Freude besucht den Königshof (Alter 12)

Cecile Noir

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Freude springt mit Kindern in den Pfützen und schaut gleichzeitig mit den Eltern zu. Sie singt auf langen Fahrten mit und früh am Morgen steht sie auf, voller Hoffnung für den Tag. Später streckt sie sich mit der Katze. Sie feiert, was die meisten für gewöhnlich abtun, aber am stärksten jubelt sie, wenn sie auf Leiden trifft. Weil da auch immer Kraft und Wille sind.
Als sie eines Tages einen reichen Geschäftsmann besucht, trifft sie auf Glück.
«Na, kleines Mädchen, lange nicht gesehen.»
«Es freut mich auch , dich zu treffen. Wie ich sehe, bist du so vergnügt wie eh und je», lügt Freude und schaut zu dem jungen Mann auf, der sich Glück nennt. Er lacht herzlich und meint: «So ähnlich wie wir uns sind, wundert es mich, dass wir uns so selten sehen! Dabei habe ich dich so schrecklich vermisst.»
«Ich finde es auch schade, dass wir uns so selten sehen», sagt Freude diesmal ehrlich.
Da spürt sie, dass sie weitergehen soll.
«Warte», ruft Glück, als er sie verblassen sieht, «Komm doch heute Abend mit mir essen.» Unschlüssig schwankt sie hin und her.
«Heute bin ich am Königshof eingeladen», prahlt Glück, im Glauben, es würde sie überzeugen. Schliesslich ist es die Hoffnung in seinen Augen, die sie überzeugt. Er dankt ihr und wandert weiter, denn wie Freude ist er wechselhaft und nie zu greifen.

Am Abend ist das Schloss voller Glück. Reiche, Siegreiche, Mächtige, Schöne, Adelige, Talentierte und Zufällige speisen an den Tafeln. Sie lachen laut und trinken viel. Da kommt das Mädchen reinspaziert. Sie schaut sich um, da fällt ihr ein alter Mann auf.
«Lange Jahre habe ich im Krieg gedient. Stets habe ich meiner Familie Briefe geschickt und ihr beteuert, ich wäre so kläglich ohne sie. Endlich bin ich mit ihnen vereint. Endlich kann ich munter sein.»
«Warum konntest du es nicht früher sein?»
«Na, ich war fern von meiner Familie!»
«Wollten sie denn nicht, dass du munter bist?”
«Doch.», meinte der alte Mann verwirrt.
«Und wolltest du nicht, dass sie auch munter sind?»
«Doch»
«Dann wären sie doch fröhlicher gewesen, wenn du auch fröhlich gewesen wärst.» «
«Warum sagst du mir das so spät?», klagte der alte Mann.
Glück entdeckt sie und zieht sie davon. Zusammen speisten sie vom besten Essen, umrundet von den jungen und starken Kriegern.
«Ich bin vom Glück gesegnet, das kann ich euch versprechen. In keiner Schlacht werde ich fallen und eines Tages werde ich der grösste Krieger sein, den es je gegeben hat. Ich werde alles haben», spricht ein junger Krieger, voller Inbrunst.
«Auch Freude?», fragt das Mädchen.
«Selbstverständlich. Es ist sogar mein höchstes Ziel.»
«Was sind deine anderen Ziele?»
Der Krieger lacht laut und gibt zu: « So etwa alles.»
«Aber es wird immer etwas geben, was du nicht hast, denn wie die Welt sich immer dreht, so verändert sie sich auch. »
Daraufhin verdreht der junge Krieger die Augen und trinkt weiter. Glück sagt nachdenklich: «Ich bin Glück, und so weiss ich, dass man mich hat, wenn etwas Gutes kommt. Aber noch nie habe ich mich gefragt, wie man dich anlockt.»
«Man lockt mich an, wenn man nichts mehr braucht, wenn man zufrieden ist mit dem, was man hat.»
Der junge Mann schüttelt vehement den Kopf.
«Nein, das ist doch falsch. Wenn etwas Gutes kommt, ist man doch auch fröhlich.»
Sanft meint das Mädchen: «Und man im Moment nach nichts mehr verlangt.»
«Aber ALLE hier haben mehr, als sich die meisten erträumen können. Ich habe sie doch alle so reich beschenkt, sollte ich sie dann nicht auch mit deiner Anwesenheit beglückt haben?»
Da stossen Traurigkeit und Geiz zu ihnen. Leise hält die eine die Hand von Freude und der andere meint: «Wenn du sie doch nur beschenken möchtest, wären sie doch alle glücklicher.»
«Wie sehr müsste ich sie denn beschenken?»
«Hör ihr nicht zu», unterbricht Traurigkeit, «Je mehr du die Leute beschenkst, desto mehr Arbeit haben Geiz und Einsamkeit und ich zu tun. Und von uns dreien ist nur Geiz immer hungrig.»
«Beweist, dass Geiz unrecht hat», verlangt Glück.
Nun nimmt Traurigkeit auch seine Hand und gemeinsam gehen sie zum König. Vergnügt, heisst er Freude willkommen.
Laut verkündet er: «Ich bin der glücklichste Mann in diesem Raum. Seht, sogar Freude ist neben mir.»
Leiser spricht er zornig zu ihr: «Warum besuchst du mich so selten? Warum kommst du heute und nicht schon früher? Ich habe so oft versucht, dich zu finden.»
«Weil man mich nicht haben kann. Ich bin kein Gold, das man in einem Tresor ansammeln kann. Keine Krone, die man stets tragen kann, und kein Schloss, das nie wankt.»
«Dann will ich dich nicht», entscheidet der König und schmeisst sie raus.
Glück folgt ihr, bis vor das Tor, die Nacht schon spät.
«Eines Tages werde ich dich erreichen», verspricht Glück.
«Aber ich bin nicht das Ziel, sondern der Weg», erwidert Freude zu spät, denn er ist längst gegangen, um ihr nachzujagen.
 



 
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