Doch, davon geht die Welt unter

Marcus Soike

Mitglied
Volker sitzt auf einer Parkbank. Sitzt so da. Rund um ihn selbstzweckmäßig schöne Natur, ohne dass er etwas dazu beiträgt. Volker sitzt so da.
Zwei Teens, Typ Fachoberschüler für Pflegeberufe, gehen an ihm vorbei. “Was für ein Depp da”, sagt der Junge. “Ach, lass ihn doch da sitzen”, sagt das Mädchen. Sie gehen weiter, sie gehen weg, Volker sitzt so da.
Ein Batzen Vogeldreck platscht kurz neben ihn auf die Bank. Volker rückt nicht weg. Die Ladung hat ihn ja nicht getroffen. Volker kann ja nichts machen. Volker sitzt so da.
Eine Wespe wird penetrant. Volker stellt sich tot, gefriert, nimmt hin, dass die Wespe sich kurz auf seine Brille setzt. Sollte er die Brille abnehmen? Ach, besser nicht. Einfach ausstehen. Einfach aussitzen. Volker sitzt so da. Der Wespe wird es zu blöd. Sie rotzt Volker ins Gesicht. Es ist ein riesiger Batzen Rotz. Dass eine so kleine Kreatur so eine Rotzmenge hochholen kann… Vielleicht sind es ja mehrere Kreaturen? Vielleicht sind es ja alle Kreaturen? Die alle gegen Volker sind? Vielleicht quält ihn ja nicht nur der Rotz? Sondern auch Wespenstiche, Nackenschläge, Schläge in die Magengrube, Arschtritte, Backpfeifen, Schikanen, Klassenkeile? Die Wespe weiß das nicht. Volker weiß das nicht. Er weiß nur, dass er ein Depp ist. Die Wespe hat es ihm gesagt. Alle haben es ihm gesagt. Und so lässt man ihn da sitzen. Die Wespe macht einen Abflug.
Die Welt geht an Volkers Bank vorbei. Gesichter kommen, widern an, gehen wieder.
Eine Eintagsfliege kommt geflogen. Volker lässt sie am Leben. Er hockt schon den ganzen Tag hier und lebt immer noch - die Eintagsfliege ist keine Konkurrenz für ihn.
Zwischen seinen Füßen: eine Feuerwanze. Volker lässt sie nicht am Leben. Sie hat Feuer, hat Energie, hat Leidenschaft - die Feuerwanze ist eine Konkurrenz für ihn. Er zermatscht sie, wie man eine Kippe ausdrückt. Wie sich das anfühlt? Volker weiß es nicht. Oder er weiß es, fühlt es aber nicht.
Volker sitzt so da. Und Volker säuft. Das tut er. Er hat gerade sein fünftes Bier in der Mache.
Die Natur um ihn herum tut auch was: Schön sein, mit Libanonzeder und Ententeich angeben, nochmal kurz aufblühen, Stinkmorchel und Atompilz einen Raum geben.
Der Tag ist heiß.
Sonnenuntergang, Untergang, Blütenaufplatzen, Knall, Platzen, Vergammeln, Atompilz, Schwelbrand, so dasitzen, Aussitzen, Ausnahmezustand, Erstschlag, volle Ladung, Eintagsfliege am jüngsten Tag, Verrecken.
Bricht ein Flugzeug durch die Schallmauer? Gibt es ein Gewitter? Alles egal, man kann nichts machen. Nur so dasitzen. Volker ist Aktivist, irgendwie: Er trinkt Bier. Und sitzt auf einer Parkbank, sitzt so da.
Ein vertrautes Gesicht kommt per Fahrrad.
“Hallo Volker”, sagt das Gesicht.
“Hallo Carsten”, sagt Volker.
“Dass man sich mal wiedersieht!”
“Ja, die alte Schulzeit…”
“Immer noch so durchs Leben?”
“Ja, und es geht mir gut damit. Jeder macht seins.”
“Das nimmt nochmal ein schlimmes Ende - mit dir!”
Jetzt geht jedem ein Licht auf. Wirklich jedem. Und jeder wird heiß. Und jeder glüht für irgendeine Sache.Und jeder brennt für irgendetwas (Außer Volker: Er brennt DURCH etwas). Noch mehr Licht. Noch mehr Hitze. Und Volker geht ein Licht auf: Eine Eintagsfliege schleppt den jüngsten Tag mit sich rum - das muss ein unerträglicher Zustand sein.
Volker sagt zu Carsten, der im extremen Gegenlicht steht: “Mein Therapeut sagt, ich bin zu passiv.”
 



 
Oben Unten