Düstere Panazee

Im Schweigen, wo die verstummten Kinder lagen,
stand eine Schale, schwärzer als das schwarze Herz der Raben.
Es war, als hätte jemand meinen Schmerz
bis vor die Dunkelheit des Kelches hingetragen.
Man nahm mir meinen Namen
und stieß mich in dieselbe Nacht,
aus der die Götter einstmals kamen.
So fühlte es sich an,
so vor dem Kelch zu knien.

Ich stürzte noch in ihren Armen,
sie aber – und in ihrem Haar aus Sternen Mitternacht –
sie sprach: „Du hast den Toten keinen Raum gegeben.
Nun wollen sie in deinem Atem leben.
Trink, bis ihr Durst in deinem Mund erwacht.“

Im Trank erschien der Mutter letztes Summen,
der Stuhl, an dem ich keinen Abschied fand.
Noch lag ihr letzter warmer Händedruck in meiner Hand.
Ich schloss uns zu, taumelte ins Verstummen.
Senkte die Schale. Doch die Schale trank.
Ich fühlte, wie mein Mund in ihr versank.
Dann hörte ich die Schlüssel in den Türen
der Gräber meiner Eltern drehn,
bis jeder Schrei in meinem Kopf ertrank.

Sie kamen ohne Erde an den Schuhen.
Ein jeder nahm ein Stück von meinem Blick,
und keiner gab mir seinen Blick zurück.
Dann legten sie sich hin in mich,
um auszuruhen.

Die Angst verging. Es schlossen sich die Wunden.
Aus meinem Mund befreite sich ein Laut.
Das war die Mutter, sanft aus meiner Haut.
Sie sprach: „Ich habe dich im Leben nicht gefunden.“

Sie wollte mir den Kelch entreißen.
Doch ich, ich stürzte in den gleichen dunklen Saal,
der unter meiner Haut die schwarzen, bösen Säulen hob.
Kein Wind. Kein Laut.
Ich wollte ihre Hand ergreifen.
Doch sie war tot.

Und tief im Blut, im alten Schweigen,
lag jener Gott, der seinen Namen fraß.
Er hob den Blick.
Und alles, was er traf,
begann sich seinem Hunger zuzuneigen.

Die Schale fiel. Ich hörte sie nicht springen.
Doch riss das Schwarz und gab die weißen Sterne frei.
Aus meinem Herzen ging ein fremder Schrei,
die stummen Kinder zu besingen.

Nun bin ich heil. Nur wenn die weißen Sterne schwinden,
legt sich ein fremder Atem auf mein Land.
Gott schläft in mir. Ich halte sein
e Hand.
Doch niemand wird mich je in seinen Armen finden.

 



 
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