Die Stärke der Schwäche: eine Liebeserklärung

Dragonfly

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Es ist die Zeit um Weihnachten. Habe ich bis dahin ein relativ stabiles Jahr gehabt, so kommt es immer kurz vor Weihnachten zu einer kleinen Kursänderung – von stabil zu instabil. Alles triggert mich. Wut und Trauer bestimmen alles – innen und aussen. Sitze ich zum Beispiel mit der Familie am Tisch, hatte ich in den letzten Jahren immer das Gefühl nicht gehört und nicht gesehen zu werden. Innerer Druck steigt, dass ich mich jetzt am Gespräch auch beteiligen muss. Also sage ich endlich was, aber nicht, weil ich ein inneres Bedürfnis verspüre, sondern den Druck und die Stimme aus dem Kopf folge. Was ich da sage, kommt mir, während ich es sage, schon gar nicht mehr so gut oder klug vor. In Wahrheit sage ich einfach irgendwas, oft schon mit gepresster Stimme und, was ich mir auch angeeignet habe, einfach die Opposition von dem sagen, was alle anderen sagen. Nachdem ich es ausgesprochen habe, wo ich selbst gar nicht weiss, ob das wirklich meine Meinung ist, was auch ein schräges Gefühl ist, dass mich zusätzlich erschwert, kehre ich wieder in die Ruhe – aber nicht die angenehme innere Einkehr, sondern eine Einkehr, die überhaupt nicht ruhig ist, im Gegenteil. Dort beschäftige ich mich dann im inneren Dialog mit mir, den anderen und versinke immer mehr in… ja in was eigentlich? Egal, ich versinke in etwas, was sich schon mal als nicht angenehm anfühlt. Unterm Strich kann ich für mich festhalten, es sind erstmals eine Anreihung an Schwächen: ich setze mich in Gesprächen nicht durch, werde nicht gesehen, dass was ich sage, finde ich eigentlich doch auch manchmal selber doof. In Summe nehme ich mich nicht als den Macher wahr und weiss, dass niemand von den anwesenden Personen Anerkennung, Respekt oder impressed sind von mir. Also innerlich und äusserlich abwertende Punkte für mich. Würde man mich jetzt fragen, wie ich Schwäche finde, dann würde ich mit grosser Verzweiflung antworten, dass ich sie scheisse finde und dass sie sich in mir stark abzeichnet.

Szenenwechsel:

Schon seit Kindesbeinen hatte ich Tiere um mich. Das schönste war für mich in die eine Welt abzutauchen, die alle sonstigen Regeln im Leben aushebelte. Wo ich, ich sein konnte – soweit wie möglich. Dort spielen die klassischen Stärken wie Durchsetzungskraft, sich behaupten können (müssen) natürlich auch eine Rolle, aber eine Rolle, mit der ich in dem Kontext gut umgehen kann. Das eigentliche schöne für mich war das Wesen eines jeden Tieres. Dies zu beobachten, wahrzunehmen und versuchen darauf im Umgang Rücksicht zu nehmen.

Besonders ansprechend fand ich Tiere, die ‚eine Ecke oder Kante‘ hatten. Die vielleicht nicht so in das klassische Schönheitsideal passten, deren Charakter auf die ein oder andere Art aus der Reihe tanzten. Genau damit sich zu beschäftigen und durchzudringen, das hat mir Freude gemacht. Wo andere von Schwächen sprachen und die offensichtlich auch da waren, empfand ich dem ganzen Liebe. Ein Stein im Brett und das ist das Besondere: an mir bemerke ich Schwächen und sie machen mich wütend, traurig. An anderen bemerke ich Schwächen und sie berühren mein Herz.

Hier zeigt sich die seltsame Diskrepanz in meinem Leben: Wenn ich bei mir Schwäche wahrnehme, reagiere ich mit Wut auf mich und meine Umwelt, dem folgt Trauer. Immer auf der Hut, sie zu verstecken und zu unterdrücken. Es ist, als ob ich mir selbst keinen Fehler erlauben dürfte, ohne nicht das Gefühl zu haben, eine Art Fehler zu sein. Doch wenn ich die Schwächen bei anderen – insbesondere bei Tieren, aber auch Menschen – sehe, löst das in mir das Gegenteil aus: Empathie, Zuneigung, Verständnis.

The Conclusion könnte ja sein zu lernen, den liebevollen Blick, den ich auf andere richte, auch auf mich selbst zu werfen. Denn Schwächen – ob bei Tieren oder bei mir – sind am Ende nichts anderes als Ausdruck dessen, wer wir sind. Sie machen uns nicht kleiner, sondern echter. But das wäre zu schön und auch ein hoher Anspruch zu gleich. Ich finde den Gedanken, es bei mir anzuwenden schön, klappt aber nur in minimini. Auch nicht schlimm. Einfach nur darüber zu schreiben, löst für den Moment alles Bedrückende und wenn ich meinen Blick nach rechts auf den Hund werfe, der verdreht auf meiner Couch schläft, ist der Moment das, was gerade zählt.
 



 
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