„An unsolved mystery is a thorn in the heart“ — Joyce Carol Oates
„Was ist, du wirkst so abwesend?“, ertönt Tonis leicht besorgt klingende Stimme, als er seinen Freund einholt und sich neben ihm positioniert. Es war schon ein paar Minuten her, seitdem sich das letzte Wort zwischen die beiden verirrt hatte.
„Ach nichts ...“ seufzt dieser und schweigt dann wieder für einen Augenblick, während seine Augen die Gehwegplatten zu zählen scheinen, die unter ihnen hinwegziehen. Schließlich hob er seinen Kopf jedoch wieder. „Wie läuft’s eigentlich bei Nina auf der neuen Schule?“
Toni verzog etwas das Gesicht. „Das habe ich dir doch gerade erst vor einer Minute erzählt ... nur weil du damals nie Klassensprecher geworden bist, brauchst du dich jetzt bei meiner Tochter nicht so desinteressiert zu zeigen.“ Er dreht sich zu ihm und beginnt unschuldig zu lachen. — Als hätte er einen Witz erzählt. Sein Freund hatte diesen jedoch verpasst.
„Weißt du, ich frage mich die ganze Zeit, ob da wirklich nichts war ...“, brachte er schließlich nach einer Weile des Schweigens mühsam aus sich heraus. Dann schaute er wieder zu Boden. Toni verschlug es für einen Augenblick die Sprache, dann suchte er nach den Augen seines Freundes, fand diese aber nicht. „Nein, sag mir jetzt, aber bitte bloß nicht, du redest noch immer von ihr. Du musst endlich loslassen, es akzeptieren, weitermachen!“ Tonis Stimme klang vorwurfsvoll; er war vordergründig aber wohl eher besorgt.
Eigentlich hätte er gar nicht zu antworten brauchen, Toni wusste es ohnehin bereits. „Ich kann nicht“, sagte er trotzdem. — Das zu Boden gesenkte Haupt verschluckte dabei jedoch die gesamte Kraft dieser Worte. „Und wenn ich es doch schaffe, sie loszuwerden, kommt sie immer und immer wieder nur ein paar Augenblicke später in meine Gedanken zurück. Ja, manchmal sind’s auch Tage, aber was hilft das schon?“
Toni schaute seinen Freund mitleidig an. Zwar wollte er ihm gerne mit kräftigen Worten helfen, doch ihm fielen keine ein — jedenfalls keine, die er nicht schon einmal genauso gesagt hatte. Immerhin hatte er das alles ja schon oft gehört; hatte erklärt bekommen, warum sich sein Freund so sicher war, dass es funktionieren würde. Berichtet wurde ihm von diesem Lachen und dem Augenkontakt, das beides immerzu
zwischen ihnen gelegen haben soll. Immer wieder hörte er das Geschwärme von der gemeinsamen Zeit, die sie immer sehr genossen hätten. Und auch jedes Mal dieses Wort „Schicksal“, das er vermutete, in der Unwahrscheinlichkeit des schon Geschehenen entdeckt zu haben.
„Und was, glaubst du, ist ihre Perspektive?“, hatte Toni ihn daraufhin einmal gefragt und wurde dafür für einen Moment nur unverständlich angeglotzt. „Wie meinst du das? Woher soll ich das schon wissen?“, kam dann allerdings doch noch eine sinnvolle Antwort. „Klar, forcierte ich ein paar dieser Sachen selbst, sie allerdings ganz sicher auch. Aber wie sollte ich ihre Intention dahinter schon kennen?“ „Genau“, hatte Toni stumpf, fast erleichtert gesagt, „das kannst du nicht!“
Verwirrt hatte ihn sein Freund angeschaut. „Und was soll mir das jetzt sagen — dass ich dumm bin?“ Toni grinste nur, „Ja, wenn du so willst. Du kannst zwar versuchen, so viel wie möglich darüber nachzudenken, was ein gewisses Handeln hier und ein gewisses Wort dort bedeuten mögen — wie wir es ja auch schon oft getan haben. An die Gründe dahinter wirst aber weder du noch ich jemals kommen ... obwohl sie das einzig Wichtige sind.“
„Also soll ich aufgeben? Ist es das, was du mir sagen willst?“ Toni hatte nun wieder nüchtern und fast väterlich herübergeschaut. „So einfach ist das nicht. Ich fürchte, das geht wiederum auch nicht. Du musst schon einschätzen, was andere wollen, dir aber auch im Klaren darüber sein, dass es eben nichts weiter als deine eigene Perspektive ist.“
„Widersprichst du dir nicht gerade selbst?“, fragte ihn sein Freund harsch. Es hatte ihn kurz zum Grübeln gebracht. Schließlich war er
jedoch zu einer Antwort gekommen, die ihn in seiner Weisheit noch immer stolz machte: „Du sollst schon denken, aber nicht glauben, dass du damit wirklich richtig liegst. Sicherheit führt immer dazu, sich zu verrennen. Nur der Zweifler ist davor sicher, enttäuscht zu werden.“
„Warum aber jetzt schon wieder?“, brach Toni dann schließlich doch noch die Stille der Erinnerung. Er hatte es offensichtlich aufgegeben, nach stützenden Worten zu suchen. „Ist etwas Neues geschehen? Du hattest sie doch eigentlich schon recht gut aus deinen Gedanken verdrängt.“ Sein Freund erwiderte dem allerdings erst nur ein träges Nicken. „Ja“, sagte er nach weiterem kurzem Zögern, „wir haben da so ein neues Projekt in der Firma und sie hat mich angeschrieben und um Hilfe gebeten. Das hat natürlich wieder alles Altbekannte in mir losgetreten.“
„Verdammt, ich verstehe“, etwas Besseres schien Toni nun nicht mehr einzufallen. „Und du hast ihr natürlich geantwortet?“ „Ja“, entgegnete er und es war ihm anzusehen, dass er sich dafür schämte, „das war wohl der Fehler.“ Toni schaute ihn überrascht an, „Nein, wieso sollte das ein Fehler sein? Du warst du selbst und hast geholfen. Hättest du nicht geantwortet, dann hättest du dich doch nur für sie verstellt, das wäre ein Fehler gewesen. Aber so zu bleiben, wie du schon immer zu ihr und allen warst, ist kein Fehler, sondern eigentlich einwandfrei korrekt.“
„Ach ja, wieso ist das denn gut? Nur, weil ich mich damals nicht besser an sie angepasst habe, hatte sie doch kein Interesse an mir!“ Es lag eine Verzweiflung in der Stimme, die man sonst nur von kleinen Kindern kannte, denen klar wurde, dass sie ihren Willen nicht bekamen.
„Nein, das ist Quatsch und das weißt du auch!“ Toni schwieg für einen Moment, dann sah er ihm erneut tief und mit ernstem Blick in die
Augen: „Wahre Liebe ist schwer zu vergeigen, das weißt du oder. Es geht nicht darum, dich anzupassen, sondern du selbst zu bleiben.“
„Aber wenn dieses Selbst unattraktiv für sie ist?“ Er schaute Toni mit einem gewissen Ausdruck an, der hervorragende Auskunft über seine seelische Stabilität gab.
„Dann ist das so.“ Toni wusste, dass das fies klang, doch es war die Wahrheit. Und wie sollte sein Freund sie sonst endlich lernen? „Woran es gelegen hat, wirst du ohnehin niemals wissen — vielleicht fand sie dich einfach äußerlich nicht ansprechend genug. Jedenfalls weißt du ja auch nicht, was besser ist: du selbst zu sein oder sich zu verstellen, ist immerhin beides eine Wette. Solltest du dann nicht immer darauf wetten, dass dein wahres Selbst das attraktivere der beiden ist?“
Er schwieg. Vielleicht hat Toni recht, dachte er. Das war sicherlich eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen, doch er hatte leider auch die starke Vermutung, dass sein Herz weiterhin auf den anderen Möglichkeiten herumhacken und dort unermüdlich nach seinen Fehlern suchen würde. Nur eines war klar, die Narbe würde so schnell nicht verschwinden und wahrscheinlich sogar für immer bleiben. Aber es gab Narben, die man bereute, und es gab die solchen, die einen stärker machten. Vielleicht würde diese Narbe eines Tages ja zu den lehrreichen zählen.
„Was ist, du wirkst so abwesend?“, ertönt Tonis leicht besorgt klingende Stimme, als er seinen Freund einholt und sich neben ihm positioniert. Es war schon ein paar Minuten her, seitdem sich das letzte Wort zwischen die beiden verirrt hatte.
„Ach nichts ...“ seufzt dieser und schweigt dann wieder für einen Augenblick, während seine Augen die Gehwegplatten zu zählen scheinen, die unter ihnen hinwegziehen. Schließlich hob er seinen Kopf jedoch wieder. „Wie läuft’s eigentlich bei Nina auf der neuen Schule?“
Toni verzog etwas das Gesicht. „Das habe ich dir doch gerade erst vor einer Minute erzählt ... nur weil du damals nie Klassensprecher geworden bist, brauchst du dich jetzt bei meiner Tochter nicht so desinteressiert zu zeigen.“ Er dreht sich zu ihm und beginnt unschuldig zu lachen. — Als hätte er einen Witz erzählt. Sein Freund hatte diesen jedoch verpasst.
„Weißt du, ich frage mich die ganze Zeit, ob da wirklich nichts war ...“, brachte er schließlich nach einer Weile des Schweigens mühsam aus sich heraus. Dann schaute er wieder zu Boden. Toni verschlug es für einen Augenblick die Sprache, dann suchte er nach den Augen seines Freundes, fand diese aber nicht. „Nein, sag mir jetzt, aber bitte bloß nicht, du redest noch immer von ihr. Du musst endlich loslassen, es akzeptieren, weitermachen!“ Tonis Stimme klang vorwurfsvoll; er war vordergründig aber wohl eher besorgt.
Eigentlich hätte er gar nicht zu antworten brauchen, Toni wusste es ohnehin bereits. „Ich kann nicht“, sagte er trotzdem. — Das zu Boden gesenkte Haupt verschluckte dabei jedoch die gesamte Kraft dieser Worte. „Und wenn ich es doch schaffe, sie loszuwerden, kommt sie immer und immer wieder nur ein paar Augenblicke später in meine Gedanken zurück. Ja, manchmal sind’s auch Tage, aber was hilft das schon?“
Toni schaute seinen Freund mitleidig an. Zwar wollte er ihm gerne mit kräftigen Worten helfen, doch ihm fielen keine ein — jedenfalls keine, die er nicht schon einmal genauso gesagt hatte. Immerhin hatte er das alles ja schon oft gehört; hatte erklärt bekommen, warum sich sein Freund so sicher war, dass es funktionieren würde. Berichtet wurde ihm von diesem Lachen und dem Augenkontakt, das beides immerzu
zwischen ihnen gelegen haben soll. Immer wieder hörte er das Geschwärme von der gemeinsamen Zeit, die sie immer sehr genossen hätten. Und auch jedes Mal dieses Wort „Schicksal“, das er vermutete, in der Unwahrscheinlichkeit des schon Geschehenen entdeckt zu haben.
„Und was, glaubst du, ist ihre Perspektive?“, hatte Toni ihn daraufhin einmal gefragt und wurde dafür für einen Moment nur unverständlich angeglotzt. „Wie meinst du das? Woher soll ich das schon wissen?“, kam dann allerdings doch noch eine sinnvolle Antwort. „Klar, forcierte ich ein paar dieser Sachen selbst, sie allerdings ganz sicher auch. Aber wie sollte ich ihre Intention dahinter schon kennen?“ „Genau“, hatte Toni stumpf, fast erleichtert gesagt, „das kannst du nicht!“
Verwirrt hatte ihn sein Freund angeschaut. „Und was soll mir das jetzt sagen — dass ich dumm bin?“ Toni grinste nur, „Ja, wenn du so willst. Du kannst zwar versuchen, so viel wie möglich darüber nachzudenken, was ein gewisses Handeln hier und ein gewisses Wort dort bedeuten mögen — wie wir es ja auch schon oft getan haben. An die Gründe dahinter wirst aber weder du noch ich jemals kommen ... obwohl sie das einzig Wichtige sind.“
„Also soll ich aufgeben? Ist es das, was du mir sagen willst?“ Toni hatte nun wieder nüchtern und fast väterlich herübergeschaut. „So einfach ist das nicht. Ich fürchte, das geht wiederum auch nicht. Du musst schon einschätzen, was andere wollen, dir aber auch im Klaren darüber sein, dass es eben nichts weiter als deine eigene Perspektive ist.“
„Widersprichst du dir nicht gerade selbst?“, fragte ihn sein Freund harsch. Es hatte ihn kurz zum Grübeln gebracht. Schließlich war er
jedoch zu einer Antwort gekommen, die ihn in seiner Weisheit noch immer stolz machte: „Du sollst schon denken, aber nicht glauben, dass du damit wirklich richtig liegst. Sicherheit führt immer dazu, sich zu verrennen. Nur der Zweifler ist davor sicher, enttäuscht zu werden.“
„Warum aber jetzt schon wieder?“, brach Toni dann schließlich doch noch die Stille der Erinnerung. Er hatte es offensichtlich aufgegeben, nach stützenden Worten zu suchen. „Ist etwas Neues geschehen? Du hattest sie doch eigentlich schon recht gut aus deinen Gedanken verdrängt.“ Sein Freund erwiderte dem allerdings erst nur ein träges Nicken. „Ja“, sagte er nach weiterem kurzem Zögern, „wir haben da so ein neues Projekt in der Firma und sie hat mich angeschrieben und um Hilfe gebeten. Das hat natürlich wieder alles Altbekannte in mir losgetreten.“
„Verdammt, ich verstehe“, etwas Besseres schien Toni nun nicht mehr einzufallen. „Und du hast ihr natürlich geantwortet?“ „Ja“, entgegnete er und es war ihm anzusehen, dass er sich dafür schämte, „das war wohl der Fehler.“ Toni schaute ihn überrascht an, „Nein, wieso sollte das ein Fehler sein? Du warst du selbst und hast geholfen. Hättest du nicht geantwortet, dann hättest du dich doch nur für sie verstellt, das wäre ein Fehler gewesen. Aber so zu bleiben, wie du schon immer zu ihr und allen warst, ist kein Fehler, sondern eigentlich einwandfrei korrekt.“
„Ach ja, wieso ist das denn gut? Nur, weil ich mich damals nicht besser an sie angepasst habe, hatte sie doch kein Interesse an mir!“ Es lag eine Verzweiflung in der Stimme, die man sonst nur von kleinen Kindern kannte, denen klar wurde, dass sie ihren Willen nicht bekamen.
„Nein, das ist Quatsch und das weißt du auch!“ Toni schwieg für einen Moment, dann sah er ihm erneut tief und mit ernstem Blick in die
Augen: „Wahre Liebe ist schwer zu vergeigen, das weißt du oder. Es geht nicht darum, dich anzupassen, sondern du selbst zu bleiben.“
„Aber wenn dieses Selbst unattraktiv für sie ist?“ Er schaute Toni mit einem gewissen Ausdruck an, der hervorragende Auskunft über seine seelische Stabilität gab.
„Dann ist das so.“ Toni wusste, dass das fies klang, doch es war die Wahrheit. Und wie sollte sein Freund sie sonst endlich lernen? „Woran es gelegen hat, wirst du ohnehin niemals wissen — vielleicht fand sie dich einfach äußerlich nicht ansprechend genug. Jedenfalls weißt du ja auch nicht, was besser ist: du selbst zu sein oder sich zu verstellen, ist immerhin beides eine Wette. Solltest du dann nicht immer darauf wetten, dass dein wahres Selbst das attraktivere der beiden ist?“
Er schwieg. Vielleicht hat Toni recht, dachte er. Das war sicherlich eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen, doch er hatte leider auch die starke Vermutung, dass sein Herz weiterhin auf den anderen Möglichkeiten herumhacken und dort unermüdlich nach seinen Fehlern suchen würde. Nur eines war klar, die Narbe würde so schnell nicht verschwinden und wahrscheinlich sogar für immer bleiben. Aber es gab Narben, die man bereute, und es gab die solchen, die einen stärker machten. Vielleicht würde diese Narbe eines Tages ja zu den lehrreichen zählen.