DIE WÜSTE VERGISST NICHT

Der noch funktionierende Scheinwerfer des Buick Riviera beleuchtet nur den Highway, der endlos vor mir liegt. Ich sitze im Bauch des stählernen einäugigen Haifisches, der Beute suchend durch die Finsternis schwimmt. Die Nacht um mich herum ist ultraschwarz. Aus irgendeinem Grund weiß ich, dass ich durch die Wüste fahre. Route 66. Es geht nur endlos geradeaus und gleichsam nirgendwo hin. Ich fahre immer durch die Wüste. Mein Leben ist eine Wüste. Aus dem Autoradio rezitiert Jim Morrison eines seiner Gedichte. Ich nehme einen Schluck Bourbon aus einer halbleeren Flasche. Bourbon. Böses Gebräu. Mutmilch, feines Gift, wie es Jim Morrison in einem seiner Gedichte nennt. Der Fahrtwind pfeift die Melodie des Wahnsinns. Leises Zähneklappern der Karosserie. Dumpfes Klopfen aus dem Kofferraum. Leises Heulen und Wimmern. Ich will gar nicht wissen, wen oder was ich da im Kofferraum spazieren fahre.

Ich weiß nicht, wer ich bin und wieso ich hier bin. Meine geschundenen Fäuste umklammern das Lenkrad. Mir scheint, als wäre ich in diesem Fahrzeug geboren worden und jetzt rase ich auf den Tod zu. Ich starre auf das geronnene Blut, das an meinen Fäusten klebt. Ich blicke auf die malträtierte Fresse meines Beifahrers und gehe davon aus, dass ich das Gesicht dieses Mannes so verunstaltet habe. Er ist offenbar sauer auf mich und hält einen Revolver auf mich gerichtet. Zum Glück spricht er kein Wort. Mit diesem kaputten Gesicht kann es auch kaum möglich sein, schmerzfrei auch nur einen einzigen Laut zu äußern. Seine Visage ist nur noch ein unförmiger Klumpen rohen Fleisches, in dem zwei stechend stahlgraue Augen stecken, die mich unentwegt anstarren. Ich frage mich, wieso ich diesen Kerl verprügelt habe und wieso ich ihn nicht gleich totschlug. Sein Piuskragen schüchtert mich in keinster Weise ein.

Zwischenstopp, irgendwo im Nirgendwo. Der Nachtwind kühlt mein überhitztes Gemüt und flüstert mir, dass wir in der Mojave-Wüste sind. Hackfresse drückt mir eine Schaufel in die Hand und lässt mich ein Grab schaufeln. Die Kugeln in seinem Revolver warten schon darauf, mir um die Ohren zu fliegen. Während ich mich dem Tod entgegen grabe, überlege ich, wie ich Hackfresse mit der Schaufel den Rest geben könnte. Er ist clever genug, zwei Schaufellängen Abstand zu halten. Ich lasse mir viel Zeit beim Graben, klammere mich an jeden Fetzen Zeit. Ich bin überrascht, dass ich das Grab nicht für mich geschaufelt habe. Wir holen eine dämonisch keifende, wild um sich schlagende alte Vettel aus dem Kofferraum, die mindestens zweihundert Jahre alt sein muss. Mich irritiert ihr kornblumenblaues Sommerkleid, das sie trägt. Es passt so gar nicht zur hexenartigen Erscheinung der Alten. Irgendwo habe ich dieses Kleid schon mal gesehen. Andere Zeit, andere Frau, anderes Leben. Ich bin einen Moment lang unachtsam und die alte Vettel reißt mir mit ihren langen Krallen das halbe Gesicht vom Schädel. So zumindest fühlt es sich an. Wir heben die alte Hexe aus dem Kofferraum und stopfen sie lebendig in das Erdloch. Ich frage mich, wieso Hackfresse die Alte nicht vorher tötet. Ist das die feine Art, jemanden lebendig zu begraben? Andererseits habe ich den Eindruck, jemand habe sich schon viel Mühe damit gegeben, das Weib umzubringen. Der Leib durchsiebt von Einschusslöchern. Möglicherweise kann man sie gar nicht töten, nur begraben und vergessen. So, wie meine Identität und meine Erinnerung. Das Grab ist so flach, dass ein Arm und ein Bein der Alten aus dem Boden ragen. Sogleich kommen Hyänen und Geier aus der Dunkelheit gekrochen und nagen an den Gliedmaßen herum, die wie trockene Bäume aus dem Boden hervor schauen. Ich kann die Alte dumpf aus ihrem Grab keifen hören. Wie werde ich den Klang ihrer dämonischen Stimme wieder los? Ich habe das Gefühl, sie spricht einen Fluch aus.

Harter Schnitt. Wie im Film. Weiter geht die Fahrt, so als sei nichts geschehen. Mein Beifahrer ist spurlos verschwunden. Ich trete das Gaspedal voll durch, obwohl ich nicht weiß, wo ich hin will. Das Blut klebt noch immer an meinen Fäusten. Ich betaste mein zerfetztes Gesicht. Der Schmerz tritt mir von innen gegen meine Fresse. Ich kann mir das Begräbnis der Hexe nicht eingebildet haben.

Zwischenstopp im Hotel Monte Vista. Wie ferngesteuert betrete ich den Keller des Hotels. Ich weiß nicht, was mich dazu treibt, oder wohin das Ganze führen wird. Ich tue es einfach, als würde mich ein Dämon reiten, als würde er mir dabei direkt in mein Unterbewusstsein flüstern was ich zu tun habe. Niemand hält mich auf. Keiner ist hier. Kein Mensch. Kein Tier. Als wäre diese Stadt nur für meine verlorene Seele hingestellt worden. Ich betrete einen Raum, der mit allerlei okkultem Brimborium angefüllt ist. Kerzen, Puppen mit zerstörten Gesichtern, ein Pentagramm mit Blut auf den Boden gemalt. Ich trage einen kleinen Pappkarton unter meinem Arm. Ich öffne den vom Blut durchweichten Karton. Darin befindet sich die abgetrennte Hand der alten Hexe. Wie von Tieren abgenagt. Ich nehme der Hand den Ehering vom Finger und hänge den Ring an meine Halskette, an dem auch meine Hundemarke baumelt. Okay. Ich war in der Armee. Ich denke gar nicht daran, einfach den Namen vom Dogtag abzulesen um zu erfahren, wer ich bin. Es spielt einfach keine Rolle mehr. Ich lege die abgetrennte Hand in die Mitte des Pentagramms und murmel irgendwelche Beschwörungsformeln, die ich selbst nicht verstehe. Wie ferngesteuert praktiziere ich seltsame dämonische Rituale. Keine Ahnung, wem dieses herausgerissene Herz gehört hat, das ich aus einer silbernen Schüssel nehme. Mir egal. Ich halte es in meiner Faust und quetsche das Blut heraus, das auf die abgetrennte Hand der Hexe tropft.

Harter Filmschnitt. Ich stehe vor einem verschmierten Spiegel, der mein Antlitz geisterhaft wirken lässt. Ich kann gerade noch mein halb zerfetztes Sackgesicht erkennen und das Blut, das auf mein billiges zerknittertes Sacko tropft. Ein weiterer harter Schnitt und ich sitze wieder im Auto und rase den Highway entlang. Das Autoradio spielt L.A. Woman von den Doors. Die schönste Frau der Welt fährt neben mir her, auf einem Motorrad. Sie trägt ein kornblumenblaues Sommerkleid, das mir irgendwie bekannt vorkommt. Ihr Motorrad sieht aus, wie aus verchromten Körperteilen zusammengesetzt. Der Fahrtwind schiebt das Kleid hoch und lässt ihre makellosen Schenkel hell im Mondlicht leuchten. Wie einen Fiebertraum lasse ich dieses Bild über mich ergehen, bis sie mich überholt und die Dunkelheit sie verschluckt. Ich trete das Gaspedal voll durch, um aufzuholen. Doch L.A. Woman ist nirgendwo zu sehen, der Sound ihres Bikes nicht mehr zu hören. So als hätte sie sich in der kalten Nachtluft aufgelöst.

WELCOME TO GALENA, KANSAS – A HAPPY PLACE kann ich auf einem Schild lesen. Das Städtchen sieht aus, wie eine Studiokulisse aus dem Hollywood der 40ger Jahre. Ich parke den Buick Riviera vor einem Haus, so als wäre das hier mein Heim. L.A. Woman hat ihr Motorrad vor meinem Haus geparkt.

Ein Feuer brennt im Vorgarten und zieht mich magisch an. Wieder höre ich das dämonische Keifen der alten Hexe, die ich in der Wüste verscharrt habe. Ich komme dem Feuer näher. Die schönste Frau der Welt, L.A. Woman, im kornblumenblauen Sommerkleid, an einen Baum gebunden. Zu ihren Füßen, ein kleiner Scheiterhaufen aus Zivilisationsmüll zusammengetragen. Im Schein des Feuers kann ich Einschusslöcher im Sommerkleid erkennen. Hackfresse mit Piuskragen steht unweit des Spektakels und er schreit in lateinischer Sprache auf die Frau ein. Dann liest er ihr aus der Bibel vor. Was ist das für ein Perverser? Ich reiße ihn zu Boden und schlage unaufhörlich auf seine Visage ein, während die Schreie der alten Hexe meine Gehörgänge schänden und verkleben. Ich kann den Soundtrack nicht mit den Bildern in Einklang bringen. Ich bin blind dafür. Vielleicht will ich es nicht sehen. Ich schlage und schlage blindwütig auf Piuskragen ein, bis mir schwarz vor Augen wird.

Ich weiß nicht, wer ich bin und wieso ich hier bin. Meine geschundenen Fäuste umklammern das Lenkrad. Mir scheint, als wäre ich in diesem Fahrzeug geboren worden und jetzt rase ich auf den Tod zu. Ich starre auf das geronnene Blut, das an meinen Fäusten klebt. Ich blicke auf die malträtierte Fresse meines Beifahrers und gehe davon aus, dass ich das Gesicht dieses Mannes so verunstaltet habe. Der noch funktionierende Scheinwerfer des Buick Riviera beleuchtet nur den Highway, der endlos vor mir liegt...
 
Zuletzt bearbeitet:



 
Oben Unten