WackyWorld
Mitglied
Es ist nie schön, wenn jemand dahinscheidet. Nie.
Bei meinem Mann Oskar war das auch so.
Ich habe lange geweint. Sehr lange.
Manchmal auch ohne konkreten Anlass. Das gehörte irgendwann einfach dazu.
Aber irgendwann muss man – oder in meinem Fall: frau – wieder in den Alltag zurückfinden.
Der war schmerzhafter als der Verlust von Oskar.
Warum, werte Leserinnen und Leser, werden Sie sich vielleicht fragen.
Was kann schlimmer sein als der Tod des geliebten Gatten?
Ein Rentenbescheid.
Meine Witwenrente war so gering, sie hätte nicht einmal für meine wöchentliche Ration Mümmelmänner gereicht.
Ich war am Boden zerstört.
Ich überlegte, was man in meinem Alter noch tun kann.
Ich war achtundsiebzig.
Zeitungen austragen?
Da kommt nicht viel herum.
Mein Enkel verkauft Koks und Speed.
Ich hätte einsteigen können.
Aber wenn ich den ganzen Tag Stoff mit mir herumtrage, gönne ich mir bestimmt öfter mal ein Lienchen.
Und dann rutscht man ab.
Mein Sohn arbeitet als Treasurer bei den Hells Angels.
Er sucht einen Nachfolger.
Das wäre was für mich gewesen, aber leider habe ich es mir da mit den Jungs versaut.
Ich hatte vor zwei Jahren bei einem Treffen eine kleine Keilerei mit der Freundin des Vice Presidents.
Eine vorlaute Göre.
Nach meinem Rausschmiss habe ich die Reifen aller Harleys aufgestochen.
Das Verhältnis gilt seitdem als belastet.
Eine Freundin handelt mit Bitcoins.
Davon habe ich keine Ahnung.
Und was man nicht versteht, sollte man in meinem Alter nicht mehr anfassen.
Also saß ich tagelang da.
Und dann stieß ich auf die Anzeige.
Sie hing an einer Litfaßsäule gegenüber der Sparkasse.
Halb überklebt von einem Plakat für einen Shantychor und etwas, das nach Tantra klang, aber sicher keines war.
„RÜCKFÜHRUNGEN ALLER ART“, stand dort.
"Nekromantenschamanin Lieselotte Gottlos"
Darunter eine Telefonnummer.
Und ein Symbol, das aussah wie ein Kreis mit Zähnen.
Ich stand eine Weile davor.
Nicht aus Skepsis.
Eher wegen der Hüfte.
Normalerweise glaube ich nicht an so etwas.
Ich bin katholisch erzogen worden. War sogar in einem Nonnenkloster. Wäre ich da nicht schwanger geworden, wäre ich da auch vermutlich länger geblieben.
Aber man wird im Alter flexibel. Besonders wenn die Mümmelmännerration auf dem Spiel stand.
Ich rief an.
Die Frau am anderen Ende klang freundlich. Zu freundlich.
Als würde sie beim Sprechen lächeln.
Das ist nie gut.
Ich erklärte ihr die Lage.
Kurz. Sachlich.
Mein Mann sei tot, sagte ich.
Die Rente reiche nicht.
Ob man da etwas machen könne.
„Natürlich“, sagte sie.
„Das ist ein klassischer Fall.“
Klassisch.
Als wäre Oskar ein Möbelstück.
Wir vereinbarten einen Termin.
Zwei Tage später fuhr ich mit dem Bus an den Stadtrand.
Ich wurde leider beim Schwarzfahren erwischt und musste 3 Stationen zu Fuß zurücklegen. Ich holte mir am Kiosk ne Schachtel Roth Händle und 12 Mümmelmänner und dann verging die Zeit wie im Flug.
Die Schamanin wohnte in einem Eckhaus. Draußen traf ich meinen Enkel, er bediente gerade einen Kunden.
Vor der Tür standen Gartenzwerge.
Allen fehlte der Kopf.
„Schutz“, erklärte sie später.
Ich nickte. Man will ja nicht gleich negativ sein.
Sie war jünger als erwartet. Um die fünfzig.
Dreadlocks. Wollweste. Und tätowierte Oberarme.
Wir setzten uns an den Küchentisch.
Sie machte sich eine Dose Lindner auf, exte es weg und bot mir auch eine Büchse an. Ich wollte sie beeindrucken und stach das Ding mit meinem Taschenmesser an und zog die Brühe in einem Zug weg.
"Respekt.", sagte sie. „Haben Sie einen Gegenstand Ihres Mannes dabei?“ fragte sie sodann.
Ich legte Oskars Geldbörse auf den Tisch. Vom Inhalt hatte ich eben am Kiosk Wegzehrung gekauft.
Sie wühlte drin rum und kramte ein Foto von mir raus. Ich hasste das Bild, das war von der Zeit als ich noch bei den "Blutschwenkern" dabei war, das war eine Black Metal Band, wir hätten fast einen Plattenvertrag gekriegt aber unser Drummer musste ja unbedingt bei einem Gig ein Schwein schlachten. Danach war es aus mit dem Ruhm.
„Sehr gut“, sagte sie.
„Und was genau wünschen Sie?“
Ich dachte kurz nach.
Dann sagte ich die Wahrheit.
„Ich brauche ihn zurück.“
„Lebendig?“ fragte sie.
„Formal“, sagte ich.
Sie nickte.
„Das kriegen wir hin.“
Der Preis war hoch.
Aber niedriger als ein Jahr Leben mit dieser Rente.
Wir gingen in den Keller.
Kreise auf dem Boden. Kerzen. Ein CD-Player aus dem irgendwelche Gesänge ertönten.
Alles wirkte improvisiert. Das beruhigte mich.
Sie murmelte.
Ich saß.
Und dachte an Oskar.
An seine Art, beim Essen zu schmatzen.
An seine Kommentare zu allem.
An seine Angewohnheit, immer noch einen letzten Satz zu sagen.
Dann wurde es kalt.
Und feucht.
Und plötzlich stand er da.
Oskar.
Ein bisschen grauer als zuletzt.
Ein bisschen weniger vollständig.
Aber eindeutig er.
Er sah mich an.
Und zog voll die Schnute.
Ich war irritiert.
„Ach du Scheiße“, sagte er.
"Was soll das denn heißen?". Ich war wütend.
"Was soll das, ich lag eben noch schön im Grab und jetzt das hier, nee, wirklich nicht."
Er setzte sich. Einfach so. Auf den Kellerboden.
Dabei fiel ihm ein Stück vom linken Unterarm ab.
„Oskar“, sagte ich. Ruhig. Obwohl ich am liebsten ne Lasche gekloppt hätte.
„Du bist tot. Ich habe dich zurückgeholt.“
„Gegen meinen Willen“, sagte er.
Er roch feucht. Nicht nach Verwesung, eher nach Keller.
Das hatte schon immer etwas Beruhigendes.
„Du kannst nicht einfach tot bleiben“, sagte ich.
„Ich bekomme sonst nichts. Ich brauch deine Rente!“
„Das ist nicht mein Problem, geh doch anschaffen.“, sagte Oskar.
Die Schamanin räusperte sich.
Sie tat das mit professioneller Neutralität.
„Rein technisch“, sagte sie, „ist der Vorgang abgeschlossen.“
„Ihr Mann ist zurückgeführt.“
„Ich will aber nicht zurückgeführt sein“, sagte Oskar.
„Ich war gerade dabei, mich an die Stille zu gewöhnen.“
„Du bist so ein Schlappschwanz.“, sagte ich.
„Fick dich ins Knie, Gerda!“
Er sah mich an.
Lange.
Die Schamanin hob einen Finger.
„Falls es zu einer Rückabwicklung kommen soll“, sagte sie,
„benötigen wir den Originalbeleg.“
„Welchen Beleg?“ fragte Oskar.
„Den“, sagte sie.
„Vom Tod.“
Oskar lachte.
Dabei löste sich etwas aus seinem Hals, das früher vermutlich relevant gewesen war.
„Den habe ich nicht mehr“, sagte er.
„Der lag im Sarg.“
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog.
Nicht das Herz.
Eher die Haushaltsplanung.
„Dann bleibst du hier“, sagte ich.
„Auf keinen Fall“, sagte Oskar.
Er stand auf.
Etwas schief, aber entschlossen.
„Du kannst nicht einfach gehen“, sagte ich.
„Die Rente—“
„—ist mir egal“, sagte er.
„Ich bin tot.“
Er ging die Kellertreppe hoch.
Langsam. Bedächtig.
Dabei hinterließ er eine Spur, die man später hätte wegwischen können.
„Wenn Sie ihn verlieren“, sagte die Schamanin,
„gilt das als Selbstentzug.“
„Was heißt das?“ fragte ich.
„Dann bleibt er weg“, sagte sie.
„Und das Geld auch.“
Ich nickte.
Oskar war schon im Flur, als ich nach der Schaufel griff.
Die alte, mit dem Holzstiel.
Die gute.
„Oskar“, rief ich.
„Komm zurück.“
„Nein“, sagte er.
„Ich will tot sein.“
„Dann tu mir wenigstens den Gefallen“, sagte ich,
„und bleib solange hier, bis das Amt alles geregelt hat.“
Er blieb stehen.
"Wenn ich leben muss, dann wenigstens du nicht!"
Er stolperte auf mich zu und biss mir in die Kopfhaut.
Danach wurde mir schwarz vor Augen.
Bei meinem Mann Oskar war das auch so.
Ich habe lange geweint. Sehr lange.
Manchmal auch ohne konkreten Anlass. Das gehörte irgendwann einfach dazu.
Aber irgendwann muss man – oder in meinem Fall: frau – wieder in den Alltag zurückfinden.
Der war schmerzhafter als der Verlust von Oskar.
Warum, werte Leserinnen und Leser, werden Sie sich vielleicht fragen.
Was kann schlimmer sein als der Tod des geliebten Gatten?
Ein Rentenbescheid.
Meine Witwenrente war so gering, sie hätte nicht einmal für meine wöchentliche Ration Mümmelmänner gereicht.
Ich war am Boden zerstört.
Ich überlegte, was man in meinem Alter noch tun kann.
Ich war achtundsiebzig.
Zeitungen austragen?
Da kommt nicht viel herum.
Mein Enkel verkauft Koks und Speed.
Ich hätte einsteigen können.
Aber wenn ich den ganzen Tag Stoff mit mir herumtrage, gönne ich mir bestimmt öfter mal ein Lienchen.
Und dann rutscht man ab.
Mein Sohn arbeitet als Treasurer bei den Hells Angels.
Er sucht einen Nachfolger.
Das wäre was für mich gewesen, aber leider habe ich es mir da mit den Jungs versaut.
Ich hatte vor zwei Jahren bei einem Treffen eine kleine Keilerei mit der Freundin des Vice Presidents.
Eine vorlaute Göre.
Nach meinem Rausschmiss habe ich die Reifen aller Harleys aufgestochen.
Das Verhältnis gilt seitdem als belastet.
Eine Freundin handelt mit Bitcoins.
Davon habe ich keine Ahnung.
Und was man nicht versteht, sollte man in meinem Alter nicht mehr anfassen.
Also saß ich tagelang da.
Und dann stieß ich auf die Anzeige.
Sie hing an einer Litfaßsäule gegenüber der Sparkasse.
Halb überklebt von einem Plakat für einen Shantychor und etwas, das nach Tantra klang, aber sicher keines war.
„RÜCKFÜHRUNGEN ALLER ART“, stand dort.
"Nekromantenschamanin Lieselotte Gottlos"
Darunter eine Telefonnummer.
Und ein Symbol, das aussah wie ein Kreis mit Zähnen.
Ich stand eine Weile davor.
Nicht aus Skepsis.
Eher wegen der Hüfte.
Normalerweise glaube ich nicht an so etwas.
Ich bin katholisch erzogen worden. War sogar in einem Nonnenkloster. Wäre ich da nicht schwanger geworden, wäre ich da auch vermutlich länger geblieben.
Aber man wird im Alter flexibel. Besonders wenn die Mümmelmännerration auf dem Spiel stand.
Ich rief an.
Die Frau am anderen Ende klang freundlich. Zu freundlich.
Als würde sie beim Sprechen lächeln.
Das ist nie gut.
Ich erklärte ihr die Lage.
Kurz. Sachlich.
Mein Mann sei tot, sagte ich.
Die Rente reiche nicht.
Ob man da etwas machen könne.
„Natürlich“, sagte sie.
„Das ist ein klassischer Fall.“
Klassisch.
Als wäre Oskar ein Möbelstück.
Wir vereinbarten einen Termin.
Zwei Tage später fuhr ich mit dem Bus an den Stadtrand.
Ich wurde leider beim Schwarzfahren erwischt und musste 3 Stationen zu Fuß zurücklegen. Ich holte mir am Kiosk ne Schachtel Roth Händle und 12 Mümmelmänner und dann verging die Zeit wie im Flug.
Die Schamanin wohnte in einem Eckhaus. Draußen traf ich meinen Enkel, er bediente gerade einen Kunden.
Vor der Tür standen Gartenzwerge.
Allen fehlte der Kopf.
„Schutz“, erklärte sie später.
Ich nickte. Man will ja nicht gleich negativ sein.
Sie war jünger als erwartet. Um die fünfzig.
Dreadlocks. Wollweste. Und tätowierte Oberarme.
Wir setzten uns an den Küchentisch.
Sie machte sich eine Dose Lindner auf, exte es weg und bot mir auch eine Büchse an. Ich wollte sie beeindrucken und stach das Ding mit meinem Taschenmesser an und zog die Brühe in einem Zug weg.
"Respekt.", sagte sie. „Haben Sie einen Gegenstand Ihres Mannes dabei?“ fragte sie sodann.
Ich legte Oskars Geldbörse auf den Tisch. Vom Inhalt hatte ich eben am Kiosk Wegzehrung gekauft.
Sie wühlte drin rum und kramte ein Foto von mir raus. Ich hasste das Bild, das war von der Zeit als ich noch bei den "Blutschwenkern" dabei war, das war eine Black Metal Band, wir hätten fast einen Plattenvertrag gekriegt aber unser Drummer musste ja unbedingt bei einem Gig ein Schwein schlachten. Danach war es aus mit dem Ruhm.
„Sehr gut“, sagte sie.
„Und was genau wünschen Sie?“
Ich dachte kurz nach.
Dann sagte ich die Wahrheit.
„Ich brauche ihn zurück.“
„Lebendig?“ fragte sie.
„Formal“, sagte ich.
Sie nickte.
„Das kriegen wir hin.“
Der Preis war hoch.
Aber niedriger als ein Jahr Leben mit dieser Rente.
Wir gingen in den Keller.
Kreise auf dem Boden. Kerzen. Ein CD-Player aus dem irgendwelche Gesänge ertönten.
Alles wirkte improvisiert. Das beruhigte mich.
Sie murmelte.
Ich saß.
Und dachte an Oskar.
An seine Art, beim Essen zu schmatzen.
An seine Kommentare zu allem.
An seine Angewohnheit, immer noch einen letzten Satz zu sagen.
Dann wurde es kalt.
Und feucht.
Und plötzlich stand er da.
Oskar.
Ein bisschen grauer als zuletzt.
Ein bisschen weniger vollständig.
Aber eindeutig er.
Er sah mich an.
Und zog voll die Schnute.
Ich war irritiert.
„Ach du Scheiße“, sagte er.
"Was soll das denn heißen?". Ich war wütend.
"Was soll das, ich lag eben noch schön im Grab und jetzt das hier, nee, wirklich nicht."
Er setzte sich. Einfach so. Auf den Kellerboden.
Dabei fiel ihm ein Stück vom linken Unterarm ab.
„Oskar“, sagte ich. Ruhig. Obwohl ich am liebsten ne Lasche gekloppt hätte.
„Du bist tot. Ich habe dich zurückgeholt.“
„Gegen meinen Willen“, sagte er.
Er roch feucht. Nicht nach Verwesung, eher nach Keller.
Das hatte schon immer etwas Beruhigendes.
„Du kannst nicht einfach tot bleiben“, sagte ich.
„Ich bekomme sonst nichts. Ich brauch deine Rente!“
„Das ist nicht mein Problem, geh doch anschaffen.“, sagte Oskar.
Die Schamanin räusperte sich.
Sie tat das mit professioneller Neutralität.
„Rein technisch“, sagte sie, „ist der Vorgang abgeschlossen.“
„Ihr Mann ist zurückgeführt.“
„Ich will aber nicht zurückgeführt sein“, sagte Oskar.
„Ich war gerade dabei, mich an die Stille zu gewöhnen.“
„Du bist so ein Schlappschwanz.“, sagte ich.
„Fick dich ins Knie, Gerda!“
Er sah mich an.
Lange.
Die Schamanin hob einen Finger.
„Falls es zu einer Rückabwicklung kommen soll“, sagte sie,
„benötigen wir den Originalbeleg.“
„Welchen Beleg?“ fragte Oskar.
„Den“, sagte sie.
„Vom Tod.“
Oskar lachte.
Dabei löste sich etwas aus seinem Hals, das früher vermutlich relevant gewesen war.
„Den habe ich nicht mehr“, sagte er.
„Der lag im Sarg.“
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog.
Nicht das Herz.
Eher die Haushaltsplanung.
„Dann bleibst du hier“, sagte ich.
„Auf keinen Fall“, sagte Oskar.
Er stand auf.
Etwas schief, aber entschlossen.
„Du kannst nicht einfach gehen“, sagte ich.
„Die Rente—“
„—ist mir egal“, sagte er.
„Ich bin tot.“
Er ging die Kellertreppe hoch.
Langsam. Bedächtig.
Dabei hinterließ er eine Spur, die man später hätte wegwischen können.
„Wenn Sie ihn verlieren“, sagte die Schamanin,
„gilt das als Selbstentzug.“
„Was heißt das?“ fragte ich.
„Dann bleibt er weg“, sagte sie.
„Und das Geld auch.“
Ich nickte.
Oskar war schon im Flur, als ich nach der Schaufel griff.
Die alte, mit dem Holzstiel.
Die gute.
„Oskar“, rief ich.
„Komm zurück.“
„Nein“, sagte er.
„Ich will tot sein.“
„Dann tu mir wenigstens den Gefallen“, sagte ich,
„und bleib solange hier, bis das Amt alles geregelt hat.“
Er blieb stehen.
"Wenn ich leben muss, dann wenigstens du nicht!"
Er stolperte auf mich zu und biss mir in die Kopfhaut.
Danach wurde mir schwarz vor Augen.