Ein Leben

adalace

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Einmal im Monat geht sie ins Kasino, um Roulette zu spielen. Man kennt sie dort schon. Blicke begleiten sie, wenn sie durch die Tür kommt: eine alte, steif aufgerichtete Frau in weißer, seidener Bluse und dunklem Rock.

Die Handtasche an ihre Seite pressend, geht sie zum Roulettetisch. Ab und zu dringt ein „Guten Abend“ zu ihr. Sie nickt dann lächelnd in die Richtung, aus der die Stimme kam, und versucht, den Besitzer ausfindig zu machen, aber nie löst sich ein Gesicht aus der Menge und tritt auf sie zu.

So bleibt sie allein inmitten der Damen und Herren und verliert am Roulettetisch die bescheidene Summe, die sie zu setzen wagt. Nie geht sie zu den anderen Spieltischen. Immer setzt sie auf die 11, und immer verliert sie. Es scheint ihr nichts auszumachen, doch der Croupier, der über seinem monotonen „Machen Sie Ihr Spiel, meine Damen und Herren“ und „Nichts geht mehr, nichts geht mehr“ fast einschläft, blickt manchmal fast hilflos auf die alte Frau am Ende des Tisches. Wenn er den Blick des Geschäftsführers auf seinem Rundgang auffängt, zuckt er kaum merklich die Schultern und fährt in seinem Singsang fort.

Nach dem Spiel bestellt die Frau einen Gin Tonic. Die Ringe mit den großen, unechten Steinen an ihrer knochigen Hand blitzen im Licht der Kristalllüster, wenn sie das Glas langsam zum Mund führt. Niemand spricht sie an, und so schaut sie den anderen Spielern zu, bis es Zeit ist zu gehen. Es ist nach Mitternacht, wenn sie das Kasino verlässt, die Taxifahrer sind meist müde und selten zu einem Gespräch aufgelegt. Sie schaut auf ihrer Seite zum Fenster hinaus und ist froh, dass wenigstens das Radio läuft. Das Taxi braust davon, kaum dass sie dem Mann das Geld in die Hand gedrückt hat.

In ihrem Schlafzimmer zieht sie sich aus. Auf dem Nachttisch blicken ihr die Gesichter ihrer toten Eltern und ihrer toten Schwester entgegen. Dann ist da noch das verblichene Schwarz-Weiß-Foto eines kleinen Jungen, der in die Sonne blinzelt. Noch halb angezogen, sinkt sie auf das Bett. So enden ihrer monatlichen Kasinobesuche.

Sie war nicht immer so allein.

Kindheit und frühe Jugend in Danzig, gehätscheltes jüngstes Kind einer Großfamilie. Der Vater Schmied mit eigener Schmiede, die Mutter daheim und nur für die fünf Kinder da.

Zu Weihnachten duftete die Küche nach Honigplätzchen, Pfeffernüssen und all den süßen Sachen.

Nach dem frühen Tod der Eltern zog man nach Berlin. Sie war schon ein junges Mädchen und begann eine gutbezahlte Arbeit im Kaufhaus des Westens. Freunde gab es in Hülle und Fülle. Sie war beliebt, galt als gute Unterhalterin, man suchte ihre Nähe – auch zu der Zeit, als man gezwungen war, Namensforschung zu betreiben. Die Nachforschungen bei ihr ergaben, dass eine Großmutter aus Schweden gekommen war. Darauf war sie sehr stolz. Dennoch las sie heimlich Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig und stapelte die Bücher der Verfemten im Keller.

Aber natürlich hatte sie keine jüdischen Freunde, und heute noch hält sie große Stücke auf den „Kaiser“ und Hitler, deren Geburtstage sie auf Anhieb sagen kann. Sie war stets sehr stolz darauf, einen Tag vor dem „Kaiser“ Geburtstag zu haben, denn so konnte sie länger feiern, weil der nächste Tag ein Feiertag war.

Über den Krieg redet sie nicht viel, nicht über den Vater ihres kleinen Sohnes, mit dem sie nicht verheiratet war und der an der Front fiel, nicht über den Sohn, der in den Wirren des Krieges lungenkrank wurde und starb – und schon gar nicht über das, was die Russen mit ihr machten, nachdem sie in die Stadt einmarschiert waren.

Nach dem Krieg zog sie mit ihrer ältesten Schwester nach Hamburg und arbeitete in der Buchhaltung einer Zweigstelle von Hertie. Etwas später wurde sie dort Kaufhausdetektivin. Sie galt als außerordentlich tüchtig und genoss es, in ihrer Stammkneipe die fantastischsten Geschichten erzählen zu können. Oft sagte der Wirt lachend zu ihr, wenn sie nicht wäre, könne er dichtmachen, die Leute kämen ja nur ihretwegen.

Sie lebte dieses Leben in vollen Zügen, sie litt nie Not, was Freunde betraf. Und Liebhaber. Mit ihren schönen Beinen und ihrer guten Figur hätte sie problemlos in einem Riefenstahl-Film spielen können.

Oft lud sie ihre Bekannten zum Essen zu sich ein. Sie hatte das Talent ihrer Mutter geerbt und war für ihren Gänsebraten und ihren Krabbensalat berühmt. Ihre stillere Schwester sah sich ihr Treiben an und sagte dann halb nachsichtig, halb traurig: „Ach, Grete, Grete, merkst du denn gar nicht, dass sie nur wegen deines Essens kommen? Sie nutzen dich doch aus.“

Sie lachte nur darüber und sagte, es mache ihr nichts. In der Tat bekümmerte es sie nicht so sehr, solange sie ihre stille Schwester hatte, an der sie mit großer Liebe hing. Nach dem Tod der Eltern war sie das Oberhaupt der Familie gewesen, und außer ihr war nur noch ein Bruder übriggeblieben, der nach Kanada ausgewandert war. Der Bruder starb frühzeitig und kurz danach auch die Schwester. Das war nun elf Jahre her.

Die einstigen „Freunde“ waren entweder bereits gestorben oder erinnerten sich nicht mehr an sie. Gelegentlich traf sie zufällig auf die alten Bekannten und hörte ihnen zu, wie sie von ihren Töchtern und Söhnen und Enkeln erzählten. Sie stand dann stumm dabei und dachte an ihren kleinen Sohn und an sein Foto auf dem Nachttisch.

Zu Hause wartete sie tagelang auf den versprochenen Anruf, aber niemand rief an. Sie begann das Telefon zu hassen und die Stille zu fürchten. Deshalb drehte sie oft den Fernseher auf volle Lautstärke, obwohl sie trotz ihrer 81 Jahre immer noch gut hörte.

Um das Grab ihrer Schwester in einem anderen Stadtteil zu besuchen, musste sie die U-Bahn nehmen. Sie fuhr oft hin und dann meistens zu den Stoßzeiten. Es fiel nicht auf, dass sie allein war und es niemanden gab, der mit ihr fuhr.

Dann und wann sprach sie jemanden in der U-Bahn an oder an der Haltestelle, eine Mutter mit ihrem Kind oder eine junge Studentin, wie ich es damals war, selten Männer, nie Leute in ihrem Alter.

Sie gewöhnte sich den Jargon der jungen Leute an und erzählte lustige Anekdoten aus ihrem Leben, wenn es ihr einmal gelang, mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel die mit ihrem Chef bei Hertie, der sie eines Tages jovial gefragt hatte, wie es ihr denn so gehe, worauf sie antwortete, ganz gut. Es seien immer noch die alten Sünden. Und die wären? Saufen, Rauchen, Männer! war ihre schlagfertige Antwort, und sie konnte sicher sein, damit bei den Jungen anzukommen.

Als sie die Einsamkeit trotz der vielen, am Grab ihrer Schwester verbrachten Stunden, der langen Spaziergänge und den regelmäßigen Kirchbesuchen (sie ist gläubige Katholikin) nicht mehr verdrängen konnte, begann sie, wahllos aus dem Telefonbuch gegriffene Nummern anzurufen. Zuerst war die Scham fast unerträglich, und sie legte oft auf, ohne ein Wort gesagt zu haben. Dann geriet sie an einen Mann, der auf das Schweigen am anderen Ende mit wütenden Beschimpfungen reagierte. Sie ließ ihn toben, hörte sich seine Schmähungen an und rauchte dabei eine Zigarette.

Danach ging sie fast kühl vor: Sie wartete, bis sich eine Stimme meldete und einen Namen nannte (bei Leuten, die keinen Namen nannten, legte sie auf). Freundlich und entschuldigend sagte sie daraufhin, sie müsse sich verwählt haben, und bat die Stimme „vielmals“ um Verzeihung. Die meisten Leute reagierten höflich, und einige waren sogar bereit, ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sie erzählte bei diesen Gelegenheiten von ihrer Schwiegertochter, die sie unbedingt anrufen müsse. Mit der Zeit spürte sie geradezu, ob die Leute zu einem Gespräch bereit sein oder nach einem kurzen „Schon gut“ auflegen würden.

Eines Tages, als sie wieder mit dem Finger über die Nummern im Telefonbuch fuhr, war die Scham plötzlich wieder da. Sie sah sich: eine alte Frau, allein in ihrem Zimmer, mit einem Telefonbuch und einem Telefon auf den Knien, und das Bild ließ sie zittern. Dennoch wählte sie schließlich irgendeine Nummer, und als sie die Stimme eines Kindes hörte, eines kleinen Jungen, legte sie auf. Danach rief sie nie wieder an.

Seit einem Jahr geht sie nun regelmäßig ins Kasino. Aber immer, wenn sie die Wohnungstür aufschließt, schlägt ihr das Schweigen entgegen, und immer wacht sie am nächsten Morgen auf, um festzustellen, dass sie noch halb angekleidet ist und wieder vergessen hat, die Heizung abzustellen.

(M.P. gewidmet – ich hoffe, Sie haben Ihren kleinen Jungen im Himmel wiedergesehen.)​
 



 
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