Der schlechteste König von allen

Rene Bote

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Es war einmal ein König, von dem die Leute sagten, er müsste der schlechteste König seit Menschengedenken sein. Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, denn niemand wollte in den Kerker geworfen werden. Der König war immer schlecht gelaunt, kaum vorstellbar, dass er bei Widerworten Gnade walten lassen würde.
Was der König anfasste, ging schief. Er traf die falschen Entscheidungen, kümmerte sich zu früh oder zu spät oder nahm sich der unwichtigen Dinge an und stellte die wichtigen dafür zurück.
In einem Sommer ritt der König mit seinem Gefolge in die Berge, um den Bau einer neuen Brücke in Angriff nehmen zu lassen. Er wollte die Leute anweisen, wo die Brücke stehen und wie sie gebaut werden sollte. Schon im Herbst würde sie fertig sein, sodass niemand mehr den weiten Umweg zu machen brauchte, der jetzt nötig war, um den Bach zu überqueren. Durchreiten konnte man den Bach nur bei günstigen Umständen, meistens war die Strömung zu stark.
Am Ufer hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Neben den Handwerkern, die die Brücke bauen sollten, waren viele Menschen aus den nächsten Dörfern gekommen, um zu hören und zu sehen, wie die neue Brücke aussehen sollte. Die Ersten raunten sich schon zu, dass der Bau schon jetzt zum Scheitern verurteilt war, und stellten leise Mutmaßungen an, welche Unzulänglichkeiten der Plan des Königs haben würde.
Sie wurden nicht enttäuscht, tatsächlich konnte so, wie der König sich das dachte, keine stabile Brücke entstehen. In den hinteren Reihen wisperten die Leute einander zu, was passieren würde, wenn die Brücke tatsächlich so gebaut wurde, die in den vorderen Reihen, die befürchten mussten, dass der König es mitbekommen würde, schwiegen.
Unvermittelt drängte sich ein kleiner Junge nach vorn. Er schlüpfte zwischen den Beinen der Erwachsenen durch, niemand hielt ihn zurück. Sie dachten, er wollte einfach besser sehen können, vielleicht war es das erste Mal im Leben, dass er dem König begegnete.
Doch der Junge ging weiter, völlig unbefangen näherte er sich dem König. „Der Vater sagt, es ist schlecht, wenn du die Brücke da baust“, verkündete er mit lauter und klarer Stimme.
Den Umstehenden stockte der Atem, das Gemurmel im Hintergrund verstummte mit einem Schlag. Jeder war überzeugt, dass sie nur noch einen Wimpernschlag von einer Katastrophe entfernt waren.
Auch der König war für einen Moment wie erstarrt. Dass ihm jemand widersprach, erlebte er zum ersten Mal. Doch zur Überraschung der Menschen blieb der erwartete Wutausbruch aus. Der König überlegte kurz und rief dann laut: „Der Vater des Jungen möge vortreten!“
Mit zitternden Knien setzte sich ein junger Mann in Bewegung, ein einfacher Handwerker, der aber die Gegend genau kannte. Er befürchtete das Schlimmste und glaubte, dass er schon froh sein musste, wenn der König ihm nicht an Ort und Stelle den Kopf abschlagen ließ.
Doch der König blieb erstaunlich freundlich. „Warum glaubst du, dass die Brücke hier nicht stehen sollte?“, fragte er. „An anderen Stellen wäre sie viel schwerer zu bauen.“ „Das stimmt“, räumte der Handwerker ein. „Aber denkt an die Schneeschmelze! Wenn es viel geschneit hat, reißt das Wasser alles mit. Es würde auch die Brücke mitnehmen.“
Der König verstand und nickte. „Wo würdest du sie bauen?“, fragte er. Und plötzlich verstanden auch die Leute: Der König war nicht böse und rechthaberisch. Er hatte nur nie gelernt, dass er nicht alles allein entscheiden musste, dass er sich Rat holen durfte. So entstand eine stabile Brücke, die für viele Jahre den Übergang sicherte, und aus dem schlechten König wurde der beste, den das Volk sich wünschen konnte.
 



 
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