Ein Schwur lang

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I

Es war noch früher Morgen, als Emilia hinüber zum Hühnerstall ging. Sie trug ihren dunkelblauen Arbeitskittel und abgenutzte Arbeitsschuhe.
Beim Aufschließen musste sie sich gegen die Tür stemmen, weil sie mal wieder klemmte. Als sie schließlich offen war, folgte Elia ihr über die verwitterte Schwelle in den niedrigen Vorraum. Es roch nach Getreide und Hühnermist.

Emilia schöpfte mit einem Messbecher Futter aus einem großen Papiersack, dann öffnete sie den Türriegel am Hühnergehege, trat hinein und streute die Körner in die Tröge.
Die Hühner gackerten und trippelten herbei, um sich über die Körner herzumachen.
Unterdessen kontrollierte Emilia die Legeplätze nach Eiern, sammelte alle ein, die sie finden konnte, und legte sie vorsichtig in einen Korb.

„Wenn sie gefressen haben, können wir sie später nach draußen ins andere Gehege lassen“, meinte sie.
Plötzlich gab es einen Tumult. Etwas schien die Hühner aufzuschrecken. Sie flatterten wild umher.
„Bestimmt dieser Marder“, rief Emilia und deutete nach oben.
„Der treibt sich schon eine Weile unterm Dach herum und holt sich manchmal ein Küken.“

Elia machte große Augen.
„Ist das wie eine Katze?“, fragte er.
„Nein, mehr wie ein Fuchs – nur kleiner.“
Sie stellte den Korb am Eingang ab. Nach einer Weile beruhigten sich die Tiere wieder. Elia blieb im Gehege und beobachtete, wie die Hühner langsam wieder zu scharren begannen.
Einige ließen sich auf den Holzstangen nieder, andere pickten wieder im Stroh.

„Du kannst ihnen noch ein bisschen Wasser geben“, sagte Emilia und wies auf den halb gefüllten Zinkeimer. Dieser reichte ihm bis zur Hüfte.
Er fasste den Griff mit beiden Händen und schleppte den Eimer zur Tränke. Das Wasser schwappte mehrmals über, aber am Ende schaffte er es und goss behutsam nach.

Emilia hörte eine Weile hinauf in die Balken, als könnte der Marder noch dort lauern. Elia folgte ihrem Blick, doch er sah nur Schatten zwischen den Sparren.
Für einen Moment hielt er den Atem an.

„Komm“, sagte Emilia schließlich. Sie schloss den Stall und hob den Korb wieder auf.
„Das reicht für heute.“

Draußen zwitscherten die Vögel in den Obstbäumen. Der Boden war noch feucht, und in der milden Luft summten Insekten.
Elia trottete neben Emilia her und dachte an den Marder.
Irgendwo da oben, unter den dunklen Balken, wartete er vielleicht noch.

„Gehen wir jetzt zu den Kaninchen?“, fragte Elia.
Seine Großtante nickte und sah ihm zu, wie er zu den Kaninchenställen eilte.
„Warte, hier sind noch Karotten. Die kannst du ihnen geben.“
Während Elia mit den Karotten vorausstürmte, rief Emilia ihm nach:
„Und wir müssen auch noch das Heu wechseln.“

*****

Die Kinder mussten früh aufstehen. Es war ein besonderer Tag.
Elia stand auf dem Bett, noch in seinem Schlafanzug mit den kleinen Lokomotiven und Sternen, und hüpfte herum.
Er hatte keine Lust, in die Kirche zu gehen. Doch Ausreden wurden nicht geduldet.

Aiden wusch sich und zog sich an, während Mutter hastig zwischen den Zimmern hin- und herlief.
Sie half Lottie mit der Frisur und kam dann zu ihnen. Als sie sah, dass Elia noch nicht fertig war, scheuchte sie ihn ins Bad.
„Los Kinder, macht schon – ihr wisst doch, Oma mag keine Unpünktlichkeit.“
Sie selbst hatte noch Lockenwickler im Haar, und man roch das Haarspray, das sie in aller Eile aufgetragen hatte.

In der Kirche rutschten die Jungen ungeduldig auf der Sitzbank hin und her, bis Mrs. Benning sie mehrmals ermahnte.
Der Pfarrer sprach über Schuld und Erlösung, über das Opfer und das Versprechen eines neuen Anfangs.
Elia verstand den Sinn nicht, aber das Wort Schuld blieb in ihm hängen.
Er sah zur Decke hinauf, wo dunkle Holzfelder mit gemalten Engeln über ihm schwebten.
Der Altar war festlich geschmückt. Überall brannten Kerzen und warfen ihr warmes, flackerndes Licht auf das Weiß der Altartücher.
Hinter der Kanzel standen zwei große Figuren, deren Gesichter er nicht richtig erkennen konnte.
Aus dem Seitenschiff fiel nur ein matter Streifen Morgenlicht durch die hohen Mosaikfenster; die Farben darin wirkten gedämpft, als warteten sie noch auf den Tag.

Elia fragte sich, ob Gott ihn jetzt sah – hier, auf dieser Bank, mit den Händen im Schoß und den Schuhen, die er nicht geputzt hatte.

*****

Nach der Messe gab es kein Halten.
Die Kinder konnten es kaum erwarten, ihre Osterhasen und die liebevoll gefärbten und mit Ostermotiven verzierten Eier zu suchen.

Kaum waren sie in Sichtweite von Mrs. Bennings Haus, stürmten die beiden Älteren voraus.
Als Elia etwas später in die Küche kam, zeigten sie ihm voller Stolz ihre Osternester.

Die Nester bestanden jeweils aus einem Korb mit grüner Holzwolle; darin lagen Schokoladenhasen, bunte Eier und Schokokugeln in glänzender Folie.
Zwischen den Süßigkeiten standen Filzküken mit gelbem Flaum, einem angeklebten Schnabel und Knopfaugen.
Doch das Besondere war das Osterlamm – ein Kuchen, in einer Lammform gebacken und mit Puderzucker bestäubt.

Nur Elia ging leer aus.
Sie ließen ihn glauben, der Osterhase habe nichts für ihn gebracht.

Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben, und die Tränen wollten nicht mehr aufhören.
Mit tröstenden Worten nahm Emilia ihn schließlich an der Hand.

„Wollen wir mal schauen, ob der Osterhase noch etwas versteckt hat?“
Elia nickte.
Draußen suchte er zwischen Sträuchern und bei den Kaninchenställen, fand aber nichts.
Ihm standen noch immer Tränen in den Augen.
„Schau mal dort bei der alten Kompostgrube“, sagte Emilia.

Die Grube war ringsum von einer niedrigen, grauen Betonmauer eingefasst.
Direkt daneben entdeckte Elia im Gras ein blaues Ei, auf dem ein Osterhase zu sehen war – eines dieser dünnen Abziehbilder, die man im Wasser von der Folie löste und dann aufkleben konnte.
Er hob es auf und hielt es stolz in die Höhe.
Dann fiel er Emilia vor Freude um den Hals.

Gemeinsam gingen sie zurück ins Haus, und Elia hielt das Ei in beiden Händen, umschlossen wie einen Schatz.
Die Erwachsenen lachten.

Jahre später, als er daran zurückdachte, wurde ihm klar, dass sie sich damals einen Spaß erlaubt hatten – und dass Emilia das Ei dort heimlich ins Gras gelegt hatte, damit er es finden konnte.
Doch in diesem Augenblick – mit dem Ei, das er festhielt, und Emilias Hand auf seiner Schulter – war er einfach glücklich.

*****

Elia war schon früh wach und ganz aufgeregt.
Nachdem er sich angezogen hatte, lief er mit den Schuhen zu Emilia.
„Ich kann meine Schnürsenkel nicht binden.“

Emilia half ihm und gab ihm zuletzt einen kleinen weinroten Brustbeutel aus Leder, in den sie ein Pausenbrot gesteckt hatte.
„Im Kindergarten wird es dir gefallen“, meinte sie.
„Dort kannst du mit anderen Kindern spielen.“

Doch als Elia mit Emilia vor der großen Eingangstür des Kindergartens stand, wurde ihm angst und bange.
Die Tür wirkte wie eine Pforte, und davor standen zwei Frauen, die ihm fremd und streng erschienen.
Schwester Bonaventura leitete den Kindergarten; die andere Frau stellte sich als „Tante Adele“ vor.

Schon beim Anblick der Nonne spürte Elia ein leises Unbehagen.
Die schwarz-weiße Tracht, das unbewegte Gesicht – alles an ihr flößte ihm Respekt ein und wirkte einschüchternd.

Als sie näherkamen, blieb Elia stehen.
Mit energischer Miene schüttelte er den Kopf und weigerte sich, weiterzugehen.
Zur Tür führten ein paar Stufen hinauf.
Emilia hielt seine Hand fest, doch Elia zog daran und begann zu schreien.
Aber er konnte sich nicht losreißen, und auch auf den Boden werfen half nichts.

Da kam Tante Adele die Stufen herab, und gemeinsam zerrten sie ihn die Treppe hinauf.
Alles Sträuben und Zetern war vergeblich – am Ende stand er im Flur, schluchzend und mit rotem Gesicht.

Den ganzen Vormittag schmollte er.
Auf keine Aufforderung reagierte er, und alle Versuche, ihn zum Spielen zu bewegen, scheiterten.
Schließlich kam eine andere „Tante“ zu ihm, sprach freundlich mit ihm und brachte Stifte und Papier zum Malen.

Das Gefühl war verflogen, und er zeichnete einen Vogel, wie ihn noch kein anderes Kind dort je gemalt hatte –
nicht nur ein paar unbeholfene Striche, sondern eine naturnahe Abbildung mit den richtigen Proportionen und Farben.
Tante Hetti betrachtete das Bild und sagte:
„Du hast ja richtig Talent. Du wirst bestimmt mal ein Künstler.“

Sie nahm das Blatt, schnitt den Vogel sorgfältig aus und hängte ihn im großen Saal an die Wand.
Dort blieb er – über all die Jahre, die Elia im Kindergarten verbrachte.
Zwischen den gebastelten Scherenschnitten und bunten Zeichnungen der anderen Kinder fiel er auf –
der Vogel, der sich erheben wollte, aber der niemals flog.

*****

Es war ein warmer Sommertag, und die ganze Familie hatte sich zum Sonntagnachmittag eingefunden – die alte Mrs. Benning, ihre Schwester Emilia, Elias Eltern, Onkel Henry und Tante Faye.
Kurz darauf traf noch Stanleys Bruder William ein, der in der Stadt lebte.
Die Erwachsenen saßen vor dem Haus, tranken Kaffee und aßen Kuchen.
Tante Faye unterhielt sich mit Elias Mutter, während die Männer rauchten und über den neuen Wagen sprachen.

Die Kinder spielten im Hof.
Aiden und Julian trugen wie so oft dieselben Polohemden und Hosen; jeder hatte ein fast identisches Dreirad – nur die Farben unterschieden sich.
Lottie und Hannah trugen gleiche Kleidchen und hielten ihre Puppen fest umklammert, als wären sie lebendig.

Da kam Elias Vater auf die Idee, Fotos zu machen.
Er ging ins Haus und holte die Kamera.
Die Kinder sollten sich für die Aufnahmen in einer Gruppe aufstellen.

Elia mit seinen glatten, hellblonden Haaren und den blauen Augen stand in der Mitte, eingerahmt von Aiden und Julian, die auf ihren Dreirädern saßen.
Seine Arme lagen auf ihren Schultern.
Die Mädchen standen außen – Hannah links neben Julian, Lottie ganz rechts.
Mit einer Hand hielt sich Lottie am Dreirad ihres Bruders fest, in der anderen baumelte ein Teddy, die Arme hingen schlaff herab wie bei einem, der an den Füßen aufgehängt wurde.
Beide Mädchen trugen dasselbe Kleidchen: rosafarbenes Röckchen mit weißer Schürze, veilchenblaues Oberteil, darunter eine weiße Bluse mit aufgeplusterten Ärmeln und Rüschen am Saum.

Fotografiert zu werden war den Kindern viel zu langweilig, und so kam die kleine Gruppe einfach nicht zur Ruhe.
Hier wurde geblinzelt und da wurde geschupst.
Doch schließlich schien der Moment gekommen.
Elias Vater drückte im selben Augenblick den Auslöser, als Hannah sich nach vorne beugte und Julian in die Hand biss.

Julian schrie und verzog das Gesicht.
Elias Geschwister schauten herüber, um zu sehen, was da vor sich ging – nur Elia nicht.
Von all dem völlig unbeeindruckt, schweifte sein Blick in die Ferne, als ginge ihn das alles nichts an.
Ganz gleich, woran er gedacht haben mochte – nun war diese Szene für immer auf Film gebannt.

„Los, mach noch ein paar Schnappschüsse von uns“, rief Elias Mutter, die neben Tante Faye stand.
Die beiden fassten sich an die Nasen und versuchten, ihr Kichern zu unterdrücken, während sie sich vielsagende Blicke zuwarfen.
„Ganz zu Diensten, meine Damen“, erwiderte Stanley mit gespielter Ernsthaftigkeit und schoss noch einige Bilder.

Indessen löste sich die Kinderschar auf.
Die Mädchen wandten sich wieder ihren Puppen zu, als wäre nichts gewesen.

Elias Vater rief nach den Jungen.
Aiden und Julian, die noch auf ihren Dreirädern saßen und gerade losfahren wollten, sahen über die Schulter zu ihm zurück.
Elia hingegen war mit seinen Gedanken ganz woanders und ging in die entgegengesetzte Richtung, ohne seinen Vater zu beachten.

Stanley drückte erneut auf den Auslöser.
Ihm schienen die Schnappschüsse auf einmal viel besser zu gefallen.
„Vielleicht mache ich das Fotografieren zu meinem Beruf“, flachste er.


II

Die Bilder der kleinen Rasselbande und die meisten Erinnerungen von damals verflogen mit der Zeit.
Doch manches blieb. Manches ließ sich nicht abschütteln.

Stanley lag an diesem Sonntagmorgen noch im Bett, den Rücken an die Wand gelehnt.
Die Gitarre lag quer über seinen Knien.
Er spielte langsam, die Akkorde klangen vertraut und warm.
Aiden saß neben ihm, auf der anderen Seite Lottie. Die beiden hörten zu, als wäre die Musik nur für sie gemacht.

Elia blinzelte durch den Türspalt und lauschte. Erst von draußen, dann trat er leise ein.
Er setzte sich neben Aiden auf die Bettkante. Einen Moment blieb alles so.

Dann zog Stanley das Bein unter der Decke hervor und schob Elia mit dem Fuß ans Ende des Bettes.
Nicht grob. Aber bestimmt.
Wie etwas, das nicht hierhergehörte.

Aiden hatte die Augen geschlossen.
Lottie sang leise mit.

Ein Stich durchfuhr Elia.
Er sah zu seinem Bruder, suchte Halt, irgendeinen Blick, ein Zeichen.
Doch Aiden bekam davon nichts mit.

*****

Seit Elia in die Schule ging, wirkte er oft abwesend.
Er malte während der Pausen, statt mit seinen Klassenkameraden über den Schulhof zu rennen oder Fußball zu spielen.

Nach der Schule saßen Aiden, Elia und Lottie gemeinsam am Tisch.
Während Lottie eifrig von ihrem Tag erzählte, stellte Emilia das Essen auf den Tisch.
Aiden fiel auf, dass Elia kaum sprach und nur lustlos in seinem Essen herumstocherte.
Er überlegte kurz, fragte aber nicht nach – nicht hier, nicht jetzt.

Nach dem Mittagessen war Aiden auf der Suche nach seinem Bruder.
Er hatte schon überall nachgesehen, sogar auf dem Heuboden, ihrem geheimen Versteck, in dem sie eigentlich nicht spielen durften.
Doch er konnte ihn nicht finden und kehrte ins Haus zurück.
Vielleicht war Elia inzwischen zurückgekommen.

„Ich glaube, er ist vor einer Weile in Richtung Wiese gelaufen“, meinte Emilia, während sie den Abwasch machte.

Aiden machte sich durch die Obsthaine auf den Weg zur angrenzenden Wiese.
Ein Bach floss quer hindurch, schmal, aber schnell genug, um kleine Boote aus Baumrinde darauf schwimmen zu lassen. Elia kniete am Ufer.
Er hatte eine kleine Ritterfigur auf ein Stück Rinde gestellt und sie vorsichtig ins Wasser gesetzt.
Dann sah er zu, wie sie in der Strömung davontrieb, sich in einem kleinen Strudel verfing und drehend wieder befreite.
Der Ritter fiel ins Wasser, und Elia fischte ihn heraus, als Aiden auf ihn zukam.

„Was machst du?“, fragte er.
„Boote.“
Aiden sah das Stück Rinde im Wasser treiben.
„Wenn du ein Boot bauen willst, dann muss es auch wie ein Boot aussehen.“

Er holte sein Taschenmesser hervor, hob ein Stück Holz auf und setzte sich zu Elia ins Gras.
Dann begann er das Holz zu bearbeiten.
Elia beobachtete interessiert, wie das Boot langsam Gestalt annahm.

„Was ist los?“, fragte Aiden beiläufig, während er den Bug schnitzte.
„Du bist in letzter Zeit so still.“
Elia schwieg erst und verfolgte nur die Bewegung des Messers.
Schließlich vertraute er ihm an, was ihn schon lange bedrückte: die Momente, seit sein Vater ihn weggeschoben hat, und er sich verloren vorkam; ein Gefühl, das ihn seither nicht mehr loslassen wollte.

Aiden schnitzte weiter, bis das kleine Boot fertig war.
Dann gab er es Elia.
„Los, lassen wir es zu Wasser!“
Elias Augen glänzten, als er den Ritter hineinstellte und das Boot in den Bach setzte.

Plötzlich wandte sich Aiden an seinen jüngeren Bruder.
„Wir zwei halten zusammen. Egal was kommt.“

Er sah ihn fest an und fügte hinzu:
„Ich lass dich nicht im Stich.“

Elia nickte, und sie liefen ein Stück am Bach entlang, dem kleinen Boot nach.
Für Elia war es ein bewegender Moment, der keiner weiteren Worte bedurfte.
Für ihn gab es nur zwei Brüder am Wasser und ein Boot, das sich in der Strömung hielt – unerschütterlich und unbeeindruckt davon, was hinter der nächsten Biegung lag.

*****

Die Sommerferien hatten begonnen.
Albert, der Nachbarjunge von gegenüber, tauchte immer wieder vor dem Tor der Bennings auf und warf Steine dagegen.
Seit Tagen ging das schon so.
Aiden und Julian wollten sich das nicht länger gefallen lassen.

Doch Albert entkam ihnen jedes Mal, wenn sie versuchten, ihn zu fassen.
Kaum hatte er sich auf seine Straßenseite zurückgezogen, fühlte er sich in Sicherheit und warf mit Schimpfwörtern um sich.

Später, als die Sonne schon warm auf die Mauern fiel, stand die Kellertür offen.
Aiden und Julian schlichen sich nach unten.

Ganz hinten, wo die Einmachgläser sauber geordnet auf dem Regal standen, fanden sie ein paar Gummiringe.
Aiden griff zu, und schon rannten sie wieder nach oben, hinaus in den Hof.

Mrs. Benning hing gerade die Wäsche auf.
„Was habt ihr jetzt wieder vor?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen.

„Nichts“, rief Aiden und stibitzte zwei Wäscheklammern aus dem Klammerbeutel.
„Ihr heckt doch sicher wieder etwas aus.“
Aber da waren sie schon davongerannt, an den Ställen vorbei, bis zu ihrem Versteck hinter dem alten Hühnerstall.

Auf dem Boden lagen zwei schmale Bretter, Nägel und ein Hammer.
Sie legten die Gummiringe und Wäscheklammern dazu.

„Haben wir alles für die Steinschleuder?“, fragte Julian.
„Sicher“, meinte Aiden.

Das Hämmern klang dumpf zwischen den Stallwänden, kaum mehr als ein Klopfen.
Neugierig kam Elia dazu und verfolgte, wie die beiden älteren Jungen die Teile zusammensetzten.

„Zieh Leine!“, sagte Aiden.
Doch Elia war ganz aufgeregt.
„Kann ich nicht zusehen?“, flehte er.
Aiden zuckte mit den Schultern.
„Meinetwegen.“

Als sie fertig waren, spannte Aiden das Gummi seiner Steinschleuder, legte einen kleinen getrockneten Erdklumpen ein und drückte die Enden der Klammern zusammen.
Der Brocken flog gegen die Stallwand und zerfiel zu Staub.

„Treffer!“, rief Aiden.

Julian grinste, nahm seine eigene Steinschleuder und sagte:
„Jetzt ich.“

So ausgerüstet versteckten sie sich im Gebüsch an der Straße.
Es dauerte nicht lange, bis Albert sich wieder blicken ließ. Aiden hob den Finger an die Lippen.
Sie warteten, bis er näherkam.
Zwei wohlgezielte Lehmklumpen trafen ihn unvermittelt.

Albert fuhr herum - da sprangen sie hervor, packten ihn an den Armen und schleppten ihn zu den Kaninchenställen.
Albert schrie und trat um sich, aber sie waren zu zweit und zwängten ihn in einen der leeren Käfige.
Aiden drückte die Tür zu und schob den Riegel vor.

Die Ställe standen in einer Reihe, gestapelte Holzkisten mit Türen aus feinem Maschendraht.
Albert griff durch die Gitteröffnung und zog die Finger gleich wieder zurück.
Für einen Moment gab er keinen Laut von sich. Dann folgten gellende Schreie.

Kurz darauf kam Emilia herbeigeeilt.
Sie brauchte nur einen Blick, um zu erkennen, was geschehen war.

Rasch zog sie den Riegel zurück, öffnete die Tür und half Albert hinaus.
Wo sie sonst nachsichtig war, versuchte sie diesmal streng zu sein.
Ihre Worte klangen ungewohnt ernst, als sie die Jungen zurechtwies.

Später erschien Alberts Vater auf dem Hof.
Man hörte ihn schon, bevor er um die Ecke bog.
Seine Stimme war laut, und er verlangte eine Bestrafung.
Emilia stand ihm gegenüber, die Hände an der Schürze, und ließ ihn ausreden.
Dann sagte sie etwas, leise, aber bestimmt.
Der Mann blickte sie verärgert an, drehte sich um und stampfte wortlos davon.

*****

Elia wünschte sich, er könnte die Zeit und die Erinnerungen festhalten.
Aber er war älter geworden und vieles hatte sich verändert.

Nachdem Stanley die Familie verlassen hatte, wollte Elias Mutter nicht länger im Haus von Mrs. Benning bleiben.
Bald war alles für den Umzug gepackt. Elia und Lottie saßen im Wagen und winkten Großmutter und Emilia zu – und Aiden, der dortbleiben würde.

Das neue Haus lag nur ein paar Straßen weiter.
Trotzdem sahen sich die Kinder im Laufe des Sommers nur noch selten.
Ohne ein bestimmtes Ziel streiften die drei Freunde an einem dieser Tage durch die Gegend.
Aiden und Julian gingen voraus, Elia blieb dicht hinter ihnen.

An der Seite seines Bruders fühlte er sich sicher; für ihn war Aiden so etwas wie ein Beschützer.

Ihr Weg führte sie an den Gleisen entlang.
Hinter dem Bahndamm lag das alte Sägewerk verwaist im Sonnenlicht.
Der hohe Schornstein aus gemauerten Ziegeln warf seinen Schatten wie einen Finger über den Hof.

Es hieß, das Werk sollte bald abgerissen werden.
Doch es stand immer noch da, als wollte es bleiben.

Wenn der Wind durch die leeren Hallen fuhr, klang es fast wie eine Einladung.
Und da lange niemand mehr hier gewesen war, hatten die Jungen es zu ihrem geheimen Refugium gemacht.

Wo früher Bretter zum Trocknen lagen, sauber gestapelt und mit Abstandhaltern voneinander getrennt, standen jetzt Disteln mit violett leuchtenden Blüten.
Zwischen ihnen hatten sich Beifuß und Goldrute angesiedelt und die freien Stellen zurückerobert.

Auf der anderen Seite lagen schwere Baumstämme, als warteten sie immer noch darauf, verarbeitet zu werden.
Die Jungen kletterten auf die Stämme und balancierten über sie, als sei es ein kleiner Wettkampf.

Dann zogen sie weiter zum Kesselraum.
Als hier noch Betrieb gewesen war, hatte das mannshohe Schwungrad im Takt geschlagen: tschack-tschack, tschack-tschack.
Den Lärm der Säge konnte man schon von Weitem hören.

Am Ende einer Schicht stellten die Arbeiter die Maschinen ab, und aus dem Ventil zischte Dampf, wenn der Maschinenführer den Hebel zog.
Jetzt blieb die ganze Anlage sich selbst überlassen.
Nichts rührte sich mehr.

Elia trat an den Heizkessel und legte die Hand auf das Metall.
Die Wärme war längst entwichen, und das Metall fühlte sich kalt und leblos an.

Die Jungen stöberten noch eine Weile zwischen altem Werkzeug herum, ehe sie weiter zur Sägehalle gingen.
Das Tor war nur angelehnt, und während einer nach dem anderen hindurchschlüpfte, kam es Elia vor, als wäre es das letzte Mal.

In der Mitte der Halle stand noch die Sägemaschine mit dem Schiebewagen, auf dem die Baumstämme während des Sägens bewegt wurden.

Es roch angenehm nach Harz und Holz. Gedämpft drang Licht durch die Fenster, und überall lag Sägemehl.
Unter ihren Füßen fühlte es sich weich an, fast lebendig.
Als sie durch die Halle gingen, wirbelte feiner Staub auf und Julian musste ein paarmal niesen.

„Dort hinten liegen noch Bretter und Holzreste“, sagte Aiden und deutete auf ein paar Holzhaufen.
„Die können wir vielleicht zum Bauen gebrauchen“, ergänzte Julian.
„Schau mal“, sagte Elia, „da sind Zahnräder.“
Er trat näher, beugte sich und strich mit der Hand über das rostige Eisen.
„Lass das“, sagte Aiden.
„Wenn sich das bewegt, bist du dran.“
„Tut es ja nicht“, sagte Elia.

Doch dann – ein kleiner Ruck.
Irgendetwas klemmte, löste sich, und das Rad drehte sich ein Stück.
Elia wollte zurückweichen, doch sein Hemd blieb hängen.

„Aiden!“, entfuhr es ihm.

Aiden sprang hin und zog fluchend am Ärmel, während Julian erschrocken und starr danebenstand.
Noch ein Ruck. Dann gab der Stoff nach, und Elia fiel ins Sägemehl.

Sie sahen einander an, atemlos.
Niemand sprach.
Nur das leise Knacken der Holzbalken unterbrach die Stille.

Aiden kniete sich neben seinen Bruder.
„Alles okay?“
Elia nickte, obwohl sein Herz raste.
Aiden half ihm wieder auf die Beine und Elia klopfte die Sägespäne von seiner Kleidung.

„Niemand darf erfahren, dass wir hier waren oder was passiert ist“, sagte Aiden, der wusste, dass sie Ärger bekommen würden.
Elia nickte wieder.
Er sah den Riss im Hemd, fühlte die Stelle am Arm, wo das Metall ihn gestreift hatte.
„Wir schwören’s“, sagte Julian.
„Für immer.“
„Wie macht man einen Schwur?“, wollte Elia wissen.
„Jeder hebt die Hand“, erklärte Julian und hob seine sofort.
Elia tat es ihm gleich, doch Aiden hob seine nur zögerlich.
„Dann legen wir sie übereinander und sagen den Schwur, aber diesmal richtig.“
„Was ist denn richtig?“, fragte Aiden.
„Dass keiner was verrät“, erwiderte Julian.
„Und dass wir aufeinander aufpassen. Mehr ist es nicht.“
„Gut“, stimmte Aiden zu.
„Dann schwören wir’s.“

Für Elia war es fast wie die Erneuerung ihres Versprechens von damals am Bach.
Doch etwas fehlte, das er nicht erklären konnte.
Etwas wie das kleine Boot, das sich in der Strömung hielt.

Die drei Jungen streckten ihre Hände aus und legten sie übereinander.
So standen sie einen Moment schweigend da, mitten in der Halle.
Elia und Julian wiederholten:
„Für immer.“

Für Aiden aber fühlte es sich an wie ein Gewicht, als er leise murmelte:
„Für immer.“

Als sie sich auf den Heimweg machten, schaute Elia sich noch einmal um.
Das Sägewerk lag beinah friedlich da.

Doch keiner hörte, wie der Wind am Tor der Sägehalle rüttelte und wie zum Abschied gegen den Rahmen schlug.
Das Holz, das sie zum Bauen mitnehmen wollten, hatten sie ganz vergessen und niemand ahnte, dass sie nie mehr zum Sägewerk zurückkehren würden.
Nur wenige Tage später begann der Abriss.

*****

Das neue Schuljahr hatte begonnen.
Aiden ging jetzt auf eine andere Schule. Neue Freunde, andere Interessen – die Wege der Brüder trennten sich zusehends.
Und die Gründe reichten tiefer.

Früher, wenn Elia zu Aiden ins Zimmer kam, durfte er sich dessen Abenteuerbücher ausleihen.
Die Bände standen sauber geordnet im Regal, jeder an seinem Platz.
„Wehe, du schmierst was auf die Seiten“, hatte Aiden oft gesagt, wenn er ihm eines überreichte.

Und wenn Elia es fertiggelesen hatte, sprachen sie darüber – und für einen Moment war alles wie früher: unbeschwert und brüderlich verbunden.
Doch seit einiger Zeit traf Elia seinen Bruder nur noch selten an.

Wenn er ihn einmal im Zimmer erwischte und vorsichtig fragte, ob er sich einen neuen Band ausleihen dürfte, zuckte Aiden nur mit den Schultern.
„Später“, sagte er.
Oder: „Den lese ich gerade.“

Doch beim nächsten Besuch stand das Buch noch genau dort, unberührt.
Und oft war Aiden überhaupt nicht da.
Wenn Elia die Treppe nach oben ging, trat Mrs. Benning manchmal in den Flur und sagte:
„Aiden ist nicht da.“
Oder: „Heute passt es nicht so gut.“
Elia nickte dann und drehte um.
Er wusste nicht genau, was „nicht so gut“ bedeutete.

Einmal schlich er sich nach oben.
Als niemand auf sein Klopfen antwortete, öffnete er die Tür.
Die Rollläden waren halb heruntergelassen, das Licht gedämpft.
Alles sah ordentlich aus, fast unberührt.
Die Bücher standen akribisch geordnet an ihrem Platz.
Einen Moment lang dachte Elia daran, einfach eines mitzunehmen.
Aber dann ließ er die Hand sinken.
Aiden würde das nicht gutheißen.

*****

Auf dem Schulweg trödelte Elia herum.
Er wusste, was ihm dort bevorstand – wieder einmal – und er hoffte, der Tag würde einfach nur schnell vorübergehen.

Während des Unterrichts schoss Melvin kleine Papierkügelchen auf Elia.
Als er sich nach hinten umdrehte, grinste ihn Melvin mit unverhohlener Feindseligkeit an.
Elia zuckte zusammen, als hätte er sich verbrannt.

In den Pausen lauerte Melvin ihm auf.
Einmal schnappte er sich seine Schulhefte und riss mehrere Seiten heraus.
Ein anderes Mal kippte er Elias Tee aus und warf sein Pausenbrot auf den Boden.

So ging es einige Wochen und es schnürte Elia die Kehle zu, wenn er vor dem Klassenzimmer ankam und Melvin ihn bereits erwartete.
„Heute bist du fällig!“, zischte er, als Elia an ihm vorbeiging.

Als der Unterricht zu Ende war, verließ Elia hastig die Schule und lief so schnell er konnte nach Hause.
Auf halbem Wege hörte er Schritte hinter sich, die sich schnell näherten.
Melvin war ihm körperlich überlegen und hatte ihn bald eingeholt.

„He, Zeichner!“, rief er.
Melvin packte ihn von hinten an seinem Schulranzen, riss ihn herum und stieß ihn zu Boden.
Dabei schürfte er sich die Handflächen auf.

„Wehr dich doch“, sagte Melvin grinsend, als sei es ein Spiel.
Aber Elia war wie gelähmt vor Angst.

Melvin umkreiste ihn wie seine Beute und trat ein paar Mal gegen Elias Schulranzen.
Aber als Elia sich nicht wehrte, spuckte er ihn an und beschimpfte ihn.

„Oh, kullern die Tränchen!“, spottete er.
Elia weinte aber nicht.

Plötzlich ließ Melvin von ihm ab und machte sich davon.

Elia blieb noch eine Weile sitzen, bis die Hitze in seinen Wangen nachließ.
Beschämt stand er auf und ging langsam zum Haus der Großmutter.

Aiden war im Hof, als er ankam.
„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte er, als er die blutigen Hände sah.

Elia zögerte, doch dann erzählte er es.
Wort für Wort. Ganz leise.
Aiden hörte zu.

In seinem Blick erkannte Elia etwas, das er nicht erwartet hatte.
Nicht Mitgefühl und Trost, sondern Enttäuschung und Geringschätzung.

„Du hättest dich wehren müssen. Warum lässt du dir das gefallen?“, sagte er vorwurfsvoll.
Elia schwieg.
Er verstand nicht, warum sein Bruder nicht anerkannte, wie sehr er sich bemüht hatte, nicht zu weinen.

„Wenn du dich nicht wehrst, passiert es morgen wieder“, sagte Aiden.
Aber es klang nicht wie ein besorgter Bruder.
Es klang so, als hätte er es verdient.


III

Elia stieg aus dem Wagen und betrachtete das Haus.
Alles war vertraut und gleichzeitig seltsam klein geworden: der Hof, auf dem früher jede Woche die Wäsche hing, und die Wirtschaftsgebäude mit der Eingangstür, die immer geklemmt hatte. Damals reichte Elia bis zum Türgriff – jetzt müsste er den Kopf einziehen, um sich nicht zu stoßen.

Lottie öffnete die Haustür und ließ ihn hinein.
Elia stand noch im Flur, als seine Großmutter aus der Küche kam.

Sie nahm ihn in den Arm, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet, und er reichte ihr den Blumenstrauß.

„Alles Gute zum Geburtstag“, sagte er und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

Mrs. Benning war sichtlich gerührt.
Nicht wegen der Blumen, sondern weil sie ihn seit Jahren nicht gesehen hatte.

„Lieber Himmel, wie groß du geworden bist.“
„Komm erst mal in die Küche“, sagte seine Großmutter und nahm seine Hand, als wäre er wieder ein Junge.

In der Küche roch es nach frisch aufgebrühtem Kaffee.
Der Duft erinnerte ihn an den Sonntag, als Emilia mit ihm nach Ostereiern gesucht hatte und er mit einem blauen Ei zurückgekommen war, das sie für ihn versteckt hatte.
Für einen Moment erwartete er fast, wieder die Hand von damals auf seiner Schulter zu spüren.
Er vermisste sie sehr.

Er blickte in die Runde: Die engsten Familienmitglieder waren gekommen, dazu ein paar Bekannte und Verwandte, die Elia nur noch vage kannte.
Die Gespräche verstummten für einen Moment.

„Hallo“, sagte er und schüttelte die Hände der Älteren.
An manche Namen erinnerte er sich nicht mehr.
Doch alle begrüßten ihn herzlich, als wäre er von einer langen Reise zurückgekehrt.

Aiden hielt sich bei Onkel William auf und wandte sich ab, ohne etwas zu sagen.
Er wirkte breiter, härter im Gesicht.
Und die Art, wie er die Schultern ein wenig nach vorne gezogen hatte, kannte Elia nicht von früher.

Jemand fragte Elia nach seiner Arbeit.
Irgendwer lachte über eine Bemerkung.

Stühle wurden gerückt, die Gäste standen auf und begaben sich hinüber ins Esszimmer.

Der Tisch war festlich gedeckt, mit dem guten Porzellan, das sonst in der Vitrine blieb und nur an hohen Feiertagen hervorgeholt wurde.
Elia konnte sich kaum erinnern, dass sie es jemals benutzt hatten.

Schließlich nahmen alle Platz.
Aiden auf der einen Seite, Elia auf der anderen.

Obwohl nur der Tisch zwischen ihnen stand, spürte Elia die Kluft, die sie auseinandertrieb.

Vielleicht war der Abstand über die Jahre nicht gewachsen, sondern einfach stehen geblieben – wie etwas, das keiner mehr bewegt hatte und das irgendwann zu einem Teil des Mobiliars geworden war.
Unveränderlich wie das Esszimmer.

Die gemeinsamen Erlebnisse verbanden sie nicht länger.
Das Versprechen am Bach.
Das kleine geschnitzte Boot mit dem Ritter darin, das die Strömung fortgetragen hatte.

Keiner kannte den Grund oder fand zu dem Punkt zurück, an dem sie sich voneinander entfernten.
Stattdessen verharrte jeder in seinem eigenen Stillleben.

*****

Nachdem Elia sich von seiner Großmutter verabschiedet hatte, traf er Aiden im Flur wieder.
Er machte einen Schritt zur Seite und ließ ihn vorbei.

„Mach’s gut“, sagte Elia, als wollte er nicht auch noch den letzten dünnen Faden zu seinem Bruder reißen lassen.
Aber Aiden reagierte nicht.

Draußen war die Luft kühl.
Elia merkte erst jetzt, dass er den Atem angehalten hatte.

Er ging langsam zum Auto, als müsste er sich erst wieder daran gewöhnen, allein zu sein.
Ohne Erwartungen im Rücken.
Ohne das Gefühl, jemanden enttäuscht zu haben für etwas, das längst nicht mehr zu ändern war.

Und ohne den Schatten eines Bruders, der früher fast alles für ihn gewesen war und heute kein Wort mehr für ihn hatte.

Sein Blick fiel auf den Garten.
Zwischen den Obstbäumen schimmerte das Gras im Abendlicht.
Dort hatten sie einmal gespielt.
Nichts erinnerte mehr daran.
Nur er selbst tat es noch.

Und manchmal, dachte er, muss das reichen.
 
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