Lauter letzte Worte

Nur zu bekannt ist Goethes „Mehr Licht!“ Ist die Nachwelt nicht geblendet vom Verlangen des Dichters nach Glanz noch in der letzten Stunde? Womöglich hat er es aber gar nicht gesagt.

Anatole France soll sich abschließend so geäußert haben: Endlich werde er erfahren, was dahinterstecke, wahrscheinlich gar nichts. Da hielt sich einer, immer noch klug, alle Hintertüren offen.

Streitlustig wie je zeigte sich, nach dem Bericht seiner Freundin Helene Kann, Karl Kraus auf dem Sterbebett. Als sie seinen Arzt in Schutz nahm („Ach Karl, dem tust du doch auch Unrecht.“), stellte er ein letztes Mal und sein Leben zusammenfassend richtig: „Wem hätte ich denn jemals Unrecht getan?“

Alfred Polgar schildert einen Sterbenden, der auf die Frage: „Wie geht’s?“ in nur zwei Worten noch unendlich viel auszudrücken verstand: „Immer besser.“

Ganz anders gelagert der Fall, den Tucholsky überliefert. Ein früheres Staatsoberhaupt Spaniens fragte seine Ärzte: „Sagen Sie, wie hieß jenes Land, dessen Präsident ich war?“

Als meine Großmutter im Jahr 59 ihrer Ehe ihren Mann im Krankenhaus ein letztes Mal sah, beteuerte er: „Ich danke dir für alles, was du mir gewesen bist.“ Wie ich Oma kannte, war das vielleicht nur eine trostreiche Autosuggestion. Aber wie ich mich wiederum an Opa erinnere, konnte er es damals tatsächlich gesagt haben. Er war der Mann dafür.
 

Anders Tell

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Hallo Arno,
ich überlege gerade, was ich als Letztes sagen könnte.
Zu Goethe fällt mir ein, dass ein Gedächtnisforscher behauptet hat, dass man sich geschichtliche Daten besser merken könne, wenn man sie mit einer Geschichte verbindet. 1832 würde das Zündholz erfunden. Einprägsamer noch: Ein Satiriker sagte, dass Goethe Sachse war und seine letzten Worte wären gewesen: Mir licht nich mehr am Lebbe.

Das ist tatsächlich ein Datum, das ich mir gut gemerkt habe. Alle anderen habe ich noch nicht mit einer Geschichte verbinden können.

Mit Gruß
Anders
 
ich überlege gerade, was ich als Letztes sagen könnte.
Dunkel erinnere ich mich an einen Text, in dem genau das der Clou war. Der Held (ein Schriftsteller?) hatte sich für diesen Zeitpunkt etwas besonders Gescheites ausgedacht, auf Nachwirkung bedacht. Dann aber wurde es ihm vermasselt, d.h. der Ablauf gestört, so dass dem Todgeweihten bloß ein wenig druckfähiger Fluch entfuhr.

Goethe - ob Südhesse oder Sachse, das nimmt sich nicht viel. Er kommt zwar aus Frankfurt, hat aber die längste Zeit im sächsischen Sprachraum gelebt. Gesprochen wird jeweils ein mitteldeutscher Dialekt. Ich las mal einen Text, in dem den ihm anhaftenden Spuren seiner rheinfränkischen heimischen Mundart nachgespürt wurde. Mir noch im Gedächtnis: Es reimt sich auf neige fatalerweise das Wort reiche, genauer: Ach, neige / du Schmerzenreiche ... (Sprich neische und schmerzensreische; so klingt das auch da, wo ich aufgewachsen bin.) Seine Einstellung zum Hochdeutschen war nicht frei von Ressentiments. Ich glaube, seine Kritik an der Dominanz des "Meißnerischen" findet sich in "Dichtung und Wahrheit".
 

Anders Tell

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Der Kabarettist Herbert Feuerstein hat seine eigene Begräbnisrede auf Video aufgenommen. Ob dieses auch der Trauergemeinde vorgespielt wurde, weiß ich nicht. Die Idee ist überzeugend. Was hätte ich nicht alles Gutes über mich zu sagen.
 
Diese barocke Idee ist gar nicht mal so neu. Ich hörte schon in den späten 80er Jahren vom Plan eines mir gut Bekannten, sich die Leichenfeierrede selbst zu schreiben. Sie sollte dann auf einer von ihm besprochenen Kassette abgespielt werden. Soweit mir bekannt, lebt der Mann immer noch. Er kann die Rede also bei Bedarf immer wieder umschreiben. In seinem Fall war das Motiv Furcht vor Fehlinterpretation seiner Leistungen. (Er war auch in der Politik.)
 
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