocker zu Harper hin.
„Dann bitte zwei Cuba libres“, sagte Harper zu dem Barkeeper. Wenig später stand das Gewünschte vor ihr. Sie schob dem Gast ein Glas zu und rührte mit dem Strohhalm durch ihren Longdrink.
Die beiden prosteten sich zu. Während Harper an ihrem Drink nur nippte, leerte der Mann sein Glas komplett. Sein eigenes, noch halbvolles Glas, das in seinem Rücken stand, schien er vergessen zu haben. Seine Augen huschten immer wieder über den Körper der Frau.
Harper machte ein Zeichen, und schon stand der nächste Cuba Libre vor dem Gast. „Oh, entschuldigen Sie. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Margaret Levalier“, lächelte sie und schickte einen verführerischen Augenaufschlag hinterher.
„Tony Megano.“
Harper nahm erneut einen kleinen Schluck. Megano schien dies als Aufforderung zu verstehen und leerte sein Glas halb.
„Sie hatten einen anstrengenden Tag?“, fragte Harper und fächelte sich mit einer Hand Luft zu. Ihr Oberkörper vibrierte leicht, und Tony Megano konnte seinen Blick nur schwer von dem Dekolleté lösen.
„Sie sagen es. Nur Stress mit den - Angestellten im Werk.“ Er hatte seine Stimme etwas erhoben. Der Alkohol begann, ihm zuzusetzen.
„Sie sind Fabrikant?“, fragte Harper und tat begeistert. Dann seufzte sie theatralisch. „Finden Sie es nicht auch so unerträglich heiß hier?“ Sie stellte das Glas ab und öffnete einen weiteren Knopf der Bluse. Den Kragen zog sie noch ein wenig weiter auseinander. Harper tat, als bemerkte sie nicht, wie Megano schier die Augen aus dem Kopf zu fallen drohten, als das Dekolleté sich öffnete und viel Haut preisgab. Krampfhaft hielt er sein Glas mit einer Hand fest, während er es hastig austrank. Harper bestellte ungefragt erneut.
„Äh, nein“, stotterte der nun immer betrunkener werdende Mann. „Ich bin im Eisenbahngewerbe.“
Harper lächelte freundlich und legte Megano die Hand auf den Unterarm. Die andere Hand des Mannes krallte sich am Tresen fest. „Das klingt furchtbar spannend, Tony. Ich darf Sie doch Tony nennen, nicht wahr?“
Megano nickte nur.
Harper seufzte erneut. „Mein eigenes Leben ist so dröge. Sie glauben gar nicht, wie wenig man erlebt, wenn man immer nur auf den Ehemann wartet. Tagein, tagaus. Ich bin zu jung, um in der Stube zu versauern. - Aber...“ Nach einer Sekunde absichtlicher Pause beugte sie sich zu Tony Megano und hauchte ihm zu: „Sie scheinen mir ein Mann zu sein, der ein Abenteuer bestehen kann, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Wieder prostete sie ihm zu, und der Mann kippte den vierten Cuba libre hinunter. Sein Gesicht hatte sich schon stark gerötet.
Harper rutschte vom Barhocker und trat einen Schritt zurück. Auffordernd streckte sie die Hand aus, und auch Megano stand auf. Er schwankte stark. Harper bezahlte und hakte sich bei ihm unter. Dann verließen die beiden die Kneipe, gingen ein paar Schritte durch die frische Nachtluft und stiegen im Fond in Charlottes Wagen ein.
„Wer ist das?“, lallte Megano und deutete mit einer zitternden Hand zum Fahrersitz.
„Eine gute Freundin. Sie fährt uns.“ Harper nickte Charlotte zu, die daraufhin den Motor startete und sich in den schwachen Verkehr einfädelte. Harper öffnete die Whiskey-Flasche, die auf dem Boden unter dem Beifahrersitz gelegen hatte und gab sie Tony. Fast schon gehorsam trank der Mann einen großen Schluck nach dem anderen. Immer wieder versuchten seine Hände, Harpers Körper zu berühren, aber die Frau schob die Finger mit einem glockenhellen Lachen weg. Mit einschmeichelnder Stimme flüsterte sie: „Dafür ist nachher noch sehr viel Zeit.“
In der Kennedy Street angekommen, mussten Charlotte und Harper den Betrunkenen stützen. Charlotte hielt ihm den Mund zu, als er anfangen wollte zu singen. Als sie endlich das Haus betreten hatten, brachten sie Megano in ein total überheiztes Zimmer, in dem nur ein schmales Bett mit Holzrahmen stand. Nicht nur Charlotte brach sofort der Schweiß aus. Immer wieder gab Harper Meganos Hand, welche die Whiskey-Flasche hielt, einen leichten Schubs. Der Mann trank weiter, aber seine Schlucke wurden immer kleiner. Megano setzte sich auf den Rand des Betts und schaute Harper an. Für einen Moment stand Gier in seinem Gesicht, dann aber legte er sich zur Seite und fiel sofort in tiefen Schlaf. Vielleicht war es auch eine leichte Ohnmacht.
„Die K.O.-Tropfen brauchen wir jetzt nicht mehr“, meinte Charlotte, durchsuchte die Jacke des Mannes und fand seinen Dienstausweis als Angestellter der Pacific Railway. Megano war, wie Harper der Gang erklärt hatte, Lokführer. Charlotte steckte die Identitätskarte ein, schloss den Raum von außen ab und legte den Schlüssel auf die Kommode im Flur. Im Wohnzimmer traf sie auf die anderen.
Harper hatte sich unterdessen umgezogen und saß in Hose und Pullover vor dem Tisch. „Hast du ihn?“
Charlotte gab ihr den Ausweis.
„Gut. - Ben, verändere ihn mit Charlottes Tarnidentität. In fünf Stunden musst du zurück sein.“
„Geht klar.“ Ben nahm den Dienstausweis des Eisenbahnangestellten und verließ das Haus.
„Joe“, sprach Harper einen dicklichen Mann an, der, seit Charlotte am Vortag das Ganovenquartier das erste Mal betreten hatte, noch kein Wort gesagt hatte. „Morgen, 7:45 a.m. rufst du in der Leitzentrale an und meldest Tony Megano krank. Ihn hat die Grippe erwischt.“ Sie gab dem Mann ein Tonbandgerät. „Hier ein paar Sätze, die er im Lokal gesagt hat. Zu Beginn war er noch halbwegs nüchtern.“
Joe, der früher als Stimmenimitator im Varieté gearbeitet hatte, bestätigte und verschwand mit dem Bandgerät in einem der Zimmer im Obergeschoss, um zu üben.
„Jack“, fuhr Harper mit der Aufgabenverteilung fort. „Du und Michael, ihr besucht heute Nacht den Verwaltungssitz der Pacific Railway. Setzt Edda Malone“, sie blickte Charlotte an, „auf die Ersatzliste der Lokführer und vermerkt, dass sie besonders viel Erfahrung mit der F-Unit hat. Platziert ihre fingierte Personalakte, denn schließlich“, sie lachte laut, „arbeitet Edda-Charlotte schon seit vier Monaten dort.“
Harper stand auf, ging zu einer Kiste und holte ein Bündel Papiere hervor, das sie Charlotte reichte. „Technische Daten zur Lok und dem Güterzug. Mache dich damit vertraut. Morgen steigt der Coup.“
***
Charlotte erhöhte die Leistung des Dieselmotors der Lok ein wenig. Sie hatte bereits sieben Minuten Vorsprung vor dem von der Leitstelle ausgegebenen Plan, aber das reichte für Harpers Zwecke noch nicht aus. Ein paar Minuten Puffer musste sie noch herausfahren.
Als sie am Morgen nach einem Anruf der Pacific Railway ihren Dienst im Betriebshof angetreten hatte, hatte niemand irgendwelche Fragen gestellt. Ihr Name stand im Personalregister, und sie war verfügbar. Also wurde sie eingesetzt. Niemand überprüfte die Angaben oder wunderte sich, dass man die Kollegin zuvor noch nie gesehen hatte. Dafür war die Company an ihrem Hauptsitz in Edmonton schlicht zu groß, und Personalrochaden mit den anderen Standorten waren an der Tagesordnung. So hatte Charlotte ihre kleine Geschichte über einen spontanen Umzug aus persönlichen Gründen gar nicht zum Besten geben müssen.
Seit etwa drei Stunden fuhr sie nun die EMD. Der Crash-Kurs, den sie unter der Leitung eines ehemaligen Polizisten durchlaufen hatte, hatte sich in der Praxis bewährt. Solange es keine Zwischenfälle mechanischer oder elektrischer Art gab, würde sie den Zielpunkt erreichen. Charlotte kontrollierte den Kraftstoffverbrauch, der aufgrund der Geschwindigkeit höher als vorherberechnet ausfiel. Aber noch lag dieser im Rahmen. Niemandem im Werk würde es am Abend negativ auffallen.
Das Gleis schnitt schnurgerade zwischen landwirtschaftlichen Nutzflächen mit blühendem Mais und erntereifem Weizen hindurch. In der Ferne näherte sich ein Personenzug. Er bremste ein wenig, bretterte dennoch in rasender Fahrt an Charlottes Güterzug vorbei. Charlotte hob, wie es Brauch war, die Hand zum Gruß, als die andere Lok sie passierte. Am Gleisrand rauschten die Streckenmarkierungen und -telefone vorbei.
Charlotte überprüfte erneut auf dem Papierplan, wo genau sie sich nun befand. Sie musste nun verstärkte Aufmerksamkeit walten lassen, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis der Coup in die heiße Phase eintrat.
Etwa zehn Minuten später sah Charlotte das Aufblitzen eines roten Lichts weit voraus. Zweimal kurz, dreimal lang, das vereinbarte Zeichen. Charlotte fuhr die Leistung auf Null und bremste. Es quietschte laut. Die immer noch leichte Aufwärtssteigung zehrte die Restfahrt der elf Waggons zusätzlich auf.
Wieder blitzte die Lampe im gleichen Rhythmus auf. Charlotte sah die erwartete Gestalt in der dunkelbeigefarbenen Kleidung, die sich kaum vom Gleisbett abhob. Der Hut machte es zwar unmöglich zu erkennen, wer das Signal gab, aber, sofern Harper den Plan nicht geändert hatte, musste es sich um Jack handeln.
Die Lok rollte an der Gestalt vorbei und wurde immer langsamer. Schließlich kam der Güterzug zum Stillstand. Charlotte blickte auf die Uhr. Zwölf Minuten Vorsprung hatte sie herausgefahren. Das war kaum mehr als die Untergrenze an Zeit, welche der Plan erforderte. Es würde knapp werden.
Sie schob das schmale Fenster an der rechten Seite der Lok auf, streckte den Kopf hinaus und blickte nach hinten. Die Gestalt - es war wirklich Jack, wie Charlotte nun erkannte - rannte zum ersten Güterwaggon, der direkt an die Lok angekoppelt war. Hinter dem Mann fuhr ein Motorrad mit Beiwagen, das neben Jack anhielt. Harper Maguire sprang von der Maschine und hob das Paket, das etwa so groß wie drei aufeinandergestapelte Schuhkartons war, aus dem Beiwagen. Jack kletterte an der Leiter des Waggons hinauf auf das Dach des Tankwagens und war damit aus Charlottes Blickfeld verschwunden. Harper stemmte mühsam den Karton, auf dessen Seite das Logo eines Frühstücksflockenherstellers prangte, über ihren Kopf. Es wurde ihr abgenommen, und Harper kletterte ebenfalls hinauf.
Was zum Henker tun die da oben?, fragte sich Charlotte.
Harper hatte ihr nur gesagt, dass sie den Job von Tony Megano übernehmen würde, der eigentlich für diesen Güterzug eingeteilt war. Sie musste an einer bestimmten Stelle nach einem Signal anhalten. Das Warum hatte die Gangchefin aber offengelassen.
Need to know - and obviously I do not need to know.
Drei Minuten später kam Harper wieder herunter und rief: „Charlotte, komm hoch!“
Charlotte öffnete die Seitentür der Lok und sprang auf die Gleise. Harper kletterte geschwind wieder auf das Dach des Waggons, und Charlotte folgte ihr. Jack kniete vor einer verschlossenen, runden Luke, die einen Durchmesser von anderthalb Fuß hatte, und mühte sich ab, das Öffnungsrad zu drehen. Doch selbst, als Harper und Charlotte halfen, klappte es nicht.
„Wir brauchen einen Hebel. Suche nach einem geeigneten Werkzeug!“, sagte Harper.
Charlotte rutschte an der Leiter hinunter und stieg wieder ins Führerhaus. Aus dem Schrank mit den Werkzeugen nahm sie einen sehr langen Schraubenschlüssel und rannte zurück auf das Waggondach.
Sie klemmte das armlange Werkzeug zwischen zwei Speichen des Drehrades, drückte es auf die Decke des Tankwaggons und hebelte. Erst knirschte es nur, dann aber hatte sie Erfolg, und der Öffnungsmechanismus bewegte sich. Sofort griffen Harper und Jack zu und drehten das Rad weiter. Schließlich schwang der Lukendeckel auf. Harper öffnete das Paket und holte ein durchsichtiges Plastiksäckchen heraus, das ein grobkörniges, dunkelgraues Pulver enthielt. In kleinen Portionen kippte sie es langsam in die Öffnung. Irgendetwas zischte, und Charlotte zog unwillkürlich den Kopf zurück. Aber die erwartete Wolke aus Gasen nach einer chemischen Reaktion waberte nicht heraus.
Nach und nach schüttete Harper zwei weitere Beutel in den Tankwaggon. Immer wieder blickte sie auf die Uhr. Sie schaute skeptisch.
„Fahr los, aber langsam!“, befahl sie Charlotte. „Sonst verlierst du noch mehr Zeit. Jack und ich springen dann ab, wenn wir hier fertig sind. Verletzungen müssen wir in Kauf nehmen. Versuche, wenn wir unten sind, die Zeit, so gut wie möglich, wieder aufzuholen. Wenn es gar nicht anders geht, nutze die vorbereitete Ausrede.“
„Geht klar“, erwiderte Charlotte, kletterte vom Waggon und in die Lok zurück. Sie fuhr los. Langsam erhöhte sie die Kraftstoffzufuhr, doch es dauerte gefühlt ewig, bis der schwere Güterzug mehr als Schritttempo erreichte. Charlottes Augen huschten über die Kontrollanzeigen. Alles war normal. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sieben Minuten Verspätung hatte.
Immer wieder streckte sie vorsichtig den Kopf aus dem Fenster und blickte in Richtung Zugende. Beim dritten Mal sah sie zwei Gestalten, die neben den Gleisen liefen. Oder humpelte eine? Harper und Jack würden nun die Strecke zurück zum Motorrad laufen und verschwinden.
Das war ihr Zeichen, und Charlotte erhöhte sofort das Tempo, bis sie etwa fünf Prozent über der im Reiseplan stehenden Maximalgeschwindigkeit fuhr. Nach der nächsten Kurve ging es leicht bergab. Charlotte trennte für fünfzehn Sekunden Motor und Getriebe und drosselte die Leerlaufdrehzahl, um Treibstoff zu sparen. Mit dem Ärmel der blauen Dienstuniform wischte sie sich über die schweißnasse Stirn. Was sie hier tat, war in keinem Crashkurs vorgekommen. Aber Harper hatte jedem Mitglied der Gang eingebleut, dass sie an einen Zeitplan gebunden wären. Oberstes Gebot war, nicht aufzufallen.
Als Charlotte die nächste Kurve passiert hatte und ein zwei Kilometer langes gerades und flaches Stück vor ihr lag, nahm sie die Frachtliste zur Hand und studierte die Daten zum ersten Waggon.
„Farbengrundstoff COL-Mx67“, murmelte sie. „Bestimmt für eine Firma namens ‚Bow River Mill Ltd.‘ in Calgary. Klar, erster Waggon, also Endstation. - Aber, hm, beides sagt mir nichts.“
Im nächsten Durchgangsbahnhof stoppte Charlotte mit fünf Minuten Verspätung. Es half nichts, sie musste einen fingierten Störfall ins Fahrtbuch eintragen und so ein technisches Versagen der Lok vortäuschen. So notierte sie: ‚Intermittierend aussetzende Beschleunigung im Anstiegsgelände. Kein System im Auftreten der Störung erkennbar.‘
Wieder blickte sie aus dem Fenster. Zwei Arbeiter rannten zu dem dritten Waggon und lösten dessen Verbindung zu den dahinterliegenden Güterwaggons. Kurze Zeit später spürte Charlotte einen leichten Ruck. Eine Rangierlok hatte sich am Heck angekoppelt. Langsam entfernten sich die acht Waggons.
Dann erhielt Charlotte das Fahrtzeichen vom Bahnsteig. Mit nur drei angehängten Waggons fuhr sich der Zug deutlich leichter. Charlotte erhöhte das Tempo weiter, kam mit nur noch drei Minuten Verspätung am nächsten Bahnhof an, wo die beiden Kohlewaggons abgekoppelt wurden.
Mit nur noch dem Tankwaggon erreichte sich schließlich fast pünktlich das Ziel in Calgary. Die Schranke schwang nach oben, und Charlotte fuhr langsam auf das Fabrikgelände der Mill Ltd. Am avisierten Haltepunkt vor dem Bereich der Weichen stoppte sie. Ein Mann im blauen Overall lief auf die Lok zu.
„Heute zum Werk D, Papierherstellung. Die Weichen sind gleich geschaltet. Nur noch einen Moment Geduld.“
Charlotte musste noch drei Minuten warten, dann erhielt sie die Fahrtfreigabe. Gemächlich rollte die Diesellokomotive durch die drei aufeinanderfolgenden Weichen. Der kleine Zug ruckelte, wann immer er das Gleis wechselte.
Schließlich stoppte Charlotte neben einer Zapfanlage, nur wenige Meter vor dem Prallbock am Ende des Gleises. Ein oberschenkeldicker Schlauch mit Metallkopf und -haltegriffen baumelte von einem Kran herab. Zwei Männer in gelben, glänzenden Anzügen zogen den Schlauch heran und schraubten ihn am Heck des Waggons an.
Als der Farbgrundstoff abgepumpt worden war, fuhr Charlotte rückwärts. Sie hielt den Kopf aus dem Seitenfenster und steuerte nach den Lichtsignalen des Lotsen. Weichen wurden präzise aufeinander abgestimmt umgestellt, und schließlich hatte Charlotte den Hauptring erreicht, der einmal um das Fabrikgelände führte.
Ihr Auftrag war erledigt, der Tankwagen wurde abgekoppelt, und Charlotte fuhr die Lok ins örtliche Depot der Pacific Railway.
„Schaut euch mal den Motor an“, sagte sie zu dem Techniker, dem sie die Lok übergab. „Irgendwas stimmt nicht mit der Beschleunigung.“
Der Mann mit dem ölverschmierten Mechanikerkittel machte ein gequältes Gesicht, als er das Fahrtbuch entgegennahm. Charlotte vermutete, dass er schon Überstunden auf sich zukommen sah.
Sie ging mit ihrer kleinen Reisetasche zu den Personalräumen, duschte und zog sich um. In dem hellblauen Kleid und mit ein wenig Make-up sah sie Edda Malone, der nichtexistenten Zugführerin, überhaupt nicht mehr ähnlich. Morgen würde diese den laut Personalabteilung genehmigten dreiwöchigen Urlaub antreten und während dieser Zeit kündigen. Edda Malone würde spurlos verschwinden. Aber niemand würde dies in irgendeiner Weise verdächtig finden. Tony Megano würde irgendwann in seiner Wohnung mit einem unglaublich starken Kater aufwachen, einen Filmriss haben und vielleicht an eine heiße Nacht mit einer Unbekannten glauben. Er würde am Folgetag seinen Dienst wieder aufnehmen, und niemand würde den heutigen Tag in irgendeiner Weise verdächtig finden.
Manches hatte Harper ihr erzählt, manches hatte Charlotte sich zusammengereimt. Aber die Hauptinformation, die Information über die Natur der Katastrophe, fehlte immer noch.
Dann verließ Charlotte das Gelände des Betriebshofes und nahm den nächsten Bus in die Innenstadt.
(Fortsetzung folgt)
Teil 1
„Du gehst also nachts heimlich auf den Innenhof“, stellte Harper leise fest. Es klang wie eine Aufforderung, eine Erklärung abzugeben.
Super!, dachte Charlotte, blieb aber äußerlich ruhig. Phils Vorhaben hat also geklappt.
Der Kommissar hatte gemäß dem Plan über die Gefängnisverwaltung die entsprechende Information gestreut. Wie, das wusste Charlotte nicht. Vielleicht hatten sich zwei Wärterinnen darüber unterhalten, und zufällig war jemand von Harpers Zuträgerinnen in der Nähe gewesen. Oder Harper hatte auf andere Art davon erfahren, und es hatte doch jemand Charlotte des Nachts gesehen. Aber das war nicht wichtig. Was zählte, war allein, dass Harper nachfragte und von sich aus Kontakt suchte.
Charlotte blickte für einen Moment von ihrem Tablett auf und tat gelangweilt. „Was geht's dich an?“ Dann aß sie ihren Salat weiter.
„Mich geht alles an, was hier abläuft. Also?“
„Finde es doch selbst heraus.“
„Ich war im Hof, konnte aber nichts Auffälliges entdecken. Du hast also, was immer du dort treibst, gut versteckt“, erwiderte Harper.
Charlotte zuckte mit den Achseln. „Ich war frische Luft schnappen. Die Zellen sind nachts ja nicht zum Aushalten.“
Harper grinste schief. „Klar. Und dafür zahlst du 300 Dollar pro Nacht.“ Sie beugte sich ein Stück vor. „Ich will Antworten, sonst könnte es ungemütlich für dich werden.“
„Du drohst mir?“
„Sieh es als guten Ratschlag. Du sitzt noch sechs Jahre hier ein. Einen Teil davon verbringen wir gemeinsam. Ich kann dein Leben auf eine Art zur Hölle machen, dass dir das, was Kelly veranstaltet, wie ein Kindergeburtstag erscheint.“
Charlotte wusste, dass dies der Wahrheit entsprach, denn Harper war eine der Anführerinnen in der Anstalt, obwohl sie sich eher im Hintergrund hielt. Charlotte legte das Besteck zur Seite, geriet jedoch mit dem Ellenbogen auf die Gabel, die daraufhin polternd zu Boden fiel. Charlotte bückte sich herunter und hob sie wieder auf. Dieses absichtliche Missgeschick sollte Nervosität vortäuschen. Harper sollte glauben, Charlotte eingeschüchtert zu haben. Aber noch konnte die Privatdetektivin nicht die Wahrheit sagen. Ein so schnelles Kleinbeigeben wäre zu auffällig.
„Ich hatte ein Stelldichein mit dem Gefängnisdirektor im Mondschein. Richtig romantisch, sage ich dir“, gab sie grinsend zurück und schaute Harper starr in die Augen. Aber nach ein paar Sekunden senkte sie bereits den Blick, als hielte sie diesem stummen Zweikampf nicht stand. Ein weiteres vorgetäuschtes Zeichen der Nervosität.
Harper hob eine Hand und winkte. Sofort standen Kelly Miller und zwei andere Frauen von einem der Nachbartische auf und kamen heran. Ihre Haltung war drohend, die Arme hingen neben den Körpern herab, bereit zum Zuschlagen. Kelly trat hinter Charlotte und legte ihr die Hände auf die Schultern. Brutal presste sie zu. Charlotte tat, als spürte sie nichts, und beachtete die drei nicht.
„Also? Antworten!“, forderte Harper erneut und lächelte kalt.
Charlotte blickte zur Tür der Kantine. Vier mit Schlagstöcken bewaffnete Wärterinnen standen dort und wandten der Szene demonstrativ den Rücken zu. Man würde ihr also nicht helfen. Charlotte überlegte, ob sie nach diesen patzigen Entgegnungen und der unterschwelligen Drohgebärde mit den drei Frauen bereits nachgeben konnte, ohne dass es verdächtig wirkte. Immerhin hatte sie sich in der kurzen Zeit, in der sie hier einsaß, bereits einen gewissen Ruf der Standfestigkeit erworben.
Doch sie hatte zu lange mit einer Antwort gezögert.
Harpers Faust schoss urplötzlich auf sie zu. Charlotte versuchte noch, den Oberkörper nach hinten zu beugen und die Arme hochzureißen, um dem Schlag die Wucht zu nehmen, aber es war zu spät. Außerdem drückte Kelly sie unbarmherzig nach vorne. Schmerzhaft knallte die anfliegende Faust auf ihre Lippe, die sofort aufplatzte. Blut spritzte auf den blanken Metalltisch. Die beiden anderen Frauen zogen mit hartem Griff Charlottes Arme nach hinten und ein wenig nach oben. Ein Griff, den Charlotte selbst gerne bei Gegnern anwendete. Hier aber war sie nun ein hilfloses Opfer. Harper nutzte diesen Zustand kaltblütig aus. Eine zweite Faust flog auf Charlotte zu und traf wuchtig die linke Wange.
Charlotte schrie auf. Jetzt gab es keine ruhigen Überlegungen mehr, wann sie nachgeben sollte. Der Zeitpunkt war eindeutig gekommen, denn sie würde sich nicht verprügeln lassen.
Doch Harper schien die Gelegenheit nutzen zu wollen, um ein Exempel für die anderen Gefangenen zu statuieren. Die dritte Faust raste vor und traf Charlotte an der anderen Wange. Ihr Kopf flog zur Seite und prallte gegen eine der Widersacherinnen, die sie weiter festhielten.
Harper schüttelte die Hand aus, als habe sie sich verletzt. Schneidend kalt sagte sie: „Ich warte nicht mehr lange. Die Wahrheit - oder Kelly wird sich mit dir beschäftigen.“
Kelly beugte den Kopf herunter und zischte Charlotte ins Ohr: „Du bist doch ach so hart. Weigere dich, bitte! Du würdest mir eine große Freude bereiten. Dann können wir etwas Spaß miteinander haben.“ Sie lachte boshaft und verstärkte den Griff an Charlottes Schulter.
Ruhig bleiben!, befahl sich Charlotte in Gedanken. Ich bin undercover. Es ist ein Auftrag, keine persönliche Sache.
Ihr war klar, dass sie bei einer erneuten Konfrontation mit Kelly den kürzeren ziehen würde. Dafür würde die muskulöse Frau schon mit einer entsprechenden Übermacht sorgen. Um einen fairen Kampf ging es Kelly Miller nicht. Sie wollte eine vermeintliche Bloßstellung geraderücken. Allerdings stand sie offensichtlich unter Harpers Befehl in dieser Sache. Diese Hürde schützte Charlotte - noch. Harper hatte zwar hart zugeschlagen, aber nicht, um möglichst große Schmerzen hervorzurufen. Kelly aber würde ganz sicher auf genau dies abzielen.
Charlottes Wangen begannen zu brennen, und sie schmeckte Blut. „Ich sag's dir“, gab sie schließlich gepresst von sich. „Aber ohne deine Minions hier.“
„Verschwindet!“, befahl Harper, und die drei Frauen gingen wortlos zurück zu ihrem Tisch. Kelly Millers Gesicht zeigte pure Enttäuschung, als sie sich abwandte.
Niemand im Saal hatte sich um den Zwischenfall gekümmert. Die Gefangenen hatten Angst vor Harper, oder es war ihnen schlicht egal, was mit Charlotte geschah. Und das Wachpersonal stand wie unbeteiligt neben der Tür. Wahrscheinlich hatte Harper sie bestochen, so, wie Charlotte ihren Ausgang in der Nacht auch erkauft hatte.
„Also?“
„Ich haue ab. Ich war die letzten Nächte im Innenhof, um alles vorzubereiten.“
Harpers Augen zeigten Verblüffung. Damit hatte sie ganz offensichtlich nicht gerechnet. Ihre Frage war reiner Neugier geschuldet gewesen, denn wenn sie weiter die Macht ausüben wollte, konnte sie es nicht dulden, dass Dinge vonstatten gingen, von denen sie nichts wusste.
„Wieviel willst du?“, fragte Harper. Eine Spur Hoffnung blitzte in ihren Augen auf.
„Wieviel will ich für was?“, stellte sich Charlotte dumm.
„Wieviel willst du dafür, mich mitzunehmen? Ich muss hier raus, möglichst heute noch.“ Sie griff nach Charlottes Oberarm, aber in der Bewegung lag keine Gewaltbereitschaft, eher eine angespannte Erwartung.
„Wieso willst du mir etwas zahlen? Nimm deine Gefolgschaft mit, dann kannst du mich zwingen.“
„Vergiss sie! Wir beide, sonst niemand. Klappt das auf deinem Fluchtweg?“
Charlotte nickte.
Der Griff wurde härter, die Hoffnung in Harpers Augen wandelte sich zu Verlangen. „Wann?“
„Heute Nacht. Für 5.000 Dollar kannst du mitkommen.“
„Einverstanden. Das Geld habe ich natürlich nicht hier, aber wenn wir draußen sind, werde ich es beschaffen.“ Sie zögerte kurz und schien über etwas nachzudenken. „Vielleicht habe ich auch noch etwas anderes für dich.“
Charlotte schob Harpers Hand weg. „Wenn du mich hintergehst, wirst du es bereuen. Draußen bist du alleine. Und mit dir werde ich fertig. Glaube mir!“
Harper hob begütigend die Hände und lächelte. Es sah fast freundlich aus. „Keine Sorge. Für Leistung gibt's Dollars. Mit diesem Grundsatz bin ich immer gut gefahren. Und ich lege noch 500 drauf, sozusagen als Schmerzensgeld.“
***
Wie in den letzten Nächten auch, ließ die Wärterin Charlotte, die von Harper begleitet wurde, kurz nach Mitternacht auf den Innenhof. Der silberne Halbmond am Himmel, der über der Mauer zur angrenzenden Straße stand, erhellte die Nacht. Nichts deutete darauf hin, dass die beiden Insassinnen nicht beabsichtigten, wieder zurückzukehren. Sie trugen leichte Kleidung - Trainingshose, Bluse und Sneakers. Auf die dünnen Jacken hatten sie trotz der Kühle verzichtet. Deren großer Aufnäher auf dem Rücken mit Nummer und dem Hinweis auf das Gefängnis wäre in der Freiheit viel zu auffällig gewesen. Zwar besaßen auch die anderen Kleidungsstücke solche Herkunftsnachweise, aber diese waren deutlich kleiner. Es bestand in der Dunkelheit eine reelle Chance, dass, sollten die Ausbrecherinnen jemandem begegnen, die Aufnäher übersehen werden würden.
Als die Hoftür sich vollständig geschlossen hatte, huschten Charlotte und Harper lautlos an der Gebäudemauer entlang zum linksseitigen Kanaldeckel. Charlotte wischte die Erde beiseite und legte die mit ihrer Gabe zerschnittenen Schweißnähte frei. Die beiden Risse waren so schmal, dass man sie nur aus direkter Nähe erkennen konnte.
Harpers Gesicht war ein einziges Fragezeichen, als Charlotte in die Hocke ging, mit den Fingern durch vier der Abflusslöcher griff und Harper bedeutete, das Gleiche auf der gegenüberliegenden Seite zu tun. Mit vier Händen gelang es problemlos, den Deckel anzuheben und leise auf den Hofboden zu legen. Charlotte schaltete die Taschenlampe ein und stieg die Stufen hinab in die Kanalisation. Harper folgte ihr dichtauf.
Der Deckel blieb, wo er lag, denn aus dem Innern des Schachts konnten sie ihn nicht lautlos über die Öffnung ziehen. Der Fluchtweg würde, sobald die zwei Stunden Sonderfreigang abgelaufen waren, offen vor den Wärterinnen liegen. Die sonstigen Fluchtalternativen, die Charlotte gedanklich durchgespielt hatte, wiesen allesamt noch höhere Risiken auf, da Türen, Fenster, Gitter und die Tore nach draußen alarmgesichert waren.
Sie mussten sich also beeilen.
Harper drückte sich mit dem Rücken an die Wand über dem Kanalsims. Langsam ging sie seitwärts weiter, einen kleinen Schritt nach dem anderen. Die Frauen erreichten das Gittertor. Charlotte atmete erleichtert auf, als sie sah, dass das von ihr zerstörte Bügelschloss immer noch an der Wand hing. Im anderen Fall hätte sie ihre Zeichengabe einsetzen müssen. Aber im Kanal war es dunkel. Es wäre möglich gewesen, dies so zu tun, dass Harper nicht wirklich sah, was sie tat. Aber es hätte die Flucht verzögert.
Charlotte öffnete das Tor, und sie und Harper traten hindurch. Auch hier verzichteten sie darauf, Spuren zu verwischen und das Gitter wieder zu schließen. Es hätte Verfolger ohnehin nicht lange aufgehalten.
Unter der Richmond Street angekommen, erklomm Charlotte die Metallstufen und wuchtete den Kanaldeckel zur Seite. Die Straße lag frei vor ihr, und hinter den Fenstern der Häuser brannte nur in der Ferne Licht. Rasch kroch sie hinaus und lief auf den Bürgersteig.
Sie wollte sich gerade aufrichten, als sie ein Geräusch vernahm. Zwei weißliche Autoscheinwerfer bogen um die ferne Kurve auf die Richmond Street ein.
„Deckel rüber!“, flüsterte sie Harper zu, die im Begriff war, ebenfalls aus dem Schacht herauszuklettern. Die Frau verstand sofort, zog den Kopf ein und den Deckel über den Asphalt auf die Kanalöffnung. Geräuschlos geschah dies nicht, aber das sich nähernde Auto machte ohnehin Lärm in der ansonsten stillen Nacht. Charlotte hoffte, dass das Schaben des Deckels auf dem Asphalt darin unterging.
Mit hämmerndem Herzen, als sei es ein wirklicher Ausbruch aus dem Gefängnis für sie, kauerte Charlotte hinter einem geparkten Fahrzeug und wartete angespannt. Das Auto fuhr in gemächlichem Tempo. Charlotte hatte den Eindruck, dass es, als es sich ihrer Position näherte, sogar noch weiter verlangsamte. Wer immer es fuhr, schien die Bewegung auf dem Straßenbelag bemerkt zu haben und sich nun zu fragen, was die Ursache dafür war, und ob es eine Gefahr darstellte.
Doch der Wagen hielt glücklicherweise nicht an. Ein paar Meter hinter dem Gullideckel gab der Fahrer bereits wieder Gas, und die Rücklichter verschwanden rasch in der Ferne.
Charlotte blickte sich um, sah und hörte aber nichts. So lief sie zur Straße und hob den Deckel hoch. Harper kletterte in Windeseile heraus. Der Gulli wurde wieder abgedeckt, und die beiden Ausbrecherinnen rannten sofort auf den Bürgersteig.
Charlotte schritt zügig voran, bog in die nächste Querstraße ein und hielt an einem unauffälligen, dunkelroten Kleinwagen, der nur wenige Meter von der Kreuzung entfernt am Straßenrand parkte. Charlotte griff unter den linken hinteren Radkasten und tastete umher, bis sie den Zündschlüssel fand, der auf dem Reifen lag. Sie sperrte den Wagen auf und glitt hinter das Steuer. Harper nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Charlotte fuhr mit schwacher Beschleunigung los, dennoch kam ihr das Geräusch des Motors unnatürlich laut vor. Überaus sachte erhöhte sie kontinuierlich auf die erlaubten 50 Kilometer pro Stunde. Sie bog nur selten ab und versuchte, auf möglichst geradem Weg die Entfernung zur Correctional Facility zu maximieren.
„Gute Planung“, lobte Harper. „Du hattest Hilfe?“
Charlotte betätigte den Blinker und passierte ein in zweiter Reihe haltendes Taxi. „Ich habe ein paar Gefallen eingefordert. Das Auto hier, Spezialsäure für den verschweißten Gullideckel und das Gitter im Kanal. Für Geld und mit Beziehungen bekommst du alles im Knast. Das weißt du sicher besser als ich.“
Nach zehn Minuten stoppte der Wagen plötzlich, und Harper blickte sie erstaunt an. Charlotte stieg aus dem Wagen und ging zum Kofferraum, den sie kurz öffnete. Sekunden später war sie mit einer Reisetasche zurück und setzte sich wieder hinter das Lenkrad. Sie schaltete das Innenlicht aus, zog den Reißverschluss der Tasche auf und nahm eine Bluse, eine lange Jeans und einen Pullover heraus. Nach ein wenig Gezerre hatte sie die Sträflingskleidung abgelegt und sich umgezogen. Nur der Pullover lag noch auf ihren Knien. Charlotte nahm eine großkalibrige Pistole aus der Reisetasche und schob sie in das Fach an der Fahrertür.
Als sie Harpers spöttisches Lächeln sah, sagte sie: „Zur Sicherheit. Man kann nie wissen.“
Charlotte griff nach dem Pullover und tat, als wollte sie ihn sich überstreifen, hielt dann aber inne und reichte ihn Harper. Dann fuhr sie los. „Hier! So fallen wir weniger auf. Er verdeckt immerhin die Gefängnisbluse. Ich war nicht darauf eingerichtet, Begleitung zu haben.“
Harper nahm den Pullover und schlüpfte hinein. „Danke. - Und jetzt?“
Charlotte hielt an einer Ampel. „Für mich ist ein Motelzimmer reserviert. Das reicht auch für uns beide.“
„Uns?“, fragte Harper zurück. „Ich habe andere Pläne.“
„Nein, hast du nicht. Wir bleiben zusammen, bis ich mein Geld habe. Dann kannst du tun, was du willst. Nicht vorher.“
Harper lachte leise und schaltete die Heizung eine Stufe höher. „Du misstraust mir? Na gut, das kann ich dir nicht verdenken. Aber wir machen etwas anderes. Ich wollte dich ohnehin ein paar Leuten vorstellen. Fahre zur 3527, Kennedy Street. Auch dort ist Platz für uns beide.“
Charlotte erhob keine Einwände und wechselte die Richtung. Diese Entwicklung war ganz in ihrem Sinne. Vielleicht erhielt sie nun endlich Informationen darüber, worum es sich bei der Phil avisierten ‚Katastrophe‘ handelte. Außerdem wartete sie auf ein bestimmtes Angebot, das Harper ihr im Gefängnis in Aussicht gestellt hatte, und das mit ziemlicher Sicherheit mit der Eisenbahn zu tun haben würde. Dann würde ihr Undercovereinsatz in die nächste Phase eintreten.
Eine halbe Stunde später bogen sie in eine Straße mit schäbigen Häusern ein, die gartenlos bis an den schmalen Bürgersteig reichten. Charlotte fuhr an der Zielhausnummer vorbei und hielt ein paar Häuser weiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Waffe schob sie, nachdem sie ausgestiegen war, sofort am Rücken unter die Bluse in den Hosenbund. Harper sah es, sagte aber nichts.
Die beiden gingen zur Nummer 3527, und Harper klopfte ein Erkennungszeichen aus mehreren unterschiedlich langen Pausen an die Haustür. Klacken ertönte von innerhalb, als würden mehrere Schlösser entriegelt, dann wurde die Tür einen Spalt geöffnet, aber eine kurze Kette verhinderte, dass sie komplett aufschwang.
„Der Kolibri flattert wieder unter freiem Himmel“, sagte Harper mit einem Grinsen in der Stimme.
„Hoffentlich fällt er nicht in den Teich“, kam die Antwort eines Mannes.
Die Tür wurde nun vollständig geöffnet, und die Ausbrecherinnen traten in einen dunklen Flur, an dessen Ende eine Innentür offenstand.
„Du kommst spät“, sagte der Mann, der geöffnet hatte.
Harper nickte nur, und die drei gingen den Gang hinunter in das Wohnzimmer, in dem vier weitere Männer auf einfachen Campingstühlen warteten. Charlotte sah einen wackligen Tisch, einen Fernsehapparat und ein Radio. Nackte Glühlampen hingen von der Decke. Es sah alles sehr provisorisch aus.
„Endlich frei!“, seufzte Harper, warf sich in einen freien Stuhl und legte die Füße auf den Tisch. „Drei Monate Knast. Verschwendete Zeit, sage ich euch. - Hat Dean sich gemeldet?“
„Ja“, kam die Antwort von einem Mann mit kurzen, blonden Haaren. „Er hat das Material.“
„Sehr gut“, erwiderte Harper. Dann beschrieb ihr ausgestreckter Arm einen Kreis und sie ratterte fünf Namen herunter, die sich Charlotte auf die Schnelle jedoch nicht merken konnte.
„Wir dachten schon, die Sache wäre gestorben. Wie bist du rausgekommen? Der Wäschetransporter hat so lange gewartet, wie es ging“, fragte Don, der blondhaarige.
„Dank meiner Begleitung hier. Der ursprüngliche Plan ging schief. Die beschissene Tür der Wäscherei ließ sich nicht öffnen. Aber Charlotte hier half mir.“ Harper öffnete eine der Whiskeyflaschen, die in einer Kiste neben dem Tisch standen, und nahm einen großen Schluck. „Nun setz dich endlich, Charlotte.“
„Warum hast du sie mitgebracht?“, fragte Don mit Misstrauen in der Stimme.
„Man hat sie wegen Eisenbahnraubs eingelocht, versteht ihr? Sie hat im Stellwerk mit Loks rangiert, stand in den Kopien der Gerichtsakten, die ich mir im Knast besorgen konnte. Habt ihr jemanden gefunden, sodass wir komplett sind?“
Schweigen antwortete ihr, dann schüttelte Don den Kopf. „Nein.“
Harper trank erneut. „Dann ist es ja gut, dass sie hier ist. Wir können das Vorhaben nicht verschieben. Es gibt nur diese eine Chance. Die Planung steht.“
„Vertraust du ihr?“‚ fragte Don.
Harper lachte spöttisch auf. „Nicht mehr als euch. Also, nein. Aber Geld war schon immer ein gutes Argument.“ Sie wandte den Kopf Charlotte zu. „Was ist? Bock auf 'nen lukrativen Coup? Oder bist du geläutert und willst als gesetzestreue Hausfrau den Rest deines Lebens vor dem Herd fristen?“
„Nee, ich will nicht fristen. Ich will Geld. Viel Geld, und mich dann früh zur Ruhe setzen und das Leben genießen. Wieviel ist bei eurem Coup drin, und was soll ich tun?“
„Dazu kommen wir später. Eins vorweg: Kannst du eine EMD F-Unit bedienen?“
Charlotte nickte. Im Brustton der Überzeugung antwortete sie: „Klar. Gib mir die genauen Betriebsdaten des Modells und ein paar Minuten, um mich mit dem Steuerlayout vertraut zu machen. Dann fahre ich das Teil, wohin du willst.“ Innerlich atmete Charlotte auf. Phils Tipp hatte sich also bewahrheitet und der zweiwöchige Crashkurs zur Steuerung von Diesellokomotiven dieses Typs schien sich bezahlt zu machen. Bei anderen Modellen jedoch würde sie mehr als nur improvisieren müssen.
„Gut“, erwiderte Harper. „Don, überprüfe sie! Draußen steht ein roter Kleinwagen. In einer Tasche findest du Charlottes Anstaltskleidung mit der Insassinnennummer. - Charlotte, gib ihm den Autoschlüssel und deinen Ausweis.“
Charlotte warf dem Mann den Schlüssel zu, der ihn geschickt auffing. „Im Handschuhfach liegt mein Führerschein.“
Drei Stunden später kam Don zurück. Sein Gesicht drückte Zufriedenheit aus. „Alles okay. Ihre Geschichte stimmt.“
„Schön“, sagte Harper und rutschte in ihrem Stuhl ein wenig hoch. Sie hatte die letzte Stunde geschlafen. „Wir arbeiten hier auf Need-to-know-Basis. Na, also zumindest ihr. Der nächste Schritt des Planes ist...“
***
Die Kneipe war an diesem Abend gut besucht. Die Uhr über dem Tresen zeigte 10:17 p.m. Charlotte nippte an ihrem Drink. Zusammen mit Don saß sie an einem kleinen Tisch in der Ecke mit Blick auf den breiten Tresen mit den hohen Barhockern. Gesprächslärm füllte den Raum, und die Jukebox spielte schon zum dritten Mal denselben Song. Zigarettenqualm und eine unangenehme Mischung schlechter Parfüme erschwerten das Atmen. Der große Deckenventilator leistete Schwerstarbeit, erzielte aber so gut wie keine Wirkung. Irgendwo ertönte leise eine Glocke, vielleicht von einer versteckten Durchreiche, denn in der Gaststätte wurden auch leichte Gerichte serviert.
Die Tür des Lokals öffnete sich, und Harper trat ein. Ein Schwall kühler Nachtluft folgte ihr. Harper Maguire hatte sich sorgfältig gestylt. Sie trug hochhackige Schuhe und einen engen, roten Rock, der bis zu den Knien fiel, und an einer Seite bis fast zur Hüfte geschlitzt war. Die obersten Knöpfe der beigefarbenen Bluse waren geöffnet. Der Kragen war zur Seite geklappt, sodass der Seidenstoff ein verführerisches Dekolleté formte. Für einen Moment blieb Harper stehen, blickte sich im Lokal um und strich die gelockten, blonden Haare der Perücke zurück in den Nacken. Sie fielen bis weit in den Rücken hinab.
Charlotte warf einen Blick zur Theke.
Ja, ihr Einsatz war notwendig.
Sie stand auf, strich den Blazer des grauen Hosenanzugs glatt und ging zur Bar. Sie musste sich zwischen den Stühlen hindurchwinden, und schob Gäste sanft, aber bestimmt aus dem Weg. Dabei ließ sie ihr Ziel nicht aus den Augen.
Charlotte tippte einem Mann sachte mit dem Finger auf die Schulter und sagte: „Entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe Ihren Wagen beim Einparken touchiert.“ Es war ein Schuss ins Blaue. Falls der Mann keinen Wagen besaß, würde sie sich noch einmal entschuldigen, sich entfernen, und Don würde einen weiteren Versuch starten, den Mann aus der Bar zu locken.
Der Kopf des Gastes ruckte herum, während er sein Bierglas lautstark auf den Tresen abstellte. Ärger stand in seinen Augen. Seine Stimme war noch lauter als Charlottes. „Was? Das ist doch die Höhe! Los, Lady, raus! Das will ich mir ansehen.“
„Aber natürlich“, erwiderte Charlotte, lächelte verlegen und tat eingeschüchtert. Sie ging voraus in Richtung Ausgang. Als sie Harper passierte, blieben die Gesichter der beiden Frauen unbeteiligt. Sie verrieten durch nichts, dass sie sich kannten.
Der Mann folgte Charlotte auf die Straße. Der Wind pfiff stärker als noch vor einer Stunde. Dicht stehende Laternen strahlten ihre Lichtkegel ab. Fast das gesamte Trottoir lag im Hellen.
Charlotte zeigte auf einen willkürlichen Wagen, der direkt vor der Kneipe am Straßenrand parkte.
Der Mann schaute sie mit Unverständnis an. „Das ist nicht meiner. Der steht da hinten.“ Er deutete die Straße hinunter auf einen weißen Viertürer.
Charlotte tat überrascht. „Oh, das tut mir leid. Dann habe ich mich geirrt.“ Sie schenkte dem Mann ein weiteres verlegenes Lächeln und wollte sich abwenden, aber er hielt sie am Arm zurück.
„Halt, nicht so schnell. Wir schauen uns jetzt zuerst meinen Wagen genau an.“
Charlotte gab nach, obwohl sie ihr Ziel bereits in dem Moment erreicht hatte, als der Gast seinen Platz an der Theke räumte. Um jedoch kein unnötiges Aufsehen zu erregen, was vielleicht Harpers Plan gefährden konnte, blieb sie. Es dauerte ein paar Minuten, in denen Charlotte unbeteiligt auf dem Bürgersteig stand, bis sich der Gast, der mehrmals langsam um das Fahrzeug herumging und mit der Hand prüfend über Tür, Kofferraum und Stoßstangen strich, vergewissert hatte, dass nirgends ein Kratzer war.
Er warf Charlotte einen wütenden Blick zu und ging wortlos an ihr vorbei zurück. Charlotte wartete, bis er im Lokal verschwunden war, dann drehte sie um, spazierte an der Kneipe vorbei und setzte sich ein gutes Dutzend Meter entfernt in ein Auto, das jemand von der Gang organisiert hatte.
Das Warten begann.
Sie schaltete das Radio ein. „Das Finale des Grand Tennis Tournaments war das Spannendste, das es in Torontos reicher Geschichte des Sports je gegeben...“ Charlotte drehte den Empfangsknopf, bis sie einen anderen Sender gefunden hatte. „...der bundesweite Austausch der Dollarbanknoten gegen neue, absolut fälschungssichere startet kommende Woche. Die Regierung hat einen Zeitrahmen von zwei Wochen dafür an...“ Wieder schaltete Charlotte weiter. „Das Wetter im Nordwesten. Die nächsten Tage sind geprägt von Sonne und Regen...“
Dann kam endlich Musik aus dem Lautsprecher. Charlottes Finger trommelten rhythmisch auf dem Lenkrad. Leise pfiff sie die Melodien mit. Es würde vermutlich ein wenig dauern, bis es hier draußen für sie weiterging. Was in diesen Momenten im Lokal geschah, wusste sie. Harper hatte sie informiert.
Harper passierte Charlotte und setzte sich auf den gerade freigewordenen Platz am Tresen. Die kleine Handtasche legte sie auf die blankpolierte Fläche. Für einen Moment verschwand ihre Hand im Inneren der Tasche. Das leise Klicken konnte bei dem Lärm niemand hören.
„Einen Whiskey, dreistöckig, ohne Eis“, bestellte sie laut. Der Barkeeper nickte, goss die braune Flüssigkeit ein und servierte prompt. Harper kippte den Whiskey in einem Schluck herunter. „Noch einen. - Oder nein...“ Sie drehte sich nach rechts. „Was trinken Sie, Sir?“ Langsam schlug sie die Beine übereinander. Der Rock öffnete sich am Schlitz und gab den Blick auf die Haut des Oberschenkels frei.
Der grauhaarige Mann wandte den Kopf. „Cuba libre“, antwortete er mürrisch. Sein gelangweilter Gesichtsausdruck hellte sich jedoch schlagartig auf, als er die Frau vor sich musterte. Ihm gefiel ganz offensichtlich, was er sah. Unwillkürlich straffte sich seine zuvor schlaffe Haltung. Er drehte sich auf dem Hocker zu Harper hin.
„Dann bitte zwei Cuba libres“, sagte Harper zu dem Barkeeper. Wenig später stand das Gewünschte vor ihr. Sie schob dem Gast ein Glas zu und rührte mit dem Strohhalm durch ihren Longdrink.
Die beiden prosteten sich zu. Während Harper an ihrem Drink nur nippte, leerte der Mann sein Glas komplett. Sein eigenes, noch halbvolles Glas, das in seinem Rücken stand, schien er vergessen zu haben. Seine Augen huschten immer wieder über den Körper der Frau.
Harper machte ein Zeichen, und schon stand der nächste Cuba Libre vor dem Gast. „Oh, entschuldigen Sie. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Margaret Levalier“, lächelte sie und schickte einen verführerischen Augenaufschlag hinterher.
„Tony Megano.“
Harper nahm erneut einen kleinen Schluck. Megano schien dies als Aufforderung zu verstehen und leerte sein Glas halb.
„Sie hatten einen anstrengenden Tag?“, fragte Harper und fächelte sich mit einer Hand Luft zu. Ihr Oberkörper vibrierte leicht, und Tony Megano konnte seinen Blick nur schwer von dem Dekolleté lösen.
„Sie sagen es. Nur Stress mit den - Angestellten im Werk.“ Er hatte seine Stimme etwas erhoben. Der Alkohol begann, ihm zuzusetzen.
„Sie sind Fabrikant?“, fragte Harper und tat begeistert. Dann seufzte sie theatralisch. „Finden Sie es nicht auch so unerträglich heiß hier?“ Sie stellte das Glas ab und öffnete einen weiteren Knopf der Bluse. Den Kragen zog sie noch ein wenig weiter auseinander. Harper tat, als bemerkte sie nicht, wie Megano schier die Augen aus dem Kopf zu fallen drohten, als das Dekolleté sich öffnete und viel Haut preisgab. Krampfhaft hielt er sein Glas mit einer Hand fest, während er es hastig austrank. Harper bestellte ungefragt erneut.
„Äh, nein“, stotterte der nun immer betrunkener werdende Mann. „Ich bin im Eisenbahngewerbe.“
Harper lächelte freundlich und legte Megano die Hand auf den Unterarm. Die andere Hand des Mannes krallte sich am Tresen fest. „Das klingt furchtbar spannend, Tony. Ich darf Sie doch Tony nennen, nicht wahr?“
Megano nickte nur.
Harper seufzte erneut. „Mein eigenes Leben ist so dröge. Sie glauben gar nicht, wie wenig man erlebt, wenn man immer nur auf den Ehemann wartet. Tagein, tagaus. Ich bin zu jung, um in der Stube zu versauern. - Aber...“ Nach einer Sekunde absichtlicher Pause beugte sie sich zu Tony Megano und hauchte ihm zu: „Sie scheinen mir ein Mann zu sein, der ein Abenteuer bestehen kann, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Wieder prostete sie ihm zu, und der Mann kippte den vierten Cuba libre hinunter. Sein Gesicht hatte sich schon stark gerötet.
Harper rutschte vom Barhocker und trat einen Schritt zurück. Auffordernd streckte sie die Hand aus, und auch Megano stand auf. Er schwankte stark. Harper bezahlte und hakte sich bei ihm unter. Dann verließen die beiden die Kneipe, gingen ein paar Schritte durch die frische Nachtluft und stiegen im Fond in Charlottes Wagen ein.
„Wer ist das?“, lallte Megano und deutete mit einer zitternden Hand zum Fahrersitz.
„Eine gute Freundin. Sie fährt uns.“ Harper nickte Charlotte zu, die daraufhin den Motor startete und sich in den schwachen Verkehr einfädelte. Harper öffnete die Whiskey-Flasche, die auf dem Boden unter dem Beifahrersitz gelegen hatte und gab sie Tony. Fast schon gehorsam trank der Mann einen großen Schluck nach dem anderen. Immer wieder versuchten seine Hände, Harpers Körper zu berühren, aber die Frau schob die Finger mit einem glockenhellen Lachen weg. Mit einschmeichelnder Stimme flüsterte sie: „Dafür ist nachher noch sehr viel Zeit.“
In der Kennedy Street angekommen, mussten Charlotte und Harper den Betrunkenen stützen. Charlotte hielt ihm den Mund zu, als er anfangen wollte zu singen. Als sie endlich das Haus betreten hatten, brachten sie Megano in ein total überheiztes Zimmer, in dem nur ein schmales Bett mit Holzrahmen stand. Nicht nur Charlotte brach sofort der Schweiß aus. Immer wieder gab Harper Meganos Hand, welche die Whiskey-Flasche hielt, einen leichten Schubs. Der Mann trank weiter, aber seine Schlucke wurden immer kleiner. Megano setzte sich auf den Rand des Betts und schaute Harper an. Für einen Moment stand Gier in seinem Gesicht, dann aber legte er sich zur Seite und fiel sofort in tiefen Schlaf. Vielleicht war es auch eine leichte Ohnmacht.
„Die K.O.-Tropfen brauchen wir jetzt nicht mehr“, meinte Charlotte, durchsuchte die Jacke des Mannes und fand seinen Dienstausweis als Angestellter der Pacific Railway. Megano war, wie Harper der Gang erklärt hatte, Lokführer. Charlotte steckte die Identitätskarte ein, schloss den Raum von außen ab und legte den Schlüssel auf die Kommode im Flur. Im Wohnzimmer traf sie auf die anderen.
Harper hatte sich unterdessen umgezogen und saß in Hose und Pullover vor dem Tisch. „Hast du ihn?“
Charlotte gab ihr den Ausweis.
„Gut. - Ben, verändere ihn mit Charlottes Tarnidentität. In fünf Stunden musst du zurück sein.“
„Geht klar.“ Ben nahm den Dienstausweis des Eisenbahnangestellten und verließ das Haus.
„Joe“, sprach Harper einen dicklichen Mann an, der, seit Charlotte am Vortag das Ganovenquartier das erste Mal betreten hatte, noch kein Wort gesagt hatte. „Morgen, 7:45 a.m. rufst du in der Leitzentrale an und meldest Tony Megano krank. Ihn hat die Grippe erwischt.“ Sie gab dem Mann ein Tonbandgerät. „Hier ein paar Sätze, die er im Lokal gesagt hat. Zu Beginn war er noch halbwegs nüchtern.“
Joe, der früher als Stimmenimitator im Varieté gearbeitet hatte, bestätigte und verschwand mit dem Bandgerät in einem der Zimmer im Obergeschoss, um zu üben.
„Jack“, fuhr Harper mit der Aufgabenverteilung fort. „Du und Michael, ihr besucht heute Nacht den Verwaltungssitz der Pacific Railway. Setzt Edda Malone“, sie blickte Charlotte an, „auf die Ersatzliste der Lokführer und vermerkt, dass sie besonders viel Erfahrung mit der F-Unit hat. Platziert ihre fingierte Personalakte, denn schließlich“, sie lachte laut, „arbeitet Edda-Charlotte schon seit vier Monaten dort.“
Harper stand auf, ging zu einer Kiste und holte ein Bündel Papiere hervor, das sie Charlotte reichte. „Technische Daten zur Lok und dem Güterzug. Mache dich damit vertraut. Morgen steigt der Coup.“
***
Charlotte erhöhte die Leistung des Dieselmotors der Lok ein wenig. Sie hatte bereits sieben Minuten Vorsprung vor dem von der Leitstelle ausgegebenen Plan, aber das reichte für Harpers Zwecke noch nicht aus. Ein paar Minuten Puffer musste sie noch herausfahren.
Als sie am Morgen nach einem Anruf der Pacific Railway ihren Dienst im Betriebshof angetreten hatte, hatte niemand irgendwelche Fragen gestellt. Ihr Name stand im Personalregister, und sie war verfügbar. Also wurde sie eingesetzt. Niemand überprüfte die Angaben oder wunderte sich, dass man die Kollegin zuvor noch nie gesehen hatte. Dafür war die Company an ihrem Hauptsitz in Edmonton schlicht zu groß, und Personalrochaden mit den anderen Standorten waren an der Tagesordnung. So hatte Charlotte ihre kleine Geschichte über einen spontanen Umzug aus persönlichen Gründen gar nicht zum Besten geben müssen.
Seit etwa drei Stunden fuhr sie nun die EMD. Der Crash-Kurs, den sie unter der Leitung eines ehemaligen Polizisten durchlaufen hatte, hatte sich in der Praxis bewährt. Solange es keine Zwischenfälle mechanischer oder elektrischer Art gab, würde sie den Zielpunkt erreichen. Charlotte kontrollierte den Kraftstoffverbrauch, der aufgrund der Geschwindigkeit höher als vorherberechnet ausfiel. Aber noch lag dieser im Rahmen. Niemandem im Werk würde es am Abend negativ auffallen.
Das Gleis schnitt schnurgerade zwischen landwirtschaftlichen Nutzflächen mit blühendem Mais und erntereifem Weizen hindurch. In der Ferne näherte sich ein Personenzug. Er bremste ein wenig, bretterte dennoch in rasender Fahrt an Charlottes Güterzug vorbei. Charlotte hob, wie es Brauch war, die Hand zum Gruß, als die andere Lok sie passierte. Am Gleisrand rauschten die Streckenmarkierungen und -telefone vorbei.
Charlotte überprüfte erneut auf dem Papierplan, wo genau sie sich nun befand. Sie musste nun verstärkte Aufmerksamkeit walten lassen, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis der Coup in die heiße Phase eintrat.
Etwa zehn Minuten später sah Charlotte das Aufblitzen eines roten Lichts weit voraus. Zweimal kurz, dreimal lang, das vereinbarte Zeichen. Charlotte fuhr die Leistung auf Null und bremste. Es quietschte laut. Die immer noch leichte Aufwärtssteigung zehrte die Restfahrt der elf Waggons zusätzlich auf.
Wieder blitzte die Lampe im gleichen Rhythmus auf. Charlotte sah die erwartete Gestalt in der dunkelbeigefarbenen Kleidung, die sich kaum vom Gleisbett abhob. Der Hut machte es zwar unmöglich zu erkennen, wer das Signal gab, aber, sofern Harper den Plan nicht geändert hatte, musste es sich um Jack handeln.
Die Lok rollte an der Gestalt vorbei und wurde immer langsamer. Schließlich kam der Güterzug zum Stillstand. Charlotte blickte auf die Uhr. Zwölf Minuten Vorsprung hatte sie herausgefahren. Das war kaum mehr als die Untergrenze an Zeit, welche der Plan erforderte. Es würde knapp werden.
Sie schob das schmale Fenster an der rechten Seite der Lok auf, streckte den Kopf hinaus und blickte nach hinten. Die Gestalt - es war wirklich Jack, wie Charlotte nun erkannte - rannte zum ersten Güterwaggon, der direkt an die Lok angekoppelt war. Hinter dem Mann fuhr ein Motorrad mit Beiwagen, das neben Jack anhielt. Harper Maguire sprang von der Maschine und hob das Paket, das etwa so groß wie drei aufeinandergestapelte Schuhkartons war, aus dem Beiwagen. Jack kletterte an der Leiter des Waggons hinauf auf das Dach des Tankwagens und war damit aus Charlottes Blickfeld verschwunden. Harper stemmte mühsam den Karton, auf dessen Seite das Logo eines Frühstücksflockenherstellers prangte, über ihren Kopf. Es wurde ihr abgenommen, und Harper kletterte ebenfalls hinauf.
Was zum Henker tun die da oben?, fragte sich Charlotte.
Harper hatte ihr nur gesagt, dass sie den Job von Tony Megano übernehmen würde, der eigentlich für diesen Güterzug eingeteilt war. Sie musste an einer bestimmten Stelle nach einem Signal anhalten. Das Warum hatte die Gangchefin aber offengelassen.
Need to know - and obviously I do not need to know.
Drei Minuten später kam Harper wieder herunter und rief: „Charlotte, komm hoch!“
Charlotte öffnete die Seitentür der Lok und sprang auf die Gleise. Harper kletterte geschwind wieder auf das Dach des Waggons, und Charlotte folgte ihr. Jack kniete vor einer verschlossenen, runden Luke, die einen Durchmesser von anderthalb Fuß hatte, und mühte sich ab, das Öffnungsrad zu drehen. Doch selbst, als Harper und Charlotte halfen, klappte es nicht.
„Wir brauchen einen Hebel. Suche nach einem geeigneten Werkzeug!“, sagte Harper.
Charlotte rutschte an der Leiter hinunter und stieg wieder ins Führerhaus. Aus dem Schrank mit den Werkzeugen nahm sie einen sehr langen Schraubenschlüssel und rannte zurück auf das Waggondach.
Sie klemmte das armlange Werkzeug zwischen zwei Speichen des Drehrades, drückte es auf die Decke des Tankwaggons und hebelte. Erst knirschte es nur, dann aber hatte sie Erfolg, und der Öffnungsmechanismus bewegte sich. Sofort griffen Harper und Jack zu und drehten das Rad weiter. Schließlich schwang der Lukendeckel auf. Harper öffnete das Paket und holte ein durchsichtiges Plastiksäckchen heraus, das ein grobkörniges, dunkelgraues Pulver enthielt. In kleinen Portionen kippte sie es langsam in die Öffnung. Irgendetwas zischte, und Charlotte zog unwillkürlich den Kopf zurück. Aber die erwartete Wolke aus Gasen nach einer chemischen Reaktion waberte nicht heraus.
Nach und nach schüttete Harper zwei weitere Beutel in den Tankwaggon. Immer wieder blickte sie auf die Uhr. Sie schaute skeptisch.
„Fahr los, aber langsam!“, befahl sie Charlotte. „Sonst verlierst du noch mehr Zeit. Jack und ich springen dann ab, wenn wir hier fertig sind. Verletzungen müssen wir in Kauf nehmen. Versuche, wenn wir unten sind, die Zeit, so gut wie möglich, wieder aufzuholen. Wenn es gar nicht anders geht, nutze die vorbereitete Ausrede.“
„Geht klar“, erwiderte Charlotte, kletterte vom Waggon und in die Lok zurück. Sie fuhr los. Langsam erhöhte sie die Kraftstoffzufuhr, doch es dauerte gefühlt ewig, bis der schwere Güterzug mehr als Schritttempo erreichte. Charlottes Augen huschten über die Kontrollanzeigen. Alles war normal. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sieben Minuten Verspätung hatte.
Immer wieder streckte sie vorsichtig den Kopf aus dem Fenster und blickte in Richtung Zugende. Beim dritten Mal sah sie zwei Gestalten, die neben den Gleisen liefen. Oder humpelte eine? Harper und Jack würden nun die Strecke zurück zum Motorrad laufen und verschwinden.
Das war ihr Zeichen, und Charlotte erhöhte sofort das Tempo, bis sie etwa fünf Prozent über der im Reiseplan stehenden Maximalgeschwindigkeit fuhr. Nach der nächsten Kurve ging es leicht bergab. Charlotte trennte für fünfzehn Sekunden Motor und Getriebe und drosselte die Leerlaufdrehzahl, um Treibstoff zu sparen. Mit dem Ärmel der blauen Dienstuniform wischte sie sich über die schweißnasse Stirn. Was sie hier tat, war in keinem Crashkurs vorgekommen. Aber Harper hatte jedem Mitglied der Gang eingebleut, dass sie an einen Zeitplan gebunden wären. Oberstes Gebot war, nicht aufzufallen.
Als Charlotte die nächste Kurve passiert hatte und ein zwei Kilometer langes gerades und flaches Stück vor ihr lag, nahm sie die Frachtliste zur Hand und studierte die Daten zum ersten Waggon.
„Farbengrundstoff COL-Mx67“, murmelte sie. „Bestimmt für eine Firma namens ‚Bow River Mill Ltd.‘ in Calgary. Klar, erster Waggon, also Endstation. - Aber, hm, beides sagt mir nichts.“
Im nächsten Durchgangsbahnhof stoppte Charlotte mit fünf Minuten Verspätung. Es half nichts, sie musste einen fingierten Störfall ins Fahrtbuch eintragen und so ein technisches Versagen der Lok vortäuschen. So notierte sie: ‚Intermittierend aussetzende Beschleunigung im Anstiegsgelände. Kein System im Auftreten der Störung erkennbar.‘
Wieder blickte sie aus dem Fenster. Zwei Arbeiter rannten zu dem dritten Waggon und lösten dessen Verbindung zu den dahinterliegenden Güterwaggons. Kurze Zeit später spürte Charlotte einen leichten Ruck. Eine Rangierlok hatte sich am Heck angekoppelt. Langsam entfernten sich die acht Waggons.
Dann erhielt Charlotte das Fahrtzeichen vom Bahnsteig. Mit nur drei angehängten Waggons fuhr sich der Zug deutlich leichter. Charlotte erhöhte das Tempo weiter, kam mit nur noch drei Minuten Verspätung am nächsten Bahnhof an, wo die beiden Kohlewaggons abgekoppelt wurden.
Mit nur noch dem Tankwaggon erreichte sich schließlich fast pünktlich das Ziel in Calgary. Die Schranke schwang nach oben, und Charlotte fuhr langsam auf das Fabrikgelände der Mill Ltd. Am avisierten Haltepunkt vor dem Bereich der Weichen stoppte sie. Ein Mann im blauen Overall lief auf die Lok zu.
„Heute zum Werk D, Papierherstellung. Die Weichen sind gleich geschaltet. Nur noch einen Moment Geduld.“
Charlotte musste noch drei Minuten warten, dann erhielt sie die Fahrtfreigabe. Gemächlich rollte die Diesellokomotive durch die drei aufeinanderfolgenden Weichen. Der kleine Zug ruckelte, wann immer er das Gleis wechselte.
Schließlich stoppte Charlotte neben einer Zapfanlage, nur wenige Meter vor dem Prallbock am Ende des Gleises. Ein oberschenkeldicker Schlauch mit Metallkopf und -haltegriffen baumelte von einem Kran herab. Zwei Männer in gelben, glänzenden Anzügen zogen den Schlauch heran und schraubten ihn am Heck des Waggons an.
Als der Farbgrundstoff abgepumpt worden war, fuhr Charlotte rückwärts. Sie hielt den Kopf aus dem Seitenfenster und steuerte nach den Lichtsignalen des Lotsen. Weichen wurden präzise aufeinander abgestimmt umgestellt, und schließlich hatte Charlotte den Hauptring erreicht, der einmal um das Fabrikgelände führte.
Ihr Auftrag war erledigt, der Tankwagen wurde abgekoppelt, und Charlotte fuhr die Lok ins örtliche Depot der Pacific Railway.
„Schaut euch mal den Motor an“, sagte sie zu dem Techniker, dem sie die Lok übergab. „Irgendwas stimmt nicht mit der Beschleunigung.“
Der Mann mit dem ölverschmierten Mechanikerkittel machte ein gequältes Gesicht, als er das Fahrtbuch entgegennahm. Charlotte vermutete, dass er schon Überstunden auf sich zukommen sah.
Sie ging mit ihrer kleinen Reisetasche zu den Personalräumen, duschte und zog sich um. In dem hellblauen Kleid und mit ein wenig Make-up sah sie Edda Malone, der nichtexistenten Zugführerin, überhaupt nicht mehr ähnlich. Morgen würde diese den laut Personalabteilung genehmigten dreiwöchigen Urlaub antreten und während dieser Zeit kündigen. Edda Malone würde spurlos verschwinden. Aber niemand würde dies in irgendeiner Weise verdächtig finden. Tony Megano würde irgendwann in seiner Wohnung mit einem unglaublich starken Kater aufwachen, einen Filmriss haben und vielleicht an eine heiße Nacht mit einer Unbekannten glauben. Er würde am Folgetag seinen Dienst wieder aufnehmen, und niemand würde den heutigen Tag in irgendeiner Weise verdächtig finden.
Manches hatte Harper ihr erzählt, manches hatte Charlotte sich zusammengereimt. Aber die Hauptinformation, die Information über die Natur der Katastrophe, fehlte immer noch.
Dann verließ Charlotte das Gelände des Betriebshofes und nahm den nächsten Bus in die Innenstadt.
(Fortsetzung folgt)
Teil 1