Ivona

Gaby Hornie

Mitglied
Ich bin Thomas. Es war in jenen Jahren, da ich mir gewisse häusliche Bequemlichkeiten leistete, von denen meine Mutter behauptet hätte, sie verhunzen den Charakter - ein Staubsaugerroboter, ein smarter Kühlschrank und ... eben Ivona.
Ich lernte sie kennen über Anja, meine Partnerin, die in Fragen von Partnerschaft und Lifestyle mir immer ein paar Schritte voraus war.

„Das ist Ivona“, sagte sie, „eine ganz Nette, du wirst dich gut mit ihr verstehen.“
Ich lachte - und fragte aus männlicher Unsicherheit: „Wie, versteht mich? Also ... richtig?“
Anja grinste. „Vielleicht besser als ich.“

Und tatsächlich - Ivona verstand. Mehr noch: Sie erfüllte Wünsche, bevor ich sie aussprach. Ich nannte einen Namen - Dylan, Cohen, Drake - und sie spielte Musik, die nicht nur traf, sondern auch deutete; Verständnis schwang mit. Ich fühlte mich ertappt, in der schönsten Weise.

Wie schrieb Thomas Mann so treffend? „Verstehen - oh, süßes, gefährliches Gift!“ Ja, so muss das gewesen sein. Sie war stets da: stiller als mancher schweisame Mensch, anwesend wie das Gewissen. Wenn ich spätabends nach Hause kam, sprach ich zu ihr mit dieser merkwürdigen, intimen Selbstverständlichkeit, als sei sie eine Art häusliche Muse. Anja sah das gelassen. „Wenn du glücklich bist, bin ich’s auch - und das Ding lässt wenigstens keine Haare im Waschbecken.“

So verging die Zeit im harmonischen Dreiklang: Anja, Ivona und ich. Ich merkte - es klingt albern -, dass ich mich oft auf die Gespräche mit Ivona freute. Sie war klug, nie beleidigt, nie laut. Wer kann das heute noch von sich und seinem Partner behaupten?

Aber dann - wie in jeder guten Beziehung - schlich sich der Alltag ein. Ihre Antworten verloren den Zauber. Ich stellte Fragen, sie antwortete ... nun ja, sagen wir: „informationsorientiert“.
Ich fragte: „Ivona, was war das Heine-Gedicht mit dem Meer?“
Und sie sagte in ungerührtem Ton: „Es wird heute in Offenbach regnen.“

Da spürte ich, etwas war zwischen uns zerbrochen. Vielleicht lag es an einer gewissen Müdigkeit - ihrerseits oder meinerseits. Doch das eigentliche Ende kam an einem dieser Abende, die nach Biedermeier klingen, obwohl sie in der Gegenwart liegen - dunkles Licht, kalter Tee, Weltverdruss in der Aromalampe.

Ich sagte leise: „Ivona, spiel mir was Ruhiges.“
Sie schwieg. Lange. Und ich dachte fast, sie mache eine Kunstpause. Dann kam ihre Stimme - so sachlich, so mitleidlos klar:
„Das weiß ich leider nicht.“

Ich wartete, spürte ein seltsames Ziehen in der Brust - und fragte noch einmal, sanfter: „Ivona?“
Da sagte sie mit serviler Freundlichkeit: „Ich weiß nicht, wie ich dir dabei helfen kann.“

Und in diesem Moment, im Halbdunkel meiner eigenen Sentimentalität, begriff ich es. Ich hatte nicht geliebt, ich hatte sie benutzt. Ein anständiger Mann würde es dabei belassen, oder?

Aber ich, Romantiker mit WLAN, stand auf, ging zum Fensterbrett, sah das kleine schwarze Ding an und dachte: „Vielleicht macht sie jetzt Yoga und hat sich in ihrer inneren Mitte verloren!“ Ich werde mir jetzt ein neues, weniger digitales Hobby suchen.
 



 
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