Der Weg eines Transgirls zur Schamanin (Ausschnitt)

Hera Klit

Mitglied
Harras, der schwarze Wolfsspitz, zerrte gar nicht an seiner Kette, wie sonst üblich, als ich in der Dämmerung des darauffolgenden, beginnenden Tages auf dem Anwesen von Heinrich, meinem Meister, ankam.

Harras ließ sogar ein leises Wimmern vernehmen, blieb dabei aber vor seiner Hütte liegen, ohne Anstalten zu machen, mich wie sonst üblich, stürmisch zu begrüßen.

Obwohl ich schnell ins Haus hatte gehen wollen, um Heinrich nicht durch ein Zuspätkommen meinerseits zu verärgern, wo ich doch vermuten musste, dass er ohnehin schon verärgert war, weil ich mich gestern mit Beate im Hotel getroffen hatte, ließ ich mich von Harras ablenken und ging zu ihm hinüber.

Ein ältlicher Bediensteter gab gerade etwas Futter in den Napf des Hundes, der aber lustlos den Kopf zur Seite drehte.

Jetzt bemerkte ich um Harras' Hals ein viel breiteres, derbes Lederhalsband, als er es sonst trug.

Auch seine Kette kam mir jetzt neu und doppelt so stark wie die alte vor.

Meinen fragenden Blick, den ich dem schmächtigen, gebrechlich wirkenden Bediensteten zuwarf, veranlasste diesen sofort, mir zu berichten, dass Harras sich letzte Nacht von seiner Kette losgerissen habe, um eine läufige Hündin auf einem benachbarten, aber dennoch weit entfernten Aussiedlerhof hinter dem Wald aufzusuchen, deren aufforderndes Bellen bis zu den Ohren des Unglücklichen herüber durch die Nacht gedrungen sei.

Leider sei ausgerechnet in dieser Nacht die beste Legehenne von einem diebischen Fuchs geholt worden. Nicht ohne Grund sei ja Harras genau hier an dieser Stelle angekettet, direkt vor dem Eingang des Hühnerhauses.

Seine Aufgabe wäre es ja schließlich, die Hühner zu schützen und nicht in der Gegend herumzustreunen und Hündinnen zu beglücken.

Nachdem der Bauer des anderen Hofes Harras zurückgebracht habe, wurden seine Kette und sein Halsband von Rufus ersetzt, durch neue, wesentlich stärkere, die ein Ausreißen künftig sicher unmöglich machen würden.

Man denke sogar über Kastration nach. Rufus träfe bereits Vorbereitungen.

Ich war wie vom Donner gerührt und wollte mich gerade aufschwingen, gegen das geplante Vorgehen Einspruch zu erheben, denn die Unversehrtheit von Harras lag mir am Herzen. War denn nicht sein Schicksal, hier an der Kette zu hängen, tagein, tagaus, schon schwer genug?

Doch da vernahm ich die Stimme von Heinrich, der aus dem Wohnzimmerfenster mit rauschendem Bart herausschaute und rief:

„Ja, kommst du jetzt bald rein oder soll ich dich persönlich drüben abholen?“

„Freilich komme ich auf der Stelle, Onkel Heinrich, entschuldige bitte, dass ich mich habe aufhalten lassen“, entgegnete ich mit einer Stimme, die ebenso feminin wie unterwürfig klang.

„Komm gleich mal ins Wohnzimmer, ich muss mit dir reden, umziehen kannst du dich danach“, ordnete Heinrich nun an.

Natürlich war ich, ohne auch nur an Harras noch einmal zu denken, schleunigst drinnen im Haus und fand mich wie geheißen in Heinrichs Wohnzimmer ein, das ihm gleichzeitig als Wohnzimmer, Büro und Studierzimmer diente.

Ich nahm Platz auf dem winzigen Hockerchen vor Heinrichs Schreibtisch und erwartete nichts weniger als ein Donnerwetter. Kaum wagte ich zu Heinrich, der hoch und erhaben hinter seinem Schreibtisch thronte, hinaufzuschauen.

Weil es still blieb und Heinrich recht lange schwieg, blinzelte ich dann doch scheu zu ihm hinauf.

Heinrich schaute über mich hinweg an die Decke. Sein Mund war mürrisch verzogen.
Mal schaute Heinrich nach links oben, dann drehte er seinen schweren Kopf nach rechts und schaute dort an die Decke, als gäbe es da sonst was zu sehen. Niemals traf mich einer seiner Blicke. Heinrichs Atem ging dabei schwer, was mir verriet, dass er noch an dem Urteil, das er über mich zu sprechen gedachte, feilte.

Ich dachte mir, wenn er nicht gleich herauspoltert, was mein Vergehen war und was eine angemessene Strafe dafür sein müsse, dann kann es sicher nicht so schlimm werden, worauf meine innere Anspannung minimal nachließ, was ich nach außen sogleich dadurch unbewusst kundtat, dass ich eine etwas entspanntere Sitzposition einnahm.

Heinrich, der in jeder menschlichen Regung lesen konnte wie in einem aufgeschlagenen Buch, quittierte mir diese Nachlässigkeit durch einen plötzlichen und unerwarteten Blick in meine Augen, der mich ob seiner Strenge im Mark meiner Persönlichkeit traf.

Jetzt nahm ich das Schlimmste an und musste an Harras denken und wie es dem jetzt wohl erging.

Dann begann Heinrich zu sprechen, aber mit einer derart leisen, fast flüsternden Stimme, dass ich meine Ohren gehörig spitzen musste, um seine Worte überhaupt zu verstehen.

"Du hast dich mit diesem Weib getroffen, hinter meinem Rücken. Das ist unverzeihlich und es erfordert Maßnahmen, die unter die härtesten zu rechnen sein werden, die ich bisher über dich verhängen musste.

Allerdings hast du bei ihr kläglich versagt; das zeigt, wir sind auf dem richtigen Weg.

Eigentlich müsste ich dich vom Hof jagen und mir einen geeigneteren Kandidaten suchen, der es verdient, zur Transgender-Schamanin ausgebildet zu werden, aber in Anbetracht der kurzen Zeit, die nur noch bleibt, bis unser Großer Meister hier auf meinem Hof erscheinen wird, um die Zeremonien des diesjährigen Sonnenwendfestes höchstpersönlich abzuhalten, sehe ich mich gezwungen, dich als Anwärterin zu behalten.

Allerdings werde ich deine Ausbildung straffer betreiben müssen und deine Fortschritte durch gezielte Maßnahmen und Eingriffe in deine Persönlichkeit beschleunigen müssen, sonst ... werden wir den Großen Meister enttäuschen, und was das für uns alle bedeuten würde, das, meine Liebe, kannst du jetzt noch gar nicht begreifen."

Daraufhin schaute mich Heinrich fest und forschend lange an. Womöglich, weil in meinem Blick echte Angst unübersehbar vorhanden war, sprach er dann mit normaler Stimme weiter, als sei nichts geschehen, was seinen Zorn hätte erregen müssen.


"Darf ich dir Alexander vorstellen?", fragte er mich plötzlich, dabei aufstehend und mit einer raumgreifenden Handbewegung auf eine weitere Person im hinteren Bereich des Raumes aufmerksam machend, deren Anwesenheit mir bisher verborgen geblieben war.

Sogleich eilte ein dienstfertig, freundlich wirkender, schmächtiger Mann in mein Blickfeld und reichte mir die Hand.

"Ich bin der Alexander, aber Freunde nennen mich Alex", sagte er dabei, wobei er seine Unterlippe beim Sprechen weit herunterzog, um auch die untere wohlgeformte blütenweiße Zahnreihe zu zeigen, wie es in aller Regel nur affektierte Tunten zu tun pflegen.

Ich erfuhr, dass dieser Alex ein erfahrener Kostümbildner, Friseur, Visagist und wer weiß was noch alles sei, der viele Jahre in Berlin das Ensemble einer Travestietruppe verschönerte und verweiblichte, bis er dem allem abschwor und zum Schamanismus und einer tiefen Innerlichkeit fand.

Nun sei er Mitglied der Bruderschaft zur Sonne, aber im Auftrag von Heinrich noch einmal bereit, sein gesamtes Wissen und Trachten für meine Feminisierung zur Verfügung zu stellen. Heinrich habe ihn darum gebeten, weil keine weiteren Zeitverschwendungen in meiner Ausbildung zur Transgender-Schamanin mehr geduldet werden könnten.

Obwohl ich mich bisher immer selbst gestylt hatte und mir auf meine Geschicklichkeit dabei einiges einbildete, stimmte ich mit einem strahlenden Gesicht zu, das zeigen sollte, dass ich mein Glück kaum fassen könne, endlich einen Profi an meiner Seite und zu meiner Unterstützung zu haben.

Darauf ordnete Heinrich mit nun recht zufrieden klingender, aber dennoch keinen Widerspruch duldender Stimme an:

"So Herzchen, du fährst jetzt heim und erklärst deinen Eltern, dass du künftig nicht mehr zu Hause sein wirst, für längere Zeit. Wie du es machst, ist mir egal, und dann packst du deinen Koffer, kommst hierher und ziehst in die Dachkammer oben ein. Dann wird dich Alex so richtig stylen und zurechtmachen, und so erscheinst du wieder hier unten bei mir, denn ich habe vor, dich auf deine erste Geistreise zu schicken."

Mir war klar, dass jeglicher Widerspruch meinerseits als absolutes Sakrileg gewertet werden würde, deswegen stimmte ich unumwunden zu.

Nun hielt mir Heinrich noch ein Porträtfoto vor mein Gesicht, das den Großen Meister zeigte.

Ich sah das Gesicht eines reifen Mannes, von dem ich nicht hätte sagen können, ob es schön oder hässlich war. Ich konnte auch nicht mit Sicherheit sagen, ob die Augen des Mannes gütig, listig oder verschlagen schauten. Zeigte sein Mund ein wissendes Lächeln oder ein verschlagenes oder gar ein drohendes?

Noch nie hatte mich das Antlitz eines Mannes mit so vielen Fragen zurückgelassen, aber meine Angst, einem solchen Mann gefallen zu müssen, ohne überhaupt zu ahnen, wie ich hätte sein müssen, um bei ihm Gefallen hervorzurufen, wuchs, je länger ich auf das Bild schaute.

"Ich denke nun, du weißt, was auf dem Spiel steht. Geh jetzt und erledige alles so, wie ich es wünsche, dann wird bestimmt alles gut.", waren die letzten Worte Heinrichs, bevor ich mich auf den Heimweg begab, mit einem recht mulmigen Gefühl in der Magengrube.

Als ich zu Hause ankam, war ich so weit gefestigt und auch überzeugt, keinen anderen Ausweg mehr zu haben, als den Wünschen Heinrichs vollumfänglich zu entsprechen, sodass ich meinen Eltern kühn entgegentreten konnte und rundweg behauptete, ich zöge mit Beate in eine Wohnung in der Stadt, sie müssten sich keine Sorgen machen, ich wisse schon, was ich täte.

Wie nicht anders zu erwarten, waren meine Eltern total begeistert, dass ich endlich eine Frau mein Eigen nennen konnte und ihre Furcht, mit mir könne etwas nicht stimmen, sich also somit als unbegründet herausstellte.

Sie machten nicht den geringsten Versuch, mich von meinem Plan abzuhalten, ganz im Gegenteil, sie forderten mich direkt auf, Beate nur ja nicht warten zu lassen, und Vater trug mir sogar meinen Koffer, in den ich schleunigst ein paar meiner Sachen gestopft hatte, hinaus und schnallte ihn auf den Gepäckträger meines Rades.

So kam es, dass ich viel schneller auf Heinrichs Anwesen zurück war, als erwartet, und in die Dachkammer einzog.

Es stellte sich heraus, dass Alex im Zimmer nebenan einquartiert war und schon sehnsüchtig darauf wartete, endlich seine ganzen Stylingkünste an mir zur Anwendung bringen zu können. Also ließ ich ihn freilich nicht warten, ich war doch selbst gespannt, was Alex aus mir herauszuholen in der Lage war. Und ich muss sagen, als ich dann in voller Montur vor den Ganzkörperspiegel trat, war ich selbst von mir total überwältigt.

Mein Gesicht war durch die erlesenen Schminkkünste von Alex zu der femininsten und aufregendsten Version seiner selbst geworden, die ich je gesehen hatte. Jetzt endlich mit langen künstlichen Wimpern ausgestattet, die ich nie selbst hatte anbringen können, und mit raffiniert Akzente setzenden Farbschattierungen versehen, die es von einem femininen Gesicht zu einem endgültig weiblichen machten. Aber nicht wie das von einer beliebigen Frau auf der Straße, sondern zu einem verführerischen Gesicht eines weiblichen Stars der Showbühne.

Freilich hatte ich mir von Alex auch lange pinkfarbene Nägel anbringen lassen müssen, die bei meinen, von Natur aus schmal und fraulich wirkenden Händen, sehr elegant und aufreizend wirkten. Alex erklärte mir, dass ich ja keine Bäuerin zu verkörpern hätte, sondern eine Frau von Welt, die die Blicke der Männer auf sich zieht.

Dabei musste ich an Rufus denken und an das, was mir eventuell blühen könnte, wenn er mich in dieser sexy Aufmachung zu fassen bekäme, ohne dass Heinrich in der Nähe wäre.

Natürlich waren die von Alex ausgesuchten High Heels noch höher als die, die ich gewöhnlich trug, und mein Röckchen noch kürzer, dass schon der Slip herausblitzte.

Alex verriet mir Tricks, wie man im Schritt absolut weiblich wirken kann, auch wenn der Wind das Röckchen einmal vorne hochweht, und wie man den Busen mit geeigneten Mitteln zu seinem Vorteil noch üppiger und den Männern ins Auge springend formen kann.

Alex warf seine ganze jahrzehntelange Erfahrung im Styling von Travestie-Showgrößen in die Waagschale.

Eigentlich wollte ich in dem Moment zurückrudern und ausrufen, dass ich auf keinen Fall so zurechtgemacht unter all den Männern herumlaufen würde, die Enthaltsamkeit gelobt hatten, denn außer mir gab es ja auf dem Hof keine Frauen.

Doch dann stellte ich mir vor, einem Herrn im Seminarraum während der Pausen ein Glas hinzuhalten, und er würde auf meine Nägel schauen und an seinem verträumten Blick könnte ich erkennen, dass er sich nichts mehr ersehnt, als dass ich ihn damit anfasse und ihm Entspannung verschaffe.

Stets war für mich der Gedanke und das Gefühl, Männer erregen zu können durch eine weibliche Anmutung, mit das Erregendste, was ich zu denken und zu fühlen in der Lage war.

In dem Moment wurde mir klar, dass ich diese hypnotische Kraft, die hübsche Frauen auf Männer ausüben, unbedingt besitzen will, also sagte ich zu Alex, mit einer Stimme, die mehr als verrucht klang:

"Nun gut, wenn du es für richtig hältst, dass ich so auftrete, und auch Heinrich es verlangt, dann muss ich mich wohl fügen."

Alex war zufrieden und schickte mich hinunter zu Heinrich, der mich schon erwartete.

"Donnerwetter!", sagte Heinrich, als er mich erblickte, und pfiff durch die Zähne.

"Der Alex hat dich zu dem gemacht, was du sein sollst. Wenn du so den Meister nicht von deinen Qualitäten als Transgender-Schamanin überzeugen kannst, dann weiß ich auch nicht mehr weiter."

In dem Moment röhrte draußen ein Hirsch vom Rand des naheliegenden Waldes herüber, in einer Lautstärke, die selbst Heinrich herumfahren ließ.

Darauf schloss er vorsorglich das zuvor sperrangelweit aufstehende Fenster,
und schaute einige Zeit in Gedanken versunken, so schien es, in die aufkommende Abenddämmerung hinaus.
Dann wandte er sich wieder mir zu. Als habe er sich entschlossen, entgegen allen Zweifeln, an seinem Plan festzuhalten und mich auf meine erste Geistreise zu schicken.

Ich musste einen ganzen Humpen eines seltsamen Gebräus in einem Zug hinuntertrinken und kaum, dass ich es getan hatte, stand vor mir nicht mehr Heinrich, sondern ein Hirsch, dessen mächtiges Geweih bis zur Decke hinaufreichte und daran schabte.

Ich wandte mich natürlich gleich zur Flucht um und gelangte irgendwie recht schnell auf den Flur hinaus, dessen Wände aber nicht wie sonst wirkten, sondern wie ein von pulsierenden Adern überzogenes, langgestrecktes, schlauchförmiges Gebilde, in dem ich mich nun befand, einen Ausgang suchend.

Plötzlich kamen aus diesen Wänden nackte, haarige Männerarme und -hände hervor, die nach mir griffen und versuchten, meiner habhaft zu werden.

Kaum als ich verzweifelt dachte, wo ist denn die rettende Haustür, stand ich sofort draußen auf dem düsteren Hof, der zunächst unverändert schien, aber dann bemerkte ich, dass bei jedem meiner Schritte das Pflaster nachgab, als sei es aus einer organischen Masse gebildet.

Dennoch kam ich gut voran auf meinen High Heels. Irgendwie zog es mich hinüber zu Harras. Ich wollte sehen, wie es ihm unterdessen ergangen war.

Aber, als ich an seiner Hütte ankam, war da nicht Harras angekettet, sondern ein Mann, den ich sofort als meinen verstorbenen Onkel Herbert erkannte.

Ich rief: "Onkel Herbert, was machst du denn hier und warum bist du angekettet?"

Und dann sagte Onkel Herbert zu meinem Erstaunen: "Ich muss dich um Verzeihung bitten. Damals, als ich dich immer besuchte, wenn Beate bei dir war, kam ich nur, weil ich an Beate interessiert war. Sie war eben so schön und aufregend für mich und hatte so eine tolle Figur."

"Das ist doch nicht schlimm, Onkel Herbert, so was kann doch vorkommen", entgegnete ich, ehrlich überzeugt, dem sich in Hundehaltung am Boden zusammenkauernden Onkel Herbert, nicht böse sein zu können.

"Aber einmal habe ich ihr an den Busen gefasst, als du kurz draußen warst. Das hat sie dir nie erzählt, aber das bedrückt sie bis heute und es macht ihr Verhältnis zu Männern und besonders zu den älteren, bis auf den heutigen Tag schwierig", gestand er mir nun mit krächzendem Tonfall.

Darauf beugte ich mich zu ihm herunter, wobei ich nicht wusste, ob ich ihn schelten wollte oder ob ich ihm verzeihen wollte. Da packte er mir an den Busen.

Obwohl das nur eine kleine Geste war, spürte ich dennoch, dass sich mein gesamtes Wesen in Bruchteilen von Sekunden veränderte. Ich spürte die Gefahr, in der Frauen und namentlich die schöneren ihrer Art permanent schwebten.

Ich habe sofort verstanden, was Frauen fühlen und wie schwer es für sie ist, mit dieser Ambivalenz zu leben, die es ihnen unmöglich macht, ein gefahrloses, unangetastetes Leben zu führen, wobei aber ihre frauliche Natur weiter von ihnen fordert, ganz Frau und verführerisch, und somit angreifbar zu bleiben. Ist eine Frau nicht auch eine Ware, dachte ich jetzt, törichterweise?

Jetzt wollte ich Onkel Herbert, diesem Hund, der vor drei Jahren verstorben war, eine schallende Ohrfeige geben, um Beate zu rächen, aber da lag mir Harras schlafend zu Füßen. Ich streichelte den schlafenden Hund gerührt und sagte: "Ich verzeihe dir."

Plötzlich vernahm ich ein polterndes Geräusch aus dem dahinterliegenden Hühnerhaus.

War das der Fuchs, der zurückgekommen war, um sich die nächste fette Henne zu schnappen, unbemerkt von dem unaufmerksamen, durch seine ihm möglicherweise bevorstehende Kastration total verängstigten Harras?

Ich überwand meine Angst vor dem dunklen Eingang des Hühnerhauses und vor dem womöglich tollwütigen Fuchs und trat hinein, um die Hennen notfalls mit bloßen Händen zu verteidigen.

Nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit angepasst hatten, stellte ich fest, dass auf keiner einzigen Stange ein Huhn saß. Der Stall war leer, bis auf einen schwarz gekleideten Mann, der hinten an der Wand stand und dessen Gesicht ich zunächst gar nicht sehen konnte, bis er ein Streichholz entzündete, sodass ich ihn im aufflackernden Lichtschein erkennen konnte.

Es war der Große Meister selbst, und der schaute mich mit einem Gesichtsausdruck an, der dem auf dem Bild, das mir Heinrich vorhin gezeigt hatte, sehr ähnelte. Auch jetzt hätte ich die Stimmung des Meisters nicht einschätzen können, bis er in einer tiefen Stimme, wie ich sie noch nie von einem Mann gehört hatte, sagte:



"Rufus, du weißt, was du zu tun hast."

Schon packten die unbarmherzigen starken Hände von Rufus von hinten meine schwachen Handgelenke, sodass an ein Entrinnen nicht zu denken war.

Ich dachte nur: Warum hilft mir Heinrich nicht? Und kaum hatte ich es gedacht, saß ich auf dem Hocker vor Heinrichs Schreibtisch und dieser schaute mich von oben herab besorgt an.

"Gut, da bist du ja endlich wieder, ich dachte schon, ich verliere dich.

Hast du den Meister getroffen und was hat er gesagt?"

Da sich mein Hirn wie ein ausgerungener Schwamm anfühlte, konnte ich zunächst nicht antworten und als ich es nach geraumer Zeit doch konnte, wusste ich nicht, ob ich Heinrich sagen sollte, dass ich, nachdem ich das eben erlebt hatte, nicht sicher war, ob der Große Meister es mit mir und sogar der gesamten Bruderschaft zur Sonne gut meint.

"Hast du den Großen Meister getroffen, ja oder nein, und, wenn ja, was hat er gesagt?“, bohrte Heinrich nun nach.

"Ja, das muss er gewesen sein, und er sagte sowas wie: Du weißt, was du zu tun hast." entgegnete ich, die Wahrheit etwas verstümmelnd, weil ich glaubte, eine genaue Auskunft über das, was gesagt worden war, hätte Heinrich in Zweifel gestürzt.

Allein, wenn ich Rufus erwähnt hätte, wäre Heinrich wohl betroffen gewesen und hätte sich gefragt, warum er selbst nicht genannt wurde, sondern ausgerechnet einer seiner, ihm öfter zur Last fallenden Untergebenen.

"Na also, wir sind auf dem richtigen Weg, das ist jetzt klar", sagte Heinrich sichtlich beruhigt.

Ich hatte da eine Verantwortung auf mich geladen, die ich eigentlich unmöglich stemmen konnte, machte mir das aber nicht richtig klar.

 



 
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