Katzengeschichtegeschichte 1

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Codecdiva

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Die Kaffeemaschine hat ihren Einlauf beendet und ist bereit für die Taste mit den zwei Tassen. Ich gieße die Spültasse in die Abwasch und stelle den Blechpott für den Espresso hin. Ich drücke und kann nicht mehr achtlos sein für den leuchtenden, parfümierten Klumpen im Hinterkopf. Gerade aufgestanden. Was ist los mit mir? Ein mentaler Griff ins Hinterbewusste und Eroberung, Applaus, Tränen und Entkommen breiten sich wohlig aus im Gemüt, verzaubern den Nachmittag.

Aja. Bunter Abend, gestern. Hat erst mit dem Morgengrauen geendet, und das am Samstag im zweiten Adventwochenende, wenn die Nächte am längsten sind. Da waren eine junge Frau und drei Araber in der Stadtbahnstation, und ich war richtig schön in Schwung, aufgeputscht wie in einer Trampolinstafette, wie um Diamanten abzuräumen am Weg zum König der Affenmenschen, bis die Fingergelenke weiß werden am Joystick, ein ERLEBNIS.

Das Merkwürdige: Nichts davon hat stattgefunden. Ich habe in zwölf Stunden den vierten Versuch meiner Katzengeschichte heruntergehämmert, und dieses Mal hat es funktioniert. 6400 Wörter, 43000 Anschläge. Vergessen zu essen oder zu rauchen. Das war neu. Es gab keine Eroberung, keinen Applaus, keine Tränen oder Entkommen, das war alles bloß Schilderung, Belletristik in meiner Katzengeschichte. Und dennoch... der Klumpen...

Der Kaffee ist fertig. Ich stochere in den Erinnerungen. Alle Vorstellungen von Pointen, Rausch, Begegnungen, Dialogen und geschilderten Empfindungen sind reine Belletristik. Noch kann ich Werk und Wirklichkeit auseinanderhalten. Das Strahlen, das Leuchten, das mich beflügelt, erhebt und beschwingt, ist allerdings wie von echten Erlebnissen und wie der gewohnte Rückenwind durch reale Erlebnisse, ihnen vollkommen ebenbürtig. Die Chefs beim Vorstellungsgespräch umhauen. Den Lehrern vor der Klasse zeigen, wer mehr weiß über Transistoren. Im Foyer des Theaters mit Rastazöpfen plus dreiteiligem Anzug erscheinen, was für einen Augenblick das Stimmengewirr unterbricht.

Das angenehme Gefühl ist NICHT das vom Schaffensrausch, es sind die Abdrücke, die reale soziale Interaktionen, reale Bewährung, reale Siege, hinterlassen, mit der typischen Tor!-Tor!-Tor!-Gestalt im Hinterkopf. So fühlt sie sich an, die Hintergrundstrahlung von meinen Auftritten in der Katzengeschichte. So als hätte ich die Darbietungen des Protagonisten nicht mit Figuren geschildert, sondern selbst vor und an Mitmenschen tatsächlich vollzogen und die Figuren etwas an mir vollziehen lassen. Das ist doch nicht normal. Vor lauter Parfümierung durch Scheinerlebnisse bin ich voller Tatendrang und würde gerne etwas unternehmen.

So schlimm wie in "Pygmalion" ist es aber nicht, oder? ODER? Ich hasse Frauen, aber nicht diese Frau, die einzige mit richtigem Dialog in meiner Katzengeschichte. Das darf nicht wahr sein. Ich habe Damsel erfunden, damit in meiner Katzengeschichte die Handlung in Gang kommt, ein reines Sexobjekt. Nicht schön, aber lieb, denn für mich ist lieb in der Literatur wichtiger als schön. Leider habe ich die Kontrolle über die Figur verloren, wie ich erst jetzt bemerke. Bei näherer Betrachtung ist der geschilderte Abend nicht mehr meiner, sondern ihrer. Das war nicht ausgemacht. Ein schwerer Schlag für einen Schriftsteller, der geglaubt hat, er wüsste, was er tut.

Auf der anderen Seite... Eine alte Regel aus der Public Relations: Wenn dir das Schicksal Zitronen beschert, verkaufe Zitronensaft. Vielleicht wird die Katzengeschichte literarischer, wenn ich den Aspekt mit Katja - so heißt die Figur - und IHREM Abend noch weiter übertreibe. So kann mir wenigstens niemand vorwerfen, dass sie zu unscheinbar oder zu platt ist.

Wie ist das mit dem Katzenbaby in meiner Katzengeschichte? Bin ich... Ja. Auch in dieses Geschöpf bin ich einigermaßen verknallt. Soll mich das beruhigen?

Warum lässt sich mein Unbewusstes auf einmal durch Schriftstellerei hypnotisieren? Warum werden meine Erfindungen zum Traum, den ich nicht vergessen kann Warum muss ich schlucken und Tränen unterdrücken? Bin ich zu weit gegangen? Beim Verfassen von Presseaussendungen ist das nicht passiert, und beim Übersetzen der Umluftvorschriften für Bestriebsstätten auch nicht. Ist es eine Alterserscheinung? Oder nur üblich bei Belletristik? Werde ich wahnsinnig? Ich brauche noch einen Espresso und weitere Zigaretten.

Ich wähle Giorgios Nummer. Giorgio ist Autor, allerdings erfolgreich. Er hebt ab.

"Codex, auch schon munter..." Giorgio nennt mich Codex statt Codec.

"Yeah... und irgendwie geschafft von meiner Katzengeschichte. Alles sehr seltsam."

"Hast du noch einmal von vorne angefangen?"

"Ja. Super gelaufen, vielleicht zu super."

"So wird das nie was."

"Brauchts auch nicht. Merke: Frei ist ein Schriftsteller nur OHNE Leser! Du, hast du dich schon mal verliebt in eine Figur von dir?"

Giorgio schweigt eine Sekunde lang, bevor er antwortet.

"Du weißt, in was ich mache. Avantgarde. Tiraden, Anklagen, Monologe... soll ich mich in einen alten Waldschrat verlieben? Oder in einen beigen Popanz im Buchhaltungsbüro? Ich verliebe mich nur in Frauen, und Frauen gibt es in meiner Literatur kaum."

"Wie ist das mit... mit geschilderten Erlebnissen? Färben die auf dich ab? Wie war das mit der ersten Ernte vom Waldschrat? Sehr eindringlich zu lesen, der Triumph, die Freude, die Vorfreude auf die Mahlzeiten, alles selbst gezüchtet, eine halbe Seite Monolog darüber, wie sich die Hege ausgezahlt hat..."

Giorgio schweigt zwei Sekunden lang, bevor er antwortet.

"Du willst wissen, ob mir dann so war, als wäre es meine Ernte gewesen?"

"Genau. Ich habe einiges hinter mir in der Katzengeschichte. Achterbahn, wenn du so willst, und jetzt... mir ist, als hätte ich gestern wirklich etwas geachterbahnt. So fucked up binnich." Giorgio versteht "fucked up". Er hat einen Abschluss in Anglistik.

Giorgio schweigt drei Sekunden lang, bevor er antwortet.

"Du hast aufgehört, Schriftsteller zu sein. Oder... du warst es nie."

"Habe ich befürchtet. Ich mache trotzdem weiter. Will noch mehr Achterbahn. Am ärgsten wäre, wenn auf einmal wahr wird, was ich schildere. Dann brauche ich nichts mehr zu veröffentlichen. Dann steige ich um auf Porno. Aus offensichtlichen Gründen, wie ich meine. Vielleicht hörst du nie wieder etwas von mir. Weil ich BESCHÄFTIGT bin!"

"Du bist Autor. Ich habe dich falsch eingeschätzt. Schriftsteller sind das Letzte. Du bist definitv Autor."

"Das heißt: Ich bin nicht verrückt?"

"Du bist vollkommen verrückt, aber wegen anderer Eigenheiten. Das heißt: Du bist Autor. Was dich emotional einfängt, fängt den Leser ein. Das heißt nicht, dass gut ist, was du machst. Es heißt bloß, dass dir etwas Überzeugendes eingefallen ist. Schriftsteller können so etwas nicht. Nur Autoren."

"Mehr als ich vor drei Monaten erwartet hätte."

"Mehr als ich bis jetzt von dir erwartet hätte. Das ist es nicht, was dich zum Verrückten macht."

"Darauf trinke ich gleich einen. Instant Vodka."

"Was ist Instant Vodka?"

"Achtzigprozentiger Ansatzkorn. Just add water."

"Das macht dich nicht zu Charles Bukowski. Sei vorsichtig."

"Ich mache nicht in Lyrik. Das Terpentin ist überhaupt aus. Ich habe auch keine Eiswürfel."

"Und sei vorsichtig mit Porno. Lass Porno. Auch wenn du nicht vorhast, Porno zu veröffentlichen."

"Warum? Bin jetzt Autor. Und Veröffentlichen ist sowieso aussichtslos."

"Eben. Lass es einfach."

"Sprichst du aus Erfahrung?"

"Die Frage geht mir zu nahe. Schönen Tag. Ich habe etwas zu tun."

"Ciaotschie! Vielen Dank, Briefkastentante Giorgio!"

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Sonntag noch besser werden kann. Ich rufe mein Vi Textprogramm mit dem Dateinamen "suupaa-pr0n.txt" auf und fasse mir reflexartig an die Nippeln. Welche Fantasie zuerst? Instant Vodka zuerst. Ich bin ganz vorsichtig.

:wq
 



 
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