Anders Tell
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Lesestunde
Die Buchhändlerin hatte seinen Platz vorbereitet. Auf dem Tischchen stand eine Schale mit Keksen und eine Tasse Cappuccino. Sorgfältig ordnete er seine Utensilien an und legte sein neuestes Buch auf das kleine Pult. Etwa 25 Zuhörer waren der Einladung zur Lesung gefolgt. Darunter waren nur drei Herren. Nach der Begrüßung und seiner Vorstellung durch die Gastgeberin begann er vorzulesen.
Nach den ersten Sätzen schaute er auf und suchte den Blick des Publikums. Vergewisserte sich, ob sie jetzt bei ihm und seiner Geschichte waren. Nach der ersten Passage nahm er einen Schluck Cappuccino und ließ die kurze Pause wirken. Nach zwei weiteren Textteilen beendete er die Lesung und bekam dezenten Applaus.
Die Gesprächsrunde wurde von einer Leserin eingeleitet, die nach dem biographischen Hintergrund der Novelle fragte. Kurt Ringer war durch den Verlag zu diesen Lesungen verpflichtet, aber er kannte die meisten Fragen und hörte sich bei seinen Antworten meist selbst nicht mehr zu. Man könnte den Ich-Erzähler nicht mit dem Autor gleichsetzen und jede Dichtung sei biographisch, nur eben nicht immer eine Schilderung aus dem Leben des Schriftstellers.
Mit dieser allgemeinen Erklärung war die Dame nicht zufrieden. Sie habe wissen wollen, ob er in dieser Geschichte der Protagonist sei. Ringer war nicht gewillt, darauf zu antworten und so speiste er sie mit der Bemerkung ab, dass sich ein Text nicht aus der Biographie des Schriftstellers erschließen ließe.
Eine jüngere Frau stellte fest, dass er in diesem Buch sehr berührende Beschreibungen der Beziehung dieses Paares geliefert hätte. Das habe sie überrascht und stark angesprochen. Ringer mochte solche Leseerfahrungen und bedankte sich.
Einer der wenigen Herren versuchte sich an einer stilistischen Einordnung, vergaloppierte sich aber nach einigen Sätzen und alle hatten nur eines verstanden, dass er mit seiner Intellektualität hatte glänzen wollen.
Ringer knabberte ein paar Kekse, als sich die Diskussion unter den Teilnehmern bewegte. Er dachte schon, dass er noch ein paar Bücher signieren müsste und dann wäre auch dieser Abend geschafft. Aus einer Ecke, die er von seinem Platz aus nicht einsehen konnte, meldete sich doch noch eine Stimme.
Diese Stimme, dachte er.
Die Frau war hinter der Säule hervorgetreten und sah ihn an.
“Sie beschreiben die Reise eines jungen Paares, das in einem VW-Bus durch Frankreich und die Schweiz tourt. Sie erleben einen Sommer fast vollkommener Harmonie, bis sich nach einigen Wochen erste Risse zeigen und ihre Wege sich trennen. Viele Jahre später fragt sich der Mann, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn sie zusammen geblieben wären.”
Ringer nickt und ihre Blicke fließen ineinander.
“Was glauben Sie als Autor, hätte er ihr gesagt, wenn er ihr nach Jahren wieder begegnet wäre?”
Die Szene war wie für einen Augenblick eingefroren, aus der Zeit genommen.
Er antwortete mit einer Stimme, von der er selbst nicht wusste, dass er sie hervorbringen würde:
“Salut Elly.”
Die Buchhändlerin hatte seinen Platz vorbereitet. Auf dem Tischchen stand eine Schale mit Keksen und eine Tasse Cappuccino. Sorgfältig ordnete er seine Utensilien an und legte sein neuestes Buch auf das kleine Pult. Etwa 25 Zuhörer waren der Einladung zur Lesung gefolgt. Darunter waren nur drei Herren. Nach der Begrüßung und seiner Vorstellung durch die Gastgeberin begann er vorzulesen.
Nach den ersten Sätzen schaute er auf und suchte den Blick des Publikums. Vergewisserte sich, ob sie jetzt bei ihm und seiner Geschichte waren. Nach der ersten Passage nahm er einen Schluck Cappuccino und ließ die kurze Pause wirken. Nach zwei weiteren Textteilen beendete er die Lesung und bekam dezenten Applaus.
Die Gesprächsrunde wurde von einer Leserin eingeleitet, die nach dem biographischen Hintergrund der Novelle fragte. Kurt Ringer war durch den Verlag zu diesen Lesungen verpflichtet, aber er kannte die meisten Fragen und hörte sich bei seinen Antworten meist selbst nicht mehr zu. Man könnte den Ich-Erzähler nicht mit dem Autor gleichsetzen und jede Dichtung sei biographisch, nur eben nicht immer eine Schilderung aus dem Leben des Schriftstellers.
Mit dieser allgemeinen Erklärung war die Dame nicht zufrieden. Sie habe wissen wollen, ob er in dieser Geschichte der Protagonist sei. Ringer war nicht gewillt, darauf zu antworten und so speiste er sie mit der Bemerkung ab, dass sich ein Text nicht aus der Biographie des Schriftstellers erschließen ließe.
Eine jüngere Frau stellte fest, dass er in diesem Buch sehr berührende Beschreibungen der Beziehung dieses Paares geliefert hätte. Das habe sie überrascht und stark angesprochen. Ringer mochte solche Leseerfahrungen und bedankte sich.
Einer der wenigen Herren versuchte sich an einer stilistischen Einordnung, vergaloppierte sich aber nach einigen Sätzen und alle hatten nur eines verstanden, dass er mit seiner Intellektualität hatte glänzen wollen.
Ringer knabberte ein paar Kekse, als sich die Diskussion unter den Teilnehmern bewegte. Er dachte schon, dass er noch ein paar Bücher signieren müsste und dann wäre auch dieser Abend geschafft. Aus einer Ecke, die er von seinem Platz aus nicht einsehen konnte, meldete sich doch noch eine Stimme.
Diese Stimme, dachte er.
Die Frau war hinter der Säule hervorgetreten und sah ihn an.
“Sie beschreiben die Reise eines jungen Paares, das in einem VW-Bus durch Frankreich und die Schweiz tourt. Sie erleben einen Sommer fast vollkommener Harmonie, bis sich nach einigen Wochen erste Risse zeigen und ihre Wege sich trennen. Viele Jahre später fragt sich der Mann, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn sie zusammen geblieben wären.”
Ringer nickt und ihre Blicke fließen ineinander.
“Was glauben Sie als Autor, hätte er ihr gesagt, wenn er ihr nach Jahren wieder begegnet wäre?”
Die Szene war wie für einen Augenblick eingefroren, aus der Zeit genommen.
Er antwortete mit einer Stimme, von der er selbst nicht wusste, dass er sie hervorbringen würde:
“Salut Elly.”