Immermehr

Ava L. Ries

Mitglied
Meine Freundin ist eine ganz besondere Frau. Sie hört den Menschen, die sie umgeben, nicht nur zu, sie hört wahrlich in sie hinein. Sie saugt förmlich jedes Wort in jedem einzelnen Gespräch in sich auf, sodass ich mich immer schon gefragt habe, wie sie das aus- und sich noch dazu alles behält. Wie macht sie das? Wie schafft sie es, nicht daran zu zerbrechen?
Doch dies ist nicht das einzig Außergewöhnliche an ihr. Denn ihre Augen vermögen ebenso beinahe Unwirkliches zu vollbringen. Sie hat diesen einen, diesen ganz besonders durchdringenden Blick, der nicht nur mich in seinem Bann hält. Sie hält jede und jeden fest, umklammert uns ungehalten. Dabei scheint sie stets von dieser anklagenden Aura umgeben zu sein, als hätte sie uns durchschaut; als könnte sie jede und jeden Einzelnen immer gleich durchschauen.
So durchdringend ihr Blick, so aufmerksam ihre kleinen Ohren bleiben ihre Lippen dennoch oft versiegelt. Sie ist eine Frau weniger Worte, besonders anderen gegenüber. Wenn ich genauer darüber nachdenke, habe ich sie nur mit mir offen und frei sprechen hören, als wäre ich die Einzige, der sie alles sagen kann, die sie versteht, ganz gleich, was sie zu sagen hat. Sollte sie dennoch mal mit anderen sprechen, ist ihre Stimme tief und einnehmend. Dann hält sie ihr Gegenüber auch dadurch gebannt und an Ort und Stelle fest, bis sie das sagen, was sie von ihnen verlangt. Ich habe sie schon oft jemanden um Entschuldigung bitten lassen hören, gerade mir gegenüber, so als wäre ihr mein Wohlbefinden ein ganz besonders wichtiges Anliegen. Als wäre ich ihr ganz besonders wichtig.
Ihre Augen und Ohren, ihre Stimme. Wieso scheinen all ihre Sinne so verstärkt zu sein? Das habe ich mich immer mal wieder gefragt, seit ich sie kenne, aber noch nie so direkt wie heute. Noch nie so direkt wie seit dem Tag, an dem sie weggebracht wurde. Seit dem sie hinter dieser dicken Plexiglasscheibe sitzt, die uns versucht, zu trennen.


„Wie geht es dir, Liebste?“, das fragt sie mich fröhlich lächelnd durch das angebundene Telefon, das direkt zurück zu mir führt. Direkt zu meinem Ohr, direkt in mich hinein.


„Gut soweit, aber sag, wie geht es dir denn?“, ich klinge besorgt, weil es stimmt. Ich mache mir gewaltige Sorgen um sie. Wieso sitzt sie hier? Wie konnte es nur so weit kommen? Was ist denn genau zwischen ihnen beiden passiert?


„Ach, bei mir ist alles bestens. Du weißt doch, ich schlage mich immer und überall blendend durch, meine Liebe“, entgegnet sie breit grinsend und ihr Lächeln habe ich noch nie so richtig verstanden, weil darin so viel mehr liegt, als nur Freude. Sie ist nie nur glücklich. Da ist immer mehr. Da muss immer mehr sein, das spüre ich genau. Aber was dieses Mehr ist, dieses Andere, das habe ich noch nicht durchschaut. Da ist sie mir wie immer einen Schritt voraus und ich bin mir sicher, dass sie meine Gefühle schon längst erkannt hat.


„Aber...fühlst du dich nicht unwohl hier drin? Wieso hast du das getan? Ich meine...hast du es getan?“, muss ich einfach wissen, weil es mir seit Tagen den Schlaf raubt; mehr, als das, was mir an diesem Abend passiert ist.


„Liebling, du weißt doch, wie ich bin. Ich bringe schiefe Dinge wieder ins Gleichgewicht; ich hebe die Waage dort an, wo sie es braucht, um sich auszupendeln, wieder ihre Mitte zu finden und zurück zu dir. Und damit gestehe ich nichts!“, sie spricht erst ruhig und dann plötzlich ganz besonders laut, um auch alle anderen im Raum auf ihre Unschuld hinzuweisen. Nur sie kann so rasch ihre Stimmfarbe verändern. Nur sie vermag es, dass es sich nicht unnatürlich anhört. Bei ihr scheint immer alles so natürlich zu sein und deshalb so unnatürlich?


„Das reicht! Die Zeit ist um!“, brüllt plötzlich jemand hinter der Scheibe und ich kann nicht glauben, dass meine Besuchszeit wirklich schon abgelaufen ist. Fürchtet dieser Mann, dass sie mir etwas verraten könnte? Oder ich ihr? Wieso wollen sie uns so schnell wieder trennen?


„Es war wunderschön, dich zu sehen. Bald bin ich wieder bei dir, ich verspreche es dir, meine Schöne“, verabschiedet sich meine langjährige Freundin, ihre Hand fest gegen die Scheibe gepresst, und wird dann von mir weggezerrt mit einer Brutalität, die mich überrascht. Wieso sind sie so gewalttätig zu ihr? Wieso dieser feste Griff und die Handschellen? Behandeln sie jede hier drin so oder nur sie?


Zwei Männer in blauen Uniformen ziehen meine Freundin raus, raus aus dem Raum, aus meiner Sicht und ich frage mich unweigerlich, was sie hinter verschlossenen Türen noch alles mit ihr tun und ob es einen Weg gibt, ihr zu helfen. Kann ich denn etwas für sie tun, so wie sie es immer für mich getan hat?


„Ich komme nächste Woche wieder, Karma!“, rufe ich verzweifelt und laut in der Hoffnung, dass sie mich noch hören kann. Dass sie weiß, dass auch sie sich auf mich verlassen kann. Immer.
 



 
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